Die Geschlechter und der Paarungstrieb.
Die Erhaltung der Art und in noch höherem Masse die Weiterbildung und
Entwicklung derselben zu neuen Formen ist die wichtigste Sorge der
Natur, welche zur Erreichung dieses ihres vornehmsten Zweckes des
Kampfes ums Dasein sich bedient. Den höheren Geschöpfen wird dieser
Kampf ums Dasein wesentlich erleichtert durch die +Trennung der
Geschlechter+. Auf den niedrigsten Stufen des Tierreiches kommt
sie noch nicht vor; sie tritt erst dort auf, wo der kunstvoll gebaute
Organismus eine grössere Reihe von Verrichtungen zu vollziehen hat,
um im Flusse des Geschehens dauernd aufrecht sich zu erhalten. Wo
also ein Tier zu grösserer Anstrengung bestimmt ist, wo es arbeiten
muss, um zu bestehen, wo es nicht mehr widerstandslos den Strom der
Ereignisse auf sich eindringen lässt, sondern ihm sich entgegenstellt
und in ihm eigene Bahnen zu verfolgen strebt, da erscheint die Trennung
der Geschlechter, und zwar als eine Teilung der Arbeit, von der Natur
zu ihrem Zwecke der Artenentwicklung geschaffen. Dem einen, dem
weiblichen Wesen, ist die Sorge für die Nachkommenschaft, die Aufgabe
der Erhaltung der Art übertragen; das andere, das männliche Individuum
ist für die Entwicklung geschaffen; es ist bestimmt im Kampfe ums
Dasein besondere Eigentümlichkeiten zu erwerben, diese dadurch, dass
es auch am Geschäfte der Fortpflanzung sich beteiligt, den Nachkommen
zu vererben und so eine allmähliche Steigerung der letzteren, die
endliche Ausbildung neuer Charaktere, die Hervorbringung neuer Arten,
zu ermöglichen.[3]
Dem entsprechend zeichnet sich fast das ganze Tierreich hindurch
das männliche Geschlecht durch grössere Kraft und Beweglichkeit des
Leibes, durch höhere Ausbildung der Sinne aus, ist auch mit grösserer
Leidenschaftlichkeit begabt. Das weibliche Geschlecht erscheint
unbeholfener und schwerfälliger in seinem Leibesbau; es ist behindert
und gehemmt durch vielfache Einrichtungen zum Schutz und zur Pflege
der Nachkommenschaft, und seinem geistigen Wesen nach zeigt es sich
scheu und zurückhaltend. So ist es auch beim höchstorganisierten
Lebewesen, dem +Menschen+. Um in ihm etwas anderes zu sehen, als den
obersten und vornehmsten Vertreter der irdischen Tierwelt, muss man
von metaphysischem Nektar berauscht sein, und nichts ist mehr als die
vergleichende Physiologie geeignet in dieser Beziehung jeglichen Stolz
zu dämpfen. Des Menschen ganze Organisation ist homolog derjenigen der
höheren Tierarten. Er hat ein ähnliches Knochenskelett, ein ähnliches
Gebiss, ein Muskel-, Nerven-, Verdauungssystem, wie es bei den
Säugetieren sich vorfindet. Er ist fähig, ansteckende Krankheiten auf
Tiere zu übertragen[4] und von diesen anzunehmen, wodurch sich erweist,
dass eine grosse Ähnlichkeit zwischen dem Tier- und Menschenblute
vorhanden sein muss. Die Affen werden in einem ähnlichen hilflosen
Zustande geboren wie die Menschen, und die Völkerstämme in den Tropen
kommen mitunter in demselben Alter zu einer gewissen Reife, wie einige
hoch organisierte Vierhänder. Und wie bei letzteren Männchen und
Weibchen auf den ersten Anblick nur ganz geringfügige Abweichungen im
Körperbau aufweisen, so ist auch bei sehr vielen rohen Menschenstämmen
das Weib vom Manne leiblich nur sehr wenig unterschieden. Von den
nackten Insulanern auf Neubritannien erzählt +Wilfred Powell+, welcher
drei Jahre unter diesen Kannibalen verweilte, dass die Frauen in
einiger Entfernung schwer von den Männern zu unterscheiden seien.[5]
+Désiré Charnay+ bemerkt das Gleiche von den Lacandon-Indianern
Mittelamerikas.[6] Negerinnen von unvermischtem Blute haben nur selten
üppige Formen und ähneln in Bezug auf den Knochenbau in auffälliger
Weise den Männern, so dass sie, aus einiger Entfernung gesehen, von
diesen kaum zu unterscheiden sind. Das Nämliche gilt von einer ganzen
Reihe niedriger Völkerstämme.
In diesem Zustande der Dinge bewirkt beim Menschen freilich
eine zuweilen bis ins Gegenteil umschlagende Veränderung oder
„Differenzierung“ den Hinzutritt jenes Etwas, das wiederum mit einem,
in unserer Sprache nicht völlig sinnerschöpfend wiederzugebenden,
Fremdworte als „Kultur“ bezeichnet wird. Die leibliche Differenzierung
der Geschlechter bleibt desto geringer, je tiefer die betreffenden
Stämme auf der Stufenleiter der Kulturentwicklung stehen; sie wächst
mit dieser. +Julius Lippert+, ein geistvoller Forscher, hat recht
scharfsinnig dargethan, wie das Fortschreiten von der in der Urzeit
vorherrschenden Pflanzennahrung zur Fleischkost, wie die auf Erfindung
von Waffen und Fangmethoden gegründete +Jagd+ jene Differenzierung
zuerst ermöglichte und damit die natürliche Scheidung der Geschlechter
erweitern musste. Sowohl das Mädchen als Kind, wie das Weib als Mutter
waren schlechte Jagdgenossen. Auf der Stufe der höheren, gefahrvolleren
Jagd sondert sich die Erwerbs- und darnach auch die Nahrungsweise des
Weibes von der des Mannes ab, und zweifellos hat schon in früherer Zeit
diese Verschiedenheit der Ernährungsformen auch über die Gestaltung der
untergeordneten, jüngeren (sekundären) Merkmale der Geschlechter hinaus
ihren Einfluss üben müssen. Das längere Verharren bei der Pflanzenkost
hat dem weiblichen Geschlechte das Merkmal des Zarteren, Schwächeren
verliehen, was im Durchschnittsmasse der Körpergrösse, in Muskulatur
und Stärke sich ausspricht, bei einigen Stämmen, wie beispielsweise
den nordamerikanischen Indianern, so sehr, dass -- ganz im Gegensatze
zu den oben gemeldeten, ursprünglicheren Erscheinungen -- die beiden
Geschlechter desselben Volkes wie zwei verschiedenen Rassen angehörend
aussehen.[7] Aber nicht bloss die Nahrung, sondern auch andere Momente
können eine Rolle in der Differenzierung der Geschlechter spielen. Die
Erbreiterung des durch seine Schmalheit auffallenden weiblichen Beckens
und sonstige Ausbildung des Körpers bei den Negerinnen scheint z. B.
Herrn +Hugo Zöller+ durch eine wenn auch noch unbedeutende Beimischung
europäischen Blutes begünstigt zu werden, darnach zu urteilen, dass
die meisten Mulattinnen fast übermässig stark entwickelte Körperformen
besitzen.[8] Man darf also füglich sagen, dass die leibliche
Differenzierung der Geschlechter mit ihrer jeweiligen Kulturentwicklung
gleichen Schritt halte.
Wie ähnlich oder verschieden nun männliche und weibliche Geschöpfe sein
mögen, stets ergänzen sie einander und bilden in ihrer Vereinigung erst
das rechte, wahre Individuum. Zu dieser Vereinigung werden sie aber
durch den mächtigsten Drang getrieben:
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sich das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe
singt +Friedrich Schiller+ und fasst in diesen wenigen Worten mit
scharfem Blicke die zwei Haupttriebfedern des Thuns und Lassens der
Lebewesen zusammen. Der mächtigste Urheber alles Fortschrittes ist
sonder Zweifel der Hunger gewesen, denn das Nahrungsbedürfnis kehrt
stets in kurzen Zeiträumen wieder und lässt sich darüber hinaus nur
schwer und dann nicht lange beschwichtigen. Überall auf Erden geht der
Geschöpfe erstes Sinnen und Trachten auf Stillung des Hungers aus, und
welche Eroberungen verdankt die Menschheit nicht diesem allgewaltigen
Triebe! Jagd, Fischfang, Ackerbau, ja eine Menge von Industriezweigen
und selbst von gesellschaftlichen Einrichtungen haben keine andre
Ursache, als den Stachel des Hungers.
Nächst dem Hunger der mächtigste Tyrann der organischen Welt ist
der +Geschlechts+- oder +Paarungstrieb+, welcher die Geschlechter
einander in die Arme führt. Ernährung, Kreislauf, Atmung, Ab- und
Aussonderungen sorgen für die Erhaltung des Individuums. Zur Erhaltung
der Gattung führt die Zeugung (_Generatio_), welche in der Pflanze
auf einer Notwendigkeit, im Tiere auf einem Instinkte beruht, im
Menschen ein durch die Dazwischenkunft des Geistigen +veredelbarer+
Trieb ist,[9] zur +Liebe+ werden kann, von der +Schiller+ spricht und
die Dichter aller Zeiten singen. Dem Paarungstriebe sind in einem
gewissen Stadium ihrer Entwicklung ausnahmslos alle normal gebildeten
Individuen der höheren Tierarten unterworfen; er ist mit +einem+
Worte ein +Naturgesetz+. Auf einer untersten Stufe ist dem Geschöpfe,
nicht als Individuum, sondern in Anbetracht seiner Erhaltung, nichts
so sehr von Nutzen, als dass durch unvermitteltes Nervenspiel dem
Anreize zur Fortpflanzung sofort die entsprechende Thätigkeit der
Bewegungsnerven folge. Der Mensch bewahrt noch unverloren dieses alte
Erbe. Das Zeugungsgeschäft (_Coitus_) ist eine reflexive, automatische
Bewegung, welche man ererbt und welche sich vollzieht wie das Atmen
und Milchsaugen aus dem mütterlichen Busen. Werden ein mannbarer Mann
und ein eben solches Weib, so führt +Paolo Mantegazza+, der gefeierte
Florentiner Anthropologe, aus, mögen sie noch so unschuldig sein, sich
selbst überlassen, so werden sie, nachdem sie sich einander genähert
haben, ohne es fast zu wissen, den Weg finden, durch den ein neues
Geschöpf in das Leben gerufen wird.[10] +Plato+ hat den Träger des
Geschlechtssinnes deshalb nicht mit Unrecht als ein Tier für sich
innerhalb des Menschen bezeichnet; so selbständig erschien ihm sein
Verhalten unter Abweisung des Einflusses der „oberen Seelen“, so
überwiegend wirksam erscheint hier noch der ererbte Instinkt aus der
Zeit primitivster Sorge für die Erhaltung des Lebens der Art.[11]
Man nennt daher diesen Paarungs- oder Begattungstrieb auch den
„Zeugungstrieb“, insoferne als dessen Befriedigung normal das Entstehen
von Nachkommenschaft zur Folge hat. Doch möchte ich letztere Benennung
weniger bevorzugen, weil in ihr der Sinn zu schlummern scheint, als
ob die Zeugung der von den Individuen +beabsichtigte+ Zweck ihrer
Vereinigung wäre. Dies ist aber durchaus nicht der Fall.
Die Vereinigung der Tiere erfolgt instinktiv; sie dienen in derselben
nicht sich, nicht ihrem eigenen Nutzen, sondern sie folgen unbewusst
den Zwecken der Natur. Freilich wird der Geschlechtstrieb befriedigt,
dessen Unterdrückung für das Geschöpf die schwersten Schädigungen
herbeiführen kann und somit einfach widernatürlich ist. Das vornehmste
Wesen der Schöpfung vermag allerdings, wenn zum Kulturmenschen
emporgestiegen und auf der höchsten Staffel der Gesittung, diesen
Naturtrieb zu zügeln, einzuschränken und unter Umständen zu
unterdrücken, ohne gegen seinen Organismus allzu empfindlich zu
freveln, wie ja die fortschreitende Kultur so manche Äusserung
unseres tierischen Seins zu bemeistern versteht. Auf niedrigen
Entwicklungsstufen und in der Tierwelt fehlt die den Trieb bändigende
Vernunft. Da aber dieser Trieb an sich nicht dem Tiere, sondern nur
den Zwecken der Natur dient, so kann seine Befriedigung nicht als
eigentlich nützlich angenommen werden. Er erweist sich im Gegenteil
in seinen Folgen als +geradezu nachteilig+. Schon die Erzeugung
der Nachkommenschaft ist dem weiblichen Individuum eine schwere Last.
Die Pflege derselben erfordert von den Eltern, mag sie nun von beiden
in gemeinsamer Thätigkeit oder von einem derselben allein geübt
werden, eine grosse Aufopferung, das häufige Hintansetzen des eigenen
Wohlergehens eine persönliche Schädigung, die durchaus nicht in dem
Gefühl der Liebe der Eltern für ihre Jungen einen Ausgleich finden
kann. In den Nachkommen endlich erwachsen den Eltern die ärgsten
Feinde. Denn da gerade sie mit diesen unter den gleichen Verhältnissen
leben, so verkümmern sie ihnen am meisten den Lebensunterhalt, so
treten sie mit ihnen am unmittelbarsten in den Kampf ums Dasein
ein.[12] Dies gilt mit gleicher Schärfe, wie von den Tieren, vom
Menschen auf niederer Entwicklungsstufe und, wenn auch vielfach
abgeschwächt, gemildert und in veränderter, unauffälliger Form, selbst
in den Kreisen fortgeschrittenster Gesittung. Auch da wird gar oft
Kindersegen zum Unheil der Erzeuger. Wenn man trotzdem gar häufig
solche unter der Kinderlast seufzenden, auch wohl zusammenbrechenden
Paare beharrlich mit der Vermehrung ihrer Nachkommenschaft beschäftigt
sieht, so muss dies einen Beweggrund haben, welchem die Willenskraft
nur sehr schwer und selten zu widerstehen vermag. Das Zeugungsgeschäft
ist nämlich, wie man weiss, mit einem sinnlichen Reize verbunden,
dem heftigsten, berauschendsten, den man kennt, und die Steigerung
des Lustgefühls hält in Form und Wirksamkeit (Intensität) gleichen
Schritt mit der Entwicklung der diesem Zwecke dienenden Organe, sowie
der Vervollkommnung der Nervencentren. Wie in so vielen anderen
Dingen scheint der Mensch auch in den Freuden des Geschlechtsgenusses
am reichlichsten bedacht. Ist es doch, als ob die Natur alle ihre
Schätze verschwenden wollte, indem sie die Annäherung der Geschlechter
mit allen erdenklichen Reizen ausstattet, gleichsam um den Mann zu
entschädigen für den Verlust so vieler Kräfte, das Weib aber für
die unsäglichen Schmerzen und Opfer, deren Preis eben die kurzen
Augenblicke sinnlicher Glückseligkeit sind.[13] Diesen Taumel
physischer Wollust, zu deren Beschreibung keine Sprache Worte hat
und den der schwache Mensch nicht zu ertragen vermöchte, wenn er von
längerer Dauer wäre, dies und +nur dies allein+ erstrebt der
seinem inneren Wesen nach völlig blinde Paarungstrieb, und man darf
dreist behaupten, dass ohne den Köder dieser wichtigen Beigabe das
Zeugungsgeschäft nimmer die Macht eines Naturgesetzes ausüben würde
und könnte. Dem „Wilden“ -- wenn ich mich dieses unzutreffenden
Ausdruckes bedienen darf -- gilt wenigstens die Zeugung für eine
Beigabe der Geschlechtswonnen, nicht umgekehrt; für eine Beigabe,
die oft weder erwünscht, noch viel weniger beabsichtigt ist. Beweis
dafür die sinnreichen Versuche so vieler ungesitteter Völker, auf
künstliche Art den Genuss sich zu sichern, dessen lästige Folgen,
die Nachkommenschaft, aber zu verhüten. Bei den barbarischen Völkern
Guyanas, wie bei den halbzivilisierten Bewohnern der Südseeinseln giebt
es viele junge Weiber, die nicht Mütter werden wollen und zu diesem
Behufe nach +Alexander von Humboldts+ Zeugnis giftige Kräuter
gebrauchen.[14]
Im allgemeinen dürfte jedoch dem Urteile nicht zu widersprechen
sein, dass bei niedrigen Menschenstämmen und unter normalen sozialen
Verhältnissen der erotische Antrieb, der Paarungstrieb -- wie auch
in der Tierwelt -- ein beschränkterer sei, als auf höheren Staffeln
der Gesittung.[15] Einen sehr verwandten Gedanken spricht +Cesare
Lombroso+[16] aus, ein hervorragender Kriminalstatistiker des
modernen Italien. Es dünkt mir indessen auch eine, zwar keines direkten
Beweises fähige, aber sonst nicht ganz unstatthafte Vermutung, dass
die sinnlichen Freuden ihrerseits einer Entwicklung, einer Steigerung
fähig seien und dass unsere urgeschichtlichen Vorfahren dieselben
nicht in dem gleichen Grade empfunden haben, wie spätere, feiner
ausgebildete Geschlechter. Niemand wird im Ernste bestreiten wollen,
dass mit wachsender Gesittung auch das menschliche Nervensystem
sich verfeinere. Man blicke nur zurück auf die Zustände innerhalb
der europäischen Kulturnationen noch vor wenigen Jahrhunderten;
unwillkürlich drängt die Überzeugung sich auf, dass die Menschen der
Gegenwart wahrscheinlich anders geartet sind als ihre Vorgänger. Es
scheint wirklich, dass +der physikalische Charakter der Menschheit
im Laufe der Zeit sich wesentlich verändert hat+, und es unterliegt
keinem Zweifel, dass das +Blut+ und die Säfte des Menschen früher
die vorherrschende Rolle spielten, während es jetzt die +Nerven+
sind, die fast ausschliesslich den Körper der Europäer, sowie der
Weissen in Nordamerika beherrschen. Gröber angelegte Wesen vermögen
aber Lust und Schmerz[17] nicht in gleich wirksamer Weise zu empfinden,
wie die feiner organisierten. +Alexander von Humboldt+ bezeugt,
dass die ungemein schmerzhaften Stiche und Bisse der Moskiten von den
Indianern Südamerikas weit weniger als von den Europäern empfunden
werden, denn Grad und Dauer des Schmerzes hängen von der Reizbarkeit
des Nervensystems der Haut ab.[18] Leutnant +Mage+, der mit Dr.
+Quintin+ mehreren mörderischen Gefechten gegen die Bambarra
beiwohnte, hatte dabei Gelegenheit wiederholt zu beobachten, -- so
sagt er selbst -- wie viel weniger entwickelt oder vielmehr wie viel
weniger empfindlich das Nervensystem der Neger ist als das unsrige,
woraus es sich erklärt, dass sie auch schwerere Operationen so leicht
ertragen.[19] Freilich stehen über die Empfindung der Lust noch
weit weniger Beobachtungen zu Gebote als über den Schmerz, der sich
zu äussern viel mehr Gelegenheit findet. Indes hat der leider der
Wissenschaft zu rasch entrissene +Paul Broca+ an den Schädeln
der Pariser Katakomben den Nachweis geliefert, in welchem Masse das
Volumen derselben innerhalb sechs Jahrhunderte, d. h. mit Fortschreiten
der Gesittung sich vergrössert habe. Es hiesse aber aller Analogie
ins Gesicht schlagen, wollte man für das Nervensystem verneinen,
was für den Behälter unseres Denkvermögens sich nicht bestreiten
lässt. Anthropologische Messungen haben auch ergeben, dass Grösse und
Gewicht des Gehirns mit der erklommenen Kulturstufe gewissermassen
Schritt halten, derart, dass die höchstgestiegenen Rassen sich auch
der grössten und schwersten Gehirne erfreuen, während bei niedrigen
Stämmen das Umgekehrte eintritt. Der geschätzte Anatom und Physiologe
+Th. Bischoff+ hat in einem neueren Werke[20] nachgewiesen,
so weit dies die noch unzulänglichen Materialien gestatten, dass:
während das mittlere Hirngewicht bei allen gesitteten Nationen so
ziemlich das gleiche zu sein scheint, das der niederen Negerrassen
in der That nicht nur ein geringeres ist, sondern auch geringere
Unterschiede in Beziehung auf die Geschlechter und die Individuen
darbietet. Zu gleichen und manchen anderen überraschenden Ergebnissen
gelangt auch Dr. +Gustave Le Bon+ in einer ungemein fleissigen,
auf sorgfältigen Messungen beruhenden Arbeit.[21] Innerhalb der
Kulturwelt haben wiederum, wie der Pariser Gelehrte ziffermässig
darthut, die geistig thätigeren Klassen durchschnittlich die grössten
Gehirnmassen, wie der Schädelumfang zu schliessen gestattet.[22] Wird
auch das geistige Vermögen nicht ohne weiteres von der Massigkeit des
Gehirns beherrscht, so bilden doch den bisherigen Befunden zufolge bei
geistig hervorragenden Individuen grössere Gehirnmengen zwar keine
ausnahmslose Regel, aber doch die entschiedene Mehrzahl, und da das
Nervensystem mit den enkephalen Zuständen innig zusammenhängt, so ist
es vielleicht nicht unerlaubt zu schliessen, dass jene Geistesriesen
auch nervös feiner organisiert sind, d. h. Lust und Schmerz lebhafter
empfinden als andre. Vielleicht erklärt sich dadurch, dass gerade
solche Individuen, wie Napoleon oder ein Goethe, erotischen Freuden
ganz besonders zugethan sind. Bekanntlich bestehen auch innerhalb eines
und desselben Kulturvolkes, je nach seinen verschiedenen Schichten,
starke Abstufungen der individuellen Nervenorganisation. Was nun für
die einzelnen richtig ist, gilt wohl auch für die verschiedenen Stämme,
Völker und Rassen.
Möge indes der Sinnengenuss einer Steigerung fähig sein oder
nicht, stets ist derselbe gross genug, um allen Lebewesen als
begehrenswertestes Ziel zu winken. Dabei ist es immer das Männchen,
welches den Dingen entgegenstürmt, oft des erhofften Genusses wegen
Gefahren des Lebens sich aussetzt, während das Weibchen sich scheu
zurückzieht und dem Strome des Geschehens auszuweichen sucht. „Jeder
Jäger,“ bemerkt ein bewährter Naturforscher,[23] „kennt das Sprengen
bei Reh und Hirsch: das weibliche Thier flieht, das männliche verfolgt
-- dasselbe Verhältnis, wie zwischen Raubtier und Beute. Mir ist kein
Tier bekannt, bei welchem das weibliche Geschlecht das verfolgende,
überwältigende, das männliche das verfolgte und Widerstand leistende
wäre; es ist stets umgekehrt, auch in solchen Fällen, in denen, wie
bei den Spinnen, das weibliche Tier das stärkere ist und nach der
Begattung oft genug das Männchen auffrisst. Trotz aller Maskierung,
die der Instinkt beim Menschen durch erzieherische Einflüsse erfährt,
verleugnet sich dasselbe auch bei ihm nicht: die Sprödigkeit ist eine
Eigenschaft des Weibes, die Zudringlichkeit kommt dem Manne zu.“ Und
dieses Verhältnis gelangt, wie ich bemerken möchte, auch schon zu
deutlichem Ausdruck in dem anatomischen Bau der beiden Geschlechter,
welcher dem männlichen Zeugungsapparat eine bevorzugte, zum Angriff
geeignete Stellung anweist, während er den weiblichen in der Tiefe
des Beckens verbirgt und die Wahrung desselben gegen unerwünschte
Angriffe ermöglicht. Nur mit Gewalt kann das widerstrebende Weib
bezwungen werden, daher bleibt es von Natur aus der gewährende Teil,
physisch wie moralisch. Alle Phänomene, welche der Vereinigung der
Geschlechter vorangehen, laufen darauf hinaus, dass dem Weibe von
Haus aus die Aufgabe zufiel, eine gewisse zeitlang die Angriffe des
Mannes zu vereiteln, indem es einen für beide Teile schweren Strauss
kämpft, welcher den Sieg desto köstlicher erscheinen lässt, je heftiger
und hartnäckiger der Widerstand war. Das Weib des Wilden, vom Manne
verfolgt, flüchtet und verbirgt sich, während die europäische Jungfrau
mit den Waffen der Schamhaftigkeit und Züchtigkeit das glühende
Verlangen des Geliebten reizt und steigert, welchem sie erst nach
harten Proben sich überlässt.[24]
Der Paarungstrieb spielt in der menschlichen wie in der tierischen
Gesellschaft auch um deswillen eine hochwichtige Rolle, weil seine
Befriedigung bei den höher organisierten Geschöpfen ein mehr oder
minder langes Zusammenleben nach sich zieht. Gewiss ist letzteres
meist bloss zeitweilig; die zum Aufziehen der Jungen erforderliche
Frist bestimmt im günstigsten Falle dessen Dauer. Wie kurz aber auch
ein solches Zusammenleben bemessen sein möge, so zwingt dasselbe doch
jedes höhere Wesen auf den oder die Gefährten Rücksicht zu nehmen, sie
zu schonen, ja oft um deren Gunst zu buhlen. Aus dieser notwendigen
Gemeinschaft entspringen, insbesondere wenn die beiden Geschlechter um
die Pflege der Jungen sich bekümmern, Neigungsgefühle, moralische Bande
und soziale Gewohnheiten.
[3] Dr. Herm. +Frerichs+. Zur Naturgeschichte des Menschen. Norden.
1886. S. 97-100.
[4] Dr. +Otto Mohnicke+ teilt einen Fall mit, wo die dem Menschen für
spezifisch eigentümlich geltende Krankheit der Pocken auf einen Gibbon
übertragen wurde. (Ausland 1872, S. 800-801).
[5] +Wilfred Powell.+ Unter den Kannibalen von Neubritannien. Drei
Wanderjahre durch ein wildes Land. Leipzig, 1884. S. 123.
[6] +Désiré Charnay.+ _Les anciennes villes du Nouveau Monde._ Paris,
1885. S. 399.
[7] +Julius Lippert.+ Kulturgeschichte der Menschheit in ihrem
organischen Aufbau. Stuttgart, 1886. Bd. I. S. 64-65.
[8] +Hugo Zöller.+ Forschungsreisen in der deutschen Kolonie Kamerun.
Berlin u. Stuttgart, 1886. Bd. II. S. 85.
[9] +Joseph Hyrtl.+ Lehrbuch der Anatomie des Menschen. Fünfzehnte
Aufl. Wien, 1881. S. 9.
[10] +Paul Mantegazza.+ Anthropologisch-kulturhistorische Skizzen über
die Geschlechtsverhältnisse des Menschen. Aus dem Italienischen. Jena,
1886. S. 48.
[11] +Lippert.+ A. a. O. Bd. I. S. 14.
[12] +Frerichs.+ A. a. O. S. 101.
[13] +Paolo Mantegazza.+ _Fisiologia del piacere._ Mailand, 1870. S. 37.
[14] +Alexander von Humboldts Reise+ in die Äquinoktial-Gegenden
des neuen Kontinents. In deutscher Bearbeitung von +Hermann Hauff+.
Stuttgart, 1860. Bd. III. S. 154. 156.
[15] +Julius Lippert.+ Die Geschichte der Familie. Stuttgart, 1884. S.
30.
[16] _Quanto più cresce l'intelletto e quanto più crescono i messi
della vita, più si moltiplicano i desiderii e la potenza d'amore._
(Cesare Lombroso. _L'amore nel suicidio e nel delitto._ Turin, 1881. S.
38.)
[17] Vom Schmerz weiss man bestimmt, wie manche Halbwilde uns schier
unerträgliche Pein und Qualen auszuhalten vermögen, ohne das leiseste
Zeichen von Schmerzempfindung zu geben. Wenn auch die dabei entfaltete
Willensstärke nicht gering anzuschlagen sein mag, so sprechen doch die
vielfachen Martern, welche sie sich selbst auferlegen, die mannigfachen
Verstümmelungen, die sie oft um einer nichtssagenden Zier willen sich
zufügen, die ausgesuchten Grausamkeiten, welche sie an ihren Feinden
verüben, sattsam dafür, dass leiblicher Schmerz von ihnen weniger
gefühlt wird, als von den nervösen Kulturvölkern. In unseren Augen
möchte wohl schon oft der hundertste Teil der auszustehenden Qualen als
empörende Scheusslichkeit empfunden werden. Da nun der Mensch stets
von sich auf andere schliesst, so muss der Wilde selbst schon ein
beträchtliches Mass von Schmerz ertragen können, wenn er es für nötig
hält, dieses Mass, um seinen Feind zu quälen, in so barbarischer Weise
zu steigern. Auch die Roheiten unserer eigenen Vergangenheit wurzeln
sicherlich zum Teile in dem noch geringer entwickelten Nervensystem
unserer Väter im Altertum und Mittelalter.
[18] +Humboldts+ Reise in die Äquinoktial-Gegenden. Bd. III. S. 208.
[19] Globus. Bd. XIV. S. 260.
[20] Siehe Dr. Th. L. W. +Bischoff+. Das Gehirngewicht des Menschen.
Eine Studie. Bonn, 1880.
[21] +Gustave Le Bon.+ _Recherches anatomiques et mathématiques sur les
lois des variations du volume du cerveau et sur leurs relations avec
l'intelligence._ (_Revue d'anthroprologie._ 1879. S. 27-104.)
[22] A. a. O. S. 80 teilt +Le Bon+ das Ergebnis seiner an 1200
Individuen angestellten Messungen des Schädelumfanges mit. Es ist wohl
interessant genug, um hier eine Stelle zu finden. Darnach entfielen auf
einen