Naturmensch und Urmensch.
Von dem eigentlichen Urzustande der Menschheit -- so habe ich schon
vor Jahren an einem andern Orte ausgeführt[31] -- vermögen wir uns
kein zutreffendes Bild zu entwerfen, da es uns hierzu an jeglichem
Anhaltspunkte oder Vergleiche gebricht. Selbst die rohesten Wilden der
Gegenwart haben augenscheinlich einen höheren Gesittungsrang errungen,
als man dem Urmenschen zusprechen kann. Überall finden sich dermalen
mehr oder weniger entwickelte gesellschaftliche Gliederungen, irgend
eine wenn auch noch so rohe Vorstellung von einer Gottheit, endlich
gewisse Künste, ja sogar Luxusgewerbe, und ein Schatz von Dichtungen.
Kurzum man hat erkannt, dass es wirklich wilde Völker +nicht+ giebt;
nicht einmal aussprechen lässt sich, welches Volk auf Erden überhaupt
am tiefsten, d. h. dem Naturzustande am nächsten stehe. Zwar liest
man oft von diesem oder jenem Stamme, er befinde sich auf der denkbar
niedrigsten Stufe und erhebe sich kaum über die Tierheit; stets
fand sich aber auch ein Verteidiger, welcher den Angeschuldigten
nach Kräften und auch nicht erfolglos von dem ausgesprochenen
Verdachte reinigte und um etliche Staffeln der Gesittungsleiter
emporrückte, indem er zu seinen Gunsten diese oder jene übersehene
Sitte, Einrichtung oder Geistesäusserung beibrachte. Gewiss muss
unter den jetzt lebenden Völkern eines den tiefsten Rang einnehmen,
welches es ist, lässt sich aber mit Bestimmtheit nicht sagen. Nur
ganz im allgemeinen kann man durch Abschätzung und Vergleichung der
Kulturunterschiede bei einzelnen Stämmen die Überzeugung gewinnen,
dieses Volk stehe höher oder tiefer als jenes. So ist denn auch
die vielgebrauchte Bezeichnung „Naturvölker“ im Gegensatze zu
den „Kulturvölkern“ eine den thatsächlichen Verhältnissen nicht
entsprechende, insoferne als jene keineswegs mehr im Naturzustande
leben. Nur in dem Sinne darf man von Naturvölkern sprechen, als sie
in der Regel mit dem sich begnügen, was die Natur ihnen unmittelbar
und freiwillig darbietet, sie daher ganz von deren Laune abhängen.
Sie sind aber, so weit sich heute absehen lässt, nicht ohne jegliche
Gesittung, nicht kulturlos, sondern nur kulturarm. Nirgends giebt es
da schroff gezogene Grenzen, überall vielmehr zahlreiche Schwankungen
und Abstufungen, nicht bloss zwischen, sondern auch innerhalb der
aufgestellten Gruppen, so dass insbesondere das Bereich der gesitteten
Menschheit von der ungesitteten durch Grenzpfähle sich nicht abscheiden
lässt. Auch so viel haben die neueren ethnologischen Forschungen
festgestellt, dass keinem der heute auf Erden lebenden Menschenstämme
die geistige +Anlage+, sich auf höhere Zustände emporzuschwingen,
abgesprochen werden darf. Es entspricht den Thatsachen, +aktive+ und
+passive+ Rassen zu unterscheiden; aber, wie +Lippert+ sehr richtig
bemerkt, in jeder Rasse, in jedem Volke, in jeder Menschengruppe werden
sich Typen aus beiden Gattungen finden,[32] und nur das durch Zuchtwahl
beeinflusste Überwiegen des einen oder des anderen wird dem Ganzen
seine Eigenart als vorherrschendes Merkmal aufdrücken.
Die unter den zahlreichen Menschenstämmen der Gegenwart und der
Vergangenheit -- so weit wir davon Kunde besitzen -- unleugbar
obwaltenden Abstufungen gestatten nun, an ihnen bis zu einem gewissen
Grade der Wahrscheinlichkeit die Entwicklungsgeschichte der ganzen
Menschheit zu studieren. Unter den Wilden, und selbst unter den
allerrohesten, bei denen unter den an die Oberfläche tretenden
ursprünglichen, tierischen (primären) Instinkten kaum noch die
Keime zu den jüngeren edleren Regungen zu erkennen sind, lässt sich
lernen, wie unser Geschlecht allmählich zum menschlichen Dasein
sich emporgearbeitet und die Grundlagen der Gesittung erworben
hat. Dieser Fortschritt hat sich nicht lückenlos, sondern oft mit
langen Stillständen, selbst mit vereinzelten, durch äussere Ursachen
veranlassten Rückfällen vollzogen; immerhin ist gestattet den Weg
der Menschheit rückwärts bis zu seinem Ausgangspunkt zu ahnen, den
man frühestens in die Tertiärzeit und an die äusserste Grenze des
Tierreichs verlegen darf, an jene denkwürdige Stelle, wo aus dem
höchstbegabtesten Lebewesen der vermutlich sprachlose Urmensch ganz
allmählich, +ohne jeglichen Sprung+, sich entwickelte. Es ist hier
nicht meine Aufgabe, dem freundlichen Leser ein der allgemeinen
Kulturgeschichte angehöriges Gemälde dieser Vorgänge im Lichte des
wissenschaftlich Möglichen zu entrollen; nur Bruchteile des gesamten
Kulturlebens, Familie und Ehe, sollen in diesem Buche Gegenstand der
Betrachtung sein. Doch ist es unthunlich, dieselben aus dem Ganzen
derart loszulösen, dass die dasselbe beeinflussenden Meinungen nicht
auch für sie massgebend wären. Es darf daher nicht verschwiegen
bleiben, dass der eben kurz angedeutete entwicklungsgeschichtliche
Gedanke (dessen Durchführung in grossem Massstabe durch die ganze
Menschheitsgeschichte zuerst, schon vor Jahren, versucht zu haben
ich vielleicht wähnen darf), trotz des Anklanges, den er bei
unbefangenen Denkern und Freunden der naturwissenschaftlichen
Methode gefunden, durchaus nicht nach jedermanns Geschmack ist. Die
Gegner sind namentlich auf dogmatischer Seite zu suchen, welche an
dem biblischen Berichte von der ursprünglichen Paradiesesunschuld
und dem darauffolgenden Sündenfalle festhält, welche die
Bevorzugung des Urmenschen in Form göttlicher Belehrung oder einer
ausserordentlichen Führung bis zur Möglichkeit der eigenen Fortbildung
für „unvergleichlich anmutiger“ und „wissenschaftlich annehmbarer“
erachtet, als die „Herabwürdigung“ desselben zum tierischen Urerzeuger.
Diese von ihrem Glaubenseifer völlig berauschte Schule erblickt auch
in den kulturarmen, geschichtslosen Stämmen der Gegenwart nicht
zurückgebliebene, sondern von ihrer uranfänglichen Reinheit in ihre
dermaligen „Laster“ versunkene Menschen und spricht unter Berufung auf
die ganz unerweisliche, leere Behauptung: _philosophia quaerit, religio
possidet veritatem_ der modernen Forschung das Recht ab, aus den bei
den heutigen Wilden herrschenden Sitten und Empfindungen Schlüsse auf
noch ältere Zustände, auf die Urzeit und den Urmenschen zu ziehen.
Obwohl das Beharren bei diesem dogmatischen Gesichtspunkte in vielen
Stücken lediglich subjektive Geschmackssache ist, die mit ernstem
Forschen nach wissenschaftlicher, objektiver Wahrheit nichts gemein
hat, scheint doch eine tiefere Begründung der für uns massgebenden
Ansichten an dieser Stelle geboten.
Was gegen dieselben von den Bibelgläubigen vorgebracht wird, hat
mit grossem Fleiss und Geschick Dr. +Wilhelm Schneider+ in seinem
zweibändigen Werke[33] zusammengetragen. Zweierlei soll erhärtet
werden: dass auch der allerroheste Wilde, sowohl leiblich wie geistig
und sittlich, noch hoch über dem höchsten Tiere stehe; dann aber
dass die Naturvölker „entartet“ und die Voraussetzung unbewiesen und
unbeweisbar sei, dass die rohesten Wilden dem menschlichen Urzustande
am nächsten stünden:[34] „Nein, auf gleichem Niveau mit den Zuständen
der äussersten Wildheit (d. i. die Entartung) ist die Bildungsstufe
unserer Stammeltern nicht gelegen,“[35] ruft Dr. +Schneider+ aus. Für
alle Anhänger der +Darwin+schen Entwicklungslehre bedarf die erstere
der beiden Behauptungen keines Beweises; es heisst das offene Thüren
einstossen. Ein anderes ist es mit der angeblichen „Entartung“ der
Naturvölker, welche auch von einem Gesinnungsgenossen +Schneiders+,
dem Oberlandesgerichtsrat Dr. +Karl Schmidt+ in Kolmar, verfochten
wird.[36] „In geschichtlicher Zeit,“ sagt dieser, „sind bekanntlich
manche Völker, die einst eine hohe Bildungsstufe einnahmen, später
in Barbarei gesunken, und kein Grund nötigt zu der Annahme, dass
eine derartige Entartung der Völker in vorgeschichtlicher Zeit nicht
vorgekommen sei. Es kann daher nicht angenommen werden, dass in
vorgeschichtlicher Zeit sämtliche Völker vom Zustande der Roheit zu dem
der Gesittung vorgeschritten seien.“ Die letztere Schlussfolgerung ist
unzulässig. Die Geschichte bewahrt uns +kein+ Beispiel, dass jemals ein
Volk von der erreichten Gesittungshöhe +von selbst+ herabgestürzt wäre.
Wo je Völker in Barbarei versanken, da deckt sie auch die Ursachen des
Rückfalles auf, welche ausnahmslos in +äusseren Anstössen+ zu suchen
sind. Zumeist sind es die Berührungen mit niedrigeren Kulturelementen,
wie sie die Blutmischungen mit roherem Volkstume am heftigsten mit sich
brachten, welche den Verfall bewirken. Die Völker gingen ihrer eigenen
ethnischen Reinheit verlustig und zwar in immer fortschreitendem
Masse, bis sie sich endlich völlig verflüchtigten und oft nichts als
ihren Namen der Nachwelt hinterliessen. So sind sie denn auch als
Volksindividuen verschwunden, die Ägypter, Perser, Hellenen und Römer
des Altertums und wie sonst die übrigen Kulturvölker hiessen, wenn
nicht vollkommen hinweggespült und verschlungen von der barbarischen
Flut, so doch zersetzt, umgestaltet fast zum Nimmererkennen oder in
ihren schwachen Resten, wie etwa die Kopten, den Einwirkungen einer
erdrückenden Mehrheit preisgegeben. Eine tiefgehende Umgestaltung
verursachen unbestritten auch die Berührungen der hochgestiegenen
Weissen Europas mit den Farbigen anderer Erdteile, und diese
Umgestaltungen sind desto nachhaltiger, je andauernder sie sind. Von
ihren Zuständen +vor+ der Bekanntschaft mit den Europäern sind diese
Völkerschaften ohne alle Frage „entartet“, wenn man damit vermehrten
Kulturgewinn bezeichnen darf. Denn wie grauenhaft und empörend ihre
Misshandlungen sein und gewesen sein mögen, nirgends auf Erden lässt
sich der Nachweis führen, dass die heute lebenden Vertreter dieser
Völker auf einer niedrigeren Stufe der Gesamtkultur stünden, denn vor
diesen Berührungen. Allemal noch ward die Einbusse in den sittlichen
Eigenschaften durch Erweiterung des geistigen Horizonts, durch die
Entwicklung der jüngeren Instinkte grösserer Lebensfürsorge und die
Häufung materieller Güter schliesslich mehr denn aufgewogen. Nach
absteigender wie nach aufsteigender Richtung lassen sich also die
Ursachen der jeweiligen „Entartung“ erkennen, so dass nicht das
leiseste Recht vorliegt, eine solche dort vorauszusetzen, wo sich keine
Spur einer Begründung dafür beibringen lässt. Wir müssen daher den im
Glaubenstaumel befangenen Gegnern den Nachweis thatsächlich erfolgter
Entartung geschichtloser und gar vorgeschichtlicher Völker zuschieben
und, so lange dieser nicht erbracht ist, an der Meinung festhalten,
dass wir von Barbaren abstammen.[37]
Ehe man der Lehre vom „Sündenfalle“ beipflichten und unsere Kulturarmen
als durchweg Gesunkene betrachten könnte, müsste man auch genau den
„kulturlichen Urbesitz“, die Gesittungsstufe kennen, von welcher
sie auf ihren späteren Zustand herabgesunken sind. Welches dieser
Urbesitz, diese Urgesittung gewesen, kann ehrlich niemand sagen. Die
Glaubensstarken allerdings lassen unter deren Schätzen Religion und
Sittenreinheit glänzen, womit freilich der Urbesitz nicht erschöpft
sein kann, weil die beiden genannten Eigenschaften, so wichtig sie
sind, nicht ausreichen, um durch sie das Aufsteigen zur geschichtlichen
Kultur zu erklären. Aber selbst diese unzulänglichen Güter, woher
+weiss+ man denn, dass sie bestanden? Wo liegen die Beweise für
eine einst „bessere“ Zeit? Wissenschaftlich sind deren keine vorhanden,
es kann also die angedeutete Annahme nur Glaubenssache sein. Zu
+wissen+, was „im Plane der göttlichen Weltregierung“ liegt, ist
ein ausschliessliches Vorrecht gläubiger Gemüter. Die Wissenschaft,
welche in ihrer nüchternen Betrachtungsweise Gut und Böse mit gleichem
Interesse behandelt, kennt solche Unbescheidenheiten nicht. Sie
behauptet nicht zu +wissen+, was in der Urzeit war und wofür sie
über keine Beweise verfügt; wenn sie mit der Fackel des Erkannten das
vorgeschichtliche Dunkel zu erleuchten versucht, so spricht sie doch
nur Vermutungen aus, die sie durch den natürlichen Zusammenhang der
Dinge zu Wahrscheinlichkeiten zu erheben sich bestrebt. Weiter geht
ihr Verlangen nicht und kann auch nicht gehen, weil dies vollständig
genügt. Es ist demnach eine unbedingt zurückzuweisende Unterstellung,
dass die „gelehrte Dichtung“, wie ein +Virchow+ die Darstellung
der Urgeschichte im Lichte der Entwicklungslehre zu bezeichnen
beliebte,[38] als wissenschaftlich gesicherte Wahrheit verkündet
werde.[39] Vielmehr betont jeder aufrichtige und gewissenhafte
Forscher, dass er über die Grenzen des positiv Erkannten nur Hypothesen
vortragen könne; aber Hypothesen aufzustellen, ist ein unantastbares
Recht der Wissenschaft, sie zu stützen und zu begründen ihre Pflicht,
und wenn es ihr gelingt, eine derselben zu bis an die Grenzen der
Gewissheit streifender Wahrscheinlichkeit zu erheben, so mag dies
allerdings vielen sehr unbequem sein, doch trifft die Forschung dafür
wahrlich keine Schuld.
Es ist ein verdienstvolles Unternehmen die Kulturfähigkeit des
Menschen, die geistige und seelische Ebenbürtigkeit aller Völker
den Zweiflern gegenüber zu verfechten, die indes keineswegs in den
Reihen der Anhänger +Darwins+ zu suchen sind. An der Einheit des
Menschengeschlechts festhaltend, geben diese vielmehr willig zu, dass
in allen Menschen die +Anlagen+ zu höherer Gesittung schlummern,
und sie müssen dies folgerichtig schon deshalb einräumen, weil sie
eben schon im Tiere so manche edlere Anlage erkennen wollen. Ohne dass
deshalb die Schranke zwischen Mensch und Tier falle, ist es indes nicht
weniger wahr, was ja auch die Dogmatiker anerkennen, dass je geringer
der Grad der Kultur, um so mehr der Habitus in vielen Beziehungen dem
tierischen sich nähere. „Wie die Domestikation auf das Tier einwirkt,
so die Zivilisation auf den Menschen,“[40] die, wie ich seinerzeit
bemerkte, nichts anderes ist als die „Zähmung“ der ursprünglichen
Wildheit. Man kann sich nun noch so viele Mühe geben darzuthun,
dass die Schreckbilder der Menschheit, als welche man abwechselnd
Australier, Tasmanier, Eskimo, Botokuden, Feuerländer, Hottentotten
und Buschmänner, Weddah und Minkopie hinstellen wollte, weit besser
seien als ihr Ruf, dass ihr leibliches Aussehen nicht so sehr abweiche
von jenem der Kulturmenschen, die Thatsache ist nicht hinwegzuräumen,
dass es unter ihnen ausserordentlich hässliche Exemplare der Gattung
_Homo_ giebt, und dass wenn es unrichtig sei, sich nach diesen einen
Begriff von dem ganzen Stamme zu machen, ihr Vorhandensein allein
genügt um zu zeigen, wie weit der Mensch hinter der im Kulturbereiche
erlangten körperlichen Beschaffenheit zurückbleiben mag. Die beliebte
Ausflucht, dass es sich da um „die verkümmertsten und verkommensten
Exemplare unserer Gattung handle, wie sie in den elendesten Winkeln
unseres Planeten hausen“,[41] ist nicht stichhaltig, denn mehrere der
Genannten bewohnen geradezu begünstigte Erdräume, wie die Tasmanier,
die Botokuden und Weddah. Wenn auch gründlicheres Studium zu der
sicheren Erkenntnis hingeleitet hat, dass die Menschen auf Grund
ihrer körperlichen Eigentümlichkeiten keineswegs als besondere
Arten anzusehen sind, so ist die Natur doch stets bestrebt oder
bereit, nicht bloss im Tierreiche, sondern auch in unserer Gattung
+Spielarten+ zu erzeugen. Solche Spielarten sind die verschiedenen
Menschenrassen. Wie alles in der Natur sind auch sie nichts Starres,
Abgeschlossenes, sondern in stetem Flusse begriffen, daher zwischen
ihnen unzählige Übergänge stattfinden. Die untersten dieser Stufen
als „Affenmenschen“ zu beanspruchen, ist noch keinem besonnenen
Forscher beigefallen, die Behauptung, dass dies geschähe, aber eine
bösliche Unterschiebung. Niemand aber wird gleichwohl verkennen wollen,
welche mächtigen Unterschiede zwischen den beiden äussersten Flügeln
menschlicher Leibesbildung annoch gelegen sind und wie unbestreitbar
diese beiden Flügel durchschnittlich mit den niedrigsten und höchsten
Gesittungsstaffeln zusammenfallen. Reichen diese Unterschiede, die
sich nicht allein in der Grösse und Schwere des Gehirnes und der edlen
Form der Schädelkapsel, sondern auch im übrigen Gliederbau, in der
Länge und Gefälligkeit der Arme und Beine am Lebenden wie am Skelett,
an der Geräumigkeit und Stellung des Beckens u. s. w. in aufsteigender
Stufenfolge bekunden, nicht aus, um die Gattungseinheit aufzuheben, so
berechtigen sie doch vollauf, von höher und niedriger organisierten
Spielarten und Individuen zu sprechen. Es ist dann nur ein logischer
Schluss, wenn diese Menschen niedrigsten, unvollkommensten Schlages
als die unentwickeltsten aufgefasst werden, d. h. als solche, welche
-- ohne die zwischen ihnen und den höchsten Tierspezies aufgerichteten
Schranken zu übersehen -- doch eben diesen tierischen Lebewesen am
nächsten stehen.
Was vom Körper, gilt auch in seelischer und geistiger Beziehung. Die
Horden von Jammergestalten mit dünnen, schwächlichen Gliedmassen,
eckig, mager, abgezehrt bis auf das Knochengerüst oder mit
ungewöhnlicher Neigung zur Fettbildung, wieder andere von hässlichem
Aussehen, huldigen auch unbeschreiblich rohen, oft tierischen
Gewohnheiten. Dr. +Schneider+ sogar bequemt sich zu dem wichtigen
Zugeständnisse: „_Cibus et venerea_, wie der hl. +Thomas von
Aquin+ die Zwecke des Tierischen im Menschen nennt, sind bei allen
Naturvölkern die herrschenden, bei manchen die einzigen Triebfedern des
Handelns.“[42] Er gesteht, dass diese Naturkinder sich nicht selten
als hochintelligente und sinnlich raffinierte Bestien entpuppten,
und die Wucht dieser Wahrheit wird durch die spätere, thunlichste
Hervorhebung edlerer Charakterzüge nicht abgeschwächt. Auch ist es
ein unlösbarer Widerspruch, gewissermassen in einem Atem in den
Handlungen der Wilden das Tierische als das Vorherrschende, ihre
Ausschweifungen aber als sporadische Verirrungen zu bezeichnen. Wohl
hat noch Altmeister +Peschel+ manche schnöde Sitte als „örtliche
Verirrung“ oder „Sittenverwilderung“ gedeutet, und in einzelnen
beschränkten Fällen ist diese Auffassung auch nachweisbar die
richtige. Seit einem Jahrzehnt und darüber hat indes die Völkerkunde
die Zahl solcher „Verirrungen“ derart vermehrt, dass sie keineswegs
mehr als örtliche oder sporadische, sondern geradezu als Regel
erscheinen, auf welche die mildere Deutung nicht mehr anwendbar ist,
weil durch keinerlei Beweisgründe gestützt. Natürlich sind unter den
Kulturarmen wiederum unzählige Abstufungen vorhanden, welche vom
Ärmsten zum Reichsten hinanführen; wiederum ist es aber nur logisch
vorauszusetzen, dass diese an Gesittungsschätzen Allerärmsten ihrem
Vorgänger, dem Urmenschen, am nächsten kommen. Nur dieses, und
nicht, dass der dermalige Naturmensch den kulturlosen, tierähnlichen
Urmenschen der Entwicklungslehre darstelle, drängt sich einem logisch
denkenden Hirn mit fast zwingender Notwendigkeit auf, sobald es die
lediglich auf subjektivem Glauben, nicht auf Wissen beruhende Lehre
ursprünglicher Vollkommenheit als mit der Analogie alles positiv
Erforschten unvereinbar erkannt hat. Es bedarf dazu der Annahme
nicht, dass die Kulturarmen seit der Urzeit gelebt und die damaligen
Sitten und Gebräuche unverändert beibehalten hätten. Wäre dies der
Fall, so gäbe es ja heutzutage noch wahre Wilde, die bekanntlich
dermalen vergeblich auf Erden gesucht werden. Wer aber die Zähigkeit
der Sitten und Gebräuche bei den +geschichtlichen+ Völkern nicht
absichtlich übersehen will, wer nicht die gesamte Forschung über die
Überbleibsel der alten Heidenzeit inmitten unserer europäischen,
christlichen Kulturwelt über den Haufen zu werfen gesonnen ist, wer
dann vollends mit unserer rasch fortschreitenden, alles umgestaltenden
Gesittung die Abgeschlossenheit der Ideenkreise, die Unbeweglichkeit
und Unveränderlichkeit bloss des uns so nahe liegenden Morgenlandes
vergleicht, der wird vernünftigerweise an der Altertümlichkeit der
Sitten niedriger Völker keinen Zweifel hegen dürfen. Die Nomaden
Syriens und Arabiens denken und leben noch wie zur Zeit Abrahams; die
Nachrichten der Alten über die Brahmanen und Fakire Indiens scheinen
wie im neunzehnten Jahrhunderte geschrieben. Und nun sollen die Sitten
noch weit unbeweglicherer, geistig viel beschränkterer Völker nicht
aus uralten Epochen herrühren? Man sieht, eine solche Annahme ist bare
Willkür und schlägt aller Analogie ins Gesicht.
Wie alt aber die Sitten der Kulturarmen auch sein mögen, sie bekunden
sicherlich schon einen unermesslichen Fortschritt gegenüber den
ersten Anfängen der Urzeit. So weit wir die Geschichte rückwärts zu
schauen vermögen, überall sind selbst die rohesten Menschenhorden im
Besitze der Sprache, der einzigen hohen Schranke zwischen Mensch und
Tier. Wie lange aber es gedauert, ehe der sprachlose Urmensch (_Homo
alalus_) zum redenden Wesen sich entwickelte, entzieht sich jeder
Berechnung. Auch die rohesten Wilden der Geschichte wie der Gegenwart
haben teil an den eigenartigen Gütern der Menschheit und erweisen ihre
Zusammengehörigkeit durch die Kunst, Nahrung, Obdach, Schmuck und
Kleidung zu bereiten, Nährpflanzen zu ziehen, Nutztiere zu züchten
und höchst zweckmässige Geräte und Waffen zu verfertigen. Alle Wilden
kennen ferner, wenn auch in mehr oder weniger ausgebildetem Grade, die
Zählkunst, den Ausdruck der Gemütsbewegungen durch Lachen und Weinen,
durch Gesang und Musik, durch Spiel und Tanz. Sie sind vertraut mit dem
Austausche der Freundschaft, mit Begrüssungs- und Höflichkeitsformen,
sind der Mode und Etikette unterworfen, feiern zum Teil Geburts-,
Hochzeits- und Totenfeste, halten Ernte- und Siegestänze. Alle haben
zum mindesten einen gewissen Schatz abergläubischer Vorstellungen,
welche der genügsame Forscher als die ältesten Spuren von Religion
betrachtet, alle kennen und üben den Krieg. Sie leben endlich, wenn
auch auf unterster Stufe, horden- und familienweise, haben einen
Begriff von Eigentum und Sitten, welche die Begegnung der Geschlechter
und die Hinterlassenschaft der Verstorbenen regeln, besitzen in ihren
Stammessatzungen eine Art Rechtsgemeinschaft, stehen meist unter einer
Obrigkeit und haben auch einigen Anteil am Ruhme der Erfindungen. Es
bedarf wohl keiner weiteren Ausführung, dass die Gesittungshabe der
Urzeit im Sinne der Entwicklungslehre eine beträchtlich geringere
gewesen sein müsse. Die Sitten niedrigster Menschenstämme der Jetztzeit
können daher als eine Art Grenze gelten, hinter welcher noch die
Urzeit liegt, und in +diesem+ Sinne ist deren Heranziehung bei
urgeschichtlichen Betrachtungen ganz unerlässlich. Nicht als Vertreter
urzeitlicher Zustände, sondern bloss als Wegweiser zu denselben haben
sie zu dienen. Ist diese oder jene Sitte an der dermaligen äussersten
Kulturgrenze nachweisbar, so spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür,
dass die Urzeit noch hinter derselben zurückgeblieben, im günstigsten
Falle sie erreicht hat.
Nimmt man im Gegensatze zu der ganz unbewiesenen und unbeweisbaren
Behauptung eines goldenen Zeitalters mit einem vollkommenen Urvolke
eine natürliche Entwicklung, eine schrittweise Vervollkommnung
namentlich der geistigen Fähigkeiten, sowie der sittlichen und
geselligen Ausbildung des Menschen, als das Wahrscheinlichere an, so
dürfen wir deshalb den ursprünglichen Zustand desselben in der That
als einen tierähnlichen denken. Aber auch nur einen tier+ähnlichen+,
keinen tierischen mehr. Nur durch fortgesetzte, von äusseren Einflüssen
begünstigte Veredlung konnte der Mensch aus seinen tierischen Vorfahren
hervorgehen. Der Mensch im gewöhnlichen Sinne kann nur ganz allmählich
entstanden sein, so dass er schon da war, als er noch nicht da war und
umgekehrt, mithin der Ausdruck: „erster Mensch“ ein ungereimter ist.
Einen ersten Menschen hat es niemals gegeben.[43] Ich will, weil dies
hier überflüssig, nicht näher eingehen auf die früheren Urerzeuger
des Menschen, wie sie +Darwin+ auf Grund seiner Studien ahnt,[44]
sondern nur betonen, dass der sprachlose Urmensch auch damals schon
das höchstentwickelte und höchstgestiegene Lebewesen war, also in der
organischen Welt an derselben Stelle stand wie auch heute, nämlich
an der Spitze aller Geschöpfe. Gleichwohl ist die Annahme eines
solchen Wesens und seiner allmählichen Entwicklung, seiner ethischen
Menschwerdung, den Gläubigen aller Schattierungen höchst widerwärtig.
Ihm vor allem gilt ihr Sturmlauf. Sie klagen und jammern, dass der
Paradiesesmensch, „jene schön verzierte und tiefsinnige Initiale der
biblischen Urgeschichte, dem hässlichen Bilde eines affenartigen Wilden
weichen müsse, der an der Spitze der materialistischen Urgeschichte
sich als Lehrer der Civilisation spreizt“.[45] Auch hierin liegt
wieder eine der beliebten Verdrehungen. Nie und nirgends ward der
„affenartige Wilde“ als „Lehrer“ der Civilisation, sondern lediglich
als deren Ausgangspunkt dargestellt. Ein Ausgangspunkt ist aber kein
Lehrer. Vollends frivol ist die Anschuldigung, dass die angebliche
Verdrängung „um der religiösen Bedeutung und Lieblichkeit willen“
stattfinde. Die ernste Wissenschaft kennt kein anderes Ziel als die
Erkenntnis der Wahrheit. Dem Glauben tritt sie nicht als solchem
entgegen, dort wo er sich ausserhalb ihrer Sphäre bewegt. Sie lässt
sich bloss nicht vom Glauben die Pfade vorschreiben, auf welchen sie
ihrem Ziele entgegenschreitet. Endlich verlohnt es sich zu prüfen, wie
sich denn „die schön verzierte und tiefsinnige Initiale der biblischen
Urgeschichte“ zu dem Bilde verhält, welches die moderne Forschung vom
Urmenschen entwerfen zu dürfen glaubt.
Der Urmensch, dem zuerst die Sprache fehlte, war auch lange nach
Entwicklung dieses Vermögens ein nach unseren Begriffen unbeholfenes
und hilfloses Wesen. Es wusste nichts von Obdach und Kleidung; das
Feuer war noch nicht erfunden, seine Nahrung also eine vegetabilische,
den Früchten der Bäume und Sträucher entnommen. Er hatte keine Waffen
und kein Gerät. Es gab kein Eigentum. Fürsorglosigkeit ist eines
seiner Merkmale. Auch später noch führt er den Kampf unmittelbar mit
der Natur. Das Sinnen um die Erhaltung des Lebens, das Ringen um die
tägliche Nahrung, die Abwehr der natürlichen, ihn stets und von allen
Seiten her bedrohenden Feinde nimmt ihn völlig in Anspruch. Keine
Spur von höheren geistigen Interessen ist noch bei ihm zu finden.
Kein religiöser Begriff erhellt sein Dasein, moralische Regungen sind
noch nicht vorhanden. Vermutlich fand er sich bald in kleinen Truppen
zusammen, um so den Kampf ums Dasein, in dem er allein wegen seiner
natürlichen Hilfslosigkeit nicht bestehen konnte, auf die Gesellschaft
abzuwälzen. Aber roh und tierisch in ihrem Wesen gleichen einander die
Genossen der Horde. Arm und inhaltsleer verrinnt ihr Leben. Keiner
hat Gedanken, die er mit andern auszutauschen Bedürfnis hätte, keiner
besitzt einen Inhalt des Empfindens, an welchem er einen andern möchte
teilnehmen lassen. Gleichgültig leben alle neben einander her, und
stumpfsinnig wendet sich der Mann vom Weibe ab, das ihm wohl gut ist,
der Sinne Lüste zu stillen, das ihm nach erlangter Befriedigung aber
wertlos ist, das er daher gleichgültig dem Genossen überlässt.[46]
Sein impulsives Handeln folgt immer nur den nächsten Antrieben, die
+ausser+ ihm liegen, daher der Urmensch von Haus aus weder
gutartig noch bösartig erscheint. Gewissen und Reue sind ihm fremd.
Wir nehmen nun die Bibel zur Hand, die einzige Quelle alles Wissens
der Gläubigen über die Urzeit. Es ist wohl unnötig zu betonen, dass
wer nicht mit vorgefassten Meinungen an dieses Buch herantritt,
in demselben eine der denkwürdigsten Geschichtsurkunden der Welt
zu verehren hat. Mehr kann man darin nicht erblicken, seitdem
Bibelforschung und Textkritik die verschiedenen Quellen aufgedeckt
haben, aus welchen die Verfasser schöpften, und erwiesen ist, dass,
was den hier allein in Betracht kommenden Pentateuch, d. h. die fünf
Bücher Mosis anbelangt, die Schlussredaktion erst zur Zeit des Esra
geschehen und der Redaktor nur in dem Kreise der in Babylonien
lebenden Schriftgelehrten gesucht werden kann, zu welchen auch Esra
als einer der berühmtesten, wenn nicht der berühmteste zählte.[47] Es
liegt mir natürlich ferne, diese Ergebnisse strengster Forschung des
weiteren hier zu verfolgen. Unerlässlich däucht mir aber der Hinweis,
dass schon in Kapitel 1 und 2 der Genesis zwei völlig verschiedene
und mit einander nicht zu vereinbarende Schöpfungsberichte vorliegen,
von welchen das erste Kapitel, dem der sogenannte Priesterkodex zu
Grunde liegt, eine kosmogonische Theorie geben will,[48] während die
jahwistische Erzählung im zweiten und auch dritten Kapitel durch
Abwesenheit jeglichen rationellen Erklärungsstrebens, durch die
Verachtung jeglicher kosmologischer Spekulation glänzt.[49] Ich lege
indes auf diese Widersprüche hier kein Gewicht; es genügt vollständig
festzustellen, dass aus der biblischen Erzählung über den Urzustand des
Menschen sich so gut wie gar nichts herauslesen lässt. Wir erfahren
bloss, dass der Mensch im Garten Eden lebte, die Sprache besass und
nackend war, wessen er sich nicht schämte. Nichts hören wir davon, dass
er ein Obdach oder ein Werkzeug besessen; in seiner Nahrung war er
auf die Früchte der Bäume angewiesen. Von Gottesverehrung, Religion,
keine Spur; nur Scham lernen wir als erste Empfindung des Menschen
kennen, als er vom Baum des Erkenntnisses gegessen, dann Furcht, als
er sich entdeckt sieht. So weit ist also der biblische Urmensch von
jenem der wissenschaftlichen Vermutung nicht entfernt. Der fernere
Verlauf der biblischen Erzählung ist eben so arm an bestimmten Angaben.
Nirgends steht von einer ursprünglichen Vollkommenheit geschrieben,
höchstens tierische Glückseligkeit lässt im Paradiese sich vermuten, im
Gegensatze zu dem Lose, welches den Menschen nach seiner Vertreibung
trifft. Auch ist mit Gut und Böse, wie es in Genesis 2 und 3 gemeint
ist, keine +Entgegensetzung der Handlungen+ nach ihren sittlichen
Unterschieden beabsichtigt, sondern eine +Zusammenfassung der
Dinge+ nach ihren zwei polaren Eigenschaften, wonach sie den
Menschen interessieren, ihm nützen oder schaden; denn nicht was die
Dinge metaphysisch sind, sondern wozu sie gut sind, will er wissen.
Neben dem ausführlichen Ausdruck kommt übrigens, wie +Wellhausen+
hervorhebt, auch der einfache, Erkenntnis schlechthin, vor, und zu
beachten ist noch das, dass es nicht heisst: erkennen +das+ Gute
und +das+ Böse, sondern: Gutes und Böses.[50] Ohne es irgendwie
zu beabsichtigen, hat der jahwistische Darsteller im „Sündenfalle“
einen wichtigen Markstein in der Gesittungsentwicklung seines
Urmenschen geschaffen, den auch die moderne Anschauung gelten lassen
muss, freilich ohne eines „Sündenfalles“ zu bedürfen. Tief unter der
untersten Grenze geschichtlichen Menschentums bewegt sich aber auch
nach dem Verlassen des Paradieses der solchergestalt fortgeschrittene
Urmensch. Nur die Kleidung trägt er daraus mit, keinen ersichtlichen
höheren Gedanken. Auch an ein Leben +nach+ dem Tode kein Gedanke.
Unsterblichkeitsglaube existiert für ihn so wenig wie Religion, und
wenn die Eiferer sich heftig auflehnen gegen eine religionslose Urzeit,
weil +heutzutage+ -- und, füge ich hinzu, wohl auch geschichtlich --
der religionslose Naturmensch ebenso ins Reich der Fabel gehört, wie
der sprachlose Urmensch,[51] so steht doch der modernen Anschauung die
Bibel +nicht+ im Wege. Auch wir sind der entschiedenen Ansicht, dass
der Name „Religion“ selbst noch auf solche Vorstellungen und Gebräuche
anzuwenden sei, die allerdings von unserem höheren Standpunkte als
düsterer Aberglaube zu bezeichnen sind. Allein es handelt sich nicht
darum, wie +Roskoff+ sehr treffend bemerkt, ob religiöse Vorstellungen
dem Europäer als Aberglaube erscheinen, sondern ob jene einem
Volksstamme als Religion gelten,[52] und in diesem Sinne darf man
wohl sagen, dass jedes Volk eine gewisse Religion besitze. Um dies
zuzugestehen, müssen wir indes unsere Genügsamkeit in vielen Fällen auf
das äusserste Mass herabsetzen, und es ist nur logisch, zu schliessen,
dass den urgeschichtlichen Vorgängern dieser Religionsarmen selbst
dieses geringste Mass nicht eigen war. Auf die gesellschaftlichen
Zustände der ausgetriebenen Ureltern fällt aber gar der schwärzeste
Schatten, denn nach Genesis 4 bleibt nichts übrig, als den ersten
Menschen und ihre Nachkommen der +Blutschande,+ und zwar begangen mit
der eigenen Mutter, zu beschuldigen.[53] Im übrigen leuchtet auch aus
der biblischen Erzählung hervor, wie die einzelnen Künste des Lebens
erst nach einander erwuchsen in dem langen Zeitraume, der bis zur
Sündflut verfloss. Soweit die mosaische Überlieferung, denn nur solche
und nicht beglaubigte Geschichte ist es, welche im Pentateuch und den
übrigen Schriften bis herab zum Königsbuch redaktionellen Ausdruck
gefunden. Unbefangener Prüfung gegenüber hält die Wahrscheinlichkeit
dieser Überlieferung, verglichen mit jener der neueren Annahmen über
die Urzeit, nicht im entferntesten Stand. Immerhin schien mir der
Hinweis von Belang, dass die spärlichen Angaben der Genesis keinen
ernsten Widerspruch gegen jene begründen. Nicht zur allergeringsten
materiellen oder geistigen Lebenskunst hat der Paradiesesmensch sich
erhoben; in nichts, in rein gar nichts äussert sich die göttliche
Belehrung oder ausserordentliche Führung, und nichts, auch nicht das
Geringste nimmt der Verstossene mit sich, als den Fluch der erzürnten
Gottheit. Kurz, der vertriebene Adam der mosaischen Schöpfungssage
steht genau an dem nämlichen Punkte wie unser Urmensch, dem kein
Paradies geglänzt hat. Was Adam und sein Geschlecht ersonnen und
an Kulturschätzen erreicht, es geschah ohne die Erleuchtung des
feindseligen Gottes, der erst wieder eingreift, um durch die Sündflut
die verderbte Menschheit hinwegzutilgen. So kehrt sich denn genau nicht
mehr und auch nicht minder gegen den biblischen Urvater und die Seinen
der wohlfeile Spott, welcher „den Urmenschen, dem es einfiel, die Kunst
des Feuerzündens und des Kochens, der Tierzähmung und des Ackerbaues
zu erfinden, als ein Universal- und Säkulargenie“[54] angesehen wissen
will.
[31] +Hellwald.+ Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis
zur Gegenwart. Dritte Aufl. Augsburg, 1883. Bd. I. S. 11.
[32] +Lippert.+ Kulturgeschichte. Bd. I. S. 43.
[33] Dr. +Wilhelm Schneider+. Die Naturvölker. Missverständnisse,
Missdeutungen und Misshandlungen. Paderborn u. Münster, 1885-86, 2
Bde. Das Buch zeugt von grosser Belesenheit und vielem Sammelfleiss.
Auch kann ich nicht umhin einzuräumen, dass der Verfasser meine
eigenen Schriften mit augenscheinlicher Bevorzugung gelesen und zu
Rate gezogen hat, da ich ganze Stellen aus denselben wiedererkenne
und auch meine Quellenangaben reichlich benützt finde. Sind letztere
in dem +Schneider+schen Werke also vielfach auch nur aus zweiter Hand
geschöpft, so verficht doch der Verfasser, wohl ein katholischer
Theologe, seinen Standpunkt mit Energie und in einzelnen Punkten auch
nicht ohne Glück. In manchem ist ihm unbedingt beizustimmen, so in fast
allem, was die Misshandlungen der Naturvölker betrifft. In anderem
wirkt er berichtigend, so dass sein Buch jedenfalls ein belehrendes
bleibt und auch von Denkern anderer Färbung als dankenswerte Leistung
anerkannt zu werden verdient.
[34] A. a. O. Bd. I. S. 63.
[35] A. a. O. Bd. I. S. 61.
[36] Zeitschrift für Ethnologie. Berlin, 1884. S. 39-41.
[37] Mit Bezug auf den auch auf religionswissenschaftlichem Gebiete
vorgeschützten „Rückschritt“ der Menschen von vollkommneren religiösen
Vorstellungen, sagt sehr treffend Prof. +Bernhard Stade+ in seiner
„Geschichte des Volkes Israel“. Berlin, 1887. Bd. I. S. 405: „Es
ist dies wohl ein rudimentärer Rest jener Theorieen früherer Zeiten
über die Uroffenbarung, welche heutzutage allenfalls noch ein
Parlamentarier in einer unglücklichen Stunde aufwärmt, welche aber
die Theologen aufgegeben haben, da sie eine genügende Würdigung der
Offenbarung Gottes in Christo ausschliessen. In Kreisen, welche von
den wissenschaftlichen Hypothesen vergangener Zeiten zehren, hält sich
diese Theorie noch....“
[38] +Rudolf Virchow.+ Die Urbevölkerung Europas. Berlin, 1874. S. 4.
[39] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. II. S. 413-414.
[40] +Schneider.+ A. a. O. Bd. I. S. 5.
[41] Ebd. Bd. I. S. 61.
[42] A. a. O. S. 4.
[43] +B. Carneri.+ Sittlichkeit und Darwinismus. Wien, 1871. S. 28.
[44] +Charles Darwin.+ Die Abstammung des Menschen. Bd. I. S. 210.
[45] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. I. S. 66.
[46] +Frerichs.+ Zur Naturgeschichte des Menschen. S. 106.
[47] Dr. +Bernhard Stade+. Geschichte des Volkes Israel. S. 64.
[48] +J. Wellhausen.+ Geschichte Israels. Berlin, 1878. Bd. I. S. 341.
[49] A. a. O. S. 347.
[50] A. a. O. S. 345-346.
[51] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. II. S. 348.
[52] +Gustav Roskoff.+ Das Religionswesen der rohesten Naturvölker.
Leipzig, 1880. S. 13.
[53] +Fr. Müller.+ Allgemeine Ethnographie. Zweite Aufl. Wien, 1879. S.
50.
[54] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. I. S. 66.