IV.

Das Familienleben der Tiere.

Wie verschiedenartig auch der geschlechtliche Verkehr in der Tierwelt

sich gestalten möge, die vereinigende Begegnung hat doch nur in

wenigen Fällen die +Familie+ zur Folge. Natürlich ist zur Erhaltung

der Art die Erzeugung von Jungen unerlässlich; unerlässlich auch,

dass diese in genügender Menge am Leben bleiben. Aber dieses Ziel

kann auf verschiedenerlei Weise erreicht werden. Als allgemeine Regel

gilt, dass die Anzahl der Keime oder Nachkommen desto grösser ist, je

tiefer eine Art steht, je ärmer sie an Intellekt ist und je weniger

die Erzeuger sich um die Aufbringung der Brut kümmern. Dies ist bei

den meisten niederen Tieren der Fall, weil die Empfindungstriebe nur

bei den entwickelteren Geschöpfen, besonders bei den Gliederfüssern

(Arthropoden) und Wirbeltieren (Vertebraten) ausgebildet sind. Viele

der niederen Arten lassen die Eier einfach ins Wasser fallen, und

diese entwickeln sich zu Larven, welche ein vom Muttertiere ganz

unabhängiges Leben führen; die Fälle, in welchen Wirbellose den Eiern

einige Aufmerksamkeit widmen, sind ungemein selten. Von den Astdärmern

oder Plattwürmern (Plenarien) ist bekannt, dass sie die Eier in einem

Kokon an Steinen und Pflanzen befestigen. Noch interessanter ist die

Eierpflege der _Janthina_, der Amethyst-Schnecke. Das Tier schwimmt an

der Oberfläche des Wassers, nimmt durch Umbiegen des zungenförmigen

vorderen Körperendes Luftblasen herunter ins Wasser, welche durch einen

abgesonderten Schleim zusammengehalten werden, so dass sie ein Floss

bilden; hieran werden nun die Eier befestigt und dadurch schwimmend

erhalten, was jedenfalls für ihre Entwicklung unerlässliche Bedingung

ist. Von diesen allen zerstörenden Zufällen preisgegebenen Keimen geht

die Mehrzahl zu Grunde, es überleben ihrer aber dennoch genug, um die

Erhaltung der Art zu sichern. Auf dieser Stufe existiert noch keine

Familie, nicht einmal im allerrudimentärsten Zustande. Sehr allgemein

ist dagegen die Brutpflege schon bei den Spinnen und Insekten. Wie es

scheint, geht dieselbe aus Wahrnehmungstrieben hervor; allein es wirken

auch Empfindungstriebe, die durch das Gefühl vom Legen der Eier und

durch die Berührung derselben, nachdem sie gelegt sind, hervorgerufen

werden. Wenn die Tarantelspinne den Eikokon an die Spinnwarzen heftet,

die Uferfliege die Eier an den Bauch klebt, um sie dann klümpchenweise

ins Wasser fallen zu lassen, und der Kotkäfer, der im Miste lebt,

unter demselben Löcher in die Erde gräbt, einen Pfropfen Mist in jedes

Loch steckt und dann in jeden Pfropfen ein Ei legt, so wirken hierbei

wohl hauptsächlich Empfindungstriebe. Ebenso sind es vornehmlich

Tastempfindungen, welche das Insekt beim Legen der Eier in andere

Tiere, in junge Triebe, in die Erde u. s. w. leiten, wie schon aus

den tastenden Bewegungen, welche sie mit der Legeröhre oft machen,

hervorgeht. Auch manche Krokodilweibchen zeigen ein wenig Sorge um die

Brut; sie versuchen die Eier zu verbergen und tragen mitunter die eben

ausgekrochenen Jungen in das Wasser. Am Rio Guayaquil in Südamerika

legt das Krokodilweibchen seine Eier in den Sand, kehrt aber zur

rechten Zeit zurück, zerbricht sie mit Vorsicht und trägt dann die

Jungen auf dem Rücken in den Fluss.

Bei den höheren Tieren ist es hauptsächlich das Lustgefühl, das mit

der Umarmung der Jungen verbunden ist, aus welchem Empfindungstriebe

zur Pflege der Nachkommen entstehen. Darin wurzelt auch einer der

wesentlichsten Hebel in der Familie: die +Mutterliebe+, welche

mit ihrer aufopfernden Hingabe und unermüdlichen Fürsorge so oft zur

Bewunderung Anlass giebt. Welch' glänzendes Beispiel von mit äusserster

List und Klugheit gepaarter Mutterliebe bieten Vogelmütter dar, welche

beim Herannahen des Verfolgers sich flügellahm stellen und denselben,

indem sie in kurzen Sätzen vorwärts trippeln oder am Boden hinfliegen,

auf ihre eigene Verfolgung hin- und von den Kindern abzulenken suchen,

oder auch die Elefantenmütter, von denen +Schweinfurth+ erzählt!

Letztere suchen bei den durch Anzünden der verbergenden Ufergebüsche

veranstalteten Jagden in Afrika ihre Jungen dadurch zu retten, dass sie

ihre Rüssel voll Wasser saugen und dieselben damit bespritzen, während

sie selbst dabei rösten. Auf dem Gute „Tralauer Holz“ in Holstein sah

eine Stute ihr Füllen, an dem eine Operation vorgenommen werden sollte,

an den Hinterbeinen aufgezogen im Hofe hängen und kläglich schreien.

Sie stürzte sofort tot zusammen und die Sektion ergab, dass ihr eine

grosse Herzader gesprungen, „das Herz gebrochen“ war. Aber diese

opferwillige Mutterliebe durchdringt durchaus nicht die ganze Tierwelt,

sondern erwacht erst in den höheren Arten. Und auch bei diesen giebt es

in der Mutterliebe zahlreiche Abstufungen, gerade wie in der Art des

Zusammenlebens der Eltern.

Hält manche Tiere der überaus rege Fortpflanzungstrieb beisammen,

wie in der Ordnung der Nager, so finden wir gerade aus diesem Grunde

bei ihnen wenig Beispiele zärtlicher Mutterliebe. Es werden nämlich

die Jungen so früh alt und kommen der Jungen so viele nacheinander,

dass einigermassen anhaltendere Beschäftigung mit ihnen seitens ihrer

Mutter wohl nicht zu verlangen ist. Am besten thun sich noch unter

den Nagern, was geselliges familiäres Zusammenleben anbelangt, die

Murmeltiere hervor, welche jährlich höchstens zweimal Junge zur Welt

bringen, die Biber, die einander beim Aufbau ihrer Burgen und Dämme

hilfreich beispringen, die Meerschweinchen, die sich mit grosser

Zärtlichkeit immer und immer liebkosen, einigermassen auch die

Kaninchen, bei welchen bisweilen ein Paar mit grosser Anhänglichkeit

zusammenhält. Rührende Episoden erzählt man von dem Löwenmute der

bedrängten Mäusemutter, von ihrer Kampfwut und der Blindheit, mit der

sie sich in Todesgefahr stürzt, um ihre bedrohten Kinder zu retten.

Doch kennt man auch unrühmliche Beispiele des Gegenteils. +Aglaia

von Enderes+, eine aufmerksame Beobachterin der Tierwelt, besass

ein lustiges Pärchen zahmer Albinomäuse. Da kam ein neues Ereignis in

ihr harmloses Mäuseleben. Eines Morgens lagen zehn wohlkonditionierte

kleine Mäusekinder in dem Lager der Eltern; aber mit diesem Kindersegen

kam eine erstaunliche Charakterwendung über die Alten. Sie wurden

misstrauisch und unstät, scheu gegen die Menschen und zanksüchtig unter

einander. Kleine häusliche Szenen fanden statt, infolge deren sich der

Gatte plötzlich aus dem Staube machte. Die Mutter besann sich einige

Tage und nährte ihre Kinder; als aber der lieblose Vater nicht wieder

kommen wollte, verdross sie die Kinderstube und ihre Mühen, und ohne

weitere Veranlassung überliess sie ihr holdes Mutteramt andern Händen

und ging auf und davon. Ein wahrhaft abschreckendes Beispiel zuchtlosen

Familienlebens bieten die Ratten, die bei ihrer überaus raschen

Vermehrung und dem dadurch oft bedingten Nahrungsmangel sich selbst

gegenseitig anfallen. Nicht minder das zänkische Hamsterpaar, bei

welchem des Männchens anfängliches Minnespiel gar bald in bissige Wut

gegen das Weibchen übergeht, das nun, wenn es nicht totgebissen werden

will, ohne Säumen des Gemahls ungastliches Haus fliehen und ein eigenes

Heim sich wählen muss. Einsam bringt sie dann ihre Jungen zur Welt,

die aber, wie sie etwas herangewachsen sind, sich mit ihrer Mutter

nicht mehr vertragen und dieselbe gleich ihrem Vater verlassen. Nicht

besser steht es um das Familienleben der Insektenfresser. Einsam und

verlassen liegt des Swineigels Gattin auf selbstbereitetem Wochenbett

mit ihren Kleinen. Und echte Einsiedler beide, hausen Maulwurf und

Maulwürfin in getrennten Behausungen. Im Frühjahr, wenn über der Erde

alles grünt und spriesst, fängt der Paarungstrieb auch in der kleinen

Maulwurfsbrust sich zu regen an. Unruhig verlässt er seinen Bau --

das grösste Wunder bewirkt der Zauber des neuen Gefühles, und der

scheue, mürrische Weltfeind läuft des Nachts in drängender Sehnsucht

und heissem Verlangen über die offene Erde hin, um sich sein Liebchen

zu suchen. Wie es schon in seinem Charakter liegt, nimmt er die Liebe

ernst und schwer. Er gaukelt nicht, er spielt nicht und liebelt nicht;

er sucht seine Braut mit Gefahr seines Lebens; er kämpft manchen

harten, heissen Strauss mit seinesgleichen, ehe es ihm gelingt, die

Auserwählte heimzuführen; und wenn er endlich an diesem ersehnten

Ziele ist, sie sein eigen nennt, wenn er sie in seinem Hause weiss,

wenn sie die Sorge für den künftigen Haushalt übernommen hat und in

der neuen Heimat zu schaffen beginnt, selbst dann kommen keine süssen

Flitterwochen, selbst dann kommt der sorglose Jubel der Liebe nicht

auf. Wie es sein einsames, scheues Leben mit sich bringt, fehlt ihm

der Glaube an seine Stammesgenossen, das Vertrauen auf sein Weib, und

mit der Angst des finsteren, brütenden Grillenfängers sperrt er seine

junge Gattin in ihr eigenes Haus und forscht und spürt mit mordgierigem

Verlangen nach Nebenbuhlern und Schelmen, die ihm den neuerworbenen

Besitz stören könnten. Ist diese erste Zeit vorüber, das Othellogefühl

im kleinen Maulwurfsherzen zur Ruhe gebracht, haben sich die beiden

Sonderlinge aneinander gewöhnt, dann beginnt die Sorge für die Zukunft;

das Lager wird bestellt, Gräser und Halme werden eingetragen zur

warmen Stätte für die drei bis fünf winzigen Maulwurfskinder, welche

nach wenig Wochen den futterbedürftigen, ewig hungrigen Haussegen der

glücklichen Eltern repräsentieren. In die Jugendzeit dieser Kinder

fällt alles, was der Maulwurfsvater an Liebenswürdigkeit zu leisten

vermag. Mit Hingebung und Treue widmet er sich Weib und Kind; er pflegt

sie, schützt sie, hält in Gefahr und Tod bei ihnen aus und wagt sein

Leben, wenn es ihre Rettung gilt. In dieser Zeit ist ihm seine Familie

alles, und es geht von ihm die schöne Sage, dass er sich zuweilen

über den Verlust von Weib und Kind zu Tode härme. Leider hält diese

Selbstverleugnung nicht lange vor; die sonnige Zeit der Liebe und des

Glücks geht wie ein Traum vorüber, die Kinder werden nach wenigen

Wochen gross und verlassen das Elternhaus, um sich eine eigene Existenz

zu gründen; die Mutter sucht ihre frühere Wohnstätte auf, und der alte

Sonderling, vereinsamt und verlassen, schliesst sein verödetes Haus, um

sein zornerfülltes, düsteres Räuberleben voll Blut- und Mordgeschichten

von neuem zu beginnen, um von nun an niemandem zu leben, als sich und

seinem Hunger.

Bezüglich des Familienlebens der Seehunde und Wale hat man wohl noch

wenig beobachtet; von der Fischotter aber weiss man, dass sie ihre

Jungen gegen jede Gefahr mit dem grössten Mute verteidigt. Nicht nur

kein Familienleben, nicht einmal lebhaftere Mutterliebe finden wir bei

den Zahnarmen. So säugt die Gürteltiermutter ihre Jungen nur ganz kurze

Zeit und überlässt sie dann sich selbst. Das Faultierweibchen lässt

sein Junges mit beispielloser Gleichgültigkeit an sich hängen und ohne

weiteres sich rauben. Nur vom Weibchen des Ameisenbären sagt man, dass

es sein Junges ein Jahr lang mit sich führe und tapfer verteidige.

Die Beuteltierweibchen schleppen ihre unbehilflichen Kleinen in der

Beuteltasche mit sich herum oder lassen sie, wie die Surinamsche

Beutelratte, auf ihrem Rücken herumkriechen, während diese ihre kleinen

Schwänzchen um den Schwanz der Alten schlängeln. Einen ausgeprägten

Sinn für Häuslichkeit und Familienleben aber in edelster Bedeutung

findet man unter den Vögeln. Ihre überwiegende Mehrzahl lebt, wie

schon bemerkt, in Monogamie, führt ein ungetrübtes Familienleben und

teilt sich ehrlich in die Sorge der Ehe. Hier erkennen wir auch, dass

die Geschlechtsliebe nicht immer ein Produkt des Zeugungsinstinktes

ist. Das Zusammenwirken von Männchen und Weibchen beim Bau des

Nestes ist vielmehr der Ausdruck eines Gefühles von Hilffertigkeit,

und unzweifelhaft ist diese nämliche Regung im Spiele, wenn wir das

Männchen der Reihe nach die Sorge des Brütens übernehmen sehen, denn

vor dem Aufpicken der Eier kann doch von Elternliebe nicht die Rede

sein. Und das nämliche gilt auch von vielen niederen Tierarten.

Wie sorgt und müht sich z. B. das Weibchen einer Mauerbiene, eines

Blattschneiders, einer Lehmwespe oder dergl. den ganzen Sommer ab,

um den Brutbau herzustellen und Futter herbeizuschaffen! Selten nur,

wie bei den Totengräbern, den Pillendrehern, unterzieht sich auch

das Männchen diesen Arbeiten. Nur bei den Laufvögeln findet ein

interessantes Gegenstück zu der sonst üblichen Vorsorge der Mutter

statt. Beim Strauss und Nandu ist es nämlich das Männchen, welches die

Eier bebrütet, die Jungen füttert, ausführt, verteidigt und so bei

ihnen anstatt der sorglosen Ehegenossin Mutterstelle vertritt. Dies

sind aber seltene Ausnahmen.

Zu diesen gehört unter den Fischen der wohlbekannte Stichling

(_Gasterosteus pungitus_), unser kleinster Süsswasserfisch, welcher,

obwohl er in Polygamie lebt, als Gatte und Vater eine solche Liebe und

Sorgfalt an den Tag legt, dass +Ludwig Büchner+ ihn gradezu als

Muster eines guten Familienvaters hinstellt. Man kann sein Treiben

in unseren durchsichtigen Aquarien leicht beobachten. Zuerst baut

er ein wunderbares kleines Nest aus Grashalmen und andern Körpern,

die er mit Schleim verkittet. Ist er damit fertig, so ladet er ein

vorüberschwimmendes Weibchen ein, das Nest in Augenschein zu nehmen,

das er für dieses gebaut hat, indem er fortwährend flink um dasselbe

herum und zum Nest hin und zurück schiesst. Und geht sie nicht

willig, so stösst er sie mit der Schnauze an und sucht sie mit den

Seitenstacheln hineinzutreiben, um dort den Laich abzulegen. So führt

er nach und nach eine ganze Reihe Weibchen zum Neste, die sich nach

der Eierablage auf der entgegengesetzten Seite wieder hinausbohren.

Nach jedem Weibchen geht der Stichling selbst hinein, um den Laich zu

befruchten. Ist dies geschehen, so schliesst der vorsorgliche Vater

die eine Öffnung und bleibt wochenlang vor der andern Öffnung in

senkrechter Stellung stehen, indem er regelmässig die Flossen bewegt,

um eine der Erhaltung und Ausbrütung der Eier günstige Wasserströmung

im Innern des Nestes zu unterhalten. Jede feindliche Annäherung wird

mit Wut abgewiesen. Aber die Vatersorgen beginnen erst recht, wenn

die Jungen ausgeschlüpft sind. Er bewacht und behütet dieselben mit

musterhafter Sorgfalt, führt sie zum Neste zurück, wenn sie sich zu

weit entfernt haben, und füttert sie wie ein Vogel seine Jungen.

Dank solcher Fürsorge ist der Stichling so fruchtbar, dass man die

Äcker mit diesen Fischchen düngt. Auch bei andern Fischarten findet

man ähnliche Vaterliebe. Bei dem brasilianischen _Pater familias_

(Familienvater) ist dieselbe sogar derart entwickelt, dass er ein

völliges „Männerkindbett“ durchmacht. Er treibt nämlich die Sorgfalt

für seine Jungen so weit, dass er sie in seinen eigenen Kiemen zur

Ausbrütung bringt und beherbergt. Er verschluckt anscheinend die Eier,

aber nur um sie durch eine eigentümliche Atembewegung in die Kiemhöhle

zu pressen. Hier durch den elastischen Druck der Kiemenblättchen

festgehalten, werden die Eier ausgebrütet. Die Jungen schlüpfen aus,

wachsen rasch und wandern nun, da sie in dem beengten Geburtsort nicht

mehr Platz finden, in den Mund des Vaters, wo sie alle mit nach der

Mundöffnung gerichtetem Kopfe verbleiben. Der gutmütige Alte bekommt

dadurch ein höchst groteskes Aussehen. Mit weit aufgesperrtem Maule

und dickgeschwollenen Wangen steht er im Wasser, bis er endlich seine

selbständig gewordene Brut los wird.

Im allgemeinen wird man behaupten dürfen, dass die +Fürsorge für

die Brut+ bei den Tiergeschlechtern wie beim Menschen +zuerst

beim Weibchen erwacht+, und dass die Zärtlichkeit der weiblichen

Individuen auch bei den wildesten Tieren noch mehr als gegen den Gatten

sich im Benehmen gegen die Jungen ausspricht, welche die Mutter oft

sogar gegen die Wildheit des eigenen Vaters verteidigen muss. Bei

den Säugern ist es immer das Weibchen, welchem das Aufbringen der

Nachkommenschaft obliegt und das dieses Geschäft mit Hingebung und

Liebe besorgt. Die Liebe der Affenmutter ist geradezu sprichwörtlich

geworden. Allein selbst da ist die Familie keine dauernde, sondern

bloss eine vorübergehende, zeitweilige, insofern als sogar bei den

am höchsten entwickelten Arten die mütterlichen Gefühle erlöschen,

sobald die Jungen herangewachsen sind. Allerdings ist bei manchen

Tieren das Bedürfnis der Mutterliebe so gross, dass wenn sie selbst

keine Jungen haben, sie andere übernehmen, sogar sich solcher zu

bemächtigen suchen. Dies ist dann sicherlich der Ausfluss einer edleren

Empfindung, welche mit dem Instinkt nichts mehr zu schaffen hat. Die

Henne kennt ihre Küchlein und verjagt die fremden, die sich etwa

unter ihre Schar mischen wollten. Ein Überrest dieser Exklusivität

tritt auch bei den Menschen und zwar in jenen Fällen zu Tage, wo die

Stiefmutter die Kinder aus erster Ehe lieblos behandelt. Gleichwohl

nimmt diese Eigenschaft an Härte ab, je höher man die Stufenleiter

der Säugetiere emporsteigt: die Kuh verstösst das Kalb einer andern,

das Elefantenweibchen hingegen lässt willig was immer für ein Junges

aus dem Trupp an sich saugen. Wenn eine Katze beim Wurfe zu Grunde

geht, fällt es nicht schwer, ihre verwaisten Jungen von einer noch

säugenden Hündin ernähren und aufziehen zu lassen und umgekehrt.

+Houzeau+ berichtet diesbezüglich einen, seiner eigenen Erfahrung

entnommenen Fall, der deutlich darthut, dass bei der Katze sowohl wie

bei der Frau die Liebe zu den Jungen +nicht+ von der Thatsache des

Gebärens abhängt und folglich nicht schlechtweg die Konsequenz eines

physiologischen Zustandes ist. Vater- und Kindesliebe haben gleichfalls

mit dem Instinkt der Fortpflanzung nichts gemein, trotzdem findet

man von beiden, wenn auch nicht so häufig, Beispiele im Tierreiche,

zumal unter den Vögeln. Unter den Säugern ist Kindesliebe eine seltene

Ausnahme. Doch erzählt +Harris+ von einem jungen, kaum meterhohen

afrikanischen Elefanten, der die tiefste Trauer an den Tag legte, als

seine Mutter, von einem Schusse getroffen, niedergestürzt war; er lief

beständig jammernd um sie herum und versuchte, obgleich vergebens,

ihren schweren Körper mit seinem kleinen Rüssel wiederaufzurichten.[29]

Ebenso wenig macht sich die Vaterliebe bei den Säugern bemerklich und

auch die Völkerkunde versieht uns, wie ich später ausführlicher darthun

werde, mit einer genügenden Menge von Beispielen, welche beweisen,

dass das Gefühl der Vaterliebe dem Menschen keineswegs angeboren

ist. Bei den Tieren ist dasselbe so rudimentär, dass oft der Vater

die eigenen Kinder verspeist. Immer wiederkehrt die fast die Regel

bildende Erscheinung ärgster Belastung des Weibchens und gänzlicher

Sorglosigkeit des Männchens, nur ganz flüchtigen Verkehrs zwischen den

beiden Geschlechtern, der bald wieder völliger Gleichgültigkeit weicht

und einen krassen Ausdruck findet in der Lieblosigkeit der stärkeren

Spinnenweibchen, die ihren schwächeren Ehegatten gemütlich aufzehren.

So ist denn bei den Säugern allgemein das Weibchen der Stamm der

zeitweiligen Tierfamilie; um die Mutter gruppieren sich die Jungen.

Selbst dann, wenn das Männchen in dieser Gesellschaft ausharrt,

geschieht es weit eher aus Anhänglichkeit an das Weibchen, denn aus

Neigung zu den Jungen. Das Matriarchat, bei niederen Menschenstämmen

so häufig, ist im Keime schon in der Tierwelt vorhanden. Sehr treffend

und wahr sagt daher der Mailänder Gelehrte +Vignoli+: „Die Gemeinschaft

der Familie, in der der Mensch sich ursprünglich befindet, ist nicht

eine wesentlich menschliche, sondern auch tierische Thatsache, da jene

Weise gesellschaftlichen Zusammenlebens sich bei dem grösseren Teile

der Tiere und immer bei den höheren Tieren vorfindet. Die Notwendigkeit

der Aufziehung der Jungen ist es, die die Eltern vereint und ihr Leben

für eine kürzere oder längere Periode zu einem gemeinsamen macht:

ja in einigen Spezies setzt sich diese Ehe der Liebe und Sorgen die

ganze Dauer ihrer Existenz hindurch fort. Demnach ist das Faktum

familienhafter Geselligkeit +nicht ein ausschliessliches Produkt der

Menschheit+, sondern der allgemeinen Gesetze des ganzen Tierlebens auf

der Erde. Man behaupte nicht, dass im Menschen die Zuneigung zwischen

den beiden Geschlechtern und zu den Nachkommen, die von ihnen geboren

werden, lebhafter, intensiver und beständiger sei; denn mit gleicher

Stärke und bisweilen auch Ausdauer zeigt sie sich auch bei den Tieren

zu einander und zu den Jungen. Der Mensch also liebt, vereinigt sich

sinnlich und lebt gesellig in einer ursprünglichen Gemeinschaft

der Familie +allein weil er Tier ist+ und zwar höheres Tier in der

organischen Reihe derselben. Die Thatsache der Familie vollzieht sich

also nach der Notwendigkeit kosmischer Gesetze, die einen grossen

Teil der wieder erzeugenden und sozialen Thätigkeit des Tierreiches

beherrschen.“[30]

[29] +J. C. Houzeau.+ _Etudes sur les facultés mentales des animaux._

Mons, 1872. Bd. II. S. 110.

[30] +Tito Vignoli.+ Über das Fundamentalgesetz der Intelligenz im

Tierreiche. Versuch einer vergleichenden Psychologie. Leipzig, 1879. S.

227-228.

Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung · 第 37 / 70 题