Klatsch natürlich nicht. Die Aufmerksamkeit unserer Umgebung beschäftigte
sich mit unserem Verhältnis. Ich fand das ganz natürlich und hielt
es für das Vornehmste, es nicht zu bemerken. Yussuff aber war, wie ich
bemerkte, sehr aufgeregt über die »Meinungen« aller Leute. Ich fand
mein Leben lang, daß, sich um die Meinung anderer viel zu bekümmern, eine
hoffnungslose Aufgabe sei. Ich konnte meine Seelenphotographie doch
nicht aller Welt präsentieren, mußte daher immer gefaßt sein, solchen
Meinungen über mich zu begegnen. Konnte, sollte das etwas an meinem Leben,
meinem Schicksal ändern?
Yussuff entschied schließlich, meine Mutter müsse zu mir kommen. Dann
konnte die Beziehung erklärt werden und aller Klatsch hatte ein Ende.
»~Il faut que tu fasses venir maman! il le faut absolument!~«
Entweder müßte ich abreisen oder Mama kommen lassen. So ginge das nicht
länger. Da entschloß ich mich, abzureisen, denn Mama kommen zu lassen,
eigens um mich zu »gardieren«, schien mir zu ulkig. Wie verdutzt wäre
meine gute Mutter über diesen aus meinem Munde so ungewohnten Wunsch
gewesen! Ich rüstete also zur Abreise.
Meinen braunen Diener Abdullah hatte ich ihm dankend wieder
zurückgestellt. Wo ihn unterbringen zu Hause in Wien? Meine alte
Resi wäre in nicht geringer Verlegenheit gewesen, wenn sie ihr
»Mädchengelaß« mit Abdullah hätte teilen sollen. Resi und
Abdullah im Mädchengelaß! Als gemeinsames Gespann vor meiner
Junggesellinnenwirtschaft! Göttlich!
Am Tag meiner Abreise ging ich auf seinen Wunsch mittags, während
sein Personal fort war, hinüber zu ihm in die Chancellerie. Es war
das erstemal, daß ich da bei Tag eintrat. Ich war erstaunt, daß er es
wünschte. »~En plein soleil?~« -- »~En plein soleil.~« Denn es war ja
die letzte Gelegenheit, die er hatte, mich zum Abschied zu küssen. Auf dem
Schiff selbst, das um fünf Uhr abging und wo er mich inmitten des ganzen
Gesellschaftskreises, in dem wir verkehrt hatten, sehen würde, konnte
sein Abschied nur ein offizieller sein. Und mich in meinem Hotelzimmer
aufzusuchen, wagte er nicht. So ging ich hinüber, am Mittag, ~en plein
soleil~. Und er verschloß die Tür hinter uns und nahm mich in die Arme
und küßte mich, ein letztes Mal, zum Abschied.
* * * * *
Ich fand die Gesellschaft an Bord des Schiffes, als ich da ankam, und nahm
ihre Blumen und Liebenswürdigkeiten entgegen. Yussuff empfahl mich noch
dem besonderen Schutz des Kapitäns, der sein Freund war.
Ich sagte ihm, daß ich durch das Fernrohr von der Kommandobrücke nach ihm
blicken würde. Er war bleich und erregt und drückte immer wieder meine
Hand. Abdullah hatte einen Riesenstrauß ins Hotel gebracht. Als ich nach
den Blumen fragte, sagte man mir, daß sie samt meinem Gepäck in der
»Fürstenkajüte« untergebracht seien.
Die hatte Yussuff, ohne mein Wissen, für mich bestellt.
Die Gesellschaft hatte sich längst von Bord begeben und stand nun auf dem
Molo. Wahrscheinlich machte sie ihre letzten Bemerkungen über uns. Aber
Yussuff ging erst, als der Kapitän auf ihn zutrat:
»~Pardon, Excellence, nous allons partir.~«
* * * * *
Wie er auf dem Molo stand, heroisch über alle Würdebedenken den Sieg
davontragend, -- er, dem »~dignité~« über alles ging! -- ja, das war
schön. Ich sah ihn durch das Fernrohr von der Kommandobrücke aus, und er
blieb stehen, damit ich ihn sehen könne, obwohl er mich längst nicht mehr
sehen konnte.
Pöbel und Gaffer, wie sie sich immer auf dem Molo bei der Abfahrt eines
Schiffes herumtreiben, umstanden ihn und unterhielten sich auf ihre Art. Er
blieb trotzdem stehen. Ich sah durchs Fernrohr, wie die Gesellschaft sich
verabschiedete und auseinander ging, sah, wie Gräfin Etelka am Arm
ihres Mannes, des kleinen Conte, absegelte und wie die Barozzi, die dicke
~vipère~, wegrollte.
Und ich sah ihn stehen, bis er nur noch ein schwarzer Punkt für mein Auge
war und der Hafen von C. mir entschwand.
Dann verließ ich die Kommandobrücke. Da bemerkte ich, daß neben
der Schiffsflagge noch eine zweite gehißt war. Der Kapitän hatte die
ottomanische Flagge hissen lassen, -- eine Aufmerksamkeit für die Braut
des Funktionärs einer fremden Großmacht. Die Flagge blieb auf Mast,
solange ich an Bord war, -- ich segelte dahin im Zeichen des Halbmonds.
Die Abmachung, die wir getroffen hatten, ging dahin, daß er im Sommer
seinen Urlaub nehmen, in seine Heimat reisen und dann nach Wien kommen
sollte, mich zu holen.
Seine Briefe waren liebevoll, aber sie strotzten von Vorschriften. Ohne
Mamas »Begleitung« auszugehen, würde er durchaus unpassend finden.
Theater zu besuchen, halte er für eine Verlobte, ohne ihren Bräutigam,
überhaupt nicht für angezeigt. Daß er den Besuch eines Cafés, eines
Restaurants u. dgl. unmöglich fand, hatte er mir schon mündlich
auseinandergesetzt. Vergebens versuchte ich, ihm das Lächerliche
klarzumachen, das darin lag, wenn ich, eine Frau, die jahrelang
selbständig gelebt hatte, nun plötzlich auf Schritt und Tritt den
»Schutz« meiner Mutter in Anspruch nehmen sollte. Er begriff nicht. Er
interpellierte mich unaufhörlich über alle diese Dinge. Daß Hunger Grund
genug sei, in ein Café zu treten, leuchtete ihm nicht ein.
Und immer war ich gesehen worden und immer so, wie er es nicht wünschte.
So war dieser Briefwechsel eigentlich ein fortgesetzter Streit. Und öde
erschienen mir alle diese Streitfragen, die er mit solcher Wichtigkeit
abhandelte.
Eine Ahnung beschlich mich, daß er als Verehrer ein Ideal war, aber als
Ehemann ein böser Fall sein mußte.
* * * * *
Immer im Namen der ganzen Gattung wurden mir alle diese Vorschriften
gemacht: _der_ Mann ist, _die_ Frau soll, ~la femme doit être~ usw.
Nie habe ich mich auf den »rechtlerischen« Standpunkt gestellt, am
wenigsten in meinen Beziehungen zum Mann. Als Weib voll genommen zu
werden, genügte meistenteils meinem Ehrgeiz. Aber ich kann auch diesen
mannmännlichen Standpunkt von der anderen Seite nicht vertragen. Diesen
ehernen Brustton: Pieter von der Butterseite ist ein Ehrenmann! Dieses
»ich bin der Herr im Haus«. Dieses krampfhafte Überlegensein-Wollen.
»~La femme doit être~«, -- öde, wie aus einer Drommete hohl geblasen,
klingt's.
Der Mann, dem seine Liebe zu einer Frau teuer ist, sollte wissen, daß es
einen gefährlichen Punkt gibt, den er sorgsam behandeln muß: eben diese
ihre Unbefangenheit. Dämpft oder verschreckt er ihr die, dann ist sie
wie ein Vogel, der seine Melodie verloren hat, und ihres Gepiepses wird er
wenig froh.
So erging es mir. Der freie Herzenston war weg. Und er wollte sich gar
nicht wieder einfinden. Ich fand mein Ich nicht mehr diesem Du gegenüber,
ich wußte Yussuff nichts mehr zu sagen, und was wir einander mitteilten,
war ohne richtige Verbindung. Wir waren aus dem Takt gekommen miteinander.
Waren wir es denn überhaupt jemals gewesen? Hatten wir _eine_ Sprache
gesprochen? Wir hatten uns einer -- Dolmetschsprache bedient. Nicht seine,
nicht meine war es, in der wir uns verständigten. In der Dolmetschsprache
der Verliebtheit hatten wir miteinander Konversation gemacht. Die
unverbindliche, charmante Liebenswürdigkeit des gallischen Idioms hatte
uns ihre Formeln geliehen. Wie schwer sagt sich's im Deutschen: ich liebe
dich. Und zaghaft flüstert man da erst und stammelt: -- ich -- hab' dich
-- lieb.
Aber wie gewandt rollt es heraus: »~Je t'aime! Mais je t'aime
éperduement!~« -- »~J'aime et je veux mourir, j'aime et je veux pâtir,
j'aime et pour un baiser je donnerais ma vie.~«
Nicht daß wir jeder eine andere Muttersprache hatten, meine ich
natürlich. Nur wie ein Symbol erscheint es mir, daß wir einer uns fremden
Zunge bedurften, um uns überhaupt einander verständlich zu machen. Es
gibt eine Zusammengehörigkeit, die international ist und Brücken wirft
über Erdteile und, was schwerer ist, über Geister. Und gleichgültig
ist's dann, welcher Sprache sie sich bedient.
Hier aber war es nicht gleichgültig. Denn die Begriffe waren fremd,
sowie sie das zärtliche Gehege des Eros verließen und, wie es schien,
unverdolmetschbar.
»~Écorcher~« ist ein prächtiger Ausdruck. ~Écorcher une langue.~
Das heißt, eine Sprache radebrechen, sie zu Tode schinden. ~Écorcher --
l'amour?~
* * * * *
Überheblich, trotzig, anmaßend macht das Unrecht, das der Liebe zugefügt
wird. Es ist ein Zeichen, daß man irgendwie miteinander aus dem Geleise
gekommen ist, wenn man mit dem schwerfälligen, dräuenden Geschütz des
Stolzes, der Berufung auf seine Person angefahren kommt. Es zeigt, daß man
sich mißhandelt fühlt.
Ist in der Liebe alles »in Ordnung«, bleibt die Liebe der Liebe nichts
schuldig, ach, wie wird man da so demütig. Nichts weiß man mehr von
seinem »Ich«, trotz des gewaltigen Lebensgefühles, nichts in dem Sinn,
daß man seine Person irgendwie ausspielen würde. Nur die andere geliebte
Person wird gefühlt und die eigne scheint einem nur wie dazu da, sie
aufzunehmen.
Ich rede von edleren Naturen. Bei gemeinen ist's umgekehrt: sie zerfließen
in »Hingabe«, je mehr sie sich getreten fühlen und mißbrauchen es, wenn
ihnen Liebe erwiesen wird.
* * * * *
Jetzt erst, wo ich ihn schriftlich und nicht mehr persönlich vor mir
hatte, fiel mir auf, daß ich eigentlich nie von ihm ein Wort über mich
gehört hatte, durch das ich mich irgendwie, in dankbarem Glück, _erkannt_
hätte fühlen können. Wo blieb sie hier, die Entdeckungsreise der Liebe,
die einer im andern macht, alle Sinne gespannt, das Herz hoch klopfend in
Entdeckerlust? Wo blieb es, dieses stolze Gefühl: Land, Land, mein Eiland,
das ich suchte, ahnte, wußte, an das ich _glaubte_, bevor ich noch einen
Streifen seiner Küste sah! Wo war es hier, -- dieses Kolumbusgefühl der
Liebe?
»Was du siehst, o Don José, es ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens
siehst du nur, o Don José ...«
Er teilte mir mit, daß wir nach unserer Verheiratung wahrscheinlich
versetzt würden. Das sei gebräuchlich in der Diplomatie. Sein Bruder, der
Staatsrat bei der Pforte war, hatte erfahren, daß wir wahrscheinlich nach
Indien kämen oder sonst auf einen asiatischen Posten.
Wir blieben also nicht an der ~Côte d'Azur~. Nach Indien sollte ich ihm
folgen.
Liebt man, über allen Zweifel, man folgt fraglos dem, den man liebt,
und wäre es in ein Blockhaus auf den Nordpol. Wo die Liebe ist, ist die
Heimat.
Aber mit Yussuff Hilmi Pascha nach Indien gehen? Warum, warum? Ich war
dann in der Macht, oder besser gesagt in der Gewalt eines fremden Willens,
fremden Gesetzen unterworfen, in fremdem Land.
Die Sorgen überfielen mich. Ich war wieder ratlos und erwartete wieder --
eine Entscheidung.
* * * * *
Ich hatte bei einem Konzert mitgewirkt. Im letzten Moment hatte ich mich
entschlossen, meine Kassenverhältnisse verlangten überdies wieder diese
Tätigkeit. Ich schrieb Yussuff darüber. Vierzehn Tage erhielt ich keine
Antwort.
In diesen vierzehn Tagen verbrannte ich mein Abenteuer von der ~Côte
d'Azur~.
Sein Brief kam und tat das übrige. »~Je suis despote de toute ma
nature~«, hieß es da. Ich sah das Gesicht, sah es so, wie es bei der
geringsten Meinungsverschiedenheit gewesen war, -- mit dem grausamen Zug
um den Mund, der sich im Bart verbarg, mit den Augen, die immer gleich
»rollten«.
Daß er es wagte, mich zu »strafen« mit seinem Stillschweigen, gab den
Ausschlag. Er schrieb es ganz ohne Scham: »~J'ai voulu te punir.~«
Es war wieder einer jener Momente, wo ich deutlich fühlte, daß ich
mußte, wo ich mich geschoben fühlte, wie an einem Marionettendraht.
»~Monsieur, veuillez me rendre mes papiers de divorce, mes lettres et
mes photographies. Moi je m'engage de vous rendre vos lettres et votre
photographie au moment où j'aurai les miens.~«
Nichts weiter. Die Perlenschnur sandte ich gleich.
* * * * *
Als ich Hilmi Pascha diesen Brief schrieb, war mir, als hörte ich eine
drohende, flehende, zwingende Stimme: Opfere mich nicht! Schütze mich dir!
Mich, deine _Stimme_!
So endete meine Verlobung mit Yussuff Hilmi Pascha, ~Ministre
plénipotentiaire de la Porte Sublime~. Sie zerbrach mir unter den Händen.
Warum, weshalb?
»~Le sais-je?~«
Nimmer kann eine Tintenfehde Menschen trennen, die ihrem innersten Wesen
nach zusammengehören. Leicht entwickelt sich durch die Trennung, die
Unvollständigkeit der schriftlichen Mitteilung, die Unberechenbarkeit der
Stimmung, in der ein Brief empfangen wird, Gereiztheit und Mißverstehen
auch zwischen wirklich Liebenden.
Aber unter allem Papiergeknister behält doch das Wesentliche einer
Beziehung seine Stimme. Die Tinte ist ein dräuender schwarzer Mann.
Macht er aber allzu gefährliche Mienen, dann wird die Stimme, die wahre
Herzensstimme der Beziehung irgendwie laut und jagt ihn in die Flucht. Und
alle geschriebenen Mißverständnisse müssen dann schleunigst auf ihren
schwarzen Tintenfüßen das Weite suchen.
Nicht die Tinte hatte uns getrennt, den Diplomaten und mich. Das Wesen
selbst, die innere Stimme dieser Beziehung war laut geworden und hatte es
getan.
* * * * *
Ich hatte gefühlt, daß ich tun mußte, wie ich tat. Ich kann nicht sagen,
daß es leicht war, und ich trug schwer daran. Es war ein Kampf um nichts
weniger und nichts mehr, als sich selbst »treu zu bleiben« oder nicht.
Doppelt schwer deshalb, weil man sich selbst ja noch nicht bestätigt
worden war! Niemand war da gewesen, der einen ganz und gar umfaßt hätte
und das, was er also umfaßte, für gut befand.
Man wußte nicht, ob nicht auf jener anderen Seite die Wahrheit liege,
ob man nicht besser täte, sich nachzubilden den Forderungen, die dort
gestellt wurden und sich -- als das, was man im Widerspruch mit jenem
anderen war, -- aufzugeben.
Aber die _Stimme_ rief mit einer Gewalt, die nicht zu übertönen war! Und
wie eine mächtige Hand erfaßt es einen und schob und schob!
Ich glaube, nein, ich weiß es heute: eines starken Willens sein, heißt
nicht wollen, sondern wollen _müssen_.
* * * * *
Warum hatte ich diese Werbung so ohne weiteres angenommen? Warum so
zugegriffen? Neben den reizvollen Kulissen, die dieses »Stück« dekoriert
hatten und eine so sympathische Stimmung hervorriefen, ist auch eines nicht
zu vergessen: die Ödigkeit, die Vereinsamung, dieser schreckliche Mangel
an auch nur normal »wohlgebildeten« Leuten, solchen, die nicht irgend
etwas direkt Abstoßendes an sich haben. Dieser Mangel, der sich heute in
allen gesellschaftlichen Kreisen so sehr fühlbar macht!
Ist das wirklich eine Naturnotwendigkeit, daß wir uns vom _Menschen_
immer mehr entfernen? Daß es unter all den hunderttausend Leuten so wenig
Menschen gibt, -- so wenig Schönheit, an die man sich vertrauend und
heiter anschmiegen könnte, ohne Schlimmes oder Groteskes dabei zu erleben?
* * * * *
Bald darauf erfuhr ich, daß er sich mit einer Tochter des Ministers
der Zivilliste des Padischah vermählt habe, und daß er durch diese
Karriereheirat Gesandter geworden und nach Ostasien versetzt war. Er
sagte mir auch immer, daß er in der Botschafterkarriere sei. »~Tu seras
ambassaderesse un jour, tu le sais?~«
Ambassaderesse in Ostasien! Würde ich dieses Klima vertragen haben?
Auch erzählte er mir von unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen in
dieser Stellung: vier große Diners müßten wir mindestens während des
Karnevals geben. Und fast jeder Tag der Woche sei besetzt durch einen Jour
bei den verschiedenen Damen. In der Diplomatie sei das nun einmal nicht
anders. Darin bestehe sie ja eben (teilweise).
Jeden Tag ein Damentee? Würde ich dieses Klima vertragen haben?
* * * * *
Gibt es etwas wie ein »Schicksal«? Eines, das etwas anderes noch ist, als
das Fazit eines unkonstruierbaren Rechenexempels, etwas anderes, als die
nachgezogene Summe einer Addition? Eine voraufgestellte Summe, in die wir
hineinleben, bis sie voll ist?
Woher kommt dieses Gefühl: dies mußte so sein. Warum kann ich mir
nichts wegdenken, nicht anders denken in meinem Schicksal? Ist _sie_ das
Schicksal, ~anima~? Hauch der Gottesseele? Gesetz und Nötigung, Motor
geworden, in mir? Schiebend und zeugend geworden in mir, Folgen zeugend,
unerbittlich, Folgen aus Gründen? Das treibende Agens, das, den Dingen
innewohnend, sie zu logischer Wirkung führt, zur Entwicklung ihres eigenen
Wesens und damit zur Erfüllung ihrer »Bestimmung« -- Schicksal, Gott? --
Gott -- das logische Prinzip?
Warum kann ich mir nicht denken, daß du mich vor zehn Jahren gefunden
hättest und ich allen meinen »Schicksalen« entronnen wäre? Warum das
Gefühl, daß sie mir notwendig waren, wie Stationen auf einem Passionsweg?
* * * * *
Schicksal, Schicksal, wie es sich erfüllt, -- was denke ich mir doch
darunter?
Wirklich eine vorbestimmte Summe, in die hineingelebt werden _muß_, bis
sie stimmt?
Doch, doch. Die Summe ist »vorbestimmt«, denn sie ist gegeben -- durch
die Ziffern, mit denen wir zur Welt kommen. Die Ziffern sind unänderbar,
unauslöschbar und wollen sich bewegen und wollen sich kreuzen und wollen
Resultate herausbringen, ihrem eingeborenen Drange gemäß. Und die Summe
kann nicht übergriffen werden, und die Rechnung muß sich erschöpfen,
immer enger und enger muß sie werden, auf die letzten gemeinsamsten
Nenner will alles gebracht und Gerades durch Ungerades so lange geteilt und
gebrochen werden, bis es »rein aufgeht«.
Schicksal, Gott: das bewegende, schiebende Prinzip.
Auch das denkende? Wenn rechnen -- denken ist, auch das denkende.
Ziffern haben keine Absichten, und doch muß unentrinnbar aus ihnen
folgen, was der Art ihrer Begegnung entspricht: Verminderung, Vermehrung,
Vervielfältigung, Teilung. Und Quotient, Summe, Resultat sind aufs Haar
genau »bestimmt«.
Wenn der absichtlichste Wille hinter dem Spiele stände, es könnte
nicht »müssender« sein, nicht unentrinnbarer »ausgehen«, als dieses
Ziffernspiel.
War nicht einmal einer, der da sagte, die Zahl sei Gott? --
Gott, Schicksal?
Braucht man noch anderes zu denken, das schicksalsvoller wäre? Einen noch
lenkenderen Lenker als diesen? Noch deutlichere Marionettendrähte?
Noch mehr Grund zur Frömmigkeit, Religion? Noch mehr, um in die Knie zu
zwingen?
Gott, Schicksal -- das logische Prinzip!
Alles Ding aber trägt das logische Prinzip seiner selbst als Motor, als
Schieber seines Tuns und Erleidens in sich, trägt Gott und Schicksal
unentrinnbar in sich und drückt sein Schicksal durch sich selbst aus, wie
die Zahl sich selbst ausdrückt durch die Ziffer, ohne die sie nicht zu
denken ist. Das den Dingen innewohnende, immanente logische Prinzip ist
Gott.
* * * * *
Nun war ich wieder allein und einsam wie nur je.
Was uns verband, Freund, für den ich diese Blätter schreibe, du, dem ich
an meinem Hochzeitstage begegnete, es waren flüchtige Grüße.
Grüße zu Neujahr, zu Ostern! Das war alles. Grüße und -- Gratulationen.
Von meiner Scheidung erfuhrst du erst, als ich meine zweite Verlobung
einging.
»Ich gratuliere, gnädige Frau, zur Verlobung.«
»Ich danke, Herr Professor.«
Und dann -- später: »Ich habe mich wieder verheiratet. Aber nicht mit
dem, mit dem ich verlobt war.«
Und wieder: »Ich wünsche Ihnen Glück.«
Wie das so kam, diese zweite Heirat? Wenn ich dir davon sprechen will, so
muß ich mitten hineinspringen in dieses Erlebnis. Ich will nicht lange
erzählen von den einsamen Jahren, die zwischen jener gescheiterten
Verlobung und dieser, meiner neuen Ehe lagen. Jahre waren es des
schmerzlichen Kampfes um Kraft und Leben und Stimme. Nichts Lebendes
erhält sich ohne Wärme. Ich aber sollte ohne diese Wärme nicht nur
mein Leben behaupten, sondern noch das retten, was ein Überschuß an
Lebenskraft ist: die Stimme.
Niemand begegnete mir, der mir vertraut erschienen wäre. Auch fürchtete
ich mich nun beinahe vor allem, was aussah, wie eine neue Herausforderung
des Schicksals. Hatte ich doch übergenug von »Abenteuern«.
Nie habe ich etwas »erzielen«, geschweige denn erzwingen wollen. Nur
wenn es selbst mich zwang, erkannte ich es an als notwendig, erlaubt, --
verhängt.
Während dieser Jahre erhielt ich verschiedene solide, ehrbare Anträge,
wie sie ja wohl im Leben keiner Frau fehlen. Wenn ich nicht zugriff,
geschah's deshalb, -- weil ich nicht _mußte_. Nur wo ich ein
Unentrinnbares fühlte, kam es mir in Betracht. Zu wem es mich nicht
_zuwarf_, zu dem konnte ich nimmermehr gehen. Ich konnte immer nur Wege
gehen, die ich geschoben wurde. Unentrinnbar mußte es sein.
* * * * *
Eines Tages trat mein Bruder in mein Zimmer und sagte: »Du, ich muß dir
einen interessanten Menschen vorstellen.«
Ich lag auf dem Sofa und gähnte. »Ich interessiere mich nicht für
›interessante Menschen‹.«
»Seit du die Affäre mit dem Türken gehabt hast, bist du unausstehlich
geworden.«
»Er war kein Türke«, sagte ich. »Er war ein Araber. Das sind die Feinde
der Türken.«
»Übrigens ist er eigentlich ein Kollege von mir, -- vielmehr war es.«
»Wer?«
»Nun der, von dem ich dir erzählen wollte. Er war Konzipist bei der
Finanz-Landesdirektion in Slavonien.«
»Ich interessiere mich aber nicht für Konzipisten.«
Giorgio murmelte etwas, was ich zu überhören für gut fand. Schließlich
sagte ich resigniert: »Also leg' los.«
Ich sah, er war zum Platzen voll. Er mußte sich Luft machen. Der Konzipist
hatte ihm's angetan. Das war einmal ein Mensch! Er hatte ihn vor einigen
Tagen bei einem anderen Kollegen kennen gelernt. Ein Mann, der _Mut_ hatte.
Seine Stellung hatte er aufgegeben, weil, nun weil er es unerträglich
fand, als »Steuerspitzel« da unten in Slavonien zu sitzen und dem Bauer
die fünf Gulden aus der Tasche zu reißen. Und dann war er ein Dichter.
»So?«
Und wollte jetzt davon leben.
»So???«
Er wagte es. Seine Frau und Kinder waren versorgt.
»Er hat eine Frau?«
Eigentlich ja. Oder eigentlich nein. Denn er war geschieden. In aller
»Freundschaft« hatten sie sich getrennt. Der Vater der Frau, ein Wiener
Geschäftsmann, hatte sie in sein blühendes Geschäft gerufen. Da war sie
mit ihren drei Kindern aus Slavonien nach Wien gekommen und führte mit
großer Tüchtigkeit das Geschäft, eine Eisenwarenfabrik, weiter. Sie und
die Kinder hatten zu leben. Einverständlich hatten sie sich getrennt.
»Warum?«
»Ich weiß nicht recht, aber sie werden wohl ihre Gründe gehabt haben.
Sie haben sich eben aufgebraucht.«
»So, so.«
Ȇbrigens verkehren sie wirklich freundschaftlich miteinander und
erziehen ihre Kinder. Ich glaube, _er_ wollte frei sein.«
»So wird es wohl sein.«
Seit kurzer Zeit war er nun auch hier, hatte ein Drama geschrieben, einen
Roman begonnen und seine philosophischen Artikel erregten Sensation.
»Kurzum -- du mußt ihn kennen lernen.«
* * * * *
Nach drei Tagen gab Giorgio in seiner Junggesellenwohnung einen »Abend«.
Diese Abende bei Giorgio waren philosophisch-alkoholischer Natur. Man
redete immer schrecklich viel. Nach einiger Zeit schrie man. Sein Kanzlist
Peterka wurde in einen schwarzen Rock gesteckt und fungierte als Diener.
Peterka erschien mir an diesen Abenden immer als der einzige nüchterne
Kopf. Wurde es zu arg da drin, so kochte er Lindenblütentee und reichte
ihn den Gästen zur Beruhigung.
Als ich eintrat, sah ich einen fremden jungen Mann in der Mitte des Zimmers
stehen und ungefähr zwanzig andere Personen »an seinen Lippen hängen«.
Er sprach über Platons »Gastmahl«. Was über die Liebe zu sagen sei, sei
in diesem Buche gesagt. Der Triumph des Werkes sei die Deutung der Liebe
durch Diotima, die Priesterin, von Sokrates wiedererzählt: Eros ist kein
Gott, er ist ein Dämon.
Es war, als wäre nun das Thema gegeben für den Abend: Dämon oder Gott.
Stimmen mischten sich. Es war kein Zusammenklang, ein Durcheinander von
Stimmen war es. Man rief in die Mitte des Zimmers seine Meinung.
~Dr.~ Gruschk saß und legte seinen blonden Kopf zurück. Ich weiß nicht,
warum ich an das abgeschlagene Haupt des Jochanaan denken mußte. Es schien
mir, als läge dieses Haupt flach auf einem Teller. Ich glaube, die Stirn,
die stark zurückfloh, erzeugte diesen Eindruck. Die sehr hellen Haare
fielen in dichten Büscheln zu beiden Seiten dieses Kopfes herab. Die
blauen Augen schienen silbrig, schimmernd, grau, blitzten auf, verdunkelten
sich wieder. Wie wenn ein Strom zu sehen wäre durch zwei Höhlen,
unter denen er rollt. Dieser Kopf saß auf einem hochaufgeschossenen
Jünglingskörper, von dem man den Eindruck hatte, er sei noch nicht
»fertig«.
Schließlich übertönte die Stimme ~Dr.~ Gruschks die Gesellschaft.
Er rettete das Gespräch vor Verflachung. Wollte man abbiegen ins
Konkret-Gemeine, so zwang er immer wieder ins Uferlose hinein.