»Ich bin Jurist, gnädiges Fräulein, und gehe jeder Sache auf den Grund.«
»Jurist!« wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas mißtrauisch an.
»Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus.«
»Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?«
Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie hätte ihm keine andre
Antwort daraus geben können, als daß die Juristen, die öfters auf Moosdorf
zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die
gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schön waren sie nicht. Sie sah
ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie sind nicht Jurist,«
widerstritt sie.
»Nun, ich bin doch neugierig, wofür Sie mich halten,« fragte er höchst
amüsiert, »jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!«
»Sie sind Künstler – vielleicht Musiker – oder Maler?«
Er lachte laut. »Musiker!« rief er, »ich ein Musiker! Wenn Sie wüßten,
gnädiges Fräulein, welch ein großes Wort Sie gelassen aussprachen! Ich
verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir
leid, daß ich Ihre für mich so schmeichelhafte Illusion zerstören muß,
indes was kann es helfen! Ich muß mich Ihnen leider als ein ganz
gewöhnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist.
Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind
Sie nun überzeugt?«
»Also kein Künstler, ach, wie schade!« sprach Ilse bedauernd. »Es müssen
doch reizende Menschen sein!«
»Nicht immer,« wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven
Anschauungen zerstören? Sie war noch so jung und sah so gläubig aus.
»Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?« brach er das Gespräch ab, »die
Wetterfahne darauf glänzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von
Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort.«
Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell
auf denselben zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das
erwachsene Mädchen dafür ausstieg und Leo den Irrtum erklärte, nahm sie
dasselbe lachend in den Arm.
»Ob groß, ob klein,« sagte sie mit Wärme, »Sie sind mir von Herzen
willkommen!«
Und sie führte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat
befand. Er saß in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem
jungen Mädchen beide Hände entgegen.
»Das ist eine kostbare Ueberraschung!« rief er aus, »eine kostbare
Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund
Macket mit Absicht getäuscht?«
Ilse lachte und zeigte die weißen Zähne.
»Wie Sie dem Papa ähnlich sehen!« fuhr er lebhaft fort, »derselbe Mund,
die Zähne, das Kinn, es ist auffallend!« Er schob die Lampe näher zu ihr,
damit er sie noch besser betrachten könne. »Das Haar haben Sie von der
Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heißt nur in Farbe und Schnitt.
Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verrät nicht das sanfte
Taubengemüt der seligen Mama. Können Sie zornig blicken?« fragte er
scherzend.
»Aber lieber Mann,« unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, »erst stellst du
ein peinliches Examen mit dem Aeußeren unsres lieben Gastes an, nun gehst
du auch noch auf die Charaktereigenschaften über! – Kommen Sie, liebes
Kind, ich will Sie erlösen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer führen, damit Sie
sich von der langen Reise etwas erfrischen können. Ich habe Sie dicht
neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe
höher, und ich dachte, die Kleine fürchte sich, allein dort zu schlafen.«
»O wie reizend!« rief Ilse kindlich erfreut und verriet, daß sie im Punkte
der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand.
»Leo,« redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen
hatten, »ist sie nicht ein reizendes Kind?«
Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektüre, wenigstens
mußte der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort
erhielt.
»Ja, ja,« gab er gleichgültig zur Antwort, »sie ist ein ganz netter,
kleiner Backfisch!«
»Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck für ein so liebliches Wesen! Hast
du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem
›kleinen Backfisch‹, mehr als du dir träumen läßt! Ein Blick und ich weiß
Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir über!«
Leo gab keine Antwort darauf und las andächtig weiter.
Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte
und erzählte ganz ohne Scheu. Sie fühlte sich heimisch bei den lieben
Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen
Scherz.
»Bleiben Sie einige Tage hier,« redete er ihr zu, »die Zeit ist so kurz
bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, daß wir Sie hier
behielten, sie werden nicht böse darüber sein.«
Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinüber, der fast wie eine Bitte
aussah, auch erbot er sich, ganz früh am andern Morgen nach dem
Stationsgebäude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau
unterstützte die Bitte ihres Mannes mit großer Wärme.
»Es wäre eine große Freude für uns, wenn Sie blieben,« sagte sie, »es
fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glückliche
Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!«
»Bitte, bitte, quälen Sie mich nicht,« bat Ilse, »ich kann nicht bleiben!
Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefällt! Meine Eltern
erwarten mich morgen und ich habe auch große Sehnsucht nach ihnen und auf
den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er weiß noch gar nicht, daß
er eine große Schwester hat!«
Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und
natürlich.
Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurück und klopfte ihr leicht
die Wange.
»Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluß nicht zu ändern. Wir
wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen
Sie uns bald auf längere Zeit, Leo verläßt uns in einigen Wochen und dann
ist es einsam in unsrem großen Hause.«
»Daraus wird doch nichts!« erklärte der Landrat. »Ich kenne meinen Freund
Macket und weiß, daß er so bald sein Töchterchen nicht wieder fortgiebt.
Halt, da fällt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet
der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll.
Ich nehme die Einladung an für uns, Punktum! Aber ich knüpfe die Bedingung
daran, daß er Sie mit uns zurückreisen läßt.«
Ilse jubelte vor Vergnügen, »das wär’ zu – zu himmlisch!« rief sie aus.
»Aber Sie müssen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf.«
Mit einem kräftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen.
»Ein Handschlag galt bei uns in der Pension für den höchsten Eid,« sagte
sie mit einem ernsten Kindergesicht, »dagegen handeln heißt meineidig
sein. – Sie werden doch mitkommen?« wandte sie sich an Leo.
»Natürlich,« entgegnete er freudig, »der feierliche Eid gilt auch für
mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?«
»O nein,« entgegnete sie leicht errötend, »ich glaube Ihnen schon auf Ihr
Wort.«
Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. »Sie werden müde und
abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindrücken, liebe
Ilse.«
»Ich empfinde gar keine Müdigkeit,« entgegnete diese, »und könnte noch
lange aufbleiben!«
Sie hätte es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer
gefunden hätte! Wie gerne hätte sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre
Reiseerlebnisse erzählt!
Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Frühstück rüstete sich Ilse zur
Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thüre, sie
hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt.
»Wollen Sie denn die welken Sträuße wirklich wieder mit sich nehmen?«
fragte Assessor Gontrau.
Ilse blickte auf den Korb und stand unschlüssig da. »Freilich,« sagte sie
betrübt, »sie sehen traurig aus, meine lieben, schönen Blumen, nun sind
sie alle welk!«
»Wissen Sie was, Fräulein Ilse,« riet der Assessor heiter, »wir wollen ein
Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie
bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift trägt:
Diese Urne birgt die Asche der Blumensträuße meiner geliebten sieben
Freundinnen in der Pension. – Wie gefällt Ihnen diese Idee?«
»O, Sie sind abscheulich!« rief sie. »Sie wollen sich über mich lustig
machen? Trotzdem,« fügte sie echt logisch hinzu, »gefällt mir das
Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel
Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen
aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!«
Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause
zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf.
Ein Strauß nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an
die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. »Halten Sie ein!« rief sie,
»der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre
ich bis zu meinem Tode auf!«
»Mit in das Grab,« fügte er neckend hinzu.
Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte,
erschien jetzt fertig angekleidet in der Thüre und mahnte zum Aufbruch.
Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne wäre er
mitgefahren und mußte nun des bösen Fußes wegen zurückbleiben. Es war eine
rechte Geduldsprobe für ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an
seinen Schwur. »Sie müssen kommen!« war ihr letztes Wort.
»Es bleibt dabei!« rief er ihr nach, »der Schwur gilt!«
Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, überreichte ihr Leo ein
kostbares Rosenboukett.
»Die Blumen sind aus der Asche erstiegen,« sprach er, »Sie werden
dieselben nicht verschmähen,« fügte er hinzu, als sie vor Ueberraschung
vergaß, dieselben in Empfang zu nehmen.
»O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswürdig! Sie glauben nicht, wie ich
mich freue!« Mit holdem Erröten reichte sie ihm die Hand. »Ich danke Ihnen
tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schön wie diese sah ich
noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut!« Und sie
konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte
noch einige Male: »ich freue mich zu sehr!«
Leo lächelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie
entzückt über die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken
verstand.
Die Stunden vergehen schnell, besonders die glücklichen. Die Fahrt bis zum
Bahnhof war geschwunden, Ilse wußte nicht wie. Jetzt saß sie im Dampfwagen
und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie
flogen voraus und träumten vom Wiedersehen – und sie kehrten zurück und
führten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen!
Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand
geküßt und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am
Ende hätte sie ihm die Hand entziehen müssen? – »Ach,« seufzte sie laut,
zum Glück war sie allein im Koupee, »ach! Es ist doch zu öde, wenn man gar
nicht weiß, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt über
mich!« Sie errötete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf
den Rosenstrauß, und wie sie den süßen Duft desselben einatmete, stand
plötzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefühl überkam sie,
aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurück. Sie legte den Strauß
aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie
wollte es nicht!
Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen,
dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere
Stoppelfelder, das war langweilig.
Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein
Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Hände, das Nellie ihr
hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht
daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im
Begriffe, das Buch zu öffnen, fiel ihr etwas ein. »Halt,« sagte sie für
sich, »jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat.«
Sie schlug drei Kreuze über das Buch und sah gen Himmel dabei, dann
öffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hieß:
»Helft mir, ihr Schwestern, Kränze zu winden –«
»Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen!« rief sie, »also noch einmal!«
Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrückt,
dann wieder die drei üblichen Kreuze, wieder langsam und feierlich
geöffnet – und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage.
»Sonderbar! furchtbar sonderbar!« dachte sie sinnend und einen Augenblick
war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber
siegte ihre gesunde Vernunft.
»Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug!« Mit
diesem vernünftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und
vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich
ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus
den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie
schwanden von selbst, je näher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch
beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene
Ortschaften, die in der Nähe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den
Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen
flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron
standen, um sie in Empfang zu nehmen.
Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den
geliebten Eltern zurückkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht
geschildert, sondern muß empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres
Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glück, wieder daheim zu
sein.
[Illustration]
»Bist du groß geworden!« rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit
stolzer Freude; »ich hätte dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst
du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!«
Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen
an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht
begrüßt, die mit Thränen im Auge daneben stand und ihr die Arme
entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig.
»Meine liebe Mama!« das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket
verstand sie, innig drückte sie ihr Kind an sich, sie wußte, daß sie jetzt
sein Herz für immer gewonnen hatte.
»Hier ist noch jemand, der dich begrüßen will, Kleines,« unterbrach der
Oberamtmann die kleine rührende Szene, die ihn selbst schon ganz
weichmütig machte, »sieh, Onkel Curt, berühmter Maler und Afrikareisender,
möchte gern deine Bekanntschaft machen!«
Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Künstler
gegenüber. Ob sie ihn »reizend« fand? – Als sie ihn ansah, den
mittelgroßen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr
bequem als elegant saß, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun
gebranntes, etwas verwittertes Gesicht tief beschattete, da drängte sich
unwillkürlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. »Die Juristen
gefallen mir doch besser als die Künstler,« – so meinte sie still in ihrem
Herzen.
Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begrüßt. Zur
besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller,
ausgelassener Freude seine Herrin begrüßte. Johann vergaß dabei seine
Empfangsrede, die er sich mühsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er
seine Mütze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern.
»Da ist der Hund, Fräulein Ilschen,« sagte er. »Das unvernünftige Vieh hat
das Fräulein gewissermaßen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das
Fräulein gewissermaßen schön und stattlich geworden sind, wie ein
Kürassier.« – Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz
außergewöhnlichen Gelegenheiten, er galt für ihn als höchster Ausdruck des
Vollkommnen.
Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand.
»Es ist gut, Johann,« sagte der Oberamtmann, »du hast eine schöne Rede
gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tüchtig zugreifen, in
einer halben Stunde müssen wir in Moosdorf sein.«
Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Kränze, Blumen, sogar
eine Ehrenpforte mit einem mächtigen »Willkommen!« begrüßten die
heimkehrende Tochter. – Aber sie hatte nur einen flüchtigen Blick für alle
Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie mußte
zuerst das Brüderchen sehen.
Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben
entgegen.
»Du süßer, süßer Junge!« rief Ilse im höchsten Entzücken und der prächtige
Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen.
»Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen?« Glücklich lächelnd reichte
die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und
küßte und herzte ihn, bis er zu weinen anfing.
Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. »War ich zu wild, Mama?«
fragte Ilse bedauernd, »sei mir nicht böse darum! Ich freue mich ja zu
furchtbar über ihn! – Was er für dicke Aermchen hat,« fuhr sie zärtlich
fort und küßte dieselben. »Ach, und die lieben, schönen Guckäuglein
schwimmen in Thränen! Daran ist nur die böse, böse Schwester schuld, mein
kleines Herz!«
So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so glücklich wie ein Kind am
Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begrüßt. Sie mochte sich gar
nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Wärterin
übergab.
»Nun ist es genug, Kind,« scherzte Frau Anne, »du verwöhnst mir sonst den
Jungen, auch vergißt du uns andre darüber. Sieh! Papa und der Onkel stehen
schon wartend da, sie wünschen, daß du sie in das Speisezimmer hinüber
begleitest. Oder möchtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?«
Sie ergriff Ilses Arm und führte sie in die obere Etage, die beiden Herren
folgten ihnen, und Ilse mußte darüber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb
sie es thaten.
Es war eine großartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr
Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thüre stehen. Sie erkannte die
früheren Räume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im
altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis
auf die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schränkchen
stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt.
Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre kühnsten
Wünsche erfüllt. – Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch.
»O, Papa,« sagte sie schüchtern, »das ist zu schön für mich, ich kann ja
noch gar nicht malen.«
»Bedanke dich bei dem Onkel dafür, er ist der Anstifter davon!« entgegnete
der Oberamtmann. »Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heißt:
solange der Wandervogel bei uns aushalten wird.«
Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie mußte es fast
heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen.
Johann hatte auf diesen Augenblick längst gewartet und stand schon bereit,
das Fräulein zu führen.
Zuerst mußte sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde
durch sämtliche andre Ställe gemacht, alle Kühe, Hunde u. s. w. begrüßt
hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen
Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf.
»Schade, schade,« meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht,
»ich hätte dem Fräulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist
gewissermaßen schön drin, man könnte selbst drin wohnen.«
»Morgen, Johann,« entgegnete Ilse, »heute habe ich keine Zeit mehr dazu,
ich muß zu den Eltern.«
Kopfschüttelnd blickte der Kutscher ihr nach. »Früher hätte sie das nicht
gesagt,« sprach er für sich und bedenklich setzte er hinzu: »Sollte sie
vornehm geworden sein?«
Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer saß, um zur Ruhe
zu gehen, hielt sie zuvor noch eine Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag
war so reich an wechselvollen und freudigen Eindrücken gewesen, was lag
nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie
wirklich erst heute früh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst
gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon
so weit hinter ihr zu liegen. –
Es war so süß, mit wachen Augen noch etwas zu träumen, und sie mochte noch
nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geöffneten Reisekoffer
und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen
herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu räumen, dabei
mußte sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig
sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute,
geduldige Nellie! Wäre sie doch gleich bei ihr!
Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der
Hand. Was es enthielt, waren nur weiße Blätter, denn nie hatte sie das
Bedürfnis gefühlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung
schloß sie es auf und legte es geöffnet auf den Schreibtisch. Sie griff
nach der Feder, tauchte sie ein und plötzlich – wie von einer inneren
Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: »Seit ich ihn gesehen –«
Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide
Hände vor ihr heißerglühtes Gesicht. Eine tiefe Beschämung preßte ihr die
Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte
diktiert?
Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schloß sie
das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches.
Fort mit den thörichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur
Chamissos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen –
niemals! –
Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fühlte sich
so glücklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen
hatte sie ihre Zeit nützlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der
Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen
Fächern. Er war überrascht über die Fortschritte seiner früheren
Schülerin, besonders aber freute er sich über ihren Ernst, ihre
Beständigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension
einen Segen für Ilse genannt.
Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine
liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung
hatte sie vor Jahr und Tag kaum für möglich gehalten. An Ilses gutem
Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war überrascht von der
geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der
Amtsrat konnte sich noch nicht in sein verändertes Kind finden. Manchmal
sah er es prüfend von der Seite an, als ob er fragen wollte: »Ist sie es,
oder ist sie es nicht?«
»Ich weiß nicht,« sagte er eines Tages zu seiner Gattin, »Ilse ist mir zu
zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbändiges Kind mit
dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen
Anzuge.«
»Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard,« lachte
Frau Anne, »sie ist kein Kind mehr und du mußt dich daran gewöhnen, sie
nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und
ausgelassen wie früher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zügeln. Ich
bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Töchterchen.«
»Du magst ja recht haben,« entgegnete Herr Macket, ohne indes von der
Wahrheit ihrer Worte überzeugt zu sein, »und mit der Zeit werde ich mich
auch an das erwachsene Mädchen gewöhnen, aber ich glaube, es wird noch
mancher Tag darüber hingehn.«
»Wer weiß! Wer weiß! Ilse reißt dich vielleicht, ehe du es denkst, aus
deiner Täuschung und giebt dir den Beweis, daß sie kein Kind mehr ist.«
»Ich verstehe dich nicht, liebe Anne,« sagte der Oberamtmann und sah seine
Frau fragend an, »du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig.«
»Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, daß ich mich täusche.
Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgültig geblieben.«
Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Möglichkeit zu
fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn
gekommen.
»Du irrst, Anne,« sprach er endlich, »das ist geradezu unmöglich. Oder,«
fügte er besorgt hinzu, »hat sie dir etwa ein Geständnis abgelegt?«
»Behüte Gott,« wehrte Frau Anne ab, »wo denkst du hin? Ilses Herz ist wie
eine Sinnpflanze, die ihre Blätter schließt bei der leisesten Berührung.
Noch weiß und ahnt sie selbst nichts von ihren Gefühlen, in ihrer
kindlichen Unbefangenheit hat sie mir ihr Geheimnis verraten. Sie spricht
gern und oft von Gontraus und weilt am liebsten in ihrer Erinnerung bei
dem Sohne, von dem sie ausführlich jede Kleinigkeit erzählt. Du müßtest
sie hören, wenn sie die Erkennungsszene am Bahnhof in Lindenhof erzählt,
und sehen, wie ihre Augen dabei strahlen.«
»Nun ja,« fiel er ihr ins Wort, »das war romantisch! Du bist eine so kluge
Frau, mein Annchen, weißt du denn nicht, daß alle Backfischchen gern
schwärmen?«
»Höre nur weiter zu, Richard. Neulich fragte sie mich ganz aus dem
Stegreife, ob ich den Namen ›Leo‹ schön fände, und ob Juristen kluge
Menschen wären? Den Rosenstrauß, den sie bei ihrem Abschied erhielt, hat
sie aufbewahrt. Als neulich die Hausmagd denselben wegwerfen wollte, ward
sie fast ärgerlich. Sie nahm ihr denselben aus der Hand und steckte die
vertrockneten Blumen in eine Vase, die heute noch auf ihrem Schreibtische
steht.«
»Ist das alles, was du weißt?« lachte der Oberamtmann vergnügt und auch
sehr erleichtert, »dann muß ich dir sagen, liebes Kind, daß deine
Beobachtungen auf sehr wacklichen Füßen stehen. Ich kenne meinen Wildfang
besser und weiß, daß er noch fern von solchen Allotrias ist. Ilschen
verliebt! Ha, ha, ha! Vergieb, Frauchen, daß ich dich auslache, aber ich
kann nicht anders!«
Sie mochte nicht weiter seine sichere Unbefangenheit stören und brach das
Gespräch ab. »Was kommen soll, kommt doch,« dachte sie, »und wer kann
sagen, wie bald!« – Wenige Tage nach diesem Gespräche fand das Erntefest
statt. Frau Macket und Ilse befanden sich am Morgen dieses Tages in dem
großen Gartensaale. Sie ordneten noch hier und da einiges an der gedeckten
Tafel, die festlich geschmückt und zum Empfange vieler Gäste bereit stand.
Ilse beschäftigte sich damit, die Vasen mit Blumen zu füllen. Es war ihr
so vergnügt und froh um das Herz und singend und trällernd verrichtete sie
ihre Arbeit.
»Mama,« unterbrach sie sich plötzlich, »weißt du, daß ich eigentlich recht
betrübt heute bin?«
»Nein,« entgegnete die Angeredete lächelnd, »davon habe ich noch nichts
gemerkt. Weshalb wolltest du auch betrübt sein?«
»Weil Nellie mir nicht geschrieben hat. Ich habe sie so herzlich zu unsrem
Erntefeste eingeladen und sie hat mir keine Antwort darauf gegeben. Heute
sind es sechs Tage, daß ich ihr schrieb.«
»Sie wird keine Erlaubnis erhalten haben, Kind. Du zweifeltest selbst
daran, hast du das vergessen? Es wird ihr sehr schwer werden, dir der
Vorsteherin abschlägige Antwort mitzuteilen. Oder sollte sie dich heute
unangemeldet überraschen?«
»Das wäre famos, himmlisch! Gontraus und Nellie hier – dann wären alle
meine Wünsche erfüllt! Aber daran ist nicht zu denken, Fräulein Raimar
erlaubt das auf keinen Fall. Nellie muß immer lernen und immer lernen. Ach
Mama! Es muß furchtbar schrecklich sein, eine Gouvernante zu werden!
Findest du nicht auch?«
Frau Anne versuchte, Ilse von ihrem Vorurteile zu heilen, aber vergeblich.
Sie blieb dabei, Gouvernanten könnten nur alte Mädchen werden und ihre
Nellie passe gar nicht dazu.
Plaudernd und singend hatte Ilse endlich sämtliche Vasen gefüllt und auf
der Tafel verteilt. Sie stand noch bewundernd vor ihrem Werke, als die
Mutter sie antrieb, sich anzukleiden.
»Es ist hohe Zeit, Ilse, wir müssen uns eilen, in einer Stunde wird Papa
mit Gontraus zurück sein.«
Wie ein Vogel flog Ilse die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Kaum hatte sie
indessen mit ihrer Toilette begonnen, als ihr die Magd einen Brief
überbrachte, den der Briefträger soeben für sie abgegeben hatte. Er war
von Nellie. Sie erbrach ihn sofort und las.
Die ersten Worte schon brachten sie in eine lebhafte Aufregung, kaum
vermochte sie weiter zu lesen. Mit stockendem Atem überflog sie die
Zeilen, und als sie zu Ende war, eilte sie mit dem Briefe hinunter in der
Mutter Gemach. Sie hätte es nicht ausgehalten, die wichtige Neuigkeit, die
sie eben erhalten, länger für sich zu behalten.
»Mama!« rief sie ganz atemlos, »ein Brief von Nellie! Ich muß ihn dir
vorlesen!« – Und sie begann:
»Mein süß Ilschen!
»Ich bin eine Braut! O! und ein sehr glückliches Braut! Errätst Du, mit
wem? Ja? O Ilse, Doktor Althoff ist meiner liebe, liebe Schatz! Ich möchte
gleich Deine liebes Gesicht schauen, wenn Du diese groß Ereignis liest,
ich sehe, wie Du Dein braun Lockenkopf schüttelst und höre Dir rufen:
›Nellie will mir pfoppen!‹ Aber nein, sie pfoppt Dir nicht, alles, was sie
heute schreibt, ist wahr. Du sollst alles wissen, meine liebe Freundin,
ich will erzählen, wie es kam. O, es ist ein schwer’ Aufgabe für mich, –
ich bin so zerwirrt vom Glück und ich finde mir so schlecht zurecht mit
der deutsch Sprache. Du mußt Geduld mit Dein Nellie haben, die eigentlich
sehr dumm ist! Ich schäm’ mir, Ilse, wenn ich denke an mein furchtbaren
Dummheit. Es ist mir ein Rätsel, wie Alfred mir lieb haben kann. – Doch
still darüber. – Höre weiter.
»Mit Dein lieber Brief, den Du mir schriebst, wo Du mir zu Dein Erntefest
einladest, kam ein andern Brief an Fräulein Raimar. Als ich nun begriffen
war, in ihr Zimmer zu steigen, um sie recht für die Erlaubnis zu bitten,
tritt sie ganz plötzlich – ohne Anmeldung bei mir ein. Das war ein Wunder,
denn sie macht uns niemals ein Visite, immer läßt sie uns rufen, wenn sie
einiges von uns will. Ich errötete vor Schreck, Du kannst denken.
›Nellie,‹ spricht sie und hält ein offner Brief in ihr Hand, ›dieses
Schreiben hier enthält die Anfrage an mir, ob ich nicht ein junge
Engländerin zu sofortiger Antritt empfehlen kann. Vollkommen deutsch
braucht diese nicht zu sprechen, sie soll nur die drei Kinder englisch
beibringen. Ich denke Dir vorzuschlagen, Nellie, bist Du einverstanden?
Die Dame bietet hohe Gehalt.‹
»Ich glaube, daß ich ein sehr traurig Gesicht machte zu ihr Vorschlag und
ich konnte auch gar nix sagen. Dein Brief hielt ich noch in die Hand, aber
ich habe nicht gewagt, Fräulein Raimar zu sprechen, sie hätte doch mein
Bitten abgeschlagen.
»›Du hast wohl keine Lust,‹ fragte sie, weil ich schweigend war.
»›O, gar keine Lust,‹ dacht’ ich, aber ich durft’ nicht sagen, wie
furchtbar schrecklich mich der Gedanke war, ein Vierteldutzend Kinder zu
unterrichten. Immer so weise und artig sein, – immer so mit der guten
Beispiel vorangehn – nein, das macht mir gar nicht Spaß.
»›Bestimmen Sie für mir, Fräulein,‹ sagte ich, ›ich werde thun, wie Sie
denken. Werde ich aber klug genug sein, zu ein’ so großer Aufgabe?‹
»›Laß das meine Sorgen sein,‹ sagte Fräulein Raimar sehr bestimmend, ›ich
würde Dich nicht empfehlen, wenn ich nicht wüßte, daß Du diese Stellung
vollkommen erfüllen kannst.‹
»Damit verließ sie mir und ich blieb tief betrübt zurück.
»Die Zubereitung für mein Abreise wurde gemacht und ich hatte viel zu
thun, o – und viel zu hören!
»Miß Lead hielt langen, strengen Predigten und vorbereitete mich zu eine
würdige Gouvernante. Fräulein Raimar mahnte mir täglich zu Ernst und
Gediegenheit, nur Fräulein Güssow sah mir oft mit ein lang traurigen Blick
an, der zu mich sprach: Thust mich leid, Darling, daß Du unter fremde
Leute dienen mußt.
»Der ernste Abschiedstag war da. Es war der achtundzwanzigste September,
morgens 11 Uhr, ein Stunde vor meine Abreise. Ich saß in mein Zimmer auf
mein Reisekoffer und weinte. Ich war so gefüllt von Kummer, das Herz
drückte mir so schwer wie ein Mühlstein in der Brust. Kannst Du Dich das
vorstellen? Nein, süß Ilschen, Du kannst nicht. Als Du von uns gingst,
weintest Du auch und warst sehr betrübt, aber Du kehrtest in ein liebe
Vaterhaus heim und Deine Eltern trocknete Deine Thräne, – wer trocknet
meine? Niemand. Ich ging fort in die Fremde und ›ka Katzerl, ka Hunderl‹
kümmert sich um mir. Ich wünschte mir tot zu liegen, wie unsre süße Lilli.
»Wie ich mir so ganz verlassen fühle und laut schluchze, steht plötzlich
Doktor Althoff, mein Doktor Althoff vor mir. Ich hatte ihn nicht gehört,
als er anklopfte und die Thür öffnete. Du kannst mein Schreck denken! Ich
spring’ von mein Reisekoffer und halt’ das Tuch vor mein weinend Gesicht,
ich schämte mir so.
»Leise zog er es fort und fragte mich mit seiner schöner, tiefer Organ:
›Warum weinen Sie, Miß Nellie? Thut Sie es weh, aus dem Institut zu
scheiden, möchten Sie hier bleiben!‹
»Ich sagte gar nix, weil ich nicht konnte vor lautes Schluchzen.
»›Sehen Sie mich an, Miß Nellie,‹ bat er, ›ich möchte gern in Ihr Auge
sehen bei das, was ich Sie fragen will.‹
»Ich versuchte ihn anzublicken, aber ich mußt’ mein Auge niederschlagen,
er hatte ein so sonderlicher Blick, niemals hat er mir so angesehen. O,
ich ward so angst und es lief mich ganz heiß über mein Gesicht. Er griff
mein’ Hand und hielt sie fest und dann – ich weiß nicht, wie es kam – mit
einem Male hatte er mir in seinen Arm genommen und fragte: ›Haben Sie mich
lieb, Nellie?‹
»Ilse, kannst Du Dich denken, was ich empfand bei diese Frage? Es war, als
ob der Himmel plötzlich offen war und alle Seligkeit auf mein Haupt
schüttelte. Im Wachen und im Träumen immer hör’ ich dieser Wort in mein
Ohr und zuweilen denk’ ich, es ist alles nicht wahr! Doch höre weiter. Du
bist mein best’ Freundin und nichts soll dir verborgen sein.
»›Hast Du mich lieb?‹ fragte er noch einmal, ›willst Du mein kleines Frau
sein?‹
»›O ja – herzlich gern,‹ sagte ich und ich weiß nicht, ob es sehr
geschickt (schicklich) vor mich war, daß ich so schnell und ohne Besinnen
mein Jawort gab, aber ich konnte nicht anders, ich hatte ja mein Alfred
schon lange still in mein tiefster Herz geliebt.
»Und nun küßte er mir auf die Stirn und nannte mir seine Braut. Mein
Seligkeit war ohne Grenzen, ich war nicht mehr verlassen, hatte mit ein
Mal ein wonnige Heimat gefunden.
»Als wir uns verlobt hatten, gingen wir sogleich zu Fräulein Raimar und
Alfred stellte mir als seine Braut vor. O, Ilse! Du hättest die erstaunte
Gesichter sehen müssen! Es war zu spassig! Fräulein Raimar weniger, sie
weiß immer so gut ihr Gesicht in die gleiche Falte zu legen, man weiß
nicht, ob sie Freude oder Trauer hat. Aber ich glaube, diesmal hatte sie
Freude, denn sie nahm mich in ihr Arm und küßte mir. Zu Alfred sagte sie:
›Wie ist das so schnell gekommen, Herr Doktor? Ich habe niemals von Ihr
Neigung gemerkt.‹
»›Ich bin selbst erst klar geworden, als ich Nellie verlieren sollte,‹
sagte Alfred und bat Fräulein Raimar, die Gouvernante abzubestellen und
mir unter ihr mütterlicher Schutz zu behalten, bis wir heiraten. Sie hat
es versprochen. So blieb ich hier und packte meine ganze Siebensachen
wieder aus.
»Miß Lead glückwünschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist,
war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich
mache mir nix davon und strahle voll Wonne. Fräulein Güssow freut sich
furchtbar über mein Glück, ich habe sie so lieb als eine Schwester und
bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, daß er sie von ihr schwer’ Beruf
ablöse, sie ist zu gut für ein streng’ Lehrerin.
»Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heißt nicht alle, denn Melanie
und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen
noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum
Andenken und zur Freude über unsre Verlobung. Das klein’ Lachtaube konnte
vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach ›artige‹ Worte wie immer, und
Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwärmerischer
Blick an, dann drückte sie uns stumm die Hände. Gestern hat sie mir mit
ein lang ›Elegie an ein Braut‹ beglückt, sie ist sehr schön wie alle
Gedichte von Flora.
»Heute früh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr
schwer’ Abschied! Wir fühlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch
ließe wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thränen tapfer hinter,
Fräulein Raimar sollte mir nicht schwächlich sehen. Alfred kommt ja auch
bald zurück, nur acht Tage ist er fort.
»Nun leb’ wohl, _dear_ Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief
geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu’ mir
furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden
wir getraut. Tausend Küsse, mein Herzkind, und grüße Deine lieber Eltern
und das klein Babi von
Dein
seligste Nellie.«
»Nellie Doktor Althoffs Braut!« rief Ilse jubelnd. »Nun wird sie keine
Gouvernante, Mama!«
»Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden!« entgegnete Frau Macket, die
zuweilen über Nellies komische Ausdrücke gelacht, zuweilen aber auch eine
Thräne der Rührung nicht zu unterdrücken vermocht hatte, »sie ist dem
alleinstehenden Kinde von Herzen zu gönnen. Es muß ein liebes, drolliges
Geschöpfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon.«
Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschöpflich. Frau Anne mußte
sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden.
[Illustration]
»Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen!« Aber zwischen Thür
und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff
sich wohl gerade in Nellie verliebt haben möge. Die Antwort auf diese
sonderbare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe
hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
»Nellie Braut!« Ihre Gedanken konnten sich nicht davon trennen. Sie
durchlebte mit der Freundin das wichtige Ereignis von Anfang bis Ende und
war so der Gegenwart entrückt, daß sie lauter Verkehrtheiten machte.
Anstatt des weißen Battistkleides hatte sie ihr Morgenkleid übergezogen,
sie merkte es erst, als sie die blaßroten Schleifen daran befestigen
wollte. Eilig machte sie ihren Fehler gut. Aber ihre Toilette war noch
nicht vollständig vollendet, als sie dem Verlangen nicht widerstehen
konnte, erst noch einmal Nellies Brief zu durchfliegen. »Haben Sie mich
lieb?« »Willst Du mein kleine Frau sein?« Diese Stelle war zu schön, sie
mußte sie nochmals lesen, dann ließ sie den Brief in den Schoß sinken und
sann und träumte, ohne daß sie es wußte, wiederholten ihre Lippen die
Worte: »Hast Du mich lieb?«
Der Ruf der Mutter, die an die verschlossene Thür klopfte, schreckte sie
auf und brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Da lagen die Schleifen,
dort die Blumen, an nichts hatte sie gedacht.
»Geh nur hinunter, Mama, ich folge dir gleich!« rief sie und sprang in die
Höhe.
Aber Frau Anne ließ sich nicht abweisen, »sie müsse erst Ilses Anzug
prüfen,« rief sie zurück.
»Noch nicht fertig!« schalt sie eintretend. »O, du böse Ilse, was hast du
gemacht? Warum ließest du dir nicht von Sofie helfen, wenn du allein nicht
fertig werden konntest! Nur schnell, schnell! Jeder Augenblick ist
kostbar!«
Unter ihren geschickten Händen stand Ilse bald fertig geschmückt da. Frau
Anne betrachtete sie mit freudigen Blicken, so reizend hatte sie ihr Kind
noch niemals gesehen. War der duftige Anzug daran schuld? Oder hatten die
Augen einen besonderen Glanz?
* * *
Kaum zehn Minuten später kam der Wagen vom Bahnhof zurück und brachte die
Gäste. Der Landrat stieg zuerst aus demselben. Ungeniert nahm er Ilse, die
mit ihrer Mama zum Empfange bereit stand, in die Arme und küßte sie auf
die Wange. Leo begrüßte die Damen mit einem Handkuß. Ilse wußte jetzt, wie
sie sich bei einem so kritischen Falle zu benehmen hatte, sie zog die Hand
nicht fort, die Mama hatte es auch nicht gethan.
Die Eltern führten Gontraus hinauf in die bereitstehenden Gastzimmer, Leo
blieb noch zögernd auf der Veranda stehen. Er trat zu Ilse, die etwas
entfernt von ihm stand. Sie lehnte gegen einen Pfeiler und zupfte sehr
eifrig an einer Weinranke. Sein Blick ruhte auf dem reizenden Mädchen, das
ihm in den wenigen Wochen, seit er sie nicht gesehen hatte, größer und
schöner geworden schien.
»Sie sind so still und so ernst,« redete er sie an, »gar nicht wie im
Lindenhof. Wo ist Ihr fröhlicher Uebermut geblieben? Drückt Sie ein
Kummer?«
»Kummer? o nein!« Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Fröhlichkeit
an. »Im Gegenteil, eine große, große Freude habe ich gehabt!« Und sie
verkündete ihm Nellies Verlobung.
Eigentlich wunderte es sie, daß er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast
keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein
Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als wären seine
Gedanken in weiter Ferne.
»Ist sie sehr glücklich?« fragte er in halber Zerstreuung.
»Glücklich?« wiederholte Ilse verwundert über seine Frage. »Selig ist sie!
Sie müssen nur ihren Brief lesen!«
»Lesen Sie ihn mir vor,« bat er. »Lassen Sie uns die schöne Einsamkeit
benutzen, jetzt sind wir ungestört.«
»Das geht nicht! Nein, gewiß nicht!« rief sie beinahe ängstlich. Es
schreckte sie plötzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste
Empfindungen offenbaren? – Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so
seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein,
aus derselben Quelle?
»Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?«
Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr
berührte.
»Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Später!« rief sie ihm verwirrt
zu, flog über die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die
offenstehende Thür des kleinen Boudoirs der Mama.
Er sah ihr nach, bis der Zipfel ihres weißen Kleides entschwunden war. Auf
seinem Antlitz spiegelten sich die verschiedensten Gefühle, sie drückten
Zweifel, Hoffnung und Entzücken aus.
Als Ilse so hastig in das kleine Zimmer trat, atemlos und mit heißen
Wangen, erschrak sie fast, als sie den Onkel antraf.
»Nun, Backfischchen, was ist dir denn begegnet?« fragte er und legte das
Buch, in welchem er gelesen, aus der Hand.
»O nichts, nichts, gar nichts!« rief sie schnell. »Ich bin nur so heiß und
mein Herz klopft so furchtbar.«
Ehe er noch nach der Ursache ihrer Erregung fragen konnte, schnitt sie ihm
das Wort ab. »Eine furchtbar interessante Neuigkeit, Onkel Curt! Nellie
ist Braut!«
Wer Nellie war, wußte er längst, oft genug hatte Ilse ihm in den
Malstunden, die sie mit vielem Eifer nahm, von ihr erzählt, aber wie sie
aussah, wußte er noch nicht, heute konnte sie ihm das Bild derselben
zeigen. Es war ihr jetzt das Album nachgesandt, welches Fräulein Raimar
ihr bereits bei der Abreise versprochen hatte. Es enthielt die Bilder der
Lehrerinnen und Freundinnen.
»Also Nellies Verlobung macht dir Herzklopfen?« meinte er etwas
zweifelhaft lächelnd. »So, so! Sag’ mal, Fischchen, sind Gontraus schon
da?«
Diese Frage hatte Ilse überhört. »Hier ist Nellie!« fiel sie dem Onkel in
die Rede und reichte ihm das Album. »Sag’, ist sie nicht reizend?«
»Reizend? Das kann ich nicht finden,« entgegnete er etwas gedehnt und nach
einigen prüfenden Kennerblicken. »Anmutig, graziös, ja, der Mund ist
lieblich, Augen und Nase aber –«
»Ach, Onkel,« unterbrach ihn Ilse, »du darfst sie nicht mit so kritischen
Blicken ansehen, du kannst mir glauben, Nellie ist reizend! Das Bild ist
auch schlecht, in Wirklichkeit ist sie viel hübscher!«
Er hatte in dem Album weiter geblättert und nach dieser oder jener sich
erkundigt. Plötzlich fragte er erregt: »Wie heißt diese Dame hier?«
»Das ist meine liebste Lehrerin, Fräulein Güssow. Wir hatten sie alle
furchtbar lieb und schwärmten für sie. Du kennst sie wohl?« wandte sie
sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, daß er das Bild so starr
betrachtete.
»Ich kenne sie nicht, nein. Aber es muß mir im Leben ein Mädchen begegnet
sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine
Lehrerin?«
»Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt,« entgegnete
Ilse nach echter Backfischart.
»Ja, da ist sie schon ein altes Mädchen,« bestätigte der Onkel. Aber nur
seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem
getreuen Bilde der Lehrerin.
Wäre Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person
beschäftigt gewesen, es hätte ihr auffallen müssen, wie andächtig und wie
lange er das Bild betrachtete. »Du findest sie wohl hübsch?« fragte sie
unbefangen.
»Wie heißt sie? Güssow?« fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage
überhört. »Wie ist ihr Vorname?«
»Charlotte.«
»Lotte,« nickte er zustimmend, »ein schöner Name!«
Er schloß das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit
schien er vergessen zu haben.
Sie kannte ihn schon als einen Sonderling, darum fiel ihr sein Wesen nicht
auf.
»Komm mit hinaus auf die Veranda, Onkel,« bat sie, »Gontraus sind
gekommen.« Diese letzten Worte setzte sie mit abgewandtem Gesicht hinzu.
»Ja, ja, bald!« entgegnete er zerstreut und ließ sich nicht stören. »Ich
folge dir gleich.«
Zögernd und auf den Fußspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals
blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geöffnete
Thüre erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und spähte nach beiden
Seiten; als sie die Veranda völlig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus.
Der Frühstückstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen,
horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kämen. Sie blieben recht
lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewußt hätte, daß sie mit dem
Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem
kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie würde sie zu ihnen
geeilt sein.
Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein
Schritt, auch würde er nicht durch die Hausflur und von außen herum auf
die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Blätterwerk und
erkannte zu ihrem Schrecken – Leo.
Das Blut schoß ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust.
Unmöglich konnte sie ihm jetzt gegenüberstehen! Sie würde nicht im stande
gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor
ihm stand, was sollte er von ihr denken?
Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien
konnte, aber es war zu spät, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie
ihren eiligen Rückzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten
hatte, holte er sie ein.
»Jetzt müssen Sie bleiben, gnädiges Fräulein,« sprach er scherzend, »ich
lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf ›später‹ vertröstet und jetzt ist
es ›später‹, und Sie werden sich allergnädigst herablassen, mir Miß
Nellies Brief vorzulesen! eine Frau – ein Wort!«
Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es wäre zu
einfältig gewesen. Sie drückte die Hand fest auf das stürmisch klopfende
Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze
gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an.
Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefühle brachte er
sie mit leichtem Scherze darüber hinweg. Er bot ihr den Arm und führte sie
zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei
Stühle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub
und neckte das junge Mädchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre
Strahlen hinein, so daß sie dieselben schließen mußte.
»Die Sonne blendet,« bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgültiges Wort
gefunden zu haben. »Es ist auch so warm hier,« fuhr sie fort und erhob
sich.
»Die böse Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!« Und er führte sie auf
die entgegengesetzte Seite.
Hier war es schattig und kühl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu
erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit
geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar
den früheren scherzhaften Ton.
»Sie sind ein Quälgeist,« sagte sie. »Was kann es Sie interessieren, ›wie‹
– und ›was‹ Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darüber spotten und das
dürfen Sie nicht!«
»Wie können Sie mich in so bösem Verdacht haben!« wehrte er ab. »Sie haben
mir Ihre Freundin so liebenswürdig geschildert, daß mein Wunsch, von ihr
zu hören, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Glücke schreibt, ganz
natürlich ist.«
Ilse sah ihn noch etwas ungläubig an, doch, da sie den spottenden Zug um
seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der
Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn für sich.
»Nun?« fragte er.
»Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muß ich die Stellen aussuchen, die Sie
hören dürfen! Der ganze Inhalt ist nicht für Ihre Ohren bestimmt!«
»Das wäre grausam!« protestierte er dagegen, »das ist gerade so, als ob
Sie einem Kinde ein Stückchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke
mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund.«
Sie lachte lustig über seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte,
fröhliche Laune zurück. »Nun hören Sie zu, aber nicht spotten!« drohte sie
ihm mit dem Finger.
Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schönen Menschenkinder boten.
Dicht nebeneinander saßen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren
Worten lauschend. Er hatte den Arm auf den Tisch gestützt und sah auf Ilse
herab, die den Kopf etwas vornübergebeugt hielt. Plötzlich hielt sie inne.
»Lesen Sie weiter, bitte! Warum hören Sie auf? Denken Sie an das Stück
Zucker?« Sie schwieg, wie mit sich selbst überlegend.
Warum eigentlich wollte sie ihm das Schönste im ganzen Briefe
verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemütvoll
geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus.
Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst
etwas zögernd, dann aber las sie fließend, ohne nur einmal zu stocken, zu
Ende.
Warum saß er so stumm? Sein Schweigen mußte sie verletzen. Sie hatte so
fest erwartet, daß er sein Entzücken laut äußern würde! Nun sagte er gar
nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr
Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie mußte an Doktor Althoffs
›sonderlicher‹ Blick denken.
»Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden,« bemerkte er endlich,
aber es kam gezwungen heraus. Er fühlte das selbst und brach ab.
»Fräulein Ilse,« fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang
fort, »was würden Sie antworten, wenn – wenn jemand Sie fragen würde:
Haben Sie mich lieb?«
Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein
Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heißes Blut wallte auf bei dem Gedanken,
daß er sie verspotten könne.
Fast hastig erhob sie sich. »Nein, würde ich sagen!« fuhr sie heraus, »ich
habe niemand lieb! Niemand!« wiederholte sie, als ob sie erst noch einen
Trumpf darauf setzen wollte.
Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen hätte, wie bald würde
sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzücken an ihr, der
Widerstand verlieh ihren Zügen einen neuen Reiz für ihn.
»Ilse,« sagte er zärtlich und ergriff ihre Hand. »Wenn ich es wäre, der
Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Würden
Sie auch dann so sprechen?«
Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhüllte das Gesicht.
»Hast du mich lieb, Ilse?« – Seine Stimme klang weich und innig und traf
ihr Herz – ein »Ja« aber brachte sie nicht über die Lippen. Ihr spröder
Sinn ließ es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in
ihr?
»Nein! Niemals!« sagte sie schnell und wandte sich heftig ab.
»Nein! – niemals?« wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung
an, »o Ilse! nehmen Sie das Wort zurück, es hängt das Glück meines Lebens
davon ab! – Ich war zu schnell mit meiner Frage – nicht wahr? Ich habe Sie
erschreckt! – Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger
sein werden, dann –«
Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand.
Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kämpften die
widerstreitendsten Gefühle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte
die Brücke nicht finden, die über den breiten Strom führte, der sie noch
von ihm trennte. Da war es plötzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf,
als vernähme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: »Willst du ihn
verlieren? – Denke an mein Geschick!«
»Leo,« sagte sie schüchtern und trat ihm einen Schritt näher, aber
erschreckt über ihre Kühnheit blieb sie hocherrötend und mit
niedergeschlagenen Augen stehen.
[Illustration]
Wie ein Hauch fast war sein Name über ihre Lippen gekommen, aber er hatte
ihn doch vernommen. Jubelnd sprang er auf und sein Auge, das eben noch so
verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze.
»Nun bist du meine Ilse!« rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als
er den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken wollte, da wendete sie den Kopf
zur Seite und die spröde, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal.
»Küssen ist nicht erlaubt,« erklärte sie mit aller Entschiedenheit, »wie
könnte ich mich von einem fremden Manne küssen lassen?«
»Aber die Hand,« bat er lachend, »die Hand darf ich küssen!«
Das wurde ihm gnädig bewilligt.
Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda
erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der
Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren
die ersten, die das Brautpaar begrüßten, beglückt nahmen sie Ilse als ihr
Töchterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke
gerührt.
Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. »Siehst du,
Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?«
fragte sie zärtlich.
»Ilse! Meine kleine Ilse!« brachte er endlich mühsam hervor und seine
Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. »Ist es wahr? Willst du mich
verlassen?«
Da flog sie an seinen Hals und küßte ihn stürmisch, dabei rief sie unter
Weinen und Lachen: »Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so
lieb!«
* * *
Nun ist eigentlich meine Erzählung zu Ende, denn die überraschten
Gesichter der Gäste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die
Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie Ilses Verlobung am Erntefeste.
Eins aber muß ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie nämlich
Onkel Curt an demselben Tage plötzlich verschwunden war. Während alle
fröhlich bei der Tafel saßen, hatte er sich von Johann still und ohne
Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen.
Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder
als einen unstäten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. –
Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte
ein Brief aus München von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf
in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darüber ganz außer Rand und Band.
Sie klatschte in die Hände, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: »Ich
bin die Ursache ihres Glückes, durch mich haben sie sich gefunden! Was
wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich!« – Doch ich will nicht
vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen.
»Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in
Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei
zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur
niemals davon gesprochen. – Im Frühjahr kehren wir zurück, ich werde Euch
dann meine junge Frau vorstellen. – Dem Fischchen besonderen Gruß – sie
weiß schon warum. Soll übrigens fleißig weitermalen, wenn der Brautstand
ihr die Zeit dazu läßt.« –
»Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer hätte das gedacht!« schrieb
seine Frau, ehemals Fräulein Güssow, unter den Brief. »Wie gern hätte ich
Dir längst die ganze wunderbare Geschichte, – und wie alles gekommen ist,
mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer
Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige
Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, daß ich
aufhöre.
»Denkst Du noch an Lucies Geschichte? – Jene Lucie hieß Lotte und war ich
selbst – und der Maler? – Nun, Du errätst schon, wer es war, ohne daß ich
ihn nenne.
»Wenn wir zurückkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich
mich gefreut über dein sonniges Glück, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!«