Seealpen, in der Nähe der vornehmen Badeorte der azurenen Küste.
Villenkolonien, die wie Vororte jener Städte sind und von den
Ruheliebenderen ihrer Bewohner und Besucher zum Aufenthalt gewählt werden.
Der Karneval war vorübergerast. Die Zeit der eigentlichen Erholung
kam heran, und dem Pseudofrühling, der der Winter hier ist, sollte der
wirkliche folgen. Die Regen, die hier so selten sind, leiteten ihn ein.
_Die_ Regen, ~les pluis~. Sie dauerten nun schon einige Tage. Man konnte
nicht viel anfangen.
Ich trat in ein Café, setzte mich in einen Winkel und las die Zeitungen,
die gerade bei der Hand waren. Es war sehr voll, das Café. Kaum ein
Plätzchen zu haben. Alle Welt flüchtete da herein. Ein Herr bat um
Erlaubnis, an meinem Tisch Platz nehmen zu dürfen, es war kein Platz sonst
frei. Ich erteilte sie, ohne von meiner Lektüre aufzusehen. Nach einiger
Zeit traten Bekannte in das Café, Freunde aus Deutschland, mit denen ich
hier zusammengetroffen war und viel verkehrte. Ein junges Ehepaar. Sie
sahen mich und kamen auf mich zu. Ich rückte auf meiner roten Sammetbank
beiseite. Es war gerade an jenem Ort der azurenen Küste wenig Deutsch zu
hören. Die Sprache der Einwohner war italienisch. Die Fremden waren meist
Russen, Franzosen, Engländer. Meine Freunde gingen zum Theater, ich blieb.
Ich hatte meine Zeitungen ausgelesen und blickte mich nach neuen um.
Der Herr, der an meinem Tisch Platz genommen hatte, schien das zu bemerken.
Er reichte mir über den Tisch die Zeitung, die er in der Hand hielt,
und fragte in italienischer Sprache, ob ich sie wünsche. Ich verneinte
dankend, weil es ein italienisches Blatt war und ich zu mangelhaft
italienisch verstehe.
Ich sah dabei eine Hand von edler Art. Allzu gepflegt vielleicht und allzu
geschont. Aber von edlem Bau. Ich sah diese Hand und darauf auch diesen
Herrn, der mir da seit drei Stunden gegenübersaß, ohne daß ich es
bemerkt hatte.
Die Barttracht verlieh diesem Gesicht etwas Fremdartiges. Der Bart, rund um
das Kinn, lief mit dem Schnurrbart zusammen. Wo trug man nur solche Bärte?
Ein schöner Männerkopf im allgemeinen. Die Stirn vielleicht zu weiß, die
Haare sorgfältig gescheitelt, lebhafte Augen, die die meinen suchten, und
ein Mund mit überkräftigen Lippen, die sich fromm im Bart verbargen. Sehr
kultiviert, und doch, sonderbarerweise dachte ich plötzlich französisch,
-- ich dachte das Wort: ~féroce~.
* * * * *
Dieser Herr warf die Schlinge der Konversation mit großer Gewandtheit
über mich. Er hatte dabei eine so respektvolle Art, daß ein
Zurückweichen unmöglich war. Er sprach weltmännische Dinge, solche, die
der Stimmung angepaßt waren, brachte sie gewandt und beinahe feurig und
dabei ernsthaft vor. Nach einem Geplänkel von zehn Minuten, an dem ich
viel Gefallen gefunden hatte, überreichte er mir seine Karte. Darauf waren
Lettern zu sehen, die mir fremd waren, darunter stand in französischer
Sprache:
~Yussuff Hilmi Pascha Excellence~
~Ministre plénipotentiaire de Sa Majesté le Sultan.~
* * * * *
Diese Bekanntschaft blieb keine flüchtige. Hilmi Pascha ließ mich
nicht mehr aus den Augen. Um mich durch seine Gesellschaft nicht zu
kompromittieren, führte er mich in seinen Kreis ein. Seine mütterliche
Freundin -- er nannte sie »~ma seconde mére~« -- Madame Barozzi, die
Gattin eines Balkandiplomaten, nahm mich unter ihren besonderen Schutz.
Eine andere Freundin, Gräfin Etelka, eine junge italienische ~Consulesse
génerale~, ungarischer Abstammung, kam mir nicht minder liebenswürdig
entgegen. Jeden Tag gab's Ausflüge oder Einladungen, Picknicks im
Grünen oder elegante Tees. Und ich sang in diesen Salons und ließ mir
Liebenswürdigkeiten sagen.
* * * * *
Hilmi Pascha hatte Paris und Petersburg hinter sich. Zuletzt war er
Botschaftsrat gewesen, dann zum bevollmächtigten Minister vorgerückt und
nun seit kurzem hier ansässig stationiert. Er stammte aus einer alten,
christlichen, arabischen Adelsfamilie. Seine Vorfahren waren souverän
gewesen bis zu ihrer Unterwerfung durch die Türken. Man hatte nun an
leitender Stelle die Tendenz, die Nachkommen dieser Geschlechter Karriere
machen zu lassen und ihre Interessen mit denen der Dynastie zu verknüpfen.
Hilmi Paschas Laufbahn war für einen Mann von kaum dreißig Jahren eine
ungewöhnliche.
Sein Interesse für mich brachte es mit sich, daß ich ihm meine
»Geschichte« und meine Verhältnisse so unverhohlen mitteilte, als er mir
die seinen.
Seine Aufmerksamkeit war unermüdlich. Sein Wagen stand mir immer zur
Verfügung und seinen braunen Diener Abdullah hatte er mir »geschenkt.«
Abdullah saß auf dem Bock, wenn wir ausfuhren, und verstand es
ausgezeichnet, mitten in den Pinienwäldern der Corniche mit großer
Gewandtheit ein Tischleindeckdich aus dem Boden zu stampfen. Dann saßen
wir da oben, über uns die breiten, grünen Baumkronen, tief unten,
funkelnd und unbeweglich das Mittelmeer. Ein orientalisches Frühstück
wurde aus geheimnisvollen Körben mit Blitzeseile serviert, und wenn Hilmi
Pascha sah, wie ich an den fremdartigen Leckereien herumknabberte, dann
freute er sich, wie er sagte: »~plus que jamais~«.
* * * * *
Er sann darüber nach, was es wohl sei, das ihn so ganz und gar
»gefangen« genommen habe. »~Je suis votre prisonnier, chére madame.~«
Und er empfahl sich meiner Gnade. Ich verbot ihm das Thema. Aber er
kam immer wieder darauf zurück. Der »~coup de foudre~« wurde mir
beschrieben, der ihn damals im Café getroffen, bevor ich noch ein einziges
Wort mit ihm gesprochen hatte. Als ich mit dem deutschen Ehepaar sprach
(also in einer Sprache, die er nicht einmal verstand), war's geschehen.
Was es gewesen sei, wisse er nicht. »~Le sourire? Le regard? Le son de la
voix? Ah, cette voix, cette voix!~«
Und Yussuff Hilmi Pascha umklammerte mit seiner fürstlichen Hand die
meine und flüsterte: »~Le regard? Le sourire? La voix? Le sais-je, le
sais-je?~«
* * * * *
Ich sah, daß er einen Kampf kämpfte. Ich zog mich zurück. Er wußte mich
zu finden. Und je mehr ich zurückwich, desto hartnäckiger folgte er mir.
Er sprach meinen Namen »Maja« gerne aus; das j ist der arabischen Zunge
geläufig und kommt in dem zärtlichen Kosenamen Ajuni vor. Ajuni-Habibi
hörte ich ihn öfters sagen.
Eines Tages fragte er mich: »~Maja-Ajuni, pouririez-vous m'aimer un petit
peu?~«
Ich wußte nichts zu antworten. Aber ich überließ ihm meine Hände. Und
er nahm ein Päckchen aus der Tasche und legte es mir in den Schoß. Seine
Mutter sende es mir. Es war eine Perlenschnur, eine einzige lange Kette,
die er mir dreimal um den Hals schlang. Er warf sie über mich, -- wie
damals im Café die Schlinge des Gesprächs.
Ich empfand das alles wie im Traum. Es »geschah« mit mir.
* * * * *
Liebte ich ihn? Ich fragte mich danach, als ich nachts, ruhelos und doch
von einer köstlichen Wärme erfüllt, in meinem Zimmer auf und ab schritt.
Ich trat auf die Terrasse. Magnoliendüfte schlugen mir entgegen. Das Meer
rauschte auf. Liebte ich ihn?
Aber eine Antwort kam mir nirgends.
Da ich die Mutter nicht an der Seite hatte, so wurde die Verlobung nicht
offiziell bekannt gegeben. Aber er ließ es seine Freunde vertraulich
wissen, wie es um uns stand, und man verdoppelte die Aufmerksamkeit gegen
mich. Im übrigen war er noch viel vorsichtiger als bisher, in allem, was
meinen Ruf betraf. Ich durfte um keinen Preis kompromittiert werden, da
ich als seine Frau hier leben würde. Ohne Begleitung waren wir überhaupt
nicht mehr zu sehen, weder zu Fuß noch zu Wagen. Mich auf meinem Zimmer
aufzusuchen, wagte er nicht. Mich im Salon des Hotels zu treffen und abends
im öffentlichen Saal mit mir zu speisen, war das Äußerste, was er sich
gestattete.
Dennoch sehnte er sich natürlich nach vertraulichem Beisammensein mit mir.
Seine Wohnung durfte ich ohne Begleitung noch weniger betreten, als er die
meine.
Endlich verfiel er auf einen Ausweg. Seine Chancellerie, sein offizielles
Büro, war des Abends leer und gesperrt. Da sollte ich ihn aufsuchen.
Ängstlich schlich ich eines Abends dahin. Er erwartete mich im Finstern.
Er hatte kein Licht zu machen gewagt. Eine Türe öffnete sich, und ein
fremder Mann zog mich in ein dunkles Zimmer. Ich wollte fort. Augenblicks.
Er beschwor mich, zu warten, er könne erst um zehn Uhr das Zimmer
unbemerkt elektrisch beleuchten. Da ich nicht nachgab, zündete er
schließlich eine Kerze an, und das beruhigte mich. Ich fand mich in einem
Büro, zwischen Pulten und Sesseln, und atmete auf.
Hier verplauderten wir nun an freien Abenden, wenn wir nicht eingeladen
waren, die Stunden.
Er schilderte mir das Leben, das mich an seiner Seite erwartete, mit seinen
vielen Verpflichtungen. Und das »Ideal«, das er von seiner zukünftigen
Frau sich gemacht hatte. In der Politik sollte sie so wohlunterrichtet sein
wie er. Über alles wünsche er mit seiner Frau zu sprechen. »~Même la
philosophie~«. _Sogar_ über Philosophie. Ich wunderte mich über diesen
Wunsch, denn die Namen der großen Philosophen waren ihm fremd. Goethe,
Schopenhauer, Kant -- sie hatten mit seiner Kultur nichts zu tun.
Er wünschte also seine Frau »~intelligente~«. »~Pourtant elle doit
être _soumise_. Car elle a besoin de protection.~«
Dennoch sollte sie -- ~soumise~ (wie ist das zu übersetzen? Unterwürfig?)
sein, da sie des Schutzes bedarf. Daß sie des Schutzes bedarf, die Frau,
räumte ich ein, aber gerade deswegen sollte sie, meiner Meinung nach,
nicht allzu ~soumise~ sein!
In der freiwilligen, zarten Soumission dessen, der den Schutz spendet,
schien mir der Begriff aller Kultur zu liegen.
Er schnitt das Thema ab und sagte mir: »~Tu pourra me mener à un fil de
soie, si tu seras prudente.~«
An einem Seidenfaden konnte ich ihn führen? Mit Vorsicht?
* * * * *
Seine Muttersprache, in der er dachte, sollte mir nicht fremd bleiben.
Er trieb also in diesen Stunden in der Chancellerie Arabisch mit mir. Und
da wir kein anderes Hilfsbuch hatten, nahm er seine Ausgabe des Koran
vor. Er übersetzte mir Satz für Satz und Wort für Wort. Ich folgte mit
großem Interesse. Und machte meine Einwürfe und fragte ihn dies und das,
was über das Interesse an der Sprache hinausging und sich auf den Inhalt,
den geheimnisvollen und bilderreichen Inhalt dessen, was wir da lasen,
bezog. Er hatte diese Abstecher von dem Sprachunterricht eigentlich nicht
gern und war nicht einverstanden, daß ich so sehr nach Deutungen suchte:
»~Je ne veux pas que tu soies trop profonde!~«
Überhaupt hörte ich oft: »~Je ne veux pas que tu soies~« --, oder:
»~Je veux que tu soies~«, oder: »~La femme doit être~« -- und immer
als Schluß aller seiner Ermahnungen: »~Ai-je raison, oui ou non?~«
* * * * *
Mit meiner öffentlichen Betätigung als Sängerin mußte es
natürlich vorbei sein. Ausnahmsweise gestattete er mir bei einem
Wohltätigkeitskonzert, das zu Gunsten der Ortsarmen von Damen der
Gesellschaft veranstaltet wurde, mitzuwirken. Das Konzert trug einen
dilettantischen Charakter. Die es veranstalteten, bestritten zum großen
Teil das Programm, Damen und Herren, die einen vornehmen Namen als
Anziehungspunkt aufs Programm setzten und sich wohltätig unterhalten
wollten. Darum eben gestattete er mir die Mitwirkung.
Nicht als Künstlerin, als Mitglied dieser Gesellschaft durfte ich da
öffentlich singen.
Meine Stimme schlug die der Salondilettanten, und meine Nummer hatte den
stärksten Erfolg. Zum Schluß mußte ich eine Zugabe machen. Ich sang das
italienische Lied »~L'ombra di Carmen~«: »Was du siehst, o Don José, es
ist nicht Carmen. Den Schatten Carmens siehst du nur, o Don José« ...
Er trat zu mir hinein, ins Künstlerzimmer: »~Ah cette voix, cette voix!
Mais c'est la dernière fois que tu la fasses entendre publiquement. Dès
aujourd'hui -- pour le salon.~«
Und er reichte mir den Arm und führte mich zum Ausgang, zurück durch den
Saal, durch die Reihen des Publikums, stolz wie ein König.
* * * * *
Daß ich geschieden war, hatte für dieses Land der häufigsten
Scheidungen nicht die geringste Bedeutung, besonders da ja aus meinen
Scheidungspapieren (die er von mir verlangt hatte und verwahrte)
hervorging, aus wessen Verschulden meine Ehe getrennt wurde.
Nur daß ich bei der Operette gewesen war, sollte ich verschweigen. Ich
war Österreicherin, geschieden aus Verschulden des Mannes, Tochter eines
Wiener Bankiers, die zu ihrem Vergnügen Musik und Gesang trieb, vielleicht
auch mal zu Gunsten der Armen ihre Stimme öffentlich hören ließ, und
damit basta.
Er war turcophil seiner innersten Überzeugung nach, wie es schien.
Er sprach mir von den Okkupationsgelüsten aller Mächte, der Türkei
gegenüber. Auf Syrien, seine Heimat, lauere Frankreich. Wenn jemals diese
Absicht zur Wirklichkeit würde, würde er vorziehen, Muselman zu werden,
wenn das dann nötig würde, und in den internen Dienst der nach Asien
zurückgedrängten Türkei treten.
Wie mich's durchgruselte: Muselman -- und ich dann seine Frau!
Aber, so wie ich damals zum erstenmal in seine Chancellerie trat, in dieses
nächtliche Zimmer, mit diesem selben fast abergläubischen Gefühl, mir
könne nichts »passieren«, das ich auch an jenem Silvesterabend auf
dem Semmering hatte, als ich die Türe zum Nebenzimmer unverschlossen
und unverschließbar fand, -- wäre ich auch da hineingeschritten. Dieses
starke Gefühl der Unentrinnbarkeit mancher Situationen habe ich oft
gehabt. Und ich mußte dann -- oder glaubte zu müssen, was ja wohl
dasselbe ist, -- in diese dunklen, dunklen Zimmer.
* * * * *
Madame Barozzi hatte sich meiner noch wärmer angenommen, seit sie wußte,
daß ich mit Exzellenz Hilmi Pascha verlobt war. Ich kann nicht sagen, daß
ich an ihrer Gesellschaft besonderes Vergnügen fand. Aber da Yussuff sie
seine ~seconde mère~ nannte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir ihre
Bemutterung gefallen zu lassen. Sie war eine übermäßig dicke, kleine
Dame, mit unnatürlich schwarzen Scheiteln und viel zu vielen Ringen an den
alten, verwelkten Händen. Sie bemutterte alle jungen Leute, und Yussuff
aus doppelten Gründen. Erstlich weil er ihr Landsmann (sie war geborene
Türkin, aus christlich-levantinischer Familie), zweitens weil er Garçon
war. Da könne man nicht genug auf ihn aufpassen. Ihr Gatte war ein hoher
Funktionär, die »Regierung« seines Landes in Person, »Beschwichtiger«
aller Unruhen und in großer Gunst bei seinem Monarchen.
Madame Barozzi besuchte mich eines Nachmittags und nahm den Tee bei mir.
Ich wußte, daß ihre Neugier an ihrem mütterlichen Interesse einen nicht
unerheblichen Anteil hatte. In einem geschickt verkleideten Kreuzverhör
suchte sie mir immer wieder meine Personalien zu entlocken. Warum ich
~divorcée~ sei und warum ich keine Kinder hätte und ob mein Mann meine
~dot~ durchgebracht habe usw. Auch wollte sie wissen, ob ich als Sängerin
in Wien bekannt sei. Ihre Neugier amüsierte mich, und ich hätte nicht
übel Lust gehabt, ihr ein paar Enten aufzubinden. Aber Yussuff hatte
gewünscht, daß ich Zurückhaltung bewahre über alle meine Verhältnisse.
So stellte ich mich »dumm« und verstand nie, was sie eigentlich wissen
wollte.
An diesem Nachmittag schwärmte sie in hohen Tönen von Yussuff. Sie lobte
seine diplomatische Befähigung. Besondere Leistungen mußten es sein, die
ihn in so jungen Jahren »~sur un poste si important~« gebracht
hatten. Ich fand den Posten hier, an diesem unpolitischen Platz, mehr
repräsentativ als important. Auch wußte ich, daß seine Abstammung
einigen Anteil an dieser Karriere hatte, aber ich sagte natürlich nichts
dergleichen.
Flüchtig erkundigte sich Madame Barozzi, ob Komtesse Etelka noch immer
meine Freundin sei. Und sie drückte ihre Verwunderung darüber aus. »~Car
-- la jalousie~ -- -- --.«
»~Jalousie?~«
Sie gab mir zu verstehen -- daß -- mein Gott, man hatte gemunkelt -- Hilmi
Pascha und die schöne Gräfin -- ihr Mann, der kleine Italiener, konnte
sich neben ihm nicht blicken lassen. »~Dans la diplomatie -- eh bien, que
voulez-vous!~«
Und zum Schluß gab sie eine ganz grauenhafte Geschichte zum Besten: von
Hilmi Paschas -- Köchin, die er schließlich entlassen mußte, _mußte_.
»~En garçon -- que voulez-vous!~«
Indem sie mir tiefe Diskretion auftrug, verließ mich die Holde.
Abends, als er zum Speisen kam und wir uns im Speisesaal des Hotels trafen,
erzählte ich ihm von dem Besuch der Barozzi. Die Köchin würgte mich
in der Kehle, aber ich schluckte sie tapfer hinunter. Aber das mit Etelka
mußte angetippt werden. So ganz -- leichthin: »~Est -- ce vrai, que
vous avez été l'amant de cette femme?~« Er raste und schäumte. Welch
schändliche Verleumdung! »~Ah cette vipère!~« Damit meinte er die
Barozzi.
»~Mais voyons, -- c'est ta seconde mère!~«
»~Ah ma seconde mère! Une vipère te dis-je! Méprise-la, cette
vipère!~«
Das mit der Köchin hätte ich nicht herausbringen können. Denn da hätte
ich ihn in einem Punkt getroffen, in dem er keinen Spaß verstand. Dieser
Punkt hieß »~dignité~!« Die männliche »Würde« lernte ich an Yussuff
Hilmi Pascha in ihrer ganzen schrecklichen Wucht kennen und fürchten.
Nimmermehr hätte er seine Schritte beschleunigt, um einen Zug, der
abfahren wollte, zu erreichen. Nimmermehr den Gruß eines seiner Beamten
so erwidert, wie den eines Kollegen. Nimmermehr einer -- Frau erlaubt, in
irgend etwas Kritik an ihm zu üben: ~dignité~!
* * * * *
Was meine Vergangenheit betraf, so wollte er nun und nimmermehr glauben,
daß ich seit meiner Scheidung -- allein gelebt hatte. Unmöglich. Er
verziehe mir alles, nur solle ich es ihm eingestehen. Käme er mir später
auf etwas, so würde er sich betrogen fühlen. Und mein Nein wollte er
durchaus nicht glauben.
Daß man ohne so einen lumpigen ~amant~ auskommen könne, schien ihm eine
ganz unmögliche Sache, »~Mais voyons, c'est impossible, étant separée
de ton mari il y a deux ans, c'est impossible voyons!~«
Und er preßte und drückte meine Hände und bohrte seine Augen in die
meinen, wie Schrauben.
Zorn stieg in mir auf. Wie kam der Mann dazu, mir etwas zu »verzeihen«.
Wäre es nicht mein gutes Recht gewesen, in meiner Einsamkeit mit mir
zu tun, was mir beliebte? Und wenn es nicht geschehen war, -- so war es
wahrlich nicht um der »Verzeihung« des unbekannten Zukünftigen
willen unterblieben, sondern deshalb, weil mir unter den Leuten meiner
Bekanntschaft keiner begegnet war, der in meine Seele oder auch nur in mein
Blut etwas hätte werfen können, was da Flammen aufschlagen machte. Wie
erloschen schienen mir die meisten Männer. Man fühlte sein Geschlecht
nicht in ihrer Nähe. Darum hatte er, Yussuff, auch auf mich gewirkt. Da
war doch etwas, was einen erfaßte, mit der Macht eines Elementes. In dem,
was mir aus seiner Werbung gekommen war, hatte ich etwas anderes gefühlt
als in dem, was mir von anderen Männern kam. Seine blitzartige, schnelle
Entscheidung für mich, die Kraft dieses Griffes nach mir, sie hatte mich
erobert.
Und nun saß er vor mir und malmte meine Hände und wollte wissen, ob ich
einen amant gehabt hätte.
* * * * *
Ein peinliches Ereignis verursachte mir, mehr aber noch ihm, nicht wenig
Aufregung. Ein Prinz Odescalchi, den wir bei einem diplomatischen ~five
o'clock~ kennen lernten, sollte sich irgendwann, irgendwo zu irgendwem
geäußert haben, ob der türkische Minister zu der deutschen Sängerin
»Beziehungen« habe. Die mütterliche Madame Barozzi hatte das
hinterbracht.
Sofort schickte Yussuff dem Prinzen seine Zeugen. Umsonst versicherte der,
diese Bemerkungen durchaus nicht in anstößigem Sinne gemeint zu haben.
Schließlich sei doch eine Verlobung (von der er inzwischen erfahren hatte)
tatsächlich eine »Beziehung«. Umsonst machte er sich zu jeder Art von
friedlicher Satisfaktion erbötig, -- »~n'étant pas venu ici pour se
battre~«. Yussuff war nicht zu beschwichtigen.
»~Mais il n'y a pas, il n'y a pas d'autre satisfaction, s'agissant de
l'honneur de madame Neudorfer.~« (Sprich: ~Nödorffère~!)
Das Duell fand also statt. Es wurde dreimal in die Luft geknallt, und
~l'honneur de madame Nödorffère~ war wieder hergestellt.
Sonderbarerweise wurden wir, ich und mein Beleidiger, nach diesem famosen
Duell -- Freunde. Der Prinz machte mir einen Besuch. Alles sei ein
Mißverständnis gewesen. Meiner Person irgendwie nahezutreten, sei ihm nie
in den Sinn gekommen. Er blieb lange, und wir plauderten; nach langer Zeit
konnte ich mich wieder einmal deutsch ausplaudern. Ich fand in ihm einen
unterrichteten Mann von Kultur, der besonders über die Kunstschätze
in den Kirchen und Privatvillen unseres Aufenthaltortes sehr gründlich
unterrichtet war. Er erbot sich, mir den Führer zu machen und mir alles
aus erster Hand zu zeigen. Auf diese Art wurden wir gute Freunde. Yussuff
fand das unerhört. Er konnte aber nichts dagegen tun, denn sonst wäre
es ja wieder zum Duell gekommen! »~Mais voilà ce que je te dis pour tout
l'avenir~«: und er sagte mir, daß, wenn er jemals, bis ich seine Frau
sei, mich außerhalb meines Jour in Konversation mit einem ~jeune homme~
finden würde, ja dann -- »~je suis d'une jalousie féroce~!« ~Féroce~:
das war das Wort, das ich -- gedacht hatte, als ich ihn das erstemal sah.
Und dabei rollte er die Augen, und plötzlich mußte ich denken:
»Wüstensohn!«
* * * * *
Daß Mann und Frau immer einer Ansicht sein müssen, war für Yussuff
ein Fundamentalprinzip. Auch mir schien Harmonie durchaus erwünscht.
Nur meinte ich, müsse sie aus gegenseitigem Verständnis und aus
einer gewissen Großzügigkeit der Natur des andern Menschen gegenüber
erwachsen. Auch mußte man, meiner Meinung nach, durch freimütige
Aussprachen einander kennen und erkennen zu lernen bemüht sein.
Diese blinde Zustimmung, diese »~entente complette~«, die er da immer
verlangte, -- sie hatte für mich etwas Larmoyantes. Ich bemerkte, daß
er schlechterdings keinen Widerspruch vertrug. Er beharrte unbedingt auf
seinem ersten Wort (wie man es eigentlich den Frauen nachsagt). Wollte
man erklären, seine Meinung begründen, so nannte er das »~des
discussions~«, und diese seien der Todfeind der Liebe, sagte er.
»~Des discussions entre des amants produisent toujours des effets
funestes.~«
Also was tun? Schweigen? Wie ein Verrat erschien es mir, wenn man doch
anderer Meinung war. Nicken und Schweigen, das kam ja einem chinesischen
Götzenideal sehr nah. Nie anderer Meinung sein? Da könnten nur solche
Leute sich verheiraten, die zur Welt kamen als zufammengewachsene Zwillinge
verschiedenen Geschlechtes, dann mittels genialer Operation getrennt wurden
und hierauf Inzest beginnen. Der gemeinsame Nabelstrang, die angeborene
Einheitlichkeit ihres Verdauungsapparates, das alles garantierte
einigermaßen jenes -- Ideal.
* * * * *
Dieser rechthaberische Terrorismus erstreckte sich bis in die kleinlichsten
Einzelheiten. Wenn ich eine andere Speise, ein anderes Getränk im
Restaurant wählte als er, verdüsterte er sich. Wollte ich gehen, während
er eine Fahrt vorgeschlagen hatte, -- sofort ging er darauf ein, aber er
belud mich während des ganzen Weges mit der »Verantwortlichkeit«.
Erst wenn ich sagte, um diesen Nörgeleien ein Ende zu machen: »~Tu a eu
raison~«, war er zufrieden. Ich hatte dann mein »Unrecht« eingesehen,
nun war es an ihm, generös zu sein.
Sagte ich aber gar, wenn er etwas vorschlug: »~Comme tu veux~« -- ich
sagte es oft aus Gleichgültigkeit dem gegenüber, was ihm eine Streitfrage
erschien, -- dann kannte seine »~generosité~« keine Grenzen, und er tat
dann sicher, was er glaubte, daß ich wollte.
Den »~fil invisible~«, an dem ich ihn führen konnte, sah ich
schließlich ganz deutlich. Ein Kinderspiel war's, diesen Mann zu
beherrschen. Ich mußte nur unbedingte Nachgiebigkeit zur Schau tragen,
meine Lippen sozusagen immer ölen und salben und konnte ihn auf diese Art
bugsieren, wohin ich wollte. Ja, er hatte recht. Man konnte ihn ~mener à
un fil de soie~.
Und ich sah diesen ~fil~, brauchte ihn nur zu ergreifen!
Warum nur wurde mir so unbehaglich bei diesem Gedanken?