I.

Einleitung.

„Durch die leibliche und sittliche Verbindung von +Persönlichkeiten+

der beiden Geschlechter zur +Wiederherstellung des ganzen Menschen+ --

die Ehe -- entsteht die +Familie+. Denn mit jener Wiederherstellung des

ganzen Menschen ist zugleich die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes

gegeben und die drei Elemente der Familie: Vater, Mutter und

Kinder sind in ihr bereits vollständig vorausgesetzt. Die Familie

ist darum der erste und engste Kreis, in welchem wir unser ganzes

menschliches Wesen wiederfinden, uns in uns befriedigt und bei uns

selbst daheim fühlen.“ Also spricht einer der bedeutendsten deutschen

Kulturhistoriker, +W. H. Riehl+, in seinem Buche über die Familie[1],

und da er fast ausschliesslich den Kulturmenschen und insbesondere den

deutschen Kulturmenschen im Auge hat, so ist seine Definition ziemlich

unantastbar. Er fährt indes fort: „Sie ist die ursprünglichste,

urälteste menschlich-sittliche Genossenschaft, zugleich eine

+allgemein+ menschliche; denn mit der Sprache und dem religiösen

Glauben finden wir die Familie bei allen Völkern der Erde wieder.“[2]

Dem ist nun +nicht+ so; nicht nur kennt die Völkerkunde familienlose

Menschenstämme, sondern bei vielen, welche wir nicht als familienlos

bezeichnen möchten, tritt das, was man etwa mit starker Dehnung des

Begriffes als „Familie“ gelten lassen kann, unter sehr verschiedenen

Formen auf, ja unter Formen, welche mitunter unseren heftigsten Abscheu

erregen und gradezu das Gegenteil von der geheischten leiblichen +und

sittlichen+ Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechtes zu

sein scheinen. Die Frage ist daher berechtigt, woher es kommt, dass uns

Kulturmenschen der oben aufgestellte Begriff der Familie gewissermassen

der einzig zulässige geworden und ob dem zu allen Zeiten so gewesen

sei? Darin liegt aber die stillschweigende Anerkennung, dass auch die

Familie, dieser Eckpfeiler unserer Gesittung und sozialen Anschauungen,

kein Unwandelbares, weder eine göttliche Einrichtung, noch ein

+allgemein+ menschliches Bedürfnis sei. Über Ursprung und Entwicklung

dieser allerwichtigsten unserer gesellschaftlichen Institute sollen nun

die nachstehenden Blätter -- Ergebnisse langjähriger ethnographischer

Forschungen -- einigen Aufschluss gewähren.

Ich will dabei ganz methodisch zu Werke gehen. Vater, Mutter und Kind

bilden, wie oben bemerkt, die drei Elemente der Familie nach unseren

Begriffen, und dabei spielt das Kind gewissermassen die Hauptrolle,

denn erst mit seinem Erscheinen erweitert sich die Vereinigung von

Mann und Frau zur „Familie“. „Haben Sie Familie?“ hört man fragen und

meint damit, ob Kinder vorhanden seien. Von kinderlosen Ehepaaren

sagen wir bedauernd, sie hätten „keine Familie“. Im weiteren Sinne

lässt man zwar solche Ehepaare als Familien gelten, weil vorausgesetzt

wird, dass jede Ehe behufs Begründung einer Familie zustande kommt;

im eigentlichen Sinne aber werden sie nicht als Familie anerkannt,

denn es fehlt ihnen dazu eben deren wesentlichstes Merkmal: die

Nachkommenschaft. Da nun letztere erst eine Folge der Vereinigung

zweier Personen verschiedenen Geschlechtes ist, welche Vereinigung

in der Kulturwelt ihren anerkannten Ausdruck in der Ehe findet, so

wird jede Untersuchung über die Geschichte der Familie notwendig eine

solche über die Ehe einschliessen müssen. Weil aber die Ehe ihrerseits

wiederum nur innerhalb bestimmter Gesittungskreise als Weihe des

Geschlechtsverkehrs erachtet wird, so liegt uns zunächst die Aufgabe

ob, diesem letzteren selbst in seinen wechselnden Formen bis auf jene

untersten Stufen nachzuspüren, wo er sich als rein animale Verrichtung

des menschlichen Organismus erweist. Im Geiste der +Darwin+schen

Entwicklungslehre, welche eine qualitative Verschiedenheit zwischen

menschlichem und tierischem Organismus nicht anzuerkennen vermag,

glaube ich nun zu dem angedeuteten Zwecke zunächst einen flüchtigen

Blick auf das organische Gattungsleben in der Tierwelt werfen zu

sollen, der nicht ohne Nutzen für die späteren Untersuchungen bleiben

dürfte.

[1] +W. H. Riehl.+ Die Familie. Stuttgart, 1873. S. 115.

[2] A. a. O. S. 116.

Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung · 第 33 / 70 题