Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die eigentlic

[Illustration]

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.

~Copyright 1919 by Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg.~

Druck von H. Carly, Hamburg.

Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe

Grete Meisel-Heß:

Die Stimme

Roman in Blättern

6.-8. Tausend

Gebrüder Enoch

Hamburg :: Verlagsbuchhandlung :: Leipzig

1919

Die #Hauptwerke# von

Grete Meisel-Heß

erschienen bei #Eugen Diederichs#, Jena.

Es sind dies die Werke über das Sexualproblem:

I. Teil: #Die sexuelle Krise#

1. Bd. erschienen 1909, 5. Tausend, brosch. 5,50 Mk., geb. 6,50 Mk.

II. Teil: #Das Wesen der Geschlechtlichkeit#

2 Bde., 700 Seiten, erschienen 1916, 5. Tausend

Preis brosch. 10,-- Mk., geb.  13,-- Mk.

Das Werk erhielt 1917 den Ehrenpreis der ~Dr.~ August Specht-Stiftung in

Gotha.

III. Teil: #Die Bedeutung der Monogamie#

1. Bd. erschienen 1917, 4. Tausend, brosch. 5,-- Mk., geb. 6,50 Mk.

Jeder Teil ist ein unabhängiges Ganzes für sich.

Vorher erschienen von der Verfasserin:

#Die Intellektuellen#, Roman

6. Aufl. Verlag Oesterheld & Co., Berlin W. 15.

#Betrachtungen zur Frauenfrage#

Verlagsgesellschaft Prometheus, Berlin W. 80.

#Geister#, Novellen

Verlag ~Dr.~ S. Rabinowitz, Leipzig.

#Weiberhaß und Weiberverachtung#

Erwiderung auf Weininger. Verlag Moritz Perles, Wien I.

Urteile der Presse am Schluß des Buches.

Die Stimme.

»Was bedeutet diese Entfremdung des innersten Wesens, dieses Versagen

der melodischen Kraft? Wem gehört sie an? Dem Vogel? oder wer

_leiht_ sie ihm nur? Nur ein ekstatischer Zustand ermöglicht ihm die

Melodie.«

Richard Wagner.

(Briefe an Mathilde Wesendonk.)

»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie

erfährt dabei niemand etwas.«

Goethe. (Sprüche.)

Vorwort

zur ersten Ausgabe 1907 Berlin.

Ich wollte dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlichen, der Rat

meiner Freunde war dagegen. Ich sollte nicht den Schein auf mich laden, als

ob ich mich verbergen wollte. Und das wollte ich nicht. Ich beabsichtigte

nur, mich vor Identifizierung meiner Person mit dem hier in Ichform

geschilderten Frauenschicksal zu schützen, -- ein Bedenken, das selbst

Goethe nicht außer acht ließ, als er unter den Roman »Aus meinem Leben«

die Bezeichnung »Dichtung und Wahrheit« setzte. Das Lachen und Weinen

dieser Blätter wurde nicht nur »erlebt«, sondern auch geschaut, gehört,

geträumt. Und jeder, der den Schicksalen solch eines Träumerlebens jemals

nachging, weiß, daß die Vision da beginnt, wo das Leben uns im Stich

läßt.

Dezember 1906.

G. M.-H.

Vorwort

zur zweiten, neubearbeiteten Ausgabe.

Dieses Buch dankt sein Entstehen der schöpferischen und sehnsüchtigen

Phantasie, auf künstlerischem und erotischem Gebiet. »Die Stimme« ist

die innerste Seelengewalt eines Menschen, die nach Ausdruck ringt und ihre

Melodie zu finden sucht. Ich habe sie symbolisch als Gesangstimme erfaßt.

Die erste Ausgabe des Buches erschien 1907 Berlin. Nach zwölf

Jahren hat es, mitten in Kriegsgetöse und Papiernot, seine Auferstehung

erlebt. Die Neuauflage ist verbessert und gekürzt.

_Berlin-Friedenau_,

Oktober 1918.

G. M.-H.

Inhalt.

I. Teil: Präludium.

Kindheit.

Rudi, Yussuf, Dimitri.

Probleme.

II. Teil: Motiv.

Johannes.

Ekstatica.

Melancholica.

Anima.

Erster Teil.

Sollt mir nicht das Lachen schelten,

Und das Weinen, laßt es gelten!

Was mir wollte trüb erscheinen,

Mußt ich mir herunterweinen.

Was mich wollte tanzen machen,

Mußt ich mir herunterlachen.

Lachen, mit den nassen Augen,

Solches Lachen, laßt es taugen!

Weinen, mit dem frohen Mund,

Wer es kann, weint sich gesund.

Drum das Lachen wie das Weinen

Mußt ich in der _Stimme_ einen,

Und die wollt es nimmer halten,

Stärker waren die Gewalten:

Aus der Stimme wollte springen

Hell ein Lied, -- ich ließ es klingen!

Das Leben ist keine Geschichte, mit Anfang, Mitte, Schluß, Vorbedacht und

Absicht. Das Leben ist -- ja was ist es?

Der Tag hält das Individuum. Und so wie es Tage gibt, die uns hoch

emporheben, über unser Menschenmaß zuweilen, so gibt es andere, die uns

schleifen.

Und die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne Buchblätter fallen sie

aufeinander, zerfliegen und zerstieben oder -- werden zusammengefaßt, von

einer stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein Schicksal, wie

eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden Blättern ein Buch.

»Geschichten« mit Vorsatz und Absicht verfälschen das Leben. _Blätter_

sind es, aus denen ein Schicksal wird.

* * * * *

Lange, lange habe ich die Melodie gesucht, das Motiv dieses Vielklangs.

Nun aber ist mir, als höre ich aus der Musik, die mir von dir kommt, immer

wieder einen einzigen Grundton, diesen Grundton, der nicht nur der deiner

Musik, sondern der deiner selbst ist, und in mich hineindringt, zwingend

und doch milde, mit jener sanften Gewalt, die mir in deiner ganzen Person

verkörpert erscheint.

Und dieser Grundton ist wie die Dominante auf alle meine eigenen Töne, das

Einzelne, das Verstreute, das Mannigfaltige wird mir durch ihn in Akkorde

gebracht, und ich höre Harmonie. Dissonanzen entwirren sich mir, das

Motiv wird mir deutlich, dunkle Stimmen sinken mir in die Tiefe, wie

Baßbegleitung zur Melodie, und die Paraphrasen und Variationen meines

Themas scheinen mir nicht mehr sinnlos, sondern notwendig. Das hast du

getan, du guter Musiker! Die Stimme, die Singstimme, die sich mir aus

der Kehle verloren hatte, hast du mir wiedergeholt, sie herausgerufen mit

deiner Musik von da, wo sie sich verborgen hielt. Wo war es denn? Und jene

-- andere Stimme, mit der ich mich rufen soll, in diesen Blättern, sie

kommt mir vielleicht mit ihr. Stimme, Hauch und Seele: die Alten hatten

dafür nur ein Wort: ~anima~.

Und »Entfremdung des innersten Wesens« und »Versagen der melodischen

Kraft«, es ist ein und dasselbe!

Habe Dank du, der du die Erstickte mir wieder belebtest!

Und mit dieser Stimme, dieser einen Stimme, denn es ist ja nur eine, mit

dieser Stimme, die du so gerne singen hörst, die du so zärtlich heil

gepflegt hast, da sie mir in meiner Kehle rauh geworden und zersprungen

war, mit ihr will ich dir erzählen alle meine Schicksale, die zugleich die

ihren sind.

Du weißt ja schon alles. Aber mich soll ich erlösen davon, so willst du,

und sie damit ganz befreien. Niedergelegt soll es sein, geopfert.

Geopfert -- wem? Den Göttern? Werden sie gnädigst als Opferdampf in

die Höhe entführen, was aus diesen irdischen, allzu irdischen Flammen

emporsteigt?

Aber diese irdischen Flammen selbst, stammen sie denn nicht von ihrem

eigenen Herd?

* * * * *

Wenn ich nun mein Leben schreibe für dich, wie du es willst, so wird das

ja dann wohl ein »Buch«? Wenn es denn schon ein Buch werden soll,

so wünschte ich, es würde eines wie das, von dem Flaubert träumte:

»-- ein Buch, ohne jeden äußeren Rückhalt, das sich durch sich selber

halten würde, aus der inneren Kraft seines Stils, wie die Erde in der Luft

schwebt, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast keinen Stoff hätte,

oder in dem der Stoff fast unsichtbar wäre, wenn das möglich ist.«

Wenn das möglich ist. Möglich aber ist es, so will mir scheinen, nur

dann, wenn es notwendig ist. Wenn es nicht anders geschehen konnte, denn

eben so. Wenn der Stoff sich unter den Händen von selbst auflöste in

lauter -- Stimme. Also ein Buch der Stimme, ein Stimmungsbuch. Stimmung,

die der »Handlung« nicht entbehrt, sie aber in sich aufgenommen und

aufgelöst hat. Gewöhnlich ist's umgekehrt: Stimmung ist eingewoben in

Handlung. Dies Buch, von dem Flaubert träumt, müßte seinen materiellen

Stoff aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme, Seele, Hauch, -- ~anima~.

Solche Bücher aber werden nicht vorsätzlich geschrieben. Sie werden

diktiert. Von irgendwoher. Und wie von selbst entstehen sie unter diesen

wie zu Medien gewordenen Händen. Eine Melodie klingt auf und nimmt ihren

Weg. »Wem gehört sie an -- dem Vogel? Oder wer leiht sie ihm nur?« Und

welch ein Zustand, der sie ausklingen und entströmen macht?

Dieser Zustand -- nicht selbst schon Stoff? Stoff, nicht vom Staube geboren

und zum Staube gehend: Aus dem Geiste geboren und zum Geiste gehend. Und

der Staubgeborene, über den er kommt, dieser Zustand, ist dann außer dem

Staube, außer sich, -- ekstatisch.

Wie es über mich kommt, will ich schreiben. In kurzen oder langen

Zusammenhängen, in wehenden wirbelnden Blättern oder in treulich

geführter Chronik. Wie es über mich kommt. Wie es mir -- diktiert wird.

Vorsatzlos will ich bleiben.

* * * * *

Kindheit -- Sehnsucht danach? Was ist dies? Ausgeliefert an alles und

alle, unwissend und doch schon ahnend, wieviel es zu wissen gäbe, wieviel

erfahren werden müsse, bevor das Chaos Welt seine Gestalt offenbare. O

diese verzweifelte Sehnsucht im kleinen Kinderherzen nach dem Trauten, dem

Ähnlichen, und dabei nicht wissend, ob es dieses Ähnliche gäbe, oder ob

nicht dieses eigene kleine Ich (das da zu reflektieren beginnt) ein großer

Irrtum sei, der sich nach dem andern, dem Umgebenden, korrigieren müsse!

Ach, was ist das für ein Grauen, wenn ein kleines Mädchen einsam ist.

Ich erinnere mich, daß ich im Prater war, beim Riesen Wilkins.

Mutterseelenallein machte ich Ausflüge, mit zehn Jahren (Giorgio,

mein Bruder, war im Pensionat). Und ich -- allein, allein. Denn mir war

irgendwie nicht wohl, mit den allermeisten Leuten.

Meine Mädchenjahre -- studieren, singen, tanzen -- ohne Ahnung, was daraus

werden sollte. Der Tag regulierte mein Leben. Ich tat, was ich tun konnte.

Eines Tages sagte mir Rudi Neudorfer: »Sie müßten mit Ihrem Temperament

zum Theater gehen. Auch haben Sie Stimme.«

Zum Theater? Ja, manchmal riß es mich hin, das Theater. Tanzen, singen,

springen, lachen, weinen, jubeln -- das konnte man ja auf jenen Brettern.

Rudi Neudorfer war Sohn seines Papas und Literat dazu. Sein Papa gab ihm

Essen, Wohnung und Taschengeld, und Rudi schrieb Feuilletons »leichteren

Genres« für Wiener Tagesblätter. Die meiste Zeit verbrachte er im Café.

Dort kam er in Stimmung. Ein junger Herr war er, den ich in Gesellschaft

kennen gelernt hatte. Er machte mir den Hof. Aber nicht auf so gewöhnliche

Art wie andere Leute. Er sagte mir »Wahrheiten« über mich selbst. Oft

waren es Grobheiten. Trotzdem deutete er mir an, daß er mich liebe.

Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen. Sein bartloses Gesicht

war nicht uninteressant. Eine gewisse schwermütige Müdigkeit war in der

leicht vornüber gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er pflegte

sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung aufzurichten, daß

seine schwarzen Locken, die ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und

dann schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer.

Unaufhörlich beschäftigte er sich mit meiner »Entwicklung«. Besonders

die Stimme schien ihm interessant.

* * * * *

Eines Tages stand ich mit ihm in einem Theaterbureau. Ich wurde examiniert.

Resultat: Talent, Chance, Ausbildung.

Ich will kurz sein. Es kamen Liebesgedichte von Rudi. Schwermütige und

doch seltsam anmutige Verse. Und Rudi sprach mir von den Reizen eines

freieren Lebens. Als seine Frau könne ich »mein Leben leben«.

Er hatte augenblicklich nichts, aber er erhoffte eine literarische Zukunft.

Er arbeitete an einem Librettotext.

Rudi Neudorfer kam eines Tages atemlos. Sein Libretto war angenommen. Und

der Theaterdirektor wollte mich hören.

Ich sang und sprang zwei Stunden vor dem Theaterdirektor. Ich war in

glänzender Laune. Der Direktor war überrascht. Er bot mir ein Engagement

»vom Fleck weg«.

Meine Gefühle gegen Rudi waren die besten. Hatte sich je ein Mensch um

mich gekümmert wie er? Der Mann machte ja meine Zukunft. Und dabei war

man zu Hause empört, daß ich mit einem Menschen mich »einließ«, »der

nichts ist und nichts hat«.

An diesem Tage verlobte ich mich mit Rudi.

* * * * *

Mein Vater würde nie erlauben, daß ich zum Theater ginge. Ich war

minderjährig. Als Rudis Frau war ich frei, zu machen, was mir beliebte.

Bei jedem anderen Mann war ich wieder unfrei. Auch war niemand da, der mir

auch nur einigermaßen gefiel, zu dem ich irgend etwas wie eine Zuneigung

gefühlt, in dessen Gegenwart ich mich als Weib empfunden hätte, bei dem

ich _gerne_ unfrei geworden wäre.

Mit Rudi plauderte ich gern. Und dann, es war doch etwas, was von ihm

zu mir ging, was ich _fühlte_. Anders fühlte, als wenn ich mit meinen

Freundinnen war. Aber was, was war eigentlich mein Weg? Was war das mit

dieser Stimme? Sollte sie beachtet werden? Und wohin mit ihr?

An Rudis Seite wollte ich darüber nachdenken.

* * * * *

Unsere Verlobung hielten wir vorläufig geheim. Dennoch kam die Sache auf.

Meine Eltern wollten von dieser Verbindung nichts wissen. Aber unser Wille

war entfesselt durch den Widerstand der Umgebung.

Die Aufführung seiner Operette kam heran. Rudis Name stand noch öfter in

den Zeitungen. Das nutzte aber alles nichts.

Rudi brachte mir das Buch. Den Klavierauszug der Operette samt Text. Ein

junger, begabter Komponist hatte ihn vertont.

Rudis Libretto! Ich fand es stumpfsinnig zum Heulen. Ich konnte mir einfach

nicht vorstellen, wie man am Schreibtisch saß und diese Worte, diese

Sätze, diese Strophen »dichtete«. Diese »Schlager« erdachte. Und einen

»Bau« herausbekam aus diesem Dr...-stoff. Ich verschwieg ihm auch nicht

meine Meinung.

»Das muß so sein,« sagte er, »sonst wird's nicht genommen.« (Und da

hatte er recht.) »Literarisch leb' ich mich ja anderweitig aus!«

»Wo denn?«

»Die -- Gedichte?!«

Ja, die waren literarisch, die! Ja, hier allein durfte er »sich

ausleben«, hier bei mir. Anderwärts mußte er sich verleugnen! O, der

Arme!

»Und wem zuliebe tu ich das? Wem zuliebe will ich Geld verdienen?«

Ich war tief beschämt und bat ihn um Verzeihung.

Die Operette erlebte über fünfzig Aufführungen. Rudis Name als Literat

war gemacht. Er verdiente auch einen Haufen Geld damit. Man konnte nun doch

nicht mehr von ihm sagen: »ein Bursch', der nix ist und nix hat«.

* * * * *

Das nützte aber alles nichts. Es blieb dabei, ich dürfe ihn nie und

nimmer heiraten. Man berichtete mir schlimme Dinge von ihm. Ich lachte

darüber. Ich fühlte mich wie vor etwas Unausweichlichem. Sei es, wie es

sei, ich mußte zu ihm, über ihn, vielleicht. Wie ein Verhängnis kam es

mir selbst vor.

Aber ich konnte mir nicht denken, wohin mein Leben steuern sollte, wenn ich

von diesem Plane abließe.

Mit einem Mann zu gehen, hatte ich geträumt, wie jede Frau. Rudi war nicht

dieser »Mann«. Aber ich kannte ja überhaupt keinen, der diesem Bild

entsprach. Es war wohl ein phantastischer Traum. Konnte ich warten, warten

ins Blinde? Steuerlos mit all meinen Plänen? Mit dieser Stimme, die heraus

wollte und nicht wußte wohin?

* * * * *

Wir sahen ein, daß wir gütlich zu keinem Ziele kämen. Ich verließ

eines Tages das Elternhaus und war drei Tage unauffindbar. Auch Rudi

wußte nicht, wo ich wohnte. Ich traf ihn nur im Café. Wir hatten das

so arrangiert, damit er jederzeit beeiden könne, er wisse nicht, wo ich

wohne, falls man etwas gegen ihn unternehmen sollte.

Wir hatten uns nicht getäuscht.

Am zweiten Tage wartete ich vergeblich. Ich telephonierte zu seinem Papa

und erfuhr, daß Rudi wegen Entführung verhaftet sei und im Landesgericht

sitze.

Entführung einer Minderjährigen, das ist kein Spaß in Österreich. Der

Augenblick, aus meinem Versteck hervorzukommen, war also schon da. Bei

Gericht traf ich meine Mutter, der Vater war verreist. Sie sprach an diesem

Tage nicht mit mir. Rudi wurde natürlich wegen mangelnden Tatbestandes

sofort enthaftet.

»Jetzt darfst du ihn heiraten, und mußt es«, sagte meine Mutter mit

finsterer Miene.

»Muß ich, wirklich?« das machte mich ganz nachdenklich. Ihn heiraten zu

_müssen_, daran hatte ich nie gedacht. Unter diesem Gesichtspunkt wäre

er mir vielleicht ganz anders erschienen als unter dem, ihn durchaus nicht

heiraten zu dürfen!

»Muß ich wirklich? Es ist ja nichts -- geschehen«, sagte ich kleinlaut.

»Einerlei«, sagte meine Mutter. »Das kann man glauben und auch nicht,

jetzt mußt du ihn heiraten, als anständiges Mädchen, die Suppe ausessen,

die du dir eingebrockt hast.«

Nur weil meine Mutter in ihrem zärtlichen Herzen mir damals wahrhaft böse

war, hat sie mich damals nicht geschlagen. Wäre sie weniger versteint,

weniger erbittert gewesen, es hätte gute, solide Ohrfeigen gesetzt!

Und es war wirklich nichts geschehen!

* * * * *

Wenn Kinder durchaus wollen, ist Nachgiebigkeit der Eltern das Weiseste,

was ihnen übrigbleibt!

»Gott segne und behüte euch, er lasse sein Angesicht leuchten über euch

und sei euch gnädig!« floß es vom Chor herunter.

Und eine Braut, die zu schluchzen begann, immer wilder, immer

fassungsloser.

»Er lasse sein Angesicht leuchten über euch« --

O, über diese gierigen, törichten, wollenden Kinderhände? Arme,

arme Kinderhände! Wie müssen sie erst blutig zerfetzt werden, ehe sie

aufhören, mitten ins Gestrüppe hineinzugreifen, weil die Kinderaugen da

Sterne durchleuchten sehen, und die Hände nun durch das Gestrüppe nach

diesen Sternen greifen und glauben, sie bekommen zu müssen, unbedingt --

zum Spielen!

* * * * *

Und dann, dann an meinem Hochzeitstag, unmittelbar nach meiner Trauung,

laß mich sprechen von dem, was du ja weißt, laß es mich hier

niederlegen, wie alles andere.

Wir fuhren aus der Kirche zurück in die Wohnung der Eltern. Ein kleiner

Kreis war da versammelt, Freunde und Bekannte, Gratulationsgäste. Ich ging

auf mein Zimmer, legte den Hochzeitsstaat ab und kam im Reisekleid in den

Salon. Ich begrüßte meine Bekannten. Daneben in dem kleinen Wohnzimmer,

wo mein Klavier stand, waren noch einige Leute. Ich trat da ein und

sah einen Fremden. Ein Verwandter von mir, ein Musiker, Mitglied des

Opernorchesters, sagte mir, bevor er mir ihn vorstellte: »Das ist der

Komponist, dessen Symphonie die Philharmoniker vorgestern hier aufgeführt

haben. Er ist Professor an der Musikhochschule in B.«

»Wer ist dieser Mann?« sagte ich.

»Du hörst ja«, sagte er. »Und ich habe mir erlaubt, ihn hierher

mitzubringen, weil er mit dem Nachmittag nichts anzufangen wußte. Er reist

abends wieder nach B. ab. Du siehst, er ist im Reiseanzug. Entschuldige

das, bitte. Aber ich dachte auch, er würde dich interessieren!«

Und dann führte er dich zu mir und nannte deinen Namen.

* * * * *

Wir sprachen und sprachen. Ich ging nicht mehr in den Salon zurück. »Sie

sind die Braut«, sagtest du. »Ja, das heißt, jetzt bin ich wohl eine

Frau.« Und wir sprachen von Musik und Gesang und auch von meiner Stimme.

»Wer ist Ihr Mann?« sagtest du. Und ich zeigte dir ihn. »Und Sie

reisen?« »Ja, wir reisen.«

»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie die Braut sind.«

»Dann will ich es Ihnen beweisen.« Und ich ging in mein Zimmer und kam

wieder mit einem Stückchen Myrte und einem weißen Tüllfetzen, der vom

Schleier gerissen war.

»Darf ich das behalten, -- zur Erinnerung an meinen Einbruch hier im

fremden Haus?«

Und dann kam ich im Hut mit der umgehängten Reisetasche.

»Die Ringe, die Sie an der Tasche haben, taugen nichts. Sehen Sie, sie

öffnen sich ja. Sie werden sie verlieren. Es müßten Schlüsselringe

sein, ~en miniature~.«

»Ja, ich habe sie so gekauft, die Tasche. Die Ringe werden wohl halten.«

»Nehmen Sie die Ringe von mir,« sagtest du, »denn sonst verlieren

Sie die Tasche. Ich reise erst nachts und kann mir bis dahin noch andere

besorgen.« Und du löstest von deiner Reisetasche die Ringe, an denen

der Riemen hängt, und befestigtest sie an der meinen. Es waren das feste

Stahlringe, mehrfach gewunden, wie Schlüsselringe, daß das, was sie

zusammenhalten sollen, nicht verloren werden konnte.

Der Wagen kam.

»Adieu, Herr Professor. Ich muß jetzt -- reisen. Und ich danke Ihnen für

die Ringe.«

»Leben Sie wohl. Ich danke Ihnen für die Myrte.«

Deine Hand hielt die meine. Die goldenen glatten Ringe, die deine wie meine

Hand trug, berührten einander einen Augenblick lang klirrend. Wie kam das?

Zitterten denn die Hände?

Und dann mußte ich reisen, -- hochzeitsreisen mit Rudi Neudorfer!

Ja, ich _mußte_.

* * * * *

Die Alten pflegten, in Epochen der Degeneration, die Entjungferung

eines Weibes als eine schlechte, schmutzige Sache zu betrachten! Eine

Sklavenarbeit, eine widerliche! Und ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen

germanischen Herrenrecht auf die erste Nacht (welches das Weib

vielleicht viel deutlicher noch zur Benützten machte als jene antike

Degenerationserscheinung) trieben sie die Jungfrauen, die stolzen, die

schönen, die starken, hinunter an den Strand und ließen sie von derben

Sklaven oder von phönikischen Seeräubern, die da anlegten, zu Weibern

machen. Erst dann kamen sie zur Wahl als Gattinnen in Betracht.

Der syrische Astartedienst, der asische Mylittakult, was ist er anderes als

eine Fluchtstätte der degenerierten Mannheit?

Nur weil die Heroen ausgestorben waren, konnte es geschehen, daß die

Schlechten, die Sklaven, an die Jungfrauen, die stolzen, die starken, die

schönen, herankommen konnten, herankommen mußten.

* * * * *

Altenberg führt uns in seinem Buch »Prodromos« vor Augen:

Zu Brünhild dringt ein geringer Mann. Sie erwartet ihn, Siegfried!

Es kommt ein anderer, ein Geringer.

»Wer drang zu mir -- wer _drang_ zu mir?«

Sie war noch nicht, meine Hochzeitsnacht, -- die Nacht der Hingabe, in

heller, seliger Bewußtheit, mit dem hellen, seligen Willen zu empfangen.

Nun war ich also Frau Neudorfer. Nein: Frau Neudorfer-Hertz. So wollte es

mein mich managender Mann. Mein Engagement verpflichtete mich von Beginn

der neuen Herbstsaison, also wenige Wochen nach meiner Heirat.

Im grünsamtenen Direktoirekostüm, ein zylinderartiges Hütchen auf dem

Kopfe, ein weißes Stöckchen keck durch die Luft wippend, kam ich in

meiner ersten Szene mit meinen Hofdamen, welche im Gänsemarsch hinter

mir schritten. Wir marschierten unter den Klängen einer Polka graziös im

Bogen bis an die Rampe. Dort blieb ich mit einem Ruck stehen und sang »mit

reizender Schalkhaftigkeit« zu der Polkamelodie:

»Die klu--gee -- Frau

Die weiß -- gee--nau,

Wie der Mann zu fassen ist,

Wie man ihn am besten küßt!

Die klu--gee -- Frau -- --«

Ich hatte einen ~grand succès~!

Rudi strahlte.

* * * * *

Die materielle Basis unserer Menage war trotz unserer leichtsinnigen

Sorglosigkeit vor der Eheschließung keine üble. Ich hatte von meinen

Eltern eine Rente und eine kleine Gage beim Theater, er eine sehr

anständige Zulage, die ihm sein Papa anläßlich der vollzogenen

Tatsache unserer Vermählung ausgesetzt hatte. Ferner arbeitete er als

Feuilletonist, auch brachte die erste Operette noch immer Geld ein, und ein

zweites Libretto hatte er »unter der Feder«.

Diesbezüglich wäre also alles gut gegangen.

Man legte uns auch von keiner Seite mehr etwas in den Weg, im Gegenteil,

das »interessante« junge Paar, das eine glühende Liebesehe geschlossen

hatte, erfreute sich allseitiger Sympathie.

Sonderbar war nur, daß man meinen Mann so wenig mit mir sah. Auch mich

wunderte das schließlich. Aber andererseits, -- mußte er nicht in seinem

Gehen und Bleiben wirklich unabhängig sein und so handeln, wie es die

»Stimmung« mit sich brachte? Ohne »Stimmung« konnte er ja nicht

arbeiten.

Wenn er nun sagte, daß ihm seine gewohnten Fußtouren bei Nacht durch die

menschenleeren Straßen der Hauptstadt oder die noch einsameren Alleen des

Praters unentbehrlich waren, hatte ich ein Recht, ihn daran zu hindern?

Und ich sagte nichts, auch wenn er um 4 Uhr früh nach Hause kam.

Bis Mitternacht, -- während ich im Theater war, -- hatte er zu

Hause gearbeitet, sagte er mir. War so vertieft gewesen, daß er sich

verspätete. Dann lief er schnell zum Theater, um mich abzuholen, ich aber

war natürlich schon fortgefahren, -- nun und dann war er eben ein paar

Stunden herumgebummelt.

Ich bat ihn, sich überhaupt nicht an das Abholen zu binden. Und gewöhnte

mich, allein nach Hause zu fahren.

Er war auch manchmal im Theater. Er hatte dann galante Ideen. Ließ mir

z. B. ein Bukett aus den Soffitten werfen. Dann kam er im Zwischenakt,

steckte mir eine Nelke daraus ins Haar und sagte: »Du bist entzückend,

Carmencita.«

* * * * *

Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die eigentliche

Sopranheldin (ich war ein Alt und gab die edleren Seelen), die Schöne

Helena des Theaters. Ja, in ihrer Garderobe war er eigentlich öfters

zu finden, als in der meinen. Sie war eine pikante kleine Französin,

verheiratet mit einem österreichischen Aristokraten. Wir sprachen manchmal

zusammen, auch so -- nun, wie junge Frauen eben zu sprechen pflegen.

Neugierige Fragen -- mehr oder minder verblümte Antworten. Daß sie

keine Kinder hatte, erklärte sie mir auf sonderbare Art. Ein gesetzlich

verbotener Vorgang sei die einzige Möglichkeit, keine zu bekommen. »~On

ne peut pas éviter, vous savez!~«

Und sie gestand mir, daß sie sich auf dieses Verfahren bei einer

geeigneten Person -- abonniert hatte! Dadurch käme es billiger. Die ersten

Male sei sie fürchterlich ausgebeutet worden. Aber nun komme sie besser

heraus.

Sie hatte sich abonniert darauf!

Ein Motiv für Frank Wedekind, wenn er noch lebte!

Man begann mir sonderbare Geschichten von Rudi zu erzählen. Mit

Choristinnen und Statistinnen unseres Theaters hätte man ihn da und dort

gesehen. Ich fragte ihn danach. Er leugnete rundweg, änderte aber nicht

seine Lebensweise.

Volle Freiheit war zwar (wie es sich unter richtigen Übermenschen

gehört!) gegenseitig ausgemacht worden. Aber ich hatte nie auch nur im

entferntesten daran gedacht, daß man sie anders benützen könnte, als

ich.

Das -- das fing doch an, mir über den grünen Klee zu gehen.

Eigentlich glaubte ich diesen Klatsch nicht. Ich wußte nur nicht mehr

recht, was und wie. Ich glaubte es deswegen nicht, weil ich mir nicht

vorstellen konnte, daß man eine Frau, um deren Besitz man sich so sehr

bemüht hatte, gleich nach der Hochzeit betrügen würde. Und so betrügen.

Eine Leidenschaft für eine andere Frau hätte ich jederzeit begriffen.

Die Ehe kann zu keinem Gefühl verpflichten. Ich hätte mich dann

ganz friedlich von ihm getrennt und ihm seine Freiheit auch formell

wiedergegeben. Ohne Groll, ohne Feindschaft.

Aber daß er wahllos mit allen möglichen Mädchen herumziehen sollte, war

eine andere Sache. Ich glaubte es nicht. Warum hätte er ihre Gesellschaft

der meinen vorziehen sollen? Warum, wieso? Ich war verwirrt. Wer war

eigentlich dieser Mensch? Was für ein Leben führte er _eigentlich_? War

die Vertraulichkeit seinerseits -- erlogen? Gab es denn Menschen, die so

etwas fingieren konnten?

Ich wußte nichts, glaubte nichts, zweifelte an allem.

Eine Angst fiel in mein Herz. Eine unerklärbare Angst vor -- ich weiß

nicht was.

Ich hatte dem Menschen vertraut, als ich ihn heiratete.

Und wie stand ich nun da, in den Augen aller Welt, wenn sich die Sache,

für die ich mich so sehr eingesetzt hatte, als unhaltbar erwies?

Anfangs war dieses Gefühl sehr stark in mir. Später, als es notwendig

wurde, war der Gedanke an die Meinung aller Welt wie fortgeblasen.

* * * * *

Das Schlimmste waren fortwährende Geldkalamitäten, trotz unserer sehr

anständigen Einkünfte. Ich bemerkte mit einem Gefühl, das beinahe

an Grauen grenzte, daß er dem Geld gegenüber von einer Art Zwangsidee

beherrscht wurde. Was immer er hatte und erraffen konnte, er mußte es

ausgeben. Von einer Einteilung des Budgets war keine Rede. Rechnungen, die

ich längst bezahlt glaubte, wurden zwei-, dreimal präsentiert. Unordnung

in Geldsachen war mir immer ein Greuel. In diesem Punkt war meine Mutter

von fast philiströser Korrektheit und ihr Entsetzen vor Schulden,

Überschreitungen des Budgets und ähnlichen Ungehörigkeiten war auf mich

übergegangen.

Und nun traten diese schmutzigen Geschichten unaufhörlich an mich

heran. Was machte er mit dem Gelde? Wieso war er immer ohne Mittel? Hatte

besonders nie etwas für mich, für unsere gemeinsamen Ausgaben?

Er, -- er brauchte es eben! Ja, er wüßte eigentlich nicht, wo es ihm

hinkäme! Es zerschmölze ihm unter den Händen, er wüßte nicht wie.

Später erfuhr ich, wohin es zerschmolz. Die süßen Mädeln, aber die

richtigen, die ganz »süaßen«, halfen ihm, unser Geld durchzubringen.

Ein sonderbares Ereignis fiel wie ein Blitz in das unheimliche Dunkel der

Situation. Ein Blitz, der mir mit einem Schlage erhellte, was mir an dem

Menschen dunkel war. Der einschlug, erhellte und zerschmetterte, was an

guten Gefühlen, die besonders nach der Hochzeit fast zärtlich geworden

waren, -- wie begreiflich, -- für ihn in mir dagewesen war.

Ein Band Gedichte kam heraus: »Aus dem Nachlaß eines Toten«. Der Dichter

hatte durch Selbstmord geendet. Unglückliche Liebe und materielle Not

waren das Motiv der Tat gewesen. Der Band wurde jetzt von einem Freund

veröffentlicht. Mich interessierte es, von dem Manne zu hören, weil mir

Rudi den Namen öfters genannt hatte. Er war mit ihm eine Zeitlang in der

Redaktion einer Wiener Wochenschrift gewesen, die dann einging. Damals

hatte sich der Poet erschossen. Der Band Gedichte war nun plötzlich in

allen Auslagen zu sehen.

Ich interessierte mich immer für Lyrik. Rudis Liebesgedichte hatten einen

starken Eindruck auf mich gemacht. Ich bedauerte es sehr, daß er außer

dieser Fülle von Liebesliedern nie wieder ein Gedicht gemacht hatte.

Eines Tages trat ich in eine Buchhandlung und kaufte mir das Buch des

Verstorbenen. Noch in der Tramway begann ich darin zu lesen. Ich las und

las. --

Rudis Liebesgedichte, mit denen er mich »erobert« hatte, -- ich fand sie

hier, im Nachlaß eines Toten.

Als ich zu Hause eintrat, saß Rudi bei Tisch und wartete auf mich mit dem

Mittagessen. Er sah das Buch in meiner Hand und wurde weiß wie das Tuch

auf dem Tisch.

Ich legte es neben meinen Teller. Wir aßen und sprachen kein Wort. Als er

sich nach Tisch erhob, sah ich einen schamlosen Zug in seinem Gesicht. Da

warf ich ihm das Buch vor die Füße: »Leichenräuber!«

»Exaltierte Person!«

* * * * *

Nun hatte ich den »Schlüssel« zu dem, was jener Mensch war. Wie

eine Fabel, wie ein Märchen, wie ein Symbol erscheint mir nun diese

Begebenheit. Wie ein Symbol, das bei der Definition seines Wesens den Kern

trifft: er war ein Lügner.

* * * * *

Es geschah -- nichts. Ich war unfähig, irgendeinen Entschluß zu fassen.

Was hätte ich auch tun sollen? Was hätte ich wollen sollen? Berechtigte

mich diese Erkenntnis seines Wesens, die Ehe zu lösen? _Sollte_ ich sie

lösen? Mir war, als müßte ich abwarten, bis irgend etwas geschähe, ich

wußte selbst nicht was, was mich sozusagen der Initiative überhob und von

selbst wirkte und entschied. In diesem Punkt bin ich Fatalistin. Aber mein

Fatalismus ist eigentlich ein Rationalismus: ich glaube an die Logik jeder

Situation als das in ihr wirkende Prinzip.

Die Ehe blieb also weiter bestehen, nur formell natürlich. In Wahrheit

bestand keine Intimität mehr.

Es kamen nun Monate eines widerwärtigen Kampfes. Es hieß, sich gegen

etwas wie eine Verführung wehren. Es gibt nichts, was geeigneter wäre,

Blut und Seele einer Frau mehr zu verderben, als eine solche Situation.

Um das Gefühl des Zornes, der Enttäuschung, des Ekels niederzuschlagen,

kommt ein schlimmes Gelüste über sie. Das Gelüste, sich einem Abenteuer

in die Arme zu stürzen, nur, um mit einem Gefühl, das sie ausreißen

will, fertig zu werden.

Wäre es an mich herangetreten, wer weiß, was geschehen wäre. Aber an

eine in »glühender Liebesehe« jung verheiratete Frau wagte sich niemand.

Ein Mann war allerdings an unserem gesellschaftlichen Horizont aufgetaucht,

der mehr Interesse für mich an den Tag legte, als es sich einer

Jungvermählten gegenüber geziemt. Und dieser Mann interessierte

mich selbst. Oft hatte ich etwas wie Furcht vor ihm. Aber seine feste

Formenzucht gab mir immer wieder meine Unbefangenheit. Es war ein Maler,

holländischer Abstammung. Er führte den klassischen Namen Orest.

Orest van Haer. Er lebte seit mehreren Jahren in Wien und hatte sich

als Porträtist einen großen Ruf geschaffen. Sein Kopf war wie in

Stein gehauen. Wie man sich den Kopf eines römischen Kaisers denkt.

Undurchdringlich schienen diese Züge. Die Augen aber glühten und

führten ihr eigenes Leben. Seine Umgangsart mit Menschen war korrekt

und liebenswürdig, soweit Liebenswürdigkeit korrekt ist. Was ihm einen

besonderen »Nimbus« in den Augen der Wiener Gesellschaft gab, war der

Glanz seiner Millionen. Er hatte ein Palais inmitten eines großen alten

Parks erworben und gab da von Zeit zu Zeit Feste. Sein Atelier war eine

Stätte, zu der zahlreiche offizielle »Kunstwanderungen« veranstaltet

wurden. Er hatte früher, wie es hieß, auf Reisen gelebt, meist in

Schottland.

Alles das machte Herrn van Haer natürlich zu einer »interessanten«

Persönlichkeit. Auf seine Bitte sollte ich ihm zu einem Bilde sitzen. Das

erstemal war ich in Begleitung Rudis erschienen. Ein zweites Mal hatte er

mich allein hingehen lassen! An diesem Tag blieb ich, da ich theaterfrei

war, länger als die Sitzung dauerte, da ich Gefallen daran fand, mit van

Haer zu plaudern. Ich blieb bei ihm zum Tee. Wir sprachen fast unausgesetzt

von seinen Reisen. Unser Privatleben, weder seines noch meines, wurde nicht

berührt.

Als ich abends von ihm nach Hause fuhr, dachte ich mir wohl einen

Augenblick, -- es wird ihn befremden, daß ich seiner Einladung, zu

bleiben, nachgegeben habe. Es wird ihn vielleicht irreführen über mich

(Als Brettldiva nahm mich sonderbarerweise niemand. Man belächelte meine

Beschäftigung bei der Operette als eine Kaprice. Zugehörig dahin schien

ich niemandem.)

Aber die Ödigkeit dieser Ehe begann schon damals schwer auf mir zu lasten.

Da mein Mann immer andere Wege ging als ich, mußte ich auf eigene

Gefahr hin meine Geselligkeit suchen. Es war ein fast ekles

Gleichgültigkeitsgefühl in mir, während ich damals im Wagen van Haers

nach Hause fuhr. Mochte jener denken, was er wollte.

* * * * *

Eines Abends, als ich von der Vorstellung kam, -- das Singen und Springen

auf jenen Brettln war mir längst ein Greuel geworden, und ich schleppte

an dieser Verpflichtung so schwer wie an meiner Ehe, -- war Rudi wie

gewöhnlich nicht zu Hause. Er schien in Eile fortgegangen zu sein. Sein

Hausrock lag auf einem Sessel, daneben eine Krawatte. Ich nahm die Sachen,

um sie aus dem Weg zu räumen. Bei dieser Gelegenheit glitt aus der Tasche

seines Rockes seine Brieftasche. Er hatte sie offenbar darin vergessen.

Ich weiß, daß ich gar nicht überlegte, ob ich sie öffnen sollte.

Im Augenblick lag ihr Inhalt vor mir. Ich wußte, daß ich irgend etwas

Entscheidendes durch diese Brieftasche erfahren würde. Denn schon längst

erschien er mir im Licht eines sehr einfältigen Betrügers, fern von jeder

Umsicht im Verbergen seiner Machinationen.

Diese Brieftasche enthielt eine Menge weiblicher Adressen. Ich nahm mir gar

nicht die Mühe, sie abzuschreiben, nahm einfach die Zettel an mich.

Ein beinahe humoristisches Gefühl überkam mich. Sollte er mit all diesen

Weiblichkeiten leben? Ich beschloß, das zu erfahren.

* * * * *

Am anderen Tag leistete ich mir einen Wagen und fuhr von Adresse zu

Adresse. Es waren nette kleine Mädchen, denen ich gegenüberstand.

»Süße Mädeln«. Ich gab ihnen Geld und gute Worte, dafür erzählten

sie mir hübsche Dinge von Rudi. Einige besaßen seine Photographie.

Alle kannten ihn unter falschem Namen. Im übrigen leugneten sie eine

Intimität. Er hätte sie nur immer zum Souper geführt.

Am Nachmittag erhielt Herr Rudi Neudorfer in sein Stammcafé die

telephonische Mitteilung von seinem Papa, er, Rudi, wohne im Hotel Soundso,

sein gesamtes Gepäck sei bereits dahin geschafft. Das Nähere erfahre er

beim Advokaten Soundso.

* * * * *

»Einverständlich« -- oder ein Prozeß lautete meine Devise. Er verbiß

sich nun in mich wie ein wütendes Tier. Nein und nein. Er kam in meine

Wohnung und zog den geladenen Revolver aus der Tasche. Vor meinen Augen

würde er sich erschießen, wenn usw. Ich ersuchte ihn, meinen Teppich zu

schonen. Darauf stürzte er ab, sich in der Donau zu ertränken.

Er behauptete, mir »eigentlich« -- treu geblieben zu sein. Möglich.

Vielleicht lebte er nicht, vielleicht lumpte er nur mit diesen Mädchen!

Und wenn er sich auch wirklich erhängt und ertränkt hätte, -- ich wäre

von ihm fort. Und wenn ich auch Kinder mit ihm gehabt hätte, ich wäre

von ihm fort. Und wenn ich kein Dach und keine Schwelle mein Eigen genannt

hätte, ich wäre von ihm fort. Denn er ekelte mich bis in die tiefste

Seele, bis in jeden Blutstropfen hinein!

Das Grausigste war, daß ich nie von ihm dachte: -- »der Schuft, der

Lump«. Nein, ich dachte immer nur: »Der Lügner, der Lügner!« Dieses

war das Hassenswerte. Dieses war mein Erzfeind.

Während diese Angelegenheit ihren Gang ging, erhielt ich eine schriftliche

Nachricht van Haers. Die Sitzungen waren unterbrochen worden, im Wust

dieser Affäre hatte ich sie abgesagt. Er fragte an, ob wir, mein Mann und

ich, geneigt wären, den Silvesterabend als seine Gäste auf dem Semmering

zu verbringen. Er hätte eine kleine Gesellschaft, deren Teilnehmer genannt

waren, geladen. (Daß wir eben in Scheidung lagen, wußte er natürlich

nicht, so wenig wie sonst jemand.) Nach kurzem Nachdenken entschloß ich

mich, anzunehmen. Für mich allein natürlich.

Ich verbrachte den Weihnachtsabend trübselig genug im Hause fremder Leute

und freute mich um so mehr auf den Ausflug zu Silvester.

* * * * *

Ich weiß, daß an dem Abend eine Stimmung mich ergriff, die sich meiner

Beherrschung entzog. Es war eine wilde Verzweiflung in mir, die sich

in Form einer ziemlich »degagierten« Lustigkeit entlud. Die

Champagnergläser wurden immer wieder gefüllt und immer wieder geleert.

Van Haer selbst trank nicht. Wir waren etwa vierzig Personen, von denen

ich mit den meisten bekannt war. Das Fehlen meines Mannes hatte ich

oberflächlich entschuldigt.

Nach Zwölf, als der Ball begann, schlug mir van Haer einen Spaziergang

vor. Niemand würde unsere Abwesenheit bemerken. Draußen ruhte der Wald im

Schnee und Frieden. Er holte mir einen Pelz, und ich folgte ihm.

Die Luft befreite mich von meinem Champagnerschwips. Er hatte mir den Arm

geboten und nahm meine Hand in seine. Ich ließ es geschehen. Er fragte

nach meinem Mann. Ich gebrauchte eine Ausflucht.

Wir blieben nicht lange fort. Als wir wiederkamen, tanzte ich ein paar

Runden und zog mich dann auf mein Zimmer zurück.

Als ich in dieses Zimmer eintrat, fand ich eine Tür, die ich auch

früher bemerkt hatte, und die zu einem Nebenzimmer führte, geöffnet und

angelehnt. Der Schlüssel fehlte.

Angesichts dieser Tatsache fand ich meine Kaltblütigkeit wieder. Also _so_

dachte er sich das.

Ich vertauschte mein Ballkleid mit einem Schlafrock und legte mich

merkwürdig unbesorgt aufs Sofa.

* * * * *

Es dauerte nicht lange, als es klopfte. Van Haer trat ein. Meine Frage nach

dem Schlüssel und nach der Bedeutung dieser Vorgänge blieb mir in der

Kehle stecken. Verdutzt sah ich ihn an: er hatte sich in ein sonderbares

Gewand geworfen. Es war eine Art Toga, aber von bunten, orientalischen

Geweben mit Seidenstickereien und Edelsteinen geschmückt. Meine Spannung

entlud sich in einem Gelächter: »Sie hätten mich auf elegantere Weise

verführen müssen, Herr van Haer.«

Und ich lachte und lachte.

Er war dunkelrot geworden.

Endlich sagte ich: »Und nun erklären Sie mir, bitte, die Situation.

Sollte man sich, als man mein Gepäck hier heraufbrachte, geirrt haben?

Gehört dieses Zimmer noch zu Ihren Appartements?«

»Nein,« sagte er, »es ist Ihr Zimmer. Ich habe den Schlüssel an mich

genommen. Gestatten Sie, daß ich ihn hole.«

Er entfernte sich.

Ich war ernst und traurig geworden. Was berechtigte diesen Mann zu dieser

Handlungsweise? Ohne Zweifel irgend etwas, was aus mir selbst gekommen war.

Wahrscheinlich hatte er die Tatsache, daß ich die Einladung nur für mich

allein annahm, in diesem Sinne gedeutet.

Und dann, diese schlimme Lust, die über mich gekommen war durch das Unheil

meiner Ehe, sie hatte wohl irgendwie aus meinem Wesen gesprochen.

Er kam wieder und überreichte mir den Schlüssel. Sein Gesicht war

noch immer gerötet, und er sah mich fast feindselig an. Er war jetzt im

Jagdkostüm, das er während der Fahrt herauf getragen hatte.

»Sehen Sie, jetzt sehen Sie viel netter aus«, sagte ich, und ich weiß,

daß es so weich und freundlich klang, als müsse _ich ihn_ um Verzeihung

bitten. Und plötzlich brach ich in Tränen aus.

»Verzeihung -- Verzeihung. Um Gottes willen, verzeihen Sie mir!«

Und er bat und bat, während ich still weinte.

Und dann begann ich, wie um mich zu rechtfertigen für das, was ihn

verführt hatte, mich zu beleidigen, ihm alles zu erzählen. Er hörte mit

innigem Interesse.

Und als wollte er sein Unrecht sühnen, begann er, mir dann von sich zu

erzählen. Und das Geheimnis, das ihn umgab, lüftete sich mir. Bis in die

Wurzeln seiner Existenz ließ er mich blicken. Er hatte etwas wie einen

Glauben. Eine »Lehre« beherrschte ihn.

Er zeigte mir ein Bild. Das der Frau, die er liebte. Eine überschlanke

Erscheinung mit fast harten Zügen; unnahbar, unbeugsam, fanatisch war

der Ausdruck dieses Gesichtes. Sie war die Tochter eines schottischen

Edelmanns, Familienverhältnisse trennten sie von ihm. Am Tage ihrer

Großjährigkeit wollte sie das Elternhaus verlassen, um zu ihm zu kommen.

Indem er mir dies Bild zeigte und von der Frau seiner Liebe sprach, gestand

er die volle Größe des Unrechtes, das er an mir hatte begehen wollen. In

diesem Bekenntnis lag aber auch die Abbitte.

Wir trennten uns versöhnt, nachdem es über unserem so vertraulichen

Geplauder fast Morgen geworden war.

* * * * *

Er war ein Mystiker. Aber ein heidnischer. Kein christlicher. Ein Magier

war er. Während der Sitzungen bei ihm, in denen er mein Bild vollendete,

erfuhr ich von dieser Lehre, soviel er mir offenbaren »durfte«. Das Bild

selbst war damals wenig ähnlich. Aber das Interessante daran war dieses:

es zeigte mich so, wie ich nicht damals, aber ungefähr drei Jahre später

aussah, in meiner eigentlichen sogenannten »Blüte«. Ich habe mich sehr

verändert in diesen drei Jahren, Bekannte von früher erkannten mich oft

nicht.

Dies Bild van Haers war ein »Gesicht«.

Er wollte es mir schenken, aber ich nahm die kostbare Gabe nicht, behielt

nur die Skizze. Ein schottischer Earl, den er im Hause jener Dame kennen

gelernt hatte und der ihn in Wien besuchte, hat es angekauft.

Später verlor ich van Haer aus den Augen. Er ging von Wien fort, auf

Reisen, und man wußte lange nicht, wo er sich aufhielte. Dann hörte

ich wieder von ihm, von dritter Seite. Er hat schwere, schwere Schicksale

gehabt. Ob er an ihnen -- Christ geworden ist?

* * * * *

Wir schieden dennoch, -- genau so, wie wir geheiratet hatten: ohne

»Einwilligung«.

Bei der Operette wollte ich um keinen Preis bleiben. Hier schien mir meine

Zeit greulich vergeudet. Auch verschlangen die Toilettenkosten die Gage,

so daß materiell nur dann etwas »herausgeschaut« hätte, wenn ich das

Toilettebudget -- anderweitig hätte decken lassen. Aus dieser _Stimme_

konnte ich eben, außer ein paar Unterrichtsstunden, die ich gab, und

der zeitweiligen Mitwirkung bei Akademien, Konzertabenden und ähnlichen

Gelegenheiten noch keinen materiellen Gewinn schlagen. Ich wollte ja noch

_werden_ lassen! Kunst überhaupt ist eine Sparanlage, in die man lange,

lange einlegen muß, bevor man von den Zinsen, die sie schließlich trägt,

leben kann!

Unselige Schmach so vieler Frauen, dieser Alpdruck: was wird mit mir? Wie

soll ich mich allein fortbringen?

Traurige Frage, traurige, schmachvolle Frage so vieler Frauen! Nicht _ihre_

Schmach, freilich! Anders, anders wird das einmal alles sein.

Und viele Frauen sind dieser traurigen Schmach preisgegeben, ohne irgendein

Talent, irgendeine »Stimme« zu besitzen, die sie -- vielleicht -- doch

schließlich einmal frei macht.

Gouvernante werden???

Wie habe ich geächzt, wie habe ich gebangt, wie habe ich gezittert!

Frei, frei werden, um Gottes willen, -- frei!

O daß mich meine Kunst einmal frei machte, meine Stimme! Ganz frei!

Klinge mir voll auf, meine Stimme, und bringe mir sie, diese heißersehnte,

heißerflehte Freiheit! Diese Lebenssicherheit, die ich brauche, um

_singen_ zu können, um atmen zu können! Dankbar werde ich sein, dankbar

und helfend, wenn ich sie errungen haben werde, mit meiner Stimme, diese

Sicherheit, die einzig die Freiheit ist!

Ich besaß, um mein kleines Heim zu erhalten, meine elterliche Rente

als Grundlage meines Einkommens. Auch half mir meine Mutter, so sehr

sie konnte. Endlich gab ich einige gutbezahlte Gesangstunden und

wirkte während der Saison in Konzerten, Akademien und künstlerischen

Veranstaltungen in privaten Kreisen mit.

Diese öffentliche Betätigung begann mir freundliche Erfolge zu bringen.

Diese _Stimme_ interessierte, so unfertig sie auch war. Vom ersten

Piepser an, den sie von sich gab, wurde sie beachtet. Und es wurde nicht

zurückgehalten mit dieser Kritik, und sie ermunterte und ermutigte mich,

wenn ich mich stimmlos fühlte und an mir verzagen und an ihr, der Stimme,

verzweifeln wollte.

Im allgemeinen kam ich viel in Gesellschaft. Und obwohl die Menschen meist

inkognito leben, bemühte ich mich, hinter ihre Fiktionen zu blicken.

Brennend interessierte mich immer der Mensch. Besonders in dem Punkt, wo

sich sein Dasein mit einem andern verbindet. Die Ehe interessierte mich.

Eine Einrichtung, ersonnen vom Menschen für den Menschen und vom selben

Menschen immer wieder verstümpert.

* * * * *

Was es mit dieser Stimme eigentlich werden sollte, wußte ich nicht. Mein

Leben selbst erschien mir nur wie ein Provisorium. Wo war sein Schwerpunkt,

sein »Sinn«?

Kraft brauchte ich, das wußte ich wohl, um diesen Sinn aufzufinden und ihm

gemäß, meiner gemäß zu leben. Kraft des Leibes und der Seele.

Nie war ich glücklicher, als wenn ich morgens, beim Erwachen schon, Kraft

fühlte für den neuen Tag! Kraft in Hand und Blut und -- Stimme! O das

fühlt man, gleich morgens schon!

Und wenn ich matt erwachte -- ach, wie so oft, matt wie eine Fliege, müde,

kampfmüde, von Bangigkeiten belastet! -- wenn ich so erwachte, ich weinte

darüber in den Morgen hinein!

Denn wie sollte ich ihn bewältigen, den neuen Tag?!

* * * * *

Von Zeit zu Zeit mußte ich fort. Ich hielt's nie länger als zwei bis drei

Monate freiwillig in Wien aus. Warum saß ich gerade hier? Das »Karma«

hatte mich offenbar hierher gesetzt. Aber es hatte wohl auch diese

flügelschlagende Unruhe in mich hineingelegt, meine Wanderlust. Fort, wenn

es nur irgend ging!

Meine Mutter bedauerte die armen Koffer, die nie zur Ruhe kämen. Sie

konnten kein Moos ansetzen, diese rollenden Koffer, -- so wenig wie das

Moos an ihrer Herrin hängen bleiben wollte.

Das Karma setzte oder stellte mich da oder dorthin, ich wußte nie recht

warum. So stand ich einmal in St. Gallen auf einer staubigen Landstraße,

im Mittagssonnenbrand an eine Telegraphenstange gelehnt, vor mir auf

der Erde, im Staub, fünf Kolli Handgepäck. Warum? Ja, ich glaube, der

Gepäckträger hatte mich da stehen lassen. Da stand ich, ahnungslos, wie

ich je wieder weiterkäme, weit und breit kein Mensch, nur die staubige

Landstraße, in der Nähe von St. Gallen. Ich stand da und haderte mit der

Vorsehung: Warum, warum bin ich hier? Aber ein Narr wartet auf Antwort.

Ich muß aber doch irgendwie weitergekommen sein, denn am nächsten Tage

promenierte ich unterm Rheinfall von Schaffhausen, im Gummimäntelchen,

mutterseelenallein und doch vergnügt. Karma!

* * * * *

Und ich lernte die Verlassenheit kennen in den sonderbarsten Verkleidungen:

an der Table d'hôte saß sie, unter hundert Personen, im Glanz der

elektrischen Flammen. Auf der Promenade erwartete sie mich, wenn ich in

Gesellschaft, die mir gestern der Zufall an die Seite gewirbelt hatte, zur

Stunde des Kurkonzertes da erschien. In langen Stunden, die ich einsam

im Hotelzimmer verbrachte, aus dem Fenster hinausblickend in eine fremde

Gegend, ohne Ahnung, warum ich mich hier befände, das Kursbuch auf dem

Tisch, um schon wieder die Stunde der Abfahrt zu bestimmen, war sie da.

Aber manchmal erschien sie mir auch in holder Gestalt. Auf einer Alpenwiese

lag sie neben mir im Mittagssonnenglanz. Am Meer ging sie mit mir, wenn ich

in langer Wanderung an seinem Ufer schritt und mich dem Sturm überließ in

wilder Freude. Dann war sie, die Begleiterin, nicht mehr Verlassenheit, --

Einsamkeit war sie dann geworden.

* * * * *

Die Stimme: Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe. · 第 1 / 12 段