Die Gesichter rot. Mir schien es, als suche die Stimme ~Dr.~ Gruschks
einzig mein Ohr. Aristophanes, Alkibiades waren übertrumpft. Zu _Diotima_
drang die große Not: Priesterin, -- was weißt du zu sagen? Eros -- Dämon
-- Gott? --
Peterka kam mit dem Lindenblütentee.
* * * * *
Am nächsten Abend besuchte mich ~Dr.~ Gruschk. Er hatte seine Geige
mitgebracht. Er spielte. Ich sang.
Spät nachts ging er nach Hause. Er erwartete mich am nächsten Abend bei
sich.
Ich nahm mir vor, nicht hinzugehen, und teilte ihm das am Vormittag durch
eine Rohrpostkarte mit. Am Nachmittag sandte ich eine andere, ich käme
dennoch. Am Abend war ich entschlossen, auf keinen Fall hinzugehen und
kleidete mich fürs Theater an. Ich ließ einen Wagen holen und fuhr zur
Oper. Als der Wagen da vorfuhr, beugte ich mich aus dem Fenster und rief
dem Kutscher die Adresse von ~Dr.~ Gruschks Wohnung zu.
Er erwartete mich wie einer, der lange gehungert hat. -- -- --
Und ich? Ich hatte Jahre hinter mir, in denen ich in einer Wüste gelebt
hatte.
* * * * *
Das Sonderbarste war, daß Dimitri -- er hieß Zdenko Dimitri, dankte diese
beiden Namen einem slovenischen Vater und einer russischen Mutter und wurde
von allen anderen Zdenko genannt, -- das Sonderbarste war, daß er durchaus
heiraten wollte. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Auch Yussuff hatte ja
kein »Abenteuer« mit mir gesucht. »~Je ne veux pas te posséder, je veux
_t'avoir_~«, hatte er gesagt, als wir uns verlobten.
Auch Dimitri wollte mich »haben«. Ich sagte ihm, er täusche sich
über sich selbst. Die Unbequemlichkeit des Nachhausegehens, die vielen
»Sperrsechser«, das alles verlocke ihn zum Heiraten. Er gab mir recht.
Aber seien das nicht die zwingendsten Gründe dazu?
* * * * *
Ehe ich mich recht besann, wie mir geschah, war ich zum zweitenmal
verheiratet.
* * * * *
Es blieb bei der getrennten Menage und der doppelten Wohnung. Ich behielt
die meine, er sein mehr als dürftiges Zimmer. Er wollte es nicht anders,
da er weniger hatte als ich und an meinem »Sichern« nicht teilnehmen
wollte. Er war ungemein stolz in diesem Punkt.
Ich sagte ihm immer: »Ich würde mich überschütten lassen, ich würde
dich ausbeuten, wenn du reich wärst!«
Dann war er zufrieden und nahm leichteren Herzens die Tasse Tee bei mir.
Aber wahr war's nicht; ich sagte es nur, weil er so arm war.
* * * * *
Dimitris erste Frau, Helene, war eine junge, ernsthafte Person.
Eine gewaltige Stirn hatte diese Frau. Eine Stirn, die sich hoch über
den Augenbrauen wölbte, dann mit einem einzigen mächtigen Ruck sich
zurückbog. Erfinder stelle ich mir mit einer solchen Stirn vor. Sie war,
von innerstem Beruf, Naturforscherin. Hatte Physik studiert, bevor sie sich
mit Dimitri verheiratet hatte. Er war zweiundzwanzig gewesen, sie achtzehn.
Dann waren sie hinuntergezogen nach Slavonien, wie in eine Verbannung.
Weil er da gleich Konzipist wurde, während man hier »oben« jahrelang auf
Ernennung warten mußte.
Sechs Jahre hatten sie da gelebt. Sie hatte zuviel Kinder geboren in dieser
Zeit. Zwei waren nicht ausgetragen worden, drei lebten. Er hatte seine
Prüfungen gemacht, um Brot gerackert und die Unruhe in seinem Kopf war von
der Faust des Erwerbszwanges niedergedrückt und scheinbar niedergehalten
worden. Da lag sie, geduckt, gehemmt, sprungbereit. An einander aufgerieben
hatten sich diese beiden.
Dann wurden sie vom Vater der Frau nach Wien gerufen. Eine andere Existenz
winkte. So kamen sie los von da unten.
Der Blick dieser Augen, unter solcher Stirn, war mir seltsam und
schmerzlich: dieser arme verschreckte Blick. Doppelt bange wirkte er, da er
hier an einer Frau von ganz selbständiger Persönlichkeit zu finden
war, an einer Emanzipierten eigentlich, nicht etwa an einem hilflosen,
schwächlichen, anlehnungsbedürftigen kleinen Frauenzimmer. Eine latente
Angst vor wilden Griffen war in diesem Blick.
Als sie beide in Wien waren, hatten sie sich geschieden. »In Frieden«. Er
wollte frei sein. Und sie war -- weise.
Ich muß gestehen, daß mir dieses grandiose, dieses absolute Laufenlassen
nicht wenig imponierte. So anscheinend tragödienlos, so ohne Szenen,
Tränen, Jammer. Freilich sah ich es in dem Stadium, wo sie, Helene, eben
schon da angelangt war. Vorher -- mag es Szenen, Tränen und Jammer genug
gegeben haben.
»Ich kann ihr nichts mehr anhaben, ihr nichts antun,« sagte Dimitri,
»und das ist mir ein wunderbar angenehmer Gedanke und macht mir jetzt den
Verkehr mit ihr zur reinen Seligkeit.«
Er hatte recht. Volle Berechtigung hatte er zu diesem wunderbar angenehmen
Gedanken. Er konnte ihr nichts mehr anhaben. Ihr nichts mehr antun. Denn er
hatte ihr schon alles angetan.
Sie nahm mich auf wie eine Freundin. Dimitri, sie nannte ihn Zdenko, war
der Vater ihrer Kinder. Nun gehörten wir alle drei zusammen.
Ich wunderte mich nur über die sonderbare Verschiedenheit dieser drei
Kinder: niemand hätte sie für Geschwister gehalten. (Das soll so sein,
wenn die elterlichen Elemente allzu verschieden sind.) Elias war ein
weißblonder Cherub, Ludo ein dicker, kleiner, brauner Bär und Zora ein
schwarzes Mäuschen mit wunderbar blanken Äuglein.
* * * * *
Er besuchte mich täglich. Er kam gewöhnlich spät nachmittags. Bis dahin
arbeitete er, oder suchte zu arbeiten. Der Abend sollte uns gehören.
Seine Art, ein Gespräch zu führen, war eine fast feindselige. Er warf
Spieße, Lanzen, Keulen.
In der ersten Zeit unserer Verbindung trat das Aggressive seines Wesens
zurück. Doch das dauerte nicht lange. Dann hatte er sich -- gewöhnt.
Er »gewöhnte« sich gleich an alles. Obwohl Künstler durch und durch,
hatte er mehr die schwebenden Elemente als die beharrenden in sich. Der
Künstler gewöhnt sich nie und an nichts. Der Stephansturm -- er sieht ihn
immer wieder das erstemal. Er staunt und schaut und _sieht_. Dimitri
ward alles, was ihn entzückte, erregte, entflammte, allzubald
selbstverständlich. »Ich _seh'_ nichts«, war eine seiner
Lieblingsredensarten. »Ich bin _leer_.« Und ich »füllte« ihn. Aber,
ach, alles rann blitzesgeschwind durch ihn hindurch! Man hatte immer das
Gefühl, es sei zu schnell entwichen.
Voll Überschwang war er, wenn er arbeitete, und voll Haß gegen alles,
wenn er es nicht konnte.
»Wenn ich unproduktiv bin, werde ich immer _dich_ angreifen, als das, was
mir trotzdem wohltut.«
Und das hat er redlich gehalten. Angefallen hat er mich oft. Zuzeiten war
er wie überfüllt von gereizten Gefühlen und sagte dann am andern Tag:
»Warum waren wir eigentlich gestern -- im Widerstreit?«
Und ich, mit meinem Fanatismus des Gerechtwerdenwollens, nahm das alles
ernst, beantwortete seine »Angriffe« -- sachlich!
Mir ist, als täte ich manchmal etwas in meiner eigenen Abwesenheit, fast
wie hinter meinem Rücken.
* * * * *
Dimitris Lieblingsworte waren so sehr charakteristisch für ihn:
»Angreifen«. »Mich füllen«. »Sie leeren mich aus«. »Entwurzeln«.
Entwurzeln. Warum habe ich dieses Wort nie von dir gehört? Entwurzeln:
Maulwurfsarbeit.
In jedes Menschen Wurzeln bohrte er sich wahrlich hinein. Er verachtete
alles, was Menschen ersonnen haben, um dieses, ihr Wurzelhaftes, vor
einander zu schützen, als »konventionell«.
Ich überließ ihn schrankenlos seiner eigenen Natur. Ich wollte ihn ja
kennen lernen. Ich war hinein_gestürzt_ in diese Gemeinschaft. Nun war ich
darin. Und alles, was ich tun konnte, war, -- sehen, was daraus wurde.
* * * * *
Ist ein Liebesverhältnis das, -- was der Mann daraus macht? Nein: was die
Frau daraus macht. Aber das ist das, was der Mann _ist_. Denn die Frau kann
nichts anderes daraus machen, als das, was ihm gemäß ist.
* * * * *
Das Sonderbare war, daß mir nach und nach meine _Stimme_ verloren ging.
Wenn ich sah, wie er dasaß, immer bereit zum »Angriff«, war mir, als
würgte mich eine Hand an der Kehle. Mein Gesicht wurde eine Grimasse, die
Hand, die spielen wollte, zitterte, daß sie schrille Mißgriffe beging,
und ein dilettantenhaftes Geklimper, als Begleitung zum Gesang, war alles,
was ich ihr abzwang. Und die Stimme verlor ihre Farbe, ihre Kraft, ihren
Mut.
Dennoch zwang ich mich und versuchte es immer wieder, besonders wenn er
nicht da war. Dachte ich aber auch nur an ihn, war's aus.
* * * * *
Dieses unaufhörliche Im-Kopf-Umherwälzen der Divergenzen, die man
mit einem Menschen hat, dieses Memorieren der Reden und Gegenreden, die
»gehalten« wurden, dieses Vorbereiten auf neue Angriffe, diese Sorge,
Unruhe und Qual, die aus diesem Wust von Kampf und Gier erwächst, das
alles verschüttet die _Stimme_, wie nichts sonst auf der Welt. Keinen
Gedanken kann man fassen, der unbeeinflußt wäre von dieser Krankheit (so
kann man es fast nennen), die einen da befallen hat, zu keinem Ding sich
freien Sinnes hinwenden, keinen Ton seiner Seele entringen, der stark und
rein wäre.
Das Merkzeichen eines glücklichen Verhältnisses, das Merkzeichen, daß
man an den »Richtigen« gekommen ist, daß alles so ist in der Liebe, wie
es ihrer _Idee_ entspricht, ist: daß die Gedanken an ihn, den man
liebt, einen nicht verschlingen. Man »stellt vor« (sich und ihn)
in Anschauungen, aber man »denkt« nicht an ihn in Theorien. Er
»beschäftigt« einen nicht, in dem Sinn, daß die produktiven Energien
davon aufgezehrt würden. Man wendet sich, im Gegenteil, von einem
feurig-freudigen Lebensgefühl durchtränkt, seiner Arbeit zu, beschäftigt
sich mit _ihr_ und trägt _ihn_ dabei tief und fest im Gemüt. Und die
»Stimmen« springen auf.
Das war meine Insel, meine Insel der irdisch Seligen, meine »Heimat«, von
der ich immer träumte!
Messianisch ist das Wirken der Liebe. Und ihr Erlösertum besteht darin,
daß einer dem andern die Spannung löst, diese Spannung seines eigenen
isolierten Selbst. Und daran erkennt man den falschen Messias: daß der
diese Spannung _nicht_ löst.
Du bist die Ruh', du bist der Friede! -- spricht die erlöste Liebe.
* * * * *
Er, -- er »beschäftigte« mich. Er »füllte« mich. Mit Hangen, Bangen,
Sorgen, Kombinationen, mit seiner ganzen Person füllte er mich, daß
nichts anderes mehr in mir sich rühren und regen konnte. Immer wenn er
wegging, ließ er etwas zurück, was Sorgen und Schmerzen machte und mit
dessen »Erwägung«, besser gesagt Verschluckung und Verdauung ich bis zum
nächsten Tag, wo er wiederkam, reichlich zu tun hatte.
Er »füllte« mich mit sich, -- daß ich mir selbst abhanden kam, ob
dieser »Fülle«.
* * * * *
Er wechselte jeden Tag die Gestalt und zwang mich, sie mit zu wechseln.
Läßt es sich ermessen, das Gräßliche? Es ist dies die reine »Idee«
der Zerstörung: eine Seele will Form werden, und eine andre Hand preßt
sie immer wieder in eine andere Biegung. Und sie läßt sich biegen, eine
Zeitlang wenigstens, bis ihre ureigenste Gravitation nicht übermächtig
geworden ist. Sie hat ja Ansätze zu _allem_ in sich, so eine Seele,
Verwandlungskräfte. Die zu mißbrauchen, irrezuleiten, sie durcheinander
zu brauen, in wüster Hexenküche, ist ein wahrhaftiges Teufelswerk.
Diese »Spannung«, -- _wie_ wird er heute kommen, -- fraß meine ganze
Zeit und meine ganze Kraft. Noch heute ist es mir in der Erinnerung.
* * * * *
Wie erwürgt war ich. Er ermunterte mich »sing', sing'«. Nicht einen Ton
konnte ich _singen_, -- wie ich ja auch kaum die Kraft fand, auch nur einen
Brief zu schreiben. Was ich zu singen versuchte, war heiser, holprig, ein
armes Gekrächze.
Anfangs, bevor ich ganz stimmlos wurde an ihm, hörte auch er meine Stimme
gern.
Er beobachtete dieses ihr Verklingen und Versagen.
»Du hast keine Kraft«, sagte er.
Nein, ich hatte keine Kraft.
Etwas, irgendein vampirartig gefräßiges Etwas, fraß und sog an meiner
Kraft, meiner Stimme. Wie man dies Ding zu nennen habe, erfuhr ich erst --
später.
* * * * *
Eine gewisse Sorte von »Adelsmenschen« war es, die er als Gegensatz zu
der »mondänen« Gesellschaft hoch pries.
Wenn solche Elemente auftauchten, so gab es nur _ein_ beherrschendes Wort
bei uns: »Sünde«. »Aber das verstehst du so wenig wie die Sprache des
Zambesinegers«, sagte er in seiner wenig liebevollen Art. »Eine Frau
fühlt sich nie schuldig, außer etwa in erotischen Dingen. Sünde,
Gewissen, -- was wißt _ihr_ davon?«
»Sünde« war in solchen Zeiten, wo er mit jenen Adelsmenschen verkehrte,
die jeden verachteten, der geputzte Nägel hatte, Sünde war zum Beispiel
»die Art, wie du durch ein Zimmer gehst, wie du die Schleppe deiner
Hauskleider über den Teppich schleifen läßt, wie du in einen Fauteuil
sinkst! Sie entzückt mich ja eigentlich, diese deine Art, aber das eben
ist das Schlimme: dieses mondäne, profane Element in deinem und meinem
Wesen!«
Ich war da ganz Sündenpfuhl in seinen Augen: »Das korrumpiert mich!«
(Korrumpieren war das zweite Zambesinegerwort.)
Zuzeiten konnte er wieder nicht genug von dem kriegen, was ihn angeblich
»korrumpierte«, wenn mir auch gar nicht zumute war, es ihm zu spenden.
Heute sollte ich »Hetäre« sein, -- morgen als Frau Diogenes in die Tonne
ziehen.
* * * * *
Wenn er seinen »heiligen« Tag hatte, merkte ich ihm das schon beim
Betreten meiner Wohnung an. Er sah sich dann mit grimmigen Augen um: »Du
würdest in Schmach und Schande vergehen, wenn du wüßtest, wie abhängig
du bist von all diesen Dingen da!«
Und er spie (innerlich!) auf meinen weichen Teppich, spie auf meinen
Toilettetisch, und spie dreimal auf meine Ottomane. -- -- --
* * * * *
Nur das Notwendige sei das Erlaubte, sagte er, und betrachtete mit
finsterer Miene meinen Toilettetisch.
»Nun, mir als Frau ist alles, was du da auf dem Toilettetisch siehst, eben
das Notwendige.«
»Warum?«
»Weil ich nicht in der Wüste lebe, nicht allein lebe, sondern mit dir.«
»Nun und?«
»Nun und, soferne du das, was in der Ehe geschieht, überhaupt für
notwendig hältst --«
»Und? Was hat das mit deinem Toilettetisch zu tun?«
»Nun, der enthält doch die Utensilien, mit denen ich meinen Körper
pflege.«
»Und demnach pflegst du ihn, -- um Leidenschaften zu erregen, nicht
wahr?«
»Nicht allein deswegen. Aber auch.«
»Und Leidenschaften zu erregen ist notwendig?«
»Gewiß. Weil ohne sie jener Akt, der da zur Erhaltung der Gattung nicht
ganz entbehrlich sein soll, einfach nicht -- zustande käme.«
Er schwieg. Dann murmelte er nach einer Weile vor sich hin: »Das Weib muß
reizend sein, -- gewiß.«
Nur auf solchen theoretisch abstrakten Umwegen kam er zu dem, was andere,
heil Geborene, im Blute haben.
* * * * *
Abhängigkeit! Alles was vom Wesen der Liebe war, nannte er
»Abhängigkeit, hängen«. Ich bewies ihm, daß man in diesem seinem Sinne
schon abhängig würde, wenn man sich einem Blumenstrauß zuwendete.
»Richtig, richtig. Wenn man hängt am Blumenstrauß, gerät man in
Abhängigkeit!«
Wenn er auf diese Weise oft stundenlang in mir herumbohrte, mir Tränen des
stummen Zorns in die Augen trieb und ich ein Gefühl hatte, als würde mir
Gift ins Blut gespritzt, konnte ich mir sagen, -- mein Gott, wohin bin ich
geraten!
* * * * *
Seltsame und für ihn tief bezeichnende Redensarten hatte er:
»Ich weiß nicht, was es ist, -- ob ich liebe oder hasse.« Oder: »Ich
muß es zerschlagen, -- um zu sehen, was drin ist«, wie ein Kind sein
Spielzeug. »Nicht hinüberziehen!« sagte er scharf, wenn ich einen
Versuch machte, einen werdenden Konflikt zu verhüten. »In alles
hineinblicken, alles auseinanderlegen und dann -- von frischem aufbauen!«
Das war seine Maxime. Und diese Art von Verkehr entsetzte mich! Wie ein
Fabelwesen kam er mir vor, das dann, wenn es alles getan hat, was es als
solches tun muß und die Glocke eins schlägt, -- sich umwandelt in einen
liebenswürdigen Prinzen.
Oft mußte ich auch an den Golem denken, den Lehmdiener des Wunderrabbi,
der zu rasen anfing, weil der Rabbi vergaß, ihm am Sabbat das heilige
Gotteswort aus dem Munde zu nehmen.
* * * * *
Sanft, sanft, sanft! Wehe den Unsanften! Fluchbringer sind sie, die das
zarte Instrument Seele zerrütten. Kein Heil kann durch grobe Worte kommen.
»Ich fange an,« sagte er, »dich zu -- hassen. Für diese deine Güte. Du
hast mich enttäuscht. Du erschienst mir, als ich dich kennen lernte, wie
ein wunderbar wildes, gefährliches Liebestier. Aber daß du dabei das Herz
eines Engels hast, das dachte ich mir nicht. Ich hoffte, du würdest mich
vernichten. Aber du würdest dich eher von mir vernichten lassen, als mir
auch nur ein Haar krümmen!«
»Ich -- verstehe nicht. Was heißt das alles?«
Finster blickte er mich an: »Du kannst mich nicht -- erlösen, du -- du --
Engel!«
Ich verstand ihn damals nicht. Ich zuckte nur unter diesen furchtbaren
Griffen. Erst zum Schluß unserer Freundschaft -- am letzten Tag --
verstand ich.
* * * * *
Wenn er nicht hatte, was er eigentlich mochte, dann sprach er die Sprache
der »Askese«. »Einsam sein, Wüste« usw. Bot sich ihm aber Gelegenheit,
seine Einsamkeit und Wüste mit menschlichem Verkehr zu vertauschen, so zog
ihn die fremde Natur so sehr an, daß er wieder das Beharrende vergaß.
Er nannte eine heitere Zimmereinrichtung »verdächtig«. Meine Ottomane
betitelte er innerlich wahrscheinlich einen Sündenpfuhl. Meine Art zu
essen fand er »mondäne«.
Und doch hatte er den ausgesprochenen Trieb zum normalen irdischen
Wohlleben.
Dimitri -- Du bist mir erschienen, wie ein unirdischer Halbgott!
Weib ist gleich Genuß -- und Feindschaft dem Genuß! war zuzeiten seine
Devise. Und dabei hatte er doch diese Neugier, -- Gier nach Neuem -- allem
Frauenvolk gegenüber. Er hätte sie alle verspeisen mögen.
Und später, in der anderen, der »heiligen« Stimmung: der strafende
Prophet mit dem Flammenschwert und dem Donnerwort.
Keine Heuchelei seinerseits lag vor. Nichts lag ihm ferner. Ein
Doppelgesicht hatte er, ein Janusgesicht, vor dem mir anfing zu -- grauen.
* * * * *
Zu grauen begann mir vor dieser in die Seele hineingewühlten Natur, die
alles nur aus _sich_ herausholte, in sich wieder zurückführte, in sich
nur ging, und zu wenig im äußern Anschauen ruhte.
Erlösung: Eingehen ins Objekt. Es ist der Einzug in die Natur:
erlebter Pantheismus. Ichsucht: verhängnisvollster Fetischismus. Zuviel
Selbstanschauung -- keine Weltanschauung, das trifft gewöhnlich zusammen.
* * * * *
Ich fühlte dunkel: man nahm ihn eigentlich zu ernst; ich vor allem. Man
hätte über vieles hinweggehen müssen. Aber so schonungslos er in
seiner Kritik anderen gegenüber war, so sehr es ihn trieb, ins Innerste
hineinzuleuchten, für seine Person liebte er das nicht. Wenn ein scharfes
Wort zu ihm flog, er erbleichte, wandte sich ab (für den Moment), um sich
meist nachher, zu neuem »Angriff« vorzubereiten. Und immer war die Art
seines »Angriffes« so -- interessant, daß man gespannt hinhorchte, wenn
es auch in den Nerven stach und brannte. Und wenn man nicht darauf einging,
litt er drunter, »Du hast kein objektives Urteil, du verwandelst dich
in eine feindliche Festung, du bist ein platter Mensch« -- war dann sein
Refrain. Und ich wollte ja Verständnis mit ihm, Übereinkommen, Frieden,
Frieden!
Was hörte ich doch täglich von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts
alles an! Mit erstaunlicher Geduld, erstaunlichem Interesse, erstaunlichem
Ernst.
Meine gute Mutter pflegt ein Lied zu summen:
»Und der Himmel voller Huld
Hört das alles mit Geduld!«
* * * * *
Alles, was er sah, las, hörte, nahm er buchstäblich ernst. Wie ein Kind
erschien er mir manchmal, wie ein unersättliches Kind. -- Alles, dem er
eben begegnete, war das Wahre. Allzu schnell gab er sich hin. Auch an ganze
Kreise. Gestern noch in Wüstenstimmung und mit tiefer Verachtung für
alles »Profane«, erzählte er heute, mit hartem Nachdruck mir gegenüber,
von der Art des Fräulein X. Y. »Diese _voraussetzungslose_ Art, sich
hinzugeben, heute dem, morgen jenem, immer ihrem Impulse folgend und alle
mit derselben Gleichgültigkeit beglückend, -- die reine Seligkeit muß
das für den Mann sein! Denn er geht weg und weiß, sie kann kein Teil
an ihm haben wollen, da er ihr nicht mehr ist als zehn andere. Es ist
_schön_, es ist nichts Moralinsaures darin.« Und er sah mir, -- ja ich
kann es nicht anders sagen, -- herausfordernd ins Gesicht.
Diese seine Torheit war es, seine ewige, unheilbare Dummheit über sich
selbst (denn der Ekel hätte ihn, den aufs äußerste Empfindlichen,
gebeutelt bei Fräulein X. Y.), diese seine Torheit war es, die mir das
Gefühl einflößte: ich müßte auch hier wieder _fliehen_ ... aber der
Schmerz ließ das noch nicht zu -- -- --
In vielen Stücken erinnerte er mich an Rudi. Gerade auch ~in puncto~
der Frauen. Nur war er, Dimitri, ein Ringender, ein Leidender, jener ein
Genießer. Rudi Neudorfer ein Literat, -- hier war hohe Gedankenkraft und
tiefehrliches Streben zur Kunst. Beiderseits wurden Erlebnisse, Begierden,
Triebe in endlosen Theorien ab- und ausgeschöpft. Hier bevor, dort nachdem
sie Tat geworden waren. Dort platt! Hier interessant!
»Alles wird zerredet. Zerschabt und zernagt hängt es aus den Mäulern der
Heutigen.« Also sprach Zarathustra.
* * * * *
Auf der Treppe wußte er noch nicht, -- laut eigener Aussage, -- ob er
mich liebe oder »hasse«. Dann bei der Tür: -- »wie kann einen
ein Geschöpfchen, mit einem einzigen Blick, den man darauf wirft, so
_füllen_?«
Später »füllten« ihn auch diese Blicke auf mich immer weniger und
weniger. Was keinen Boden hat, wie könnte es wirklich jemals gefüllt
werden? Und wenn der Niagara oder meinetwegen der heilige Ganges selbst
hindurchflösse.
Dafür ward es ja auch als Beschäftigung für den Tartaros ersonnen,
dieses Füllen eines durchlöcherten Fasses. Neunundvierzig Unselige
arbeiteten daran, teilten sich darein. Ich Unseligste mußte es allein
besorgen.
* * * * *
Als Grundzug seines unruhigen Wesens erschien mir seine Ungebärdigkeit.
Diese törichte, ungeniale Ungebärdigkeit einem sogenannten »toten
Punkt« gegenüber, ob der nun bei der Gemütsfluktuation oder im geistigen
Tempo zwischen ihm und anderen Menschen eintrat, ob in seinen äußeren
Verhältnissen oder seiner inneren Produktivität, genug, wo und wann immer
der tote Punkt auftauchte, an dem man doch nun einmal in diesem Leben nicht
vorbeikommt, er fand ihn unweise, ungebärdig, machte ihn verblendet und
wild.
Sein ältestes Kind war ihm am ähnlichsten.
Helene bat mich eines Tages, den Nachmittag bei den Kindern zu verbringen,
da ihre Kinderfrau fort war und sie selbst ausgehen mußte, eine neue
aufzutreiben. Ich sollte in ihrer Abwesenheit die Kinder beaufsichtigen.
Ludo schlief und schnarchte wie ein kleiner Bär, Zora saß mit klugen
Augen hinter Bausteinen, nur Elias wollte beschäftigt sein, immer ganz und
gar erfüllt wollte er sein, wie sein Vater. Ich liebte dieses Kind sehr,
es hatte für mein Herz irgend etwas, das mich ganz betörte.
Er horchte mit großer Aufmerksamkeit, als ich ihm aus dem Bilderbuch
»Jugendland« vorlas. Als wir aber fertig waren, mußte schnell etwas
Neues ersonnen werden, und das war ein sehr berechtigtes Verlangen.
* * * * *
Es waren aber auch schöne Tage in dieser unseren Gemeinschaft. Wir lasen
zusammen die Philosophen, die alten und die neuen. Wir gingen zusammen
durch Plato, Spinoza, Kant, Schopenhauer, Helmholtz, Mach. Dimitri
studierte gern mit mir. Ich hatte mich, zwischen all meinen Schicksalen
hindurch, doch immer mit diesen Dingen beschäftigt und vielleicht mehr
davon hinter mir als er. Er hatte ja bisher in einer »Zwangsehe mit
Frau Justitia« gelebt (wie Hartleben von sich erzählt), und seine wahre
Geliebte, die Philosophie, nur verstohlen besuchen können. Er hatte nicht
viel studiert bisher. Und wußte doch viel, erstaunlich viel.
»Ich habe alles _in mir_, alle Argumente, pro und kontra: die
Gegengewichte aller Möglichkeiten!«
Ja, besonders _die_ hatte er in sich. Viel, viel hatte er in sich. Tausend
Wege trafen sich da, in ihm. Ströme und Straßen trafen sich, gangbare
Flächen waren da, auf denen gut laufen war, und unwegsame Höhen, wo man
»Jäger sein« mußte und »gemsengleich«. Und Grotten, in die wunderbar
war, zu blicken, aus denen es magisch glühte. Und Schlünde, wie jene
nicht schreckhafter waren, durch die die Verdammten des Inferno hindurch
mußten. Eine Welt war in ihm, und ich habe hineingeblickt in sie.