Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige
Zuhörerin. »Das rechte Verständnis freilich fehle ihr,« meinte Flora mit
einem ergebungsvollen Seufzer.
Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen
und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt
darüber. Nellie, ihre einzige Vertraute, tröstete sie.
»Es ist ja noch kein’ Ewigkeit vorbei, seit du schriebst,« sagte sie. »Es
scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du
ein schön, lang Brief haben. Mich ahnt das!«
Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint
war, ging in Erfüllung. Es kam ein Brief an Ilse.
»Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen!« Mit
diesen Worten empfing Fräulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der
Kirche kam.
Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Mädchen, sich den Kopf
zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. –
»Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin
er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verkünden. Ahnst du nicht,
was es sein könnte?«
»Nein,« entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend
an.
»Dir ist ein Brüderchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa
hat für dich einen Brief eingelegt.«
Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht
hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut schoß ihr
heiß in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort über die Lippen bringen
konnte, flog sie dem Fräulein an den Hals und küßte dieselbe. Sie mußte an
jemand ihre jubelnde Freude auslassen.
Als sie zur Besinnung kam, schämte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte
sie allen Respekt außer acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin
umarmen!
»Verzeihen Sie,« sagte sie befangen und trat bescheiden zurück. Aber
Fräulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich
in den Arm.
»Komm her, mein Kind,« sagte sie warm, »und laß mich die erste sein, die
dir von ganzem Herzen Glück wünscht.« – Später äußerte sie gegen Fräulein
Güssow, daß Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis für deren
kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt,
daß Ilses trotzige Natur sich jemals zügeln lassen werde.
Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen
an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzögerung schuld, er hatte noch
einige Zeilen hinzufügen wollen und war nicht gleich dazu gekommen.
»Lies erst, was sie schreibt!« bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das
Zimmer gestürzt war, »lies erst, nachher sprechen wir von die Baby.«
Und Ilse las:
»Mein teures Kind!
Dein letzter Brief hat mich sehr glücklich gemacht! Ich kann den
Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit
einem herzlichen Kuß zu sagen, daß ich Dir niemals böse war. Ich wußte
immer, daß mein Trotzköpfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir
nur keine Sorgen um vergangene kleine Sünden, sie sind längst in alle
Winde verweht, denke lieber an die zukünftige Zeit, in der wir wieder
beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie
es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zärtlichen
Küssen
_Deine Mama_.«
Und der Papa hatte gestern flüchtig dazu geschrieben:
»Hurra! Wir haben einen prächtigen Jungen! Ich habe nur den einen Wunsch,
ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu können. Er sieht Dir ähnlich, hat
gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr.«
[Illustration]
»O!« jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, »wenn ich doch gleich dort
sein könnte! Ich habe so große Sehnsucht, die Mama, den Papa und das
kleine Brüderchen zu sehen!« Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als
Fräulein Güssow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie hätte in
ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! –
Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten
Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurück. Sie machte sich Vorwürfe,
daß sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte!
»Komm, Nellie,« sagte sie, »laß uns im Garten Veilchen pflücken zu einem
Kranz auf Lillis Grab.«
Fräulein Güssow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend
die Freundinnen hinaus auf den stillen Friedhof. Ilse beugte sich nieder
und legte den Kranz auf den frischen Grabhügel. Noch lagen die vielen
andern Kränze von dem Begräbnisse darauf, aber sie waren verwelkt und
trocken, und in den langen, weißen Atlasbändern spielte der Abendwind. –
Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thür. Die
Prüfungen waren bereits vorüber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten
Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie für die Betreffenden
ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner
Fächer, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute
Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders
seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und
Lehrerinnen rühmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schloß sich
dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, daß Ilse
nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre
englische Aussprache.
»Laß dir nix vormachen, Ilse,« sagte Nellie, als sie allein waren. »Du
sprichst schon ganz nett englisch und drückst dir stets sehr fein aus.
Uebrigens tröste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben,« – und
sie reichte betrübt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere
Bemerkung: ›Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen
Sprache.‹ – »Ist das nicht unrecht?« fragte sie. »Ich gebe mich so
furchtbar große Mühe mit eure schwere Sprache.«
Nun war die Reihe zu trösten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an,
keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte täglich
eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern.
Flora war in höchster Aufregung. Sie fand es geradezu großartig, daß
Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. »Mir das!« rief
sie aus, sobald er sich entfernt hatte, »mir das! die ich selbst schon so
lange litterarisch thätig bin! Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor,
Sie werden sich wundern!«
Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr jüngstes Werk. Sie
hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich
mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit
bescheidenem Selbstbewußtsein hatte sie hinzugefügt, sie rechne darauf,
daß ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgeführt werde.
Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen für notwendig finden, so
würde sie sich gern seinem Rate fügen. –
Es waren einige Tage darüber vergangen und noch hatte sie keine Antwort
erhalten. Warum mochte er zögern? Gefallen mußte ihm »Thea, die
Blumenfee«, darüber war sie nicht im Zweifel. Sie hatte sich so
hineingelebt in ihre Zauberposse, und ihre Phantasie flüsterte ihr einen
großartigen Erfolg in das Ohr. Sie hörte den stürmischen Beifall der
Anwesenden, – die Dichterin wurde gerufen! – Sie träumte wachend, langsam
– gesenkten Auges trete sie aus den Kulissen hervor. – »Flora!« ruft es
von allen Seiten, und voller Staunen richten sich aller Augen auf sie. –
Ja, staunt nur, ihr Ungläubigen, die ihr die arme Flora so oft verkannt
habt! Jetzt hat sie euch überzeugt, daß ihre Dichtkunst kein leerer Wahn
ist! – Bescheiden und demütig verneigt sie sich nach rechts und links –
ohne den Blick zu erheben – sie war vor den Spiegel getreten, um Blick und
Verbeugung einzustudieren. – »Die Blumenfee werde ich vorstellen,« träumte
sie weiter, »natürlich! Wer anders könnte sich so in den Geist der Rolle
versetzen, als ich! Wie herrlich wird mir das Kostüm stehen! Ein Kleid von
Silbergaze mit Rosen durchwebt, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein
langer, duftiger Schleier und offnes, wallendes Haar!«
Ganz in Gedanken versunken löste sie die aufgesteckten Flechten und
drapierte das Haar malerisch um ihre Schultern. Unwillkürlich kamen ihr
dabei die ersten Verse ihres großen Werkes auf die Lippen und laut, mit
pathetischer Stimme, fing sie an zu deklamieren:
»Heraus, ihr Blumen, aus euren Kelchen,
Ich will mit euch spielen!
Eilt euch, ihr lieben Tulpen und Nelken,
Laßt mich nicht warten, ihr vielen, vielen,
Heraus, heraus!«
Ein lautes Pochen an der Thür und ungestümes Auf- und Niederdrücken des
Griffes unterbrach sie höchst unangenehm. Zugleich wurde Gretes Stimme
laut.
»Warum schließt du dich denn ein? Mach’ schnell auf, ich bringe dir
etwas!«
In aller Eile befestigte Flora ihr Haar, schob dann den Riegel zurück und
fragte ärgerlich: »Was willst du denn?«
Grete war in das Zimmer getreten und sah sich verwundert um. »Du sprachst
doch eben laut,« sagte sie, »mit wem hast du dich denn unterhalten?«
Flora blieb ihr die Antwort schuldig; sie sah ihr Manuskript in Gretes
Hand, ungestüm nahm sie es an sich.
»Gieb her! Wie kommst du zu meinem Hefte?«
»Nur nicht so heftig,« entgegnete Grete, »was fällt dir denn ein? Es ist
die reine Gefälligkeit, daß ich es dir bringe. Doktor Althoff hat es mir
für dich übergeben.«
»Warum ließ er mich nicht selbst rufen? Du wirst dich wohl wieder
vorwitzig aufgedrängt haben, es ist so deine gewöhnliche Art. Uebrigens
jetzt kannst du wieder gehen, ich möchte allein sein!«
Aber Grete verspürte keine Lust, sie zu verlassen, sie witterte ein
Geheimnis, das mußte sie erst heraus haben!
»Ich habe aber keine Lust, dich zu verlassen,« sagte sie und setzte sich
mit aller Gemütlichkeit nieder.
»Du bist wirklich unausstehlich!« stieß Flora ärgerlich heraus und drehte
Grete den Rücken. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Wenn du durchaus hier
bleiben willst, so thue es meinetwegen,« fuhr sie fort und näherte sich
der Thür, »mich geniert es nicht.«
Und sie hatte die Thür geöffnet und war hinaus, noch ehe Grete sich
erhoben hatte. Schnell drehte sie den Schlüssel im Schloß um und – das
neugierige Gretchen war eine Gefangene.
Geflügelten Schrittes eilte sie in den Garten, der Traueresche zu. Sie
huschte zwischen den bis auf den Boden herabhängenden Zweigen hindurch und
sank auf einem Bänkchen von Birkenstämmen nieder. Hier war sie vor jedem
Lauscherblicke sicher.
Sie preßte die Hand auf das hochklopfende Herz und ein Zittern überlief
sie vor der Entscheidung! Wie wird sein Urteil ausgefallen sein? Nicht
lange hielt die zagende Schwäche an und ihre Zuversicht kehrte zurück.
Mutig und siegesbewußt schlug sie das Heft auf. Natürlich suchte sie
zuerst nach einigen Zeilen von seiner Hand. Aber sie blätterte und fand
nichts. Sie breitete das Heft auseinander, hielt es hoch, schüttelte es
tüchtig, der erwartete Brief fiel nicht heraus. Sie war höchst betroffen,
da sie bei einer flüchtigen Durchsicht des Manuskripts auch nicht die
kleinste Notiz entdecken konnte. Schon wollte sie es unwillig beiseite
legen, als ihre Augen zwei Worte entdeckten, die Doktor Althoff mit seiner
zierlichen und doch festen Handschrift mit roter Tinte gerade in den
Schnörkel hineingeschrieben, den sie dem Schlußworte »Ende« malerisch
angehängt hatte. Sie las und fiel wie gebrochen hintenüber.
»Abscheulich!« riefen ihre bebenden Lippen, »empörend!«
Floras Entrüstung war wohl natürlich, zertrümmerten doch die beiden
kleinen Wörtchen den ganzen Prachtbau ihres Luftschlosses. »Konfuses
Zeug!« stand da deutlich geschrieben und erbarmungslos war hiemit das
Todesurteil ihrer Dichtung besiegelt.
Sie ballte die Hände in ohnmächtiger Wut und haßte den Mann, den sie bis
dahin so schwärmerisch angebetet hatte. Warum verkannte er ihr Genie, oder
vielmehr, warum wollte er dasselbe nicht anerkennen? Sie wollte zu ihm
eilen ... sogleich ... er sollte ihr Rechenschaft über sein vernichtendes
Urteil geben!
Aber sie verwarf diesen Entschluß, weil sie befürchtete, vor Aufregung
ohnmächtig zu werden. Und schwach sollte er sie nicht sehen ...
nimmermehr! Sie wollte ihm schreiben und zwar sofort!
Sie zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche und begann einen stürmischen Brief
aufzusetzen. Kaum hatte sie indes einige Sätze niedergeschrieben, als sie
durch den grünen Blättervorhang Grete gerade auf die Esche losstürmen sah,
es blieb ihr eben noch Zeit genug, das Notizbuch zu verbergen, als
dieselbe bereits vor ihr stand.
Floras Gedanken waren nur mit dem Briefe beschäftigt gewesen, sie hatte
darüber ihr Manuskript, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte,
vergessen. Grete hatte es indes mit ihren Spüraugen sofort entdeckt. Wie
ein Vogel schoß sie darauf los, ergriff es und eilte mit ihrer Beute
davon.
»Etsch, Fräulein Flora!« rief sie noch triumphierend, »nun werde ich doch
hinter deine Geheimnisse kommen! Jetzt bist du meine Gefangene!«
»Grete, gieb her!« rief Flora angstvoll und eilte derselben nach, »bitte,
bitte! Ich will dir auch schenken, was du haben willst!«
Grete aber blieb taub bei ihren Bitten. Lachend eilte sie weiter.
»Du mußt mir mein Eigentum zurückgeben, ich will es!« drohte Flora, als
sie einsah, daß Güte nicht half, »ich befehle es dir!«
Darüber brach Grete in ein lautes Gelächter aus. »Du befiehlst es mir? Das
ist reizend!« rief sie, »du bist wirklich furchtbar naiv!« Und sie hatte
das Haus erreicht, während Flora weit hinter ihr zurückblieb. Trotz ihrer
schwerfälligen, plumpen Figur war sie doch weit schneller als letztere,
die etwas steif und ungelenk war.
Als Flora einsah, daß ihre Verfolgung nutzlos war, blieb sie weinend
stehen. Einen wahrhaft verzweiflungsvollen Blick warf sie der Räuberin
ihres Schatzes nach, denn nun war sie verloren, das heißt preisgegeben dem
Hohn und Spott der Mitschülerinnen, an die sie Grete verraten würde.
Aber es kam anders. Gerade als Grete die paar Stufen zum Korridor hinaus
sprang, lief sie beinahe Doktor Althoff in die Arme. Sie hatte ihn nicht
gesehen, weil sie den Kopf nach rückwärts gewandt hielt. Das Heft hoch in
der Luft schwenkend, hatte sie der armen Flora zugerufen: »Jetzt lese ich
deine Geheimnisse!«
Mit einem Blick hatte der Lehrer erkannt, um was es sich handelte; er wäre
darüber nicht im Zweifel gewesen, selbst wenn ihn Grete weniger
erschrocken angesehen hätte.
»Sie sollten ja dies Heft an Flora abgeben,« sagte er vorwurfsvoll, »wie
kommt es, daß Sie es noch mit sich herumtragen?«
Sie antwortete nicht und sah ziemlich betreten und beschämt aus, auch war
sie rot bis über die Ohren geworden.
»Ich werde Ihnen nie wieder einen Auftrag geben,« fuhr er fort, »da ich
sehe, wie wenig ich mich auf Sie verlassen kann. Geben Sie mir das Heft,
ich werde es selbst an Flora abliefern.«
Grete reichte ihm das Verlangte. »Sie ist selbst schuld daran,« stieß sie
zu ihrer Entschuldigung hervor und warf den ohnehin großen Mund noch mehr
auf; »sie hat ... sie hat mich eingeschlossen! Zur Strafe habe ich ihr das
Buch fortgenommen!«
»Zur Strafe!« wiederholte Doktor Althoff mit einem zweifelnden Lächeln,
»und was wollten Sie jetzt damit machen?«
»Ach,« verriet sie sich, »hineingesehen hätte ich ganz gewiß nicht! Floras
Dichtungen sind viel zu überspannt und langweilig! Ich wollte sie nur
necken.«
»Grete, Grete!« drohte der junge Lehrer lächelnd mit dem Finger, »wenn
dies Wort eine Brücke wäre, ich ginge nicht hinüber. Seien Sie in Zukunft
nicht wieder so indiskret und neugierig, Neugierde ist kein schöner
Schmuck für ein junges Mädchen.«
Er wandte sich von der Beschämten ab und ging auf Flora zu, die langsam
heran kam. Noch zitterten Thränen in ihren Augen, die sie wie in
Verklärung auf ihren Erretter richtete. Wo war der Haß geblieben, der
soeben noch in ihrem Innern getobt hatte? Verschwunden und verweht! Die
alte Liebe und Begeisterung für Doktor Althoff hatten ihn zurückgedrängt
und waren wieder eingezogen in ihr großmütiges Herz. So mächtig wallte die
Begeisterung in ihr über, daß sie plötzlich, hingerissen von Dankbarkeit,
sich niederbeugte, seine Hand ergriff und einen heißen Kuß darauf drückte.
»Ich danke Ihnen,« hauchte sie leise, dann eilte sie fort, zurück zu ihrer
Friedensstätte, ihrem Musentempel, und anstatt den angefangenen Brief zu
vollenden, dichtete sie ein Sonett, das die Aufschrift trug: »An ihn.«
Doktor Althoff blickte der Davoneilenden kopfschüttelnd nach. »Ein
überspanntes, verdrehtes Wesen!« mußte er unwillkürlich sagen, »und das
schlimmste ist, sie wird niemals zu heilen sein.« –
Der Geburtstag des Fräulein Raimar, der in den Mai fiel, war stets ein
großartiges Fest. Tagesschülerinnen und Pensionärinnen wetteiferten mit
einander, dasselbe durch musikalische und theatralische Aufführungen,
durch lebende Bilder u. s. w. so bunt und unterhaltend zu gestalten als
möglich. Auch in diesem Jahre wurde keine Ausnahme gemacht, trotzdem Lilli
kaum vier Wochen in der Erde ruhte.
»Ich würde gern auf eine größere Feier verzichten,« sprach eines Tages die
Vorsteherin zu der englischen Lehrerin und Fräulein Güssow, »aber ich darf
es unsrer Zöglinge wegen nicht thun. Mehr oder weniger hat sie Lillis Tod
sehr ergriffen und sie hängen die Köpfe; da ist das beste Mittel, sie
wieder aufzumuntern, daß wir ihnen eine Zerstreuung schaffen. Mit aller
Trauer können wir ja den Tod des lieben Kindes nicht ungeschehen machen.«
Die beiden Damen stimmten ein und beschlossen untereinander, mit den
Vorbereitungen zu dem Feste zu beginnen. Miß Lead übernahm es, ein
englisches Stück, Fräulein Güssow, ein französisches Lustspiel
einzustudieren. Erstere wählte nur Tagesschülerinnen zu ihren
Mitwirkenden, während letztere ihre Rollen nur mit Pensionärinnen
besetzte. Sie hatte aber erst einen kleinen Kampf mit den Mädchen, bevor
dieselben die ihnen zugedachten Rollen annahmen. Flora, die eine alte Dame
vorstellen sollte, war durchaus nicht damit einverstanden, sie behauptete,
Rosi passe weit besser zu dieser Rolle, diese aber hatte nicht einen
Funken schauspielerischen Talentes und würde sich niemals dazu verstanden
haben, Theater zu spielen. Sie sprach auch weniger fließend französisch
als Flora.
Fräulein Güssow machte nicht viel Umstände. »Wie du willst, Flora,« sagte
sie, »macht es dir kein Vergnügen, diese allerliebste Rolle zu übernehmen,
so wähle ich eine Tagesschülerin dafür und du kannst diesmal nur
Zuschauerin sein.«
Das behagte Flora noch weniger. Nach einigem Zögern entschloß sie sich,
freilich wie sie sagte, mit großer Selbstüberwindung, die Alte zu spielen.
Ilse und Melanie stellten deren Töchter dar und paßten in ihren
Charaktereigentümlichkeiten prächtig dazu. Melanie putzsüchtig, elegant
und eitel, Ilse das Gegenteil. Wild und unbändig, trotzig und
widerspenstig, natürlich nichts weniger als elegant führt sie die
übermütigsten Streiche aus und die schwache Mutter ist nicht im stande,
sie zu zügeln. Da erscheint ein junger, entfernter Verwandter,
interessiert sich für den Wildfang und versteht es, durch Güte und
Festigkeit die Tugenden in demselben zu wecken und die Widerspenstige zu
zähmen. Zum Schlusse wird sie seine Braut.
»Orla, du kannst die Rolle des Vetters übernehmen,« bestimmte die
Lehrerin.
»Orla?« fragte Ilse verwundert, »sie kann doch keinen Mann darstellen?«
Es erhob sich ein wahrer Sturm unter den jungen Mädchen bei Ilses
unschuldiger Frage. Die Stimmen schwirrten durcheinander, denn jede war
bemüht, Ilse über ihre Unwissenheit aufzuklären.
»Weißt du denn nicht, wie es bei uns Sitte ist?« fragte Orla.
»Mit Herren dürfen wir nicht Theater spielen,« bemerkte Flora spottend,
»sie sind verpönt in der Pension!«
»Du bist naiv, Ilse!« rief Melanie. »Das ist ja eben so ledern und
furchtbar öde, daß wir Mädchen auch Männerrollen geben müssen!«
»Herren, Herren!« wiederholte Annemie unter lautem Lachen, »es ist zum
totlachen!«
»Ja, wenn Herren mitspielten, dann möchte ich Ilses Rolle spielen,«
überschrie Grete mit ihrer kräftigen Stimme alle übrigen, »so aber –«
»So aber wirst du den Bauernjungen übernehmen, Grete,« fuhr Fräulein
Güssow dazwischen. Die Aufgeregten hatten ganz deren Gegenwart vergessen.
»Und jetzt bitte ich mir Ruhe aus, ihr unbändigen Kinder! Fräulein Raimar
hat ihre triftigen Gründe zu ihren Bestimmungen, wie könnt ihr euch
dagegen auflehnen? Daß ihr noch zu kindisch seid, dieselben zu verstehen,
habe ich in diesem Augenblicke klar und deutlich gesehen! Schämt euch! ...
Jetzt macht euch daran, eure Rollen auszuschreiben, morgen werden wir eine
Leseprobe halten.« Mit diesen Worten verließ sie die aufrührerische
Gesellschaft.
Alle schwiegen bis auf Grete, sie konnte nicht unterlassen, noch einmal zu
sagen: »Langweilig ist es doch ohne Herren! Und den dummen Bauernjungen
spiel’ ich nicht!«
Aber sie spielte ihn doch und es zeigte sich bald, daß sie ganz
vortrefflich dazu paßte.
Die täglichen Proben brachten die gewünschte Zerstreuung. Ilse besonders
fand viel Freude an einem Vergnügen, das ihr bis dahin unbekannt gewesen
war. Die anfängliche Befangenheit überwand sie bald und sie spielte ihre
Rolle zur vollen Zufriedenheit Fräulein Güssows, die zuweilen ein Lächeln
über die höchst natürliche Darstellung nicht unterdrücken konnte.
Zur Hauptprobe mußten alle in ihren Kostümen erscheinen, damit sie sich
gegenseitig an den veränderten Anblick gewöhnten. Diese Bestimmung war
sehr gut, denn als sie sich in ihren komischen Anzügen betrachteten,
konnten sie das Lachen nicht zurückhalten.
Flora mit langen Scheitellocken und einer Spitzenhaube, mit einem Lorgnon,
das sie vor die Augen hielt, war kaum zu erkennen. Das elegante, schwarze
Schleppkleid ließ sie weit größer erscheinen, als sie war. Sie war
übrigens ganz ausgesöhnt mit ihrer ›alten‹ Partie und das Lob, welches
Fräulein Güssow ihr einige Male erteilte, hatte sie zu der Idee gebracht,
daß ihr eigentlicher Beruf der einer Schauspielerin sei, und sie träumte
Tag und Nacht ›von der Welt, welche die Bretter bedeuten‹, ›Dichterin –
Schauspielerin‹. Eine große Zukunft stand ihr bevor!
Orla sah in ihrem Jägeranzuge, den grünen Hut keck auf das eine Ohr
gesetzt, wirklich gut aus, und der kleine Stutzbart, mit dem sie die
Oberlippe geziert hatte, gab ihr ein keckes Ansehen und stand ihr
allerliebst.
»Famos siehst du aus, Orla!« meinte Melanie und betrachtete mit besonderem
Entzücken deren Stulpenstiefel.
»Du solltest immer so gehen,« setzte Flora ganz ernsthaft hinzu. Natürlich
wurde sie ausgelacht.
[Illustration]
Grete war ein Bauernjunge, wie er sein muß. Plump und ungeschickt, dreist
und laut. Melanie fühlte sich himmlisch wohl in dem koketten und eleganten
Kostüm, das sie sich gewählt hatte. Sie stand vor dem Spiegel und putzte
noch hie und da an sich herum. Und Ilse?
Sie trat als letzte herein und bei ihrem Anblick erhob sich ein so
stürmisches Gelächter, daß Fräulein Güssow Mühe hatte, es zu dämmen.
»Wie siehst du aus, Mädchen?« sprach sie lachend, »komm näher, ich muß
dich genau betrachten. Willst du wirklich in diesem Aufzuge spielen? Nein,
Ilse, so geht es wirklich nicht. Wir müssen an deinem Kleide durchaus
Verschönerungen anbringen! Du bist auch gar zu wenig eitel, sonst würdest
du wohl selbst darauf gekommen sein.«
»Lassen Sie mich so!« bat Ilse inständigst, sie war ja so glücklich, ihr
geliebtes Blusenkleid bei dieser Gelegenheit tragen zu dürfen. Sie war aus
demselben herausgewachsen, zu eng und zu kurz war es geworden, natürlich
erhöhte dieser Mangel noch den komischen Eindruck.
»Nein, Kind, unmöglich! Du siehst wie eine Bettlerin aus. Der Aermel darf
nicht ausgerissen sein, der schlechte Gürtel muß durch einen neuen ersetzt
werden, um den Hals wirst du einen Matrosenkragen legen und die
fürchterlichen Stiefel laß vor allen Dingen blank putzen. Dann wird es
gehen. Man darf nicht übertreiben,« fügte sie hinzu, als Ilse ein etwas
betrübtes Gesicht machte, »stets muß das richtige Maß inne gehalten
werden. Auch die Locken dürfen dir nicht so wirr über die Augen fallen, du
kannst ja kaum sehen. Vergiß nicht, daß du die Tochter einer Baronin bist,
dein Anzug darf verwildert, aber nicht zerrissen sein.«
»Wollen wir nicht anfangen?« trieb Miß Lead, die sich mit ihren
Künstlerinnen ebenfalls zur Hauptprobe eingestellt hatte. Sie war schon
etwas ungeduldig bei der genauen Musterung der Kostüme geworden und fand
es höchst überflüssig, daß Fräulein Güssow überhaupt Wert darauf legte.
Die Hauptsache war nach ihrer Meinung die vollständige Beherrschung der
fremden Sprache, und daß die Mädchen ihre Rollen gut gelernt hatten, alles
andre war Nebensache. Viel Gesten litt sie um keinen Preis, wollte ja eine
Mitspielende es wagen, sich frei und natürlich zu bewegen, geriet sie
förmlich außer sich und rief: »Ruhe! Ruhe! Wo bleibt die Plastik?«
Wie es fast immer der Fall ist, so war es auch hier; die Hauptprobe fiel
herzlich schlecht aus. Die Mädchen waren schon aufgeregt in Erwartung des
nächsten Tages und wurden es noch mehr durch die Ungeduld von Miß Lead,
die heftig erklärte, daß sie es für das beste halte, wenn die ganze
Theateridee aufgegeben werde. Das französische Stück fand sie entsetzlich
und sie gab Fräulein Güssow den guten Rat, es nicht aufführen zu lassen.
»Ich bitte Sie,« rief sie aus, »es handelt sich um eine Liebesgeschichte!
Das wird den größten Anstoß erregen!«
Fräulein Güssow setzte der Engländerin lächelnd auseinander, daß nicht
Kinder, sondern erwachsene Mädchen das Stück aufführten. »Die
Liebesgeschichte,« wandte sie ein, »ist nur eine harmlose Nebensache, es
handelt sich hauptsächlich um die Heilung eines widerspenstigen Mädchens.«
Miß Lead schüttelte mißbilligend den Kopf, sie wollte sich nicht davon
überzeugen. »Ilse wird Ihnen, wenn Sie wirklich auf Ihrem Vorsatz
bestehen, alles verderben. Wie sieht sie aus, und wie spielt sie? Plump,
ohne jeden Anstand! Das Podium der kleinen Bühne erdröhnt förmlich bei
ihren furchtbaren Schritten, ihre Bewegungen sind frei und keck.«
Fräulein Güssow schwieg zu diesem harten, ungerechten Urteil. Sie hatte es
längst aufgegeben, die Engländerin von ihrem Vorurteile zu heilen. Starr
hielt dieselbe daran fest. Ilse war und blieb ihr ein Dorn im Auge.
Miß Lead hatte sich geirrt. Am nächsten Abend ging alles über Erwarten
gut. Der glänzend erhellte Saal, die festlich versammelte Gesellschaft
brachten eine belebende Stimmung unter das junge Volk. Die ganze
Festlichkeit leitete ein Prolog ein, den eine Schülerin der ersten Klasse
gedichtet hatte. Sie trug ihn selbst recht hübsch vor und erntete
wohlverdienten Beifall. Nur Flora, die hinter den Kulissen stand, zuckte
die Achseln. »Kein Schwung, keine Poesie und kein Talent!« lautete ihr
kritischer Ausspruch.
Die Aufführung des englischen Stückes ging vorüber, glatt, reizlos und
langweilig. Und wenn die Anwesenden sich dies in ihrem Innern auch
einstimmig eingestanden, so waren sie doch am Ende des Stückes mit
Beifallsspenden nicht sparsam. Die Mitspielenden wurden herausgerufen, und
als der rote Vorhang in die Höhe ging und die Mädchen sich dankend
verneigten, strahlte Miß Lead vor Stolz und Seligkeit. »_Very well_,« rief
sie laut, »ihr habt eure Sache gut gemacht!«
Nachdem verschiedene lebende Bilder und musikalische Aufführungen vorüber
waren, bildete das französische Lustspiel den Schluß.
»Wollen Sie es wirklich wagen?« wandte sich die englische Lehrerin in
wohlwollendem, etwas herablassendem Tone zu Fräulein Güssow. »Schreckt Sie
der große Erfolg, den wir erzielten, nicht ab? Folgen Sie meinem Rate,
treten Sie zurück! Wir werden eine Entschuldigung finden. Der französische
Flattersinn muß abfallen gegen die englische Gediegenheit.«
Trotz Miß Lead’s Bedenken begann das französische Stück, und sie mußte die
niederschlagende Erfahrung machen, daß es weit beifälliger aufgenommen
wurde, als das englische. Die Gesellschaft amüsierte sich köstlich und kam
aus dem Lachen nicht heraus. Zweimal wurde Ilse bei offener Szene gerufen,
so drollig und natürlich spielte sie.
»Sie ist _charmante, charmante_!« rief Monsieur Michael feurig, »ich habe
Ursache, stolz auf sie zu sein. Leicht und elegant wie eine Pariserin
spricht und spielt sie!«
»Sie spielt sich selbst!« entgegnete Doktor Althoff lachend, »aber ich
hätte dem Wildfang kaum so viel Anmut zugetraut.«
Einen kleinen Triumph sollte Miß Lead doch noch feiern, – Ilse verdarb die
Liebesszene am Schluß. In dem Augenblick, als Orla sie umarmen wollte, kam
ihr das so komisch vor, daß sie in ein lautes Gelächter ausbrach.
»Wie schade!« rief Nellie halblaut. »Warum muß sie lachen? Sie war zu
nett, nun verderbt sie die Schluß.«
Doktor Althoff, der zufällig in Nellies Nähe stand, hörte ihren Ausruf.
»Trotzdem, Miß Nellie,« entgegnete er, auf einem leeren Stuhl neben ihr
Platz nehmend, »ist ihre Freundin die Siegerin des Abends; aber warum
wirkten Sie nicht mit, warum sind Sie nur Zuschauerin? Sie würden gewiß
eine gute Schauspielerin sein.«
Nellie senkte die Augenlider. »O, Sie sind sehr gütig,« sagte sie
befangen, »aber ich weiß nicht zu spielen, Herr Doktor, ich hab’ nicht
Talent.«
»Das käme auf einen Versuch an! Sehen Sie Ilse an, wer hätte geglaubt, daß
sie eine so allerliebste Schauspielerin sein könne!«
»Nicht wahr?« stimmte Nellie lebhaft und mit aufrichtiger Freude bei, »sie
ist reizend und ich bin entzückend über ihr!«
Der junge Lehrer schwieg und sah sie teilnahmvoll an. Wie neidlos kamen
ihr die Worte aus dem Herzen, wie leuchteten ihre Augen freudig auf, als
sie die Freundin lobte! Und im Vergleich zu Ilse, wie wenig hatte sie doch
von der Zukunft zu hoffen! Jene ein Kind des Glückes – und diese? Ein
armes Wesen, das den mühevollen Pfad einer Lehrerin pilgern sollte!
»Nicht wahr, ist sie nicht reizend?« wiederholte Nellie und blickte
fragend auf.
»Gewiß, gewiß!« gab der Lehrer zerstreut zur Antwort, und von dem
Gegenstand plötzlich abspringend, fragte er: »Woher haben Sie die
herrlichen Veilchen?« und deutete dabei auf einen Strauß, den sie in der
Hand hielt. »Sie duften wundervoll! Ich liebe die Veilchen sehr.«
Sie hörte nur, daß er die Veilchen liebe, bedurfte es da einer großen
Ueberlegung? »O nehmen Sie,« sagte sie naiv und errötete dabei, »bitte, es
macht mich großer Freude!«
»Nicht alle,« entgegnete er lächelnd und zog einige Blumen aus dem Strauß,
den sie ihm gereicht, »so, nun habe ich genug. Haben Sie Dank dafür.«
Er erhob sich und verließ sie. Mit glänzenden Augen sah sie ihm nach, sie
hatte bemerkt, wie er ihre Veilchen im Knopfloch befestigte.
»Wie taktlos von dir!« redete Miß Lead, die ihren Platz dicht hinter
Nellie hatte, dieselbe an und riß sie mit ihrer scharfen Stimme aus allen
Himmeln. »Welch ein Betragen! Ich habe jedes Wort mit angehört. Schämst du
dich nicht, einem Herrn Blumen anzubieten?«
Als ob ein eisiger Wind plötzlich in eine kaum erschlossene Blütenknospe
gefahren wäre, so wurde Nellies kurze Freude zerstört.
»Habe ich ein Unrecht gemacht?« fragte sie geängstigt. »O bitte, Miß,
sagen Sie, war ich ungeschickt? Wird Herr Doktor mich für unbescheiden
halten?«
Dieser Gedanke peinigte sie sehr und übergoß sie mit heißer Glut. Mit
wahrer Angst wartete sie auf ein beruhigendes Wort und sah in der Lehrerin
Gesicht, das indes nicht aussah, als ob sie zur Milde geneigt sei.
»Jedenfalls wird er dich für sehr einfältig halten,« erwiderte sie
unbarmherzig, »wenn er nicht vielleicht deine Handlungsweise zudringlich
nennt.«
»O nein, nein!« rief Nellie beinahe entsetzt, »er wird nicht so hart von
sein Schüler denken!«
»So, weißt du das so bestimmt?« quälte Miß Lead sie weiter, »du bist kein
Kind mehr, dem man allenfalls dergleichen Taktlosigkeiten vergiebt, ein
erwachsenes Mädchen darf niemals blindlings seinem Gefühle folgen!«
»Ich will bitten, daß er mir die Blumen wiedergiebt,« sagte Nellie tief
beschämt.
»Das darfst du nicht, wenn du dich nicht noch mehr bloßstellen willst. Du
wirst schweigen und dich niemals wieder vergessen! Eine zukünftige
Gouvernante muß jedes Wort, jeden Blick, und vor allem jede Handlung
reiflich überlegen. Das merke dir!«
Traurig sah Nellie nach diesem harten Verweise zu Boden. Dahin war ihre
fröhliche Laune, sie hatte keine Lust mehr an dem Feste. Eine heiße Thräne
tropfte ihr aus dem Auge und fiel auf die Veilchen, die Urheber ihres
Kummers. Sie brannten ihr förmlich in der Hand und am liebsten hätte sie
dieselben weit von sich geschleudert. Still und einsilbig blieb sie den
ganzen Abend, und sobald Doktor Althoff in ihre Nähe kam, wich sie ihm
ängstlich aus. Es war ihr unmöglich, ihm in das Auge zu blicken. Miß Lead
hatte ihre frohe Unbefangenheit zerstört.
Als die Freundinnen sich nach dem Feste zur Ruhe begaben, saß Nellie ganz
gegen ihre Gewohnheit noch einige Zeit sinnend da. »Du bist so still,«
fragte Ilse, »was hast du?«
»O nichts, nichts!« erwiderte Nellie schnell und erhob sich aus ihrer
träumenden Stellung, »es ist gar nix!«
Zum ersten Male verschwieg sie der geliebten Freundin die Wahrheit, sie
vermochte es nicht, über ihren Kummer zu reden, und doch – was war es, das
trotz allen Kummers ihr Herz schneller klopfen ließ und wie ein
Frühlingswehen durch ihre Seele zog?
* * *
Holunder und Maiblumen hatten ausgeblüht und die Rosen öffneten ihre
duftigen Kelche. Nellie und Ilse wandelten nach dem Abendessen durch den
Garten, und als sie im Gebüsch die Nachtigall schlagen hörten, blieben sie
stehen und lauschten.
»Wie süß!« rief Nellie, »komm, laß uns auf der Bank setzen und lauschen.«
Sie hielten sich beide umschlungen und sprachen kein Wort. Der herrliche,
duftende Abend, der Mond, der silbern am Abendhimmel aufstieg, der
schmelzende Gesang der Nachtigall weckten eine ahnungsvolle, nie gekannte
Stimmung in ihren jungen Herzen.
»O Ilse,« unterbrach Nellie mit einem Seufzer die feierliche Stille, »wie
bald gehst du fort und läßt mir allein zurück! Ich bin sehr traurig, wenn
ich daran denke!«
Auch Ilse war wehmütig und der Gedanke, von Nellie scheiden zu müssen,
machte ihr das Auge feucht. Aber sie unterdrückte mutig die weiche
Stimmung und versuchte, die Freundin zu trösten. »Es ist noch lange hin,
bis ich die Pension verlasse,« sagte sie, »du weißt ja, daß meine Eltern
meinen Aufenthalt bis zum ersten September verlängerten. Noch acht Wochen
sind wir beisammen, Nellie, das ist noch eine sehr lange Zeit, denk’
einmal, acht volle Wochen!«
Nellie schüttelte traurig den Kopf. »O nein, es ist nur sehr kurze Zeit,«
erwiderte sie, »es sind auch nicht acht Wochen voll, du mußt ordentlich
rechnen. Heute haben wir schon der siebente Juli, – macht bis zu der erste
September vierundfünfzig Tage – fehlt also zwei volle Tag an der achte
Woch –«
Trotz ihres Kummers mußte Ilse lachen. »Du liebe, süße Nellie,« rief sie
und küßte diese herzlich auf den Mund, »du bist doch immer komisch, selbst
wenn du traurig bist! Weißt du, wir wollen uns das Herz nicht heute schon
schwer machen mit dem Gedanken an unsre Trennung, wir gehen ja nicht für
immer auseinander! Du besuchst mich bald, – ja?«
Aber Nellie war einmal weich gestimmt heute abend und der Freundin Trost
fand keinen Eingang in ihrem Herzen. Sie versuchte zwar die Thränen zu
unterdrücken, aber sie brachen immer neu hervor. Ilse lehnte den Kopf an
ihre Schulter und schwieg. In ihrem Innern kämpften der Schmerz und die
Freude. Sie hätte so gern sich auf das Wiedersehen ihrer Lieben, besonders
des kleinen Brüderchens, gefreut, sie vermochte es nicht ungetrübt, weil
der Abschied von Nellie dazwischen stand. –
»Hier sind sie! Kommt, hierher! Sie sitzen beide unter dem Holunderbusch!«
Keine andre als Grete war es, die durch ihren lauten Ruf die Träumenden
aufschreckte. Unbemerkt war sie aus einem Seitenweg hervorgetreten und
stand nun wie aus der Erde gewachsen vor ihnen.
Ilse sprang auf und trat den andern Mädchen, die herbeigeeilt kamen,
entgegen. Nellie trocknete verstohlen ihre Thränen und machte wieder ein
heitres Gesicht.
»Wir haben euch überall gesucht,« sagte Orla, »was macht ihr denn hier?«
»Ich glaube wahrhaftig, ihr schwärmt im Mondenschein, Kinder,« lispelte
Melanie, »ihr macht so furchtbar schmachtende Augen alle beide, habt ihr
geweint?«
Grete mußte sich hiervon genau überzeugen, sie trat zu Nellie und sah sie
neugierig prüfend an. »Du hast geweint, Nellie – und du auch Ilse –«
behauptete sie entschieden. »Was habt ihr denn? Warum weint ihr?«
»Um nix!« entgegnete Nellie ärgerlich über die unzarte Grete.
»Um nichts weint man doch nicht,« fuhr dieselbe unbeirrt fort, »bitte,
sagt es doch, warum ihr geweint habt.«
»Laß deine zudringlichen Fragen,« verwies sie Flora, »und wenn sie dir
sagen würden: ›Der silberne Mond, die duftenden Rosen, der entzückende
Sommerabend, so recht zur Liebe und Traurigkeit geschaffen, haben unsern
Herzen Wehmut und Thränen entlockt,‹ – würdest du das verstehen? Niemals!
Denn du hast keinen Sinn für die höhere Sphäre – du bist zu prosaisch!«
Sie begleitete ihre Worte mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer
wasserblauen Augen.
Floras hochtrabende Aeußerung stellte sofort die fröhlichste Stimmung her.
Nellie vergaß ihr Herzeleid darüber und sagte lachend: »O Flora, was für
ein zarter Seel’ du hast! Sei bedankt du hoher Dichterin, du hast uns
verstanden!«
»Kinder!« unterbrach Orla die Sprechenden, »nun hört auf mit euren
Albernheiten, ich habe euch eine höchst wichtige Mitteilung zu machen!«
Wichtige Mitteilung! Grete sperrte Mund und Nase auf und sah gespannt auf
Orla, zu der sie sich ganz dicht herangedrängt hatte.
»Nicht hier!« fuhr diese fort, »folgt mir unter die Linde!«
»Unter die Linde?« fragte Annemie ängstlich. »Laß uns doch hier, es ist ja
schon dunkel unter dem alten, großen Baum!«
»Ja, und es ist schon spät, wir müssen uns eilen,« fiel die ebenfalls
furchtsame Flora ein.
»Mache dir keine Sorge darum, liebste Flora,« gab Orla zurück, »denn höre
und staune: Weil heute mein Geburtstag ist, hat Fräulein Raimar auf
dringendes Bitten die hohe Gnade gehabt, unsern Aufenthalt im Garten heute
abend bis um zehn Uhr zu verlängern!«
»Himmlisch! Furchtbar reizend! Zu nett!« u. s. w. rief es durcheinander
und Grete machte sogar einen kleinen, ungeschickten Sprung in die Luft.
»Also auf zur Linde!« kommandierte Orla und schlug den Weg dorthin ein.
Ohne Gegenrede folgten ihr alle, in wenigen Augenblicken waren sie dort.
Orla stieg auf eine Bank, die dicht am Stamme lehnte, schlug die Arme
untereinander und sah schweigend auf die Mädchen herab, die einen dichten
Halbkreis um sie bildeten und mit höchster Spannung auf sie blickten.
»Meine lieben Freundinnen,« hub sie an, da raschelte es über ihnen in den
Zweigen. Die Mädchen schraken zusammen.
»Was war das?« fragte Annemie, »Gott, wenn sich im Baume jemand versteckt
hätte!«
»Oder wenn ein Gespenst wieder seinen Spuk triebe!« sprach Melanie mit
bebenden Lippen.
»Wie unheimlich ist es hier!« fiel Grete ein, »ich fürchte mich!«
»So ein Gespenst mit großer Feuerauge und fliegender Haar,« meinte Nellie
und stieß Ilse an, »o, es wäre furchtbar!«
Orla stand ruhig und unerschrocken da, sie kannte keine Furcht. »Schämt
euch!« rief sie den Zagenden zu, »seid ihr erwachsene Mädchen? Kann euch
eine harmlose Fledermaus in die Flucht treiben? Geht zurück, wenn ihr euch
fürchtet, für Kinder passen meine Worte nicht! Wollt ihr vernünftig sein?«
»Ja, ja!« tönte es zurück, zwar etwas zaghaft, aber die Neugierde trug
doch den Sieg über die Furcht davon.
»So hört mich an! Hier an dieser Stätte, unter dem Schutze unsrer
geliebten Linde laßt uns einen Bund schließen, der uns in Freundschaft für
das ganze Leben vereinen soll. Wie lange wird es dauern und wir verlassen
die Pension, und das Schicksal zerstreut uns in alle Winde!«
»In alle Winde!« wiederholte Flora halblaut.
»Nun frage ich euch, soll uns dasselbe für immer trennen? Ich sage: nein!
wir werden uns wiedersehen! Wir haben stets treu zusammengehalten, unsre
Freundschaft darf nicht wie ein leerer Wahn verrauschen –«
»Wie ein leerer Wahn verrauschen –« gab Flora als Echo zurück.
»Ruhig!« geboten die andern, »laß Orla sprechen!«
»So frage ich euch denn: wollt ihr mit mir in diesem feierlichen
Augenblicke geloben, daß ihr heute in drei Jahren zurückkehren wollt? Hier
unter der Linde, am siebenten Juli, morgens elf Uhr, soll uns ein frohes
Wiedersehen vereinen. Seid ihr mit meinem Vorschlage einverstanden?«
»Ja!« rief es einstimmig und begeistert, »wir kommen!«
»Schwört einen Eid darauf!«
Sie erhob drei Finger der rechten Hand und alle übrigen folgten ihrem
Beispiele. Nur Rosi zögerte.
»Es könnten doch Hindernisse eintreten, die eine Reise hierher unmöglich
machten,« warf sie mit ihrer sanften Stimme ein.
»Hindernisse, das heißt, nur wichtige Hindernisse heben den Eid auf!«
erklärte Orla. »In diesem Falle ist die Ausbleibende verpflichtet, durch
einen ausführlichen Brief den Grund ihres Eidbruches anzugeben. Beschwört
auch das!«
Wieder erhoben sich die Hände und diesmal zögerte Rosi nicht, sich dem
Schwure anzuschließen.
»Nun haben wir uns für ewig verbunden!« nahm Orla wieder das Wort, »und
jede von uns wird ihren Eid halten, damit wir indes stets desselben
gedenken, mache ich euch einen Vorschlag. Wir wollen zur Erinnerung an
diese heilige Stunde einfache, silberne Ringe anfertigen lassen, die wir
an dem kleinen Finger der linken Hand tragen. Jede von uns erhält einen
solchen und trägt ihn bis zu ihrer Sterbestunde.«
»Bis zu ihrer Sterbestunde!« sprach Flora langsam und elegisch nach.
Die Ringidee wurde von allen reizend, famos und entzückend gefunden und
mit Begeisterung angenommen. Orla, die von ihrem erhabenen Platze
heruntergesprungen war, wurde umringt und mit schmeichelhafter Anerkennung
überhäuft. Melanie prophezeite ihr geradezu eine große Zukunft als
Rednerin, sie habe ›furchtbar reizend‹ gesprochen.
Alle befanden sich übrigens in einer gehobenen Stimmung, sie fielen sich
in die Arme, küßten sich und versicherten sich gegenseitig der
zärtlichsten Freundschaft, die nur mit dem Tode enden könne.
Sie glaubten ganz ernst an ihre Versprechungen, kein Zweifel vergiftete
ihre unschuldsvolle Zuversicht. Der Mond lugte wischen den Zweigen
hindurch und blickte wie spottend mit einem Auge auf das rührende
Schauspiel. Vielleicht verstand ihn der alte Baum, vielleicht bedeutete
das leise Rauschen in seinem Wipfel die Antwort: Du Zweifler da oben,
spotte nicht über die gläubigen Kinder. Weißt du nicht, daß es immer so
war und immer so sein wird? Die Träume der Jugend gehören zur jungen
Brust, wie der Tau zur Rose. Enttäuschung und Nüchternheit töten früh
genug diese Blüten der kurzen Maienzeit.
»Orla,« sagte Flora, als sie langsam in das Haus zurückkehrten, »auch ich
möchte einen Vorschlag machen. Wenn eine von uns Freundinnen, die wir uns
bis in den Tod verbunden haben, in den Bund der heiligen Ehe tritt, so
soll es ihre Pflicht sein, ihre Genossinnen zu diesem hohen Feste
einzuladen.«
»Ja,« stimmte Orla bei, »das ist ein guter Gedanke, wir wollen denselben
mit einem Handschlag besiegeln.«
Sie schlossen einen Kreis und reichten sich die Hände, verzogen auch keine
Miene dabei. Nur Ilse konnte das Lachen nicht lassen, die
Hochzeitsgedanken kamen ihr gar zu komisch vor.
»Ich trete zwar niemals in den Bund der heiligen Ehe, aber ich gebe doch
mein Handschlag zu die Einladung,« neckte Nellie.
»Spotte nicht über so ernste Dinge,« sprach Flora zürnend. »Wir sind nicht
aufgelegt zu deinen Scherzen.«
»O, ich scherz’ gar nix, aber wie soll ein arm’ häßlich Engländerin mit
sehr viel Sommerspross’ auf der Nas’ ein Mann bekommen?«
Diese komische Bemerkung verscheuchte den Ernst von den jugendlichen
Stirnen und Scherz und Frohsinn kehrten zurück.
Ehe sich Flora zur Ruhe begab, schrieb sie in ihr Tagebuch:
»Welch ein großer, ereignisvoller Tag! O, ich zittere noch, wenn ich daran
denke! Mondschein! Rosenduft! Linde! Sang der Philomele! Orla hinreißend
gesprochen (Meine nächste Heldin Orla heißen!) Freundschaftsbündnis!
Schwur! Hochzeitsversprechen! (Meine entzückende Idee!) Handschlag darauf!
Wie heißt die Hochbeglückte, die zuerst denselben löst? Schicksal, du
dunkles, laß mich den Schleier heben! Giebt es Ahnungen, sollt’ ich? –«
Sie legte die Feder nieder, schloß das Buch und verbarg es tief in ihrem
Kommodenkasten. Ihre Hand zitterte und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie
legte sich nieder und schlief ein. Träumend sah sie sich im Brautkranz und
weißen Atlaskleide.
* * *
Die acht Wochen, oder wie Nellie sagte: »vierundfünfzig Tage«, waren
vorübergegangen. Der erste September brach an. Nellie hatte die ganze
Nacht nicht schlafen können vor Herzeleid, der Abschied von der geliebten
Freundin raubte ihr die Ruhe. Auch Ilse war es gleich ergangen und es war
rührend, wie beide Mädchen bemüht waren, ihre Schlaflosigkeit und ihre
Thränen sich gegenseitig zu verbergen.
Als der Morgen anbrach, hielt Nellie es nicht mehr aus. Sie stand auf,
warf ihr Morgenkleid über und schlich an Ilses Bett.
»Wachst du?« fragte sie, als dieselbe sie mit offenen Augen ansah, »das
ist schön, nun können wir noch eine ganze Stunde plaudern, es hat eben
Fünf geschlagen.«
Sie setzte sich auf Ilses Bettrand und ergriff deren beide Hände, und als
sie aufblickte und Thränen in Ilses Augen schimmern sah, da war es aus mit
ihrer künstlichen Fassung. Sie beugte sich zu der Freundin nieder und
indem sich beide fest umschlungen hielten, vermischten sich ihre heißen
Thränen.
»O, Ilse! Wie einsam wird es sein, wenn dein Bett leer ist! Oder wenn ein
anderer Gesicht mir daraus ansieht, o, ich bin sehr, sehr traurig!«
Ilse hatte sich aufgerichtet und drückte die Weinende innig an sich. Zu
sprechen vermochte sie nicht, es war ihr zu weh.
»Wir sehen uns bald wieder,« sprach sie endlich mit zitternder Stimme und
versuchte Nellie zu trösten. »Du besuchst uns in Moosdorf; den ganzen
Winter über wirst du bei uns bleiben.«
Nellie schüttelte ungläubig den Kopf. »Das wird nix, ich werde nicht
Erlaubnis bekommen zu ein so lang’ Besuch. Meine Zeit ist Ostern vorbei,
dann heißt es: fort aus der Pension! Ich muß ein’ Stell’ annehmen und
Kinder Unterricht geben. Aber ich weiß noch nicht viel und muß sehr
fleißig lernen, Fräulein Raimar sagt es alle Tage.«
»Aber die Michaelisferien darfst du gewiß bei uns zubringen. Meine Eltern
werden selbst an Fräulein Raimar schreiben und sie dringend darum bitten,
sie wird es ihnen nicht abschlagen,« entgegnete Ilse.
»Es geht nicht, ich muß lernen!«
Ilse sah die Freundin traurig und bedauernd an. »Wenn du wirklich eine
Gouvernante werden mußt, Nellie, so versprich mir fest, daß du all’ deine
Ferien bei uns in Moosdorf zubringen willst. Meine Heimat soll auch die
deinige sein.«
Mit einem Handschlage wurde dies Versprechen besiegelt. »Du bist sehr gut,
Ilse, ich werde nie wieder ein Mädchen lieben wie dir. Vergiß mir nie!
Sieh dieser klein’ silbern’ Ring recht oft an und denk’ dabei immer an
dein’ Nellie, die in Einsamkeit zurückgeblieben ist.«
»Nicht einsam,« tröstete Ilse, »sie haben dich alle so lieb im Institute.«
»Und wenn ich fort bin, aus der Auge, aus der Sinn, dann bin ich fremd für
sie.«
»Nein, Nellie, du wirst Fräulein Raimar und Fräulein Güssow nie eine
Fremde sein!« entgegnete Ilse mit vollster Ueberzeugung. »Sie haben dich
furchtbar lieb!«
»O ja, ich weiß; aber sie sind nicht mehr in Jugend und werden mir nie
verstehn, wie du. Sie haben vergessen, wie man ein dumm’ Streich macht!
Denkst du noch an der Apfelbaum?«
Die Erinnerung an diese lustige Fahrt trocknete ihre Thränen und rief ein
fröhliches Lächeln auf ihre Lippen. Jede geringe Kleinigkeit durchlebten
sie in Gedanken noch einmal. Die Spukgeschichte. Miß Lead in ihrem
wunderbaren Aufzuge. Die Stiefelspitze, die sie beinahe verriet, ach, und
die Angst, die sie ausgestanden! – »Und es war doch schön!« rief Nellie
aus, »ich wünsche, daß wir noch einmal alles machen könnten!«
»Wenn du nach Moosdorf kommst,« sagte Ilse, »dann wollen wir in die Bäume
klettern nach Herzenslust! Du wirst es bald lernen! O, es wird dir bei uns
gefallen! Wir haben ein großes, schönes Wohnhaus mit Türmchen und Söllern,
fast wie ein Schloß. Du wirst dein Zimmer dicht neben mir haben, das ist
doch reizend, nicht wahr? Ich fahre dich alle Tage mit meinen Ponies
spazieren, und Hunde haben wir zum Entzücken!«
So plauderte Ilse von der Heimat und schilderte der Freundin lebhaft und
feurig die dortigen Herrlichkeiten. Auf diese Weise kamen sie für den
Augenblick über das Weh des Abschieds hinweg, die Aussicht auf ein nicht
allzufernes Wiedersehen versüßte ihren herben Trennungsschmerz. –
Wenige Stunden später stand Ilse reisefertig vor Fräulein Raimar und sagte
ihr Lebewohl. Die Vorsteherin hielt sie im Arme und redete liebevoll auf
sie ein.
»Es thut mir leid, daß dein Vater verhindert ist, dich abzuholen,« sagte
sie, »nun mußt du die weite Reise allein machen! Gern hätte ich ihn auch
noch einmal gesprochen und mancherlei mitgeteilt, was ich nun schriftlich
thun mußte. Wie erstaunt wird er sein, wenn er dich wiedersieht, er wird
die frühere Ilse gar nicht wieder erkennen! Weißt du wohl noch, wie ungern
du damals zu uns kamst?«
»Verzeihen Sie mir,« bat Ilse unter Thränen, »und vergessen Sie, wenn ich
Sie kränkte!«
»O, rede nicht davon! Du bist uns allen eine liebe Schülerin geworden und
ungern sehen wir dich scheiden. Ich hoffe, du schreibst mir zuweilen,
liebe Ilse, und giebst mir Nachricht, ob du gute Fortschritte in der Musik
und besonders im Zeichnen machst. Ich habe den Papa gebeten in diesem
Briefe,« sie übergab Ilse denselben, »daß er dir noch in einigen Fächern
Nachhilfe geben lassen möge, besonders möge er für einen tüchtigen Lehrer
im Zeichnen sorgen, da du viel Talent dazu habest.«
Fräulein Güssow trat ein und meldete, daß der Wagen vor der Thüre stehe,
sie und Nellie begleiteten Ilse zur Bahn.
»Leb wohl denn, mein Kind,« sagte die Vorsteherin, »und wenn du einmal
Sehnsucht nach der Pension bekommen solltest, so kehre zu uns zurück,
jederzeit wirst du uns von Herzen willkommen sein.«
Im Hausflur standen die Freundinnen versammelt. Sie umringten die
Scheidende und reichten ihr Blumensträuße. Natürlich küßten und herzten
sie sich unter Thränen.
»Vergiß uns nicht!« »Schreib bald!« »Ich habe dich furchtbar lieb gehabt!«
so und ähnlich klang es durcheinander, und ehe Ilse in den Wagen stieg,
flüsterte Flora ihr zu: »Gedenke deines Schwurs!«
»Die Blumen werden dir lästig sein unterwegs, Ilse,« meinte Fräulein
Güssow, die bereits mit Nellie im Wagen Platz genommen hatte, »laß sie
zurück und nimm aus jedem Strauße nur einige Blümchen mit.«
Aber welches junge Mädchen würde auf diesen vernünftigen Vorschlag
eingegangen sein! Eine Abreise ohne Strauß ist gar keine richtige Abreise
nach heutigem Begriffe. Natürlich schüttelte Ilse den Kopf und sah das
Fräulein bittend an. »Ich möchte sie so gern alle mitnehmen,« sagte sie.
»Aber wie?« Darauf gab Rosi die Antwort. Sie hatte ein offenes Körbchen
herbeigeholt und legte den ganzen Blumenvorrat vorsichtig hinein.
Und nun zogen die Pferde an; noch ein »Lebewohl«, ein letzter
Abschiedsblick, ein Grüßen mit dem Tuche und hinter ihr lag die Stätte, an
der sie eine glückliche und lehrreiche Zeit verlebt. Ilse lehnte sich im
Wagen zurück und weinte laut.
Als die Damen am Bahnhofgebäude anlangten, war der Zug soeben eingefahren.
Er hatte fünfzehn Minuten Aufenthalt und Fräulein Güssow hatte Zeit, ein
passendes Koupee für Ilse auszusuchen.
»Wo ist ein Damenkoupee? fragte sie den Schaffner, »diese junge Dame fährt
nach W.«
»Hier! hier!« rief es aus dem Fenster eines Koupees hinter ihr, »hier
können junge, hübsche Damen Platz nehmen!«
Das Fräulein wandte den Kopf und blickte in ein fröhliches
Studentenangesicht. Das Cereviskäppchen saß ihm keck auf einem Ohre und
kaum geheilte »Schmisse« schmückten Kinn und Wange. Hinter ihm standen
noch einige andre Studenten und lachten zu dem Scherze ihres Freundes.
Laut und ungeniert bewunderten sie die jungen Mädchen.
»Entzückend! Wunderbar! Fortuna mit dem Füllhorne!« riefen sie den Damen
nach, die sich eilig entfernten. – Fräulein Güssow ergriff unwillkürlich
Ilses Hand, die hocherrötet war.
[Illustration]
»Wie unverschämt!« sagte sie entrüstet, »wie konnten sie das wagen! Ach
Ilse, ich bin in Sorge um dich!« – Und sie ließ einen recht besorgten
Blick über das junge Mädchen hingleiten, das in seinem schottischen
Reisekleide, dem passenden Barett mit blau schillerndem Flügel an der
Seite, überaus lieblich aussah. – »Du reistest noch niemals allein, und
jetzt mußt du ohne Schutz die lange Fahrt machen. Wenn doch dein Papa dich
abgeholt hätte!«
»Das war nicht möglich!« entgegnete Ilse. »Er mußte daheim bleiben, um
Mamas einzigen Bruder, der zehn Jahr in der Welt umhergereist ist, heute
zu begrüßen. Ich habe ihn selbst darum gebeten, als er mir schrieb, daß er
trotzdem kommen wolle. Ich bin auch gar nicht ängstlich, es ist ja heller
Tag. Papa hat mir auch die ganze Reiseroute so genau aufgeschrieben, daß
ich mich nicht irren kann.«
»Lies mir das noch einmal vor,« sagte Fräulein Güssow. »Ich möchte dich
gern mit meinen Gedanken begleiten. Du, Nellie, könntest indessen Ilses
Handgepäck in das Koupee legen.«
Ilse nahm aus einem roten Ledertäschchen, das sie an ihrem Gürtel
befestigt an der Seite trug, einen Brief und las:
»Um elf Uhr Abfahrt von dort, um zwei Uhr Ankunft in M. Bis drei Uhr
Aufenthalt daselbst. Dann Weiterfahrt _ohne umzusteigen_ bis Lindenhof. Um
fünf Uhr langst du dort an, steigst aus und wirst von meinem alten
Freunde, Landrat Gontrau mit seiner Frau, empfangen. Sie nehmen dich mit
hinaus nach Lindenhof, wo du, auf ihre dringenden Bitten, übernachtest.
»Am andern Mittag fährst du weiter und Gontrau hat mir versprochen, dich
sicher zur Bahn zu befördern und alles Nötige für deine Weiterreise zu
besorgen.
»Vergiß nicht, eine Photographie von mir in die Hand zu nehmen; Gontraus,
denen du ja unbekannt bist, werden dich daran erkennen.«
»Hast du das Bild?« fragte das Fräulein, und als Ilse bejahte, gab sie
derselben noch mancherlei gute Lehren mit auf den Weg. »Ich weiß, du bist
verständig und wirst auch vorsichtig sein, aber du bist noch unerfahren
und kennst die Welt und die Menschen nicht; – es giebt Leute, die gar zu
gern unsre ganzen Lebensverhältnisse herauslocken möchten und höchst
geschickt zu fragen verstehen; weiche ihnen soviel wie möglich aus und sei
höchst vorsichtig in deinen Aeußerungen. Für alle Fälle warne ich dich
aber, in keiner Weise eine Aufmerksamkeit oder eine Gefälligkeit, wenn sie
dir überflüssig erscheint, von einem Herrn, sei er jung oder alt,
anzunehmen. Folge nur stets deiner zurückhaltenden Natur, liebes Herz,
dann wirst du auch das Rechte thun.«
»Einsteigen!« rief der Schaffner und unterbrach die liebevollen
Ermahnungen der jungen Lehrerin. Weinend umarmte Ilse dieselbe, und alles,
was sie an Liebe und Dankbarkeit für dieselbe empfand, stammelte sie in
zwei Worten mühsam hervor: »Dank – Dank –«
»Leb’ wohl denn, mein geliebtes Kind!« entgegnete diese und schloß ihr den
Mund mit einem innigen Kusse.
Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick für Ilse.
»Behalt’ mir lieb,« bat sie kaum hörbar und sah dabei so unglücklich aus,
als ob das Glück für immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest
umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, – dann riß sie sich
los und stieg ein.
Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weißen Locken ein.
Sie war ganz außer Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas ängstlich
und unbeholfen zu sein. Fräulein Güssow war ihr beim Einsteigen behilflich
und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer großen
Freude, daß die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete
die herzliche Bitte an dieselbe, daß sie das junge Mädchen unter ihren
Schutz nehmen möge. Mit größter Liebenswürdigkeit versprach dies die Dame.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus
und grüßte mit dem Tuch die Zurückbleibenden. – Schmerzlich bewegt blickte
Fräulein Güssow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stück von ihrem
Herzen mit sich nähme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und
Hingebung sich der Erziehung einer Schülerin gewidmet, noch nie hatte sie
sich durch den glücklichen Erfolg so belohnt gefühlt. – Nun ging sie fort
und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde?
»Komm,« wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, »wir wollen
gehen!« Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach tröstende
Worte zu ihr – und hatte doch selbst ein so tiefbetrübtes Herz.
* * *
Im Flug entführte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so
verschiedenartigen Gefühlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich
flossen ihre Thränen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrückt und die
liebliche Gegend, an der sie vorüberfuhr, die Berge, die ihr vertraute
Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruß von ihr. Ein
Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und
färbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu
bringen.
Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie störte sie nicht in
ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, daß Ilse ruhiger wurde, knüpfte sie
ein Gespräch mit ihr an.
»Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind,« sagte sie herzlich, »und
kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von
der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen
scheiden zu müssen, die man lieb gewonnen hat, – aber Kind, so gar
trostlos müssen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht für
das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es
ist wohl schön in Ihrer Heimat?«
Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter
Thränen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzählen, ihre Gedanken
kehrten in das Elternhaus zurück, und zum erstenmale dachte sie seit
längerer Zeit mit ungetrübter Sehnsucht an dasselbe.
»Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen!« fuhr die Dame
fort, die großes Wohlgefallen an dem jungen Mädchen fand.
»O sehr, sehr!« entgegnete Ilse, »und besonders freue ich mich auf den
kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir,
darf ich es Ihnen zeigen?«
[Illustration]
Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, öffnete dieselbe und nahm ein
Album daraus hervor.
»Das ist er!« sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken
Buben, der im Hemdchen photographiert war.
»Ein schönes Kind!« bewunderte die Dame, »und ist das Ihre Mama, die den
Kleinen auf dem Schoße hält?«
Ilse bejahte. »Hier ist mein Papa,« fuhr sie fort und holte sein Bild aus
dem Saffiantäschchen. Was war natürlicher, als daß sie bei dieser
Gelegenheit erzählte, daß ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle,
wenn Gontraus sie empfangen würden.
»Gontrau?« fragte die alte Dame, »Landrat Gontrau? Das sind ja liebe
Bekannte von mir. Mein Mann, Sanitätsrat Lange, ist seit langen Jahren
Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die nächste Station von
Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres
Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr nötig; jetzt werde ich Sie
meinen Freunden zuführen! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen
Aufenthalte!«
Ilse war sehr erfreut über diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit
der liebenswürdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit
Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee
öffnete und hineinrief: »Station M.! Sie müssen aussteigen, meine Damen!«
»Schon!« rief Ilse und griff nach ihren Sachen.
Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepäck zusammen. Es
geschah alles mit ängstlicher Hast, ihre Hände zitterten etwas in nervöser
Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer
Hand. Das Schloß an derselben sprang auf und verschiedene kleine
Gegenstände kollerten auf den Boden.
»O Gott!« rief sie erschrocken, »was habe ich da gemacht!« – Sie wollte
sich bücken und ließ eine Schachtel dabei fallen.
»Bitte, lassen Sie mich alles besorgen!« beruhigte sie Ilse. Schnell hatte
sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der
Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand,
steckte sie tief hinein in die Tasche, verschloß dieselbe vorsichtig und
gab sie der geängsteten Dame in die Hand.
»So,« sagte sie, »nehmen Sie das an sich, für Ihre übrigen Sachen werde
ich Sorge tragen.«
Sie legte sämtliches Handgepäck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus,
ließ sich dasselbe von der Dame zureichen, übergab es einem
bereitstehenden Packträger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die
hohen Stufen hinabsteigen.
»Danke, danke, liebes Kind,« sagte diese. »Wie umsichtig und verständig
Sie alles besorgen! Ich hätte das bei Ihrer Jugend kaum erwartet.«
Ilse wunderte sich selbst darüber, wer weiß aber, ob ihre Selbständigkeit
sich so plötzlich entwickelt hätte, wenn die hilflose Art und Weise ihrer
Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert hätte. – Ganz stolz hob sie den
Kopf bei diesem Lobe und wünschte: wenn Fräulein Güssow doch gleich
dasselbe hören könnte! Sie hatte so große Besorgnisse gehabt, und jetzt
war sie Beschützerin, anstatt daß sie beschützt wurde! – Es war wirklich
ein recht erhebendes Gefühl für sie, leider nicht von langer Dauer!
Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebäude zuschritt, hörte sie
laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein flüchtiger
Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz ängstlich ergriff
sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe
Sicherheit geschwunden und sie fühlte sich recht eines Schutzes bedürftig.
»Leb wohl – leb wohl – du süße Maid! – Nur einen Abschiedsblick, reizendes
Lockenköpfchen!« riefen die Uebermütigen, und als der Zug schon im
Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie
fiel gerade zu ihren Füßen.
Ilse wandte sich ab, sie wußte vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie
den Blick wenden sollte.
»Kannten Sie die jungen Herren?« fragte Frau Rat. –
Ilse verneinte und erzählte, daß sie dieselben zum ersten Male bei ihrer
Abreise gesehen.
»Ja, das ist lustiges Blut!« meinte Frau Rat. »Die ganze Welt gehört ihnen
und man darf es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen
als andre. – Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?«
Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schüttelte doch den Kopf. »Ich darf
nicht,« sagte sie, und Fräulein Güssows Worte: »keine Aufmerksamkeit von
einem Herrn anzunehmen,« standen mahnend vor ihrer Seele. – Der Werfer
fuhr freilich auf und davon und niemals hätte er erfahren, ob sie die Rose
nahm oder nicht, – trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit
und das eigne Bewußtsein waren die Wächter, die sie zurückhielten.
Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich über ihr
Taktgefühl. »Sie haben recht, Kind,« sagte sie, »und eigentlich beschämen
Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen
hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir
leid um die unschuldige Rose.«
Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit
benützt, eine Korrespondenzkarte an Fräulein Güssow zu schreiben. Als sie
schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar
einige Thränen die frische Schrift; aber sie meldete, daß ihr die Reise
bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat wäre eine zu
entzückende Frau.
Die Erwähnte dachte ungefähr ebenso von ihrer jungen Reisegefährtin. Sie
hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefaßt. Ilse
war so ganz anders als all die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Sie
verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf
den klaren Grund sehen läßt. Wahr und offen und doch nicht geschwätzig,
natürlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie hübsch war die Kleine! –
Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre
braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie
traurig und thränengefüllt, fröhlich und schelmisch aufleuchten sah, und
deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als übermütige Studenten ihr
huldigen wollten.
»Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und müssen uns trennen,«
sagte Frau Rat. »Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb
gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie
in die Nähe von L. führen sollte.«
Ilse versprach das gern und gestand, daß auch ihr das Scheiden schwer
werde. Frau Rat hätte so ›himmlisch‹ verstanden, sie zu trösten.
»Da sind wir schon!« rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster
hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken.
Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkörben da, sie wollten
mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. – Ilse hatte auch hinausgeschaut
und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht
bange.
»Ach!« seufzte sie, »was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier!
Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie
mich für die eine Nacht auf. Bitte, bitte!«
»Wie gern thäte ich das, mein Kind; aber das wäre gegen die Bestimmung
Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich
etwas verspätet, Sie können es glauben. Was würden sie sagen, wenn
Fräulein Ilse davongeflogen wäre?«
Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepäck, auch die Blumen, die trotz
des häufigen Besprengens mit frischem Wasser die Köpfchen traurig hängen
ließen, hatte sie aus dem Koupee gehoben, – nun stand sie da und sah sich
hilflos nach beiden Seiten um.
»Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind,« beruhigte die
alte Dame, »es wäre ja noch immer kein Unglück, wenn Gontraus durch irgend
ein Mißverständnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen
Sie einen Wagen im Stationsgebäude und fahren nach Lindenhof hinaus. In
einer guten Stunde sind Sie dort, und daß Sie bei den lieben Menschen mit
offnen Armen empfangen werden, dafür stehe ich ein.«
»Nein, nein! das thue ich nicht! Das würde ich nicht wagen!« rief Ilse
ganz erschrocken. »Ich weiß ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann
doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!«
Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die
Oberlippe kräuselte sich in verdächtiger Weise. Frau Rat lächelte über den
jugendlichen Ungestüm.
»Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie
kommen, kleine Ungeduldige,« sprach sie scherzhaft. »Der Landrat ist ein
sehr guter Freund Ihres Vaters.«
Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch
niedergeschlagener.
Als Frau Rat bemerkte, daß sie nur noch fünf Minuten beisammen sein
würden, füllten sich ihre Augen mit Thränen.
»Gehen Sie einmal schnell um das Gebäude, dort können Sie die ganze
Chaussee überblicken, die nach dem Rittergute führt. Vielleicht sehen Sie
den Wagen kommen.«
Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen öffnete sie das
Saffiantäschchen und nahm Papas Bild heraus. »Es ist zwar doch
vergeblich,« dachte sie, »aber ich will es für alle Fälle in die Hand
nehmen.«
[Illustration]
Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als
von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem,
elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend über den
Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und spähte forschend in
jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Züge verklärten
sich, – der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. »Leo!
Leo!« rief sie ihn an, »komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst
sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren – sie ist ein reizendes, junges
Mädchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus
gegangen!«
»Was für eine Waldblume meinst du, Tante Rat?« fragte der junge Mann etwas
erstaunt und sah mit seinen offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr
schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. »Von wem sprichst
du?«
»Von ihr – von ihr!« rief sie zurück. »Von Ilse, die ihr erwartet,« wollte
sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das
betäubende Läuten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie
nervös und verwirrte sie, es kam noch hinzu, daß der junge Mann ihren
Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie
zu verlassen.
»Ich muß dich verlassen, Tante!« sagte er denn auch, »ich muß mich nach
einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte –«
»Sie ist es! Sie ist es!« rief sie lebhaft, aber er hörte ihre Worte nicht
mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang.
»Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt – und ist dasselbe vielleicht
hier ausgestiegen?« fragte er einen Schaffner.
»Nein!« antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf,
denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
Als Frau Rat an ihm vorüberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider
vergeblich, er verstand sie nicht.
Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der
Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, daß er sofort bei Ilses
Ankunft telegraphieren möge, ob sie glücklich angekommen sei. Was sollte
er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres übrig, als eine Depesche
abzusenden mit den Worten: »Nicht angekommen!«
Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel
sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn
auf und las die Aufschrift auf dem geöffneten Kouvert. Nicht wenig
erstaunte er, als er die Adresse las: »Fräulein Ilse Macket,« – sonderbar!
Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch
muß es angekommen sein!
»Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat?« wandte er sich an eine
Frau, die einen kleinen Obststand in der Nähe hatte.
»Gesehen habe ich es gerade nicht,« meinte die, »aber ein junges Fräulein
mit Locken hat ihn gewiß mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, daß sie
etwas herausnahm. Die dort war es,« unterbrach sie sich plötzlich und
zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der
entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr.
Ihre alte Freundin grüßte noch einmal zärtlich zum Fenster hinaus, machte
auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu
Leo hinüber, – Ilse verstand nichts von allem.
Höchst unglücklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre
einzige Bekannte hier in die Ferne führte. »Nun bin ich verlassen!« sprach
sie für sich, »was soll ich nun anfangen!« Es war merkwürdig, wie ihre
mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. – Wie recht hatte
Fräulein Güssow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht
vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten hätte sie wie ein
kleines Kind angefangen zu weinen, sie schämte sich nur vor dem jungen,
blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie
neugierig beobachtete.
Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie plötzlich eilige Schritte
auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: »Gnädiges Fräulein, ich bitte
um einen Augenblick!«
Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge flüchtig die Gestalt eines jungen
Mannes streifte, erfaßte sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr
– warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine
Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhören! – Als ob sie nichts
gehört habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, daß sie verfolgt
wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst
und Aufregung!
»Sie haben etwas verloren, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht die Güte
haben, mir einen Augenblick Gehör zu schenken!« rief er dringend.
Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er
benützte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten,
spöttischen Lächeln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so ängstlich
und blöde vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische
Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrückte, als er in das
liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in
ängstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. – ›Wie eine Waldblume‹ hatte
Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wußte er, wen sie damit gemeint.
»Ich fand diesen Brief dort,« sprach er, »gehört er vielleicht Ihnen?«
Ein flüchtiger Blick belehrte Ilse, daß er den Brief ihres Papas in der
Hand hielt. »Ja,« sagte sie, ziemlich beschämt über ihr albernes
Davonlaufen, »er gehört mir.« – Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen
Mann anzusehen.
»Ich danke Ihnen,« fügte sie noch hinzu und wollte mit einer schüchternen
Verbeugung weitergehen.
»Und war die Adresse an Sie gerichtet?« fragte er weiter, so daß sie
zögernd still stand.
Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er plötzlich erfreut und
lachend zugleich: »Sie – Sie sind Fräulein Ilse Macket! ich sehe die
Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spaß!«
Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das
hübsche, von der Sonne etwas gebräunte Gesicht des jungen Gontrau.
»Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen,« entschuldigte er sich, »aber
Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklärung gegeben habe. –
Zuvor erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau.«
– Er hob den weichen Filzhut ab und begrüßte sie in liebenswürdiger,
ehrerbietiger Weise.
»Gontrau!« rief Ilse strahlend vor Freude, »ist’s wahr, Gontrau? Aber Sie
sind doch nicht – doch nicht –«
»Der Landrat?« ergänzte er ihre Frage. »Nein, der bin ich nicht, nur sein
Sohn.«
»Ich war recht einfältig, daß ich Ihnen davonlief,« sprach sie errötend,
»aber ich wußte nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie für einen fremden
Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich
geängstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind
kam ich mir vor, das nicht weiß woher und wohin. Nun bin ich froh,
furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern?« plötzlich fiel es ihr ein, daß
dieselben nicht anwesend waren. »Bitte, führen Sie mich zu ihnen.«
»Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begrüßen,«
entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzückte. »Meinem
Vater ist ein kleiner Unfall zugestoßen. In dem Augenblick, als er den
Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuß und
zwar so böse, daß er zurückbleiben mußte. Die Mutter konnte zu ihrem
Kummer nun auch nicht fort, sie mußte dem Vater behilflich sein. Dieser
Unfall ist denn auch an meiner Verspätung schuld, die ich von ganzem
Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet
hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, ›die Kleine‹ in Empfang nehmen zu
können! Ja, ja, ›die Kleine‹,« wiederholte er und amüsierte sich über ihr
verwundertes Gesicht. »Ihr Herr Papa trägt die Schuld an dem Irrtum, in
dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner
›Kleinen‹, oder von ›seinem Kinde‹, das er allein und schutzlos die weite
Reise machen lassen müsse, er fürchtete, daß dem ›kleinen Mädchen‹, das
die Pension verließ, etwas zustoßen könne. Natürlich erwarteten wir nun
auch ein Kind, so ein halberwachsenes Mädchen von zwölf, höchstens
dreizehn Jahren.«
»Nein, aber der Papa!« rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei
wie gewöhnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm,
daß der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. »Papa ist zu
komisch! Er hält mich noch immer für die halberwachsene Ilse! Wie wird er
sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein
Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!«
»Bewahre!« stimmte der Assessor ihr bei, »mit siebzehn Jahren ist ein
junges Mädchen eine vollendete Dame.«
Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes
Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die
»vollendete« Dame.
Nur ihr Handgepäck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon
in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher
eben hinein.
»Die vielen Sträuße!« bemerkte Leo Gontrau und diesmal lächelte er
wirklich etwas. »Der Korb muß Ihnen doch eine Last gewesen sein?«
»O nein, nein!« sprach sie eifrig dagegen, »es sind ja lauter
Abschiedsgrüße von meinen Freundinnen!«
»So viele Freundinnen!« meinte er und sah in den Korb.
»Es sind sieben Sträuße,« belehrte ihn Ilse, die nämlich glaubte, er wolle
dieselben zählen.
»Sie waren schön,« meinte er, »jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser
Rosenstrauß mit der Vergißmeinnichteinfassung ist noch frisch.«
Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche
Rührung überkam sie, als sie der Geberin gedachte.
»Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin,« sagte sie innig – »von Nellie
Grey.«
»Nellie Grey?« fragte er. »Wohl eine Engländerin? Ist sie hübsch und
liebenswürdig?« setzte er scherzend hinzu.
»Sie ist reizend!« rief Ilse und geriet förmlich in Feuer, als sie von der
Freundin erzählte.
Er hörte ihr stillschweigend zu und amüsierte sich über die Begeisterung,
mit der sie lobte, und besonders über die überschwenglichen Ausdrücke, die
dabei ihren Lippen entschlüpften. Sie wußte es gar nicht, wie sehr sie
sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als:
furchtbar reizend! himmlisch! entzückend! süß! u. s. w. u. s. w. ihr
ebenso geläufig waren als Melanie und den übrigen Backfischen.
»Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebäude eine kleine Erfrischung
einnehmen?« fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu führen.
Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern
angenommen hätte. Sie war nämlich hungrig und ihr Magen trug rechtes
Verlangen nach einem kräftigen Imbiß. Eine vollendete Dame aber durfte den
Hunger nicht merken lassen, es wäre doch geradezu kindisch gewesen.
»Es ist kühl,« bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, »und mein
Auftrag lautet: Hülle ›das Kind‹ gut ein, damit es sich nicht erkältet in
der halboffenen Chaise.« Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit
lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre
Füße.
Sie ließ es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt über die leeren
Felder; sie lachte sogar über seine Fürsorge; aber hinterher kamen die
Bedenken. War es recht, daß sie sich von ihm einhüllen ließ? War es nicht
eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Würde Fräulein Güssow ihr
Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben würde, wie
sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen hätte! Sie
konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr.
Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches
Lachen ihres Nachbars. Natürlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken
in Verbindung.
»Lachen Sie über mich?« fragte sie beinahe ängstlich.
»Nein, nein!« entgegnete er, »wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie würde
ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an
meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die
Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als
ich fortfuhr.«
»Was sagte sie?« fragte Ilse und sah ihn neugierig an.
»Vergiß ja nicht, ›dem Kinde‹ die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die
Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube,« unterbrach er sich und griff
in die Seitentasche, »sie sprach auch von einem Stück Kuchen. Richtig!«
rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, »da ist er! Darf ich
es wagen, gnädiges Fräulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?«
Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. »Warum nicht?« entgegnete
sie unbefangen und griff zu. »Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen
esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu
sehen bekommen, Fräulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom
vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar öde Ansicht?«
»Ja, eine furchtbar öde Ansicht!« wiederholte er mit ganz ernsthaftem
Gesicht, »ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu
leben!«
»Manchmal,« erzählte sie, »ließen wir uns heimlich ein Stückchen holen,
über Mittag, wenn das Fräulein schlief.«
»So, so!« lachte er, »das sind ja schöne Geschichten, das muß ich sagen!«
»Wir thaten es nicht oft,« entschuldigte sich Ilse, »nur dann und wann,
wenn wir gar zu großen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?«
»Daß Sie den Kuchen aßen, finde ich durchaus nicht unrecht,« neckte er
sie, »aber daß Sie ihn heimlich holen ließen, gefällt mir nicht. Warum
fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?«
»Sie sind aber klassisch!« rief Ilse, »dann hätten wir es doch nicht
gedurft! Es war doch nichts Böses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses
Vergnügen, Fräulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob
wir Kuchen aßen oder nicht.«
»Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin!« tadelte er sie lachend, »ob
Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre
Gründe, weshalb sie Ihnen den Genuß des Kuchens verbot. Nummer I: Sie
handelten gegen ihren Willen – folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie
thaten es heimlich – das erschwert das Vergehen!«