Das Familienleben der Tiere.
Wie verschiedenartig auch der geschlechtliche Verkehr in der Tierwelt
sich gestalten möge, die vereinigende Begegnung hat doch nur in
wenigen Fällen die +Familie+ zur Folge. Natürlich ist zur Erhaltung
der Art die Erzeugung von Jungen unerlässlich; unerlässlich auch,
dass diese in genügender Menge am Leben bleiben. Aber dieses Ziel
kann auf verschiedenerlei Weise erreicht werden. Als allgemeine Regel
gilt, dass die Anzahl der Keime oder Nachkommen desto grösser ist, je
tiefer eine Art steht, je ärmer sie an Intellekt ist und je weniger
die Erzeuger sich um die Aufbringung der Brut kümmern. Dies ist bei
den meisten niederen Tieren der Fall, weil die Empfindungstriebe nur
bei den entwickelteren Geschöpfen, besonders bei den Gliederfüssern
(Arthropoden) und Wirbeltieren (Vertebraten) ausgebildet sind. Viele
der niederen Arten lassen die Eier einfach ins Wasser fallen, und
diese entwickeln sich zu Larven, welche ein vom Muttertiere ganz
unabhängiges Leben führen; die Fälle, in welchen Wirbellose den Eiern
einige Aufmerksamkeit widmen, sind ungemein selten. Von den Astdärmern
oder Plattwürmern (Plenarien) ist bekannt, dass sie die Eier in einem
Kokon an Steinen und Pflanzen befestigen. Noch interessanter ist die
Eierpflege der _Janthina_, der Amethyst-Schnecke. Das Tier schwimmt an
der Oberfläche des Wassers, nimmt durch Umbiegen des zungenförmigen
vorderen Körperendes Luftblasen herunter ins Wasser, welche durch einen
abgesonderten Schleim zusammengehalten werden, so dass sie ein Floss
bilden; hieran werden nun die Eier befestigt und dadurch schwimmend
erhalten, was jedenfalls für ihre Entwicklung unerlässliche Bedingung
ist. Von diesen allen zerstörenden Zufällen preisgegebenen Keimen geht
die Mehrzahl zu Grunde, es überleben ihrer aber dennoch genug, um die
Erhaltung der Art zu sichern. Auf dieser Stufe existiert noch keine
Familie, nicht einmal im allerrudimentärsten Zustande. Sehr allgemein
ist dagegen die Brutpflege schon bei den Spinnen und Insekten. Wie es
scheint, geht dieselbe aus Wahrnehmungstrieben hervor; allein es wirken
auch Empfindungstriebe, die durch das Gefühl vom Legen der Eier und
durch die Berührung derselben, nachdem sie gelegt sind, hervorgerufen
werden. Wenn die Tarantelspinne den Eikokon an die Spinnwarzen heftet,
die Uferfliege die Eier an den Bauch klebt, um sie dann klümpchenweise
ins Wasser fallen zu lassen, und der Kotkäfer, der im Miste lebt,
unter demselben Löcher in die Erde gräbt, einen Pfropfen Mist in jedes
Loch steckt und dann in jeden Pfropfen ein Ei legt, so wirken hierbei
wohl hauptsächlich Empfindungstriebe. Ebenso sind es vornehmlich
Tastempfindungen, welche das Insekt beim Legen der Eier in andere
Tiere, in junge Triebe, in die Erde u. s. w. leiten, wie schon aus
den tastenden Bewegungen, welche sie mit der Legeröhre oft machen,
hervorgeht. Auch manche Krokodilweibchen zeigen ein wenig Sorge um die
Brut; sie versuchen die Eier zu verbergen und tragen mitunter die eben
ausgekrochenen Jungen in das Wasser. Am Rio Guayaquil in Südamerika
legt das Krokodilweibchen seine Eier in den Sand, kehrt aber zur
rechten Zeit zurück, zerbricht sie mit Vorsicht und trägt dann die
Jungen auf dem Rücken in den Fluss.
Bei den höheren Tieren ist es hauptsächlich das Lustgefühl, das mit
der Umarmung der Jungen verbunden ist, aus welchem Empfindungstriebe
zur Pflege der Nachkommen entstehen. Darin wurzelt auch einer der
wesentlichsten Hebel in der Familie: die +Mutterliebe+, welche
mit ihrer aufopfernden Hingabe und unermüdlichen Fürsorge so oft zur
Bewunderung Anlass giebt. Welch' glänzendes Beispiel von mit äusserster
List und Klugheit gepaarter Mutterliebe bieten Vogelmütter dar, welche
beim Herannahen des Verfolgers sich flügellahm stellen und denselben,
indem sie in kurzen Sätzen vorwärts trippeln oder am Boden hinfliegen,
auf ihre eigene Verfolgung hin- und von den Kindern abzulenken suchen,
oder auch die Elefantenmütter, von denen +Schweinfurth+ erzählt!
Letztere suchen bei den durch Anzünden der verbergenden Ufergebüsche
veranstalteten Jagden in Afrika ihre Jungen dadurch zu retten, dass sie
ihre Rüssel voll Wasser saugen und dieselben damit bespritzen, während
sie selbst dabei rösten. Auf dem Gute „Tralauer Holz“ in Holstein sah
eine Stute ihr Füllen, an dem eine Operation vorgenommen werden sollte,
an den Hinterbeinen aufgezogen im Hofe hängen und kläglich schreien.
Sie stürzte sofort tot zusammen und die Sektion ergab, dass ihr eine
grosse Herzader gesprungen, „das Herz gebrochen“ war. Aber diese
opferwillige Mutterliebe durchdringt durchaus nicht die ganze Tierwelt,
sondern erwacht erst in den höheren Arten. Und auch bei diesen giebt es
in der Mutterliebe zahlreiche Abstufungen, gerade wie in der Art des
Zusammenlebens der Eltern.
Hält manche Tiere der überaus rege Fortpflanzungstrieb beisammen,
wie in der Ordnung der Nager, so finden wir gerade aus diesem Grunde
bei ihnen wenig Beispiele zärtlicher Mutterliebe. Es werden nämlich
die Jungen so früh alt und kommen der Jungen so viele nacheinander,
dass einigermassen anhaltendere Beschäftigung mit ihnen seitens ihrer
Mutter wohl nicht zu verlangen ist. Am besten thun sich noch unter
den Nagern, was geselliges familiäres Zusammenleben anbelangt, die
Murmeltiere hervor, welche jährlich höchstens zweimal Junge zur Welt
bringen, die Biber, die einander beim Aufbau ihrer Burgen und Dämme
hilfreich beispringen, die Meerschweinchen, die sich mit grosser
Zärtlichkeit immer und immer liebkosen, einigermassen auch die
Kaninchen, bei welchen bisweilen ein Paar mit grosser Anhänglichkeit
zusammenhält. Rührende Episoden erzählt man von dem Löwenmute der
bedrängten Mäusemutter, von ihrer Kampfwut und der Blindheit, mit der
sie sich in Todesgefahr stürzt, um ihre bedrohten Kinder zu retten.
Doch kennt man auch unrühmliche Beispiele des Gegenteils. +Aglaia
von Enderes+, eine aufmerksame Beobachterin der Tierwelt, besass
ein lustiges Pärchen zahmer Albinomäuse. Da kam ein neues Ereignis in
ihr harmloses Mäuseleben. Eines Morgens lagen zehn wohlkonditionierte
kleine Mäusekinder in dem Lager der Eltern; aber mit diesem Kindersegen
kam eine erstaunliche Charakterwendung über die Alten. Sie wurden
misstrauisch und unstät, scheu gegen die Menschen und zanksüchtig unter
einander. Kleine häusliche Szenen fanden statt, infolge deren sich der
Gatte plötzlich aus dem Staube machte. Die Mutter besann sich einige
Tage und nährte ihre Kinder; als aber der lieblose Vater nicht wieder
kommen wollte, verdross sie die Kinderstube und ihre Mühen, und ohne
weitere Veranlassung überliess sie ihr holdes Mutteramt andern Händen
und ging auf und davon. Ein wahrhaft abschreckendes Beispiel zuchtlosen
Familienlebens bieten die Ratten, die bei ihrer überaus raschen
Vermehrung und dem dadurch oft bedingten Nahrungsmangel sich selbst
gegenseitig anfallen. Nicht minder das zänkische Hamsterpaar, bei
welchem des Männchens anfängliches Minnespiel gar bald in bissige Wut
gegen das Weibchen übergeht, das nun, wenn es nicht totgebissen werden
will, ohne Säumen des Gemahls ungastliches Haus fliehen und ein eigenes
Heim sich wählen muss. Einsam bringt sie dann ihre Jungen zur Welt,
die aber, wie sie etwas herangewachsen sind, sich mit ihrer Mutter
nicht mehr vertragen und dieselbe gleich ihrem Vater verlassen. Nicht
besser steht es um das Familienleben der Insektenfresser. Einsam und
verlassen liegt des Swineigels Gattin auf selbstbereitetem Wochenbett
mit ihren Kleinen. Und echte Einsiedler beide, hausen Maulwurf und
Maulwürfin in getrennten Behausungen. Im Frühjahr, wenn über der Erde
alles grünt und spriesst, fängt der Paarungstrieb auch in der kleinen
Maulwurfsbrust sich zu regen an. Unruhig verlässt er seinen Bau --
das grösste Wunder bewirkt der Zauber des neuen Gefühles, und der
scheue, mürrische Weltfeind läuft des Nachts in drängender Sehnsucht
und heissem Verlangen über die offene Erde hin, um sich sein Liebchen
zu suchen. Wie es schon in seinem Charakter liegt, nimmt er die Liebe
ernst und schwer. Er gaukelt nicht, er spielt nicht und liebelt nicht;
er sucht seine Braut mit Gefahr seines Lebens; er kämpft manchen
harten, heissen Strauss mit seinesgleichen, ehe es ihm gelingt, die
Auserwählte heimzuführen; und wenn er endlich an diesem ersehnten
Ziele ist, sie sein eigen nennt, wenn er sie in seinem Hause weiss,
wenn sie die Sorge für den künftigen Haushalt übernommen hat und in
der neuen Heimat zu schaffen beginnt, selbst dann kommen keine süssen
Flitterwochen, selbst dann kommt der sorglose Jubel der Liebe nicht
auf. Wie es sein einsames, scheues Leben mit sich bringt, fehlt ihm
der Glaube an seine Stammesgenossen, das Vertrauen auf sein Weib, und
mit der Angst des finsteren, brütenden Grillenfängers sperrt er seine
junge Gattin in ihr eigenes Haus und forscht und spürt mit mordgierigem
Verlangen nach Nebenbuhlern und Schelmen, die ihm den neuerworbenen
Besitz stören könnten. Ist diese erste Zeit vorüber, das Othellogefühl
im kleinen Maulwurfsherzen zur Ruhe gebracht, haben sich die beiden
Sonderlinge aneinander gewöhnt, dann beginnt die Sorge für die Zukunft;
das Lager wird bestellt, Gräser und Halme werden eingetragen zur
warmen Stätte für die drei bis fünf winzigen Maulwurfskinder, welche
nach wenig Wochen den futterbedürftigen, ewig hungrigen Haussegen der
glücklichen Eltern repräsentieren. In die Jugendzeit dieser Kinder
fällt alles, was der Maulwurfsvater an Liebenswürdigkeit zu leisten
vermag. Mit Hingebung und Treue widmet er sich Weib und Kind; er pflegt
sie, schützt sie, hält in Gefahr und Tod bei ihnen aus und wagt sein
Leben, wenn es ihre Rettung gilt. In dieser Zeit ist ihm seine Familie
alles, und es geht von ihm die schöne Sage, dass er sich zuweilen
über den Verlust von Weib und Kind zu Tode härme. Leider hält diese
Selbstverleugnung nicht lange vor; die sonnige Zeit der Liebe und des
Glücks geht wie ein Traum vorüber, die Kinder werden nach wenigen
Wochen gross und verlassen das Elternhaus, um sich eine eigene Existenz
zu gründen; die Mutter sucht ihre frühere Wohnstätte auf, und der alte
Sonderling, vereinsamt und verlassen, schliesst sein verödetes Haus, um
sein zornerfülltes, düsteres Räuberleben voll Blut- und Mordgeschichten
von neuem zu beginnen, um von nun an niemandem zu leben, als sich und
seinem Hunger.
Bezüglich des Familienlebens der Seehunde und Wale hat man wohl noch
wenig beobachtet; von der Fischotter aber weiss man, dass sie ihre
Jungen gegen jede Gefahr mit dem grössten Mute verteidigt. Nicht nur
kein Familienleben, nicht einmal lebhaftere Mutterliebe finden wir bei
den Zahnarmen. So säugt die Gürteltiermutter ihre Jungen nur ganz kurze
Zeit und überlässt sie dann sich selbst. Das Faultierweibchen lässt
sein Junges mit beispielloser Gleichgültigkeit an sich hängen und ohne
weiteres sich rauben. Nur vom Weibchen des Ameisenbären sagt man, dass
es sein Junges ein Jahr lang mit sich führe und tapfer verteidige.
Die Beuteltierweibchen schleppen ihre unbehilflichen Kleinen in der
Beuteltasche mit sich herum oder lassen sie, wie die Surinamsche
Beutelratte, auf ihrem Rücken herumkriechen, während diese ihre kleinen
Schwänzchen um den Schwanz der Alten schlängeln. Einen ausgeprägten
Sinn für Häuslichkeit und Familienleben aber in edelster Bedeutung
findet man unter den Vögeln. Ihre überwiegende Mehrzahl lebt, wie
schon bemerkt, in Monogamie, führt ein ungetrübtes Familienleben und
teilt sich ehrlich in die Sorge der Ehe. Hier erkennen wir auch, dass
die Geschlechtsliebe nicht immer ein Produkt des Zeugungsinstinktes
ist. Das Zusammenwirken von Männchen und Weibchen beim Bau des
Nestes ist vielmehr der Ausdruck eines Gefühles von Hilffertigkeit,
und unzweifelhaft ist diese nämliche Regung im Spiele, wenn wir das
Männchen der Reihe nach die Sorge des Brütens übernehmen sehen, denn
vor dem Aufpicken der Eier kann doch von Elternliebe nicht die Rede
sein. Und das nämliche gilt auch von vielen niederen Tierarten.
Wie sorgt und müht sich z. B. das Weibchen einer Mauerbiene, eines
Blattschneiders, einer Lehmwespe oder dergl. den ganzen Sommer ab,
um den Brutbau herzustellen und Futter herbeizuschaffen! Selten nur,
wie bei den Totengräbern, den Pillendrehern, unterzieht sich auch
das Männchen diesen Arbeiten. Nur bei den Laufvögeln findet ein
interessantes Gegenstück zu der sonst üblichen Vorsorge der Mutter
statt. Beim Strauss und Nandu ist es nämlich das Männchen, welches die
Eier bebrütet, die Jungen füttert, ausführt, verteidigt und so bei
ihnen anstatt der sorglosen Ehegenossin Mutterstelle vertritt. Dies
sind aber seltene Ausnahmen.
Zu diesen gehört unter den Fischen der wohlbekannte Stichling
(_Gasterosteus pungitus_), unser kleinster Süsswasserfisch, welcher,
obwohl er in Polygamie lebt, als Gatte und Vater eine solche Liebe und
Sorgfalt an den Tag legt, dass +Ludwig Büchner+ ihn gradezu als
Muster eines guten Familienvaters hinstellt. Man kann sein Treiben
in unseren durchsichtigen Aquarien leicht beobachten. Zuerst baut
er ein wunderbares kleines Nest aus Grashalmen und andern Körpern,
die er mit Schleim verkittet. Ist er damit fertig, so ladet er ein
vorüberschwimmendes Weibchen ein, das Nest in Augenschein zu nehmen,
das er für dieses gebaut hat, indem er fortwährend flink um dasselbe
herum und zum Nest hin und zurück schiesst. Und geht sie nicht
willig, so stösst er sie mit der Schnauze an und sucht sie mit den
Seitenstacheln hineinzutreiben, um dort den Laich abzulegen. So führt
er nach und nach eine ganze Reihe Weibchen zum Neste, die sich nach
der Eierablage auf der entgegengesetzten Seite wieder hinausbohren.
Nach jedem Weibchen geht der Stichling selbst hinein, um den Laich zu
befruchten. Ist dies geschehen, so schliesst der vorsorgliche Vater
die eine Öffnung und bleibt wochenlang vor der andern Öffnung in
senkrechter Stellung stehen, indem er regelmässig die Flossen bewegt,
um eine der Erhaltung und Ausbrütung der Eier günstige Wasserströmung
im Innern des Nestes zu unterhalten. Jede feindliche Annäherung wird
mit Wut abgewiesen. Aber die Vatersorgen beginnen erst recht, wenn
die Jungen ausgeschlüpft sind. Er bewacht und behütet dieselben mit
musterhafter Sorgfalt, führt sie zum Neste zurück, wenn sie sich zu
weit entfernt haben, und füttert sie wie ein Vogel seine Jungen.
Dank solcher Fürsorge ist der Stichling so fruchtbar, dass man die
Äcker mit diesen Fischchen düngt. Auch bei andern Fischarten findet
man ähnliche Vaterliebe. Bei dem brasilianischen _Pater familias_
(Familienvater) ist dieselbe sogar derart entwickelt, dass er ein
völliges „Männerkindbett“ durchmacht. Er treibt nämlich die Sorgfalt
für seine Jungen so weit, dass er sie in seinen eigenen Kiemen zur
Ausbrütung bringt und beherbergt. Er verschluckt anscheinend die Eier,
aber nur um sie durch eine eigentümliche Atembewegung in die Kiemhöhle
zu pressen. Hier durch den elastischen Druck der Kiemenblättchen
festgehalten, werden die Eier ausgebrütet. Die Jungen schlüpfen aus,
wachsen rasch und wandern nun, da sie in dem beengten Geburtsort nicht
mehr Platz finden, in den Mund des Vaters, wo sie alle mit nach der
Mundöffnung gerichtetem Kopfe verbleiben. Der gutmütige Alte bekommt
dadurch ein höchst groteskes Aussehen. Mit weit aufgesperrtem Maule
und dickgeschwollenen Wangen steht er im Wasser, bis er endlich seine
selbständig gewordene Brut los wird.
Im allgemeinen wird man behaupten dürfen, dass die +Fürsorge für
die Brut+ bei den Tiergeschlechtern wie beim Menschen +zuerst
beim Weibchen erwacht+, und dass die Zärtlichkeit der weiblichen
Individuen auch bei den wildesten Tieren noch mehr als gegen den Gatten
sich im Benehmen gegen die Jungen ausspricht, welche die Mutter oft
sogar gegen die Wildheit des eigenen Vaters verteidigen muss. Bei
den Säugern ist es immer das Weibchen, welchem das Aufbringen der
Nachkommenschaft obliegt und das dieses Geschäft mit Hingebung und
Liebe besorgt. Die Liebe der Affenmutter ist geradezu sprichwörtlich
geworden. Allein selbst da ist die Familie keine dauernde, sondern
bloss eine vorübergehende, zeitweilige, insofern als sogar bei den
am höchsten entwickelten Arten die mütterlichen Gefühle erlöschen,
sobald die Jungen herangewachsen sind. Allerdings ist bei manchen
Tieren das Bedürfnis der Mutterliebe so gross, dass wenn sie selbst
keine Jungen haben, sie andere übernehmen, sogar sich solcher zu
bemächtigen suchen. Dies ist dann sicherlich der Ausfluss einer edleren
Empfindung, welche mit dem Instinkt nichts mehr zu schaffen hat. Die
Henne kennt ihre Küchlein und verjagt die fremden, die sich etwa
unter ihre Schar mischen wollten. Ein Überrest dieser Exklusivität
tritt auch bei den Menschen und zwar in jenen Fällen zu Tage, wo die
Stiefmutter die Kinder aus erster Ehe lieblos behandelt. Gleichwohl
nimmt diese Eigenschaft an Härte ab, je höher man die Stufenleiter
der Säugetiere emporsteigt: die Kuh verstösst das Kalb einer andern,
das Elefantenweibchen hingegen lässt willig was immer für ein Junges
aus dem Trupp an sich saugen. Wenn eine Katze beim Wurfe zu Grunde
geht, fällt es nicht schwer, ihre verwaisten Jungen von einer noch
säugenden Hündin ernähren und aufziehen zu lassen und umgekehrt.
+Houzeau+ berichtet diesbezüglich einen, seiner eigenen Erfahrung
entnommenen Fall, der deutlich darthut, dass bei der Katze sowohl wie
bei der Frau die Liebe zu den Jungen +nicht+ von der Thatsache des
Gebärens abhängt und folglich nicht schlechtweg die Konsequenz eines
physiologischen Zustandes ist. Vater- und Kindesliebe haben gleichfalls
mit dem Instinkt der Fortpflanzung nichts gemein, trotzdem findet
man von beiden, wenn auch nicht so häufig, Beispiele im Tierreiche,
zumal unter den Vögeln. Unter den Säugern ist Kindesliebe eine seltene
Ausnahme. Doch erzählt +Harris+ von einem jungen, kaum meterhohen
afrikanischen Elefanten, der die tiefste Trauer an den Tag legte, als
seine Mutter, von einem Schusse getroffen, niedergestürzt war; er lief
beständig jammernd um sie herum und versuchte, obgleich vergebens,
ihren schweren Körper mit seinem kleinen Rüssel wiederaufzurichten.[29]
Ebenso wenig macht sich die Vaterliebe bei den Säugern bemerklich und
auch die Völkerkunde versieht uns, wie ich später ausführlicher darthun
werde, mit einer genügenden Menge von Beispielen, welche beweisen,
dass das Gefühl der Vaterliebe dem Menschen keineswegs angeboren
ist. Bei den Tieren ist dasselbe so rudimentär, dass oft der Vater
die eigenen Kinder verspeist. Immer wiederkehrt die fast die Regel
bildende Erscheinung ärgster Belastung des Weibchens und gänzlicher
Sorglosigkeit des Männchens, nur ganz flüchtigen Verkehrs zwischen den
beiden Geschlechtern, der bald wieder völliger Gleichgültigkeit weicht
und einen krassen Ausdruck findet in der Lieblosigkeit der stärkeren
Spinnenweibchen, die ihren schwächeren Ehegatten gemütlich aufzehren.
So ist denn bei den Säugern allgemein das Weibchen der Stamm der
zeitweiligen Tierfamilie; um die Mutter gruppieren sich die Jungen.
Selbst dann, wenn das Männchen in dieser Gesellschaft ausharrt,
geschieht es weit eher aus Anhänglichkeit an das Weibchen, denn aus
Neigung zu den Jungen. Das Matriarchat, bei niederen Menschenstämmen
so häufig, ist im Keime schon in der Tierwelt vorhanden. Sehr treffend
und wahr sagt daher der Mailänder Gelehrte +Vignoli+: „Die Gemeinschaft
der Familie, in der der Mensch sich ursprünglich befindet, ist nicht
eine wesentlich menschliche, sondern auch tierische Thatsache, da jene
Weise gesellschaftlichen Zusammenlebens sich bei dem grösseren Teile
der Tiere und immer bei den höheren Tieren vorfindet. Die Notwendigkeit
der Aufziehung der Jungen ist es, die die Eltern vereint und ihr Leben
für eine kürzere oder längere Periode zu einem gemeinsamen macht:
ja in einigen Spezies setzt sich diese Ehe der Liebe und Sorgen die
ganze Dauer ihrer Existenz hindurch fort. Demnach ist das Faktum
familienhafter Geselligkeit +nicht ein ausschliessliches Produkt der
Menschheit+, sondern der allgemeinen Gesetze des ganzen Tierlebens auf
der Erde. Man behaupte nicht, dass im Menschen die Zuneigung zwischen
den beiden Geschlechtern und zu den Nachkommen, die von ihnen geboren
werden, lebhafter, intensiver und beständiger sei; denn mit gleicher
Stärke und bisweilen auch Ausdauer zeigt sie sich auch bei den Tieren
zu einander und zu den Jungen. Der Mensch also liebt, vereinigt sich
sinnlich und lebt gesellig in einer ursprünglichen Gemeinschaft
der Familie +allein weil er Tier ist+ und zwar höheres Tier in der
organischen Reihe derselben. Die Thatsache der Familie vollzieht sich
also nach der Notwendigkeit kosmischer Gesetze, die einen grossen
Teil der wieder erzeugenden und sozialen Thätigkeit des Tierreiches
beherrschen.“[30]
[29] +J. C. Houzeau.+ _Etudes sur les facultés mentales des animaux._
Mons, 1872. Bd. II. S. 110.
[30] +Tito Vignoli.+ Über das Fundamentalgesetz der Intelligenz im
Tierreiche. Versuch einer vergleichenden Psychologie. Leipzig, 1879. S.
227-228.