Eines nur fehlte dieser Welt, damit sie eine wahrhaftige »Welt« sei:

jener geheimnisvolle eingeborene _Ordnungstrieb_, jene _Stimme_, die die

Elemente verteilt, beherrscht und sie in jene Verhältnisse zueinander

bringt, in dem sie eines aus dem andern nehmen, wessen eines aus dem andern

bedarf, bis aus den also _geordneten_ Stoffen ein Bau ward!

* * * * *

In diesen philosophischen Stunden mit Dimitri konnte er sich über eines

nicht genug wundern: über diese sonderbare Wirkung der Philosophie auf

mich! Das Studium der Philosophie, es regte mich immer -- musikalisch an.

Setzte sich mir, fast sofort, in Musikerlebnis um. Je tiefer die Weisheit

war, je heißer und inniger wir hineintauchten, desto mehr wurde mir's zum

-- Singen!

* * * * *

Über Weiningers großes Werk waren wir in besonderem Eifer. »Wie

willst _du_ ihn denn kontrollieren?« sagte er, indem er meine sachlichen

Einwendungen abwehrte.

»Indem ich ihm dort nachgehe, wo sogar ich ihn kontrollieren kann.«

»Wo denn?«

»Am Gerippe, das seinen Bau trägt: am Tatsachengerüst, -- an der

Wahrheit der Tatsache an sich -- der Tatsache: Weib.«

Aber wenn schon meine Argumente gegen den Weininger ihn nur ärgerten,

mußte er doch zugeben, daß manches an meiner Person ihn einigermaßen ~ad

absurdum~ führe.

Eine besondere Verachtung hatte Dimitri für Frauenbücher. Er analysierte

sie mir im Detail. Er legte sie vor uns hin, auf den Tisch, nahm sie vor

und zerfaserte die Worte, die Sätze, die Begriffe.

»Sie haben nicht Ehrfurcht vor der Majestät des _Wortes_. Sie wissen

nicht, was für ein furchtbares Ding das ist: das Wort. Sie gehen damit um,

wie ein Kind, das ahnungslos mit einem Rasiermesser herumspielt. Und, was

das Schlimmste ist: sie haben kein Wissen. Und man merkt's ihren Büchern

an! Wie das alles im Leeren tappt! Und kleine, niedliche Motive haben sie.

Aber gibt es ein Frauenbuch, um ein Problem herum, um ein ewiges und

doch bisher geheimnisvolles Problem? Und so, daß man doch das Zeitliche

rauschen hörte darin? Und Gestalten sähe? Gestalten _und_ Gesichte?

Fleisch _und_ Geist? Wo ist es, dieses Frauenbuch? Ein Frauenbuch,

empfangen in einem besonderen Rhythmus? In einem Rhythmus, der nicht

geplant werden kann, der »kommen« muß? Ein durchaus originäres

Frauenbuch? Ein Frauenbuch, wie es kein zweites gibt?!

Männerbücher kann ich dir genug nennen, wie nur eine einzige Person sie

schaffen konnte, keine zweite. Was Nietzsche gab, was Wagner gab! Ja, was

Frenßen gibt, was Altenberg gibt, was Wilde im Dorian Gray gab! Das sind

Mußbücher, wie es keine zweiten ›ähnlichen‹ gibt. Wo wäre solch ein

Frauenbuch? Über Frauen ›kommt‹ es nicht.«

»Du vergißt, Dimitri, daß doch Frauen -- Priesterinnen waren! Es

›kam‹ über Pythia, es ›kam‹ über Diotima, da sie einen Sokrates

belehren konnte über das Wesen des Eros.«

»Das ist wahr«, sagte er nachdenklich. »Aber seit damals ist es eben

nicht mehr über sie gekommen.«

Ich nannte einen Namen: Lagerlöf.

»Visionen. Wunderbare, unerschöpfliche Visionen. Aber neben _Gesichten_,

die nur einem Einzigen werden, will ich _Gestalten_ sehen, die der Zeit

gehören. Ein Frauenbuch, das hineinträfe mitten ins Herz der Zeit, daß

sie, die Zeit, auflachen und aufweinen müßte darüber, -- wo wäre es,

solch ein Frauenbuch?«

* * * * *

So oder ähnlich, -- ich habe mir die Worte nicht genau gemerkt, -- sprach

Dimitri über Frauenbücher. Ich glaube, es war viel Wahres an dieser

seiner Kritik. Und eine Schriftstellerin, die bisher vielleicht,

ehrfurchtslos wie wilde Kinder, ihre Gefühle explodieren ließ, ohne

abzuwarten, bis das, was aus ihnen stürzte, aus seinem »Henidenstadium«

(o Weininger!) sich zu reinen Begriffen erlöst hatte, solch eine

Schriftstellerin hätte durch Dimitris schonungslose Kritik aufgerüttelt

werden müssen.

Und dann -- dann hätte sie entweder für immer verstummen müssen, --

oder --

Schade, daß ich keine Schriftstellerin bin!

* * * * *

Er, er hatte das Wort! Das einzelne Wort! Jedes einzelne: ein bewußt

herbeigeholter und behauener Quader. Jedes einzelne! Aber -- als ganze

Masse wirkten diese Quader dunkel und lastend, schier dräuend. Und

wuchteten nieder, wie ein Bau, den keine Kuppel, keine Wölbung, keine

_Weitung_ von der Erde erlöst, der sich selbst in den Boden zu drücken

scheint. Das schwerte in Grund und Boden hinein. Auch fehlten diesen Bauten

oft die -- Fenster. Innen war alles solid, gediegen, durchaus anständig

und komplett eingerichtet. Aber die -- Fenster, durch die man hätte

herausblicken können ins Unbegrenzte, ins Freie, ins _andere_, die, ja

die fehlten meistens, wie weiland im Rathause zu Schilda. Dafür waren

Versenkungen da, die sich plötzlich zu den Füßen des ahnungslosen

Besuchers auftaten und ihn angähnten in undurchdringlicher Abgründigkeit.

Beinahe vollendet in ihrer Art waren seine Gedichte Was war es, daß

sie trotzdem bei denen, die für uns in Frage kamen, nicht eine volle

Würdigung finden ließ? Es war, ich glaube, es war der Geist, aus dem

diese Dichtungen kamen. Dieser Geist, der verfallen schien, jenen Mächten

verfallen, die wir in der Fünften Symphonie gehört hatten, gleich in

den Eingangsakten, wo »das Schicksal an die Tür klopft«, wie Beethoven

selbst es nannte. In vier Noten klopft da das Schicksal an die Tür:

[Illustration: Musiknoten]

Dunkle Mächte sprechen durch diese Noten, Mächte, die die _lichte

Lebensstimme_, die beschwörend, beschwichtigend hineinsingt in sie, -- so

süß, ach, so süß, --

[Illustration: Musiknoten]

immer wieder überdröhnen.

Ihnen gehörte er, -- er konnte nicht anders.

* * * * *

Ich brachte ihm ein Buch von Fiona Macleod: Schottische Balladen.

Kein Werk, das uns irgendwie durch seinen Gedanken hätte interessieren

können, aber »geschrieben« war es! Die Kraft der Anschauung, die

reinliche Durchführung der Bilder, neuer, originärer und doch wie

notwendig sich ergebender Bilder, die er an Frauenbüchern immer vermißte,

hier waren sie.

Er las und -- staunte. »Allerdings,« sagte er, »das hätte ich einer

Frau nicht zugetraut! Allerdings.«

* * * * *

Kurze Zeit darauf saßen wir in einem Café. Beide hinter Zeitungen

vergraben. Plötzlich fährt Dimitri, »wie von einer Tarantel gestochen«

(warum soll ich mich nach einem neuen, originäreren Bilde umsehen, da

dieses alte von so anschaulicher Kraft ist?) empor.

»Da, da«, und er reicht mir ein illustriertes Blatt in einem Tempo über

den Tisch, daß ein Wasserglas davor herunterfliegt. »Da, da!«

Was war da?

Da war ein schönes Männerporträt, mit hoher Stirn, klugen Augen und

stattlichem Vollbart und darunter stand: Fiona Macleod.

So etwas von Triumphgeheul habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört!

* * * * *

»Deine Fehler kann ich dir nicht verzeihen!« sagte er. Ja, welche Fehler

waren denn das?

Ich sinne darüber und kann sie jetzt in mir nicht auffinden, und dennoch

weiß ich, daß er nicht ganz unrecht hatte, daß sie wirklich da waren. Es

war, glaube ich, so, daß sein Wesen viel Auflehnung in mir hervorrief. Und

nicht nur indem ich ihm entgegen war, sondern auch, indem ich -- schmiegsam

war, schadete ich mir vor ihm, und wir kamen nicht zu dem gewünschten

Austausch in Harmonie. Daß er selbst jeden Tag ein anderer war, wirkte

auf mich zerstörend und erschütterte den Ausgleich. Fehler war, was

ich gestern gewesen war, um seinem Wesen von gestern zu entsprechen. Als

zerwühlend empfand ich es schon damals triebhaft, -- diesen verwirrenden

Wirbeltanz mitgemacht zu haben.

Warum tat ich's? Wie war es mir denn nur möglich? Ja, warum war es mir, da

ich mit ihm war, nicht anders möglich, als eben so?

* * * * *

Seine »Freundschaft« für Helene wurde nun wieder besonders kräftig.

Dieses Hinschwingen zu ihr, von der er sich doch zu wenden beschlossen

hatte, noch bevor er mich kannte, -- es zeigte so recht seine Not über

die verwirrenden Geschehnisse, sein Leiden an dem unerhörten Vorgang: eine

neue Liebe im Gemüt zu einen -- mit der unterdrückten Liebe zur eigenen

Frau.

Er hatte dort die Kinder, und das mußte tiefe Schmerzen erzeugen -- diese

Trennung von den Kindern und von ihr.

Es hing mit seinem Mangel an Gedächtnis zusammen, Gefühlsgedächtnis

(denn für abstrakte Gedankenketten war sein Gedächtnis sehr stark).

Der Sich-Merkende ist immer der Beherrschende. Der Vergessende -- der

Ausgelieferte.

Gefühlsgedächtnis, eine ganz besondere Sache das. Eng verknüpft mit

Treue. Treue -- eine Kraft der Seele, wie Gedächtnis eine Kraft des

Gehirns. Alles Kraft, Kräfte. Die Seele produziert Treue, lagert sie ab,

als Überschuß eines Gefühles. Überschuß aber setzt Fülle voraus,

Fülle und Sammlung, die festhält, ökonomisch anlegt, nichts verschüttet

und nichts verrieseln läßt. Treue ist _Abgrenzung im Gefühl_, und hier

waren die Grenzen seiner Kraft. Er lebte zu sehr von Theorien.

Ich fand so oft, daß der Intellektualismus die Leute rein blöde mache.

Sie fanden sich nicht mehr zurecht im Theoriengestrüpp. Der Verlorenste

der, der von Theorien lebt. Der in sie hineinlebt! Ein Intellektueller,

bei dem durch den Intellektualismus der »innerste Sinn« nicht gelitten

hätte, dieser Sinn, der von der hohen Instanz der _Gefühle_ dirigiert

wird, ein Intellektueller, der _doch_ vernünftig wäre, -- das war mein

»Ideal«, das ich seit Jahren suchte!

* * * * *

Eines Abends, während er bei mir war, nannte ich -- deinen Namen. Ich

hatte am Vormittag ein Oratorium von dir in der Augustinerkirche gehört.

Und ich erzählte ihm von dir und unserer Bekanntschaft an meinem

Hochzeitstag.

»Ich bin bei dir, ich begehre dich und du -- nennst einen fremden Namen,

einen fremden Männernamen, du -- du! -- -- --«

* * * * *

Er nannte sich oft einen »Lieblosen«. Er irrte sich. Er war kein

Liebloser. Nur ein Ungebärdiger war er. Aber aus dieser seiner

erschreckenden Ungebärdigkeit kam all dieses Zerstörende. Er war

ungebärdig, selbst der Schönheit, dem Glück gegenüber. Wenn

etwas einmal, zweimal, dreimal schön gewesen war, zum Beispiel unser

Zusammensein, nun _mußte_ es anders sein! Er hätte es nicht ertragen,

wenn es heute wieder schön gewesen wäre!

Ach, und man wußte, daß, da es zweimal, dreimal schön gewesen war, es

heute anders sein -- mußte. Ein Ungebärdiger. Seine Unweisheit, seine

Lieblosigkeit, seine Wildheit, alles aus dieser Quelle.

Es hätte so mit mir kommen müssen wie mit -- Helene. Mit mir?

* * * * *

Etwas über drei Monate war ich mit ihm. Vom ersten Bekanntwerden bis zum

letzten Fallen des Vorhangs -- hundert Tage. Und welch' eine Fülle war in

dieser Zuversicht, schon nach drei Wochen. Wie war sie da schon ganz und

gar gewährt.

Waren es denn nicht drei, nein dreißig, nein dreimal dreißig -- Jahre?

Hundert Jahre fühlte ich über mir!

O mein Elba!

Seit wann sind wir hier zusammen? Über ein halbes Jahr ist seit deinem

ersten Besuch verflossen. War es gestern? Es muß gestern gewesen sein.

Ein erster betauter Tag! Und doch: als wäre es immer so gewesen. Hold und

zeitlos ist das, was zwischen uns.

Nur in »wirbelnden Blättern« wahrlich kann ich dir von Dimitri und

meinem Leben mit ihm sprechen, Freund. Keine »Erzählung«, die chronisch

herunterfließt. Unendlich ferne liegt es hinter mir und zittert doch noch

nach ...

* * * * *

Wie ich mich veränderte, sagten mir andere. »Du wirst alt an diesem

Mann«, sagte meine Mutter.

Mein Mund, den er immer »ein wenig geöffnet«, dessen Winkel er immer

»schwebend« sehen wollte, ach, er preßte sich zusammen unter dem, was

aus _seinem_ Munde kam. Und die Mundwinkel, die »schweben« sollten,

sanken -- traurig und vergrämt.

Aufgewühlt von tausend Unsicherheiten, bot er mir nicht genügend

Sicherheit für mein Frauenbedürfen und zu wenig Gewähr. Unsicher

in seinem Inhalt, in allen seinen Ansichten, die sich niemals bis zu

Überzeugungen festigten, unsicher in der Beobachtung, unsicher in seinen

verschiedenen einander so widersprechenden Anschauungen, mischten sich

doch diese verschiedenen Elemente in ihm zu einer Persönlichkeit von

unerhörter Tragik und Gewalt, der niemand die Erkennung versagte und

niemand den Gruß am Weg und die doch noch nicht begnaden konnte, weil

sie noch nicht die ausgleichenden Kräfte der Reife hatte und daher im

augenblicklichen Gefühl zerstob ...

Auch in der äußern Form entbehrte er manches, auch sie entnahm er zu sehr

dem Augenblick, ohne ihre Bedeutung genügend zu würdigen.

Mangel an Sicherheit am Manne ist beängstigend für die Frau. Er hätte

mich mehr beschützen müssen, aber er war zu sehr mit sich selbst

beschäftigt. Und so fühlte ich mich preisgegeben neben ihm und schutzlos.

* * * * *

Er verriet und vergaß seine eigenen Ideale von gestern zu heut. Thmyan,

die Hetäre, Rebekka, die Adelsbezwungene, oder das »süße, kleine,

schlanke Mädchen«, sie waren wütende Rivalinnen um seine, ach so wenig

verläßliche Gunst.

Und ich? Ich hätte mich nachbilden müssen, jedem Tag einem anderen Idol.

Ich gab es auf, die Zahl dieser Rivalinnen zu mehren, um das was -- _ich_

war.

Eine »Herrin«, die sich _nicht_ von ihm zerstören ließe, so sagte er

einmal, wäre sein Ideal.

Ach, ich fürchte, die wird er nicht finden. Wenn eine selbst die

Schönheit einer Venus und das Temperament einer Bajadere hätte -- und

die Heiligkeit einer Büßerin ihr fehlte, so würde er gerade nach dem

fehlenden begehren.

* * * * *

Er war wie bloßliegend allem gegenüber. Was immer er sah, hörte, las,

erfuhr, er war's, den es betraf, ihn ging es an, und unser Verhältnis

wurde daran gemessen. Er sah »Cyprienne«. Und das tänzelnde,

leichtgeschürzte weibliche Element war drei Tage lang sein Ideal. So

etwas, was man »bewachen« müßte.

Er sah Rosmersholm. »Siehst du nicht, daß das wir sind, die da oben?«

fragte er mich im Zwischenakt, und sein »strenges« Gesicht verhieß mir

nichts Gutes. Er, der Adelsmensch, ich, was davon bezwungen werden müßte!

»Siehst du nicht, daß das wir sind?«

Nein ich sah es nicht.

Und er war es wirklich, der das alles war. Alles und -- nichts? Nein. Etwas

immerhin. Viel! Aber -- ohne harte, abgegrenzte, sich behauptende Form. Er

zerfloß nach allen Seiten. »Charakterlos« pflegte er selbst von sich zu

sagen. Nein. Aber gestaltlos, ganz »Inhalt«, ganz »Fülle«, ohne den

geheimnisvollen, eingeborenen, unerwerbbaren _Willen zur Form_.

* * * * *

Wie ohne Hülle war er. Diaphane Seele -- in unendlichen Ausstrahlungen.

Andre wollen umgekehrt: sammeln, begrenzen, abschließen, bergen, festigen.

Und so wollten wir Entgegengesetztes und begegneten uns nur selten.

* * * * *

Was am wenigsten zu ihm zu stimmen schien, war doch da in ihm: sentimental

war er zu Zeiten, pathetisch im Empfinden (nicht im Ausdruck, niemals),

und unbewußt spießerhaft; er, der »Anarchist«. Daß er seine erste Ehe

gelöst hatte, schien ihm eine ungeheuerliche »Tat«. Nicht um alles in

der Welt hätte er sie nicht getan haben mögen, diese Tat. Dennoch legte

er sie tagtäglich auf den immer geheizten Rost seines Gewissens. Er wurde

aber nie fertig mit dem Rösten. Wäre er bei Helene geblieben, mit der

zusammen er schlecht gelebt hatte, mit der er erst einen freundlichen,

erträglichen Ton fand, seit er von ihr fort war und die er in dieser Ehe

zerstört hatte bis an die engsten Wälle ihrer Jugend heran, -- wäre er

bei ihr geblieben, er hätte sein Bleiben nicht minder geröstet wie sein

Gehen.

* * * * *

Ich warf ihm seinen Mangel an Courtoisie vor. Etwas wie eine geheime

Gehässigkeit lag zwischen uns. Wenn er fremde Weiber begutachtete, in

meiner Gegenwart, sagte ich: »Das ist ~mauvais genre~, lieber Dimitri,«

ich sagte es sehr sanft, »durchaus ~mauvais genre~.«

Ich wußte, es konnte ihn nichts mehr ärgern, als wenn ich ihm auf diese

Weise weltlich kam. Und nicht genug daran, fügte ich hinzu: »Giorgio,

zum Beispiel, würde das in meiner Gegenwart nie tun. Obwohl er mein Bruder

ist. Es zeigt, nun wie soll ich sagen, es zeigt eben, daß, daß man nicht

von -- Familie ist, ich meine, so etwas, diese Art von Courtoisie, sitzt

eben im Blut.«

Er warf mir einen Blick zu, -- wenn Blicke töten könnten! Aber,

suggestibel wie er war, hatte er von Stund an Respekt vor meinem --

Geblüt.

* * * * *

Immer »angreifen« mußte er. Was ein Ding _nicht_ war, wußte er

am ehesten davon auszusagen. »Nichts behält neben ihm den eigenen,

unbedingten Wert«, sagt Möricke vom »Sehrmann«. Und immer, immer wollte

und brauchte er »Auseinandersetzungen«. »Intensiv« sein, nannte er

dieses Herumwühlen in dem -- Innersten der Seele. In Wahrheit war es eine,

wie ich glaube, übermäßige Gereiztheit, die alle diese Szenen entlud.

Er bohrte in der Seele, daß keine Faser darin heil blieb.

Er kannte kein anderes Thema, als den »Abgrund des Subjektes« (Goethe).

Jene Gegend, die, meiner Meinung nach, der Künstler beschützen muß vor

sich selbst, will er nicht erleben, was jener dreiste Jüngling zu Sais

erlebte, was Faust bei den »Müttern« erlebte!

Im Abgrund des Subjektes wohnt, was das Symbol zerstört. »Alles

Vergängliche ist nur Gleichnis.« Ist aber die Macht zum Symbol gebrochen,

dann fahr' wohl, Kunst!

»Alle Kunst ist Oberfläche, Symbol!« sprach ein anderer, Wilde. Ein

tiefes Wahrwort. Darin, daß wir jede Erscheinung nur durch die Kraft eines

Gleichnisses, eines Bildes (also immer wieder nur durch Vergleich mit einem

anderen Ding) dichterisch sinnfällig, anschaulich gestalten können, darin

liegt ein Hinweis, daß wir dem Ding selbst nur durch Spiegelung seiner

Oberfläche, von allen ihren zahlreichen Seiten, nahekommen können.

Darum wird alle Kunst und alle Weltanschauung, die »tiefer« dringen will,

als zum Symbol, im Irrsinn scheitern. Der Mensch muß sein Selbst schützen

vor sich selbst!

Das wollte er nimmermehr begreifen. Das heißt, theoretisch begriff er es

wohl. Aber praktisch ging es ihm nicht ein. Der Abgrund des Subjektes war

sein täglicher Hausspaziergang und ich auf diesem anstrengenden Pfad seine

Begleiterin.

* * * * *

Ich weiß von Straßenszenen sogar, wo er bohrte und wühlte und ich laut

schluchzend neben ihm ging.

Und es ging weiter, unbeschreiblich, unfaßbar für solche, die so etwas

nicht erlebt haben.

Zu Hause angelangt, fiel ich dann erschöpft aufs Sofa. Er deckte mich mit

einer Decke zu, legte mir einen Polster unter den Kopf und bereitete Tee,

den er mir aufnötigte. Dann setzte er sich neben mich und spielte ganz

leise, pianissimo, oft auch nur mit zupfenden Griffen (ohne Bogen, wie

Mandoline), auf der Fiedel. Blaß und schmerzverwühlt war sein Gesicht.

Seine blauen Augen schienen unnatürlich groß und flackerten dunkel.

Keiner von uns beiden hätte das Substrat des »Streites«, der

aufwühlenden Szene, zu sagen gewußt.

Ich lag wortlos und stöhnte nur manchmal leise. Er saß und zupfte die

Fiedel, pianissimo.

Solches haben wir erlebt miteinander, Dimitri Gruschk und ich.

Stunden vergingen so ...

* * * * *

Eines Tages kam er: »Sprich nicht, -- deine Worte sind umsonst! Schau

nicht, -- deine Blicke sind umsonst! Ich bin leer, leer.«

Ich saß verzweifelt. Das Unglück, das über uns geschwebt hatte, war also

richtig hereingebrochen: Er war »leer«. Wie sollte ich ihn »füllen«?

Unmöglichkeit.

Um diese Zeit erhielt Dimitri einen Brief von seiner Schwester, die in

Zürich Medizin studierte. Eine Kollegin von ihr, eine Russin, kam auf

der Durchreise nach der Heimat nach Wien und hatte hier eine

Erbschaftsangelegenheit zu ordnen. Dimitri sollte ihr mit Rat und Tat

beistehen.

Die Dame kam und nahm Dimitri so sehr in Anspruch, daß er manchmal nur

auf einen Sprung zu mir kommen konnte. Als Jurist konnte er ihr in ihrer

Angelegenheit sehr dienlich sein. Aber auch »als Mensch« brauchte sie

ihn, wie er mir sagte.

So oft ich ihn in diesen Tagen traf, fand ich die russische Studentin in

lebhafter Konferenz mit Dimitri.

Er hatte ihr Unterkunft besorgt und kümmerte sich überhaupt sehr

freundschaftlich um sie. Er habe eine wahre Verehrung für dieses Mädchen,

sagte er mir. Er hätte nie gedacht, daß eine Frau ein so »moralisch

leidender« Mensch sein könne. Ihr intellektueller Horizont sei begrenzt.

Aber die »Moral« sei ihr »Problem geworden«, wie er dies nur bei

Männern für möglich gehalten. _Sie_ verstehe, was es heiße, »an sich

selbst schuldig werden«. Sie war ein »Adelsmensch«.

Ich konnte dieser Meinung gegenüber keinerlei Kritik üben, denn mir

gegenüber gab sie sich ja nicht zu erkennen.

* * * * *

Wie er mir zuzeiten die »Hetäre« als das wahre Idol für die Sehnsucht

des Mannes hinstellte, so nun, seit diese Dame aufgetaucht war, das im

Weibe verkörperte »ethische« Prinzip.

Er erzählte mir ihre Aussprüche. Nur ein »hochstehender« Mann könnte

für sie in Frage kommen, hätte sie gesagt. Und gleichzeitig hätte sie

hinzugefügt: ob sie einem solchen Mann wohl intellektuell und moralisch

genügen könnte? Sie habe sich darauf gefaßt gemacht, »einsam« zu

bleiben, weil sie nicht »besser« sei!

_Und Dimitri sagte_: »Hast du dich jemals gefragt, ob du einem solchen

Manne genügen könntest?! Hast du dich jemals bemüht, _besser_ zu

sein?!«

Er sagte es, sagte es wörtlich, Johannes, du, für den ich diese Blätter

schreibe!

Er sagte es wörtlich, Johannes!

Der Schweiß bricht mir aus, da ich diese Zeilen schreibe. Mein Gesicht

ist über und über bedeckt davon. Meine Hand zittert, -- ich kann nicht

weiterschreiben für heute.

* * * * *

Unter meinen Freunden befand sich auch ein Schauspieler, der von Zeit zu

Zeit öffentliche Vortragsabende veranstaltete, an denen man sicher sein

konnte, eine edle Auswahl dichterischer Produkte vorgeführt zu erhalten.

In dem Geschäfts- und Snobgetriebe der Literaturhyänen der Großstadt

bildeten diese Abende eine Insel. Besonders für Verbreitung und

Verständnis der _Lyrik_ tat dieser Künstler viel. Er sprach auch oft

mit Dimitri und mir über das Wesen der Lyrik, dieser, nach der

Musik unmittelbarsten Ausdrucksform des geheimnisvollen Vorgangs der

_künstlerischen Exstase_, -- _der Stimme_.

Er lehrte uns, eine gereimte Mache von wirklicher und notwendiger Poesie

unterscheiden. Und an solchen _echten_ Produkten nicht vorüberzugehen, wie

jene Sorte von Lesern zu tun pflegt, die ein Kunstwerk zu sich nimmt wie

ein Glas Bier und weiterhastet. Verweilen, erkennen heißt erst genießen.

In der echten Lyrik sei von absichtlicher Reimerei nichts zu verspüren.

Frei und doch notwendig finden sich die Verse zueinander, ohne daß

Umstellungen, Inversionen, Gewalttaten am Satzbau dem Reim zuliebe

notwendig wären. Es fließt dahin wie edle Prosa und doch nicht Prosa.

Neue starke, seltsame Bilder tauchen auf, der Begriff ist aufgelöst in

lauter Anschauung. Ein bloßes Wortgebimmel, und bimmelte es noch so glatt,

macht aber noch kein Gedicht: der tiefe Gedanke erst läßt es berechtigt

erscheinen. So scheinbar frei die Form, so eisern doch die gedankliche

Logik jedes Satzes, jeder Strophe, des Ganzen. Erst diese Logik verleiht

jedem Bilde _Macht_. Die Harmonie der Form strömt aus der des Inhaltes,

es »bimmelt« nicht nur, es hat auch Sinn, hat tiefen, klaren Sinn und

bimmelt doch leicht und lieblich -- und geheimnisvoll. Und er demonstrierte

diese Analyse an klassischen lyrischen Produkten.

Diese lyrische Bewußtheit suchte er dem Publikum zu vermitteln. Erst dann

könne es ermessen, was ein Gedicht bedeutet, was der, der es erschuf,

darin niedergelegt hat. Wissend trinken, das ist der Genuß.

Dieser Künstler interessierte sich sehr für Dimitris Gedichte. Ich selbst

hatte niemals ein Gedicht gemacht.

* * * * *

Wir hatten zwei Billette zu einem solchen lyrischen Abend erhalten. Dimitri

kam, mich abzuholen. Er teilte mir mit, er habe sein Billett der Russin

abgetreten, er selbst werde sich ein anderes an der Kasse besorgen. Im

Saale würden wir sie treffen. Ich fragte, warum sie nicht mit ihm gekommen

sei, mich abzuholen.

»Sie -- sie findet keinen Kontakt mit dir.«

»So.«

Ich sah im Spiegel meine Augen und fand in ihnen den Blick, den Helene

hatte.

* * * * *

In der Pause, nach der ersten Hälfte des Abends, sprachen wir den

Vortragenden im Künstlerzimmer. Wir hatten einander mehrere Wochen

nicht gesehen. Er erkannte mich im ersten Augenblick nicht. Er sah mich

schweigend an, dann sagte er: »Wenn man wissen will, was Zerstörung ist,

so braucht man nur Sie anzusehen.« Und er warf einen zornigen Blick auf

Dimitri.

Peinliches Schweigen. Der sonst so höfliche Mann war unhöflich gewesen.

Endlich fand man einige Worte zum Thema des Abends.

Ich verlor, glaube ich, seine Freundschaft, weil er mich zerstört sah. Wie

kann man sich so nur blicken lassen, -- mag er sich wohl gedacht haben.

* * * * *

Die Stimme: Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe. · 第 5 / 12 段