Mit dankbaren Grüßen verbleib ich

Ihre

ergebene _Toni Lubauer_.«

»Weiße Kleider und dünne Strümpfe!« wiederholte Fräulein Raimar

kopfschüttelnd. »Es ist gut, daß wir für einiges gesorgt haben, ich könnte

es nicht vor mir selbst verantworten, das kleine Ding so durchsichtig und

wenig bekleidet zu sehen.«

Die junge Lehrerin stimmte bei und warf einen recht befriedigten Blick auf

all die schönen und nützlichen Sachen, die auf Lillis Tischchen aufgebaut

lagen.

Der Gärtner war mit seiner Arbeit fertig und hatte das Zimmer verlassen –

die Damen zündeten die Lichter des Baumes an, und als auch das geschehen

war, ergriff die Vorsteherin eine silberne Klingel und läutete.

Wie mit einem Zauberschlage flogen die Flügelthüren auf und die junge

Schar stürmte herein.

Einen Augenblick standen sie wie geblendet da. So plötzlich aus der

Dunkelheit in das helle Licht, – der Kontrast war fast zu grell.

Lilli besonders stand wie gebannt da und hielt Ilses Hand krampfhaft fest.

»Komm,« redete Fräulein Raimar sie an, »ich will dich an deinen Tisch

führen, du bist ja ganz stumm geworden.«

Als das Kind vor seiner Bescherung stand, kehrte seine Lebhaftigkeit

zurück.

»Die schöne Puppe!« rief es entzückt und schlug die Händchen zusammen.

»Die ist aber halt zu schön! Meine alte Lori ist lang nit so süß! – Und

ein Strohhüterl hat sie auf – ach Gotterl! und die langen Zopferl! Und ein

Schultascherl tragt sie am Arm! Bitt schön, Fräulein, darf ich sie in die

Hand nehmen? Ich möcht sie ganz nah anschaun! Bitt schön, erlaube mir’s!«

Fräulein Raimar erfüllte gern die Bitte des Kindes, das behutsam sein

Püppchen in den Arm nahm.

»Sie kann die Augerl schließen!« fuhr dasselbe fort. »Schau, Fräulein, sie

will schlafen!« Das Kind war ganz außer sich vor Entzücken bei dieser

Entdeckung und hielt sein Plappermäulchen nicht einen Augenblick still.

»Meine Lori hat die Aeugerl immer auf, sie kann nit schlafen, nit wahr,

Fräulein? Die ist dumm, lang nit so gescheit wie diese. – Hast du mir die

Puppe geschenkt, Fräulein?«

»Nein,« entgegnete diese, die sich an Lillis jubelnder Freude erquickte.

»Ilse und Nellie haben sie dir angezogen. Aber sieh einmal, hier hast du

noch eine Puppe, die hat dir deine Mama geschenkt.«

Kaum einen Blick hatte sie für die kostbare Balldame. »Die ist mir zu

geputzt,« sagte sie, »die kann ich doch nit in das Bett legen! Die kann

mein Kind nit sein!« – Und mit der Puppe im Arme lief sie zu Ilse, um sich

zu bedanken.

Diese aber war sehr beschäftigt. Sie packte ihre Kiste aus und hatte nicht

Zeit, an etwas anderes zu denken. »Später, Liebling,« sagte sie, und

fertigte die Kleine mit einem flüchtigen Kuß ab. – Soeben hielt sie einen

prächtigen rosa Wollstoff in der Hand und Nellie stand neben ihr und

bewunderte denselben lebhaft.

»O wie süß!« rief sie. »Wie von Spinnweb so fein! Und wie er dir kleidet,«

fuhr sie fort und hielt den Stoff der Freundin an, »das wird ein schön’

Tanzstundenkleid! Du wirst dir wie eine Fee darin machen!«

Ilse aber war gar nicht recht vergnügt über das kostbare Geschenk, es

malte sich sogar etwas wie Enttäuschung in ihren Zügen. Warum mochten die

Eltern ihre Bitte nicht berücksichtigt, ja nicht einmal eine Antwort

darauf gegeben haben?

Und Nellie war so gut – so neidlos teilte sie ihre Freude.

So mochte auch Fräulein Güssow denken, die näher getreten war. Sie legte

den Arm um Nellies Schulter und fragte: »Warum packst du nicht deine

eigene Kiste aus?«

»Meine Kiste?« wiederholte Nellie. »O Fräulein, Sie spaßen! Für mir giebt

es das nicht!«

Ilse horchte auf. Einen schnellen, fragenden Blick warf sie der jungen

Lehrerin zu und diese antwortete mit einem geheimnisvollen Lächeln.

»Wer weiß!« fuhr sie fort, »sieh einmal nach, vielleicht hat eine gütige

Fee dir etwas beschert.«

Ilse erhob sich schnell aus ihrer knieenden Stellung und nahm die Freundin

unter den Arm. »Komm,« sagte sie, »wir wollen suchen.«

Kiste an Kiste stand da in der Reihe, jede indes war bereits in Besitz

genommen, Ilses Auge aber flog voraus. Sie hatte am Ende des Saales eine

herrenlose Kiste entdeckt, dorthin zog sie Nellie.

Und richtig, da stand mit großen Buchstaben auf dem Deckel: »An Miß Nellie

Grey.« – Es war kein Zweifel, die Adresse lautete an sie.

»O, was ist dies!« rief Nellie überrascht und ihre Wangen röteten sich,

»wer hat an mir gedacht? Ist es gewiß für mir?«

»Ja, sie ist wirklich für dich,« versicherte Ilse strahlend, denn nun

hatte sie erst die echte Weihnachtsfreude, »nimm nur den Deckel hoch.«

Immer noch etwas zögernd folgte Nellie dieser Aufforderung. Welche

Ueberraschung! Da lag obenauf ein gleicher Stoff in blaßblau, wie sie

soeben denselben in rosa bei Ilse bewundert.

Und wie sie nun weiter auspackten, jetzt eine jede ihre eigene Kiste, da

hielten sie sich jubelnd stets die gleichen Herrlichkeiten entgegen. Bald

war es eine gestickte Schürze, dann kamen farbige Strümpfe an die Reihe,

Handschuhe, sogar die Korallenkette, die schon lange ein sehnlicher Wunsch

Ilses war, fehlte bei Nellies Bescherung nicht. Auch die vielen Leckereien

waren gleichmäßig verteilt.

Ilse hatte in einem Karton mit Briefpapier einen langen zärtlichen Brief

der Eltern gefunden und als Nellie den ihrigen öffnete, lag auch für sie

ein kleines Briefchen darin.

»Meine liebe Nellie,« schrieb Ilses Mama, »ich darf Sie doch so nennen als

meiner Ilse liebste Freundin? Mein Mann und ich möchten Ihnen so gern

einen kleinen Beweis geben, wie dankbar wir Ihnen sind für die Liebe und

Freundschaft, die Sie stets unsrem Kinde zu teil werden ließen. Zwei

Freundinnen aber müssen auch gleiche Freuden haben – und mit diesem

Gedanken bitten wir Sie herzlich, den Inhalt der Kiste freundlich

anzunehmen.

Mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Sie auch fernerhin unsrer Ilse eine

treue Freundin bleiben mögen, grüßt Sie herzlich

_Anne Macket_.«

Nellie fiel Ilse um den Hals und vermochte kein Wort hervorzubringen. Die

Rührung schnürte ihr die Kehle zu – Thränen waren seltene Gäste bei unsrer

Nellie. Das frühverwaiste Mädchen, das sich von klein auf stets bei

Verwandten herumdrücken mußte, dem das Sonnenlicht der elterlichen Liebe

fehlte, hatte das Weinen beinah verlernt. Wer hätte auch auf seine Thränen

achten sollen?

»Dein Mutter ist ein Engel!« brachte sie endlich, so halb unterdrückt,

heraus. »Wie soll ich sie für alles danken?«

»Ja, meine Mama ist sehr gut!« bestätigte Ilse, und zum erstenmal stieg

ein warmes, zärtliches Gefühl für dieselbe in ihrem Herzen auf.

Für sentimentale Stimmungen waren Ilse und Nellie indes nicht angethan,

und als erstere ein Stück Marzipan der Freundin in den Mund steckte, war

die Rührung zu Ende. Thränenden Auges verzehrte es Nellie, und dieser

Anblick kam Ilse so possierlich vor, daß sie lachen mußte, – natürlich

stimmte Nellie ein.

»Seid ihr fertig, Kinder? Habt ihr alle eure Kisten ausgepackt!« rief

Fräulein Raimar und unterbrach das Gewirr von Stimmen, das laut und

lebhaft durcheinander klang.

»Ja, ja!« rief es zurück und nun beeiferte sich eine jede, die heimatliche

Bescherung vorzuzeigen, und die Vorsteherin blickte in lauter freudig

erregte und zufriedene Gesichter. Nur Flora sah etwas enttäuscht aus. Sie

hatte anstatt »Jean Pauls Werke«, die sie sich so glühend gewünscht,

»Schlossers Weltgeschichte« erhalten mit dem Versprechen vom Papa, daß,

wenn sie erst reifer für solche Lektüre sei, sie dieses Werk erhalten

werde.

Reifer! Es klang ihr wie bittrer Hohn. Sie fühlte sich mit ihren sechzehn

Jahren schon so überreif, daß sie selbst poetische Werke in das Leben rief

– und sie – sie sollte nicht »Jean Paul« lesen!

Nachdem die Geschenke der Eltern auf eine leer gelassene Tafel aufgebaut

waren, und nachdem die Mädchen auch diejenigen der Lehrerinnen in Empfang

genommen hatten, kamen endlich die versiegelten und verpackten

Ueberraschungen an die Reihe.

Da kamen denn allerhand drollige Dinge zum Vorschein und der Jubel und das

Lachen wollten kein Ende nehmen.

Flora hatte soeben einen langen, blauen Strumpf aus zahllosen Papieren

herausgewickelt und hielt ihn hoch in der Hand. Etwas verwundert drehte

sie diese wunderbare Gabe nach allen Seiten, die ironische Anspielung fiel

ihr nicht sogleich ein.

»Ein Strumpf?« fragte sie, »was soll ich damit?«

»Er ist dein Wappen, lieber Blaustrumpf,« belehrte sie Orla. »Die Idee ist

wirklich famos!«

»Er ist von dir!« beschuldigte sie Flora.

»Leider nein,« entgegnete Orla.

Annemie lachte so laut und herzhaft, daß sie sich als die Geberin verriet.

»Bist du mir böse, Flora?« fragte sie gutmütig.

[Illustration]

Sonderbare Frage! Ganz im Gegenteil, Flora fühlte sich höchst

geschmeichelt, daß man sie zu den Blaustrümpfen zählte. Der gestickte

Schlips, den Annemie in den Strumpf versteckt hatte, erfreute sie nicht

halb so wie die dichterische Anerkennung. – In bester Stimmung löste sie

jetzt den Bindfaden von einem Pappkasten. Derselbe war eng damit

umschnürt. Auf dem Deckel war ein Weinglas gemalt und mit großen

Buchstaben stand »Vorsicht« daneben geschrieben.

Ganz behutsam nahm sie denn auch den Deckel ab, warf die Papierschnitzel

heraus und fand in feines Seidenpapier eingeschlagen ein zerbrochenes Herz

von Bisquit!

»Wie abscheulich von dir, Nellie!« rief sie gekränkt und wandte sich

sofort an die richtige Adresse. Das Herz warf sie achtlos beiseite.

»Nicht so hitzig, Flora,« riet Grete, »sieh doch das zerbrochene Herz erst

näher an.«

Zögernd entschloß sie sich dazu, und als sie ein reizendes, kleines

Toilettekissen höchst künstlich verborgen entdeckte, söhnte sie sich

einigermaßen mit der bösen Nellie aus.

Aber nicht Flora allein, auch all die übrigen mußten manche kleine

Neckerei in den Kauf nehmen, so manche schwache Seite wurde an das

Tageslicht gefördert und schonungslos gegeißelt. Die Vorsteherin wachte

darüber, daß diese Reibereien stets in den Grenzen des Scherzes blieben;

im allgemeinen hielt sie dieselben für ein gutes Mittel, sich gegenseitig

auf die Fehler aufmerksam zu machen, es half oft mehr als alle ernsten

Ermahnungen.

Nellie stand vor einem großen Berg Eßwaren, die sie aus ihren Paketen, in

welchen sie außer einem kleinen Geschenke immer noch nebenbei allerhand

Süßigkeiten fand, herausgewickelt hatte.

Schokolade, Marzipan, Apfelsinen, Rosinen und Mandeln, Lebkuchen, und in

einem reizenden Kasten von Porzellan zwei saure Gurken. Diese waren eine

besondere Lieblingsspeise von ihr.

Sie lachte und fragte, ob sie ein so hungrig Mädchen sei. »O, da ist ja

noch ein Paket,« fuhr sie fort, »was für ein leckerer Bissen wird wohl

darin sein?«

Aber sie irrte sich, diesmal kam ein Buch zum Vorschein und wie sie es

aufschlug, las sie auf dem Titelblatte: »Deutsche Grammatik.« Ein Blatt

Papier mit einem kleinen Gedichte lag dabei. Nellie las es vor.

»Lerne fleißig die deutsche Sprache –

Willst du begreifen holde Poesie.

Dies Buch ist einer Verkannten Rache,

Die du verstanden hast noch nie!«

»Flora!« rief Nellie. »Du hast mir mit deine edle Rache sehr beschämt! Ich

werde lernen aus dieser Buch und dir verstehen! – Komm, gieb dein’ Hand,

ich verspreche dich, daß ich nie wieder dein’ holde Poesie auslachen will,

und wenn sie voll lauter zerbrochene Herzen ist.« –

Orla hatte unter anderm einen Klemmer erhalten und – o Schrecken! auch ein

Etui mit Cigaretten. Fräulein Raimar stand neben ihr und sah das

verräterische Ding.

»Was ist denn das?« fragte sie. »Ich will nicht hoffen, Orla, daß du wie

eine Emanzipierte rauchst! Du würdest mich sehr erzürnen, wenn das der

Fall wäre. Doch,« unterbrach sie sich, »wie komme ich dazu, einen Scherz

für Ernst zu nehmen, am Weihnachtsabend sind dergleichen Witze erlaubt.«

Leiser und nur für die Russin vernehmbar setzte sie hinzu: »Ich habe das

feste Vertrauen zu dir, daß du niemals rauchen wirst!«

Die Angeredete schwieg und senkte die Augen. Der Tadel traf die Wahrheit,

sie hatte wirklich manchmal im Verborgenen eine Cigarette geraucht. War es

doch in ihrer Heimat nichts Auffallendes, wenn eine Dame sich ein kleines

Rauchvergnügen machte.

Innerlich schalt sie die Pedanterie der Deutschen, der sie eine so

harmlose Freude zum Opfer bringen mußte, denn niemals würde es ihre

Wahrheitsliebe gestattet haben, gegen das Verbot der Vorsteherin zu

sündigen, – mit einiger Ueberwindung reichte sie derselben die Cigaretten.

»Bitte, bewahren Sie mir dieselben,« bat sie und lächelnd fügte sie hinzu:

»Damit ich nicht in Versuchung komme ...«

Melanie liebäugelte mit einem zierlichen Handspiegel. Sie freute sich sehr

über denselben, noch mehr aber über ihr eignes Bild, das ihr

entgegenlachte.

Grete blickte ihr über die Schulter. »Das ist eine Anspielung auf deine

Eitelkeit, Melanie! Ich habe nichts bekommen, was mich ärgern oder wodurch

ich mich getroffen fühlen könnte!«

»Nun glaubst du dich wohl fehlerfrei, liebe Grete!« spottete Melanie.

»Bilde dir das ja nicht ein, liebes Kind, du bist noch längst kein

vollkommnes Wesen. Es giebt sehr vieles an dir auszusetzen!«

Und als ob ihre Worte sofort in Erfüllung gehen sollten, rief Fräulein

Güssow: »Grete, da steht noch eine vergessene Schachtel auf deinem Platze!

Du hattest Papier darauf geworfen und wirst sie deshalb übersehen haben!«

Vergnügt und erwartungsvoll öffnete Gretchen die Schachtel. O weh! als sie

den Deckel abhob, lachte ein glänzendes, zierlich gearbeitetes

Vorlegeschloß sie boshaft an.

»Das ist eine Anspielung für dich, teures Plappermäulchen!« rief Melanie

mit schwesterlicher Schadenfreude, und hielt das Schloß an Gretes Lippen.

»So, damit du in Zukunft hübsch schweigst und nicht so vorlaut bist.«

Unwillig wandte Grete sich ab, sie war gar wenig erbaut von der

Ueberraschung. Sie warf das Schloß wieder in die Schachtel, schloß den

Deckel und verriet durch ihre Empfindlichkeit, wie sehr sie sich getroffen

fühlte ....

Ilse hatte aus einer mächtigen Kiste, die bis obenhin mit Heu gefüllt war,

einen Hund herausgeholt. Keinen lebendigen, o nein! es war nur einer aus

Pappe. Braun sah er aus und hatte weiße Pfötchen. Um den Hals trug er

einen Zettel am roten Bande, auf welchem mit großen Buchstaben »Bob«

geschrieben stand.

»Orla!« erriet Ilse sofort. Dieselbe hatte sie oft genug mit ihrem Hunde

aufgezogen. Es kam ihr jetzt selbst recht lächerlich vor, wenn sie sich

ihren Einzug in der Pension mit Bob auf dem Arme ausmalte. Wie einfältig

war sie gewesen – wie unnütz hatte sie den armen Papa gequält! – Ilse

hatte noch eine Ueberraschung, bei der sie fast erschrak. In einem

reizenden Arbeitskorbe fand sie mehrere Aepfel von Marzipan.

Nellie stand neben Ilse und flüsterte ihr zu: »Diese sind Aepfel von der

Baum – weißt du noch?«

Als die Angeredete ängstlich zur Seite blickte, fuhr sie beruhigend fort:

»Du darfst nicht Angst haben, niemand hört uns.«

Sie hatte recht. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Vogelbauer

gerichtet, in welchem eine lebendige Lachtaube saß. Annemie hielt

denselben höchst angenehm überrascht in der Hand.

»Nun könnt ihr um die Wette lachen,« scherzte die Vorsteherin, »denn das

Täubchen darfst du behalten und in deinem Zimmer aufhängen. Aber vergiß

niemals, Annemie, daß du das Tierchen regelmäßig füttern mußt, hörst du?«

So erhielt eine jede ihre scherzhafte Rüge, nur Rosi nicht. Sie zerbrachen

sich den Kopf, um einen Tadel an ihr zu entdecken, aber zu ihrem Bedauern

fanden sie keinen. »Ganz ohne Scherz darf sie nicht sein,« erklärte

Nellie, ging hin und kaufte ein Bilderbuch, auf dessen Titelblatt in

goldenen Buchstaben drei Worte glänzten: ›Für artige Kinder‹. – »Dies paßt

sehr für ihr,« sagte sie, und die übrigen Mädchen stimmten ein.

Rosi nahm das Buch, lächelte und legte es beiseite. Sie konnte nicht so

recht begreifen, was es bedeuten sollte ....

Nachdem die Bescherung zu Ende und nachdem auch für die beiden Damen ein

Tisch mit allerhand selbstgearbeiteten Sachen ausgebaut war, wurde der

Thee eingenommen und kurze Zeit darauf zur Ruhe gegangen. Lilli wurde es

schwer, sich von ihren schönen Sachen zu trennen, sie wollte nicht zu Bett

gehen, aber der Sandmann kam und streute ihr den Schlaf in die Augen.

Schlafend wurde sie entkleidet und in ihr Bett, das in Fräulein Güssows

Zimmer stand, getragen.

Und nun wurde es still und dunkel im Hause. Der schöne Christabend war zu

Ende mit seiner frohen Erwartung, seinem Lichterglanze ....

Ob wohl der Baum im nächsten Jahre für alle wieder angezündet wird, die

heute unter ihm versammelt waren? –

* * *

Nun war alles wieder im alten Geleise! Der Unterricht hatte begonnen und

Miß Lead war wenige Tage nach Neujahr von ihrer überseeischen Reise

zurückgekehrt. Sie hatte sechs junge Engländerinnen mitgebracht, die kein

Wort Deutsch verstanden und sehr viel Heimweh hatten.

Nellie versuchte es, sie zu trösten, aber sie verschlossen sich starr

gegen jedes Trosteswort, sie fühlten sich unglücklich im fremden Lande.

Sie wollten nicht Deutsch lernen, sie haßten diese Sprache und die

Menschen, erklärten sie. Lange Jammerbriefe sandten sie in die Heimat, in

denen sie die Angehörigen himmelhoch baten, sie wieder zurückkehren zu

lassen.

Es war diese Art und Weise nichts Auffallendes und nichts Neues. Fräulein

Raimar legte keinen Wert darauf, ähnliche Erfahrungen machte sie stets mit

den Engländerinnen. Es war schon vorgekommen, daß diese oder jene sich

vornahm, zu verhungern, und Speise und Trank hartnäckig verweigerte. Vor

Hunger gestorben war indes noch keine, wenn der Magen zu energisch sein

Recht verlangte, entsagten sie dem Hungertode.

»Ich mag meine Landsmänner gar nicht sehr!« bemerkte Nellie eines Tages zu

Ilse. »Die Deutsche liebe ich mehr. Ich will nicht zurück in meine

Heimat.«

»Landsmänner!« wiederholte Ilse. »Gleich sage einmal, wie es richtig

heißt. Neulich habe ich es dir erst gesagt.«

»O ja, ich weiß, Landsfrauen heißt es,« verbesserte sich Nellie.

»Du bist klassisch!« lachte Ilse laut. »Lands–männ–innen heißt es. Sag

einmal nach – so – und nun vergiß dieses Wort nicht wieder, du liebe,

englische Deutsche! Du bist auch ganz anders wie deine Landsmänninnen,

lange nicht so steif, so zurückhaltend und so hochmütig wie die! Sie sehen

immer auf uns herab, als ob sie sagen wollten: ›Gott sei Dank, daß ich

keine Deutsche bin!‹«

»O nein!« wehrte sich Nellie, in der plötzlich der Nationalstolz wach

wurde, »so schlimm darfst du nicht sagen! Es hat den Schein, daß sie

hochmütig sind, weil sie dir nicht verstehen, sie macht ein fremdes

Gesicht, weiter nix!«

»Sie sind hochmütig, Nellie!« neckte Ilse. »Entschuldige deine

langweiligen Engländerinnen nicht. Eben sagtest du selbst, daß du sie

nicht leiden möchtest.«

Das gestand Nellie zu. Sie meinte aber, sie selbst könne so sprechen, ein

gleiches Urteil aus einem andern Munde könne und dürfe sie nicht anhören.

Sie wolle es auch nicht.

»Du bist doch aber ganz wunderlich, Nellie,« lachte Ilse, »Doktor Althoff

würde sagen: ›Sie haben verdrehte Ansichten, Miß Nellie.‹«

»O nein,« entgegnete Nellie eifrig und leicht errötend, »Doktor Althoff

würde mir verstehn. Er weiß, wie es in mein Herz aussieht!«

Das kam Ilse äußerst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr.

»Er hätte viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte!« rief

sie lachend, »und wenn er sich wirklich einmal die Mühe gäbe, so würde er

euch schön verhöhnen, dich und alle die andern, die ihr für ihn

schwärmt.« –

Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon längst war ihr das Arbeiten

keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der

Papa so glückselig über die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie

darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu

ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits für eine Künstlerin und mit

Stolz hatte er ihr geschrieben, daß er die Rose habe einrahmen lassen und

daß sie nun über seinem Schreibtisch hänge. Ilse war gar nicht damit

einverstanden, sie wußte ja genau, wie der zärtliche Papa jeden Besuch,

der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk führen werde.

Auch die Mama war hocherfreut über Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie

gaben ihr ein glänzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer,

die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die größte Freude indes

hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, daß sie in so

herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen

füllten sich mit Thränen freudiger Rührung. Sie fühlte jetzt bestimmt, daß

die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. –

Die längst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen

begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmäßige

Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der

Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im großen Saale.

Nicht alle Zöglinge nahmen teil daran. Die kleineren Mädchen nicht und

auch die Engländerinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig

Deutsch, auch konnten sie vorläufig keinen Geschmack an den einförmigen

Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die

Tanzstunde ›furchtbar öde‹.

»Es ist ein furchtbar langweiliges Vergnügen, diese Hüpferei,« äußerte sie

auf einem Spaziergange zu Flora, »wozu diese Pas – diese Verbeugungen? Wir

können doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben – und

grüßen müssen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene

Mädchen!«

»Ach!« seufzte Flora und ein schwärmerischer Blick glitt seitwärts über

den spiegelglatten Teich – zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten

hinüber – »ach! das möchte noch alles gehen. Das Fürchterlichste ist doch,

daß wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen müssen!«

»Wie furchtbar öde!« Melanie rief es ordentlich entrüstet. »Man behandelt

uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne – Herren! Es ist kaum zu

glauben!«

»Ja, mit puritanischer Strenge!« wiederholte Flora, der dies Wort

außerordentlich gefiel. »Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den

Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!«

Die ›furchtbar öden‹ Monate gingen indessen auch zu Ende und Fräulein

Raimar schickte Einladungen aus an junge, wohlerzogene Herren, die das

Gymnasium besuchten, und ersuchte sie, die letzten vier Wochen an dem

Tanzunterrichte teilzunehmen.

Mit welcher Freude diese Einladungen begrüßt wurden, brauche ich nicht zu

sagen. Die jungen Leute schätzten es sich zur besonderen Ehre, zu den

Tanzabenden in der Pension zugezogen zu werden. Diesmal brannten sie

besonders darauf, weil sie behaupteten, daß noch niemals so hübsche

Mädchen in dem Institute gewesen seien. Sie kannten dieselben von Ansehen

sehr genau, denn, wenn irgend möglich, suchten sie ihnen auf den

Spaziergängen zu begegnen. Nun sollten sie mit ihnen tanzen, sich mit

ihnen unterhalten dürfen, es war zu famos!

»Ihr werdet heute abend zum ersten Male mit Herren tanzen, Kinder,«

kündigte Fräulein Raimar eines Mittwochs bei der Mittagstafel an. Und als

sie bemerkte, wie vergnügt die meisten diese frohe Botschaft

entgegennahmen, fügte sie hinzu: »Ich hoffe, daß ihr euch nicht zu lebhaft

mit den jungen Leuten unterhalten werdet! Vergeßt nicht, daß dieselben nur

des Tanzes, nicht der Unterhaltung wegen da sind!«

Annemie kamen diese Ermahnungen so komisch vor, daß sie zu kichern anfing.

Ein strafender Blick traf sie dafür.

»Für dich sind meine Worte besonders gesprochen, Annemie,« nahm die

Vorsteherin wieder das Wort, »ich fürchte, du wirst dich durch dein

albernes Lachen auffallend machen, hüte dich davor. Und dich, Grete,

ermahne ich ernstlich, nicht so viel zu schwatzen. Ueberlege erst, was du

sagen willst, damit kein Unsinn herauskommt.«

So und in ähnlicher Weise warnte und ermahnte sie ihre jungen Zöglinge,

die in ihrer erwartungsvollen Aufregung heute nur mit halbem Ohre hörten,

was ihnen so eindringlich vorgestellt wurde. Viel wichtiger erschien ihnen

die Frage: »Was werdet ihr heute abend anziehen? Womit werdet ihr euch

schmücken?«

Sie hatten auch kaum das Speisezimmer verlassen, als sie die Treppen

hinaufstürmten, um in Orlas und der Schwestern Zimmer eine große Beratung

zu halten.

Melanie holte einen großen Pappkasten hervor und fing an, Blumen und

Bänder herauszukramen. Sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und hielt

eine Rose in ihr schönes aschblondes Haar.

»Wie findet ihr diese Rose?« fragte sie. »Bitte, seht doch einmal! Kümmert

sich denn kein Mensch um mich?« rief sie laut und ungeduldig den

Durcheinanderschwatzenden zu und stampfte sogar etwas mit dem Fuße auf.

»Sie steht dir gut, Melanie,« antwortete Rosi, die eben erst eingetreten

war und die letzten Worte hörte, an ihre eigene Toilette dachte sie nicht.

»Das dunkle Rot in deinem blonden Haar sieht prächtig aus!«

»Du hast nicht viel Geschmack, liebste Rosi. Nimm mir nicht übel, daß ich

es dir frei heraussage,« fertigte Melanie die Aermste ab. »Orla, bitte,

gieb du dein Urteil ab.«

Die Russin galt als die eleganteste, deren Toilette stets am

geschmackvollsten war. Mit Kennermiene musterte sie denn auch Melanie.

»Die dunkle Rose ist zu grell,« entschied sie, »für dein Haar paßt eine

blaßrote besser. Uebrigens, was willst du denn anziehen? Das ist doch am

Ende die Hauptsache und darnach mußt du die Blumen wählen.«

»Mein blaues Batistkleid, denke ich.«

»Dein bestes Kleid!« rief die vorlaute Grete erstaunt. »Gut, dann ziehe

ich mein geblümtes an!«

Gerade wie die Verhandlungen am lautesten waren, öffnete sich die Thür und

Fräulein Güssow trat ein.

»Fräulein Raimar läßt euch sagen, ihr möchtet heute abend eure

Sonntagskleider tragen,« verkündete sie.

»O! ...« Langgedehnt und unzufrieden kam es über Melanies Lippen. »O,

Fräulein Güssow, die alten, dunklen Kleider! Die hellen sind so viel

besser!«

Aber es blieb bei den Wollkleidern. Gegen das Machtgebot der Vorsteherin

galt kein Widerstreben.

Bevor sie in den Tanzsaal hinuntergingen, fanden sich die Mädchen noch

einmal bei Orla ein. Diese hielt erst eine allgemeine Musterung über die

Toiletten, besserte hier und dort und verstand es, durch eine Kleinigkeit

dem einfachsten Anzuge einen netten Anstrich zu geben.

Melanie hatte sich nach besten Kräften elegant herausgeputzt. Ein weißes

Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine

blaßrote Rose, seitwärts an demselben befestigt, kleidete sie ganz

allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides

sehr geputzt aus.

An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu ändern. Lange Arme, große

Füße, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider

nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungraziösen Bewegungen durchaus

nicht zur Verschönerung bei.

»Für dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft,« meinte Orla, indem sie

eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuckkasten nahm und sie dem darüber

hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. »So, die will ich dir leihen,

damit du nicht zu einfach aussiehst.«

Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unnütz, da ihr

Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Mühe

eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im

Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit

einem schwarzen Sammetbande, das mit weißen Perlen benäht war, dreimal

abgebunden. In die Stirn fielen gekräuselte Fransen.

Sie fand sich entzückend, diese Haartour söhnte sie sogar mit dem grünen

Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche

Hopfenstange aussah.

Rosi hatte sich nicht besonders geschmückt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid

war unverändert geblieben. Eine weiße Spitze am Halsausschnitt,

zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil

trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Fräulein Raimars Vorschrift

lautete, daß sie sich heute sonntäglich kleiden sollten.

»O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen

wolltest, so ernst und feierlich!« rief Orla. »Hast du denn nicht ein

farbiges Band anstatt der weißen Schleife?«

Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi

eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar

nett sie derselben stand.

»Betrachte dich nur einmal,« sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor

die Augen. »Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht

mehr aus wie ›Gottesfurcht vom Lande‹!«

»Die Schleife gefällt mir wohl gut,« meinte Rosi, »aber es ist mir ein

peinliches Gefühl, geliehene Sachen zu tragen.«

»_O sancta simplicitas!_« rief die geniale Flora. »Kind, du gehst in

deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit,

da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!«

Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies

offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und

befestigte dieselbe an ihrem Gürtel.

»Du erlaubst doch, Melanie?« fragte sie so nebenhin, »die rote Farbe steht

mir wirklich brillant!« und mit einem wohlgefälligen Blick betrachtete sie

sich in dem Spiegel.

»Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur?« fragte Orla.

Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im

schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert,

sah graziös und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die über ihr blaues Kleid

einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darüber trug sie die

Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmückt hatte.

»Schnell noch diese Margueriten in dein Haar!« rief Melanie und machte

Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab.

»Geh mit deinen Blumen!« entgegnete sie abwehrend, »ich mag die toten,

nachgemachten Dinger nicht leiden!«

»Wie du willst,« sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmähten

Gänseblümchen wieder in den Kasten.

Die Mädchen verließen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter.

»Orla ist doch die eleganteste von uns,« bemerkte Melanie nicht ohne einen

Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die

allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke

höchst vornehm erschien. »Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine

Eltern nicht, so reich sind wir nicht.«

»Thut nix!« erwiderte Nellie, »man muß mit weniges auch zufrieden sein!«

»Bitte, bitte – wartet einen Augenblick!« rief es plötzlich hinter ihnen.

Annemie war es, die in voller Eile allen nachgelaufen kam. »Ich bin noch

nicht ganz fertig,« fuhr sie atemlos fort, »ich kann aber nichts dafür!

Als ich mein Kleid überzog, riß ein Band irgendwo, – nun hängt der eine

Zipfel vom Ueberwurfe bis auf die Erde. Bitte, seht einmal nach!«

Alle waren stehen geblieben und betrachteten Annemie. Nellie, praktisch

wie immer, untersuchte gleich, wo der Schaden saß.

»Komm her,« sagte sie, »ich werde dir ausbessern. Aber ein Nadel und Faden

muß ich haben, dann nähe ich dir gleich mit weniger Stich in Ordnung.«

»Sei nicht umständlich,« meinte Flora. »Hier hast du eine Stecknadel,

damit wirst du es ebenso gut machen können. Wie manchmal habe ich mir

schon ein Band oder einen kleinen Riß schnell mit der Nadel gesteckt.«

Aber davon wollte die Engländerin nichts wissen. Sie nahm Annemie mit in

ihr Zimmer und nähte die wenigen Stiche.

»Bitte, liebe, gute Nellie, mir ist hier am Aermel ein Endchen Spitze

abgerissen, willst du mir nicht die gleich annähen? Du bist auch ein

Engel!«

Nellie brachte auch diesen Schaden in Ordnung, und als sie fertig war,

zupfte sie an Annemie hier und dort zurecht, nichts saß an der kleinen,

runden Lachtaube, wie es sitzen mußte. Die Handschuhe waren nicht

zugeknöpft, die Halskrause saß schief und an dem halbhohen Lackschuh

fehlte ein Knöpfchen.

»Du bist aber ein sehr unordentlich’ Mädchen, liebes Lachtaube,« schalt

Nellie, »aber ich kann dich nicht helfen, du mußt mit deiner abgerissener

Knopf gehen. Es schlägt sechs, wir müssen pünktlich erscheinen.«

Die übrigen Mädchen hatten an der Treppe gewartet, jetzt gingen alle

zusammen hinunter und an der Thür des Saales blieben sie stehen, sie

hatten mit einem Male keinen Mut, hineinzugehen.

»Ich höre sprechen,« sagte Orla gedämpft, »ich glaube, die Herren sind

schon da.«

Sie legte das Ohr an die Thür und horchte.

»Wirklich, sie sind da!« bestätigte sie.

»Lass’ mich durchs Schlüsselloch sehen, Orla,« bat die neugierige Flora

und schob die erstere leicht beiseite.

Sie beugte den Kopf, als sie das Auge an die Thür legen wollte, packte

Grete der Uebermut, so daß sie Flora einen Stoß gab und diese mit dem

Haupte gegen die Thür flog. Das war ein Schreck! Wie der Wind flogen alle

bis an das andre Ende des Vorsaals, – wenn Fräulein Raimar das Geräusch

gehört hätte! »Dann sind wir einfach furchtbar blamiert,« erklärte Melanie

und schalt Grete albern und ungezogen.

»Du bist ein Tollpatsch, Grete, im höchsten Grade ungebildet!« sagte Flora

entrüstet, und Annemie lachte, daß ihr die hellen Thränen über die Wangen

liefen.

»Sei mir nicht böse, daß ich dich auslache, Flora,« sagte diese, »aber ich

kann nicht anders. Du sahest zu komisch aus und machtest ein so entsetztes

Gesicht, als du mit deinem griechisch frisierten Kopf gegen die Thür

flogst.«

Fräulein Raimar hatte wirklich ein Klopfen an der Thür vernommen, sie

öffnete dieselbe, und als sie die Mädchen stehen sah, rief sie ihnen zu,

sich zu beeilen.

Das war ein kritischer Moment. Unbemerkt stießen sie sich untereinander an

und stritten sich leise, wer die erste sein solle.

»Du mußt vorangehen, Orla, du bist die älteste,« flüsterte Ilse.

»Ich bin die jüngste, ich komme zuletzt!« rief Grete, die sonst immer mit

ihrem Munde die erste war.

»Laß mich die letzte sein, Grete,« bat Annemie, »ich habe mich noch nicht

ausgelacht.«

Rosi war die verständige, wie immer. »Komm, Orla,« sagte sie, »wir dürfen

Fräulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns überhaupt höchst

kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld.«

Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die übrigen.

Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal.

»Meine Damen, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Herren vorstelle,« mit

diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von

beiden Seiten.

Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner

erkannt, für den sie bereits längst im Geheimen schwärmte. Erst kürzlich

hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen.

Fräulein Güssow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den

jungen Mädchenblüten. An Ilse hing ihr Auge am zärtlichsten. Wie reizend

hatte sich ihr Liebling entfaltet! Körperlich und seelisch. Wie viel

gleichmäßiger war das stürmische Kind geworden. Wo war der böse Trotz

geblieben?

Sie verglich Ilse mit den übrigen und fand, daß sie nicht allein die

hübscheste, sondern auch weit natürlicher und unbefangener war, als die

meisten andern. Keine Spur von Koketterie äußerte sich in ihrem Wesen,

frei und fröhlich blickte sie mit den großen Kinderaugen in die Welt und

schien die glückliche Frage auszusprechen: »Liebe Welt, bist du immer so

schön?«

Melanies Züge waren regelmäßiger, aber längst nicht so unbewußt lieblich,

man merkte dem hübschen Mädchen an, daß sie schon gar zu oft den Spiegel

um seine Meinung befragte.

Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen über die

Herren, zu denen sie verstohlen hinüber schielten. Natürlich gaben sie

sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kümmerten.

Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und

betrachtete die Jünglinge ganz ungeniert. Später erhielt sie einen Tadel

deswegen von der Vorsteherin.

Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten

und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von

einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewußt, daß ihr

kleiner, schmaler Fuß im Goldkäferstiefel wie absichtslos unter ihrem

Kleide hervorsah. Rosi war natürlich weder kokett, noch empfand sie die

geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, saß sie da, und so

tadellos gerade hielt sie sich, daß sie auch in der Tanzstunde das

Musterkind für die andern war.

»Anfangen!« rief der Tanzlehrer und klatschte in die Hände.

Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann.

Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwöhnten Ohren, wie

»furchtbar entzückend« fanden sie die Walzerklänge. –

»Bitte die Herren, sich zu engagieren!« kommandierte der Tanzlehrer, und

wie von einem Zauberstabe berührt stürzten die tanzlustigen Jünglinge auf

die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel

seiner Wünsche ausgesucht hatte.

Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein

Triumph für ihr eitles Herz! – Leider konnte sie nicht mit allen dreien

auf einmal tanzen und mußte sich mit der Genugthuung begnügen, daß alle

Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. – Alle wohl

nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und mußten die schmerzliche

Erfahrung machen, daß die Verschmähten zu ihnen kamen, um sie zu erlösen.

Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora

fühlte sich besonders tief gekränkt und mit neidischen Blicken folgte sie

Ilse, die eben mit »Apoll« an ihr vorüberwalzte.

Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die

Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang

auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu

machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet

wurde und sich recht gewählt ausdrücken wollte, brachte sie die

drolligsten Dinge zum Vorschein.

Ein junger Mann erzählte ihr, daß er in einigen Jahren, wenn er

ausstudiert habe, nach England gehen werde. »Werden Sie dort verständig

(beständig, meinte sie) sein?« fragte sie. – Ein andrer fragte, ob sie

gern in Deutschland weile. »O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!«

gab sie freudig zur Antwort.

Aber Nellie konnte nie mißverstanden werden. Ihre kindliche Naivetät nahm

sofort alle Herzen für sie ein. Die jungen Herren waren denn auch sämtlich

entzückt von der jungen Engländerin, und da sie obenein sehr gut tanzte,

wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren.

Grete wurde ihre schweigsame Zurückhaltung äußerst sauer, verschiedene

Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter

ihr stand, auf einer argen Indiskretion.

»Wie heißt die junge Dame mit den Locken?« wurde sie von ihrem Tanzherrn

gefragt.

»Das ist Ilse Macket,« gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an,

ausführlich über dieselbe zu berichten. »Sie ist erst seit Juli hier,«

fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermühle, »ihr Vater

brachte sie hierher. Sie ist nämlich weit her, aus Pommern, und, denken

Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in

die Pension nehmen! Natürlich Fräulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach,

und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen.

Einmal hat sie einen ganzen Stoß Teller –«

»Grete,« unterbrach Orla ihren Redefluß, »du verlierst eine Nadel. Tritt

einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige.«

»Wie ungezogen, wie abscheulich von dir!« schalt Orla, indem sie sich

scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. »Warum blamierst du Ilse

so? – Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum

Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Möchtest du denn, daß die arme Ilse

verspottet würde?«

Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit

war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen bösen Streich

gespielt.

Höchst betrübt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der

Tanzenden. Sie faßte auch den festen Entschluß, in Zukunft vorsichtiger zu

sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zügeln!

Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und

ausführlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich

meine Erzählung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener

Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose

Koketterien, kleine Eifersüchteleien, ein wenig Neid, schwärmerische

Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei – u. s. w.

Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die hinter den Kulissen spielen,

z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine

gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise.

Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natürlich vollständig

ausgeschlossen in der Pension. Fräulein Raimar würde dieselben nicht

geduldet haben. Streng hielt sie darauf, daß außer den Tanzstunden nicht

die geringste Annäherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte

sie keine Nachsicht.

Schon in höchstem Grade unangenehm war es ihr, daß die jungen Leute sich

herausnahmen, ihre täglichen Spaziergänge mit den Zöglingen zu

durchkreuzen und grüßend an ihnen vorüberzuschreiten. Es war ihr geradezu

unbegreiflich, wie sie es herausbrachten, welchen Weg sie wählte. Denn

wenn sie ihre junge Schar heute durch den Park – morgen in dieses Thal –

übermorgen über jenen Berg führte, immer konnte sie überzeugt sein, die

roten Primanermützen auftauchen zu sehen – sie konnte ihnen nicht

entgehen. Die Lösung dieses Rätsels war einfach genug, der Verrat wurde

durch die Tagesschülerinnen ausgeführt. Sie waren die Vermittlerinnen

zwischen ihren Brüdern, Vettern oder Bekannten und den Pensionärinnen. Sie

schmuggelten Grüße, Gedichte, sogar Photographien ein und Flora benutzte

diesen Weg, ihr Album den Herren zuzusenden mit der Bitte, ein

selbstverfaßtes Gedicht hineinzuschreiben.

Eines Tages, es war so ziemlich gegen den Schluß der Tanzstunden, erhielt

Nellie nach dem Schulunterricht ein kleines Billet zugesteckt. Sie ging

auf ihr Zimmer, wo Ilse anwesend war, und öffnete dasselbe.

»Wie albern!« rief sie hocherrötend aus, als sie die wenigen Zeilen

gelesen hatte. »Wie kann der einfältige Mensch sich so dreist gegen mir

benehmen! Ich habe ihm nie Ursach’ zu so große Dreistigkeit gegeben!« Und

sie zerriß die Zeilen.

Ehe noch Ilse ihre Meinung aussprechen konnte, kam Melanie hereingestürzt,

strahlend vor Eitelkeit und Freude.

»Kinder!« rief sie mit ihrer lispelnden Stimme, »ich muß euch etwas

mitteilen! Aber verratet mich nicht! Schwört, daß ihr niemand etwas sagen

werdet! Du auch, Grete,« wandte sie sich an die eintretende Schwester.

Natürlich wartete sie in ihrer Erregung den Schwur gar nicht ab, sondern

geheimnisvoll die Thür verriegelnd zog sie ein kleines Briefchen aus ihrer

Kleidertasche und begann vorzulesen.

»Mein gnädiges Fräulein!

Sie würden mich zu dem glücklichsten aller Sterblichen machen, wenn Sie

mir Ihre Photographie verehrten! – Meine Bitte ist kühn, ich weiß es, aber

Sie werden mir diese Kühnheit großmütig verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe,

daß es mein glühendster Wunsch ist, Ihre wunderbar klassischen Züge

täglich, stündlich sehen und anbeten zu können.

Darf ich auf Ihre Gnade hoffen?

_Georg Breitner_.«

Nellie hatte die Papierstückchen von der Erde aufgenommen und dieselben so

ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen

vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte,

nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Züge

›liebreizend‹ anstatt ›klassisch‹.

Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die

siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an.

»Was thun wir, Nellie?« fragte sie dann, »wir können doch Herrn Breitner

die Bitte nicht abschlagen!«

»Du darfst dein Bild nicht geben!« platzte Grete, die nebenbei etwas Neid

gegen die weit hübschere Schwester empfand, heraus. »Auf keinen Fall, oder

ich schreibe es dem Papa!«

»Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt!« gab Melanie kurz zur

Antwort. »Nellie, was sagst du?«

»Aber, Melanie!« rief Ilse ganz erregt, »wie kannst du nur einen

Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an

einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein

ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!«

»Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande!« entgegnete

Melanie gereizt. »Was verstehst du denn unter ›ordentliche Herren‹?«

»Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbänken sitzen!«

erklärte Ilse. »Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse

nehmen und die ›Herren‹ Schüler werden es bewundern. Dann bist du

furchtbar blamiert!«

»Nellie, du bist ja so still!« wandte sich Melanie etwas kleinlauter als

vorhin an diese, »sage doch, was wir thun sollen!«

»O gar nix!« entgegnete dieselbe trocken, »wir werden thun, als ob wir der

dumm’ Brief nicht bekommen haben.«

»Und wenn er fragt? Was sagen wir dann, Nellie?«

»O, auch nix. Wir zucken mit die Schulter und schweigen. Das nennt man in

Deutsch: Mit Nichtachtung verstrafen!«

Einverstanden war Melanie durchaus nicht mit dieser Entscheidung, sie

hätte so gern ihr »klassisches Konterfei« vergeben, trotzdem mußte sie

sich der Notwendigkeit fügen. Warum mußte er auch noch um Nellies

›liebreizendes Bild‹ bitten?

»Ihr habt furchtbar öde Ansichten!« sagte sie spottend und verließ das

Zimmer.

* * *

Die Tanzstunde nahte ihrem Ende. »Leider!« seufzten die jungen Leute.

Fräulein Raimar indes atmete auf, denn wenn sie auch der Jugend gern

fröhliche Stunden bereitete, so sehnte sie doch wieder Ruhe und

Gleichmäßigkeit zurück, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, daß durch

die Zerstreuung stets der rechte Ernst zum Lernen etwas abhanden kam.

Den Schluß und Glanzpunkt bildete alljährlich ein kleiner Ball, und

morgen, am Sonnabend, sollte derselbe stattfinden.

Die Benennung »Ball« klingt eigentlich zu hoch für das kleine Fest. Es

wurden noch einige Gäste geladen, das Orchester schwang sich zu einer

zweiten Geige auf, dem Thee nebst belegten Butterbroten folgte eine

leichte Bowle mit Pfannkuchen, und die jungen Mädchen zogen ihre besten

Kleider an. Das war alles!

Aber der große Saal erhielt ein festliches Ansehen, dafür trug stets

Fräulein Raimar Sorge. Sie liebte es, den Schönheitssinn ihrer jungen

Zöglinge zu wecken, damit dieselben späterhin imstande seien, mit wenigen

Mitteln auch dem einfachsten Feste ein künstlerisches Ansehen zu geben.

Soeben stand sie neben dem Gärtner und ordnete an, wie er die Tannen, die

er am Morgen aus dem Walde geholt, mit blühenden Topfgewächsen zu

lauschigen Ecken und Plätzen gruppieren solle. Als das geschehen war,

mußte er Konsolen von rotem Thone zwischen verschiedenen Wandleuchtern

befestigen, – üppige Schlingpflanzen wurden darauf gestellt und fielen

anmutig herab. Auch der altmodische Kronleuchter, geformt wie eine

bronzene Schale mit Lichterarmen, erhielt seinen grünen Schmuck. Es wurde

eine Schlingpflanze in die Schale gestellt, so daß die grünen Ranken

zwischen den Armen herabfielen. Am Abend, wenn die Kerzen brannten, machte

dieser einfache Schmuck einen reizend malerischen Eindruck.

Als alles fertig war, übersah die Vorsteherin noch einmal den Saal, und

recht befriedigt verließ sie denselben.

Die jungen Mädchen waren natürlich in großer Aufregung. Es war der erste

Ball, der ihnen bevorstand, und dieses wichtige Ereignis nahm all ihre

Gedanken in Anspruch. Einige betrachteten wieder und wieder die duftigen

Kleider, andre versuchten besondere Haartrachten, so Flora, die eine

Passion dafür hatte, wieder andre probierten die Kleider an, der

Sicherheit wegen, wie Nellie meinte, die soeben mit Ilse die

Weihnachtskleider von der Schneiderin erhalten hatte. Gerade als beide

angekleidet dastanden, kam Lilli hereingejubelt.

»Ich geh mit auf euren Ball!« rief sie, »das Fräulein hat es mir erlaubt.

Und mein neues, weißes Kleiderl zieh ich an und die rote Atlasschärpe

bind’ ich um, – und ich darf halt mittanzen! Ich freu mich halt zu sehr

auf morgen!«

Und sie faßte mit beiden Händchen an ihre Schürze und tanzte zierlich und

graziös durch das Zimmer.

Es war schon ziemlich dunkel, und die Kleine hatte nicht bemerkt, wie

geputzt Nellie und Ilse waren. Als die erstere Licht anzündete, blieb sie

plötzlich überrascht stehen und sah erstaunt von einer zur andern.

»Wie schön schaut ihr aus!« rief sie bewundernd und mit gefaltenen Händen,

und fast andächtig sah sie die beiden Mädchen an.

»Weißt, Ilse,« fuhr sie lebhaft fort, »du schaust aus gerad wie des

Kaisers Tochter! Ich führ’ dich morgen in den Saal – bitt’ schön!«

Ilse nahm ihren Liebling zärtlich in den Arm und küßte ihn herzhaft auf

den Mund. »Du bist ja so heiß, Lilli,« sagte sie und befühlte Stirn und

Wange des Kindes. »Fehlt dir etwas?«

»Der Kopf thut mir halt a bissel weh,« entgegnete Lilli, »aber gar nit

viel, – gewiß nit,« beteuerte sie, als Ilse sie besorgt ansah. »Morgen

thut er nit mehr weh, – morgen geh ich ganz gewiß auf den Ball! Du gehst

auch mit,« sagte sie zu ihrer Puppe, die nach ihrer Geberin, Ilse, getauft

war. »Aber artig mußt halt sein, sonst wirst in dein Bett gesteckt!« –

»Doch mit des Geschickes Mächten

Ist kein ew’ger Bund zu flechten

Und das Unglück schreitet schnell.«

Acht Tage später schrieb Flora diese inhaltschweren Worte in ihr

Tagebuch. –

Am andern Morgen lag Lilli heftig fiebernd in ihrem Bette. Der

herbeigerufene Arzt machte ein ernstes Gesicht. »Sie hat starkes Fieber,«

sagte er und verordnete Eisumschläge auf den Kopf, die jede halbe Stunde

gewechselt werden mußten. Das lebhafte Kind lag still und teilnahmlos da.

Fräulein Güssow saß recht sorgenvoll an Lillis Bett, die eben etwas

eingeschlummert war. Die Vorsteherin beruhigte sie und meinte, daß Lillis

ganze Krankheit ein heftiges Schnupfenfieber sein werde, sie habe bei

Kindern oftmals ähnliche Fälle erlebt.

Die junge Lehrerin schüttelte ungläubig den Kopf. »Wenn nur der Ball heute

abend nicht wäre!« sprach sie seufzend. »Der Lärm im Hause und das kranke

Kind – es will mir nicht in den Kopf! – Wenn wir ihn hinausschöben,

Fräulein?«

»Sie sehen zu schwarz, liebe Freundin,« entgegnete die Vorsteherin. »Der

Lärm wird Lilli nicht stören, wie sollte er aus dem Vorderhause bis

hierher in Ihr stilles Zimmer dringen? Bedenken Sie, wie sehr sich die

Kinder auf den heutigen Abend gefreut haben; wie grausam wäre es, wollten

wir ihre Freude zerstören! Noch sehe ich keine Gefahr und wir können

unbesorgt den Ball stattfinden lassen.«

»Ball!« wiederholte Lilli, die erwacht war und das Wort gehört hatte; »ich

will tanzen! Zieh mich an, Fräulein! Bitt schön, laß mich tanzen!«

Fräulein Güssow warf der Vorsteherin einen verständnisvollen Blick zu,

jetzt mußte dieselbe sich doch überzeugen, wie krank die Kleine war, – sie

phantasierte.

Aber Fräulein Raimar war nicht überzeugt und auch nicht erschrocken. Sie

trat zu Lilli an das Bett und ergriff deren Hand.

»Es ist ja noch heller Tag, Lilli,« sagte sie freundlich; »siehst du

nicht, wie die Sonne scheint? Heute abend sollst du tanzen, jetzt ist es

noch viel zu früh. Lege dich nieder und schlafe noch etwas; wenn du

aufwachst, bist du gesund und ziehst dein gesticktes Kleid an.«

»Die liebe Sonn scheint,« wiederholte das Kind, wie aus einem Traume

erwachend, und sah mit müden Augen zum Fenster hinaus. Dann legte sie die

Hand gegen die Stirn und sagte leise: »Ach Gotterl, Fräulein, mir thut der

Kopf halt so weh!«

»Das wird sich geben, mein Herz. Nimm nur recht artig deine Medizin ein.«

Sie küßte Lilli und versicherte der sehr geängstigten Lehrerin, das

Phantasieren der kleinen Kranken habe nichts zu bedeuten, bei lebhaften

Kindern stelle sich dasselbe bei einem harmlosen Schnupfenfieber ein. Und

mit diesem aufrichtig gemeinten Troste verließ sie das Zimmer.

Es schien, als habe sie wahr gesprochen. Gegen Mittag schlief Lilli ein.

Das Fieber hatte etwas nachgelassen und Fräulein Güssow atmete erleichtert

auf. Als Ilse kam und teilnehmend mit trauriger Miene nach Lillis Befinden

fragte, winkte sie derselben freudig zu und flüsterte: »Sie schläft, – es

scheint eine Besserung eingetreten zu sein.«

Ilse teilte sofort diese gute Nachricht den Freundinnen, die schon in

ängstlicher Sorge um den kleinen Liebling waren, mit, und brachte sie alle

wieder in fröhliche Stimmung. Nur Flora blieb bei ihren düsteren

Prophezeiungen.

»Meine ahnungsvolle Stimme täuscht mich nicht, ich fühle es, der Tod wird

diese zarte Knospe brechen,« sagte sie in tragischem Tone und probierte

dabei ihre neuen Ballschuhe an, streckte den Fuß weit von sich und

bewunderte mit sehr befriedigter Miene die zierliche, elegante Form des

Schuhes. Es war ihr wenig ernst mit ihren düstern Ahnungen!

Lillis Besserung war leider nur trügerisch gewesen. Während die jungen

Mädchen heiter und glücklich Toilette zum fröhlichen Feste machten, lag

sie im heftigsten Fieber.

Fräulein Güssow wich nicht von ihrem Bette und erklärte mit aller

Bestimmtheit, daß sie diesen Platz nicht verlassen werde. Auf Fräulein

Raimars Wunsch wurde die Verschlimmerung der Krankheit vorläufig geheim

gehalten; sie mochte keinen Mißklang in die unbefangene Freude ihrer

Zöglinge bringen, mußte sie sich doch bei ruhiger Ueberzeugung sagen, daß

nichts damit gebessert werde. – So blieb denn die junge Lehrerin allein im

Krankenzimmer. Sie hörte das unruhige Getappel im Vorderhause; dann und

wann schlug wohl ein fröhliches Lachen an ihr Ohr – und endlich vernahm

sie die gedämpften Töne der Polonaise.

»Ilse, komm!« rief Lilli plötzlich und Fräulein Güssow fuhr erschreckt

zusammen. »Ilse, bitt, bitt schön, komm! Ich führ dich in den Saal, komm!«

– Hoch hatte sie sich im Bett aufgestellt und machte alle Anstrengungen,

aus demselben zu springen.

Fräulein Güssow legte den Arm um das fiebernde Kind und versuchte es

niederzulegen, aber Lilli stieß sie von sich.

»Geh fort!« rief sie; »du bist nit des Kaisers Tochter, du hast kein

schönes Kleiderl an! – Ilse! Ilse komm!«

Angstvoll und gellend stieß sie ihre Worte heraus und mit starren Augen

blickte sie ihre Pflegerin an.

»Wenn du ruhig bist, wird Ilse kommen,« sagte dieselbe mit zitternder

Stimme, die Angst schnürte ihr fast die Kehle zu. »Sei ruhig, mein

Liebling, willst du? Lege dich nieder – ganz still – so.« Und sie bettete

mit sanfter Gewalt die immer noch aufrechtstehende Lilli in die Kissen.

»Ganz still,« wiederholte das Kind mechanisch; »Ilse komm, – ganz still!«

Fräulein Güssow zog an der Klingelschnur, und nach einiger Zeit

ängstlichen Harrens erschien die Köchin. Sie war die einzige, welche die

Glocke vernommen hatte, die beiden andern Dienstboten waren im Vorderhause

beschäftigt.

»Rufe sofort Fräulein Ilse,« gebot sie mit halblauter Stimme, »und dann

hole den Arzt. Das Kind ist sehr krank. Aber still und ohne Aufsehen,

Bärbchen, niemand darf es wissen.«

»Aber wenn mich Fräulein Raimar fragen sollte,« wandte die etwas

schwerfällige Köchin ein, »dann muß ich es ihr sagen, nicht?«

»Sie wird dich nicht fragen, wenn du deine Sache klug machst. Eile dich

nur, ich bitte dich!«

Der Zufall kam Bärbchen zu Hilfe. Gerade als sie sich dem Saale näherte,

traten Ilse und Nellie lachend und plaudernd, mit ganz erhitzten Wangen,

Arm in Arm, aus der Thür desselben.

Geheimnisvoll winkte ihnen die Köchin zu. »Fräulein Ilschen,« sagte sie,

»Sie möchten gleich zu Fräulein Güssow kommen!«

»Es ist doch nichts passiert, Bärbchen?« fragten beide Mädchen fast

zugleich.

»O nein, passiert gerade nichts, aber das Kind ist kränker geworden, ich

soll gleich den Doktor holen. Es soll aber niemand etwas wissen. Sie

brauchen keine Angst zu haben, Fräuleinchens,« beruhigte sie, als sie die

erschrockenen Gesichter vor sich sah, »so schnell geht das nicht mit so

kleinen Kindern. Krank – tot – gesund – man weiß nicht, woher es kommt!

Aber nun will ich laufen!« Und wie der Wind war sie die Treppe hinunter

und zum Hause hinaus.

»Ich gehe mit dich,« sagte Nellie, aber Ilse wehrte ihr ab.

»Du mußt in den Saal zurückkehren, Nellie,« erklärte Ilse entschieden, »es

würde Aufsehen erregen, wenn wir beide fehlten. Ich gehe allein und bringe

dir bald Bescheid.«

Traurig sah Nellie der Freundin nach, dann kehrte sie zurück in den

hellerleuchteten Saal. Schwer legte es sich auf ihr Herz, als sie ringsum

nur glückliche, fröhliche Menschen sah – unwillkürlich füllte sich ihr

Auge mit Thränen.

Aber ihr betrübtes Gesicht durfte niemand sehen, sie trat deshalb

unbeachtet hinter eine Tannengruppe.

Einer indes hatte sie doch beachtet und das war Doktor Althoff. Als er sie

mit so ernstem Gesicht eintreten und gleich darauf verschwinden sah,

näherte er sich ihr langsam.

»Weshalb suchen Sie die Einsamkeit, Miß Nellie?« fragte er herzlich.

»Haben Sie Kummer?«

»O Herr Doktor, ich ängstige mir so um das Kind! Bärbchen hat Ilse gerufen

und holt jetzt der Arzt!« Und Nellies sonst so fröhliche Augen blickten in

Angst und Trauer den jungen Mann an.

Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem

Augenblicke.

Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den

Kranz von Tausendschön im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen

Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefühl verriet,

entzückte ihn geradezu.

»Beruhigen Sie sich,« tröstete er, »ich werde sofort in das Krankenzimmer

gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht.«

Als er die Thür desselben nach leisem Anklopfen öffnete, bot sich ihm ein

rührender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht

neben Lillis Köpfchen gelegt, so daß ihre braunen Locken sich mit den

lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige

Schmuck, den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar gelöst

und lag halb entblättert auf dem Boden. Fräulein Güssow legte soeben einen

neuen Eisumschlag auf der Kranken glühende Stirn.

Doktor Althoff fragte nicht, – ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm

alles. Groß und fremd sah sie ihn an, ihre Händchen zuckten und griffen

unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie

sich fest an sie.

»Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter!« stieß sie in

abgerissenen Sätzen heraus, »du bist die Schönste! – Tanz mit mir – komm!«

Plötzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse für das

Christkind an.

»Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, – und ein Kronerl

tragst auf dem Kopf – ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen,«

fuhr sie geheimnisvoll lächelnd fort, »wart nur, ich komm zu dir, zu den

lieben Engelein! – Ich komm – nimm mich mit!«

Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurück.

Ilse war wie gelähmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager

eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natürlich, daß sie ganz

fassungslos war. Sie umklammerte Fräulein Güssow und wurde totenblaß, ohne

ein Wort über die bebenden Lippen zu bringen.

»Kehren Sie in den Saal zurück, Ilse,« riet Doktor Althoff und ergriff

ihre Hand. »Kommen Sie, ich werde Sie führen.«

Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich bleibe hier,« sagte sie leise aber

fest, »ich verlasse Lilli nicht.«

Und wie auch die Strauß’schen Klänge der blauen Donau schmeichelnd und

verlockend durch die Nacht in das stille Krankenzimmer drangen, Ilse

dachte nicht daran, zur Lust und Freude zurückzukehren. Ihre ganze Seele

war von den Leiden ihres Lieblings erfüllt.

Nur wenige Augenblicke lag Lilli still und mit geschlossenen Augen da,

dann fing sie von neuem weit heftiger an zu phantasieren. Bald rief sie

nach Ilse, um mit ihr zu tanzen, bald wollte sie mit dem Christkindl

spielen, zuletzt fing sie an, mit leiser, matter Stimme zu singen: »Kommt

a Vogerl geflogen –«

Wie klang heute des Kindes Lied so weh und traurig! Ilse mußte sich

abwenden, heiße Thränen rannen über ihre Wangen, es war, als müsse ihr das

Herz zerspringen.

»Ich befürchte das Schlimmste!« sprach Fräulein Güssow tief ergriffen.

»Wenn nur der Arzt käme!«

Nach kurzer Zeit, die den Wartenden eine Ewigkeit dünkte, trat derselbe

ein. Sein Blick fiel auf das Kind, und er erschrak. Wie hatte es sich

verändert, seitdem er es verlassen, was war seit gestern aus dem

blühenden, lebensfrohen Wesen geworden! Die runden Wangen waren

eingefallen und die großen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die

leere Luft. Er nahm ihre Hand und fühlte nach ihrem Puls, – sie merkte

nichts davon, leise fing sie wieder an zu singen: »Und es kümmert sich ka

Hunderl –«

»Au, au!« schrie sie plötzlich auf und griff nach ihrem Kopfe. »Das

Katzerl beißt mich! Nimm es weg, Fräulein! Au weh!«

Der Arzt rührte ein Pulver in ein Glas Wasser und reichte es ihr. Nur

mühsam war ihr dasselbe beizubringen und erst auf Ilses sanftes Zureden

öffnete sie die Lippen. Nachdem sie getrunken, wurde sie ruhiger und

verfiel in einen Halbschlummer.

»Wo wohnen die Eltern der Kleinen?« wandte der Arzt sich an Fräulein

Güssow. »Ich rate, dieselben unverzüglich von der Krankheit zu

benachrichtigen. Ich kann für den Ausgang nicht stehen. – Wir haben es mit

einer bösartigen Gehirnentzündung zu thun.«

»Nur die Mutter lebt,« nahm Doktor Althoff das Wort und erbot sich, sofort

ein Telegramm an dieselbe abgehen zu lassen. Nach seiner Berechnung konnte

sie schon am Abend des nächsten Tages eintreffen.

Bevor er das Haus verließ, kehrte er noch einmal in den Saal zurück, um

die Vorsteherin mit dem Ausspruch des Arztes bekannt zu machen. Nellie,

die gerade mit Georg Brenner Française tanzte und nicht aus der Reihe

treten konnte, warf einen ängstlich fragenden Blick auf ihn, flüchtig nur

streifte sie sein Auge, und doch erriet sie, daß er nichts Gutes zu melden

habe. O, wäre nur der Tanz erst zu Ende, daß sie ihn fragen könnte! Aber

er wartete nicht darauf, nach wenigen Minuten verließ er schon wieder den

Saal und ließ Nellie in den peinlichsten Zweifeln zurück. War es schlimmer

geworden? Der Vorsteherin ruhiges Gesicht gab ihr keine Antwort auf ihre

Frage. Es lag dasselbe wohlwollende Lächeln auf demselben wie zuvor. Sie

unterhielt sich mit einigen Gästen ohne jede sichtbare Erregung.

Und doch war sie bis in das Innerste erregt. Aber sie verstand die seltene

Kunst, sich meisterhaft zu beherrschen. Warum sollte sie plötzlich Schreck

und Aufregung in die Freude bringen? In einer Viertelstunde war der Tanz

vorüber, dann sollten die jungen Mädchen sich niederlegen, ohne zu

erfahren, wie es mit der Kranken stand. Die Jugend bedarf des Schlafes,

sagte sie sich, besonders nach einer halb durchtanzten Nacht.

Verschlimmerte sich Lillis Zustand, so erfuhren sie diese traurige

Botschaft am Morgen noch früh genug.

Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art

entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: »O ja, sie wird

gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen.« Der

Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball

ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. –

Miß Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, dafür Sorge zu

tragen, daß die Mädchen still und geräuschlos ihre Gemächer aufsuchten,

das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische

Lehrerin sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, da huschten sie alle noch

auf eine kurze Zeit zu Rosi hinüber, deren Stübchen ganz am Ende des

Korridors lag. Sie mußten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen

Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste.

Melanie brachte ihre duftigen Sträuße, die sie im Cotillon erhalten hatte,

mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmütiger Freude betrachtete

sie den reichen Segen. »Ach!« rief sie aus, »wie schade, daß alles vorbei

ist!«

»Alles Schöne ist vergänglich, nur die Erinnerung bleibt!« entgegnete

Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines

jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche

verborgen hielt. – Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafür das ihrige

eingetauscht.

»Ach, Kinder, es war doch zu schön!« brach Annemie in plötzlicher

Begeisterung aus. »O, was ich euch alles erzählen könnte!«

»Und ich! Und ich!« klang es durcheinander.

»Ihr würdet staunen, wenn ich sprechen wollte!« rief Melanie stolz und

schlug ihr Auge kokett gen Himmel, »ich habe viel erlebt!« – In ihrem

Eifer vergaß sie ganz, ihre Stimme zu dämpfen.

»Nicht so laut, Melanie,« ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. »Wir

wollen zu Bett gehen,« riet sie ernstlich, »denn wenn ihr erst anfangt,

eure Erlebnisse zu erzählen, dann können wir bis zum hellen Morgen hier

sitzen.«

»Morgen ist Sonntag, da können wir ausschlafen!« meinte Grete, die darauf

brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hören. »Wo sind

denn aber Ilse und Nellie?« unterbrach sie sich plötzlich und sah sich um;

»ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich

Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!«

Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausführung.

Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Miß Lead wie ein

Nachtgespenst vor ihnen.

»Wo wollt ihr hin?« fragte sie erzürnt. »Habe ich euch nicht Ruhe geboten?

Sofort legt euch nieder, – und morgen werde ich euren Ungehorsam der

Vorsteherin melden!«

So wurde es denn still in den oberen Räumen. Die plaudernden Lippen

verstummten nach und nach – die Augen schlossen sich zu süßem Schlummer

und ein gütiger Traumgott führte die Schlafenden zurück in den festlichen

Saal. Noch einmal ließ er die Musik erklingen und die junge Schar im

lustigen Tanze dahinfliegen. –

»O wie öde ist die Wirklichkeit!« war Melanies erstes Wort, als sie

erwachte.

* * *

In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an

glückliche Träume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr,

aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen

begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr

seine Befürchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr

so schwer, sich zu beherrschen.

»Geh zu Bett, Ilse,« sprach Fräulein Raimar sanft zu ihr, »du darfst nicht

länger hier verweilen.«

Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge

Mädchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen.

»Du bist ein gutes Kind,« sagte sie weich und ihre Stimme klang wie

verhaltene Thränen, »aber ich darf deinen Wunsch nicht erfüllen. Ein

längerer Aufenthalt hier könnte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem

Kinde auch nicht helfen, – sieh hin – es kennt dich – uns alle nicht

mehr!«

[Illustration]

Bevor sie das Zimmer verließ, trat Ilse noch einmal zögernd und leise an

Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheiße Hand, beugte

sich nieder und drückte einen Kuß darauf. »Gute Nacht, Liebling,« hauchte

sie leise, »gute Nacht!«

Und mit einem langen, thränenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen

nahm sie Abschied, ach, sie fühlte es, es war ein Lebewohl für immer. Dann

eilte sie hinaus, das Taschentuch fest vor den Mund gepreßt, damit sie vor

Herzeleid nicht laut aufschreie.

Draußen, dicht vor der Thür, stand Nellie. Unbemerkt war sie der

Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den

Hals und Nellie führte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt

warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut

weinend in die Kissen.

»Ist sie so sehr krank?« fragte Nellie.

»Sie stirbt, Nellie!« schluchzte Ilse außer sich, »unser süßer, kleiner

Liebling stirbt!«

Nellie wurde blaß und ein heftiges Zittern überfiel ihren Körper, aber

sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut

herauszujammern, die ungestüme Art Ilses war ihr fremd. War das zu

verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen,

ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu

vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, –

wie anders Nellie! So mancher trübe Schatten hatte bereits ihr junges

Dasein verdunkelt! Sie mußte an den Tod des geliebten Vaters denken, der

sie so jung als Waise zurückließ!

Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff

deren Hand.

»Komm,« sagte sie mit unsichrer Stimme, »setze dir hoch. Du machst dir

auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir

machen doch der arm’ klein’ Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt:

›Ich will der klein’ Engel zu mich nehmen,‹ was können wir da machen? – O

Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer

weiß, welch’ traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht

besser, da tot zu sein? – Ich wär’ sehr glücklich, wenn mich der liebe

Gott als klein’ Kind zu sich genommen hätte!«

Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer

einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und

umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Mädchengestalten

in ihren duftigen Ballgewändern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft

hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen

Freundschaftsbund für das ganze Leben. Der Mond trat plötzlich hinter dem

dunklen Gewölk hervor und verklärte mit seinem blassen Schimmer die

lieblichen, thränenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute

Rosen, die an einem Stengel erblüht sind. –

* * *

Es war ein trübseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge

Schar, noch ganz erfüllt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee

saß, trat Fräulein Güssow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das fröhliche

Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkündete nichts Gutes.

Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin

seitwärts gestanden; es war ihnen unmöglich, an der Fröhlichkeit der

andern teilzunehmen.

»Ist es besser?« fragte Ilse hoffend und bangend zugleich.

Traurig schüttelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen füllten sich mit

Thränen. »Nein,« sagte sie, »es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich

gesteigert und ihr müßt euch auf das Schlimmste gefaßt machen. Ich teile

euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn –« Sie

konnte den Satz nicht vollenden, Thränen erstickten ihre Stimme.

Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Eröffnung ein. Als aber

Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und

Wehklagen. Kein Auge blieb trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling

für immer hergeben zu müssen.

Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach.

»Lassen Sie mich zu ihr,« bat sie dringend und erhob die Hände. »Bitte!«

Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. »Du darfst sie nicht

wiedersehn, Ilse,« sagte sie fest und entschieden. »Sie hat sich so

verändert, daß deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild für lange Zeit

nicht vergessen würde. Sie ist nur noch ein Schatten des schönen,

fröhlichen Kindes.«

Und sie küßte die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurück,

das Fräulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte.

Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Miß Lead fertig zum

Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur

Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen.

»Ich kann Sie heute nicht begleiten, Miß Lead,« entgegnete Orla, die ganz

gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefühle übermannen ließ und heftig weinte;

»ich kann es nicht!«

»Ich auch nicht! – Ich auch nicht!« erklärten die übrigen. Selbst Rosi,

die stets Sanfte und Gefügige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls

zurückbleibe. »Ich bin so aufgeregt und könnte nicht andächtig auf die

Predigt hören,« fügte sie hinzu.

»Ich begreife euch nicht,« sprach die Engländerin höchst erstaunt von

einer zur andern sehend. »Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort für ein

gequältes Herz? Sagt nicht der Herr: ›Kommt her zu mir alle, die ihr

mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!‹ Ich gehe und will für

die Kranke beten, vielleicht erhört mich der Herr.«

Und sie ging, und die englischen Pensionärinnen schlossen sich ihr an. Sie

teilten in ihrem strenggläubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur

Nellie blieb zurück. Nicht weil sie weniger gläubig war – o nein! Sie

hatte ein kindlich frommes Gemüt, aber sie hatte auch ein

tiefempfindendes, warmes Herz; es wäre ihr unmöglich gewesen, das Haus,

das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen,

wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte.

»Ich will auch beten,« sagte sie leise wie für sich. Und sie trat in den

Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Hände auf

einen Stuhl und beugte den Kopf darüber. In dieser andächtigen Stellung

verbrachte sie lange Zeit und betete heiß und innig zu Gott, daß er Lilli

am Leben erhalten möge. –

Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend öffnete die

Vorsteherin plötzlich weit die Fensterflügel im Krankenzimmer – Lilli war

tot.

Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn geküßt und sie hinweggetragen

in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie

da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches

Lächeln lag über den leise geöffneten Lippen.

Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Händen am Bette

der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die

Abendsonne verklärte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem

knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches

Abendlied – draußen erwachendes Frühlingsleben – hier die junge

Menschenknospe – gebrochen, ehe sie sich zur Blüte entfalten konnte.

»So früh und in der Fremde mußtest du sterben, armes Kind!« unterbrach

Fräulein Güssow die feierliche Stille.

»Sie fühlte sich glücklich und heimisch bei uns,« entgegnete Fräulein

Raimar tief ergriffen. »Die eigentliche Heimat war ihr fremd geworden. –

Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt.«

»Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen müßte. O, sie ist

glücklich!« Und in einem plötzlich überwallenden Gefühle beugte sich die

junge Lehrerin laut weinend über Lilli und küßte ihr die kalte Stirn.

»Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm

er dich zu sich!«

»Fassen Sie sich, liebe Freundin,« ermahnte Fräulein Raimar, indem sie die

Hand auf der Erregten Schulter legte, »uns bleibt jetzt die schwere

Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig

als möglich müssen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin

erregten Gemüter nicht ganz außer Fassung kommen.«

Aber sie kamen doch außer Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur

sich dem Schmerze zügellos hingab. Sie glaubte vergehen zu müssen. Noch

nie hatte sie sich so unglücklich gefühlt, als in der ersten Nacht nach

Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der

den geliebten Vater entführte, und sie fremd und verlassen an der Pforte

dieses Hauses stand.

* * *

Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneeglöckchen und Veilchen

schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Frühlingskindern über

und über bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen,

die mit ihm in nähere Berührung gekommen, und es hatte allgemein

schmerzliche Verwunderung erregt, daß die Mutter fern geblieben war.

Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, daß

sie erst am Dienstag abend eintreffen könne. Es sei ihr unmöglich, früher

zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stücke die Hauptrolle zu

spielen habe. Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde,

kam umgehend ein Brief voll überschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern.

Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag

gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, für des

Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem

Sockel eingegraben werden: ›Teures Kind, bete für mich.‹

Aeußerlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen

pomphaften Kundgebungen.

»Meine Mama wäre gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewußt hätte,«

bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so

herzlich und tröstend geschrieben hatte.

»O sicher, sie wär von der Welten Ende zu dich gereist,« beteuerte Nellie

lebhaft.

»Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter,« fuhr Ilse nachdenklich

fort. »Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekränkt! Glaubst du wohl,

daß sie mir vergeben wird?«

Ilses Herz war so weich und empfänglich durch den Schmerz geworden und

eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren

ihr bis dahin ähnliche Gedanken gekommen, und wäre es der Fall gewesen,

hätten sie früher einmal bei ihr angeklopft, sie würden keinen Einlaß

gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Bedürfnis, sich gegen

ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen.

»O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche

Herz, kein Titelchen Bosheit für dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du

warst ja auch noch ein ungezogen, dumm’ Baby, als du bei sie warst, jetzt

aber bist du eine sehr anständige (sie meinte verständige) junge Dame.«

»Ist das dein Ernst, Nellie?« fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen

Nellie zweifelnd an.

»Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner

Mutter ein lang’ Brief und bitte ihr um Verzeihung.«

Ilse überlegte einen Augenblick. »Du hast recht, Nellie,« sagte sie dann

entschlossen, »ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute

noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde

nicht eher ruhig sein!«

Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszuführen, trat

Flora mit strahlenden Augen ein.

»Ich muß euch meine neuesten Gedichte vorlesen,« sagte sie erregt, »sie

sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr müßt mich

anhören!«

Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den

verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte.

_Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!_

begann sie zu lesen.

Nellie hielt sich die Ohren zu. »Schweig still! Ich mag dir nicht anhören

mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!«

Ilse stimmte ihr bei. »Laß uns zufrieden, Flora,« sagte sie, »wir sind

noch zu traurig, als daß wir lachen möchten! Und du weißt doch, daß alle

deine Gedichte uns lustig machen.«

Tief verletzt schloß Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit großen

Buchstaben zu lesen stand: »Floras Klagelieder!« – »Ihr habt keinen Sinn

für erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und

ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!«

Der Trotzkopf: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen · 第 8 / 11 题