denn? Woher kommst du? Wie heißt du?«
Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es ihm wie beim Michele, er
konnte seine Lügengeschichten nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ
er den Kopf hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll Güte: »Du
bist wohl ausgerissen, Kleiner?«
Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht, wer er war; er hatte
zu große Angst vor den Menschen bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der
Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich: »Bleibe nur bei
mir in meinem Garten! Morgen sagst du mir wohl, wer du bist.«
Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot, und der alte Gärtner
erzählte von seinen Blumen, wie die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde
nicht müde zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und der
Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen gehen; er zeigte ihm auch eine
kleine Kammer, darin stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich
nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem Boden geschlafen hatte.
Durch das offene Fenster strömte der Duft der vielen, vielen Blumen in die
Kammer, und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu klingen und zu
tönen, eine wundersame Musik war es, und Kasperle wurde darüber hellwach.
Er hatte noch nie etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik.
Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen. Dicke, dicke Tränen
liefen dem Kasperle über das Gesicht, er dachte an seine Verlassenheit, und
eine große Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder. Immer
lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt schlief Kasperle darüber
ein.
Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der alte Gärtner weckte.
»Komm,« sagte der, »jetzt wollen wir wieder in den Garten gehen und gießen,
damit die Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein heißer Tag heute
werden.«
Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er die Blumen. Manche
brauchten viel Wasser, manche hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner
sagte ihm das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann mußte Kasperle
Beeren pflücken, die reif an den Büschen hingen. Er durfte auch davon
essen, die andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar zierlich mit
Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst pflückte Frühbirnen von einem
Baum.
Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als etliche Frauen und Kinder
kamen. Die kauften das Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat
und allerlei Gemüse für die Küche. »Ei, Ihr habt Euch ja einen Lehrburschen
zugelegt!« sagte die eine der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder
aber starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und der, dem dies
Angestaune gar nicht recht war, schnitt ihnen blitzschnell sein
Räubergesicht.
Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg, doch sie kamen gleich
wieder und bettelten: »Mach's noch mal!«
Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten Gesichter. Die Kinder
jauchzten laut, und der alte Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin.
»Ihr habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!« sagten die
Frauen. »Wo habt Ihr denn den her?«
Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar sonderbar vor, und als die
Frauen und die Kinder endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen
kleinen Gast: »Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage doch, wo hast
du deine Grimassen gelernt?«
Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte ihm nun, wer er sei. Aber
darüber wurde der Alte bitterböse: »Schäme dich,« rief er, »einem alten
Mann solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst du sein? Ei,
mein Lebtag habe ich noch nicht gehört, daß ein Kasperle etwas anderes als
eine Holzpuppe ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!«
Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar nicht, wie er es dem
erzürnten Gärtner erklären sollte, daß er wirklich ein Kasperle sei.
Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner junger Mann trat herein.
Der schaute verwundert den Alten an und sagte: »Was habt ihr denn, Meister
Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten hören.«
»Ach, Sie sind's, Herr Severin!« rief der Gärtner. »Nun hört einmal, was
mir dieser Schelm, den ich gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für
Lügengeschichten aufbindet!« Er erzählte ärgerlich, was Kasperle ihm eben
gesagt hatte, und Herr Severin blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit
seinen schönen, dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig den
Kopf. »Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,« sagte er, »es ist wirklich
ein echtes, lebendiges Kasperle. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der
Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erzählt,
irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die
wunderschönsten Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles. Blieben
sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber sonst würden sie leben
und sterben wie wir Menschen. Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann
könne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse immer ein
kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes Kind müsse über ihn lachen.«
Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm plötzlich ganz wind und
weh zumute. Er fing bitterlich an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er
vergessen, er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, aber wie
ein Traum war ihm der Gedanke an den blühenden Garten. Da sagte der fremde
schöne Mann mitleidig: »Du armes verlaufenes kleines Kasperle, du!« Das
klang beinahe wie gestern die Musik und tröstete Kasperle wundersam. Ganz
leicht und froh wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte.
Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den Kopf, die Kasperlegeschichte
kam ihm zu sonderbar vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal
erzählen, was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und seine
Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und dann sagte Herr Severin: »In
einiger Zeit reise ich fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden,
denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.«
»Und bis dahin bleibst du bei mir,« sagte Meister Helmer. »Ich will wohl
achtgeben, daß dir nichts geschieht.«
Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als Meister Helmer sagte: »Geh,
pflücke für Herrn Severin einen Strauß,« da lief er eilig im Garten hin und
her und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß. Der Gärtner und
Herr Severin lachten, als sie ihn sahen, und Herr Severin sagte, dies sei
ein so fröhlicher Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe. Dann ging er.
Er wohnte dicht an dem schönen Garten in einem der alten Stadtmauertürme,
und Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei ein gar großer
Künstler. Wenn er ein Instrument spiele, bekomme es eine Seele. Und von
weit her, aus fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle kommen,
damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme.
Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte nun, daß es Herr Severin
gewesen war, der gestern Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich
schon darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich schwebten
am Abend die sanften Töne wieder über den blühenden Garten. Die Blumen
dufteten, und Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem Hause und
hatte alle Angst verloren, es könne ihm jemand etwas Böses antun.
Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer: »Kasperle, heute ist Sonnabend, da
kommen viele Leute und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde sie
so bunt und lustig wie gestern den für Herrn Severin.«
Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an Blumen zu schneiden, und er
band sie so bunt überecks zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so
Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und wie der Gärtner lachten auch
die Leute, die kamen, um Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz
griesgrämige alte Muhme lachte über das ganze Gesicht, als ihr Meister
Helmer einen Strauß gab. »So einen Strauß hab' ich noch nie gesehen,« rief
sie; »ei, da muß man ja lachen, ob man will oder nicht!«
Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte Kasperlesträuße haben,
und alle lachten sie über den drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase
im Garten herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich sagte der
Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine Blumen mehr übrig. Aber
staunend sah er, wie geschickt Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es
schien, als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, und als
am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm, wie brav Kasperle sei.
Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber doch ein unnützer Schelm! Ein
Kasperle muß eben kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle
sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft hatten es bald
heraus, was Kasperle für ein Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und
schon nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu Meister Helmers
Garten. Die Kinder standen am Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den
Garten kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann schnitt Kasperle
sein Räubergesicht, schaute wie ein dummer August drein oder machte gar
eine Teufelsgrimasse. Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen, aber als
Herr Severin das einmal sah, warnte er: »Kasperle, Kasperle, du verrätst
dich noch!«
Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle himmelangst. Ein paar
Buben riefen, ihm nämlich zu: »Kasper, kommst du übermorgen mit auf den
Jahrmarkt? Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so fein wie
du!«
Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden. Wenn das der
Kasperlemann war, der ihn überall suchte! Ganz kläglich erzählte er Meister
Helmer vom Jahrmarkt; da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen.
Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise kamen gar keine
Kinder. Kasperle half fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus,
war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, als Herr Severin in
den Garten kam. Der trug einen großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken,
ging rasch in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er möchte ihm
flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte er Kasperle, hielt den fest
und zog ihn mit in die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten hin,
öffnete ihn und sagte: »Flink, flink, Kasperle, geh dahinein!«
Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel hinter ihm zu, und Herr
Severin setzte sich auf den Kasten und begann fein und lieblich auf seiner
Geige zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem Geschrei rannten
viele Kinder in das Haus hinein, ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar
Wächter, und alle brüllten sie: »Wo ist das Kasperle, wo ist das Kasperle.
Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist
es?«
Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister Helmer zu: »Wir helfen ihm,
daß er ausreißen kann.«
Meister Helmer schaute sich verdutzt um. »Kasperle war eben hier,« murmelte
er, und Herr Severin nickte und sagte auch: »Er war eben hier.« Dabei
spielte er aber ruhig weiter und erzählte: »Meister Helmer, ich verreise;
da, ich habe schon meinen Koffer gepackt. Morgen ganz früh reise ich mit
der ersten Post.«
»Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder nicht,« schrie der
Kasperlemann grob; »das Kasperle müssen wir finden, es muß hier sein!«
»Wir suchen das Haus ab,« riefen die Wächter streng und sahen Herrn Severin
drohend an. Der nickte freundlich: »Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber
den Garten nicht!«
»Zuletzt war er ja im Garten,« sagte Meister Helmer, der das wirklich
glaubte. Bei sich dachte er: Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da
rasten Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten. Herr Severin nahm
seinen Kasten auf den Rücken, seine Geige unter den Arm und sagte, Meister
Helmer solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann ging er leise
singend aus dem Haus, durchschritt den Garten, und niemand hielt ihn auf.
Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte selbst auf die
Stadtmauer und überzeugte sich, ob Kasperle wohl da hätte ausreißen können.
Und dann liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus hinein, kein
Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten sogar ins Salzfaß, in Meister
Helmers Kaffeetopf, Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann schrie
und klagte: »Er ist uns entwischt, weil wir alle ins Haus gerannt sind. O
wie dumm, dumm, dumm!«
»Wir werden ihn schon fangen!« trösteten die Wächter. »Ah bah,
papperlapapp, ein Kasperle kriegen wir schon!«
Und dann fragten sie den guten Meister Helmer. Der mußte erzählen, wie
Kasperle zu ihm gekommen war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen
schrie der Kasperlemann: »Entwischt, entwischt, dumm, dumm, dumm!« und die
Wächter riefen: »Ah bah, papperlapapp, den fangen wir schon!« Ein paar
Buben aber brüllten plötzlich laut: »Ausgerissen, hurra, ausgerissen,
hurra!« Und dann rannten sie auf die Straße und erfüllten die mit ihrem
Gelärme. Sie erzählten es jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe
seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und dabei habe er ein
Kasperle gezeigt, das ganz genau so ausgesehen habe wie der kleine
Gärtnerjunge, und er habe dabei gefragt: »Habt ihr schon so einen flinken
Kasper gesehen?« Da hätten sie gerufen: »Meister Helmers Lehrbursche sieht
gerade so aus!« Ja, und so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder
die Straße entlang: »Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein, ausgerissen!«
Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb. Je mehr die Buben
brüllten, desto zorniger wurde er. »Morgen hätte ich Graf sein können,«
schrie er, »wenn dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder
ausgerissen wäre. Dumm, dumm, dumm!«
Vierzehntes Kapitel
Die Reise mit Herrn Severin
Herr Severin hatte inzwischen still den schwarzen Kasten in sein Turmzimmer
hinaufgetragen, und oben hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz
verstriezelt sah der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht und
gesagt: »Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal wärst du beinahe
erwischt worden!«
Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz laut, wenn er an das
Gelärme dachte, das sich um ihn herum erhoben hatte.
Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute sich herzhaft, als er
Kasperle unversehrt wiedersah, und er hätte ihn gern wieder zu sich
genommen, aber er stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: »Kasperle
muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im schwarzen Kasten. Und nun,
Kasperle, spitze deine Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun, wo
es liegt, aber --«
Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum schlagen wollen, als dies
»Aber« ihn zurückhielt. Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und
der sagte ernsthaft: »Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig sein, denn
wir kommen an allerlei Orte, wo man dich kennt. In Waldrast soll ich nach
der Orgel schauen, und -- auf Schloß Hirschsprung erwartet mich der Herzog.
Da mußt du dann immer im Kasten bleiben und darfst keine dummen Streiche
machen. Wirst du das können?«
Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er treuherzig, er wolle ganz
ungeheuer folgsam sein. Ja, und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder
sehr lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß und nach
Waldrast zu kommen, machte ihm großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich
Rosemarie und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem Abend noch
mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte er dem viel von den beiden, und der
sagte: »Nun, wer weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise
trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!«
Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht recht aufgegangen, mußte
Kasperle in den schwarzen Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu,
denn Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch noch hinein, und Herr
Severin meinte, schwer sei das Kasperle schon, als er den Kasten aufhob.
Dann ging es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer, und da ringsum
kein Mensch zu sehen war, durfte Kasperle noch einmal aussteigen und noch
einmal flink durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der Garten!
Kasperle wurde das Herz schwer, als es an das Scheiden von Meister Helmer
und seinen vielen Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch, gleich
würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle kroch wieder in seinen Kasten,
und da kam schon mit Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der
schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin stieg in den Wagen,
und heidi! fort ging die Reise.
»Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,« blies der Postillion, und rissel,
rassel fuhr der Wagen ins Land hinein.
Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der Wagen. Die Gäste stiegen
aus, und Herr Severin sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen,
dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt, das ist aber ein
Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin das Essen in einem besonderen Zimmer
auftragen. Da spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus, schmauste
mit, und nachher wunderte sich der Wirt über den gewaltigen Appetit, den
der vornehme Herr gehabt hatte.
Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich kam ein Wirtshaus mit
einem feuerroten Ochsen im Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und
sagte dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der Herr sich aber
gewaltig schleppen, denn Waldrast liege hoch in den Bergen, und der
schwarze Kasten sei arg schwer.
»Wird nicht so schlimm sein,« meinte Herr Severin und schritt am roten
Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg in den Wald hinein. Innen öffnete er
den Kasten, und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie paßten
beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber niemand begegnete ihnen auf
dem Weg. Herr Severin spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer
Schritt, und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den schwarzen Kasten,
denn die Turmspitze von Waldrast wurde sichtbar.
Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn, er aber sah durch sein
Guckloch allerlei, zuerst die Base Mummeline, die auf der Straße stand und
auf ein paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe Schulhaus, er
sah Herrn Habermus, der kam, den fremden Künstler zu begrüßen. Kasperle
hörte die gute, freundliche Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend
eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand guten Tag sagen durfte,
und als Herr Severin etwas später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er
Kasperle klitschnaß von Tränen.
Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte Kasperle, daß sie dicht
neben dem Schulhaus wohnten. Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen
drüben in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun, als die Base
Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr da Kasperle zurück! Ganz böse sah er
gleich aus, und Herr Severin hob warnend den Finger: »Kasperle, Kasperle,
mache keinen dummen Streich!«
Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur die Base Mummeline nicht
gewesen wäre! Aber allemal, wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie
drüben. Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und ihre Kinder zu
sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht nach ihnen.
Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen wollte, öffnete drüben
die Base die Türe, und sie kam tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die
Wirtin war ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war genau so
neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink in den Kasten, und nach
einem Weilchen kamen auch richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base
Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle hörte sie sagen: »Er
hat alles in dem schwarzen Kasten.«
»Den machen wir auf,« tuschelte die Wirtin, und schon fingerten die beiden
Frauen an dem Kasten herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam den
niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch; er dachte: Ich verjage sie.
Er steckte den Kopf in sein Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich
hinein, ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen beinahe um
vor Schreck. »Uhuhuuuh!« tönte es, und die Base Mummeline jammerte: »Er hat
den Teufel drin!«
Aber die Wirtin war beherzter. »Das muß ich sehen,« sagte sie und ging
wieder auf den Kasten zu, aber noch war sie nicht dran, als die Türe
aufgerissen wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte schon unten
das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden Neugierigen erschraken arg, doch die
Base Mummeline faßte sich schnell und rief ganz streng: »Ihr habt einen
Teufel im Kasten.«
»Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen hat!« sagte Herr Severin
lachend. »Nehmt euch in acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall
heraus.«
»Huch!« kreischten die Frauen, und rumpel pumpel rasten sie hinaus, die
Treppe hinab, und Kasperle platzte bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr
Severin lachte mit, er sagte aber doch, es sei gut, daß sie morgen schon
weiterzögen, Kasperle dürfe die Leute nicht mehr schrecken, es könne ihm
doch schlecht bekommen. Und am Abend schloß Herr Severin vorsichtig das
Zimmer. Er ging noch in das Lehrerhaus hinüber, und er dachte, das Kasperle
einschließen ist schon am sichersten. Aber auch am langweiligsten, dachte
Kasperle. Der sah immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus, und
als draußen alles still geworden war, hockte er sich auf das Fensterbrett
und blickte sehnsüchtig nach dem Schulhaus hinüber. Ach, nur einmal
hineinsehen hätte er mögen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker
Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte, dann --. Aber da dachte
er an Herrn Severins Verbot, auch lag unten ein Hund, und die Geschichte
kam ihm etwas bänglich vor. Aber ein paar unreife Holzäpfel der Base
Mummeline ins Zimmer werfen, das ging vielleicht doch; so platsch ins
offene Fenster hinein, das wäre doch ganz spaßig!
Die Base wurde immer fuchswild über so etwas. Kasperle kicherte leise vor
sich hin, griff in die Äste und pflückte etliche Äpfel. Das Werfen konnte
er gut, und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der Base Stube
hinein. Wohin die Äpfel trafen, das sah Kasperle nicht, aber ein arges
Zetergeschrei hörte er; es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom
Fensterbrett herab. Drüben hatte er wohl ein Unheil angerichtet.
Der Lärm dauerte eine Weile an, dann wurde es still. Im Schulhaus saß die
Base Mummeline im Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum und
trösteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und der dachte immerzu:
Kasperle, du bist ein arger Schelm! Da war die Base in ihr Zimmer gekommen
und hatte einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der Türe
stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der Krug in Scherben, bums!
flog ein großer Apfel an der Base recht große Nase, klirr! einer in den
Spiegel, und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base sah Herrn
Severin schief an und sagte, der Herr werde schon wissen, woher die Äpfel
kämen; mit seinem schwarzen Kasten sei das nicht richtig.
Da tat Herr Severin ganz böse, und er sagte, die Base Mummeline möchte nur
kommen, er wolle ihr schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon wollte
die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr Zimmer und ging sehr
geschwinde in ihr Bett. Sie kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun
kein Holzapfel mehr in ihre Stube.
Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte darauf. Das klang fein und
lieblich, und in Waldrast vergaßen sie darüber das Zubettgehen. Sie
lauschten dem schönen Spiel und wünschten, der Geiger möchte noch lang im
Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf
den Spitzen der Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen Kasten von
dannen.
»Das war ein Schlimmer,« sagte die Base Mummeline hinter ihm her, »man
müßte seinen Kasten untersuchen.« Aber das glaubte ihr niemand, am
wenigsten der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr Habermus fand
die Geschichte mit den Holzäpfeln gar nicht wunderbar und gruselich, er
sagte: »So etwas und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben fertig.
Wer weiß, wer es gewesen ist!«