und Ewigkeit -- Freund, wir wissen nicht, ob es beschlossen ist -- aber
bewahren wir uns: unsterbliche Güte!
* * * * *
Eigentlich hätte dieses Buch für dich schließen sollen, in dem
Augenblick, »wo Chronik und Gegenwart sich berühren«. Bis dahin, sagtest
du ja, solle ich es dir führen. Meine Reise wolltest du sehen, deutlich
sehen, ach, meine Festlandsreise!
Aber: wir sind dann abgestoßen zusammen. Und: wir sind jetzt auf hoher
See. Wer kann da sagen: Halt! Es fährt, nicht ich und du.
Wir, wir stehen beide auf der Brücke, fassen uns an den bebenden Händen
und blicken hinaus, mit den seligen, treugläubigen Blicken, die nur die
Märtyrer haben und die -- Entdecker.
Halten werde ich, bis das Land, das ganze Eiland vor uns liegt, das wir
beide dort drüben wissen, weil wir mit dem Glauben daran geboren wurden.
Halten werde ich, bis wir anlegen an jener Küste, die wir schon ahnten, da
nichts sie uns bestätigte, da wir schier unüberklimmbare Gebirge um
uns fühlten, da es sich türmte mit hundertfachen Wällen und wir uns
rettungslos eingeschlossen glaubten, tief, tief drinnen im Binnenland.
* * * * *
Ich schaudere beinahe, wie diese Blätter sich häufen, sich aufstapeln.
Wie wieder eins und wieder eins, über das diese meine geheimnisvoll
geschobene Hand dahinfuhr und es füllte mit Zeichen, Zeichen, zu Boden
gleitet, und wie wieder ein neues weißes Blatt vor mir liegt, sich
wieder füllend mit diesen seltsamen Zeichen, gespensterhaft, mir selbst
unheimlich, und dahingleitet zu den anderen, hinab, mir zu Füßen, --
weil die Blätter zu fassen und wegzulegen keine Zeit ist! Und wie sie da
rascheln, wenn der Fuß sie berührt! Ich lasse sie gleiten, ich lasse sie
stürzen, ich lasse sie rascheln. Und sie wachsen, wachsen, sie türmen
sich, sie häufen sich, -- ein Opferstoß!
Wer ist in mir, _wer ist in mir_, daß es also über mich kommt, zu --
opfern?
»Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die Melodie.« -- -- --
An ein Wort Lenaus muß ich denken, aus jenen seinen geliebten Briefen an
Sophie: »Genie, wer hat es? Kann es das Weib haben? Törichte Frage. Mann
und Weib haben es zusammen.«
* * * * *
»Freude,« sagtest du, »hohe Freude kommt mir von dir! Jeder Blick
auf dich, Freude. Die Worte von deinen geliebten Lippen, Freude. Jede
Berührung mit diesem deinem Körper und dieser deiner Seele, eine einzige
Freude. Ich habe keinen Augenblick noch neben dir verlebt, ohne diese
Freude in mir zu fühlen.«
»Also eine Art Freuden-Frowelin?« sagte ich.
»Pfui doch!« und du klopftest mich böse.
»Nein du, du brauchst nicht böse zu sein,« sagte ich, da ich meine
Schläge weg hatte, »es ist was dran: ich hatte immer das Gefühl,
daß, wie soll ich sagen, hinter diesem häßlichen Schandwort
›Freudenmädchen‹ ein wunderbarer, transzendenter Gedanke verborgen
sei: das Weib als einziger Freudenborn des Mannes, aus dem er sich Ekstase
antrinkt, um seiner ihm aufgetragenen _Melodie_ mächtig zu werden.«
»Und das Weib? Ist ihm keine Melodie aufgetragen? Besonders wenn es mit
einer Singvogelkehle zur Welt kam?«
»Freilich. Darum müssen sie einander gegenseitig die Freudespendenden
sein, soll ein edles Konzert zustande kommen. Man müßte sie erziehen zur
Freude.«
»Erziehen?« Du sahst mich an mit diesem deinem tiefen deutschen Blick.
»Erziehen zur Freude? Nein, Maja, das kann man nicht. Der schöne, das
ist der freudige Mensch, wird geboren. Glaube mir, Maja, hier liegt's. Aber
_daß_ er schön geboren werde und daß der also Geborene dauern könne,
-- das ist die Frage: die Frage der Gelehrten, der Künstler und der
Gesetzgeber.«
* * * * *
Zarathustra spricht: »Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich
einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in
ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten
muß das Höchste zu seiner Höhe kommen!«
So aus dem Tiefsten zum Höchsten lieben die Eingeborenen der Liebe, die
echten ~Grands Amoureux~.
* * * * *
Mann und Weib -- ungeheuere, unerschöpfliche Gütespender für einander!
Einander »zugewiesen«, um ihr Pfund an einander zu verdoppeln, zu
verhundertfachen, mit Wucher auszubeuten, unerschöpfbar sich auseinander
zu speisen! Und um die gesuchte _eigene_ Melodie einer aus dem andern
klingen zu hören, während dieser Ernte, in all der holden Üppigkeit.
Nur wenn diese Ernte sich einstellt, wenn es wuchert, das Pfund, wenn es
sich verdoppelt, verhundertfacht und wenn es fröhlich klingt dabei, --
horch: Erntemotiv! -- dann »stimmt's«.
* * * * *
Laune, Laune, Menschenlaune, Wundervollbringerin! Menschenlaune, die sich
über Dinge ergießt, horcht ihnen ihre Geheimnisse ab.
Wenn sich Bekannte nach dem Fortgange meiner Gesangsstudien erkundigten,
pflegte meine Mutter zu erwidern: »Ja, wenn sie bei _Laune_ ist!«
Und ich dachte mir immer: Könnte ich sie nur einmal durchhalten, diese
wunderbare, göttliche Laune, die irgend etwas, mir selbst Unbegreifliches
über mich herabschüttelte und -rüttelte, wie das Bäumlein im
Aschenputtelmärchen. Aber immer kamen die »Störer«, und aus war's mit
dem Segen.
Dauerlaune! Dauerekstase! Ein voller Gesang, ein richtiges Menschenlied,
in dem es lacht und weint, wie wir Menschlein eben tun, soll mir vom Baum
fallen! Daß ihr mich nicht stört bei dem Hokuspokus!
Bin hingelaufen zum verwunschenen Bäumlein, ein trauriges Puttel bin ich
zum Bäumlein der göttlichen Laune gelaufen und halte mich da versteckt
vor euch, bis ich alles heruntergeholt habe.
»Bäumlein rüttle und schüttle dich,
Wirf Gold und Silber über mich!«
Und das traurige Puttel kommt als Prinzessin wieder, paßt nur auf, als
ganz waschechte Prinzessin, -- ihr werdet es gar nicht wiedererkennen.
* * * * *
Ich habe in meinem Leben viel über die »Menna« geweint. Ja, ja, wie ich
sie hasse! »Die Menna muaß ma kenna, die Menna, die san schlecht, so sagt
die Mahm und nacha schimpft's af die Menna recht!« Ja, ja, wie ich sie
hasse. Aber fast noch mehr habe ich über sie, durch sie, »mit sie« --
gelacht. Und das stimmte mich immer wieder -- versöhnlich.
Überhaupt: was habe ich nicht gelacht in diesem Leben -- über dieses
Leben! Mich ausgeschüttet vor Lachen über diese Pantomime. Selbst wenn
ich selbst darin am wildesten zappelte und tanzte. Ich stand immer noch,
außerdem, irgendwie über oder _neben_ der Szene, in der ich agierte.
Neben der Szene, in den Kulissen des Theaters stand eine zweite Person,
die der »Heldin« darin aufs Haar ähnlich sah, -- und wollte sich
ausschütten. Oft an den verhängnisvollsten »Peripethien« des Dramas
wollte jene sich darüber erheitern -- oder sich gelassen darein ergeben.
Mein starker, tapferer, unzerbrechlicher _Wille_ war es, der mich aus
Schutt und Flammen immer wieder herausrettete. Mein Wille zu mir. Mir
selbst unbewußt -- als Wille! Sich kündend wie eine gewaltige, starke,
schiebende Hand. Ein Wollenmüssen war es mehr, denn ein Wollenwollen. Ihm,
diesem Willen zu mir, danke ich -- mich. Er auch führte mich weiter, ja
über mich selbst hinaus, ein gut Stück.
Dank dir, mein Wille! Mein strahlender, diamantharter, strenger, schöner
Wille!
* * * * *
Mein Wille zu mir. Er hat nichts gemein, dieser mein Wille zu mir, mit
jener Ichsucht, die den von ihr Befallenen in sich hinein bannt, ihn vom
Objekte trennt. Jener Wille ist, so denke ich, der Wille zur Bewußtheit.
Zur Deutlichkeit! Deutlichkeit meines Selbst, in allen seinen Elementen,
ist sein Ziel. Selbstbewußtsein also, Selbstgefühl, wenn man will. Der
Wille ist es, meiner wahren Gestalt auf die Spur zu kommen und diese meine
Gestalt nicht zu verlieren an der Welt! Selbstgefühl, wenn man will. Ja,
man heiße es meinetwegen Egoismus. Ich behaupte: nur Egoisten (in diesem
Sinne), nur Menschen von dieser Art Selbstgefühl können lieben. Denn
Liebe bedeutet Hingabe. Aber nur wer ein deutliches, bewußtes Selbst
_hat_, vermag es hinzugeben. Nur der vermag auch abzuschätzen, was
er empfängt. Die Lauen, die Dämmrigen, -- man hänge ihnen einen
Purpurmantel um die Schultern und sie werden nur bemerken, daß da etwas
ist, was wärmt. Sie werden sich _behaglich_ einrichten -- im Purpurmantel!
Und sie werden von Liebe zu sprechen wagen, wenn sie ein bißchen Gekribbel
empfinden in den dicken Nervensträngen, ein bißchen Rührung vielleicht
in der Kehle oder ein bißchen Erhitzung im lauen Blut. Verhaßt sind mir
die Laublütigen, die Purpurmäntel benutzen, wie Schafpelze, die von Liebe
sprechen, wenn's behaglich wird, von Hingabe, wenn sie Liebe über sich --
ergehen lassen.
Nur die Egoisten, in diesem meinem Sinne, sind fähig, um der Liebe willen
sich hinzugeben.
* * * * *
»Johannes, -- wenn _du_ mich enttäuschest, singe ich keinen Ton mehr«,
sagte ich gestern.
»So.«
»Johannes, -- ich habe Beweise, daß du mich nicht liebst.«
»Ei was! Wie hast du denn das so schnell gemerkt?«
»Das kam so. Ich schaute gestern nach dir aus, von meinem Balkon, gegen
Westen, wo du ja wohnst, du feiner Herr. Es war gegen Mitternacht.«
»Da hast du mich doch wohl nicht erwartet, Maja, Maja!«
»Das nicht. Aber dein Antlitz hätte ich in der -- Luft finden müssen,
wenn du mich wahrhaft liebtest!«
»Ei, das ist wahr! Ich sehe, ich bin erkannt. Aber behalte mich trotzdem
noch ein Weilchen, ja?«
»Johannes -- ich hab' da was.«
»Was denn? -- Der Tausend! Laß sehn! Ein Gedicht? ein Gedicht! Ja
wahrhaftig -- ein Gedicht -- ein Lied. -- -- --
Du liebst mich nicht,
Da solang mir fernzubleiben dir gelingt.
Du liebst mich nicht!
Du liebst mich nicht,
Da meiner Sehnsucht stummes Rufen
Nicht bis zu dir in jeder Stunde dringt!
Du liebst mich nicht!
Du liebst mich nicht,
Da meinem Blick du nicht begegnet,
Wenn über _Meilen_ er zu dir gesandt,
Du liebst mich nicht,
Da ich mein Antlitz hin nach West gewandt
Und in der _Luft_ das deine nicht erkannt!
Du liebst mich nicht!
Du liebst --
Was hör' ich an der Tür,
Wer pocht, als wollt' er sprengen,
Was ihm verstellt den Weg zu mir?
Weit fliegt sie auf, da stehst du, bleich und rot.
Du liebst mich nicht! sprach's dieser Mund, der sich dem deinen,
Du liebst mich nicht? -- auf Tod und Leben bot!
»Du -- wo hast du diesen Ton her, diesen einfältigen Ton?«
Ja, das weiß Gott allein!
Und dann, -- dann setzest du dich ans Klavier. Ein paar Griffe, ein
weniges, kurzes Tasten und Suchen, -- und eine Melodie war da. Kindische
Jubelrufe stiegen aus dem Klavier auf. Und ich, -- ich sang ganz keck in
die werdende Komposition hinein und schmetterte es aus dem offenen Fenster
über alle Dächer: »Du liebst mich nicht -- du liebst mich nicht!«
Als wir einander dann in die Arme fielen, sagtest du in dieser deiner
ernsthaften und doch lachenden Art, die ich vergöttere: »Dieses unser
Lied ›Du liebst mich nicht‹ wird ein Volkslied werden, kleine Maja!«
* * * * *
Was mir so lieb ist an dir, ist -- ist auch, denn was ist mir nicht lieb
an dir? -- daß dir die ironische Note so vollkommen fehlt. Du lieber,
ernsthafter Deutscher. Ernst bist du, durchaus. Alles ist ernst an dir.
Aber nicht bitterer, -- süßer Ernst! Sonnig ernsthaft bist du. Ironie und
alles, was ihres Wesens ist, -- Hohn, Witz, -- ist dir fern. Und das ist
gut für mich. Denn es macht mich mir deutlich. Und hast doch ein so gutes
Lachen: Humor.
Dimitri hatte so gar keinen Humor. Humor ist gute Sonne, die wohlwill, da
sie lacht. Dimitri hatte keinen Humor. Sarkasmus hatte er. Und er konnte
»ausgelassen« sein. Von tobender »Lustigkeit«. Er verschonte dann
niemanden mit dieser Stimmung, in welchen Kreis immer er auch geraten
mochte, und verlangte, man solle »mitvibrieren«. Diese -- Lustigkeit
ergoß sich in einer Flut von »Späßen«, die wie Distelköpfe auf die
Leute geschleudert wurden. Aber anstatt »mitzuvibrieren«, wurden die
Leute immer einsilbiger, eisiger, ablehnender. Bis Dimitri das plötzlich
bemerkte und seine Lustigkeit mit einem Ruck stoppte.
Ich muß an ein Wort denken, das ein Freund Dimitris, ein Knabe von
achtzehn Jahren, ein Jüngelchen von dürftigem Körper, aber mit den Augen
Wolfgang Goethes, -- auch ein Ernsthafter, aber ein ernsthafter Jude, --
gesagt hat: »Nicht über die Unordnung lachen, der Ordnung zulachen!«
Ja, der Ordnung lachst du zu, Johannes!
Wenn ich manchmal mit Gott Zwiesprach hielt und ihm meine Wünsche vortrug
(was vorzukommen pflegt!), so bat ich früher immer hübsch detailliert.
Ich wünschte mir das und das und das. Gott, -- ich will een Ding haben, --
wat forn Ding, min Herzenskind, -- Ding, Ding, Ding. Wilscht vielleicht een
Püppche ha'n, nee, Gott, -- nee -- -- --
Dann kam eine Zeit, da wußte ich nichts zu bitten. Da wußte ich nur zu
blicken. Und der Blick bat Gott, seinerseits einen Blick in mich zu tun und
mich zu durchblicken. Ich hatte auch Angst schließlich vor dem Wünschen.
Wünsche pflegen in Erfüllung zu gehen! Das eben ist ja die Wirkung des
Gebets: das Gebet ist der _Wille_, der sich sammelt und zusammenrafft.
Drum Vorsicht mit dem Wünschen. Denk an die Frau, die sich mit ihren
begierlichen Wünschen die Wurst an die Nase wünschte, du Wunschmaid, Maja
Hertz!
Ach, was hat man zu tun, sich so eine Wurst wieder von der Nase zu
wünschen! Die Normalnase wird dann für eine Zeit zum wahren Idol.
Schließlich bekam ich heraus, was zu wünschen sei: frohe _Gefühle_. Oder
sagen wir, gute Gefühle. Meine Gebetformel lautete dann: lieber Gott, gib
mir gute Gefühle und womöglich Grund dazu. Läßt sich aber der Grund gar
zu schwer aufbringen, dann laß ihn meinetwegen fort! (Ich ließ mit mir
handeln in diesem Punkt.) Nur die Gefühle sollen da sein! Besser die
frohen Gefühle ohne besondern Grund als haufenweise Grund, glücklich zu
sein, und stumpfe Bewußtlosigkeit für sein Glück. Gefühle sind alles!
Gottes Segen sind gute Gefühle. Hätte ich jemanden zu segnen, ich würde
ihm sagen, Gott gebe dir alles Gute und das Bewußtsein hierfür. Fluch:
Gott gebe dir alles Böse und das Bewußtsein hierfür. Das Bewußtsein
macht erst Glück und Unglück. Und aus dem Gefühle kommt es! Aus dem
Herzen speist sich der Gedanke, aus dem Herzen die _Stimmung_, _Stimme_.
»Seele ist Stimmung«, klang es um Sokrates an seinem Sterbetag. Aus dem
Herzen kommt sie, und im Blute reist sie von da zum Gehirn, bevor sie als
Überschuß an Lebenskraft schmetternd der Kehle entströmt.
Gute Gefühle.
* * * * *
Ich bin ein froher Vogel von Natur. Du weißt, Johannes, wie ich bade im
Glück, wie die Vögel im Äther. Und wie ich dankbar und andächtig das
Lied hinausschmettere aus der übervollen Seele. Aber selbst der gelassene
Sokrates räumt ein, daß kein Vogel singen kann, wenn ihn hungert oder
friert, oder ihm sonst etwas fehlt. Nicht die jubilierende Lerche, die doch
sicher eine frohe Seele hat, nicht die Nachtigall, noch der Wiedehopf,
von dem die Menschen lügen, er sänge aus Leid, während er, auch in
Todesnähe, singt aus erhabenen, seligen Gefühlen, weil er, »wie alle,
die dem Apollo angehören, wahrsagerisch« (!) Gutes ahnt.
Dunkle Fäuste aber hielten mich manchmal in meinem Leben umklammert. Und
das war schlimm für einen Vogel wie mich.
Mich ihnen zu entwinden, verbrauchte ich alle meine Kraft, mühsam diese
zerschmetterte, zerrissene Kraft sammelnd zu dem Werke der Rettung. Ein
Überschuß blieb da nicht! Verbraucht wurde, was da war, zum bloßen
Weiterfristen, zum Herausheben, Herauslösen aus dieser dunkeln, dräuenden
Enge.
Verrat stieß mich in Verödung. Ich fror, fror entsetzlich. Rette dich,
trotz dieser Erstarrung. Dann Not, die mir drohte, mich aus dem Wagen, in
dem ich meinen Zielen zufuhr, immer wieder herauszuschleudern, daß ich
unter die Räder käme. Gefangenschaft, Frost, Hunger, -- die schlimmsten
Dinge, die so ein Vogel mitmachen kann.
Von diesen Dingen allen ist mir etwas zurückgeblieben: Angstgefühle,
die in einer Ecke des Herzens sitzen und herausschleichen, zu Zeiten,
zu Zeiten. Das preßt und drückt und zieht und krampft zusammen. Das
schleicht in die Adern. Das wandelt sich da in lauter Gift und jagt und
erjagt die Seele und schlägt sie nieder und versenkt sie in Ohnmacht. Wie
tot liegt sie dann da. Wie ohne Seele muß ich weiterschleichen, ein Stück
Weges.
Sonderbare Krankheit das: an Gefühlen leiden. Ein »Angstherz« haben, wie
andere ein Fettherz. Und wie andere sagen: »Ich bin bei Stimmung«, muß
ich, in den glücklichen, gesegneten Zeiten, wo diese Angstgefühle nicht
herausgetrieben werden von den Peitschen des Schicksals (nur dann regen sie
sich), sagen: »Ich bin bei Seele.«
Gute Gefühle, Gott!
* * * * *
Das Schlimmste, das waren diese Frostgefühle. Wie es über mich kroch,
kalt, kalt. Wie Schauer des Todes jagte es mir über den Rücken. Und drang
ein, brennend, stechend, wie Eisnadeln im Schneesturm. Und Vereisung rings
um mich her und fahle Öde. Und dann stieg es in mir auf, todeskalt, wie
von den Füßen herauf, immer näher zum Herzen, nahe, nahe zum Herzen.
Und das Herz -- wie ein einziger brennender Punkt in dieser Vereisung, ein
deutliches _anderes_, wie das Schwarze in der Scheibe, das auf die Kugel
wartet.
Nur die Kugel, die Kugel da hinein, das war die Sehnsucht.
Eisige Verödung -- jüngster Tag. Und das Schaurigste: Leben um mich herum
und nur ich -- wie ausgeschaltet aus der Kette des Lebens.
Ohne »Sinn« mein Sein. Ohne den Sinn, an den ich geglaubt hatte, als an
das schiebende, logische Prinzip, das die Dinge in sich tragen und das sie
zu ihrer »Bestimmung« schiebt.
Frost -- Todesöde.
* * * * *
Verödung, Vereisung.
Nicht, daß man noch liebt, daß man _nicht_ mehr liebt ist das Vereisende.
Und wo _ist_ der, den man liebte, wo, wo? Wo ist er denn hin? Hat ihn
die Erde verschlungen? Denn der da, den man _nicht_ liebt, eher haßt,
verabscheut, ist denn das der, den man liebte? Wo ist er hin?
Und wo ist das, was ihm hingab all die warme Lebensfreude? Fort. Aus den
Adern genommen und nichts kam dafür wieder. Leer, verblutet, verödet.
Alle Kraft, Lebenskraft aber kommt aus dieser flutenden Lebenswärme, die
von Mensch zu Mensch strömt. Wird sie zu Unrecht vergeben und nichts kommt
dafür wieder, dann nimmt sie die Kraft mit sich.
Ibsen hat die wandelnde Liebesleiche auf die Bretter gebracht, in »Wenn
wir Toten erwachen«.
Vermessen wird an Schicksale gerührt. Und nicht aus Tücke, Schlechtigkeit
werden Schicksale zerstört: aus Kraftlosigkeit geschieht es meistens. Sich
kraftlos entgleiten lassen, was man eben noch begehrte, ist das typische
Verbrechen der Heutigen. Und was da entgleitet, versickert, in Schutt und
Sand zerrinnt, ist die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Lebensblut eines
andern.
In dieser Verödung, Verzweiflung war alles versiegt. Alle Kraft der
_Stimme_. Alle Kraft kommt ja aus Lebenswärme. Ein Frierender ist
kraftlos. Und ich mußte an den erfrorenen Vogel denken, von dem die
Désiré im »Grafen von Charolais« erzählt: -- »Das war etwas, das
lebte, noch hätte leben können, _unendlich Jubel in seiner Kehle barg_
und doch in Not und bitterem Frost verging.«
Wie _Heimat_ fühle ich es nun um mich, Johannes. So ganz, als ginge ich
meinen Weg, meinen wahrhaftigen, mir bestimmten Weg, ist mir's zumute.
Meine bangen Fragen? Gelöst werden sie mir an die Lippen gedrückt.
Gute, frische Höhenluft -- und dabei Erde, Erde unter den Füßen, meine
geliebte, braune, ernteschwangere Erde!
* * * * *
Heimatlich war's mir zuweilen auch bei den anderen, die ich lieb
hatte. Dafür hatte ich sie ja lieb: für dies bißchen minutenlange
Heimatsgefühl. Es kam, wenn ich mich von Verheißungen betäuben ließ.
Mit wachen, klaren, frischen Augen kam es, neben jenen, nicht. Nur wenn
ich mich einhüllen ließ von der Liebe, wie von Dämpfen, dann kam dieses
Gefühl, und wie war ich jenen dann so gut dafür! Nahm es doch dieses
Furchtbare von mir, das mich mein Lebenlang begleitet hat, dieses Gefühl
der Verschollenheit, der Heimatlosigkeit und des verzehrenden Heimwehs. Ein
Heimweh nach Herzensheimat! Wie eine Art seelischer Platzfurcht überfiel
es mich oft. Dann kamen -- jene, streichelten mich ein bißchen und
vertrieben mir mit diesem Streicheln für kurze Minuten das Furchtbare,
das Unerträgliche. Ans Ende der Welt wäre ich ihnen dafür gefolgt! Mein
Seelenheil hätte ich verkauft für das bißchen -- »weiches Gezottel«.
»Aber so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem
Furchtbaren. Jedes Ungetüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch
warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an der Tatze --: und gleich
warst du bereit, es zu lieben und zu locken.
Die Liebe ist _die Gefahr des Einsamsten_, die Liebe zu allem, wenn
es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine
Bescheidenheit in der Liebe! -- Also sprach Zarathustra und _lachte_
dabei zum andern Male.«*)
*) Nietzsche.
Dein erster Kuß -- ich weiß ihn. Wenn ich auch nicht weiß, -- wie er
so kam. Er erreichte mich. Er ward mir -- angehaucht. Auf meine Lippen mir
gehaucht. Ich glaube, es war, -- ich glaube, wir saßen nebeneinander und
sprachen. Sprachen wir nicht, als es geschah? Oder war da eine Pause? Oder
kam die Pause erst nachher? Oder sprachen wir weiter? Ich weiß es nicht,
Johannes, und möchte es so gern doch wissen. Ich weiß nur, er kam mir
-- angehaucht -- auf meine Lippen. Und zweier Augen Licht sah ich in mich
hineinfließen, wie einen goldenen Strom, von dem nie noch früher eine
Welle mich traf. Nie noch!
Golden war, ja golden, was da in mich floß, und lange dauerte es an, der
zitternde Hauch auf den Lippen, und das Goldene, das da in mich floß.
Was -- war es doch, -- Johannes?
Und du hältst mich in den Armen und fragst: »Was ist dir? Warum zitterst
du so?« Und deine eigene Stimme ist schwer und mühsam, da sie so fragt.
Und deine eigenen Arme, die mich umschlungen halten, ich fühle, -- wie sie
selbst -- zittern. Du Ruhiger, -- was bist du nicht ruhig?
Und ich, ich?
Was ist das mit mir?
Du, -- deine Hand berührt die meine, dein Blick ruht auf meinen
Fingerspitzen, und ich fange an zu zittern. Bis du erbleichend fragst:
»Was ist dir?«
Was ist das, Johannes?
Was ist es?
Ist es das -- Mysterium?
Wäre es -- da?
Geoffenbart -- das -- Mysterium?
Was -- was geschah doch -- dort in den Tempeln -- zu Eleusis?
Was war es doch?
Mir ist, als sollte ich mich -- erinnern, was dort geschah, zu
Eleusis ....
* * * * *
Ich dachte oft: Wird er dahin gehen, dahin sich wenden, auf dieser unserer
Wanderung, -- wohin ich es meine? Keinen Wink gab ich, nicht den Finger
rührte ich. Und du, du gingst, gingst immer voraus, gingst lachend und
ganz, ganz schwindelfrei! Und ich, ich folgte, ließ mich führen --
meinen, meinen Weg!
Schwindelfrei!
* * * * *
Dimitris Schwanken zwischen »Heiligkeit« und »Übermenschentum« -- es
ist nur das typische Kampferlebnis des edleren Mannes. Nur freilich bei
ihm zu dem geworden, was es gemäß seinem von Affekten durchwühltem Wesen
werden mußte. Ein Ringender stand er an dem Scheideweg, an dem jeder Edle
steht. Diesem Scheideweg des Herkules: Genuß oder Tugend. In früheren
Zeiten hieß die Markierung: Schönheit _oder_ Geist, Tugend. Heute wissen
wir, daß die Schönheit als Fackel voranleuchtet dem Weg der Tugend,
des Geistes, der einzig zum Glücke führt. Und daß jener andere Weg
-- Üppigkeit heißt, Ästhetentum, Verrat der Idee an die Materie. Aber
nicht: Schönheit. Schönheit leuchtet zum Geist, der die Tugend ist;
der Weg ist nicht minder bedrohlich und beschwerlich, als er damals war.
Vielleicht noch schwieriger: gilt es doch, die Fackel nicht zu verlieren!
Gilt es doch, nicht nur in die Dornen zu greifen, sondern die Rose zu
erringen, die umdornte!
Du suchtest diesen Weg, wie Dimitri. In deiner Art du, in seiner er. Beide
suchtet ihr ihn, ihr Verschiedenen. Die verschiedensten Gestalten gehen
diesen Weg. »Heilige« von der Art jenes Nietzscheschen wunderlichen
Heiligen, den er den »Erhabenen« nennt: »-- o wie lachte meine Seele
ob seiner Häßlichkeit .... Noch lernte er das Lachen nicht und
die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus dem Walde der
Erkenntnis.«
Finsterlinge gehen ihn wie Lichthelden, solche, deren Haupt umschwirrt ist
von dunkelm Flügelschlag und andere, um deren Kopf es leuchtet. Laute und
Leise gehen ihn, vergrübelte Wanderer und fröhliche Ritter, Ritter der
überpersönlichen Tat, die ihn überfliegen, wie jubilierende »eiserne
Lerchen«.
Ein edles Suchen, das sie alle vereint auf demselben Weg, auf dem sie
wandeln, jeder als ein anderer, jeder gemäß seiner selbst, jeder unter
eigener Fahne.
Und doch _ein_ Weg!