III.

Werbesitten und Geschlechtsverkehr im Tierreiche.

Es ist unnötig bei der Frage zu verweilen, wieso der tyrannische

Geschlechtsinstinkt, dieser Erhalter der Arten, sich zuerst gebildet

habe, und woraus er noch in der Gegenwart entstehe. Vom Standpunkte der

Gesellschaftslehre (Soziologie) genügt es, einfach die Thatsache seines

Vorhandenseins festzustellen und die verschiedenen Formen, welche im

Geschlechtsverkehre sich kundgeben, kurz zu beleuchten. Doch halte

ich es für empfehlenswert, zuvörderst einen Blick in das Gebahren der

Tierwelt zu thun, ehe der Mensch und sein geschlechtliches Treiben zur

Erörterung gelangen. In der Tierwelt gelangt nun der Paarungstrieb

sehr deutlich zunächst in den +Werbesitten+ der höheren Arten zum

Ausdruck, wobei, anknüpfend an das im vorhergehenden Abschnitt Gesagte,

stets das Männchen als der werbende Teil auftritt. Oft spielt darin der

+Kampf um das Weibchen+ die bedeutendste Rolle.

Von den zahlreichen Beispielen aller Arten erotischer Leidenschaften

sei bloss die launige Schilderung angeführt, welche Kapitän +Bryant+

von dem merkwürdigen Treiben der nach Art der türkischen Grossen sehr

verliebten und in Polygamie lebenden Ohrenrobben (_Otaria jubata L._)

auf der St. Paulsinsel entwirft. Gegen den 15. Juni, erzählt +Bryant+,

sind alle Männchen versammelt und alle passenden Plätze vergeben. Die

alten Herren erwarten jetzt offenbar die Ankunft der Weibchen. Letztere

erscheinen zuerst in kleiner Anzahl, dann aber in immer zunehmenden

Scharen, bis Mitte Juli alle Landungsplätze überfüllt sind. Viele der

Weibchen scheinen bei ihrer Ankunft den Wunsch zu hegen, mit einem

bestimmten Männchen sich zu vereinigen. Aber sie werden daran durch die

„Junggesellen-Robben“ gehindert, welche längs der Küste schwimmend,

die ankommenden Weibchen beobachten und sie ans Land treiben. Sobald

sie dieses betreten haben, nähert sich ihnen das nächstliegende

Männchen, lässt einen glucksenden Laut vernehmen und sucht, der

neu angekommenen Genossin freundlich zunickend und sie auch wohl

liebkosend, allmählich zwischen sie und das Wasser zu kommen, so dass

sie nicht mehr zu entfliehen im stande ist. Sobald ihm dies gelungen,

ändert der Haustyrann sein Betragen vollständig, denn an Stelle der

Liebkosungen tritt Zwang und das Weibchen wird genötigt, einen der noch

freien Plätze im Harem des gestrengen Herrn einzunehmen. In dieser

Weise verfährt jeder männliche Seebär, bis alle Plätze in seinem Harem

besetzt sind. Aber nun muss er den Besitz seiner Auserkorenen auch

energisch verteidigen, da seine über ihm lagernden Kollegen versuchen,

seine Weiber zu rauben, indem sie eines derselben mit den Zähnen

packen, wie eine Katze die Maus, und in ihren eigenen Weiberzwinger

schleppen. Die über ihnen lagernden Männchen verfahren in derselben

Weise, und so dauert das Weiberstehlen fort, bis alle Plätze besetzt

sind. Dabei giebt es denn oft sehr heftige Kämpfe der Herrn Sultane,

welche schliesslich, wenn jeder Harem gefüllt ist, selbstgefällig auf

und nieder wandeln, ihre Familien überblicken, die unruhigen Weibchen

schelten und alle Eindringlinge wütend davontreiben.

Auch den hässlichen Amphibien schlägt ein begehrendes Gefühl im

gepanzerten Busen. Der Alligator ist nach +Bartram+ bestrebt, die

Gunst des Weibchens dadurch zu gewinnen, dass er in der Mitte seiner

Lagune sich herumtummelt und brüllt und sich dabei benimmt „wie ein

Indianerhäuptling, der seine Kriegstänze einstudiert“. Manche Tierarten

wissen sogar ihr erotisches Streben mit einem -- fast möchte man sagen

-- poetischen Schimmer zu verklären. +Charles Darwin+ ist der Ansicht,

dass den Tieren einiger Schönheitssinn zukomme, wenigstens solchen

der höchsten Klassen; dass demnach z. B. weibliche Vögel die Schönheit

der vor ihnen Staat machenden Männchen bewundern, sowie sie sich an

deren Gesang erfreuen. Hinsichtlich der männlichen Tiere glaubt aber

+Gerlach+, dass die Entfaltung der Schmuckfedern vor den Weibchen

männlicherseits keine Kenntnis des Schmuckgefieders voraussetze,

sondern nur den geschlechtlichen Reiz, welcher auf diesen Teil des

Sexuallebens wirke. Er führt dabei eine Stelle aus +Waitz'+ Psychologie

an: „Die sämtlichen Tiere gebrauchen ihre Glieder im höchsten Grade

zweckmässig, ohne dass es darum wahrscheinlich würde, dass sie davon

einige Kenntnis besässen.“ Sei dem, wie ihm wolle, Thatsache ist es,

dass viele Geschöpfe in der Paarungszeit ihre besten Reize zu entfalten

bestrebt sind.

Ganz besonders gilt dies von der Vogelwelt, welche zahlreiche

diesbezügliche Beispiele liefert. Wer hat nicht schon von den

Trommelkünsten der gefiederten Werber gehört, denen der Gesang versagt

ist? Der Schwarzspecht (_Picus martius L._) hängt sich an den dürren

Wipfel eines hohen Baumes oder wenigstens an einen dürren Ast an

und hämmert mit seinem Schnabel so heftig dagegen, dass der Ast in

zitternde Bewegung gerät. Hierdurch entsteht ein wunderbares Trommeln,

welches im Walde so stark widerhallt, dass man es bei trockenem

Wetter wohl eine Viertelstunde weit hört. Dasselbe dient dazu, das

Weibchen zu erfreuen, welches auf dieses Geräusch auch gewöhnlich

sofort herbeikommt und Antwort giebt. Alle Künste der Buhlerei werden

entfaltet zur Werbezeit, alle Mittel, um persönliche Schönheit und

Vorzüge ins rechte Licht zu setzen, mit heissem Bemühen angewendet. Wer

hörte nicht vom „Balzen“ des Auerhahns und seiner Verwandten, in deren

erotischer Verzückung Tanz und Gesang sich vereinigen. Der Birkhahn

(_Tetrao tetrix L._) z. B. stösst in der Balze die sonderbarsten

Töne aus, macht die merkwürdigsten Gebärden, Sprünge und Bewegungen

bei gesträubten Federn und erhitzt sich immer mehr, bis er zuletzt

wie toll erscheint. Das Männchen des nordamerikanischen _Tetrao

urophasianus_ hat beim Umwerben des Weibchens seinen nackten gelben

Kopf ungeheuer aufgetrieben, stösst kratzende, hohle, tiefe Töne

aus, richtet die Holle auf, breitet die Schwanzfedern aus, schleift

die Flügel auf dem Boden und nimmt die sonderbarsten Stellungen an.

Das Männchen des ebenfalls nordamerikanischen _Tetrao umbellus_

trommelt mit seinen gesenkten Flügeln laut auf seinem eigenen Körper,

richtet den Schwanz auf und entfaltet seine Krause, worauf das in der

Nähe befindliche Weibchen herbeifliegt. Der Albatros der südlichen

Hemisphäre (_Diomedea exulans_) berührt mit seinem Schnabel den des

Weibchens, beide schaukeln die Köpfe im Takte und sehen sich lange

an. Das Schnäbeln unserer Turteltauben ist nahezu ein wahres Küssen.

Von dem niedlichen, kleinen, schwarzen Webervogel (_Ploceus socius

Lath._) mit gelben Schultern erzählt +David Livingstone+, dass

drei bis vier derselben sich nach dem Frühstücke auf den Büschen mit

Gesang erlustigen, worauf ein Spiel im Fluge folgt. Diese Spiele

finden aber nur während der Paarungszeit und im Hochzeitskleide

statt, nicht so lange der Vogel sein einfaches braunes Winterkleid

trägt. Bei der australischen Moschusente ist der Moschusgeruch immer

nur auf den Enterich beschränkt und wird in der Paarungszeit lange

vorher wahrgenommen, ehe der Vogel sichtbar wird. Der Felshahn, die

Paradiesvögel u. a. sammeln sich in Gruppen vor den Weibchen und

machen Staat vor ihnen, welche dann die ihnen zusagendsten erwählen.

Der Felshahn (_Rupicola aurantia L._), ein prachtvoller Schmuckvogel

Südamerikas, errichtet an abgelegenen Orten förmliche Tanzplätze von

1¼-1½ m Durchmesser, von denen jeder Grashalm entfernt wird und

auf welchen der Boden so glatt ist, als hätten ihn menschliche Hände

geebnet. Auf dieser Schaubühne, um welche die übrigen Vögel still und

bewundernd umherstehen oder auf niedrigen Büschen sitzen, tritt nun

ein Männchen nach dem andern auf, um seine Künste zu zeigen, welche in

verschiedenen Gebärden und dem Ausstossen eigentümlicher Töne bestehen.

+Schomburgk+ sah auf diese Weise drei Helden nacheinander

auftreten, bis ein plötzliches Geräusch die ganze Vogelgesellschaft

verscheuchte. Die Indianer, welche die schönen Bälge dieser Vögel

ungemein schätzen, suchen deren Vergnügungsplätze eifrig auf und

verbergen sich in der Nähe mit Blasrohr und vergifteten Pfeilen. Sind

die Tiere einmal mit ihrem Tanzvergnügen beschäftigt, so werden sie

davon derart eingenommen, dass die Jäger mehrere hintereinander erlegen

können, ehe es die übrigen merken und davon fliegen.

Auch der gewöhnliche stelzbeinige Kranich (_Grus cinerea Bech._)

übt, von dem allmächtigen Triebe angefeuert, die edle Tanzkunst mit

Leidenschaft, obwohl vielleicht mit weniger Geschicklichkeit aus.

Die Palme in jeder Hinsicht gebührt aber sicherlich australischen

Paradiesvögeln, wie _Amblyornis ornata_ und ihren Verwandten. Die

australischen „Lustlauben-Verfertiger“ (Atlasvögel und Kragenvögel)

bauen nämlich gar Versammlungshäuser, die nicht etwa als Niststätten,

als Nester dienen, sondern lediglich als Ballsaal, worin Herren und

Damen Bekanntschaft machen und in minnigen Pantomimen sich ergehen.

Der merkwürdige Vogel beginnt damit, dass er einen ziemlich festen

Fussboden von kleinen Zweiglein webt. In diesen Fussboden stösst er an

beiden Seiten eine Anzahl langer und dünner Zweige derart ein, dass

ihre Spitzen sich kreuzen und ein einfaches Gewölbe bilden. Es entsteht

so eine gewölbte Laube oder ein Laubengang, bei grösseren Kragenvögeln

etwa 1¼ m lang und 45 cm hoch, welcher als Versammlungssaal oder

Stelldichein dient. Eine Anzahl Vögel kommen daselbst zur Minnezeit

mehrere Stunden des Tages über zusammen und geben sich ihren

Vergnügungen hin. Aber nicht genug damit -- die beiden Eingänge der

Laube werden mit einer Menge schön gefärbter oder hellglänzender

Gegenstände verziert, um sie dem Auge angenehm zu machen. Muscheln,

Zähne, Knochen, bunte Steine, Scherben, Papier- oder Kattunschnitzel,

auch allerhand kleine, dem Menschen entwendete Gegenstände, wie

Fingerhüte u. dgl. werden herbeigetragen, um dem Schönheitssinne der

gefiederten Gäste Genüge zu thun. Diese Dinge werden beständig anders

geordnet und von den Vögeln in ihrem Spiel umhergeschleppt. Überdies

wird, wie +Gould+ berichtet, die Laube selbst im Innern schön mit

langen Grashalmen ausgefüttert, welche so angeordnet werden, dass die

Spitzen sich nahezu treffen, und die Verzierungen sind ausserordentlich

reich. Nach +Darwin+ benützen die Vögel runde Steine dazu, die

Grasstengel an ihrem gehörigen Orte zu halten und verschiedene nach

der Laube hinleitende Pfade zu bilden. Es sind dies sicherlich

Verfeinerungen, welcher sehr niedrig stehende Menschenstämme, wie die

Australier, die früheren Tasmanier, die Pescheräh u. a. völlig unfähig

wären.

Wenden wir uns von den Werbesitten den Formen des Verkehrs zwischen den

Geschlechtern zu, so bietet die Tierwelt darin grosse Mannigfaltigkeit.

Wohl die niedrigste Stufe, zugleich aber eine der häufigsten, ist

jene der +schrankenlosen Vermischung+ (+Promiskuität.+) Sehr viele

Tiere paaren sich, je nachdem der Zufall sie zusammenführt, ohne

Rücksicht auf die Freiheit der Wahl und ohne irgend einen Anspruch

auf Treue zu erheben. Dahin gehören die meisten niederen Tiere, die

lediglich Empfindungstrieben folgen. Diese Tiere vermögen wenigstens

scheinbar jene, mit welchen sie sich vereinigen wollen, aus der

Entfernung nicht zu unterscheiden; sie suchen nach solchen auf Grund

eines subjektiven Empfindungsgefühles, wahrscheinlich des Geruches,

umher und vollziehen die Verschmelzung, sobald sie sich berühren.

Aber selbst höhere Tiere, wie gewisse Vogelarten, leben in völliger

Ungebundenheit trotz des vorangehenden Werbens um das Weibchen. Am

lockersten zeigt sich das Verhältnis der Kuckucke, von denen man gar

nicht weiss, ob irgend ein bestimmtes Band unter ihnen vorhanden ist.

Bei anderen Species verlassen sich mitunter die Gatten, sobald ihrem

Triebe Genüge geschehen ist, oft auch erst nach Aufbringung der Jungen.

Aber selbst von den Sitten der auf den ostindischen Inseln gesellig in

grösserer oder geringerer Anzahl beisammen lebenden, menschenähnlichen

_Hylobates_-Arten, von welchen auf Borneo, Java und Sumatra je eine Art

vorkommt, ist ausser der Zärtlichkeit, womit das Weibchen ihre Jungen

behandelt, nichts Rühmliches zu melden, denn sie streifen bedenklich an

Promiskuität.

Ist nun schrankenlose Vermischung in der Tierwelt häufig genug, so

trifft man +Vielweiberei+ (+Polygamie+ oder +Polygynie+) nicht selten;

doch kommt sie mit wenigen Ausnahmen +nur bei höheren Tierarten+

vor. Viele Affen, soweit sie truppenweise leben, wie Pavian,

_Mycetes_, _Caraya_, sind Polygamisten. Das Männchen eignet sich eine

gewisse Anzahl Weibchen an und hält alle Nebenbuhler fern. Selbst

der fürchterliche nomadische Gorilla, welcher einzeln mit seinen

Weibchen im Dickicht des Waldes lebt, scheint Polygamist zu sein. Der

Amerikaner +Paul Duchaillu+, der uns zuerst mit diesem Riesen des

Affengeschlechts vertraut gemacht hat, überraschte allerdings manchmal

ein Pärchen, +Darwin+ aber berichtet: in einer Gruppe sei stets nur

+ein+ erwachsenes Männchen zu sehen. Wächst das junge Männchen heran,

so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der Stärkste setzt sich

dann, wenn er die andern getötet oder fortgetrieben hat, als Oberhaupt

der Gesellschaft fest.[25] Ganz ähnlich handeln die meisten Affen,

von welchen man kaum behaupten kann, dass sie ein nach europäischen

Begriffen nachahmenswertes Geschlechtsleben führen. Türkische

Serailwirtschaft tritt da mit altem Feudalrecht gepaart zu Tage.

Der stärkste Affe ist nicht allein der Führer, sondern kraft seiner

Stärke der unbeschränkte Herr der gesamten vielköpfigen Gesellschaft,

der Gebieter aller der Männchen und Weibchen, der Gutsherr, welcher

sein _jus primae noctis_ mit Gewalt festhält, jedem jungen Stutzer

die anwandelnde Lust zu etwaigem Liebesspiel mit weiblichen Wesen der

Herde gar unsanft vertreibt und auch den wetterwendischen Affenschönen

gegenüber keineswegs den galanten Herrn spielt, vielmehr auch da derbe

Strenge für die wichtigste Kur ansieht.

Nebst den Affen sind auch sehr viele Säuger und andere Tiere

ausgesprochene Anhänger der Vielweiberei; so z. B. alle Wiederkäuer,

das Pferd und der Esel, aber auch der Eber, der Elefant, der Löwe,

ferner die Robben und unter den Vögeln solche, welche ebenfalls in

grösserer Anzahl beisammen leben, also die Hühnerartigen, die Trappen,

die Strausse und vermutlich auch der Kampfhahn, ferner die Wachteln,

Auer- und Birkhühner, Fasanen, Kampfstrandläufer, Perlhühner, Puter,

Pfauen. Ganz besonders ist unser Haushahn der Typus eines polygamischen

und eifersüchtigen Geschöpfes. Auf dieser Stufe des Geschlechtsverkehrs

tritt nämlich die +Eifersucht+ auf, eine Gefühlsempfindung, welche den

in Ungebundenheit lebenden Tieren völlig fremd ist. Die Männchen auch

vieler Säugetiere sind sehr eifersüchtig und mit Waffen zum Kampfe

um die Weibchen ausgerüstet. Doch ist Polygamie keineswegs die Regel

bei den Tieren. In der That ist sie wohl nur möglich bei gesellig,

also in Herden, Rudeln oder Schwärmen lebenden Geschöpfen oder bei

solchen, wo die Anzahl der Weibchen jene der Männchen bei weitem

übertrifft. Unbedingt notwendig ist sie dagegen in den Tierstaaten

der Hymenopteren, wo eine ungeheure Anzahl von Weibchen bloss einige

Männchen besitzt.

+Vielmännerei+ (+Polyandrie+), d. h. dauernde Verbindung eines

Weibchens mit mehreren bestimmten Männchen, kommt im Tierreiche so

gut wie gar nicht vor, da bei fast allen höheren Arten das Weibchen

wegen seiner relativen Schwäche gezwungen ist, die Liebkosungen des

Männchens zu erdulden, auch nimmer die Kraft hätte, ein männliches

Serail sich zu bilden und zu verteidigen. Dennoch scheint bei einigen

Fischarten, beim Karpfen, Brachsen, der Schleihe und Pfrille, etwas wie

Polyandrie zu herrschen, wenn die Deutung des Umstandes richtig ist,

dass zwei bis vier Männchen das Weibchen beim Laichen begleiten. Ebenso

will ich es dahingestellt sein lassen, ob bei einigen Vogelarten, wie

z. B. beim neuholländischen Kasuar, das Weibchen grösser und stärker

geworden ist, um, wie +Darwin+ will, andere Weibchen besiegen und

in den Besitz des Männchens gelangen zu können. Umgekehrt hat aber

unläugbar in vielen Arten das Weibchen eine ausgesprochene Vorliebe

für das stärkste Männchen, und wenn die Nebenbuhler um ihren Besitz

mit einander kämpfen, wartet es geduldig auf den Ausgang des meist

blutigen Streites, um sich dem Sieger zu ergeben. Bei den Säugetieren

insbesondere werden die Weibchen mehr durch Kampf, als durch Entfaltung

der Reize gewonnen, und man hat diese Kämpfe bei einer Menge von

Spezies, besonders bei Hirschen und Löwen beobachtet. Nicht selten

wird in der Zeit des Werbens eine Löwin von drei oder vier Männchen

begleitet, welche ihr auf Schritt und Tritt folgen und fortwährend

einander in den Haaren liegen, bis ihr die Sache langweilig wird

und sie im Ärger darüber, dass die Verehrer sich unter einander um

ihretwillen nicht umbringen, mit ihnen zu einem grossen alten Löwen

wandert, dessen Kraft sie schätzen lernte, als sie ihn brüllen hörte.

Die Liebhaber folgen ihr keck bis zu dem bevorzugten Nebenbuhler.

Von langen Verhandlungen ist nie die Rede und das Resultat solcher

Begegnungen zu jeder Zeit sicher. Der alte Löwe wird mit den jüngeren

bald fertig. Ist das Feld rein, so schüttelt das edle Tier die Mähne,

dann streckt er sich demütig bei der Löwin aus, die ihm als erstes

Pfand ihrer Zuneigung mit schmeichelnden Blicken die Wunden leckt,

welche er im Kampfe um sie erhalten. Treffen unter solchen Umständen

zwei völlig ausgewachsene Löwen auf einander, so nimmt das Duell

einen oft für beide tödlichen Ausgang. Gleich im Beginn des Kampfes

legt sich die Löwin auf den Bauch um zuzusehen und gibt, so lange er

dauert, durch Wedeln mit dem Schweife zu erkennen, wie sehr sich ihre

Eitelkeit geschmeichelt fühlt, dass zwei solche Löwen um ihretwillen

sich zerfleischen. Ist der Kampf vorüber, so geht sie langsam und

vorsichtig zu den beiden Toten, um sie zu beriechen, und wandert dann

stolz hinweg, ohne die Gefallenen weiter eines Blickes zu würdigen.

Vorzugsweise scheint die Löwin sich gerne einen vollerwachsenen starken

Löwen auszusuchen, der sie von den zudringlichen jüngeren befreit,

deren fortwährende erfolglose Kämpfe sie langweilen. Sobald aber ein

noch stärkerer erscheint, ist er stets willkommen. Alle diese Kämpfe

geschehen wohl unbewusst, naturgesetzlich, damit nur die gesündesten

und kräftigsten Männchen zur Fortpflanzung gelangen und eine tüchtige

Nachkommenschaft erzeugt werde. Man müsste aber absichtlich die

Augen verschliessen, um nicht bis ins Menschengeschlecht hinauf

diese eigentümliche Form von Liebeswahl, wenn auch verhüllter und in

mannigfachster Variation, wiederzuerkennen.

Die +Monogamie+ oder +Einzelehe+, welche einige der höher stehenden

Völkergruppen und insbesondere die höchstgestiegenen christlichen

Kulturnationen Europas zur Grundlage ihrer Gesittung erhoben haben,

die Einzelehe, welche unsere Morallehrer gewohnt sind, als die Form

κατ' ἐξοχὴν der menschlichen „Ehe“ zu betrachten, +existiert gar nicht

selten bei den Tieren+. Sie wird vorerst geradezu zur Notwendigkeit

bei den sehr zerstreut lebenden Spezies, wie z. B. bei vielen

Raubtieren, sowie bei allen jenen, welche nur paarweise leben können,

sei es dass ihre Nahrungsmittel selten, sei es dass sie von Haus aus

besonders ungesellig sind. Doch sind diese Bedingungen nicht einmal

unbedingt unerlässlich, und es giebt sogar einige, wenn auch wenige,

monogame Affenarten. Der indische Makak Uanderu (_Macacus silenus_)

hat nur +ein+ Weibchen und bleibt ihm treu bis zum Tode. +Cuvier+

erzählt auch, dass als im _Jardin des plantes_ zu Paris eines der

Uistitiäffchen (_Harpale Jacchus_) gestorben war, der überlebende

Gatte sich trostlos gebärdete, lange Zeit die Leiche liebkoste,

endlich aber von der Wirklichkeit überzeugt, seine Augen mit den

Vorderpfoten bedeckte und so lange ohne Nahrung liegen blieb, bis

er schliesslich selber zu leben aufgehört hatte. Wohl etwas weniger

„sittlich“, wenn man so sagen darf, aber noch immer als Beispiel

empfehlenswert, benimmt sich der Orang-Utan. Das Männchen lebt nämlich

nur in der Zeit der Paarung mit dem Weibchen vereinigt, die übrige Zeit

meistens allein und für sich.[26] Doch stiess der britische Leutnant

C. de +Crespigny+ im südlichen Borneo auf eine Orang-Utan-Familie,

bestehend aus dem Männchen, dem Weibchen, einem grösseren und einem

kleineren Jungen, woraus sich schliessen lässt, dass ihr Bündnis schon

längere Zeit bestanden haben müsse. Bei dem ausserordentlich scheuen

_Nschiego-mbouvé_, dem kahlen Schimpanse (_Troglodytes calvus_) des

äquatorialen Westafrika, dessen Schädel viel geringere Unterschiede von

jenem der Australier aufweist, als mancher im stillen wünschen möchte,

nimmt nach Angaben der Eingebornen am Bau des Nestes das Männchen wie

das Weibchen teil. Dieser Anthropoide lebt, wie es scheint, nicht

herdenweise, sondern einsiedlerisch und in Monogamie; mit einem lauten,

eigentümlichen „Yuh! Yuh!“ ruft er in der Dämmerung seine Genossin

herbei.[27]

Auf diese Beispiele ist nicht geringes Gewicht zu legen, weil die

Anthropomorphen nicht bloss als die höchst organisierten Tiere,

sondern auch als die nächsten animalischen Verwandten des Menschen zu

betrachten sind. Weniger Wert messe ich deshalb der Monogamie in der

Vogelwelt bei, welche dem Menschen unvergleichlich ferner steht. Gerade

das gefiederte Volk ist reich an Beispielen von Einzelverbindungen,

welche übrigens eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Eheleben

gesitteter Menschen aufweisen. Sing- und Raubvögel, Raben, Elstern,

Tauben, Sperlinge leben vielfach in lebenslänglicher Einzelehe. Zu den

ganz unzertrennlichen Vögeln gehören die sonst wilden Lerchenfalken.

Sehr viele Vögel scharen sich im Herbst in grösseren und kleineren

Gruppen, aber auch hier sind die einzelnen Paare treu vereint. Bei

anderen Zugvögeln vereinigen sich die Männchen und Weibchen in

besonderen Schwärmen und begeben sich, in dieser Weise getrennt, auf

die Wanderung; im Frühling finden sich jedoch stets dieselben Paare

wieder zusammen. Pfarrer +Snell+, ein aufmerksamer Beobachter,

sagt über das uns beschäftigende Thema: Die Ehen der Vögel werden meist

im Frühjahre nach dem Geburtsjahr geschlossen, und es findet dabei eine

ganz bestimmte Wahl statt, deren Gründe ebenso wenig zu enträtseln

sind, wie die der Menschen, wenn nicht die gewöhnlichen Rücksichten des

Lebens obwalten. Oft entscheidet der blosse Zufall oder, wenn mehrere

Bewerber sich um die Braut drängen, das Recht des Stärkeren. Selbst

wenn die Überzahl auf seiten der Weibchen ist (was selten vorkommt,

da es bei den Vögeln mehr Männchen als Weibchen giebt) entstehen oft

heftige Kämpfe der Eifersucht. In der Ehe selbst kommen Streitigkeiten

nicht vor. Das Weibchen ordnet sich dem Männchen unter, geht also ihren

menschlichen Schicksalsgefährtinnen mit gutem und lehrreichem Beispiele

voran. Die Wahl des Nestes z. B. trifft immer das Männchen, und es sind

bei Sperlingen und Tauben Fälle beobachtet worden, wo das Männchen

aus Dummheit oder Ängstlichkeit einen ganz unpassenden Platz wählte,

das Weibchen aber sofort Material herbeischleppte, obwohl dasselbe

gar nicht anzubringen war. Nur bei Lerchenfalken kommen zuweilen

Streitigkeiten vor, die aber nie zu Thätlichkeiten führen. Die ganze

Innigkeit und Treue der Vogelehe zeigt sich uns am schönsten in den

Pärchen der Prachtfinken und kleinen Sittiche. Hier ist vollkommene

Harmonie des Wollens und Thuns; diese beiden Tierchen trennen sich

während ihres ganzen Lebens freiwillig keinen Augenblick; sämtliche

Verrichtungen, Essen und Trinken, Baden und Putzen des Gefieders,

Schlafen und Wachen u. s. w. führen sie gemeinsam aus, dicht aneinander

gedrängt ruhen sie, viele von ihnen brüten auch gemeinsam, und bei den

andern sitzt das Männchen wenigstens die ganze Nacht mit in dem Neste

oder dicht neben demselben. Aber auch hier zeigen sich für den scharfen

Blick noch mancherlei Abstufungen.

Bei den kleinen Prachtfinken steht das innige Verhältnis wohl am

höchsten unter allen Vögeln. Andere Prachtfinken haben dieselben

Zärtlichkeitsbezeugungen, doch giebt es bei ihnen bereits hin und

wieder, besonders um das Futter, einen kleinen, freilich immer nur

harmlosen Streit. Dann folgen die Zwergpapageien, welche ebenfalls

so innig zusammenhängen, dass man eine Art ja sogar _Inséparables_,

Unzertrennliche, benannt hat. Im Menschenleben lässt der Tod eines

Ehegatten den Überlebenden nur in den seltensten Fällen für alle Zeiten

untröstlich zurück. Bei _Psittacus pertinax_ ist aber Witwertum oder

Witwenschaft und Tod gewöhnlich gleichbedeutend. Dennoch zeigt diese

Ehe alle Augenblicke, selbst während der Brutzeit, kleine Zänkereien,

oft sogar von beiden Seiten arge Schnabelhiebe. Ebenso, nur während des

Nistens ganz verträglich, leben die Gatten eines Edelfinkenpärchens.

Unser kleiner Gimpel oder Dompfaff ist seinem Weibe ein liebevoller

Gatte, hilft ihm das Nest bauen, die Kinder grossziehen und singt

ihm während des Brütens, sowie zur Zeit der keimenden Liebe seine

sanften Lieder vor. Einen glänzenden Beweis ehelicher Treue gab ein

Gimpelmännchen, dessen angstvolles Ab- und Zufliegen durch mehrere Tage

beobachtet worden war, bis man endlich unter den überhängenden Zweigen

eines Busches sein Weibchen mit gebrochenem Flügel im Grase sitzend

fand. Der kleine Vogel brachte ihr dorthin das Futter, sass neben ihr,

umflatterte sie und gab alle Zeichen der tödlichsten Angst, als man

die Patientin forttrug, um sie gegen allfällige Unbill und Überfälle

zu schützen. Tagelang umflog er rufend und lockend das Fenster, an dem

das Bauer stand, in welchem das kranke Weibchen sass, und erst nachdem

er sich die Überzeugung geholt, dass es gelähmt blieb und dass sein

Fliegen und Rufen fruchtlos sei, flog er fort, um nie wiederzukehren.

Auch unsere Hausgans sowie alle anderen Gänsevögel sind musterhafte

Ehegatten. Hier ein charakteristischer Zug: Auf einem Hofe zu Troisdorf

waren von einer früheren zahlreichen Schar von Gänsen zwei Exemplare,

Männchen und Weibchen, übrig geblieben, denen man aus Dankbarkeit

für die von ihnen erzielte Nachkommenschaft mit löblicher Pietät das

Gnadenbrot zu teil werden liess. Das vielleicht gegen zwanzig Jahre

mit einander alt gewordene Pärchen empfand schon die Gebresten des

Alters, und namentlich war die mit einem stattlichen Fettbäuchlein

behaftete Gans in letzter Zeit nicht wohl mehr im Stande, den nahen

Teich zu erreichen. Da half ihr denn mit rührender Beflissenheit der

treue Lebensgefährte durch Aufmunterung, Ziehen und Schieben, so gut

es gehen wollte. Endlich einmal war alles umsonst. Die Gans kam nicht

von der Stelle und nach vergeblichen Anstrengungen schmiegte sich

das resignierende Männchen an, legte seinen Hals auf den Rücken der

Freundin und beharrte wohl eine Stunde lang in dieser Haltung, die

endlich auffiel und die Hofbewohner zum Nachsehen veranlasste. Man fand

das Männchen tot; es war ohne sichtbaren Todeskampf an der Seite der

Gattin gestorben; diese aber starb in gleich stiller Weise eine Stunde

nachher. Ebenso schöne Züge lassen sich von den Amseln berichten.

Ein Amselpaar (_Merula vulgaris_) hatte sein Nest in der Nähe einer

Baustätte; eines Tages kam eine zahme Elster, erfasste das Weibchen und

trug es bis dicht zu den auf dem Bauplatze beschäftigten Arbeitern;

das Männchen eilte ihr aber mutig nach, nahm einen erbitterten Kampf

mit der Elster auf und befreite endlich seine Gefährtin, worauf beide

triumphierend nach ihrem Neste zurückflogen, obgleich das Weibchen bei

dem Scharmützel die Hälfte des Schwanzes eingebüsst hatte. Umgekehrt

berichtet +Bennett+ von einem Fall, in welchem das Weibchen die

zärtlichste Liebe für ihren Gatten an den Tag legte. Er selbst hat

den Vorgang in Macao beobachtet. In einem dortigen grossen Vogelbauer

befanden sich mehrere chinesische Enten (_Anas galericulata_); eines

der Männchen wurde in der Nacht gestohlen; sofort konnte man an dem

Weibchen die unverkennbarsten Zeichen von Schmerz gewahren; es verkroch

sich in die Ecke und verweigerte die Nahrung. Da versuchte ein anderes

Männchen sich ihr zu nähern und sie zu trösten, doch sie stiess den

neuen Liebhaber rauh zurück und fuhr fort sich ihrer Trauer hinzugeben.

Mittlerweile wurde ihr ursprünglicher Gefährte wiedergefunden

und in den Käfig zurückgebracht. Überraschend waren die lauten

Freudenbezeigungen, womit das Paar seine Wiedervereinigung feierte, und

was mehr ist, das Männchen schien erfahren zu haben, dass es während

seiner Abwesenheit einen Nebenbuhler gehabt; denn es suchte diesen auf

und tötete ihn.

Die Tugend der +ehelichen Treue+ muss man im allgemeinen allen in

Einweiberei lebenden Vögeln zuerkennen, doch ist ein Unterschied

zwischen beiden Geschlechtern zu machen. Von Seiten des Weibchens hat

z. B. Pfarrer +Snell+, so lange und so sorgfältig er auch die Vögel

beobachtete, niemals einen Fall von Untreue erlebt. Bei den Männchen

kommen hingegen, wenn auch nur ausnahmsweise, solche Fälle vor. Wenn

man erwägt, dass dem Weibchen von Natur eine grössere Zurückhaltung und

Schüchternheit eigen ist, so wird man diesen Unterschied erklärlich

finden. Wohl fehlen auch hier nicht Abirrungen vom „Rechte“. Wohl

wird auch hier zuweilen der Hausfrieden gebrochen und weiss sich ein

heiratslustiger Junggeselle in Ermangelung eines ledigen Weibchens in

das Eheglück eines Paares einzudrängen und den vielleicht älteren,

hässlicheren Gemahl auszustechen. So soll es unter den übrigens

zu nicht ganz verdienter Volkstümlichkeit gelangten Störchen

„Ehebrecherinnen“ geben, welche angeblich dann von den Männchen

durch Schnabelstösse getötet werden. Mehrere solcher „Strafgerichte“

der Störche will man erst wieder in allerjüngster Zeit beobachtet

haben.[28] Neuere Untersuchungen haben aber ergeben, dass alle

diesbezüglichen Anekdoten unbewiesen oder doch die hier vorliegenden

Beobachtungen einer andern Deutung fähig sind. Immerhin beweist das

Beispiel der nicht einmal monogamen Pferde, dass Untreue wirklich

empfunden wird. Hat sich eine Stute einer der verwilderten Pferdeherden

in Südamerika mit einem Hengste einer anderen Herde abgegeben, so wird

sie nicht mehr von dem Leithengste ihrer Stammherde geduldet. Gar nicht

selten ist die Untreue gerade unter den sich zärtlich schnäbelnden

Tauben, die doch als das Muster des Gegenteils gepriesen werden, und

unter Beobachtung gewisser Vorsichten ist es gelungen, wenigstens

den Kanarienvögeln eine nichts weniger als unfruchtbare Polygamie

aufzunötigen oder richtiger mehrere in verhältnismässig kurzen

Zwischenräumen nacheinander folgende, nachkommenreiche Monogamieen

zwangsweise zuzuerkennen. Endlich kommen auch Ehescheidungen bei den

Vögeln vor, so gut wie bei den Menschen, freilich bloss bisweilen, und

auch nur die Weibchen vollziehen manchmal freiwillig die Trennung von

dem Gatten.

So sind denn die einzelnen Tierarten mit sehr verschiedenen

Empfindungen oder Gefühlen ausgestattet. Geschlechtsliebe wie auch

Mutterliebe können freilich, strenge genommen, nicht als wirkliche

Äusserungen des Gefühles betrachtet werden, denn das Tier, festgehalten

im Zwange der Natur, mit gering entwickeltem Intellekt, muss

rücksichtslos seinen Trieben folgen, und besonders der Paarungstrieb

ist für dasselbe um so zwingender, als er auf eine kurze und bestimmte

Zeit eingeschränkt ist. Immerhin lässt sich nicht verkennen, dass

in einigen Tierehen, und zwar nur in monogamen, ein Gefühl Platz

greift, welches, wenn auch entfernt, jenem der +Liebe+ im menschlichen

Sinne sich nähert, wie die angeführten Beispiele darthun. Gewiss,

die idealisierte Liebe, wie die Dichter sie schildern, +diese+ Liebe

ist dem Tiere unbekannt, wie alle im Menschen gesteigerten und im

Kulturmenschen besonders verfeinerten Empfindungen. Aber hier wie dort

wirkt der Paarungstrieb, so wenig idealisiert als möglich, dennoch

seine Wunder. Niemals und nirgends völlig unterdrückt, vermag er indes

auch seltsame Einschränkungen zu erleiden, wie in den Tierstaaten der

Bienen und Ameisen, in welchen die Sorge für die öffentliche Wohlfahrt

die Instinkte des einzelnen in solchem Masse besiegt hat, dass infolge

fortgesetzter Teilung der Arbeit das Zeugungsgeschäft die Aufgabe nur

einiger weniger Individuen geworden ist, ein Vorgang, der nicht ohne

Beispiel auch in der menschlichen Gesellschaft ist.

Aus all dem Gesagten ergiebt sich, dass gemeinsames Zusammenleben

und Zusammenwirken der Geschlechter im Tierreiche lange nicht

vorherrschen. Nicht das eheliche Leben zwischen zweien, sondern

Vielmännerei und Vielweiberei, Junggesellenwirtschaft, Vagabundentum

und allerhand Laster, um mit unseren Begriffen zu reden, sind da an

der Tagesordnung. Wenn man aber die Frage aufwirft, warum die Formen

des Geschlechtsverkehrs in der Tierwelt so mannigfache seien, so kann

es wohl nur +eine+ Antwort darauf gaben: +einzig und allein in dem

Wettbewerb, in den Heischesätzen des Kampfes ums Dasein ist die Ursache

dafür zu suchen+. Die Zerstreuung oder Verdichtung der Individuen, das

Zahlenverhältnis der beiden Geschlechter zu einander spielen sicherlich

die bedeutsamste Rolle in dem Vorwalten der Promiskuität, der Polygamie

oder Monogamie bei den einzelnen Spezies. Jene Eheform, welche der

Fortpflanzung der Art am besten dient, welche sich den Umständen der

Wohnstätte, der zu besiegenden Nebenbuhlerschaften u. s. w. anpasst,

jene nützliche Form ist notwendigerweise mit Vorliebe gewählt, dann

Gewohnheit, endlich Instinkt geworden. Die nämlichen Gesetze, die

nämlichen Notwendigkeiten haben auch die verschiedenen menschlichen

Gesellschaftskreise in diese oder jene Form der Ehe gezwängt, und um

die Wahrheit zu gestehen, hat darin der Mensch, wie vernünftig er auch

ist, sich kaum erfinderischer gezeigt als das Tier. Nur hat er sein

Geschlechtsleben durch gesellschaftliche Vereinbarungen geregelt, die

freilich weit davon entfernt sind, überall und immer die Bindekraft

strenger Gesetze zu besitzen.

[25] +Charles Darwin.+ Die Abstammung des Menschen. Stuttgart, 1875.

Bd. II. S. 324.

[26] +O. Mohnicke+ im „Ausland“ 1872, S. 850.

[27] +Paul Duchaillu.+ _Explorations and adventures in Equatorial

Africa._ London, 1861. S. 231-232.

[28] „Echo“. Bd. I. S. 23-24 und 93.

Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung · 第 36 / 70 题