Die Polyandrie.
Nicht als eine +notwendige+ Fortbildungsstufe des Matriarchats, sagte
ich im vorigen Kapitel, sei die Polyandrie zu betrachten, wohl aber
erhebt sie sich stets auf der Basis des Mutterrechtes und kann als
dessen schärfste Ausprägung angesehen werden. Es verlohnt sich einen
Blick auf die Verbreitung dieser in unseren Augen so widerlichen Sitte
zu werfen. Natürlich kann dabei nur von +geregelter+ Vielmännerei die
Sprache sein, denn ungeregelt fällt sie mit schrankenloser Vermischung
zusammen und liegt auch dem Wesen dessen zu Grunde, was bei sonst
irgendwie geordnetem Geschlechtsverkehr in Ermanglung eines anständig
klingenden Ausdrucks mit dem Fremdworte +Prostitution+ bezeichnet
wird. Von schrankenloser Ungebundenheit unterscheidet sich die
Polyandrie dadurch, dass in letzterer die Frau +ausschliesslich+ mit
mehreren +bestimmten+ Männern verbunden ist, und das Weib den Vater
ihrer Kinder, oder die Sitte den ältesten oder ersten ihrer Gatten
bezeichnet. Innerhalb dieses geregelten Verhältnisses hat man nun
wieder eine +rohere+ und eine +höhere+ Form zu unterscheiden, welche
beide schon aus dem Altertume überliefert werden. Schon damals hat
nämlich die Sitte der Polyandrie bei verschiedenen Völkern bestanden,
besonders bei den Agathyrsen, den südlichen Nachbarn der Skythen, bei
den Liburnern an den Küsten des Adriatischen Meeres und bei einigen
Völkerschaften des alten Britannien. Allerdings unterscheiden die
alten Schriftsteller nicht scharf zwischen freier Vermischung und
geregelter Vielmännerei, so dass die von ihnen beigebrachten Beispiele
mitunter wohl auch, wenngleich gewiss mit weniger Recht, für allgemeine
Weibergemeinschaft beansprucht werden konnten. Ganz besonders gilt
dies von den Agathyrsen, den Mäaten des +Dio Cassius+ und anderen.
+Seylax+ von Caryanda berichtet von den Liburnern, dass die freien
Männer sich von ihren Frauen beherrschen liessen, welche sich mit ihren
Sklaven und den Männern der Nachbarschaft zu paaren pflegten. +Tacitus+
erwähnt Spuren der Polyandrie bei den alten Germanen. Nach +Caesar+ war
dieselbe den alten Britanniern eigen; bei ihnen gehörten die Weiber
zehn bis zwölf Männern, meistens Brüdern, aber auch Vätern und Söhnen
gemeinschaftlich an. Die aus diesen Verbindungen entsprossenen Kinder
wurden demjenigen, welchen die Mutter zuerst besessen, zuerkannt.[472]
+Dio Cassius+ lässt eine britische Frau in Verteidigung ihrer
Landsmänninnen einer Römerin erwidern, dass sie offen mit ihresgleichen
das thäten, was die Römerinnen im geheimen mit unter ihnen Stehenden.
Auch waren die alten Britannier äusserst empfindlich für den Schimpf,
welchen ihnen die Römer angethan, und +Tacitus+ erzählt in seinen
Annalen, dass Boadicea, die Gattin eines Häuptlings der Icenen, als sie
ihre Landsleute zur Abschüttelung des römischen Joches aufforderte,
dieselben daran erinnerte, dass sie selbst mit Rutenhieben geschlagen
und ihre Töchter geschändet worden seien.[473] Daraus liesse sich auf
geregelte Polyandrie schliessen, die eben weit entfernt von Unzucht
ist. Unleugbare Zeugnisse für das Vorhandensein der Vielmännerei
unter den Pikten lassen sich beibringen. Und während in einigen Teilen
Mediens, nach +Strabo+, Polygamie durch bestimmte Gesetze geboten
war, da jeder Mann mindestens sieben Frauen halten musste, hatten in
anderen Provinzen des Reiches die Weiber mehrere Männer und blickten
mit Stolz auf diejenigen herab, welche deren weniger hatten als sie.
Ehe der Islâm dort Eingang fand, schätzten desgleichen die Weiber
Azerbeidschans die Höhe ihrer sozialen Stellung nach der Zahl der
Männer, deren sie sich rühmen durften. Auch die Goten in Transoxiana
übten Polyandrie und die Hindutraditionen weisen ebenfalls darauf
hin. Sie wird sogar zum Teile noch gut geheissen im Gesetzbuche des
Manu, welches den Bruder ermächtigt, die Schwägerin zu befruchten,
und ohne irgend welchen Vorwurf spricht davon das Epos Mahabharata,
dessen Heldin Draupadi die Gattin von fünf Pandavabrüdern war. Als
der König Drupada, Draupadis Vater, seine Unzufriedenheit darüber
aussprach, hielt ihm der älteste der Brüder entgegen, dass Dschatita,
aus der Familie Gautamas, eine vortreffliche Frau, mit sieben Heiligen
zusammengelebt habe, und dass Wrakschi, die Tochter eines „Muni“
(heiligen Gelehrten) mit zehn Männern verheiratet gewesen sei, sämtlich
„Pradscheta“, d. i. Männern, deren Seelen durch Büssungen geläutert
worden. Hier war also die Vielmännerei eine von der Sitte durchaus
gebilligte Satzung.
In uns beträchtlich näher gerückten Epochen wird Polyandrie auch von
den Guanchen auf den kanarischen Inseln gemeldet. Bei der Ankunft
der Spanier auf Lanzarote hatte daselbst eine Frau mehrere Männer,
welche in der Ausübung der Rechte des Familienhauptes wechselten.
Der eine Ehemann ward als solcher nur während eines Mondumlaufes
anerkannt; sofort übernahm ein anderer das Amt und jener trat in
das Hausgesinde zurück.[474] Diese eigentümliche Sitte herrscht
übrigens noch in der Gegenwart in verschiedenen Gegenden Amerikas
und sogar in Afrika, sowie auf einigen Inseln der Südsee, und im
Süden Australiens giebt es Stämme, unter denen nicht nur die Brüder
fast völlige Weibergemeinschaft pflegen, sondern die Frau ihren
Schwager sogar regelrecht als ihren Mitgatten bezeichnet.[475] Für den
Australkontinent ist Polyandrie für die Eingeborenen am unteren Murray
von +Angas+, für die an der Moretonbai von +Lang+, für jene bei Port
Lincoln von +Wilhelmi+ nachgewiesen worden. +Karl Emil Jung+ hat sie
aber während eines mehrjährigen Aufenthalts in Inneraustralien weder am
Murray, Murrumbidschi oder Darling, noch am Cooper und im Seendistrikte
mit Sicherheit finden können.[476] Auch auf einigen Eilanden
Polynesiens tritt die Polyandrie neben der Polygamie auf, in der Weise,
dass in den höheren Klassen die Sitte dem Manne gestattete, so viele
Frauen zu nehmen als er wollte, während den Frauen das nämliche Recht
in Bezug auf die Zahl ihrer Männer zustand. Ist die Frau von höherem
Adel und reicher als der Mann, so hat sie das Recht polyandrisch zu
leben, während sich der Mann den Luxus der Polygamie nicht gestatten
darf.[477] So giebt es auf der Markesasinsel Nukuhiwa die schon einmal
erwähnten weiblichen Häuptlinge „Atapeius“, welche zwei Männer hatten,
deren einem sie schon in früher Jugend vermählt wurden; beide nahm dann
ein reiferer Liebhaber ins Haus. Die Männer lebten ohne Eifersucht
in voller Eintracht nebeneinander.[478] Desgleichen gedenkt +Ellis+
der Vielmännerei gewisser Häuptlingsfrauen auf Tahiti, und eine Art
beginnender Polyandrie bestand auf Hawaii durch Zuführung eines
Cicisbeo, _Punula_ genannt, zum Manne. Neuseeland wird von +Lafitau+,
+Mac Lennan+ und anderen gleichfalls in den Kreis polyandrischer Sitten
einbezogen, doch gelingt es mir, abgesehen von einer Legende, welche
Sir +George Grey+ mitteilt, nicht, glaubhafte Anhaltspunkte dafür
aufzufinden. Im allgemeinen darf man die Vielmännerei in Polynesien
wohl nur als eine ausnahmsweise Erscheinung betrachten, weniger in
Melanesien.[479] So ist es auf den Neuen Hebriden bei der Witwenschaft
eine Art Übereinkommen, dass zwei Witwer mit einer Witwe leben; sie
gehört beiden, ebenso die Kinder.
Zweifelhaft ist auch die Vielmännerei der Aleuten und Korjäken. Von
ersteren berichtet allerdings +Langsdorff+, man finde zuweilen,
dass eine und dieselbe Frau mit zwei Männern lebe, die sich nach
willkürlichen Bedingungen in die gemeinschaftliche Gefährtin ihres
Lebens teilen;[480] doch scheint hier von keiner allgemeinen
Gepflogenheit die Rede zu sein, und heute sind überdies auch solche
Spuren völlig verschwunden. Von den Korjäken weiss man vollends
nur, dass sie, wie andere Nordasiaten auch, dem Gastfreunde Frau
und Tochter zur freien Verfügung stellen, welche merkwürdige Sitte
keineswegs auf Polyandrie hinweist, sondern der Periode der schon
stark ausgebildeten Mannesrechte angehört. Ebensowenig sind die
gesellschaftlichen Zustände der Nordwestamerikaner und Inuitvölker
oder Eskimo geregelte Polyandrie. Unter den Konjagen halten die Frauen
allerdings Nebenmänner, gewissermassen gesetzliche Liebhaber, und die
Eskimo brechen, nach +David Crantz+, ohne Scheu von beiden Seiten die
Ehe, wo sie können;[481] in manchen Gegenden kommen auch wirklich
vereinzelte Fälle von Vielmännerei vor; doch gehören sie nicht zum
guten Tone, daher die Eskimo nicht zu den eigentlichen Polyandristen
zu rechnen sind. In Nordamerika war Vielmännerei bei einigen
Irokesenstämmen gestattet;[482] +Humboldt+ traf sie in Südamerika bei
den Avanos und Maypures am Orinoko, wo oft mehrere Brüder nur eine
Frau besitzen.[483] Im allgemeinen trifft man Polyandrie in der Neuen
Welt bloss vereinzelt. In Afrika begegnet man ihr bisweilen bei den
Herero, nach +Gustav Fritsch+ aus Armut,[484] wogegen nach +Büttner+
eine gewisse Gemeinsamkeit der Frauen herrscht, nicht zwischen allen
Stammesgliedern, sondern nur zwischen Angehörigen gewisser durch einen
Bund geschlossenen Gemeinschaften, der Oma-Pange.[485] In Westafrika
tritt die Vielmännerei in anderer, loserer Form bei reichen und
vornehmen Frauen auf. So leben in Akra reiche Mädchen mit wem sie
wollen, ohne dass ihre Unbeständigkeit Anstoss erregt. Dagegen ist das
willkürliche Verstossen und Ersetzen des Gatten durch einen andern, wie
bei den Fürstinnen in Kongo und Loango üblich, entschieden nicht als
Vielmännerei aufzufassen, welche den geregelten Verkehr +gleichzeitig+
-- nicht nacheinander -- mit mehreren Männern voraussetzt.
Nirgends hat die Polyandrie so weite Verbreitung gefunden als in
Asien, insbesondere in Ostindien und bei den Nachbargebieten,
allerdings weniger bei den Hindu, in deren Adern noch ein schwacher
Bruchteil arischen Blutes fliesst, sondern bei den stammfremden
Urvölkern, sowohl im Dekkan als im Himalaya. Insbesondere sind es die
Bewohner der Nilgherry-Gebirge und unter diesen wiederum der Stamm
der Toda, Tuda oder Tuduvar, in der Umgebung von Ottakamund, welche
strenge Polyandrie üben und seit Generationen eng untereinander sich
verbinden oder heiraten, wenn man dieses Wortes sich bedienen darf.
Es bestehen aber unter ihnen fünf Kasten, und diese heiraten niemals
untereinander. Die Gatten müssen stets derselben Kaste oder Klasse
angehören. Sonst entscheidet aber nur die Neigung, wie Frau +Janssen+
berichtet. Das junge Mädchen bittet ihre Mutter, sie in die erwählte
Familie zu führen; ist dies geschehen, so bezahlt der Bräutigam seinem
Schwiegervater 20-30 Rupien (40-60 Mark), und damit ist die Ehe
geschlossen. Dem Gebrauche gemäss wird die junge Frau zugleich die
Gattin +aller+ Brüder ihres Mannes; ihr erstes Kind gilt als das des
ältesten Bruders, das zweite als das des zweiten und so fort. Diese
Verbindung ist auch keineswegs unlöslich; wenn es der Frau in der
Familie ihres Mannes nicht gefällt, so kann sie dieselbe verlassen,
sich eine andere suchen und dieses Verfahren mehrmals wiederholen.
Der Mann geniesst dasselbe Recht.[486] In dieser Darstellung der
Frau +Janssen+ fällt sicherlich auf, dass der Anstoss zur Heirat vom
Mädchen ausgeht, was auf matriarchalische Sitten hindeutet. Etwas
anders allerdings schildert den Vorgang Oberst +William E. Marshall+,
dem wir ein anziehendes Buch[487] über jenes Hirtenvolk verdanken.
Darnach erlangt der Jüngling die Einwilligung seines künftigen
Schwiegervaters und vereinbart mit ihm den in wenigen Monaten zu
entrichtenden Kaufpreis. Die Heirat ist nunmehr geschlossen, bis auf
die Zustimmung des Mädchens, welches diese von der üblichen Probe
abhängig macht. Die beiden jungen Leute werden nämlich allein in eine
Hütte gesperrt, in welche die Mutter des Mädchens Nahrungsmittel
reicht, und nach vierundzwanzig Stunden giebt das Mädchen, je nach
seiner Zufriedenheit, die Entscheidung kund. Es erscheint also auch
in dieser Fassung immerhin das Mädchen als der wählende, sogar als
der prüfende Teil. Ist in sechs bis zwölf Monaten der vereinbarte
Preis nicht erlegt, so gilt die Heirat als aufgelöst und der Vater
nimmt seine Tochter samt ihrem Kinde zurück, wenn sie eines hat.[488]
Weiteren Angaben des Major +W. Ross King+ zufolge lebt die Todafrau
mit jedem ihrer Männer einen Monat lang. Aus naheliegenden Gründen
herrscht wenig Sympathie zwischen Vater und Kind, was +Marshall+ indes
in Abrede stellt. Von den Mädchen, die geboren werden, lässt man nur
eines am Leben und beseitigt die übrigen durch Erdrosselung, was
+Marshall+ als ein Liebeswerk, das ohne unnütze Härte ausgeübt wird,
entschuldigt. Es giebt also in jeder Todafamilie höchstens eine Tochter
und es erzeugt dies natürlich einen so beträchtlichen Weibermangel,
dass sehr häufig ein junger Mann zu keiner Frau kommen kann. Nach +W.
Ross King+, der drei Jahre unter diesem Volke gelebt und es aufmerksam
beobachtet hat, gestatten dann in solchen Fällen die Brüder-Männer
oder Männer-Brüder, dass auch ein solcher zeitweilig seinen Anteil an
ihrer gemeinschaftlichen Frau erhalte. Der nämliche Gewährsmann fügt
hinzu, dass die Verlobung mit dem ersten Gatten schon in früher Jugend
stattfindet; alle andern Brüder dieses Bräutigams sind von ihrer Geburt
ab an dessen zukünftige Frau gebunden. Nach +Marshall+ muss dagegen
jeder zweite Gatte von beiden Teilen genehmigt werden und den Kaufpreis
des ersten Gatten teilen oder ihm die Hälfte zurückerstatten. Doch kann
der Mann noch mit einem andern Weibe, verheiratet oder nicht, eine Ehe
eingehen. Scheidung ist zu allen Zeiten mit Zustimmung beider Teile
zulässig.[489] Seitdem die Engländer den Kindermord streng untersagt
haben, bekennen sich die Toda, wie +Mantegazza+ berichtet, allmählich
zur Monogamie; auch kannte der italienische Gelehrte einige unter
ihnen, die der Polygamie huldigten.[490]
Ausser bei den Toda herrscht Polyandrie unter den Kurg oder Kudagu
von Maissur, bei welchen indes die Sitte, dass die Weiber mehrerer
Brüder diesen allen gemeinschaftlich angehören, immer mehr in Verfall
gerät, dann unter den Völkern der Malabarküste, von wo der tüchtige
französische Reisende und Beobachter +L. Rousselet+ berichtet: Nachdem
ein Mädchen einen Mann geheiratet, der ihr Beschützer und Ernährer
wird, steht es ihr frei, sich noch eine beliebige Anzahl von andern
Männern zu Gatten zu nehmen, welche es in der That auch sind, während
der erste nur den Namen führt. Polyandrie üben an der Malabarküste
auch die der Brahmanenkaste der Hindu angehörenden Naïr, welche
ursprünglich Soldaten zu sein behaupten. Deshalb will +Peschel+ die
Frauengemeinschaft dieser Kriegerkaste, welcher wie den saporogischen
Kosaken Ehelosigkeit als Ordensgelübde vorgeschrieben war, nicht mit
eigentlicher Vielmännerei verwechselt wissen.[491] Wahr ist, dass die
Polyandrie der Naïr sehr hart an rein matriarchale Zustände streift.
Sie „heiraten“ nämlich, bevor die Braut zehn Jahre alt ist, aber
nach der ersten Nacht wohnt der Mann nie wieder seinem Weibe bei.
Diese lebt in ihrer Mutter Hause oder, nach dem Tode ihrer Eltern,
bei ihren Geschwistern und begattet sich mit irgend einem Liebhaber
oder mit so viel Liebhabern als sie wählt, von gleichem oder höherem
Rang. Die sehr hübschen Naïrweiber sind stolz darauf, Brahmanen,
Radscha und andere hochstehende Personen unter ihren Verehrern zu
zählen. Nach anderen Angaben ist der Verkehr mit einer unbeschränkten
Anzahl von Männern indes nicht immer gestattet, vielmehr auf zehn bis
zwölf beschränkt. In solchem Falle hat die Frau ihr eigenes Haus und
ihre Männer bringen abwechselnd je zehn Tage bei ihr zu. Jeder Mann
kann seinerseits Mitglied mehrerer solcher Bündnisse sein. Natürlich
bedingt die Vielmännerei Verwandtschaft durch das weibliche Geschlecht.
Kein Naïr kennt seinen Vater, und jeder Mann betrachtet die Kinder
seiner Schwester als seine letzten Erben. Er benimmt sich gegen sie
mit derselben Zärtlichkeit, welche Väter in anderen Teilen der Welt
ihren eigenen Kindern zeigen. Eines Mannes Mutter steht an der Spitze
der Familie und nach ihrem Tode übernimmt seine älteste Schwester
die Leitung. Brüder leben fast stets unter einem und demselben Dach,
aber wenn einer sich von den übrigen trennt, so wird ihn stets seine
Lieblingsschwester begleiten. Das bewegliche Eigentum eines Mannes wird
nach seinem Tode unter die Kinder seiner Schwester geteilt; wenn aber
Ländereien vorhanden sind, so fallen diese an den überlebenden Bruder.
Dieses Erbrecht in der weiblichen Linie heisst „_Aliga Santâna_“ oder
„_Marumakkatâyam_“. Die Naïr stehen im Rufe grosser Zügellosigkeit und
Unsittlichkeit; übrigens hat der Mangel an Zurückhaltung bei den Frauen
durchaus keinen nachteiligen Einfluss auf die Bevölkerung, ja es fehlt
hier sogar die spärliche Fruchtbarkeit, wie sie anderen Hindu eigen ist.
Auch die Telugu oder Telinga sind Polyandristen, wie ihre Verwandten,
die Reddi, die Tottiyar und die Mopla oder Mapilla. Bei allen
diesen wird die Jungfrau im Alter von 16-20 Jahren einem Knaben
von fünf bis zehn Jahren angeheiratet und giebt sich sofort den
erwachsenen Verwandten ihres knabenhaften Gatten, den Schwiegervater
mit inbegriffen, hin. Für alle Kinder gilt der angetraute Mann als
Vater, der, wenn er erwachsen, eine gealterte und hässliche Frau sich
gegenüber hat[492] und nun, wie bei den Reddi, zur Entschädigung
wiederum mit der dem unmündigen Sohne gekauften Frau leben mag.[493]
Untrügliche Zeichen, dass Polyandrie noch vor kurzem bestand, finden
sich in Garwhal, einer Landschaft der Nordwestprovinzen, in Sylhet
und Kaschar in Bengalen; sie kommt noch, wie man sagt, vor in den
Siwalikbergen, im Süden von Garwhal, und bei den Khassia in Assam,
am Brahmaputra. Doch sind wir über die Sitten dieser Völker nicht
genügend unterrichtet. Von den Khassia berichtet Oberst +Dalton+ z. B.
bloss: „Sie schliessen ihre Ehen ohne besondere Zeremonieen und lösen
sie eben so leicht.“[494] Der Mann zieht dabei nicht die Frau zu sich
hinüber, sondern tritt als neues Mitglied in Familie und Besitz der
Gattin ein. Bei der sehr einfachen Trennung bleiben die Kinder bei der
Mutter. Ist der Thron erledigt, so geht die Herrschaft auf den Sohn der
Schwester des verstorbenen oder abgesetzten Königs über. Allein alles
dies sind wohl Merkmale oder Überreste matriarchalischer Zustände,
deuten aber nicht notwendig auf Vielmännerei. Auf solche allerdings
bezeichnende Spuren des ehemaligen Mutterrechtes stösst man vielfach
bei den Bergstämmen des Brahmaputrathales. So üben bei den Garo die
Mädchen das matriarchalische Recht, sich ihre Ehemänner zu wählen.
Hat ein Mädchen Gefallen an einem Burschen gefunden, so teilt sie ihm
mit, dass sie an einem versteckten Orte im Walde auf ihn warten würde.
Sie selbst begiebt sich dorthin und nimmt für einige Tage Nahrung
mit. Dort bringt das Paar eine Zeit lang zu, worauf sie in das Dorf
zurückkehren und ihre Vereinigung verkünden. Sollte ein Jüngling aber
sich von seinen Gefühlen hinreissen lassen und einem Mädchen seine
Liebe erklären, so wird das als eine Beleidigung der ganzen Familie
angesehen, welche nur durch Schweinsblut und grosse Mengen Reisbier
ausgetilgt werden kann.[495] Bei den Kotsch oder Koctsch, welche
zweifelsohne zu den ältesten Völkern Indiens gehören, spielen die
Frauen ebenfalls eine grosse Rolle. Sie sind es, welche die Sorge für
die Erhaltung des Eigentums zu übernehmen haben. Nach dem Tode einer
Frau fällt das Eigentum den Töchtern zu und wenn ein Mann heiratet, so
lebt er bei seiner Schwiegermutter und muss den Befehlen derselben,
sowie jenen seiner Frau gehorchen. Heiraten werden von den Müttern
eingeleitet, welche für den Bräutigam zehn Rupien zahlen, während der
letztere nur fünf für die Braut giebt. Wenn der Gatte stirbt, so nimmt
die Frau einen andern. Begeht er Ehebruch, so muss er sechzig Rupien
Busse zahlen und wenn seine Angehörigen dies nicht aufbringen können,
so wird er als Sklave verkauft.[496] Bei den Dafla oder Dophla endlich
ist Vielweiberei und Vielmännerei gleichmässig erlaubt.[497] Stark und
ausgeprägt geht Polyandrie im Schwange in Kaschmir, unter den Kulu, in
Ladakh, in Kistewar und Sirmor, überhaupt in den Gegenden am Himalaya,
welche an Tibet grenzen und vor allem in Tibet selbst.
Zu den Polyandristen des Himalayagebietes zählen vornehmlich
mongolenähnliche, wenn auch in schwachem Masse hinduisierte Stämme,
wie die Bhutia, welche als Hirten in Bhutan an der nördlichen Grenze
von Assam umherziehen. Bei ihnen ist Polyandrie eine gesellschaftliche
Einrichtung, artet aber, wozu sie überhaupt neigt, nach +Mantegazza+
in „freie Liebe“ aus.[498] Auch +Dalton+ versichert: Die Einrichtung
der Ehe scheint bei den Bhutia entweder gar nicht vorhanden oder von
geringem Wert zu sein, denn die Männer kümmern sich um das sittliche
Verhalten ihrer Frauen gar nicht.[499] Weiterhin gegen Westen
fortschreitend, begegnet man der Vielmännerei in Nepal, im Quellgebiete
der Dschamna, im Bezirke von Dschaunsar (Jounsar), bei den Pahari,
den Kulu und den meisten Stämmen tibetischer Rasse, soweit sie dem
Buddhismus anhängen. In Dschaunsar ist, wenn der älteste Bruder
heiratet, die Frau, wie auch meist anderwärts, zugleich die Gattin
seiner jüngeren Brüder, obgleich die Sprösslinge höflichkeitshalber
die Kinder des ältesten Bruders genannt werden. Wenn eine so grosse
Altersverschiedenheit unter den Brüdern einer Familie besteht, dass z.
B. bei sechs Brüdern der älteste schon herangewachsen, die jüngsten
aber noch Kinder sind, so heiraten, wie +Dunlop+ berichtet, die älteren
drei Brüder dann eine Frau, und haben die jüngeren das heiratsfähige
Alter erreicht, so heiraten sie eine andere, beide Frauen aber werden
in gleicher Weise als die Frauen aller sechs Brüder betrachtet.[500]
Zu +Frasers+ Zeiten kostete eine Frau zehn bis zwölf Rupien, für den
Bauer ein Betrag, den er nur schmerzlich erlegte. Mehrere Brüder
kauften sich eine Frau, welche sie übrigens ohne Schwierigkeiten an
Fremde vermieteten. Bei den Pahari herrscht Vielweiberei, daneben
jedoch, beim ärmeren Volke, Polyandrie. Der älteste Bruder heiratet und
alle seine anderen Brüder haben teil an dem Weibe; die Kinder werden
gemeinschaftlich geliebt und gepflegt.[501] Von den Kindern wird bei
den meisten Polyandristen am Himalaya, wie +Hermann von Schlagintweit+
mitteilt, der älteste Gatte der Mutter als Vater, die jüngeren werden
als Onkel angeredet. Von den verheirateten Frauen sagt der genannte
Gewährsmann, dass sie, auch wenn sie nur +einen+ Mann haben, sich
nicht zur Untreue verleiten lassen; die Mädchen dagegen geben sich
einem ausschweifenden Lebenswandel hin.[502] Von den polyandrisch
lebenden Frauen in Kulu bemerkt +J. Calvert+, dass sie mehr durch ihre
Schönheit, als durch ihre Tugend sich auszeichnen,[503] und bestätigend
sagt +Karl Eugen von Ujfalvy+, dass die Reisenden von Kulu die
merkwürdigsten Geschichten zu berichten wissen. Man erzählte ihm sogar,
dass der englische _Assistent-Commissioner_ strengste Vorschriften
hatte treffen müssen, um dem freien Leben der Kuluweiber zu
steuern.[504] Die Ehegenossenschaften im Kululande, wo der Kindermord
an Mädchen Sitte ist, leben übrigens in der besten Eintracht, die
Kinder sprechen von einem älteren und einem jüngeren Vater, und sobald
ein Gatte die Schuhe eines seiner Brüder vor dem Ehegemache erblickt,
weiss er, dass er dasselbe nicht zu betreten hat. Man nennt dieses
Vorhandensein der Schuhe auf der Schwelle _Dschutika tabu_.[505] Wer
fühlt sich da nicht auf das lebhafteste gemahnt an das, was +Herodot+
von den alten Nasamonen berichtet! Übrigens kommen in Kulu in einem
und dem nämlichen Dorfe Fälle von Polyandrie und Polygamie vor. So ist
es auch in Ladakh oder Klein-Tibet, wo die Frau das Vorrecht geniesst,
ausser der Brüdergenossenschaft, der sie als Eigentum verfällt, noch
einen fünften oder sechsten Gatten nach ihrem Geschmack wählen zu
können. Auch hier sprechen die Kinder von einem „älteren“ und von
„jüngeren Vätern“, doch bleiben letztere in einer untergeordneten
Stellung; die Sorge für die Kinder fällt allein dem ältesten zu.
Ladakhs Frauen haben im Verhältnis zu denen Indiens grosse Freiheiten;
sie gehen stets unverschleiert. In Lahul herrscht Vielmännerei, ob auch
in Spiti ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen.
Am verbreitetsten vielleicht ist die Vielmännerei im buddhistischen
Tibet, aber nur in den niederen Volksschichten. Die Frau darf jedoch
mit den Männern, die ebenfalls stets Brüder sind, nicht blutsverwandt
sein. Bei Staatsbeamten, sowie solchen, die nach dergleichen
Ehrenstellen streben, scheint dort das Heiraten etwas Verhasstes zu
sein, als eine schwere Last betrachtet und daher vermieden zu werden.
+Samuel Turner+, den die Ostindische Kompanie 1783 nach Tibet sandte,
meldet nämlich: „Die Häupter der Regierung, die Staatsbeamten und alle,
die es zu werden streben, halten es unter ihrer Würde und nicht für
ihre Pflicht, Kinder zu haben; sie glauben sich dessen überhoben und
überlassen diese Mühe den Männern des Volks. Die Tibeter betrachten
die Heirat als eine verdriessliche Sache und als eine störende und
beschämende Last, welche die Männer einer Familie sich zu erleichtern
trachten müssen, indem sie dieselbe untereinander teilen.“ Im Grunde
genommen war diese Ansicht der Ehe beiläufig auch jene des Apostel
Paulus.
Seltsamerweise ist in Tibet, diesem Kernlande des Buddhismus, die
Eheschliessung ein rein bürgerlicher Akt, an welchem die tibetischen
Priester, die die Gesellschaft der Weiber meiden, keinen Teil haben;
Scheidung ist bei Zustimmung beider Teile statthaft. Der älteste Gatte
ist auch hier für die Kinder der Vater, die jüngeren sind Onkel. Vor
der Ehe kann das Mädchen beliebig über sich verfügen, ohne ihren Ruf
zu gefährden. Mitunter geht die Polyandrie mit Geschwister-Polygamie
Hand in Hand; ein junger Mann, welcher eine ältere Frau nimmt, erhält
nämlich zugleich die jüngere Schwester.
Eine Heimstätte der Vielmännerei ist auch die herrliche Insel Ceylon,
das alte Taprobane, dessen buddhistische Bewohner dieser Sitte früher
in ausgedehntem Masse ergeben waren. Gegenwärtig kommt sie nur noch
bei den singhalesischen Kandhyan vor, einer kräftigen Rasse, welche
im gebirgigen Innern der Insel wohnt und bis in die jüngste Zeit sich
nie mit der Bevölkerung der Ebenen vermischt hat. Sir +James Emerson
Tennent+, dem wir ein umfangreiches und erschöpfendes Werk über Ceylon
verdanken, zweifelt nicht, dass die Vielmännerei dort dereinst ganz
allgemein gewesen und in ein ungemein hohes Alter hinaufreicht.[506]
Die englische Regierung ist seit langem eifrig bemüht sie zu
unterdrücken, ausgetilgt hat sie die Sitte noch nicht.[507] In der
Regel sind die Gatten Verwandte, sehr häufig Brüder. Nicht selten haben
ihrer zwei oder drei eine Frau gemeinschaftlich; es soll jedoch, wie
+Häckel+ berichtet, auch Damen geben, die sich des Besitzes von acht
bis zwölf anerkannten Männern erfreuen. Wenn nun schon die Vielmännerei
im allgemeinen auf ein bedeutendes +moralisches+ Übergewicht der
Frauen hindeutet, so ist die auf Ceylon übliche doppelte Art der
Heirat dafür ein weiterer Beweis: Diese beiden Heiratsmethoden sind
die _Diga_ und die _Bina_. Nur bei der ersteren Form verlässt die Frau
das elterliche Haus, um bei ihrem Gatten zu wohnen; die Frau kann,
wenn sie will, die Trennung verlangen, aber der Mann muss einwilligen,
und dann werden nur die Hochzeitsgeschenke zurückgegeben. Bei der
Bina-Heirat, die auch bei den indischen Kotsch üblich, wohnt dagegen
der Mann im Hause seiner Schwiegereltern und kann jeden Augenblick
fortgeschickt werden, wird überhaupt mit sehr wenig Rücksicht
behandelt. Die Singhalesen sagen, um die Stellung eines solchen Mannes
zu bezeichnen: „Der Bina braucht in die Wohnung seiner Frau nur vier
Dinge mitzunehmen: ein Paar Sandalen, um seine Füsse zu schützen, ein
Talipotblatt, um sich gegen die Sonnenstrahlen zu verwahren, einen
Stab, um sich daran zu halten, wenn er krank ist, und eine Laterne
um sich zu leuchten. Mit diesen Vorsichtsmitteln kann er jede Stunde
des Tages oder der Nacht abreisen“.[508] Der matriarchale Charakter
dieser Bina-Ehe ist unverkennbar. Nicht unmöglich, dass dieselbe einst
auch den Chinesen bekannt gewesen, denn der Strafkodex des Himmlischen
Reiches spricht von „den durch ihre Schwiegerväter aus dem Hause
vertriebenen Schwiegersöhnen“, und bedroht sowohl den Schwiegervater,
wie die etwa an der Austreibung sich beteiligende Frau mit hundert
Rutenstreichen.[509]
Sehr wenig bekannt dürfte es sein, dass polyandrische Gepflogenheiten
im Herzen Europas noch im Schwange gehen. Das Karpatenvölkchen der
Bojken ist trotz Christentum und moderner Gesetzgebung heute noch der
Vielmännerei ergeben. In dem Bewusstsein dieser Stammesangehörigen ist
noch nicht das Gebot +unserer+ Moral erstanden, eine Frau solle bloss
+einem+ Manne angehören. Im Gegenteil, die Vielmännerei herrscht dort
in der Volkssitte so sehr, dass der Ehemann selbst von der Richtigkeit
+dieser+ Moral überzeugt ist und er -- verachtet das Weib seiner Liebe,
wenn sie nur seine Frau allein ist. „Schäme dich, dass du nur einen
Mann hast“ -- diese Äusserung eines Bojken aus der Nähe von Sambor ist
kennzeichnend für die Anschauungsweise des Völkchens.
Über den Einfluss der Polyandrie auf die Sitten des Volks herrschen
sehr abweichende, ja geradezu widersprechende Meinungen. Nach +Turner+
wäre derselbe kein ungünstiger. In Vergleichung mit den südlichen
Nachbarvölkern geniessen die Weiber in der Gesellschaft einen hohen
Rang. Mit den Vorrechten einer unbeschränkten Freiheit verbinden sie
den Charakter der Hausfrau und der Gefährtin der Ehemänner. Nach
Aussage der meisten Reisenden leben die Ehegenossen sehr friedlich
nebeneinander, in keiner Weise von Eifersucht geplagt. +Georg Bogle+
sagt, sie neigten überhaupt wenig zur Eifersucht. Hie und da allerdings
entstehe ein Streit über die Kinder, aber er werde bald beigelegt durch
die Vergleichung der Gesichtszüge mit jenen der Väter -- wiederum
eine Erinnerung an +Herodots+ Mitteilungen über die äthiopischen
Auser -- oder indem man der Mutter die Entscheidung überlässt.[510]
Viel weniger günstig lautet das Urteil anderer Beobachter. Herr +von
Ujfalvy+ sagt, die Polyandrie übe jedenfalls unter den Weibern einen
üblen Einfluss auf Sitte und Geist aus, denn weder in Ladakh noch
in Sultanpur sind sie Muster von ehelicher Treue, und ohne positiv
lasterhaft oder geldgierig zu sein, sind die Frauen dieser Länder
doch sehr gefallsüchtig und flatterhaft.[511] In Südindien ist die
Vielmännerei, nach der Ansicht +Emil von Schlagintweits+, sogar ein
grosses gesellschaftliches Übel, das zu tiefem Herzeleid, Misstrauen,
Eifersucht, Streit und zu Hass bis in den Tod führt, aber von den
Behörden und Missionären vergeblich bekämpft wird, da die geringe
Meinung, welche der Hindu der unteren Stände vom Weibe hegt, und der
Eigennutz der Priester dieser Unsitte Vorschub leistet.[512] -- Ich
weiss nicht ob in diesem Gemälde die Farben nicht etwas allzu grell
aufgetragen sind, zumal bei aller Würdigung der mit Vielmännerei
verknüpften Nachteile gerade die Eintracht in den polyandrischen
Haushaltungen, das Fehlen jeglicher Eifersucht das unverhohlene
Erstaunen der europäischen Reisenden zu erregen pflegt. Ja, die
Polyandrie hat in +Mantegazza+ sogar in gewissem Sinne einen Anwalt
gefunden, der sich eben auf südindische Verhältnisse beruft: „Ich
habe die Polyandrie bei den Toda im südlichen Indien beobachtet und
habe die Frauen bei ihnen viel glücklicher gefunden als bei polygamen
Völkern. Alles was selten ist, wird gesucht und geschätzt, und wenn
die Gewohnheit die Schneide der Eifersucht abgestumpft hat, so trinken
mehrere Männer ohne Widerwillen und Groll aus einer einzigen Schale
der Liebe, während die immer begehrte Frau, die es immer versteht, den
glücklich zu machen, welcher sie sucht, Liebkosungen und Liebesbeweise
mit weisem Masse austeilt. Die Monogamie,“ fährt der italienische
Gelehrte fort, „ist die einzige moralische Form der menschlichen
Gesellschaft, aber wo sie wegen des niedrigen Niveaus einer Rasse nicht
möglich ist, da hundertmal lieber eine polyandrische, als eine polygame
Rasse, so sehr dies auch unsern Stolz als Männer demütigen mag“.[513]
Aus der in diesem Kapitel versuchten Schilderung der verschiedenen
polyandrischen Zustände lassen sich, wie ich eingangs erwähnte, zwei
Formen der Vielmännerei herausschälen: eine rohere und eine höhere.
Kennzeichnend für letztere ist das verwandtschaftliche, in der Regel
das Bruderverhältnis der Gatten; man kann sagen, nicht der einzelne,
sondern die Familie beweibt sich, nimmt eine Frau. Hat ein Mann keine
Brüder, so muss er sich mit andern Männern vergesellschaften und nur
dann kann er heiraten; andernfalls bleibt er Junggeselle sein Leben
lang.[514] Roher ist jedenfalls die Form, wo das Weib sich beliebige
Gatten wählt. Beide Arten Vielmännerei treten aber sowohl neben
endogamen, als exogamen Gewohnheiten auf, wie ja auch das die Grundlage
bildende Matriarchat sich gleichfalls schon der ursprünglichen
Endogamie entwunden hat und auch im Bereiche der Exogamie erscheint.
Überall nun, wo die Polyandrie zur zweiten, höheren Stufe aufgestiegen,
ist auch schon zumeist die agnatische Erbfolge üblich, ohne dass das
Kind seinen wirklichen Vater zu bezeichnen im stande wäre. Wo dagegen
die Gatten untereinander durch keine Verwandtschaftsbande verknüpft
sind, wie bei den Naïr, dauert die mütterliche Erbfolge fort.[515]
In Indien will man die interessante Erfahrung gemacht haben, dass,
wo Polyandrie herrscht, die männlichen, wo Polygamie dagegen, die
weiblichen Geburten an Zahl grösser seien, so dass sich gewissermassen
die Natur den menschlichen Satzungen anzubequemen scheine.[516] Auf
Ceylon z. B. sollen auf je zehn Knaben bloss acht bis neun Mädchen
zur Welt kommen. Da aber in den Haremen Siams nach +Campbell+ Knaben
und Mädchen in den gleichen Zahlenverhältnissen geboren werden,
wie bei monogamen Verbindungen, so hält +Peschel+ den obigen Satz
für widerlegt, zumal auch die Erfahrungen der Tierzüchter dieser
Vermutung nicht günstig sind.[517] Desgleichen hat Dr. +Dusing+ eine
Menge Thatsachen zusammengetragen, welche seiner Aufstellung viel
Wahrscheinlichkeit verleihen, dass bei anormalen Sexualverhältnissen
stets mehr Wesen jenes Geschlechtes geboren werden, an denen es
mangelt, so dass mit Hilfe dieser Eigenschaft das Verhältnis der
Geschlechter sich von selbst regelt.[518] Dies schliesst nicht aus,
dass ein Missverhältnis +künstlich+ hervorgerufen werden kann, wie
dies z. B. durch systematischen Mädchenmord bei einzelnen Rassen
oder Stämmen thatsächlich geschieht. Unzweifelhaft leistet aber
Weibermangel der Vielmännerei Vorschub. Die aus der Koromandelküste
nach Malakka, Singapur, Java u. s. w. auswandernden tamulischen Kling
z. B. bringen nur wenig Frauen mit und deshalb ist auch Polyandrie bei
ihnen allgemein.[519] Auf Mallicollo, einer der Neuhebriden, ist ein
solcher Mangel an Weibern, dass zuweilen je zwei Männer nur eine Frau
besitzen.[520]
Im übrigen wird der Ursprung der für den Europäer so befremdenden
und widerwärtigen Sitte der Polyandrie von den meisten auf
Sparsamkeitsrücksichten zurückgeführt. In Tibet, in Kulu u. s. w.
sind die bebaubaren Bodenstrecken von sehr geringer Ausdehnung; der
Besitz ist demnach ein sehr beschränkter und würde, infolge einer
fortgesetzten Teilung, sich so vermindern, dass er in kürzester Zeit
nicht mehr im stande wäre, den Besitzer zu ernähren. So ist also nach
+Harcourt+ und +Rousselet+ die Polyandrie eine rein nationalökonomische
Einrichtung. Dieser Meinung pflichten auch +Frederick Drew+, +Hermann
von Schlagintweit+, +Karl von Ujfalvy+, Dr. +H. W. Bellew+ zu, welch
letzterer die Vielmännerei in Kaschmir ebenfalls aus der geringen
Ausdehnung des bewohnbaren Bodens erklärt,[521] und auch +Mantegazza+
sieht in ihr fast immer eine Folge von Armut; sie ist ihm zufolge dem
ganz malthusischen Bedürfnisse entsprungen, die starke Vermehrung
der Bevölkerung zu beschränken.[522] In vielen Fällen mag man diese
Begründung gelten lassen, zu einer allgemeinen, befriedigenden
Erklärung der Sitte reicht dieselbe meines Erachtens nicht aus. Ich
befinde mich hier in Übereinstimmung mit +Herbert Spencer+, welcher
die Vielmännerei ebenfalls nicht auf Armut zurückführen will, obgleich
letztere, wie er einräumt, in gewissen Fällen Ursache ihrer Fortdauer
und ihrer Ausbreitung gewesen sein mag.[523] Ceylon ist zwar auch ein
armes Land und ein schlechter Ackerboden,[524] aber es sind vornehmlich
die reicheren Stände, welche dort Vielmännerei üben,[525] und die
Balti in Tibet haben als Muhammedaner die Polyandrie mit der Polygamie
vertauscht, obschon sie dieselben ökonomischen Gründe für die erstere
hätten, wie die Tibeter und Ladakhi, denn der anbaufähige Boden ist
sehr beschränkt.[526] Sir +John Lubbock+ erblickt in der Polyandrie
eine ausnahmsweise Einrichtung, die gewöhnlich die Beseitigung der
Übelstände bezweckt, welche da entspringen, wo bei ursprünglich
herrschender Monogamie ein grosser Mangel an Frauen ist.[527] Gewiss
ist dies ebenfalls ein ins Gewicht fallender Gesichtspunkt, und
+Mantegazza+ erkennt denselben an, wenn er sagt: Die Polyandrie kann
nur in einem Lande als normale und beständige Form der menschlichen
Familie herrschen, wenn sie durch den Mord der neugeborenen Mädchen
unterstützt wird.[528] Diese Einschränkung schiesst allerdings über
das Ziel hinaus, insofern Mädchenmord durchaus kein regelmässiger
Begleiter polyandrischer Zustände sein muss. +Mantegazza+ selbst weiss
nichts davon bei den polyandrischen Bhutia; in Ladakh hat +Drew+
trotz aller Nachforschungen nichts über allenfalsige Mädchenmorde
erfahren können. Andrerseits wütet diese Sitte unter den Radschputen,
und diese sind keine Polyandristen. Mag nun auch Armut des Boden
einerseits, natürlicher Mangel an Frauen andererseits immerhin
das seinige zur Entwicklung der Vielmännerei beigetragen haben,
ihre wahre Grundlage ist eine tiefere; sie wurzelt in +älteren+
Verhältnissen. +Lipperts+ Verdienst ist es, als kulturgeschichtlich
unrichtig aufgedeckt zu haben, dass auch innerhalb endogamischer
Zustände das Prinzip der Blutsverwandtschaft ursprünglich auch
dasjenige der Konnubialgrenzen begründet habe. Im Gegenteile beruhte
auf der Idee der Blutsverwandtschaft diejenige der Berechtigung zum
Geschlechtsverkehre in unbeschränktestem Masse. „Es sind vielmehr
wiederum nur die Generationsschichten über und untereinander, deren
Scheidemarken sich, wie nach vielen anderen Richtungen hin, so auch in
den konnubialen Verhältnissen allmählich geltend machen, wohingegen
Geschlechtsverbindungen innerhalb derselben Generationsschicht,
zwischen Brüdern und Schwestern, nicht nur keine Beschränkung erleiden,
sondern vielmehr als der absolut normale Zustand gelten.“[529] Und
auf diesen Untergrund weist die Mehrzahl der Fälle bis heute noch als
Volkseinrichtung erhaltener Polyandrie zurück. Im Grunde sagt nichts
anderes auch +Herbert Spencer+, wenn er „die Polyandrie als eine der
Formen von ehelichen Beziehungen betrachtet, welche sich aus den
ursprünglichen ungeregelten Zuständen hervorarbeiten, und zugleich
als eine Form, die sich noch da erhalten hat, wo andere mit ihr
wetteifernde Formen von den Umständen nicht begünstigt wurden und sie
daher noch nicht zu beseitigen vermochten.“[530]
[472] _Uxores habent deni duodenique inter se communes et maxime
fratres cum fratribus parentesque cum liberis; sed si qui sunt ex his
nati, eorum habentur liberi, quo primum virgo quoque deducta est._
(+Caesar+, _de bello gall._ lib. V. cap. 14.)
[473] _Iam primum uxor ejus_ (des Häuptlings) _Boudicca verberibus
adfecta ed filio stupro violatae sunt_, schreibt +Tacitus+. Annales
lib. XIV. cap. 31 und weiterhin, cap. 35, will +Boadicea+ „_confectum
verberibus corpus, contrectatam filiarum pudicitiam ulcisci. Eo
provectas Romanorum cupidines, ut non corpora, ne senectam quidem aut
virginitatem inpollutam relinquant._“
[474] +Humboldts+ Reise in die Äquinoktialgegenden. Bd. I. S. 56.
[475] +Peschel+. Völkerkunde. S. 228.
[476] Globus. Bd. LII. S. 91.
[477] +Mantegazza+. Anthropologisch-kulturhistorische Studien. S. 319.
[478] +Waitz-Gerland+. Anthropologie d. Naturvölker. Bd. VI. S. 128.
[479] +Ratzel+. Völkerkunde. Bd. II. S. 276.
[480] +Langsdorff+. Bemerkungen auf einer Reise um die Welt. Bd. II. S.
63.
[481] +David Crantz+. Historie von Grönland. Barby und Leipzig 1765.
Bd. I. S. 207-212.
[482] +Lubbock+. Entstehung der Zivilisation. S. 115.
[483] +Humboldts+ Reise in die Äquinoktialgegenden. Bd. IV. S. 103.
[484] G. +Fritsch+. Die Eingeborenen Südafrikas ethnographisch und
anatomisch. Breslau 1873. S. 227.
[485] +Ratzel.+ Völkerkunde. Bd. I. S. 343.
[486] Globus. Bd. XLIII. S. 371.
[487] +William E. Marshall+. _A Phrenologist amongst the Todas; or the
Study of a primitive tribe in South India: History, Character, Customs,
Religion, Infanticide, Polyandry, Language._ London 1873.
[488] _Revue d'Anthropologie_ 1874. S. 127.
[489] _Revue d'Anthrop._ A. a. O.
[490] +Mantegazza+. Indien. Jena 1885. S. 120.
[491] +Peschel+. Völkerkunde. S. 222.
[492] +Emil von Schlagintweit.+ Indien in Wort and Bild. Leipzig 1880.
Bd. I. S. 100.
[493] Zeitschrift für Ethnologie. Berlin 1874. S. 388.
[494] +Dalton.+ Beschreibende Ethnologie Bengalens. Deutsch bearbeitet
von Oskar Flex. Berlin 1875. S. 37.
[495] +Dalton+. A. a. O. S. 41.
[496] A. a. O. S. 50.
[497] A. a. O. S. 22. Oberst +Dalton+ erzählt diesbezüglich folgende
bezeichnende Anekdote: Ein hübsch aussehendes Daflamädchen kam eines
Tages nach Lackinpur, warf sich ihm zu Füssen und flehte in höchst
poetischen Ausdrücken um seinen Schutz. Sie war die Tochter eines
Häuptlings und sollte die Frau eines Freundes ihres Vaters werden,
der schon mehrere Frauen hatte. Sie wollte aber nicht eine von vielen
sein. Ausserdem gestand sie Dalton, dass sie liebe und wieder geliebt
werde und mit ihrem Anbeter geflohen sei. Dalton beruhigte das Mädchen
und schickte nach ihrem Begleiter. Wie erstaunte er aber, als der Bote
nicht einen, sondern +zwei+ Geliebte brachte. Das Mädchen hatte sich
von zwei jungen Burschen entführen lassen.
[498] +Mantegazza+. Indien. S. 193.
[499] +Dalton+. A. a. O. S. 52.
[500] Ausland 1860. S. 840.
[501] +C. F. Gordon-Cumming+. _In the Himalayas and on the Indian
Plains._ London 1884. S. 406.
[502] +Hermann von Schlagintweit+. Reisen in Indien und Hochasien. Jena
1871. Bd. II. S. 47-48.
[503] +J. Calvert+. _Kulu and the Silver Country of the Vazeers._
London 1873. S. 32.
[504] +Karl Eugen von Ujfalvy+. Aus dem westlichen Himalaya. Erlebnisse
und Forschungen. Leipzig 1884. S. 37.
[505] A. a. O. S. 36.
[506] Sir +James Emerson Tennent+. _Ceylon; an account of the island,
physical, historical and topographical._ London 1859. Bd. II. S. 428.
429.
[507] +Ernst Häckel+. Indische Reisebriefe. Berlin 1884. S. 240.
[508] Ausland 1851. S. 657.
[509] +A. Giraud-Teulon+. _Les origines de la famille._ Genève u. Paris
1874. S. 157.
[510] _Narrative of the Mission of George Bogle to Tibet, and of the
journey of Thomas Manning to Lhasa. Edited by Clements R. Markham._
London 1876. S. 122.
[511] +Ujfalvy+. Aus dem westlichen Himalaya. S. 37.
[512] +Schlagintweit+. Indien in Wort und Bild. Bd. I. S. 100.
[513] +Mantegazza+. Anthropologisch-kulturhistor. Studien. S. 320.
[514] +Abel de Rémusat+. _Naw. Mélanges asiatiques._ Paris 1829. S. 245.
[515] +Giraud-Teulon+. A. a. O. S. 148.
[516] Ausland 1865. S. 285.
[517] +Peschel+. Völkerkunde. S. 221.
[518] Dr. +Karl Dusing+. Die Faktoren, welche die Sexualität
entscheiden. Jena 1883. S. 18. 33.
[519] Globus Bd. XXV. S. 379.
[520] +M. Eckardt+. Der Archipel der Neuhebriden (Verhdl. d. Ver. f.
naturwiss. Unterhaltung in Hamburg. Bd. IV. Oktob. 1879. S. 21).
[521] +H. W. Bellew+. _Kashmir and Kashgar. A Narrative of the journey
of the embassy to Kashgar_ in 1873-74. London 1885. S. 118.
[522] +Mantegazza+. A. a. O. S. 318.
[523] +Herbert Spencer+. Die Prinzipien der Soziologie. Deutsch von B.
Vetter. Stuttgart 1887. Bd. II. S. 246.
[524] S. W. Baker. _Eight years' Wanderings in Ceylon._ London 1855. S.
61.
[525] +Tennent+. Ceylon. Bd. II. S. 428.
[526] Dr. +Konrad Ganzenmüller+ im Globus. Bd. XXXVIII. S. 77.
[527] +Lubbock+. Entstehung der Zivilisation. S. 118.
[528] +Mantegazza+. A. a. O. S. 319.
[529] +Lippert+. Kulturgesch. Bd. II. S. 10.
[530] +Herbert Spencer+. A. a. O.