* * * * *

Das ist ja ein Gedicht?

* * * * *

Ich möchte gerne wissen, wann es so begonnen hat zwischen uns. Den Tag

möchte ich wissen. Und kann ihn nicht herausbekommen. So wenig wie jenen,

an dem ich begonnen habe mit diesen Blättern.

Wann begann es doch eigentlich? Dieses mit den Blättern und -- jenes

andere? Geheimnisvoll verbunden beides.

Aber ich kann es nicht herausbekommen. Wie man den Augenblick nicht

feststellen kann, in dem ein Schiff in See sticht. Man spürt die Stöße

der Maschine, man hört, wie die Schraube sich wühlend in die Tiefe bohrt,

schäumend und brausend wallt es auf ringsum, -- liegt man noch, fährt man

schon?

Plötzlich ist man draußen auf See.

* * * * *

Was ist es, das uns so verbindet?

Sind wir denn so »gleich«? Nein. Oder so verschieden? Noch viel weniger.

So wenig gleich und so wenig verschieden wie -- Verse, die sich reimen.

Wie lauteten doch jene klugen Definitionen vom Wesen der Lyrik, die jener

Künstler und Kenner gab? Wie sollen sich doch die Verse zueinander finden?

»Frei und doch notwendig.« Und wie ist's mit uns? Ich glaube, ich

glaube ganz wie in der echten Lyrik: »Ohne Umstellungen, Inversionen,

Gewalttaten, Kompromisse. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht

Prosa«, ganz wie in der echten Lyrik. Und der Gedanke, der Gedanke in dem

Gedicht »Wir« ist auch nicht schlecht! »Die Harmonie der Form strömt

aus der des Inhaltes, es bimmelt nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen,

klaren Sinn und bimmelt _doch_, leicht, lieblich und -- geheimnisvoll!«

Stimmt! Stimmt alles!

* * * * *

Damals als ich mit Dimitri war und stimmlos wurde an ihm, hatte jener

Künstler mir gesagt: »In diesem Katarakt ist Ihre Stimme untergegangen.«

Ja, sie war in einen Katarakt geraten.

Aber gibt es nicht Bäche, Quellen, Ströme, die so einen Katarakt

durchfließen? Für verloren gehalten werden, so lange sie da drinnen sind,

-- bis sie dann plötzlich heraustreten aus dem Getöse und ihres Weges

ziehen. Solche Gewässer, die ihre _Form_ bewahren, auch wenn sie in andere

Gewässer geraten, ihre Aggregate zusammenhalten, wie der Golfstrom, der

ja bekanntlich so stark, so breit, so heiß wie er in seinem Flußbett

dahinzieht, auch andere Gewässer durchfließt.

Diese Blätter lassen mich nicht! Von früh sieben Uhr, wenn ich die Augen

aufschlage, bis Mitternacht und oft noch länger bin ich mit ihnen. Ich

gehe nirgends hin, ich kann nicht fort von den Blättern. Ich denke, denke,

auch da ich nicht denken will. Die Stimmen überfallen mich. Und ich halte

krampfhaft zurück, was wie ein Strom aus der Feder stürzen will, ich

halte sie zurück, diese verschiedenen Gewässer, bis zu dem Augenblick, wo

sie münden dürfen, jedes einzelne dort, wo es soll.

Schaffen -- Kraftfrage? Ja. Aber mehr noch als die Frage einer Kraft

des Schöpfens, die des Eindämmenkönnens, und doch nicht Verströmen =

Versickernlassens dessen, was tausendquellig zutage bricht!

Seltsam, seltsam geht es mir mit diesen Blättern!

* * * * *

Du sagst mir oft, ich sei schön. Es erscheint dir so, Lieber! Denn was ist

denn schön an mir. Es kommt nur manchmal etwas wie ein Licht, daß alles

das, was da ist, schön _scheinen_ läßt. Auch Dimitri kannte dieses Licht

-- anfangs. Er sagte dann: ~Lux in dentibus, Lux in oculi, Lux in Maja.~

Das ist meine ganze Schönheit, diese Lux. Und daß du mich immer schön

findest, kommt eben daher, daß dieses »Licht« nun _dauert_; von einer

großen, stillen Flamme kommt es, die du entzündest hast und sie speisest,

priesterlich, mit kostbaren Stoffen, daß sie Tag und Nacht brennt und

nimmer erlöschen kann.

Darum siehst du die ~Lux in Maja~, und Maja ist -- schön.

Und wäre ich hundert Jahre in dieser deiner geliebten Gegenwart, -- die

Lux verhuschte mir nicht!

* * * * *

»Vierzehnjährig«, pflegte Dimitri zu sagen, wenn ich meine »guten

Momente« hatte. Aber er vergaß, vergaß sofort, daß er sich eben noch

entzündet hatte an jener Lux, vergaß es vollständig, wenn sie unter

seinen wilden Worten verschwand, verhuschte.

Er vergaß. Gedächtnis, _Treue_ und Ethik, ein Zusammenhang, den Weininger

in einer jener Partien seines Buches, aus denen es quillt wie Licht aus

dunkeln Höhlen, scharfsinnig dargetan hat.

Und ich wurde älter und älter an ihm, -- uralt in rasendem Tempo, in

dieser wilden, allzu wilden Gemeinschaft. Und als er mich damals, an jenem

letzten Tag, vor den Spiegel schleppte: »Ist _das_ die Frau, die ich

vor drei Monaten (o mein Elba!) kennen lernte, warum läßt du dich denn

_zerstören_, du?«, da, da war ich hundertjährig geworden.

Jetzt? »In _seiner_ Liebe leucht' ich und lach' ich nun auf!«

* * * * *

Als er, Dimitri, mich das letztemal sah, da war ich ein grauer Schatten,

ein zerstörtes Weib. Mit meiner Stimme hatte ich meinen Körper verloren!

* * * * *

»Hundertjährig war sie! Und was sie doch grünt und blüht! Die reine

Rose von Jericho!«

»Bin aber auch schön in warmes Wasser gelegt worden! Da streckt und dehnt

sie die zusammengerollten Blätter, die Rose von Jericho, bis sie wieder

blühend und duftend auf dem Teller schwimmen.«

O Rose von Jericho! Und da warst du auch schon am Klavier, und wir sangen

in Duo:

»Wie riecht sie süß, -- nach Zimmet und Zymmanen,

Die Rose,

Die Rose,

Die Rose von Jericho!« -- -- --

* * * * *

Ein Spiel ist die Liebe. Ein Spiel um den Ernst. Wenn nur beide

in fröhlicher Spielkraft bleiben! Sonderbare Figuren entstehen,

Konstellationen sind plötzlich da, -- man weiß nicht woher, wie Gestalten

auftauchen im Dunkeln, im Dämmern, die sich bei Licht als gewöhnliche

Gegenstände entpuppen. Nur Mut, nur näher hingesehen, nur unbeirrbar

bleiben! Es wird heller werden! Es sind nur Spielgespenster, soferne ihr

wollt.

Aber, so wie der Spuk beginnt, werden die meisten ungebärdig. Und

furchtsam. Und werfen die Flinte ins Korn. Der Spieltrieb fehlt ihnen,

dieser der Kunst so nahe verwandte.

* * * * *

Dimitri wußte Kränkungen einzuspritzen wie eine Seruminjektion. Mit einer

feinen Nadel unter die Haut gezogen, die Nadel rasch heraus, und das

Gift bleibt drinnen, geht ins Blut, wirkt, wirkt! Und wie eine solche

Kränkungs-Seruminjektion gleich wirkte, auf der Stelle! Wirkte auf die

Seele und auf das Aussehen.

Dann _kam_ er, schaute mich an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Sonderbar, wie du dich verändert hast!«

* * * * *

Ich habe einmal irgendwo eine ganz eigenartige Definition von Glück

gelesen: »Was ist Glück? -- Einen langen Spaziergang in engen

Lackstiefeletten gemacht zu haben und die dann auszuziehen.«

Oder: Drei Monate mit Dimitri in »Liebe« gelebt zu haben, -- und dann

nicht mehr mit ihm in »Liebe« zu leben.

Das ist Glück!

* * * * *

Dimitri, der Jüngling! Auch in seinem Körper. Nicht etwa der eines

schwachen Mannes war es, -- der eines Jünglings.

Jüngling auch in seinem Suchen, Stürmen und Irren.

* * * * *

Weißt du, diese Blätter da, -- in denen bin ich drin. Mit ganzer Person,

ganzer Stimme, mit meinem Lachen und Weinen. Und dieses letztere ist auch

in dem Sinne zu verstehen, daß ich dieses Lachen und Weinen nicht

nur hineingeschrieben habe in diese Blätter, sondern auch wirklich

hineingelacht und hineingeweint, während ich schrieb.

Bei »richtigen Schriftstellern« kommt so was wohl nicht vor, beim

Schreiben, -- wie?

* * * * *

»Heulsäckchen, Lachsäckchen«, sagst du ja immer. Und »komm, komm

an meine Brust! Schütte da alles aus! Alles, was vom Heulsäckchen,

Lachsäckchen kommt, gehört hierher.«

Ja hier an dieser Brust: hier kann ich lachen, hier kann ich weinen. Hier

kann ich alles hineinplaudern, hineinplätschern, hineinsingen. Hier kann

ich alles klagen, fragen, sagen. Und hier kann ich -- schweigen, schweigen

und ruhen!

* * * * *

»Frowelin« nennst du mich immer. Weil ich dir nicht so erscheine wie

eine Frau, so eine richtige, verheiratete, oder doch verheiratet gewesene

»Ehefrau«, -- eher wie ein Fräulein, »so ein kleines, unversehrbares

Frovelin«. Früher schriebst du's: Frouvelin. Dann mit modernisierter

Orthographie: Frowelin.

»Eine neue Änderung der Orthographie erscheint geboten«, sagtest du mir

heute mit gründlichem Professorenernst.

»Nun?«

»Fro-welin, Froh-wellin! Froh-Welle, du, frohe Welle, Frohwelle,

Frowelle!«

Und da kam es auch schon unter deinen Händen aus dem Klavier, -- das

Rheintöchterlied:

»Wigala weia, woge, du Welle --«

Und -- »Frohwelle du, Frowelle du« wurde hineinparaphrasiert.

»Herzeliebez Frouwelin

Kunt ich baz gedenk dîn«,

so singt unser vieltrauter Vogelweid.

»Herzeliebez Frouwelîn -- -- -- --«

Diese Blätter, diese Blätter! Ein halbes Dutzend gespitzter, gezückter

Kohinore, die ich mir selbst schenkte (ich habe früher immer nur _einen_

traurigen Bleistift besessen, und mein Ideal war, einmal welche in Hülle

und Fülle zu haben), -- sechs Kohinore schreibe ich täglich ein paarmal

stumpf, bloß um meine wichtigsten »Einfälle« loszuwerden als Notizen.

Diese Einfälle, sie fallen wahrhaftig in mich ein, über mich her, lassen

mich nicht, jagen mich, bis ich sie -- habe. Ich »denke und dichte« in

einer halben Stunde mehr, als ich in drei Tagen niederschreiben kann.

Ja, wenn man nur schreiben müßte! Aber man muß ja auch denken! Ja, wenn

man nur denken müßte! Aber man muß ja auch schreiben!

Seine Gedanken mit Jagdhundgeschwindigkeit apportieren und sie mit

Jägertüchtigkeit erlegen und sie alle, alle zur Strecke bringen, gerade

das ist hier die Frage.

Es ist schauderhaft. Wenn ich morgens, oft vor sechs Uhr schon, erwache

(ich Langschläferin schlief sonst immer bis gegen elf Uhr vormittags so

tief und fest, wie andere Leute angeblich vor Mitternacht) --, wenn »es«

mich also schon mit dem frühesten Morgen weckt und mir den Schlaf aus den

Augen scheucht, ist mein erster Griff nach dem Heft, das auf dem Tische

neben meinem Bett liegt, und einem der immer gezückten Stifte. Und ich

schreibe, schreibe im Bett, -- eine Figur für die Meggendorfer. Fast

täglich wird solch ein Heft vollgeschrieben, dann heißt's, ein neues

nähen. Eine böse Sache, denn nähen war mir immer beschwerlich. Aber

fertige Hefte kaufen? Das »tragt's nicht« bei einer -- Sängerin, die

ihre Stimme bisher nicht zum richtigen Klingen brachte.

Ich nähe also die Hefte selbst. Noch während ich nähe, _schreibe_ ich

schon in die halbgehefteten Bogen, -- schreibe, während die Nadel am Faden

baumelt!

Wäre ich eine -- Schriftstellerin, man könnte von einer »produktiven

Epoche« sprechen!

Dann würde ich aber sagen: so lange ihr nicht eine Schreibmaschine

erfindet, die direkt mit den Gehirnganglien (so heißen doch die Tiere?)

in Verbindung gebracht werden kann, während das Schreibpapier sich

baldachinartig über dem »denkenden Haupte« wölbt, so daß, sowie »es«

dadrinnen denkt, die Maschine das Gedachte auch schon aufs Papier tippt, --

so lange ist die ganze Schreiberei eine Art Tortur.

Aber -- eine wollüstige Pönitenz!

* * * * *

»Ich möchte Sie zu Pferde sehen«, sagte mir einmal Günther von Werfeld,

einer meiner Freunde, ein junger Offizier. »Zu Pferde und auf der Jagd!«

»Warum?« fragte ich. »Sie meinen wohl, daß das Reitkleid mich kleiden

müßte, weil es die kleine Figur streckt, und der Sitz zu Roß, weil er

sie hebt?«

»Nicht an die Figur dachte ich. Ich dachte an Ihr Gesicht, zu Pferde, auf

der Jagd, an dies Gesicht, wie es sein müßte, wenn Sie -- _jagen_.«

Jagen, verfolgen, erlegen!

Ich hatte bisher nicht Gelegenheit, das wirklich auszuprobieren. Denn ich

habe nicht Roß noch Jagd. Und nur die grünen Wälder meiner Phantasie.

Holla hopp! Vorwärts, hussa, hussa!

Hier ein paar Hasen, dort ein paar _Enten_, aufgescheucht wirbeln sie empor

-- Wildenten! --, und hier ein fliehendes Reh, vorwärts, hussa,

hussa! Zur Strecke damit! Und da, was bricht da aus dem Gestrüpp? Ein

Sechzehnender!

»Mädel, gehst du auf die Birsch, schieße nicht auf Hasen, aber kommt ein

Edelhirsch --«, sang ich einst in der Operette.

Holla hopp! Ihm nach! Treibt mir nur alles zusammen -- von allen Seiten,

ihr Treiber, ihr Helfenden!

Und -- was begegnet mir da? Ungetüme, die man in Europa längst

ausgestorben glaubte, -- Urochsen, Höhlenbären! Wie werde ich mit ihnen

fertig? Soll ich sie erschießen oder erspießen? (Denn für alle Fälle

habe ich auch eine Lanze mit.) Aber bei meinem bloßen jagdlichen Anblick

tun sie, was die Sphinx tat, da sie den Ödipus erblickte: sie tötete sich

selbst. Diese da? Ich jage auf sie zu, -- holla, holla, nur Mut, blast mir

das Jagdhorn dazu, halali, -- ich bin in der Nähe, schon hören sie das

Keuchen meines Rosses, die Lanze ist gezückt, -- da trifft sie mein Blick!

Und siehe: die Urochsen, die Höhlenbären, die man längst ausgestorben

glaubte in Europa, -- sie fallen hin vor meinem bloßen schrecklichen

Anblick, sie strecken sich aus und sind dann wirklich »dod«, mausetot!

Ganz wie der selige Cuvier es seiner Zeit in seiner Katastrophaltheorie

auseinandersetzte:

Eines Tages kam »die« Katastrophe, die alte Fauna wurde von ihr

»hingerafft«, streckte sich aus und war »dod«. Bekam dann später,

viel später, ein Kreuzel neben dem lateinischen Namen. Das bedeutet in der

Zoologie: ausgestorben. Am Tage nach der »Katastrophe« war dann die Erde

mit funkelnagelneuen Lebewesen frisch angefüllt.

Aber weiter, weiter, mein Roß! Holla! Hussa! Hussa! Vorwärts durch die

grünen, die immergrünen Wälder!

»Ein Luftroß jagt

Im Laufe daher,

Auf der Wolke fährt es

Wetternd zum Fels!

Hussa, hussa!«

O Günther, könntest du mein Gesicht sehen: du wärest nicht enttäuscht!

* * * * *

Man sagt, wenn ein geborener Maler zur Welt käme, ohne Arme, er würde

doch ein Maler. Wie? Womit? Seine Sache. Er würde sich sein Instrument

schaffen und gälte es, den Pinsel an die Nase zu binden.

Und wenn ein Mensch zur Welt käme, in dem alles Musik ist, der in Rhythmen

denkt, in Melodien fühlt, dem alles Erleben schon Takt und Tempo in sich

trägt, der jenem unmittelbarsten Ausdrucksmittel der singenden _Stimme_,

jenem, das dem Geheimnis am nächsten ist, -- der Musik, -- angehört,

wie seiner wahrhaftigen Heimat, und der doch so zur Welt kam, daß er kein

Musikinstrument meistern konnte?!

Dessen ungeschickte, nervöse Finger niemals ordentlich Klavierspielen

erlernten, trotz -- sagen wir -- zwölfjähriger Lehrzeit?

Der nicht fünf Takte zu singen vermag, ohne daß ihm »mit einem Finger«

zumindest, die Melodie zur Begleitung mitgespielt wird?

Und der doch schier birst vor Musik in sich?

Was würde er beginnen? Wie sich helfen? Wie? Womit?

Er würde sich das Instrument, das ihm _zur Melodie verhilft_, schaffen,

und gälte es, mit der Nasenspitze in die Klaviatur zu tupfen, oder etwa

gar mit der -- Feder zu musizieren.

* * * * *

Ein Lied klingt in mir. Soll ich's halten, -- soll ich's verklingen lassen?

Einen Rhythmus, der dir durch die Seele klingt, nicht festzuhalten, ihm

nicht nachzugehen, -- eine Todsünde. Etwas will geboren werden, und du

achtest es nicht?

Empfang.

Königliche Gäste kommen!

Den Weg gekehrt

Und das Haus geblankt,

Die Pfosten umrankt

Und den Störern gewehrt!

Königliche Gäste kommen,

Die Botschaft hab' ich vernommen,

Du Bote sei mir bedankt!

Verlassen lag mir das Haus,

Von ihnen gemieden,

Von ihnen geschieden.

Freudlos wohnt' ich im Haus.

Schatten kamen und Schatten gingen

Zu dumpfen Gespensterfesten,

Doch nach den Gästen, den Königsgästen,

Sah ich das Herze mir aus.

Königliche Gäste kommen!

Die Botschaft hab' ich vernommen,

Dem Boten will ich es danken.

Um die Pfosten soll es sich ranken,

Festlich stehe das Haus!

Denn sie kommen, die Gäste, die lange mich mieden,

Von denen die Störer mich frevelnd geschieden, --

Meine blühenden, jungen Gedanken!

* * * * *

Du sagtest mir gestern, Johannes: »Es müßte einmal ein Dichter etwas

schreiben, woraus man entnimmt, wie es in diesem Kessel aussieht, während

er, -- hier muß man es wohl anwenden, das verdächtige Wort, -- schafft.

Wie es in ihn hineinkam, in den Kessel oder den Dichter, wie es nun _ist_

in ihm, wie es wird und wie es herausquillt -- Tropfen für Tropfen.«

Das Schaffen selbst, -- ersichtlich aus dem Geschaffenen?

Als Hauptprodukt des ganzen Treibens -- das Treiben selbst? Und das

eigentliche Produkt -- nur Nebenprodukt?

Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte!

Die _Stimme_ beobachten, die Stimme selbst, -- während sie quillt?

Ist es denn -- möglich?

Das Lied _und_ die »Stimme«?

Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ...

* * * * *

Und jener Spruch von Goethe? »Die Frage: woher hat's der Dichter? geht

auch nur aufs Was, vom Wie erfährt dabei niemand etwas.«

Er, Goethe, kann doch nicht eine Theorie des künstlerischen Schaffens

gemeint haben. Die kann jeder fertigbringen, der den Mechanismus zerlegt

und das Spielwerk darin untersucht.

Nicht dieses kann der Goethesche Spruch vermeinen und vermissen.

Geheimnisvolleres: _im Gesange selbst soll es sich offenbaren_.

Das Schaffen selbst -- ersichtlich aus dem Geschaffenen?

Als Hauptprodukt des ganzen Treibens -- das Treiben selbst?

Das Lied _und_ die »Stimme«?

War es denn noch nie?

Das wäre -- das Buch der Inspiration.

Wäre es denn möglich? ...

* * * * *

Bei jeder Intimität, die ich bisher mit Menschen hatte, war mir,

als stieße nur _eine_ Seite meines Wesens, irgendeine schmale Kante,

nachbarlich an sie. Der Rest blieb frei. Aber hier, hier bei dir, da bin

ich ganz und gar hineingeschwommen in dich, wie so ein Fischlein in

einen tiefen See. Da kann es herumplätschern wie es mag, die gewagtesten

Voltigen aufführen, das Gewässer nach allen Seiten durchkreuzen, ohne

doch auf irgendwelche Klippen zu stoßen, an die es wild angeworfen werden

könnte. Und wenn es hinunterspäht, neugierig, in die blaue Tiefe, wie

solche kecke Fischlein schon sind, da sieht es den Grund des Gewässers

heraufleuchten, -- wunderbar licht, wunderbar friedlich, wunderbar ruhend.

Es belästigt dich doch nicht, das Fischlein? Ach, ich weiß ja! Der See

mag ja das Fischlein so gern!

* * * * *

Ich kann nichts von dem, was mir im Kopf herumspukt, vor dir bei mir

behalten, nicht einmal, was ich von gestern auf heute in diese Blätter

schreibe, -- wenn du sie auch nicht zu sehen bekommst, bevor sie fertig

sind. (Fertig? Wie? Wann? -- Ach!)

Ich muß mir gewissermaßen immer eine Bestätigung holen, mir alles

saldieren lassen von dir. So plauderte ich dir vor, daß ich in diesen

unsterblichen Blättern von dir »ausgesagt« hätte, du seiest ein See und

ich das, was darin plätschert.

Und du sagtest ganz nachdenklich: »Weißt du, kleine Maja, es gibt

verschiedene Fische. Solche, die sich lustig und flink an der Oberfläche

der Gewässer tummeln und manchmal sogar darüber hinaus einen Satz in

die Luft machen. Andere wieder, die sich hinunterwälzen, in gewundenen,

spiralartigen Bewegungen, in die Tiefe: aber langsam und in lauter breiten

Umwegen, in lauter Serpentinen. Und dann gibt's noch andere Fischlein,« --

und du sahst mich so lieb und so froh an, -- »die pflegen blitzesgeschwind

direkt auf den Grund der Dinge, -- der Gewässer will ich sagen, --

hinunterzuschnellen.«

Und du sahst mich wieder an, wie -- nun, »wie ein edler Papa sein

vergöttertes Baby« (nach Peter Altenberg das Merkmal echter Liebespaare),

und lachtest, dein gutes, gutes Lachen! »O du schnelles, schnellendes

Fischlein!« Sehr viel Vatergefühl oder umgekehrt: sehr viel

Mütterlichkeit soll in jeder echten Liebe sein.

Und dann gab's natürlich viele, viele Küsse, mit denen alle unsere

Diskussionen schön mosaikartig durchsprenkelt sind.

* * * * *

»~Des discussions entre des amants produisent toujours des effets

funestes.~« Ich halte dieses erkenntnistheoretische Wort Yussuffs --

Friede sei mit ihm! -- an unsere: Diskussionen.

* * * * *

Unsere Zusammenkünfte sind lauter Picknicks. Jeder bringt was mit. Du

besorgst die Weisheit, ich gebe meine Stimme dazu und Musik wir beide!

* * * * *

Picknicks sind auch unsere wahrhaft ambrosischen Mahlzeiten. Ich meine

die wirklichen, diese lieben, lieben kleinen Soupers in meinem Zimmer. Ich

entwickle Hausfrauenehrgeiz, du bringst »etwas fürs Leckermäulchen«.

Das hast du schon glücklich herausbekommen, diese Achillesferse. Und dann,

-- ach, es ist so einzig! Wie du mich fütterst und wie du mir zusiehst,

wenn ich esse! Es ist alles so voll Güte und Liebe und herzensfroh dabei.

* * * * *

Erscheinst du im Türrahmen, so gibt's mir immer »an Rucker« (ein

wienerisches Wort, das du zum Glück nicht verstehst, -- sonst würdest

du sagen: du Racker!). Unter den männlichen Typen, denen ich in dieser

degenerierten Welt begegnet bin, waren einige nicht üble Exemplare. Rudi,

mein erster Mann, war ein hübscher Mensch, mehr läßt sich von ihm

nicht sagen. Yussuff hatte seinen adligen Gang. Er schritt dahin, wie ein

morgenländischer König. Sollte ich ihn recht deutlich machen, so möchte

ich mich auf das Bild von Kainz als König Kandaules in »Gyges und

sein Ring« berufen. Ihm glich er. Es mag auch bei dieser für mich

so frappierenden Ähnlichkeit mit dieser Kainzschen Maske viel an der

Barttracht gelegen sein. Gewiß ist, daß Kainz in dieser Maske des

Kandaules den Typus des orientalischen Fürsten, intuitiv wahrscheinlich,

vollendet getroffen hat. Dimitri, -- er hatte den Körper eines

Hinduknaben, die Mähne Beethovens, Augen eines Dämons. Aber eine Stirn,

ach, eine furchtbare Stirn! Schreckhaft war auch der Mund, so prachtvoll

auch das Gebiß daraus strahlte, wohl nur weil ich es so empfand.

Du -- bist anders als sie alle: einwandfreier.

Mehr sage ich aber nicht! Wozu auch? Dich schildern? Fällt mir gar nicht

ein. (Oder, wie man hier sagt, -- ich denke gar nicht daran.) Die andern

habe ich »geschildert«, weil ich sie _dir_ zeigen wollte. Dich -- will

ich niemandem zeigen. Bleibe du mir nur hübsch in der Tarnkappe, mein

lieber »Held«! Vielleicht habe ich dich nur in der Phantasie erzeugt,

oder du warst einst für eine kurz bemessene Frist -- mein Gast.

* * * * *

Ein mysteriöses Märchen ist es. Märchenhafter, mysteriöser als Märchen

sind. Die Märchen haben immer mich geliebt. Aber ich wußte immer, wenn

ich im Märchen stand, daß es nicht wirklich sei, nicht das wirkliche

Feenland, nach dem ich ausgezogen war. Und daß ich vorsichtig sein müsse,

-- sehr vorsichtig, um mich nicht, aufwachend, im wilden Wald zu finden.

Ach, und ich wachte immer auf, und immer so, wie ich es gefürchtet hatte.

Dies aber ist, ist. Ich zupfe mich an der Nase, ich schüttele und rüttele

mich, -- und wache nicht auf! Es ist, ist.

* * * * *

Was immer ich darüber sage, dem holden Wunder dieses Dinges kann ich

mit dem Verstand nicht beikommen. Und was immer ich schreibe, -- in

diese Blätter, -- das, was wir zusammen erleben, ist noch viel, viel

wunderbarer. Es ist, nun es ist einfach so, daß ich mich, wenn ich allein

bin und der Gedanke daran mich überfällt, aufs Sofa werfen muß und den

Kopf in die Polster vergrabe.

Das »Wunderbare«, _es kann sich offenbaren_, nicht sich deuten lassen.

Nur niederstürzen -- beten, beten!

* * * * *

Mir ist, als hätten mich früher fremde, dämonische Mächte in Händen

gehabt und mir die _Stimme_ in der Kehle -- und in der Seele -- erwürgt

und erstickt. Was war es denn? Dunkel, dunkel liegt es hinter mir. Und kam

doch -- aus mir?

Dämonen.

Was war es denn,

Daß mich mir selbst so ganz und gar entrückt?

Es brach aus mir heraus und stieß an mich zurück,

Daß ich in tausend Trümmer wollt zerschellen.

Schon hört' ich's schrill mir in die Seele gellen,

Schon kam es näher mit dem Eisesblick

Und drängte sich heran in dunkeln Wellen.

So blickt der Tod.

Das ist die ewige Öde,

Die mich mir selber will begraben.

So bin ich dem verfallen, der nichts mehr läßt,

Du in mir, du, du Gott, o halt mich fest!

Wer sind sie, die mich da in gnadenlosen Händen haben,

Die mich mir selbst erpreßt?!

Was war es denn?

Es flieht, es scheut das Licht!

Die Seele glüht in Scham und wächst aus dunkeln Nöten

Dem Tage zu.

Was war es denn?

O frage nicht, -- Vermessenheit des lauten Wortes.

Nur niederstürzen: beten, beten!

Du sagst: »Das, was mir dieses Einzige mit dir von allen anderen früheren

Schicksalen mit Frauen unterscheidet«, -- du hast ja gleich mir Schicksale

hinter dir --, »ist diese vollendete Zweifellosigkeit. Gegen dich gibt es

keine Stimme, auch nicht die leiseste Flüsterstimme eines Zweifels in mir:

sie war nie da, ist nicht da und wird nie da sein. Alles ist Gewißheit.«

Die Stimme: Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe. · 第 7 / 12 段