Der Harem.
Der Morgenländer versteht unter Harem (bei den Persern _Enderun_, in
Indien _Zenana_) im Gegensatze zum _Selamlik_ (persisch: _Birun_),
dem Aufenthaltsorte der Männer, nicht bloss die abgeschlossenen
Frauengemächer des Hauses, sondern auch alle deren Insassen, Frauen,
Kebsinnen, Kinder, Sklaven und Verschnittene. Aber auch wo bloss +eine+
Frau vorhanden wäre, besteht der Harem. Er ist des Morgenländers
unantastbares Heiligtum, in welchem er durchaus ungestört bleiben
will und bleibt. In Persien genügt es, einem Besucher zu sagen: Der
Herr befindet sich in seinem Enderun.[906] In die Frauenabteilung des
Hauses gelangt kein Fremder, auch kein Moslim, der nicht zur engsten
Familie gehört. Eine ausgeführte Schilderung des Harems liegt nicht im
Plane dieses Buches, welches auf die Richtigstellung einiger darüber
umlaufenden Vorstellungen sich beschränken zu sollen meint; wohl aber
eine Würdigung dieser Einrichtung in kulturgeschichtlicher Hinsicht.
Ein falscher Begriff, dem in Europa aber noch viele huldigen,
ist zunächst der sogenannte „orientalische Luxus“, den man immer
mit dem Haremswesen in Verbindung bringt. Das Haremsdunkel, mit
seinen schwellenden Seidenkissen und verschwiegenen Teppichen,
von Rosenwasser durchduftet, mit Ambra geräuchert, wird zwar nicht
mehr unbedingt als ein Eldorado aller irdischen Genüsse angesehen,
das verschleierte Rätsel, „Odaliske“ genannt, gilt zwar nicht
mehr als ausschliesslich geweihte Priesterin der ausgesuchtesten
Sinnesschwelgerei, für manchen bleibt aber dennoch das morgenländische
Gynäceum die letzte und ausschliesslich bevorrechtete Freistatt der
„blauen Blume“. Schilderungen der Hareme morgenländischer Grosser,
insbesondere des türkischen Padischah, in welchen Wahres mit
Falschem[907] gemengt ist, tragen an derartigen Vorstellungen Schuld.
Doch sind dies schlecht gewählte Muster, aus welchen sich durchaus
kein Schluss auf die Allgemeinheit ziehen lässt. Wahr ist von dem
ganzen Luxus bloss, dass mitunter unglaubliche Massen von Schmuck bei
den „Verbotenen“ angehäuft liegen, natürlich bloss bei Wohlhabenden
oder Reichen. Nicht selten hat der Ehegatte sein halbes Vermögen auf
dem Leibe seiner Gattinnen und Sklavinnen auf „Zärtlichkeitszinsen“
angelegt. Freilich stellt die Zärtlichkeit auch die einzigen Zinsen
des aufgewendeten Kapitals dar, welches sonst tot bleibt. Aber wenn
auch, so ist der Schmuck der Orientalinnen doch durchaus kein Luxus,
sondern immerhin die sicherste Kapitalanlage. Da nur der Schmuck keine
Steuern zahlt und bei ihm nichts auf Machart gegeben wird, sondern
er fast immer seinen vollen Ankaufspreis in Metallwert darstellt, so
erklärt sich die Verschwendung desselben in den Haremen. Das ist aber
ziemlich auch alles. +Heinrich von Maltzan+ betont, dass selbst in den
Haremen der Grossen, der reichsten Familien neben Goldbrokat und Perlen
reichlich Lumpen und Schmutz zu finden sind.[908] Der Unterschied
der Verhältnisse liegt bloss in der Verschiedenheit der Stoffe, womit
die Diwane überzogen und die Reize der Frauen mehr oder weniger nicht
bedeckt sind. Der Harem des Armen, der nur eine Frau besitzt, wie er
vielleicht auch nur ein Kamel und ein Zelt sein eigen nennt, beschränkt
sich nicht selten auf einen höchst notdürftig ausgestatteten Verschlag
oder eine Wohnstube. +Maltzan+ erblickt in den Haremen ferner wahre
Pest- und Choleraherde, in welchen das Rätsel zu suchen, warum im
Morgenlande von jeher alle ansteckenden Krankheiten so plötzlich grosse
Verbreitung fanden und mit solcher Wut auftraten. Nicht bloss die
gastronomischen Ausschreitungen, welche dort an der Tagesordnung sind,
sondern, und zum Teil in Verbindung mit ihnen die grosse Unreinlichkeit
bewirken dieses Ergebnis. Wie schaudererregend diese sein kann,
davon hat +Maltzan+ sich mit eigenen Augen überzeugt, und versichert
auf Grund verlässlicher Gewährsleute, dass es auch in den Haremen
der höheren Schichten nicht besser aussehe.[909] In Einzelheiten
einzugehen, würde die Grenzen des Ästhetischen notgedrungen
überschreiten.[910]
Die Haremsitten wechseln natürlich von Volk zu Volk; richtiger: jedes
Volk folgt darin je nach seiner Anlage bestimmten Gepflogenheiten,
wenngleich die Vorschriften des Gesetzes, des Korâns, für alle die
gleichen sind. So schreibt der Korân die strenge Beobachtung des
_Setr-Awret_ vor, d. h. des Gesetzes, welches die Weiber nötigt,
ihr Gesicht mit Ausnahme der Augen zu verhüllen; es gestattet keine
Ausnahme, weder für Reiche noch für Arme. Wo in der Türkei +freie+
Mägde im Harem bedienstet sind -- was freilich nicht häufig ist
-- schreit ein Herr, der in seinen Harem geht, so laut er kann:
„Aufgepasst“, oder: „Euer Gesicht! Bedecket Euch!“ damit sich alles
rasch verstecken könne. Doch ist die Verhüllung bei den sunnitischen
Osmanen noch lange nicht so strenge als bei den schiitischen Persern.
In Stambul wird der _Jaschmack_, der Gesichtsschleier, aus weissem
und sogar sehr durchsichtigem Stoffe getragen, ja man sieht mitunter
auf öffentlichen Promenaden +freie+ Mädchen selbst ohne Schleier,
obwohl bei den Türken im allgemeinen die Ansicht herrscht, die Türkin,
die einem Manne ihr Angesicht absichtlich entschleiert, ergibt sich
ihm.[911] Bei den Muhammedanern Bosniens und der Herzegowina, die
freilich zumeist Slaven und erst seit der Eroberung zum Islâm bekehrt
sind, verschleiern sich nur Frauen auf der Strasse, Mädchen gar nicht.
Und am mittleren Laufe der Narenta ist der Schleier stellenweise nicht
einmal für Frauen vorhanden, während diese sonst in ganz Bosnien
ärger vermummt sind als irgendwo im Orient.[912] Dagegen trägt das
persische Weib von ihrem neunten Lebensjahre an, wenn sie ausgeht, eine
weite indigoblaue Hülle (_Tschader_), welche den ganzen Körper von
Kopf bis Fuss dominoartig vermummt. Vor den Augen hängt ein langes,
schmales, weisses Tuch (_Rubaend_), das in der Gegend der Augen einen
gitterförmigen, ovalen Ausschnitt zum Sehen hat.[913] Freilich hat
Professor +Brugsch+ beobachtet, wie auf den Promenaden die Schönen
zuweilen wie zufällig den Schleier lüften, um sich aus der Ferne für
einen Augenblick bewundern zu lassen. Unter den ärmeren Volksschichten
tragen aber in einzelnen Teilen des sonst so strengen Landes die
Frauen den Schleier nicht einmal im Freien, sondern begnügen sich beim
Nahen eines Mannes sich einfach umzudrehen.[914] Die Weiber der in
Persien zahlreichen Nomadenstämme sind ebenfalls unverhüllt.[915] Zu
Hause, im Enderun ist endlich selbst die vornehmste Perserin nichts
weniger als wohlverhüllt; ein grösserer Gegensatz in der Tracht lässt
sich vielmehr kaum denken.[916] Bei den muhammedanischen Kosaken
in Russisch-Turkestan verschleiern sich bloss die Frauen mit einem
weissen, sackartigen Jaschmack, auch dies aber nur in den Städten,
während sie in der Steppe das Antlitz höchstens in Gegenwart einer
sehr hohen Persönlichkeit verhüllen.[917] Auch die Verschleierung
der Turkmeninnen ist eine sehr geringe. Von einer runden Kappe fällt
ein lang herabhängender Schleier von Seide oder Baumwolle herab, von
welchem ein Zipfel unter dem Kinn hinweggezogen und an der anderen
Seite des Kopfes mittelst einer Spange befestigt wird; zuweilen
rückt man ihn, wie es auch die Armenierinnen thun, bis an den Mund
hinauf.[918] In Ostturkestan endlich gehen die Frauen aus den niederen
Ständen, worüber sich schon +Mir Isset Ullah+ wunderte, der 1812
Yarkand besuchte, in vollkommener Freiheit unverschleiert umher; ja
auch vornehmere Frauen, welche einige Stunden des Tages in ihren Gärten
ausserhalb der Mauern zubringen, nahmen, wie der neuere Reisende
+Hayward+ berichtet, keinen Anstand, die Fremden mit neugierigen Augen
zu betrachten.
Wie mit dem Schleier, so verhält es sich auch mit der Einschränkung der
weiblichen Freiheit durch den Harem. In der Blütezeit der arabischen
Zivilisation war die Bewachung weit weniger streng, als dies jetzt im
Morgenlande der Fall ist; es herrschte damals eine freiere Bewegung
als in späteren Zeiten, wo bei dem Verfalle der Gesittung der
Haremszwang zu einer förmlichen Klausur ausartete.[919] Die fast bei
allen orientalischen Völkern herrschende Sonderung der Geschlechter
fand sich übrigens, wenngleich sehr gemildert, auch in den südlichen
Ländern Europas in Übung, und die portugiesischen Kreolen Brasiliens
sperren ihre Frauen ebenso ängstlich ein wie die Muhammedaner.[920]
In ihrem Harem verkehrt die Frau nur mit ihren nächsten männlichen
Blutsverwandten; mit den männlichen Dienern bespricht sie das Nötige
durch den Thürvorhang. Im Bazar, in den Läden, auf der Strasse verkehrt
sie mit Männern nur insoweit es die Notwendigkeit mit sich bringt.
Die Strenge dieser Vorschriften lässt aber an vielen Orten sichtbar
nach. Die türkische Frau z. B. ist keineswegs eine Gefangene, eine
Eingekerkerte; sie verkehrt mit der Aussenwelt ungefähr im Masse der
christlichen Klosterfrauen von den milderen Orden. Auf dem Lande und
in den kleineren Ortschaften, namentlich in Asien, stellt sich das
Verhältnis noch ganz anders. Die Abgeschiedenheit der Geschlechter
besteht dort mehr im Prinzip, und die Zurückhaltung im Verkehr vertritt
die thatsächlich unausführbare Absperrung. Letztere wird naturgemäss
undurchführbar, wo das Mädchen unter den Augen aller heranwächst, wo
bei den gemeinschaftlichen Feldarbeiten der Schleier oft unerträglich
wird, wo Männer und Weiber unausweichlich in fortgesetzter Berührung
bleiben.[921] In Persien ist die Überwachung der Frauen in den höheren
Kreisen sehr strenge, dennoch erfreuen sie sich keines besonders
guten Rufes als treue Gattinnen und geniessen eine verhältnismässig
grosse Freiheit. Nach Landessitte ist es ihnen gestattet, fünf bis
sechs Stunden lang in den öffentlichen Bädern zu verweilen und bis
auf mehrere Tage hinaus ihre Besuche bei den Eltern und sonstigen
Anverwandten auszudehnen. Sie sollen sich auch sonst allerlei
unerlaubter Mittel bedienen, um ihre Spaziergänge zu entschuldigen, die
sie, mit Ausnahme der Strassen der Hofburg, im Innern der Stadt Teherân
unternehmen.[922]
Innerhalb des Harems herrschen Gebräuche, welche dem Abendländer
tyrannisch erscheinen, deren Joch der Orientalin indes sanft und leicht
bedünkt. Strenge Trennung der Frauengemächer von den Männergelassen
bildet natürlich einen Hauptgrundsatz der moslemitischen Hausanlage.
Von seiner Frau wird der Moslim niemals in seinen Gemächern besucht;
immer ist er bei ihr zu Gast, wenn er vorspricht. Die Frauen
verbringen den Tag ohne den Mann, haben jedoch während dieser Zeit
volle Freiheit des Besuchens und des Besuch-Empfangens, aber es darf
eben nur weiblicher Besuch sein. Von diesem Frauentreiben ist der
Mann unerbittlich ausgeschlossen. Ein zehnfaches Verbot heiligt die
Schwelle des Harems, wenn fremdes Schuhwerk draussen steht, denn der
weibliche Besuch kann sich nicht der Gefahr aussetzen, vom Hausherrn
unverschleiert überrascht zu werden. In guten Häusern, so versichert
+Vincenti+, bedeutet übrigens der „Pantoffel auf der Haremsschwelle“
die unbedingte Unüberschreitbarkeit derselben für alles Männliche,
insbesondere den Ehegatten selbst. Wünscht die Frau den Besuch ihres
Gatten nicht, dann wird dies durch den hinausgestellten Pantoffel
angedeutet, und kein wohlerzogener Prophetenbekenner missachtet diese
Pantoffelsprache; ja thäte er es trotzdem, so würden die verschnittenen
Haremswächter, die allerdings bald der grossen Plunderkammer des
Islâm angehören werden, das Recht haben, sich sogar thatsächlich zu
widersetzen.[923] Der Pantoffel spielt überhaupt im moslemitischen
Haushalt eine Rolle. „Pantoffelgeld“ nennt man das rechtgläubige
Nadelgeld, mit dem Pantoffel züchtigt man das unfolgsame Gesinde,
mit dem Pantoffel hält man sich den Mann vom Leibe und knechtet man
ihn, wie überall. Lebt des Mannes Mutter noch, dann ist er wohl
des Hauses Mehrer, nicht aber auch dessen Regierer; Regiererin ist
seine Mutter, für die Schnüre die Schwiegermutter oft mit all ihren
Schrecken. Sie erforscht deren Herz und Nieren, hält Zucht und
überwacht den Nachwuchs. Sie hat ihren eigenen Haushalt, der ein wahrer
Regierungssitz ist. Die Schwiegertöchter ertragen knirschend das Joch;
aber alles buhlt um die Gunst der Mutter, Muhmen wie Bäschen, die
Sippe von aussen, wie der Harem des Mannes. Eine besonders bevorzugte
Stellung nimmt die Schwiegermutter in Persien ein, denn man ehrt sie
als die natürliche Wächterin der Braut und jungen Frau. Letztere ist
vor allem die Mutter der Kinder und behauptet ihrerseits, sobald sie
das Matronenalter erreicht, die wichtigste Stelle im Haushalt. Aber
auch sonst wird die persische Frau von ihrem Eheherrn in allen Dingen
befragt; sie ist seine vornehmlichste Ratgeberin und Vertraute. An
glücklichen Ehen ist auch in Persien, wie Dr. +Wills+ und +Benjamin+
übereinstimmend bezeugen,[924] durchaus kein Mangel. Nicht bloss in
Persien, sondern so ziemlich überall im Bereiche des Islâm ist das Los
der Frau ein glückliches, sobald sie Kinder geboren. Ihr fällt deren
Aufziehung sowie die Aufgabe zu, Frauen für ihre Söhne auszusuchen.
Unglücklich ist nur das kinderlose Weib. Unfruchtbarkeit ist auch in
Persien, wo es doch immer zur Schande gereicht, eine Frau aus der
Familie auszustossen, ein Scheidungsgrund.[925] Kommt es aber nicht
zur Scheidung, so muss sie doch ihrem Herrn und Meister eine andere
Gattin besorgen.[926] Das ist ihr grösster Schmerz. Wird eine Frau
gewahr, dass ihr Gemahl mit Heiratsgedanken umgeht, so versucht sie
durch Drohungen, Weinen und Bitten ihn davon abzubringen; gelingt ihr
dies nicht, dann beginnt sie die Auserwählte zu verunglimpfen und
zu verdächtigen; endlich aber ergiebt sie sich in ihr Schicksal und
schliesst mit ihrer Nebenbuhlerin (_Haveh_) Frieden. Es tritt eine Art
Ausgleich, selbst Freundschaft zwischen ihnen ein, und beide rächen
sich durch Untreue an dem Manne.[927] Ja Dr. +Wills+ versichert, dass
in der Regel die Weiber nicht eifersüchtige Nebenbuhlerinnen, sondern
die besten Freundinnen sind.[928] Sind mehrere Frauen im Hause, so
bewohnt jede eine besondere Abteilung, in den Häusern der Reichen
mit eigenem Hof, eigener Bedienung und Küche, eigenen Sklaven und
Eunuchen. Aber wo auch nur +eine+ Frau vorhanden ist, bevölkert doch
den Harem oder Enderun noch ein Trupp weiblicher Dienerinnen, die alle
die unbedingt ergebenen Sklavinnen des Hausherrn sind. Was von den
Persern gilt, kann man im allgemeinen auch von den übrigen Orientalen
aussagen: Der Harem ist kein Tummelplatz ungezügelter Sinnlichkeit;
der sittliche Anstand herrscht im patriarchalischen Hausinnern als
Grundgesetz. Das Familienleben wird insgemein als ein recht anständiges
geschildert. Der Mann von Bildung behandelt seine rechtmässige Frau
sehr gut und liebt seine Kinder ausserordentlich; er bringt für
deren, nach morgenländischen Begriffen, gute Erhaltung, Pflege und
Erziehung die grössten Opfer. Wollen wir aufrichtig sein, meint Rev.
+Jessup+ betreffs eines so tief stehenden Volkes wie die syrischen
Beduinen, so müssen wir gestehen, dass die Stellung der Frauen in
den unteren Gesellschaftsschichten +bei uns+ im Thatsächlichen auch
nicht so sehr abweicht, nur mit dem Unterschiede, dass, während im
Osten das Prügeln des Weibes eine Art Gebot des Korâns ist, unsere
Gesetzgebung sich dagegen auflehnt. Allerdings kommen Gattinnenmorde
etwas häufiger vor als etwa in England, und sind, sobald sie bloss die
Form der Strafe annehmen, nur selten von unangenehmen Folgen begleitet;
allein, wie Rev. +Jessup+ versichert, ist diese Gepflogenheit bei den
griechischen Christen jener Gegenden nicht minder im Schwange als bei
ihren muhammedanischen Nachbarn. Auch die oft gehörte Behauptung,
Hass, Missgunst und Rachsucht fänden in den Haremen eine bleibende
Stätte, und die _Ikbal_, d. h. Lieblingsfrau (Favoritin) pflege auf
die wohlwollenden Absichten des Hausherrn einen verderblichen Einfluss
auszuüben,[929] bedarf gar mancher Einschränkung, wie die oben
angeführten Aussagen anderer Beobachter beweisen. Gewiss geht unter
den Haremsinsassen eines reichen mächtigen Hauses mancherlei vor, was
unbedingt vertuscht werden muss. Sicher aber wird auch der Harem von
pikant sein wollenden Wanderschreibern als Fundgrube unerhörter Dinge
oft genug mit lächerlicher Dreistigkeit ausgebeutet.
In den Augen des Abendländers ist das Los des orientalischen Weibes
im Harem ein ebenso entwürdigendes als bedauernswertes. Leben und
Treiben im Innern des Harems sind zweifelsohne von untergeordneter
Beschaffenheit, nach mancher Richtung hin auch von verderblichem
Einfluss. Die Dame der höheren Stände beschäftigt sich mit ihren
Kindern und ihrem Haushalte kaum mehr als die meisten ihrer Schwestern
im abendländischen _High-life_, mit dem Tages- und Haremsklatsch kaum
weniger als diese, und ist häufig zu Hause -- nicht anzutreffen, sei
es, dass sie zur Durchmusterung der Mode- und Juwelierladen oder aber
zu Spazierfahrten auswärts weilt. Doch nicht immer ist sie bloss zu
müssigem Treiben ausser Haus. Oft besorgt sie die Angelegenheiten
ihres Gatten und hilft an den unsichtbaren Fäden knüpfen, die z. B. in
der Türkei aus und durch die Hareme bis zu den Spitzen der Regierung
laufen. Der Einfluss der Frauen scheint durch ihre öffentliche
Ausschliessung vom Markt des Lebens durchaus nicht gemindert, sondern
auf Umwegen einzuholen, was ihm auf geradem Wege versagt wird.[930]
Auch in Persien macht der Einfluss des Weibes in Sachen der Diplomatie
und der Regierungsgeschäfte sich deutlich fühlbar. Die Orientalin
ist in keiner Weise ein geistig beschränktes Wesen; oft stösst man
auf Frauen von grossem Talent, begabt in Musik, Dichtkunst und
Malerei, wohl bewandert in diplomatischen Künsten.[931] Fast alle sind
geschickte Stickerinnen. Im allgemeinen erfahren aber die natürlichen
Gaben keine oder nur geringe Ausbildung durch Erziehung und Unterricht.
Bei etwa vorhandenem natürlichen Sinne für Thätigkeit füllen manche
Frauen einen Teil ihrer Zeit mit weiblichen Handarbeiten aus; ihr
eigener Putz ist aber immer die grosse Hauptsache für sie, und dabei
scheuen sie weder Zeit noch Geld. Jener Hang zum Äusserlichen und
Flachen, den die schönere Hälfte des Menschengeschlechts überhaupt
angeboren hat und der sich bei der zivilisierten Abendländerin in
hunderterlei Tand und Gepränge äussert, ist hier eben aufs höchste
gesteigert. Durch die äusseren Schranken, welche ihren Horizont
einengen und ihr den schmalspurigen Lebenspfad knapp abstecken, ist
die Morgenländerin jeder angespannteren Seelenthätigkeit, jedes
inneren Kampfes enthoben. Immer hat man sich mit der Frage gequält:
wie denn die Frauen im Harem nicht der Langeweile erliegen. An Ort
und Stelle hört das Rätsel auf Rätsel zu sein. Den ganzen Tag wird an
Zuckerwerk genascht; dazu gesellt sich der Kaffee und zum Kaffee die
Pfeife mit oder ohne Opium, bisweilen sogar mit Haschisch; ausserdem
spielt man leidenschaftlich Domino und mitunter sogar Karten. Dann
giebt es Besuche in anderen Haremen abzustatten oder im eigenen zu
empfangen. Endlich liefert der häusliche und der städtische Klatsch,
meist unflätiger Art, ergiebigen Stoff zum Ausfüllen der Zeit, und
wenn er ausgeht, ersetzen mündliche Erzählungen das Romanlesen
der abendländischen Damen. Auch fehlt es keineswegs an häuslichen
Geschäften, und endlich bringen die Feste, der Bairam vor allen,
Abwechslung in das Einerlei.[932] Im ganzen ist das Haremsleben voll
Anziehungskraft und zugleich voll geistiger Leere. Ist es Leben, -- ist
es Träumen? Das ist schwer zu sagen, denn diese ganze Glückseligkeit
liesse sich im Grunde genommen in die drei Worte: Essen, Trinken,
Schlafen zusammenfassen. Freilich geschieht das nach morgenländischer
Art, d. h. so bequem und prächtig als nur möglich. Der den Orientalen
angeborne Hang zum Nichtsthun passt ganz gut in dieses eintönige
bequeme Leben, welches nicht einmal die Mühe, einen Wunsch zu ersinnen,
übrig lässt, inmitten einer Frauenherde, deren ganze Intelligenz
schliesslich gerade dazu reicht, eine Perle zu bewundern und ein paar
Babuschen auszuwählen. Ideen von Fatalismus scheinen in der Haremsluft
zu gedeihen, als ob die Sklaverei, unter deren Joch man lebt, sie mit
sich führe. Grober und lächerlicher Aberglaube erfüllen weiter den
Dunstkreis des Harems.
Liest man solche Berichte, so wundert man sich, wie es eine Europäerin
in einem orientalischen Harem aushalten könne. Und dennoch kommt es
öfter vor, als man glaubt, dass Hareme europäische Bewohnerinnen
haben. Nicht gezwungen, nicht heimlich entführt, sondern freiwillig,
ja auf ihren dringenden Herzenswunsch hörend, sind diese Schönen
dahin gekommen. So gross ist der Zauber, welchen der Harem selbst
auf gebildete Abendländerinnen auszuüben vermag! Ihr Los ist allemal
ein ungemein trauriges. Nichts besorgt die Orientalin mehr als das
Erscheinen weisser, besonders europäischer Haremsgenossinnen, gegen
niemanden kehrt ihr Hass sich in bedrohlicherer Form. Und doch hat
die Morgenländerin ebenso sehr Unrecht, den Einfluss der Europäerin
zu befürchten, als diese sich einzubilden, dass ihre höhere Bildung,
ihre Gaben des Gemütes und Geistes geeignet seien, den Orientalinnen
in der Gunst des Mannes den Rang abzulaufen. Diesen Wahn hat +Maltzan+
längst widerlegt, denn gerade diese Vorzüge sind dem Morgenländer
auf die Dauer lästig; er findet sie unbequem, denn sie nötigen
ihn gewissermassen, immer im Sonntagsstaat des Kulturmenschen zu
erscheinen. Eine Orientalin vermag viel eher eine dauernde Gunst
zu erringen, die dann im Range einer Gattin gipfelt, einmal weil
sie ihre Eifersucht meist, wenigstens ihrem Gebieter, dem solche
immer lästig ist, geschickt zu verbergen weiss, und dann weil sie
ihm schon von vornherein, als von gleicher Sitte, Erziehung und
Anschauungsweise bequemer zum Umgange ist; er braucht sich bei ihr
keinen Zwang anzuthun, er kann ungezwungen mit ihr verkehren, alles
sagen, was ihm in den Kopf kommt, und findet doch nur Beifall.[933]
Aber auch die Orientalin fühlt sich im Harem weit weniger unglücklich,
als der Abendländer annimmt, gewiss nicht unglücklicher, als ein
gutes Teil unter den Abendländerinnen ob ihrer Stellen als Frauen
sind; sie verhält sich zu diesen, wie jemand, der in ein Viertel
gebannt wäre, ohne sich seiner Gefangenschaft bewusst zu werden, zu
solchen, denen eine Stadt zum Gefängnis angewiesen ist und welche
die Sehnsucht hinaus in die weite Welt verzehrt.[934] Nur die ganz
geringe Anzahl derjenigen, welche gegenwärtig europäische Bildung
genossen, beginnen zu fühlen, dass, wenn auch ihr Käfig vergoldet
ist, ihn doch Eisenstäbe abgrenzen. „So lange wir nicht wissen, wie
es draussen zugeht, sind wir glücklich, wenn wir aber zu vergleichen
anfangen --“ und solche unglücklichen Geschöpfe beklagen es dann laut,
diese Bildung erhalten zu haben, welche ihnen die morgenländischen
Verhältnisse unerträglich mache.[935] Das sind aber seltene Ausnahmen,
und selbst diese beneiden die Europäerin nur teilweise, denn im ganzen
und grossen flösst ihnen die unverstandene Lebensweise derselben als
etwas unheimlich Fremdes mehr Scheu als Sehnsucht ein. Das Angewöhnte,
Anerzogene hält sie fest.[936] Noch mehr, natürlich, ist dies bei der
grossen Menge der Fall. Weit entfernt, die abendländische Gesittung
und ihre Sitten zu beneiden, haben sie dafür nur komisches Entsetzen.
„Wie,“ ist die Orientalin geneigt auszurufen, „ihr geht allein aus,
unverschleiert! Ihr sprecht mit Männern, habt an euch zu denken, über
euch zu wachen, und über euer Schicksal selbst zu entscheiden! Wie
mühsam, wie sorgenvoll, wie schwierig muss das sein!“ Sie staunt, dass
Allah Frauen, die einer solchen Arbeit gewachsen seien, geschaffen
habe. Die ungeheure Mehrzahl der Morgenländerinnen schwärmen geradezu
für ihre Einrichtungen, ihren Harem, und sprechen +zu Gunsten+ der
Polygamie,[937] eine Erscheinung, die fast überall wiederkehrt, wo
Vielweiberei Volkssitte ist. Sie bedauern den monogamen Europäer,
er müsse sich ja grenzenlos langweilen. Dass die einzige Frau nicht
bloss das zweite Ich des Mannes, sondern auch des Hauses Führerin,
die Erzieherin der Kinder, wenn nötig die Leiterin des Geschäftes
sei, will nicht in ihren Sinn. Da sei ja die abendländische Frau ein
Lasttier, eine Sklavin, die sie in der That eher bedauern als beneiden
möchten.[938] Ähnliche Äusserungen kann man allgemein vernehmen; sie
kennzeichnen die herrschenden Meinungen; sie machen es erklärlich,
dass so mancherlei Veränderungen auch das Leben und die Anschauungen
des +näheren+ muhammedanischen Orients durch den immer mächtiger
andringenden Einfluss Europas schon erfahren haben, der Harem und der
ganze Bereich der von ihm beherrschten Lebensgebiete davon +durchaus
unberührt+ geblieben ist und wohl auch bleiben wird. Im Harem,
bestätigt +Hermann Vámbéry+, ist alles beim Alten geblieben; an Möbel,
Sitte und Hausordnung, an Tracht, Redensart und Denkungsweise ist nicht
das mindeste geändert worden; denn das weibliche Geschlecht, das jeder
Berührung mit der Aussenwelt fernsteht, hat die streng konservative
Richtung der Orientalen noch viel besser bewahrt als die Männerwelt, ja
ersteres hat bisher die grösste Hartnäckigkeit gegenüber allen Reformen
an den Tag gelegt, und das Wenige, was die türkischen und persischen
Damen von dem Abendlande entlehnten, hat viel mehr Nach- als Vorteil
bezweckt.[939] Darum ist der Harem +eines der festesten Bollwerke für
die orientalisch-moslimische Sitte und Lebensordnung+ nach fast allen
Richtungen hin. Hier herrschen noch immer die gleichen Gewohnheiten,
Regeln, Meinungen, Begriffe und Vorurteile, kurzum derselbe Geist wie
vor Jahrhunderten, und behalten die Oberhand über alle etwa von aussen
kommenden Einwirkungen.[940]
Es wäre indes ein schwerer Fehler, das vom Harem eben entworfene Bild
für ein allgemein gültiges zu halten. Zutreffend ist dasselbe bloss
für die höheren, begüterten Stände, insbesondere für die fürstlichen
Haushaltungen in den Hauptstädten, wie Kairo und Stambul, und die
Paläste der Grossen. Nur auf diesem Boden sind die abendländischen
Ansichten vom Harem und Haremleben erwachsen. Die Wirtschaft der wenig
vermöglichen Mittelklassen ist aber natürlich viel bescheidener. Da
versorgt das Weib mit rührigen Händen den ganzen Hausstand allein
oder höchstens von einer Verwandten unterstützt, und wenn eine zweite
Frau vorhanden, mit ihr oft genug in enger Freundschaft verbunden,
wenngleich die eine der anderen häufig durch ihr Dasein Nahrungssorgen
macht; der Harem selbst aber ist vielfach zu Weberwerkstätten und
Färbereien geworden. Das Weib des Landmannes endlich hilft die
Feldarbeit bestellen, arbeitet unaufhörlich Tag und Nacht, ohne je
Ruhe zu haben, als in wenigen Stunden des Schlummers. Folglich erwirbt
er so viele Gehülfinnen, als er Frauen hat, ein Umstand, welcher die
Vielweiberei ebenso fördert, wie der Grundsatz, dass alle Mädchen an
den Mann gebracht werden sollen. In den ärmeren Gegenden freilich
finden sich zwei Frauen bei keinem Bauern, da er keinen Raum und keine
Nahrung für sie besitzt und froh ist, +ein+ Weib mit den Kindern
erhalten zu können.
Bei der wichtigen Rolle, welche dem Harem in der Geschichte
des Familienlebens so vieler Völker zufällt, dürfen -- so sehr
das Anstandsgefühl sich dagegen sträubt -- jene Punkte nicht
gänzlich unberührt bleiben, welche unseren Augen wohl als die
schwärzesten dieser Einrichtung erscheinen. Unter diesen sind die
durch das Sonderleben der Geschlechter hervorgerufenen Wirkungen
in gesellschaftlicher Hinsicht noch nicht die allerschlimmsten.
Bekanntlich ist unter Morgenländern von den Frauen niemals die Rede;
ihrer zu erwähnen gilt für unschicklich, und nicht einmal nach ihrem
Befinden darf man sich beim Eheherrn erkundigen; wo man nicht umhin
kann davon zu reden, geschieht es mit einer entschuldigenden Wendung,
wie etwa: „mit Verlaub“, meine Frau. Bei der völligen Ausschliessung
des weiblichen Geschlechts vom Kreise der Männer fehlt natürlich auch
der gute Ton, ja der notdürftigste Anstand; man ist rücksichtslos in
der Wahl der Gesprächsgegenstände, wie in der Wahl der Ausdrücke und in
seinem gesamten Verhalten; die schlüpfrigsten und zweideutigsten Dinge
werden mit Vorliebe in den Bereich der Unterhaltung gezogen, und man
lässt sich dabei so sehr gehen, dass man, ebenso wie es die Frauen in
ihren Haremkreisen machen, auch auf etwa mitanwesende junge Leute oder
Knaben nicht die mindeste Rücksicht nimmt.[941] Nicht anders handeln
die Frauen; auch bei ihnen begegnet man dem Mangel an Zartgefühl,
dem rohen, unverhüllten Berühren der geschlechtlichen Beziehungen,
welches in den orientalischen Frauengemächern vorherrscht. In dieser
geistigen Atmosphäre wächst die Kinderwelt heran, für welche somit
das Geschlechtsleben weder in Wort noch That einen Schleier hat. Die
dunkelsten Schattenseiten des Haremslebens liegen aber nach einer
tieferen Richtung: in der Begünstigung unnatürlicher Laster. Ich sage:
Begünstigung, denn irrig ist es doch, für dieselben den Harem allein
verantwortlich zu machen. Ihr Entstehen ist nicht im Harem zu suchen,
sie sind viel älter als dieser; wohl aber liefert er einen Boden, auf
welchem die Giftpflanze üppig ins Kraut schiessen kann.
So hat unter den Frauen der Osmanen die Gepflogenheit, den Leibessegen
zu entfernen, eine so gewaltige Ausdehnung gewonnen, dass die
Regierung, aufgeschreckt über die verheerenden Folgen des Übels, sich
vergebens bemüht, eine wirksame Abhilfe zu finden.[942] Da der Korân
darüber schweigt, so konnten sich auch die islamitischen Gesetzgeber
zu einer strengen Bestrafung dieser Handlung nicht verstehen. Auch in
Persien, wo dem unverheirateten Mädchen, der Witwe oder Geschiedenen,
welche etwa gebären würde, der Tod gewiss wäre, enden alle unehelichen
Schwangerschaften mit Ekbolen; und die Sache wird ziemlich öffentlich
betrieben, ihr auch kein Hindernis in den Weg gelegt. Dagegen kommt
es niemals vor, dass, wie in den höheren Ständen der Türkei, die
Frau, nachdem sie zwei Kinder geboren, mit Wissen ihres Mannes von
nun an Abortus hervorruft, teils um ihre Körperschönheit zu erhalten,
teils um die Nachkommenschaft zu verringern.[943] Da aber die Sitte
der Fruchtentfernung nicht bloss im Harem auftritt, sondern auch bei
vielen anderen, nicht einmal polygynischen, ja selbst hochgesitteten
Völkern in weit grösserer Übung ist, als man meint, so ist deren
Veranlassung mit weit mehr Recht zunächst in wirtschaftlichen Ursachen
zu suchen, dieselbe also ein Ergebnis weder der Vielweiberei noch
selbst des Harems, so sehr sie auch letzterer begünstigen mag. In
weit grösserem Masse ist er jedoch verantwortlich für das, was man
als „widernatürliche Laster“ bezeichnet, welche nicht wenig zur
Entvölkerung des Orients beitragen. In den vielen müssigen Stunden und
den langen Fasten des Harems oder der Zenana lernen die Frauen sehr
leicht die Verirrungen der Masturbation, der sogenannten lesbischen
Liebe (_Cunnilingua_) und des Tribadismus, jenes physischen Verkehrs
zwischen zwei Frauen, welche die Römer mit den Wörtern _Frictrices_
oder _Subigatrices_ tauften. Allein schon der Umstand, dass die
geschichtliche Überlieferung den Ursprung dieser Ausschweifung nach
Lesbos[944] verlegt, also ausserhalb des Haremgebietes, deutet
darauf hin, dass beide Erscheinungen nicht notwendig miteinander
zusammenhängen. Thatsache ist allerdings, dass der Tribadismus unter
den morgenländischen Mädchen ungemein verbreitet ist,[945] bekannt
aber auch, dass er ferne vom Oriente und vom Harem, inmitten der
zivilisierten Gesellschaft, im Schwange geht.[946]
Neben dem Tribadismus tritt die Liebe zwischen Männern auf die Bühne;
aber auch sie war und ist zu allen Zeiten und in allen Ländern, nicht
bloss im Gebiete des Harems, viel verbreiteter als man denkt. Der
Korân bestraft die Unzucht von Männern miteinander, bis sie Besserung
versprechen, und in den ersten Zeiten des Islâms war man in dieser
Hinsicht ziemlich strenge. Erst durch die näheren Beziehungen zu den
Persern und besonders seitdem mit Beginn der Herrschaft der Abbassiden
persische Sitten und Unsitten in den höheren Klassen der arabischen
Gesellschaft mehr und mehr sich verbreiteten, griffen auch die
widernatürlichen Laster mehr und mehr um sich, denn schon im Altertum
erfreuten sich die Perser und Meder einer schmachvollen Berühmtheit
in diesem Punkte. Die Knabenliebe (_Päderastia_) lernten die Perser,
nach +Herodots+ Bemerkung, von den Griechen, im Vendidad wird aber
bereits Hyrkanien als das Land erwähnt, in welchem dieselbe betrieben
werde.[947] Für den Islâm steht so viel fest, dass am Hofe von Bagdad
schon zur Zeit Harun-al-Raschids diese Sitte eine ganz verbreitete
war, deren man sich weder schämte, noch sie als etwas Übles ansah.
Ja, die Sufi machten sie fast zum Dogma.[948] Der von +Hafis+ und
anderen Dichtern des Orients besungene Antinous war ehedem auch bei den
sinnlichen Osmanen eine offen anerkannte Erscheinung. Man sprach von
_Machboub_ als etwas Selbstverständliches, wie unsere _Jeunesse dorée_
von ihren Maitressen spricht. Der Page gehörte beinahe zum Hausstand
des Grossen, der _Mosaïb_ (Günstling) bekleidete eine öffentliche
Stellung bei Hofe.[949] Die Nachkommen jener Horden, welche unter
Dschingis-Chan und Timur Mittel- und Nordasien erobert, die ösbekischen
Chane, hatten es später darin so weit gebracht, dass es bei ihnen für
ein schlimmes Zeichen und für eine Schwäche galt, wenn einer von dem
allgemeinen Gebrauche sich frei erhielt. Heute noch erreicht derselbe,
welcher, geographisch gesprochen, an den Ufern des Bosporus anfängt und
auf dem Wege nach Osten allmählich merklicher wird, seinen Gipfelpunkt
in Bochârâ. Über Dinge, die unser europäisches Gefühl aufs höchste
empören würden, wird hier wie über einen erlaubten Scherz verhandelt,
und selbst die Religion, die einen leichten Fehltritt im Waschen oder
anderen Vorschriften mit dem Tode bestraft, drückt hier ein Auge
zu.[950] Dr. +Polak+ bezeugt, dass auch in Persien widernatürliche
Gepflogenheiten in den Städten sehr verbreitet seien und „dass sie
nicht so allgemeine Entrüstung hervorrufen, wie es im Interesse
der ganzen Menschheit zu wünschen wäre.“[951] Wie in den meisten
orientalischen Ländern, so ist die Knabenliebe auch im westlichen
Nordafrika, in Marokko, allgemein verbreitet; jeder der höheren
Beamten hält eine mehr oder weniger grosse Zahl von verschnittenen
Negerburschen.[952] Man darf wohl annehmen, dass die Sitte mit dem
Islâm und dem Harem dahin gebracht worden ist. Und dennoch sind weder
der eine, noch der andere ihre Geburtsstätte.
Die mythologische Überlieferung führt den Ursprung der Knabenliebe auf
Orpheus und die Thraker zurück. Jedenfalls war sie im Altertume längst
in Übung. Karthago war darob berüchtigt und die Karthager rühmten sich
ihrer Kraft in deren Ausübung. Aristoteles erzählt, dass dieselbe
auf der Insel Kreta gesetzlich erlaubt war, um einer zu starken
Volksvermehrung entgegenzuwirken. Von deren Ausdehnung im alten Hellas
und in Rom wird noch an späterer Stelle die Rede sein. Bedeutsam ist,
dass es in Europa ein Land gibt, wo die dorische Knabenliebe in der
verklärten Gestalt genau so, wie die Alten sie uns darstellen, noch
heutzutage blüht und auf das Innigste mit der Sitte und Lebensweise
seiner Bewohner verwachsen ist. Dieses Land ist nach den Mitteilungen
G. v. +Hahns+, derjenige Teil Albaniens, den die Gegen[953] bewohnen,
der Zweig eines Volkes, das man als die reinsten Nachkommen der alten
Illyrier betrachten darf, von welchen auch die Vorväter der Hellenen
abstammten. In hoher Form ward Päderastie bei der Entdeckung Amerikas
fast überall unter den Eingeborenen angetroffen, wenngleich bei den
höher stehenden Völkern als Laster gebrandmarkt und bestraft. An vielen
Stellen, besonders der Nordwestküste, ist sie jetzt noch gang und
gäbe. Von Aljaschka bis hinab nach Darien sieht man als Frauen erzogene
und gekleidete Jünglinge, die mit den Grossen, den Häuptlingen und
Herren, im Konkubinat leben.[954] Ähnliche Gepflogenheiten herrschen
bei den Aleuten und den Inuit oder Eskimo. Dass sie bis in manche
Kreise der höchstgesitteten Nationen hineinragen, will ich nicht
weiter berühren.[955] Diese Beispiele beweisen zur Genüge, dass jene
beklagenswerten Verirrungen nicht an den Harem, noch weniger an die
Vielweiberei gebunden sind. Sicher ist dagegen, dass sie im Bereiche
des Harems und der Sonderung der Geschlechter den günstigsten Boden
finden. In der Türkei ist indessen, so versichert +Murad Efendi+, die
erwähnte Unsitte durch die neuen gesellschaftlichen Anschauungen nicht
allein in der „Gesellschaft“ bedeutend gemindert, sondern gänzlich
in den Schatten verbannt worden. Wo sie allenfalls noch ihr Unwesen
treibt, darf sie doch nicht mehr eingestanden werden, sondern gehört,
wie im Abendlande, zu den heimlichen Lastern. „Man zieht ihr die Mütze
über die Ohren.“[956]
Diese kurze Erörterung der hier zuletzt erwähnten Thatsachen,
welche gewöhnlich, weil dem Gefühle des Kulturmenschen zuwider, mit
Stillschweigen übergangen werden, hielt ich nicht für unstatthaft, denn
in der Völkerkunde gibt es nach des vortrefflichen +Post+ Bemerkung
die Frage gar nicht, ob irgend etwas gut oder böse, recht oder
unrecht, wahr oder unwahr, schön oder unschön sei; sondern es gibt nur
die Frage, ob irgend eine Anschauung im Völkerleben existiert, und
weshalb sie existiert oder weshalb nicht, ohne dass der individuellen
Wertschätzung einer solchen Sitte oder einer solchen Anschauung irgend
ein Gewicht beigelegt wird. Rückhaltlos unterschreibe ich die Worte
des Bremer Rechtsgelehrten, dem die Aufhellung der Geschichte der
Familie schon so viel verdankt, und der da spricht: „Die individuelle
Wertschätzung ist ein ganz schwankender Faktor, welcher jede streng
wissenschaftliche Behandlung des ethnologischen Gebiets unmöglich
macht. Sittliche Entrüstung des Ethnologen, dass ein Volk ehelos lebt,
dass es dem Kannibalismus huldigt, dass es Menschenopfer bringt, dass
es seine Verbrecher spiesst oder rädert oder seine Hexen und Zauberer
verbrennt, trägt gar nichts zur Lösung ethnologischer Probleme bei; sie
verwirrt nur den Kausalzusammenhang der ethnologischen Erscheinungen,
dem der Ethnologe mit dem kalten Auge eines Anatomen nachzuspüren
berufen ist. Wer imstande ist, von unsinnigen Sitten und unsinnigen
Volksanschauungen zu sprechen, der ist für die ethnologische Forschung
noch nicht reif.“[957]
[906] +S. G. W. Benjamin+. _Persia and the Persians._ Lond. 1887. S.
104.
[907] Dahin gehört unter anderen die von +Lady Montague+ erfundene
Fabel vom sogenannten „Schnupftuchwerfen“. Wenn der Sultan oder
Pascha einer Odaliske seine Gunst erweisen will, so wirft er
angeblich, nachdem die Damen des Harems ihn in reizender Vereinigung
guitarreklimpernd umgaukelt haben, der Erwählten sein Schnupftuch zu.
+Kommt nie vor+. In früheren Zeiten würde die Holde wahrscheinlich
nicht recht gewusst haben, wozu sie das Geschenk gebrauchen sollte; und
jetzt wurde sie es für ein gar zu bescheidenes Zeichen der Anerkennung
halten.
[908] Globus. Bd. XVI. S. 167.
[909] +Maltzan+. Orientalische Haremsstudien, in der „Neuen Freien
Presse“ vom 27. August 1873.
[910] So herrschte z. B. im Harem des Chidiv Ismail Pascha, also des
Krösus unter allen Haremsbesitzern, dessen jährliche Haremsausgaben auf
etwa sechs Millionen Mark veranschlagt wurden, ein gänzlicher Mangel an
jenem Gefässe, welches die Franzosen (euphemistisch) _un vase_ nennen.
So berichtet +Emmeline Lott+. _Harem Life in Egypt and Constantinople._
London 1865. Bd. II. S. 80. Die Feder bleibt stille stehen, wenn man
sich die Folgen dieser Vasenlosigkeit denkt.
[911] +Murad Efendi+. A. a. O. S. 6.
[912] Dr. +Moritz Hoernes+. Dinarische Wanderungen. Kultur- und
Landschaftsbilder aus Bosnien und der Herzegowina. Wien 1888. S. 70.
[913] +Polak+. A. a. O. Bd. I. S. 161.
[914] +Benjamin+. _Persia and the Persians._ S. 31.
[915] Aus Persien. Aufzeichnungen eines Österreichers. Wien 1882. S. 95.
[916] Siehe die hübsche Abbildung: A. a. O. S. 171.
[917] +Hellwald+. Zentralasien. Leipzig 1880. S. 28.
[918] A. a. O. S. 317.
[919] +Kremer+. Kulturgesch. des Orients. Bd. II. S. 125.
[920] Ausland 1863. S. 703.
[921] +Murad Efendi+. Türkische Skizzen. Bd. II. S. 5
[922] +Heinrich Brugsch+. Im Lande der Sonne. Wanderungen in Persien.
Berlin 1886. S. 245.
[923] +Vincenti+. Ehe im Islam. S. 18
[924] +Wills+. A. a. O. & 66. -- +Benjamin+. A. a. O. S. 453.
[925] +Polak+. Persien. Bd. I. S. 215.
[926] +Wills+. A. a. O. S. 67.
[927] +Polak+. A. a. O. S. 226.
[928] +Wills+. A. a. O. S. 63.
[929] +Brugsch+. Im Lande der Sonne. S. 245.
[930] +Murad Efendi+. A. a. O. S. 24-25.
[931] +Benjamin+. _Persia and the Persians._ S. 105.
[932] +Emmeline Lott+. _Harem Life._ Bd. I. S. 225-241.
[933] +Maltzan+ in der Neuen Freien Presse vom 27. August 1873.
[934] +Murad Efendi+. A. a. O. S. 18.
[935] Über Land und Meer 1877. Bd. I. S. 114.
[936] +Murad Efendi+. A. a. O. S. 42.
[937] Über Land und Meer. A. a. O.
[938] Bericht einer ungenannten Dame: „Eine Stunde im Harem“ (Neues
Wiener Tagblatt vom 15. September 1881).
[939] +Hermann Vámbéry+. Der Islâm im neunzehnten Jahrhundert. Leipzig
1875. S. 158-159.
[940] +Moritz Lütke+. Der Islâm und seine Völker. Gütersloh 1878. S.
128-129.
[941] A. a. O. S. 128.
[942] Stambul und das moderne Türkentum. Politische, soziale und
biographische Bilder, von einem Osmanen. Leipzig 1877. Bd. I. S. 191.
[943] +Polak+. Persien. Bd. I. S. 217-218.
[944] Die durch attische Komiker der lesbischen Liebe beschuldigte
griechische Dichterin Sappho hat bekanntlich +Welcker+ reingewaschen.
S. Welcker. Sappho von einem herrschenden Vorurteil befreit. Göttingen
1816.
[945] +Mantegazza+. Anthropologisch-kulturhistor. Studien. S. 98.
[946] +Diderot+, ein freilich in diesem Falle nicht massgebender
Gewährsmann, stellt in seinem zum Teil von empörendem Naturalismus
strotzenden Roman _La religieuse_ die Klöster als Brutstätten des
Tribadismus hin. Wahrer ist, dass jenes widernatürliche Laster
in geheimen Gesellschaften gewisser Grossstädte und in vielen
Privatkreisen ausgeübt wird. Am bekanntesten sind die „alexandrinischen
Gesellschaften“ in der Hauptstadt des prüden England und die
Vestalinnen in Paris. +Adolphe Belot+ hat endlich diesen Stoff zum
Vorwurfe seines berüchtigten Romanes: _Mademoiselle +Girard+, ma
femme_ gemacht. Man vergl. auch über Tribadismus die Bemerkungen
+Mantegazzas+. A. a. O. S. 99-100.
[947] +Döllinger+. Heidentum und Judentum. S. 376.
[948] +Kremer+. Kulturgesch. des Orients. Bd. II. S. 129-131.
[949] +Murad Efendi+. Türkische Skizzen. Bd. II. S. 4.
[950] „Oft sah ich“ -- so berichtet der ungarische Reisende +Vámbéry+
-- „in Tschahrbag Abdullah-Chan, der ausserhalb der Stadt gelegen
ist, Männer jedes Standes und Alters, die mit dem Kopf gegen die Wand
stiessen, sich im Staube wälzten, die Kleider zerrissen, um den Grad
ihrer Neigung dem Wesen kundzugeben, das in der Ferne unter einem Baume
dem Anscheine nach mit einem Buche beschäftigt war. Ich hielt diesen
Ort für verborgen und wunderte mich nicht darüber; wie gross war daher
mein Erstaunen, als ich auf dem Rigistân in jeder Theebude ein solches
Opfer sah, das der Spekulationsgeist, oft des eigenen Vaters, zum
Magneten der Vorübergehenden hingesetzt hatte.“ (+Hermann Vámbéry+.
Reise in Mittelasien. Leipzig 1873. S. 165.)
[951] +Polak+. Persien. Bd. I. S. 237.
[952] +Oskar Lenz+. Timbuktu. Reise durch Marokko, die Sahara und den
Sudan. Leipzig 1884. Bd. I. S. 248.
[953] Ausland 1855. S. 356-358.
[954] Revue d'anthropologie 1878. S. 302.
[955] Näheres bei +Mantegazza+. Anthropologisch-kulturhistorische
Studien. S. 106-113, welcher im kurzen Laufe seiner eigenen Erfahrungen
unter den skandalösesten Anhängern dieser Verirrung einen französischen
Journalisten, einen deutschen Dichter, einen italienischen Politiker
und einen spanischen Rechtsgelehrten kennen gelernt hat, alles Männer
von ausgezeichnetem Geschmack und hoher Bildung!
[956] +Murad Efendi+. Türkische Skizzen. Bd. II. S 4.
[957] +Alb. Herm. Post+. Einleitung in das Studium der ethnologischen
Jurisprudenz. Oldenburg 1886. S. 53.