»Fünfte« war zu hören. Das durfte nicht versäumt werden. Dimitri hatte
Karten besorgt, für mich, sich, Giorgio, Helene. Wir sollten uns vor dem
Musikvereinssaal treffen. Giorgio, Helene und ich warteten vergeblich
auf Dimitri. Er kam nicht. Das war uns ungewohnt an ihm, er war sonst
verläßlich in solchen Dingen. Wir hatten unsere Karten und gingen hinein.
Eine mir selbst nicht erklärliche Unruhe bemächtigte sich meiner. Was war
vorgefallen, warum war er nicht da?
»Zdenko wird vergessen haben«, sagte Helene.
»Dimitri vergißt so etwas nicht«, sagte ich.
Die »Fünfte« durchbrauste den Saal. Der Schicksalsruf setzte ein.
Hoffnung blitzt auf in dem wilden Getümmel. Die Violinen tragen sie durch
zwei Oktaven und geben sie weiter an die Hörner. Die Zweifel mischen sich
hinein, Flöte, Klarinett und Fagott. Bässe und Celli begleiten sie bang.
Aber die Lebensmelodie, die lichte, ringt sich aus all der Bedrückung
immer wieder heraus, sprengt und durchbricht ihre Gruft: Triumphlied der
Posaunen.
Noch vor dem Allegro verließ ich den Saal. Ich war überzeugt, ein
Unglück müsse geschehen sein. Ich verschwieg Helene, was ich eigentlich
meinte: einem der Kinder mußte etwas zugestoßen sein. Sie waren allein zu
Hause, mit dem Mädchen. Wer weiß, was da geschehen war.
Ich fuhr zu Helenes Wohnung, flog die Treppen hinauf, rüttelte an der
Glocke.
Das Mädchen öffnete. Da lagen die Kinder friedlich schlafend in ihren
Bettchen.
Ich weinte vor Freude und küßte leise und vorsichtig die rosigen
Füßchen, die der kleine Elias unter der Bettdecke hervorstreckte.
* * * * *
Ich fragte in seiner Wohnung an.
Die Frage war überflüssig, denn ich sah seinen Hut und Mantel im
Vorzimmer hängen.
»Nicht zu Haus, nicht zu Haus«, sagte die Wirtin und stellte sich breit
vor mich hin.
Ich sah sie erstaunt an. Dann schob ich sie beiseite und ging direkt auf
Dimitris Türe zu, klopfte und drückte die Klinke nieder.
Aber die Türe gab nicht nach, -- sie war versperrt. Drinnen aufgescheuchte
Stimmen, erschrecktes Geflüster, -- Dimitri und die ethische Dame aus
Rußland.
* * * * *
Ich kam ganz gut nach Hause. Ich ging langsam und beinahe heiter durch die
Straßen. Ich weiß nicht, warum das so war. Zu Hause angelangt, heizte ich
mein Feuer im Ofen. Ich legte soviel Kohlen nach, als darin Platz fanden.
Mich fror sehr. Der Herbst war naßkalt und neblig.
Es wurde warm im Zimmer, wenn auch nicht warm genug für mich. Schließlich
hüllte ich mich in Decken und legte mich aufs Sofa, stellte die Lampe
neben mich und las ein Buch: den Briefwechsel Wilhelm von Humboldts mit
seiner Braut und Frau -- -- --
* * * * *
Gegen elf Uhr läutete es. Ich kannte dieses Läuten: Dimitri. Das hatte
ich nicht erwartet.
Ich öffnete, ohne im Vorzimmer Licht zu machen, klinkte die Türe auf und
ging zurück in mein Zimmer. Er folgte.
Er sah verwüstet aus. Wie jemand, der sich obdachlos herumgetrieben,
kam er mir vor. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupille tanzte im
Weißen. Er sank in einen Sessel. Plötzlich brach er in Schluchzen aus.
Als wollte er sein Gesicht verbergen, warf er es in meinen Schoß.
Ich streichelte seinen Kopf und beruhigte ihn mit den besten Worten, die
ich fand.
Er blieb lange so, dann gestand er alles.
* * * * *
Dieses Erlebnis ging wie ein Riß durch seine empfindliche Natur; für
sensible Menschen gibt es in dieser Sphäre keine Bedeutungslosigkeit. Es
ist immer ein Einbruch in die innerste Natur, eine Kraftausgabe. Geschieht
sie zu Unrecht, so bleibt ein Riß, ein Chock, eine Verwundung des
innersten Wesens zurück.
Auch zwischen uns wollte es nicht gut werden. Ich hatte verziehen und ohne
merken zu lassen, _daß_ ich verzieh, er aber konnte nicht verzeihen, daß
ich etwas zu verzeihen hatte. Lauernd und mißtrauisch zerfaserte er jede
meiner Äußerungen. Überall vermutete er Scheu und Überwindung.
* * * * *
Ich suchte mit allen Mitteln auf dieses zerstörte Gemüt zu »wirken«,
mit allen Mitteln, ach! »Wozu sonst bist du gut, -- _Stimmlose_,« dachte
ich bei mir, »sei wenigstens zu etwas nütze!«
* * * * *
»Du -- du Frau, -- ich weiß nicht, -- ich werde immer verwirrter. Wenn
ich von dir bin, -- habe ich so böse, böse Gefühle! Ich weiß nicht,
warum. Und wenn ich dann da bin, mit dir, es ist dann einfach Glück. Ich
weiß nichts mehr, ich weiß nichts mehr.«
Ich saß in einem Sessel am Klavier. Ich sah ihn an, voller Weh:
»Dimitrino!« Lange, lange hatte ich ihn nicht mehr so genannt.
Er stürzte nieder, umschlang meine Füße, vergrub seinen Kopf in meinem
Schoß und weinte da bitterlich.
* * * * *
Immer habe ich ein Wehgefühl für ihn im Herzen gehabt. Oft geschah es,
daß ich nachts erwachte, in Tränen gebadet, mit einem dumpfen, schweren
Druck im Herzen.
Dann war mir, als spräche ich zu ihm: über seine Leiden. Er war sehr
zart, disponierte zu Lungenkrankheiten, und ich lebte in ewiger Angst
darüber.
* * * * *
Wenn du diese Blätter manchmal an die Lippen führen solltest, wie Liebe
tut, -- es wird dir oft salzig schmecken. Aber die Liebe trinkt auch dies.
Meine Liebe zu ihm, sie war, glaube ich, von der Art, die Schopenhauer mit
dem Welschwort benennt, dem tiefen, unübersetzbaren Welschwort: Pietà.
Leid, Mitleid, hohes Mitleid, überpersönliches Leid, das schier alle
Kreatur zu umfassen sich sehnt, ist in solcher Liebe: Pietà.
Das Mitleid, das hohe Mitleid war in dieser meiner Liebe zu ihm.
Aber die Freude, die hohe Freude fehlte in dieser meiner Liebe zu ihm.
* * * * *
Immer fremder, immer unheimlicher wurde es zwischen uns. Ein Dunkles war
da, ungreifbar. Dieses Unheimliche, es ging mit uns auch in jene Stunden,
-- wo Menschen sonst alles vergessen. Er nahm mir die Unbefangenheit --
auch da! Das Schlimmste, das Unheimlichste, was von einem Mann gesagt
werden, was von ihm einer Frau geschehen kann.
In den letzten Tagen vor meiner Abreise, -- wie sie zustande kam, wirst du
erst später erfahren, -- in diesen letzten Tagen (ach, die Tage hatten
ja hier das Maß von Wochen, Monaten!) kam nichts Gutes mehr von Dimitris
Munde. Seine Arbeit lag brach. Ein toter Punkt wäre es gewesen in seiner
Entwicklung, der überflutet worden wäre, wie jeder andere auch. Aber wo
fand ihn ein toter Punkt je weise?
Und es war noch anderes. Es war eine verschlagene Sinnlichkeit in ihm.
Schöne Frauen und hübsche Mädchen, die er auf der Gasse sah, -- er
begehrte sie alle! Er hätte sie angehalten am liebsten. Und er erzählte
es mir, er schilderte mir diese Begierden. Wehe, wenn ich nicht gelassen,
»objektiv« blieb! Gleich war ich ein »platter Mensch«.
Und ich blieb -- objektiv. Hörte das alles, entgegnete darauf ganz
»sachlich« und nahm es alles -- ernst.
Er, der innerlich Abhängige, wie hätte er sie ertragen, diese Art
»Abhängigkeit« die die Liebe bedeutet. Nur Unabhängige ertragen diese
Abhängigkeit und vergöttern sie! Nur Freie reichen dem Weibe lächelnd
beide Hände: Binde mich, du!
Goethe schrieb an die Stein: »Kniefällig bitte ich dich, lasse mich
wieder einwohnen in der Heimat deines Herzens!«
Wagner an Mathilde: »Wie sehr ich von dir abhänge, du Geliebte! Das habe
ich in dieser Zeit wieder so recht inniglich empfunden.« Und als sie ihn
auf den Trost durch sein Schaffen verwies: »Mein wahrer Ernst ist nicht
dabei! -- -- -- O glaube! glaube mir, daß nur du mein Ernst bist!«
Lenau an Sophie: »Ich bin dir ganz verfallen. Wohl mir, daß ich es bin!«
Herwegh an seine Braut: »Ohne dich, merk' es, ist es zu Ende mit mir und
mein Licht ist ausgeblasen.«
Sie knirschten nicht, diese Leute, da sie in »Abhängigkeit« geraten
waren, sondern, die Sonderbaren, alle Throne der Welt hätten sie
ausgeschlagen gegen diese Hörigkeit. Ja, ihr Werk, ihr Lebenswerk selbst,
es erschien ihnen nichtig gegen diesen anderen Lebenswert. Ein Wagner
nannte sein Werk -- _sein_ Werk! -- unernsthaft gegen diesen Ernst seiner
Liebe.
Sie knirschten nicht, diese Leute. Denn sie fühlten nicht nur diesen
Lebenswert, sie wußten ihn. Deutlich!
* * * * *
Er aber wußte nicht. Daß vielleicht eine andere als ich ihm diese
Bewußtheit und Seligkeit und darum Erlösung wird geben können? Ich
glaube es nicht. Denn sein Ideal war ja eben das Unbewußte. Die Sphinx mit
der Tatze sollte kommen und sein Bewußtsein betäuben. (So wünschte
er sich's: Untergang in diesem Erlebnis!) So wäre seine Erlösung
zusammengefallen mit Vernichtung. Die Melodie der dunkeln Mächte behielt
die führende Stimme in ihm, nichts konnte sie übertönen.
* * * * *
Sein Kampf ums Brot, dieser rastlose, täglich neue Wurf ins Ungewisse,
war _mit_ Schuld an seinen tiefen, schweren Depressionen. Ein Dichter, ein
Singender (oder doch ein Singen-Sollender), dem die bleiche Brotangst die
Kehle zuschnürt, -- ein Unding ist's, ein grausames, widersinniges Unding!
Denn das Material, das kostbare, geht dahin in diesem verzweifelten Ringen
mit ihr, der bleichen, der schlottrigen, der würgenden Brotfurcht. Wenn
der Tischler, der Schuster oder wer sonst immer Sorgen hat, so wird ihm
doch nicht sein Holz oder sein Leder davon ruiniert! Der Dichter, der
Sänger ist der Einzige, dem diese gemeinste, fürchterlichste Sorge sein
Material zerstört, das kostbare, das unersetzliche Material: _die Stimme_.
Das Zarteste im Menschen, das _Tönen_ seiner Seele, -- ~anima~, die Stimme
wird gebrochen von der Not.
* * * * *
Warum laßt ihr sie verfliegen, verwehen, verdorren diese Stimmen? Warum
duldet ihr, daß sie in Notrufen sich heiser gellen? Warum verwendet ihr
sie als Ausschreier für Jahrmarktsbuden?
Sorget, sorget für diese Stimmen, wo immer Not und Jammer sie zu ersticken
und zu erwürgen drohen: eine nationale Pflicht, so lange Nationen
überhaupt bestehen und nicht eine einzige Weltbürgerschaft!
Sorget! Denn sind es nicht die deutlichsten, die vernehmbarsten Stimmen der
Nation?
* * * * *
Dieser gemeine Kampf machte Dimitri irre. Irre an seiner Bestimmung, an
seiner Berufung. Irr und wirr wurde ihm alles, was er tat und wollte.
Sünde und Wahnsinn griffen nach ihm mit gekrallten Fingern.
Nie dachte ich mir: »Warum habe ich mein Schicksal mit diesem Elend
verknüpft?« Meine Sache war es, mit ihm zu tragen, was hereinbrechen
mochte über ihn, -- von außen und aus ihm selbst. Tragen, tragen.
Aber das erstemal kam ich auf den Grund des Begriffes »Irrsinn«.
Irr -- irr -- ich wußte nichts mehr. Nichts mehr von mir vor allem.
Zerpflückt und zernagt war ich in hunderttausend Fetzen. Was war Ernst?
Was war Faselei? Wo war eine Wahrheit?
Und keine _Stimme_ war da, das war das Schlimmste. Die Stimme, die Stimme,
sie schwieg mir, -- die Stimme meiner selbst. Ein Fremdes _besaß_ mich,
es hatte mir die Stimme gewürgt. Ich war in Besitz von etwas anderem, --
Dunklem, Fremdem, Grauenhaftem, Unerklärlichem, -- ich hatte mich nicht
mehr, es _besaß_ mich, und konnte mit mir machen, was es wollte.
Irrsinn -- Besessenheit ...
* * * * *
Ich muß es tragen, -- so hatte ich mir gedacht. Aber es kam anders.
Eines Abends hatten wir einen Wortwechsel. Es gab ja keine Stunde des
Friedens mehr. Ich war nun auch nicht mehr bei klaren Sinnen. Ich weiß,
daß ich aufschrie und meine Hände ballte gegen ihn.
»Warum, warum«, rief er mir zu. »Ich kann nicht aufkommen für dein
Elend. Ich richte Unheil an, wohin ich greife. Rette dich! Sieh dich
an« -- und er riß mich beinahe zum Spiegel --, »du bist nicht
wiederzuerkennen. Ist das die Frau, die ich vor drei Monaten sah? Warum
läßt du dich denn zerstören, du! Dafür hasse ich dich, daß du dich
zerstören läßt, du, wie die andern, an die ich gerührt habe, dafür
verachte ich euch alle zusammen.
Und was habe ich denn davon. _Furcht_ habe ich vor dir --«
Es blieb totenstill.
Plötzlich fühlte ich, wie er mir den Kopf hob.
Ich sah ihn über mich gebeugt in dem verschwimmenden Halbdunkel und
hörte, wie er mit rauher, keuchender Stimme und doch, wie beschwörend,
mit der ganzen Kraft der alten, wilden Liebe mir zurief: »Maja, rette dich
vor mir!«
Und er sah mich an, mit ekstatischen Augen, die mir rieten, zu fliehen.
* * * * *
Die Koffer wurden wieder einmal vom Boden geholt. Aber nicht gepackt
wie sonst, wo sorgliche Mutterhand das besorgte. Nicht hineingelegt,
hineingeworfen wurde das Notwendigste. Nur schnell, nur schnell. In drei
Stunden war ich reisefertig.
Und als mir, während der Zug an der Donau dahinbrauste, die Türme von
Wien verschwanden, da holte ich erst Atem. Lebewohl, Wien, du strahlendes,
schönes, üppiges! Lebewohl, du Stadt der Gesicherten, aber nicht der
Werdenden!
Und ich fuhr dahin -- in ein härteres Klima.
Ich kam hier an. Ich schrieb einen Brief an Dimitri. »Da es aus sein
soll, soll es ganz aus sein. Gib mir keine Nachricht und verlange keine von
mir.« -- Er ist frei, wie er es im Grunde sein wollte und wohl auch sein
muß. Unser »Eheband« wird keinen von beiden stören. Braucht einer
von uns beiden auch formal seine Freiheit wieder, so wird er keiner
Schwierigkeit beim anderen begegnen. Auch die Grimasse der »Freundschaft«
wollen wir nicht schneiden. Freundschaft entsteht nicht, wenn die Liebe
geflohen ist. Lieber begnüge ich mich mit Zwerghaftem, das in seiner Art
ganz und heil ist -- dem konventionellen Verkehr mit »Bekannten« --, als
daß ich den Torso von etwas, das größer war, als dieses Zwerghafte, mit
mir weiterschleppe. Auf den Scheiterhaufen damit! Ein reinlicher Brand --
eine Handvoll Asche -- Einsamkeit.
* * * * *
Keine Nachricht von Dimitri. Gottlob er hält sich an meinen Wunsch. Auch
ich gebe keine. Wozu Erörterungen, Polemiken? Wir wissen genug. Wir wissen
alles. Wir wissen, daß wir sehen müssen, uns wiederzufinden, --
nicht einander wiederzufinden, nimmermehr! -- sondern jeder sich selbst
wiederzufinden, _frei_ vom andern.
* * * * *
Gute Genien waren um mich in dieser Stadt. Große, stolze, gleichgültige
Stadt. Gibt Raum dem Individuum. In meiner Heimat, dem schönen Wien, da
fehlt einem manchmal dieser Raum. Ich verstand es nicht, dieses Wien, da
ich darin festsaß. Ich litt an ihm, aber ich wußte nicht, woran es lag.
Wer hatte Wohlwollen für mich? Wohlwollen, -- Himmelsmanna der werdenden
Seele, die »gläubiger und schützender Kräfte bedarf«, wie Altenberg
sagt. Wo waren diese gläubigen, schützenden, zärtlichen Kräfte, derer
die Zarte, ~anima~, bedarf?
Von niemandem habe ich jemals in einer schwierigen äußeren Lage meines
Lebens, jemals in innerer Verwirrung einen Rat bekommen (einen, den ich
hätte brauchen können, nämlich). Wie verschüttet war meine Situation
zeitweilig, innerlich und äußerlich. Ich glaubte kaum je wieder
herauszukommen aus solchem Zusammenbruch.
Keine Seele gab mir einen Wink. Geschweige denn, daß eine Hand sich mir
entgegengestreckt hätte. Nichts, nichts. Und ich sah, die Sache lag so:
komme herauf durch dich selbst, auferstehe durch deine eigene, innere
Gewalt, sprenge Grüfte und Grabsteine und erlöse dich selbst, o
messianische Seele, oder -- bleibe unten und vermodere.
Und meine Seele wurde stark, da sie so erkannte.
* * * * *
Irgendwo müßte es doch jemanden geben, dachte ich mir immer, von dem
es einen nicht fortschleuderte, bei dem man gern und willig bliebe.
»Hinauskommen« lautet ja das moderne Wort für dieses Fortwollen,
Fortmüssen.
Ich ersehnte nichts sehnlicher mein Lebenlang, als den zu finden, über den
ich _nicht_ »hinauskäme«. Von dem ich nicht hätte -- wegreisen wollen.
Aber was ich an Menschen erlebte, schleuderte mich fort von ihnen. Wo wäre
ein Mensch, zu dem man sagen könnte, was jener Magier zum Augenblicke
sagen wollte: »Verweile doch! Du bist so schön!«
Einmal einem solchen »Menschen« begegnen und mit ihm verbunden sein,
einmal nichts Häßliches erleben an einem Menschen, und gefeit wäre
ich gegen alle Gefahr, -- gegen alle Versuchung, auf falsche Geleise zu
geraten, wenn ich es einmal nur erlebte!
An einem einzigen Tage bin ich immer mit Menschen fertig geworden. An
einem einzigen, resoluten und resignierenden Schlußtag habe ich mich immer
abwenden und weitergehen müssen -- in Einsamkeit. Und meine Treue blieb
unbelohnt.
* * * * *
Diese Versuchung, ja diese wahrhaftige Versuchung überkam mich öfters.
Diese Versuchung -- abzuschwören den Glauben, mit dem ich geboren war. Zur
wahrhaftigen Renegatin zu werden, aufzuhören zu glauben an mein -- Eiland.
Zu kapitulieren, bevor alle Meere durchkreuzt waren.
Ich war nahe daran abzuschwören, diesen meinen Glauben daran. Und meine
Abschwörungsformel hätte so gelautet: Begnüge Dich mit Oberfläche,
damit du nicht ganz und gar verhungerst. Gib auf Deinen Traum von einem
Eiland irdischer Seeligkeit! Es gibt nicht das, was du dir vorstellst.
Nimm ein bißchen Schönheit, ein bißchen Wärme, wo du sie findest, und
erwarte nichts weiter von denen, denen du in diesem Sinne begegnest.
* * * * *
Was' hab ich Tage, Monate und Jahre verbracht, von denen ich die meisten
verrinnen lassen mußte, sie, die das Leben mit sich führen und es mir
zuströmen sollten, die ich wartend am Ufer stand. Sie verrannen mir,
sie verrieselten im Sand, im Nichts. Und eilig, eilig geht es mit solchen
verschütteten, verrinnenden, versandenden Tagen!
Er strömt dahin auf dem Boden, der kostbare Lebenssaft, der Lebenstropfen,
der _Tag_, und nichts _wird_ durch ihn!
Die traurigsten Zeiten waren das, wo ich die Tage so verströmen sah und
doch nichts, nichts daran ändern konnte! Denn ausgewartet will das sein.
Es gab nichts anderes, als -- warten. Man mußte sich hineinsetzen, die
Hände im Schoß, und warten, warten, ob nicht doch angespült würde von
ihnen, den Tagen, angeschwemmt würde ans Ufer das Erwartete, -- Leben.
* * * * *
Tage gibt es wahrlich, die uns schleifen, wie ich es auf dem ersten dieser
Blätter sagte. Schleifen und verschütten und begraben unter sich selbst.
Sie wälzen sich auf uns und türmen sich da zu Wochen, Monaten, so lange,
bis jene Kraft, welche Grüfte sprengt, auch diese Leichenhaufen toter
Tage, unter denen sie, ein Lebendes, verschüttet ist, abwälzt und aus
ihnen heraufdrängt, in engen Spalten erst, dann immer breiter und breiter,
bis sie nicht mehr zu verdrängen und zu verschütten ist und, erlöst,
sich _über_ den Tag schwingt und ihn zwingt, ihr zu dienen.
* * * * *
Und Jahre vergingen mit dem Sichumsehen. Ich wußte, daß vieles zu
erfahren sei. Aber niemand konnte es mir sagen, übermitteln. Es mußte
eben selbst -- erfahren werden. Man mußte es selbst herausbekommen, das
Geheimnis: Wo der Fuß eigentlich hinzusetzen sei, auf daß man schön und
sicher stehe. Und endlose Gehübungen zu diesem Zwecke! Zickzackwege, von
denen keiner ein Ziel hatte, als das, wieder zurückzuführen auf die --
Linie. Aber die Linie verlängerte sich doch. Und es wurde eine Straße und
man kam doch weiter und weiter auf ihr.
Wanderjahre!
Und allmählich wurde die Linie glatter, direkter.
Wohl denen, die mit dem Ziele zu sich, mit den Wegweisern zu sich
geboren sind! Das _Ideal ihrer Linie_ führt sie, trotz allen
Zickzackgeschlängels, immer wieder -- zu sich.
Aber es gibt solche, deren Wege keine notwendige Biegung zu einer
Hauptlinie haben. Deren Wege in Sackgassen einlaufen, aus denen es kein
Zurück mehr gibt und an deren Mauern sich jene die Köpfe zerschellen.
Oder in die Runde führen, ohne auffindbare, ruhende Ausgangsstelle, ein
narreteiendes Ringelspiel. Oder in Gestrüppe, Klüfte und Höhlen münden.
Oder sich verschlingen und kreuzen, lockend und den armen Läufer zu Tode
hetzend. Betörend und problematisch, ihn immer tiefer verwirrend, --
wie jener fünffach verschlungene Kreuzweg, den, nach buddhistischer
Vorstellung, alle die durchirren müssen, die dem Sakyasohne nicht
nachwandeln -- -- -- oder zu Christus nicht finden.
Wie wild mein Leben doch eigentlich aussieht! Und dabei bin ich eine so
treue, kleine Klette. Immer wenn ich mich zu einer Bindung entschloß,
hatte ich den ehrlichen Wunsch, es möchte für ewig sein. Und ich hielt ja
auch aus, -- ach -- so ewig wie möglich!
* * * * *
Nun habe ich soviel, soviel geplaudert in diesen Blättern.
»Für _wen_ aber führt sie diese Blätter?« Ja, das ist das Geheimnis.
»Wo ist der Freund, von dem sie immer spricht?«
Wo steckt er? Vexierbild. Dreht einmal das Buch um, dreht es nach allen
Seiten, und vielleicht merkt ihr dann, wo er steckt. Vexierbild.
* * * * *
Der Freund kam in das Buch, der Freund kam in das Leben, -- _während_ ich
plauderte. Er trat ein bei mir, und ich merkte es selbst nicht, daß _er_
es sein sollte. Wie hätte ich es denn in diesen Blättern merken lassen
sollen, früher, da ich es doch selbst so spät merkte.
Er trat eines Tages ein und sagte: »Daß ich Sie nun wiedersehe, nach so
vielen Jahren! Wie kommen Sie in diese Stadt? Wie ist es Ihnen ergangen
seit damals, wo ich Sie das erste- und letztemal sah, -- an Ihrem
Hochzeitstage?«
Und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen.
Auch daß ich meine _Stimme_ verloren hätte, erzählte ich ihm. Aber das
wollte er nicht glauben.
Und da er ein Musiker ist und ein Meister -- nahm er sich meiner Stimme an.
Musik kam mir von ihm. Und er rief und lockte die _Stimme_.
Und eines Tages, als mir viel Musik von ihm gekommen war, -- da schien
mir's, als wäre ein Schweres von meiner Brust gewälzt und ein Scharfes
und Stechendes aus meiner Kehle genommen.
Frei und rein erklang der Ton.
Und da sagte er: »Siehst du --«, und aus seinen Augen floß in mich, was
nur mir gehörte, mir ganz allein.
Und dann bat er mich, ein Buch zu führen, und von meinem Leben zu
erzählen. Ihm sollte ich es erzählen, damit meine Stimme ein Ziel hätte.
Bis zu dem Augenblick, wo Chronik und Gegenwart sich berühren, sollte ich
ihm das Buch führen.
Der Augenblick ist da.
Zweiter Teil.
So sicher bin ich meines Wortes, wenn ich es an dich richte. Darum bist
auch du es, an den ich alles schreibe, sage, denke, -- singe. Ohne diese
Richtung zu Dir hätte ich das, was ich da schreibe, nie schreiben können.
Ich hätte den Rhythmus nicht gefunden. Du, du gibst mir Rhythmus und Ton.
Indem mir an dir die Seele mächtig wurde, kam mir die Stimme. Die in der
Kehle und jene andere. Sind sie denn nicht eines?
Dimitri hemmte mir den Ausdruck in der Kehle. Es war sein Unglaube,
verstehst du? Er hat zuviel gezweifelt. Und die Seele wurde in dieser
Mühle des Zweifels formlos.
Du, du gibst ihr -- Form. Form und Ton.
Und das, gerade das will die Seele: Form werden. Das ist ihre Erlösung,
wie der Stimme Erlösung ist, zu tönen, Melodie zu werden.
Form und Ton gibst du mir, ihr!
* * * * *
Dimitris Bildnis nahm ich aus dem Rahmen. In einem Fach des Schreibtisches
hatte ich es liegen, das Bild im Rahmen. Ich wollte ein anderes Bild, ein
Frauenporträt in den Rahmen geben. Aber wie es darin war, schien es mir
ganz trüb und befleckt. Ich putzte und hauchte. Aber es half nichts, das
Glas blieb fleckig, trüb.
Du kamst dazu, als ich es eben putzte. Dimitris Bild lag daneben auf dem
Tisch.
Du kamst dazu.
»Du weinst?«
»Ja, -- es will nicht blank werden, das -- das Glas.«
Und du hast mir geholfen, -- hast den Rahmen angehaucht und das Glas
geputzt.
»Er -- hat es -- getrübt«, sagte ich.
»Ach nein, -- dafür mußt du ihn nicht verantwortlich machen«, sagtest
du mit deiner lieben, deutschen Ernsthaftigkeit.
Und dann putzten wir und hauchten wir -- zusammen.
Du hast mir ja noch ganz anderes getan: Du hast mir ja die Tränen von den
Augen geküßt, die ich um Dimitri geweint.
* * * * *
Als ich dieses Glas putzte am Rahmen und dieses Bild herausnahm, -- da
hatte ich etwas wie Furcht. Hatte er immer Furcht vor _mir_, jetzt habe
ich sie vor ihm. Dieses schmerzdurchwühlte Gesicht, ich kann es nicht
ertragen, es benimmt mir den Atem und erregt mir Beklommenheit.
Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.
Wie sollt' ich's anders meinen?
Dies Bild hatt' ich dem Rahmen längst entnommen,
Ein liebes Frauenantlitz war an seine Statt gekommen,
Und trüb, befleckt will's hinter diesem Glas erscheinen,
Wo deine strengen Augen durchgeglüht.
Wo dieser wilde Blick hineingelodert,
Da ist ein Lebendes daran vermodert.
Wo dieser Stirne Dräuen ward gesehen,
Da mußt' ein Herz in Bangen stille stehen.
Und war einst wie Kristallglas ein Gemüt, --
Dein Bild hat dieses reine Glas getrübt.
Aus diesem Mund ist nie ein Heil geblüht!
Fort mit dem Rahmen, der zu seiner Zeit
Gedient! Fort auf den Schutt: Vergangenheit.
Fort mit dem trüben Glas, fort mit dem toten Rahmen,
Denn ungemahnt nur geht sich's neue Bahnen,
Fort mit dem Bild, das mich mir selbst getrübt!