Eure
dankbare Ilse.
_N. S._ Das Geld schicke nur recht bald, einziges Papachen, ich habe es
furchtbar nötig.«
Umgehend erhielt denn auch Ilse das Gewünschte. Der zärtliche Papa hatte
in seiner Freude über die Herzensgüte seines Kindes eine große Summe
schicken wollen, Frau Anne hielt ihn davon zurück. Sie stellte ihm vor,
daß es für Ilse weit besser sei, wenn sie mit geringen Mitteln sich
einrichten lerne und stets genügsam bleibe.
Ihr Wunsch, Weihnachten nicht in die Heimat zu kommen, wurde gern erfüllt,
der Papa schrieb sogar, er lobe ihren verständigen Entschluß. Die weite
Reise war im Winter nicht ratsam. Freilich werde er seinen Wildfang
schmerzlich vermissen und es werde der Mama und ihm recht einsam sein,
aber er wolle sich mit dem Gedanken trösten, daß das nächste Christfest
desto schöner ausfallen werde. –
Beinah kränkte sie diese bereitwillige Zustimmung, indes sie kam zu keinem
Nachdenken darüber, der Briefträger kam und brachte ihr dreißig Mark.
»Dreißig Mark!« jubelte Ilse. »Nellie, nun sind wir reich! – Komm, laß uns
gleich gehen und unsre Einkäufe machen, ich kann die Zeit nicht erwarten.«
»O nein, Kind,« entgegnete Nellie bedächtig, »erst müssen wir ein langer
Zettel aufschreiben mit alle Sachen, die wir kaufen werden. Wir müssen
doch rechnen, was sie kosten.«
Daran hatte die lebhafte Ilse gar nicht gedacht. Ohne zu überlegen, würde
sie blind drauf los gekauft und am Ende wieder nicht gereicht haben.
Die beiden Mädchen machten sich nun daran, eine Liste aufzusetzen. Die
nötigen Geschenke wurden aufgeschrieben und von der praktischen Nellie der
ungefähre Preis dahinter gesetzt. Als Ilse für die Kinder des Kutscher
Johann ebenfalls Sachen zu kaufen aufschrieb, rief Nellie:
»Halt! Du kannst von deine alte Sachen die Kutschermädchen schenken, dann
sparen wir Geld.«
»Ich habe nichts,« meinte Ilse, »kaufen geht schneller.«
Nellie hatte sich bereits daran gemacht, in Ilses Kommode und auch im
Schranke nachzusehen, um sich zu überzeugen, ob sie nichts fände.
»Man muß sparen und nicht seine Geld aus die Fenster schmeißen.«
Und siehe da, es fand sich allerhand unter Ilses alten Sachen. Schürzen,
die sie nicht mehr trug, ein Kleid, das ihr zu eng und zu kurz geworden
war, und zuletzt noch das vorjährige Pelzzeug, welches die gütigen Eltern
durch neues, weit kostbareres ersetzt hatten.
»Siehst du, Verschwender!« triumphierte Nellie. »Du weißt nicht deine
große Schatze. Nun kaufen wir für dein’ Kutscher ein Paar warme Handschuh
und fertig ist die ganze Kutschergesellschaft.«
Die wenigen Wochen bis zum heiligen Abend vergingen in rasender Schnelle.
Nellie und Ilse hatten neben so mancherlei andern Arbeiten auch noch die
neue Puppe anzukleiden. Das war für Ilse eine schwere Aufgabe, und ohne
ihre geschickte Freundin wäre sie niemals damit zu stande gekommen.
»Wie geschickt du bist, Nellie,« sagte Ilse, als diese der Puppe das
schottische Kleid anprobierte, »das hast du doch geradezu klassisch
gemacht. Ich hätte es wirklich nicht fertig gebracht.«
»Aber hast du niemals ein Kleid für dein’ Puppen genäht – oder eine Hut –
oder ein Mantel?«
»Nein,« antwortete Ilse aufrichtig, »niemals! Ich habe an den toten
Dingern mein Lebtag keine Freude gehabt. Viel lieber habe ich mit den
Hunden gespielt.«
»Da ist kein Wunder, wenn du ein klein’, dumm’ Ding geblieben bist! Deine
Hunde brauchen kein Kleid,« lachte Nellie. »Nun mußt du auf dein’ alt’
Tage nähen lernen, siehst du.«
Ilse lachte fröhlich mit und bemühte sich, das weiße Batistschürzchen für
die Puppe, an welchem sie rings herum Spitzen setzte, recht sauber und
nett fertig zu bringen. – Einen Tag vor der Bescherung erhielten die
erwachsenen Mädchen, denen es Vergnügen machte, die Erlaubnis, die schöne,
große Tanne auszuputzen. Das war ein Fest und für Ilse ganz und gar neu.
Niemals hatte sie sich bis dahin selbst damit befaßt, und sie kannte es
nicht anders, als daß am Weihnachtsabend ein mit vielem kostbaren
Zuckerwerk behangener Baum ihr hell entgegengestrahlt hatte, – hier lernte
sie kennen, daß auch ohne Zuckerwerk derselbe herrlich zu schmücken war.
Nach dem Abendbrot, als die jüngeren Mädchen und auch die Engländerinnen,
die kein Verständnis für das harmlose Vergnügen hatten, zu Bett gegangen
waren, begann das Werk.
Orla brachte einen großen Korb mit Tannenzapfen, selbst gesucht auf den
Spaziergängen im Walde, und setzte denselben auf die Tafel. Annemie
stellte zwei Schälchen mit Gummiarabikum daneben, in das eine schüttete
sie Silber-, in das andre Goldpuder und rührte es mit einem Stäbchen um.
»Wer will mir helfen,« rief Orla.
»Ich! ich!« antwortete es von allen Seiten; nur Ilse schwieg, sie hatte
keine Ahnung, was eigentlich mit den vielen großen und kleinen
Tannenzäpfchen geschehen solle. – Daheim verkamen dieselben unbeachtet im
Walde. – Es sollte ihr bald kein Geheimnis mehr sein.
Melanie und Rosi hatten die Pinsel ergriffen und fingen an, den
unansehnlichen braunen Dingern ein goldenes oder silbernes Gewand zu
geben. Und wie schnell das ging. Kaum hatten sie ein paarmal darüber
gepinselt, so waren sie fertig.
»Sieh nur, Rosi,« rief Melanie aus und hielt einen vergoldeten Zapfen
unter die Gaslampe, »ist der nicht furchtbar reizend? Wundervoll, nicht?
Gleichmäßig, wirklich künstlerisch ist er vergoldet, kein dunkles
Pünktchen ist an ihm zu sehen!« Und sie betrachtete das Prachtexemplar
höchst wohlgefällig nach allen Seiten.
Orla und Rosi hatten fleißig weitergepinselt und stillschweigend einen
Tannenzapfen nach dem andern beiseite gelegt.
»Du bist im höchsten Grade langweilig mit deinem ewigen Selbstlobe,«
tadelte Orla, »ich habe noch nie jemand kennen gelernt, der sich so
vergöttert wie du. Pinsle lieber weiter und halte dich nicht bei unnützen
Lobhudeleien auf.«
Melanie fühlte sich sehr getroffen und errötete. »Wie grob du bist, Orla!«
sagte sie gereizt, »du hast freilich keinen Sinn für harmlose Vergnügen.«
»Kinder!« unterbrach Fräulein Güssow, die am andern Ende der Tafel saß und
Aepfel und Nüsse vergoldete, »keinen Streit! Melanie, komm zu mir, du
kannst mir helfen, und du Ilse, versuche einmal, ob du Melanies Stelle
ersetzen kannst.«
Ilse ließ sich das nicht zweimal sagen. Eilig griff sie zum Pinsel und
flink und gesandt that sie ihre Arbeit. Orla war sehr zufrieden damit.
»Nur nicht ganz so dick aufstreichen,« mahnte sie, »sonst reichen wir
nicht mit unsrem Gold- und Silbervorrat.«
Flora und Annemie fertigten Netze aus Goldpapier an. »Eine geisttötende
Arbeit,« flüsterte Flora Annemie zu, »und außerdem ohne jede Poesie. Warum
die Tanne mit allerhand Tand aufputzen? Ist sie nicht am herrlichsten in
ihrem duftigen, grünen Waldkleide? – Lichter vom gelben Wachsstocke in ihr
dunkles Nadelhaar gesteckt, – ein goldener Stern hoch oben auf ihrer
schlanken Spitze, – schwebend – strahlend! – das nenn’ ich Poesie!« –
Hier hielt sich Annemie nicht mehr, sie bekam einen solchen Lachreiz, daß
sie aufsprang und hinauslief, um sich draußen erst auszulachen.
Dicht unter dem Baume standen Grete und Nellie. Letztere hoch auf einer
Trittleiter, eine große Düte Salz in der Hand haltend. Die andre mit einem
Leimtiegel in der Hand war ihr Handlanger. Das heißt, sie reichte Nellie
den Pinsel zu, damit diese die Zweige mit dem Leim bestrich, bevor sie
Salz darauf warf.
»Jetzt bin ich eine große Sturmwind und mache der Baum voller Schnee,«
scherzte Nellie.
»Wirklich! – die Zweige werden weiß!« rief Ilse und verließ einen
Augenblick ihre Arbeit, um sich das Schneetreiben genau anzusehen. »Das
ist aber klassisch! Das gefällt mir! Nein, das sieht zu reizend aus!«
Freilich fiel ein großer Teil Salz unter den Baum, indes Nellie ließ sich
die Mühe nicht verdrießen, immer wieder kehrte sie dasselbe zusammen und
strich es mit der Hand dick auf den Leim.
»Du alt’ Baum wirfst sonst alles Schnee auf die Erde,« meinte sie. »Aber
das ist schlechte Arbeit, alle meiner Finger kleben.«
Rosi trat jetzt auch an den Baum heran, um ihn mit den glänzenden
Tannenzapfen zu schmücken. Sie sah heute ganz anders aus als sonst. Ihre
sonst so gleichmäßigen Züge trugen den Ausdruck froher Erwartung, ihre
milden Augen strahlten und rosig waren ihre Wangen angehaucht.
»O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit,« summte sie mit ihrer
frischen Stimme leise vor sich hin, und Fräulein Güssow rief ihr zu:
»Singe nur laut heraus, Rosi, das bringt uns bei unsrer Arbeit so recht in
die echte Weihnachtsstimmung.«
»Wir wollen alle singen!« riefen Grete und Annemie, »bitte, Fräulein
Güssow!«
»Meinetwegen, aber hübsch gedämpft, Kinder, damit die Kleinen nicht davon
erwachen.«
Und nun erklang aus den jugendlichen Kehlen das schöne Lied vierstimmig. –
– Die junge Lehrerin senkte den Kopf herab, – der Gesang stimmte sie
traurig. Ihre Kindheit – ihre erste Jugendzeit stand mit einemmal lebendig
vor ihrer Seele. – – Was hatte sie gehofft – – und wie hatten sich ihre
Träume erfüllt! – – Durch ihre eigne Schuld! –
Mitten im Gesange wurde plötzlich die Thür geöffnet und Fräulein Raimar,
begleitet von Herrn Doktor Althoff, trat herein. Sie hatten soeben eine
notwendige Besprechung in der Vorsteherin Zimmer beendet.
Das war eine Ueberraschung, die niemand vermutet hatte. Der Gesang
verstummte und die Mädchen wurden mehr oder weniger verlegen, als der
Gegenstand ihrer stillen Verehrung so unerwartet vor ihnen stand. Flora
errötete bis an die Haarwurzeln.
»Nun, warum singt ihr nicht weiter, Kinder?« fragte die Vorsteherin. »Laßt
euch nicht stören durch unsre Gegenwart.«
Aber es wollte nicht wieder so recht in Zug kommen. Orla setzte zwar ein,
aber falsch, sie war sehr wenig musikalisch. – Annemie mußte über den
Mißton lachen, und da Lachen ansteckt, – stimmten die übrigen ein.
[Illustration]
»Was machen Sie denn, Miß Nellie?« fragte Doktor Althoff und trat auf sie
zu. »Warum verstecken Sie Ihre Hände so ängstlich?«
Er lächelte sie an. Flora warf einen verstohlenen Blick auf ihn, und bevor
sie sich zur Ruhe legte, schrieb sie in ihr Tagebuch:
»Er hat sie angelächelt! Beneidenswerte Nellie! – Bezaubernd – hinreißend
– sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen
sprühten Feuer – um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch – wunderbare
Perlenzähne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. – Aber Nellie ist
kokett! Leider! – Dieser Augenaufschlag!« –
»O,« entgegnete Nellie höchst verlegen, »ich habe die Finger verklebt mit
der häßliche Leim!« und schnell lief sie hinaus, um sich gründlich zu
reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefällig nach.
»Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch,« bemerkte Flora etwas
spöttisch, »ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in
der Pension und wie falsch drückt sie sich noch immer aus.«
Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, daß der junge Lehrer sie hören
mußte.
»Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora,« entgegnete er, »und
ich muß gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute
Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie
zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, – wir wollen sie nicht deshalb
verdammen.«
Fräulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so
warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart
der übrigen Mädchen nicht ganz passend.
»Es ist sehr spät, Kinder,« unterbrach sie das Thema, »wollt ihr nicht für
heute aufhören und morgen in eurer Arbeit fortfahren?«
Aber die Mädchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu dürfen,
daß sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht
abwarten konnte, bis sie die vielen großartigen Gedanken, die in ihrem
Kopfe spukten, erst schwarz auf weiß vor sich hatte.
Fräulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich
darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen
Seitenhieb zu versetzen.
»Warum verstecktest du deine Hände auf dem Rücken?« fragte sie. »Ich fand
das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir
die Hand geben?«
Die arme Nellie war über diesen Angriff so erschrocken, daß sie nicht
darauf antworten konnte. Aber Ilse half ihrer Freundin aus der
Verlegenheit.
»Ich finde nichts Komisches darin, Flora,« sagte sie lustig, »wenn Nellie
nicht gern beschmutzte Finger sehen lassen will; aber daß du ihr deine
eignen Gedanken zutraust, das finde ich komisch! – Ja, ja, Florchen, du
bist erkannt!«
Flora errötete, aber sie war klug und antwortete nur mit einem
wegwerfenden Achselzucken. –
Alle Vorbereitungen waren zu Ende. Die Mädchen trugen Ketten, Netze, kurz
allen Schmuck herbei, um den Baum zu behängen.
Wie er sich füllte! Wie festlich geschmückt er bald dastand! Ilse
bewunderte hauptsächlich die glänzenden Tannenzapfen, die sich zwischen
den dunklen Nadeln ganz herrlich ausnahmen.
»Wie ein Märchenbaum!« rief sie fröhlich, und »Bäumchen rüttle dich und
schüttle dich!« setzte sie übermütig hinzu.
»O, nein!« rief Nellie in komischem Ernste, »nicht schüttle und rüttle
dir, Baumchen, es fallt sonst all der Salz von deiner Nadel und ich muß
mir noch einmal die Finger zerkleben.«
»Nie in meinem Leben sah ich einen so schönen Christbaum!« erklärte Ilse.
»Wir sind noch nicht fertig, Ilse,« entgegnete Fräulein Güssow, »bald
hätte ich das Gold- und Silberhaar vergessen.« – Und nun begann sie feine
Fäden rings um den Baum zu spinnen.
»Wie schön! wie schön!« jubelte Ilse und schlug wie ein Kind vor Freude in
die Hände. Dann nahm sie Nellie in den Arm und tanzte mit ihr um den Baum.
»Du wirst mit deiner lauten Freude die Schlafenden aufwecken,« ermahnte
Fräulein Güssow; aber sie sah Ilse mit inniger Teilnahme an. – Es gab eine
Zeit, wo auch sie so fröhlich hinausgejubelt hatte in die Welt, – bis der
Sturm kam und ihr die Blüte des Frohsinns abstreifte und verwehte. –
»Geht nun zu Bett, Kinder,« bat sie, »aber leise, hört ihr? Gute Nacht!«
»Gute Nacht, gute Nacht!« rief es zurück und Ilse setzte hinzu: »Ach,
Fräulein! Wenn es doch erst morgen wäre!« –
Das war ein Leben am andern Tage! Die Mädchen waren ganz außer Rand und
Band. Ilse war ausgelassen fröhlich und Nellie stand ihr darin bei.
Annemie lachte über jede Kleinigkeit, ja selbst Rosi, die stets
Vernünftige, machte heute eine Ausnahme und schloß sich der allgemeinen
Stimmung an. Als Flora ein selbstgedichtetes Weihnachtslied zum besten
gab, und die ganze übermütige Schar sie dabei auslachte, lachte Rosi mit,
– nur als Nellie an zu necken fing, bat sie sanft:
»Bitte, Nellie, nicht spotten! Wir haben die arme Flora schon genug
gekränkt, als wir sie auslachten.«
Melanie und Grete waren die einzigen, die eine leise Verstimmung nicht
unterdrücken konnten. Sie hatten gehofft, Weihnachten zu Hause verleben zu
können, und waren enttäuscht, als die Eltern ihnen nicht die Erlaubnis
gaben, weil sie es nicht passend fanden, daß junge Mädchen allein eine so
weite Reise machten.
Melanie fand diesen Grund geradezu furchtbar kränkend. »Als ob ich noch
ein Kind wäre!« sprach sie ärgerlich zu Orla. »Ich bin siebzehn Jahre alt!
Und doch wahrhaftig alt und verständig genug, uns beide zu schützen!«
»Aber du bist hübsch,« entgegnete die Angeredete mit leichter Ironie, »und
das ist gefährlich. Denk’ einmal, wenn dir unterwegs ein Abenteuer
begegnete! Das wäre doch furchtbar schrecklich!«
»Ich bitte dich, Orla, verschone mich mit deinen albernen Spöttereien!«
wehrte Melanie entrüstet ab. Aber sie fühlte sich doch in ihrem Inneren
geschmeichelt, die kleine Eitelkeit.
»Du hörst es ja doch gern, Herzchen,« lachte Orla. »Warum auch nicht?
Hübsch zu sein ist ja keine Schande, – besonders wenn man so wenig eitel
ist wie du! Uebrigens tröste dich mit uns, wir sind ja fast alle
zurückgeblieben, bis auf die wenigen Pensionärinnen, die in der
Nachbarschaft wohnen, und die vier Engländerinnen, die Miß Lead wieder
zurück in ihre Heimat bringt. – Störe nicht unsre fröhliche Laune durch
ein verstimmtes Gesicht. Sieh doch nur Lilli an, – kannst du bei dem
Anblicke so seliger Freude noch mißmutig sein?«
Das Kind lief nämlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte
jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel würde, und ob das liebe
Christkindl noch nit bald käm. –
Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Fräulein
Güssow verweilten schon seit zwei Uhr in dem großen Saale, und in einer
Klasse, die dicht daneben lag, saßen erwartungsvoll die Pensionärinnen.
Natürlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht
angesteckt werden.
Lilli fühlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf
Ilses Schoß und schlang den Arm um ihren Hals.
»Kommt denn das Christkindl noch nit bald?« fragte sie wieder. »Schau, es
ist halt schon stockfinster.«
»Nun bald,« tröstete Ilse und drückte Lilli zärtlich an sich. Das
Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so
glücklich. »Bald kommt das Christkind, ach, und wie schön wird das sein! –
Soll ich dir ein Märchen erzählen, damit dir die Zeit schneller vergeht?«
»Bitt schön! Vom Hansel und Gretel!«
Ilse hatte indes kaum begonnen »es war einmal«, als Lilli ihr den Mund
zuhielt.
»Nit weiter!« unterbrach sie, »ich mag das heut nit hören! Ich muß immer
an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast
du’s schon g’schaut?«
»Nein,« sagte Ilse, »gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es
sehen, es wohnt nicht auf der Erde.«
»Wohnt es im Himmel?« fragte Lilli. »Schau, da möcht’ ich halt auch
wohnen, da ist’s schön, nit? Da singen die lieben Englein, und die lieben
Englein, die wohnten früher auf der Erde, das waren die artigen Kinder,
nit? – Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?«
Die Worte des Kindes riefen sentimentale Ahnungen in Flora hervor, sie war
auch im Begriff, dieselben auszusprechen, als Nellie ihr das Wort
abschnitt.
»Was schwatzt der kleine Kind für Zeug?« sagte sie und streichelte
liebkosend Lillis Hand. »Wo hast du dies gehört? Keiner Mensch hat noch in
der Himmel geschaut.«
»Aber die Mama hat’s gesagt, – sie weiß es, nit wahr, Ilse?« rief Lilli
heftig.
Die gab ihr keine Antwort darauf, sie versuchte, das Kind auf andre
Gedanken zu bringen.
»Möchtest du wieder zu deiner Mama?« fragte sie.
»Nein,« entgegnete Lilli, »ich bleib’ lieber bei euch. Die Mama kümmert
sich halt so wenig um mich, sie hat kein’ Zeit. Sie muß immer studieren,«
setzte sie altklug hinzu. »Alle Abend geht sie ins Theater.«
»Denn es kümmert sich ka Katzerl – ka Hunderl um mi!« recitierte Flora
schwärmerisch.
»Komm zu mir, Lilli,« bat Melanie, »ich will dir eine herrliche
Weihnachtsgeschichte erzählen.«
»Bitt’, bitt’, laß mich bei Ilse bleiben, Melanie, ich will ganz gewiß
recht genau zuhören auf dein G’schicht.«
Und während Melanie ihre Erzählung zum besten giebt, wollen wir einen
Blick in den Weihnachtssaal werfen.
Die beiden Damen waren so ziemlich fertig mit ihrer großen Arbeit.
Fräulein Güssow war dabei, noch einige versiegelte Pakete auf verschiedene
Plätze zu verteilen. Es waren in denselben die Geschenke enthalten, welche
die junge Welt sich untereinander bescherte. Der Name der Empfängerin war
darauf geschrieben, die Geberin mußte erraten werden.
Fräulein Raimar stand neben dem Gärtner, der eifrig beschäftigt war, die
angekommenen Kisten zu öffnen, die Deckel wurden lose wieder darauf
gelegt, denn das Auspacken besorgten die Empfängerinnen selbst.
Nur mit Lilli wurde eine Ausnahme gemacht, Fräulein Raimar packte deren
Kiste aus und schüttelte den Kopf, als sie damit beschäftigt war.
»Sehen Sie nur den Tand, liebe Freundin,« sagte sie. »Nicht ein
vernünftiges Stück finde ich dabei. Zwei weiße Kleider, so kurz, daß sie
dem Kinde kaum bis an die Knie reichen, aber schön gestickt, hier eine
breite rosa Atlasschärpe, ein kleiner Hermelinmuff, ein Paar feine
Saffianstiefel und eine Puppe im Ballstaat. Und vieles Zuckerwerk – das
ist alles! Warme Strümpfe und eine warme Decke, um die ich so sehr
gebeten, und die dem Kinde so nötig sind, – sie fehlen ganz.«
»Hier scheint ein Brief für Sie zu sein,« sagte Fräulein Güssow und nahm
ein duftiges rosa Billet von der Erde auf. Wahrscheinlich war dasselbe aus
dem Muff gefallen, den die Vorsteherin noch in der Hand hielt. Sie erbrach
das an sie gerichtete Schreiben und las wie folgt:
»Ich ersuche Sie freundlich, meiner Lilli die Kleinigkeiten unter den Baum
zu legen. Hoffentlich ist das liebe Herzl recht gesund. Nun ich hab halt
nit nötig, mich zu sorgen, weiß ich doch das goldene Fischel in so gute
Händ! – Wollne Strümpf und a Jackerl hab i halt nit mitgeschickt, i wünsch
das Kind nit zu verwöhnen. Es soll immer a weiß Kleiderl anziehn, – Hals
frei und Arme frei, – so ist sie’s gewohnt, und dabei möcht ich’s halt
lassen.
Geben Sie mein Herzblatterl tausend Schmazerl, und daß es die Mama nit
vergißt!