Von außen war das Zimmer verschlossen, und als Kasperle versuchte, das

Fenster zu öffnen, sah er erst, daß dies vergittert war. Er konnte nicht

hinaus, er war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte und rannte

verzweifelt im Zimmer hin und her; es half ihm alles nichts, er konnte

nicht hinaus. Zuletzt kroch er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem

schneeweißem Linnen überzogen war. Und heulend wühlte sich Kasperle in die

Kissen, und er schlief in dieser Nacht nicht wie ein Säcklein, sondern

wachte immer und immer wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm:

Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr. Und als er

erschrocken aufsprang und hinausspähte, sah er draußen einen ganzen Zug

Reiter ankommen, ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die Fahrt zu seinem

Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden gemacht, weil es ein heißer Tag

zu werden drohte.

Das war der Herzog, sein Feind. O jemine! Kasperle sah ihn aus dem Wagen

steigen, und da entwischte er flink in sein Versteck. Er zitterte vor

Angst, und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der Geldkiste nieder.

Wie sollte er nun entfliehen?

Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm Schritte, und dann hörte er auch,

wie in des Herzogs Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein

lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett! Daran hatte das

dumme Kasperle gar nicht gedacht.

In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen unterscheiden. Jemand

schalt heftig, das war der Herzog, und dann weinte jemand, das war die

Försterin. Sie schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen

gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im Schlosse sein. Und sie beschrieb,

wie gestern so viele Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt

gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten können. Von den

verschwundenen Würsten sagte sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt,

auch von dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes

Gewissen hatte.

Als die Försterin immerzu rief: »Ein Gespenst, ein Gespenst muß im Schlosse

sein!« bekam es Kasperle mit dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor

den Mund, um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend etwas tun

mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen, schlenkerte er das linke Bein

hin und her; er traf dabei einen der silbernen Becher, und der rasselte mit

großem Getöse zu Boden.

Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog rief: »Was war das, was

war das?« und die Försterin antwortete schluchzend: »Das Gespenst, das

Gespenst!«

»Es muß alles genau untersucht werden,« befahl der Herzog. »Auch soll das

Schloß ringsum bewacht werden. Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!«

Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich das laute Rufen weiter im

Schlosse fortsetzte, und er hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der

Leibarzt müsse kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. O

heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte er sich vielleicht ins

Bett, und das Kasperle war noch mehr gefangen.

Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. Er war nämlich an diesem

Tag zu früh aufgestanden, das war seine schlimmste Krankheit. Während der

Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge herbeibrachte für den

Herzog, saß nebenan Kasperle trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der

Wurst herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war durstig geworden

und sehnte sich nach dem schönen Quellwasser, das er mit Michele zusammen

getrunken hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen, das

winzige runde Fenster mit dem dichten Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch

ging draußen der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze

Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, schmaler Lichtstreif in die

Kammer, und Kasperle sah zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles

Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, tappte sich zu dem

Loch hin und sah nun zu seinem großen Erstaunen durch die kleine Öffnung

gerade in des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing innen in des

Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. In seinem Schwertknauf war das

kleine Guckloch, und es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein

neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der Leibarzt saß daneben,

dabei noch zwei Herren. In dem einen erkannte Kasperle gleich den Grafen,

Rosemaries Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die in dem

Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte davon dem Grafen, der erst

später gekommen war. Kasperle spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er

sich fester an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: »Was raschelt da so?«

Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das Gleichgewicht und

purzelte mit ungeheurem Getöse von der Kiste herab. O jemine, gab das

wieder einen Aufstand! »Es ist nebenan,« rief der Herzog, »in dem Saal,

schnell, schnell, man muß nachsehen!«

Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in den großen Speisesaal, der an

des Herzogs Zimmer grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer dick,

und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den riesigen Schränken, die im

Speisesaal standen, könnte die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden

abgesucht, Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern, von einem

raschelnden, purzelnden Gespenst war aber nichts zu sehen. Von der schmalen

Kammer zwischen den Wänden ahnte niemand etwas.

Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel geworden. Als Kasperle

endlich wagte, wieder durch das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog

Kamillentee trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen: »Wenn das

Gespenst nur nicht das Kasperle ist!«

»Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?« Der Herzog richtete sich

erschrocken auf und machte solche böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink

zusammenduckte.

»Ja,« sagte drüben der Diener, »ein Landjäger hat erzählt, sie hätten vor

einiger Zeit das Kasperle beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da

wieder auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das Kasperle

seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, da ist es doch möglich, daß sich

der kleine Kobold hier versteckt hat.«

»Ja, ja,« rief der Graf aufgeregt, »so wird es sein! Sicher steckt dieser

Unhold hier irgendwo im Schloß.«

Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut möglich, beinahe möchte er

an ein Gespenst glauben.

»Mit Verlaub,« sagte da der Haushofmeister, der eben eingetreten war, »ein

Gespenst frißt doch nicht die Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich

noch nie von einem Gespenst gehört.«

Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht gehört, und so etwas

wäre dem Kasperle schon eher zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun

erzählte, wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da befahl der

Herzog streng: »Man muß suchen, auf dem Boden, in den Kellern, überall,

auch in den Schornsteinen, und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen

hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich nicht schon ist. Das

Kasperle, den Unhold, will ich aber streng bestrafen, wehe ihm!«

Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl der kleine Unhold stecken

könnte, daß niemand den tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach,

es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt, und wer weiß, wie

übel es ihm erging, wenn er entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs

Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den Fußboden nieder,

vielleicht konnte er seine Angst verschlafen. Und Kasperle schlief wirklich

ein, und im Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie hatten sich

müde gesucht, und schließlich sagten sie: »Es ist sicher ein Gespenst, ja,

und Gespenster findet man nicht.«

Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen Bett, um das Kasperle

ihn sehr beneidete. Der Kleine wachte aber mitten in der Nacht auf, der

Mond schien ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es. Hinter dem

runden Fensterloch stand noch schief, aber glänzend der Mond und

erleuchtete die winzige Kammer. Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt

auf der Waldwiese! Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam, seufzte

er recht tief und vernehmlich.

»Johann,« schrie nebenan der Herzog, »hörst du, es hat geseufzt!«

»Jawohl, es hat geseufzt,« antwortete der Diener verschlafen. »Es ist doch

ein Gespenst!«

Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder ein Gespenst sein sollte. Er

seufzte noch einmal und noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man

solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze. Flugs schwieg

Kasperle wieder, weil aufs neue das halbe Schloß lebendig wurde. Diener

kamen, der Haushofmeister kam, Kammerherren rannten herbei, und alle

lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill, da wurde es auch

drüben still, alle gingen wieder zu Bett.

Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als das Geseufze wieder anfing.

»Das Gespenst seufzt wieder!« Der Herzog schrie, der Diener schrie, und

wieder rannten alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle

zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte die alte Kiste, an

die er gestoßen war.

»Das Gespenst, das Gespenst!« Nebenan redeten viele Stimmen durcheinander,

und Kasperle verhielt sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand,

man müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal jemand

eingemauert worden, und der geistere nun herum.

»Das ist recht,« antwortete der Herzog, »man soll morgen gleich den

Hofbaumeister holen.«

O weh! Da verging dem Kasperle wieder der Übermut. Wenn der Hofbaumeister

die Wände abklopfte, fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte

ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts störte fortan den Herzog

mehr. Dabei schlief Kasperle nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er

beschloß, morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand er da

einen Ausgang.

Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne Fensterloch in das

Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle zur Flucht. Seinen letzten

Wurstzipfel nahm er mit und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und

klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte von dem Geräusch. Weil

dann aber alles still blieb, dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach

seiner Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er das schmale

Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach lieber Himmel, er hätte auch lieber

Schokolade getrunken, als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den

schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete; feucht und kühl war es,

und ein paarmal huschte etwas vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es

mochten Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte das Echo

wieder, und in der Küche ließ just in dem Augenblick die Köchin des Herzogs

die Morgenschokolade fallen. »O du meine Güte,« schrie sie, »nun geistert

es hier auch, hört nur!«

Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das Geächze vernommen, denn

Kasperle war gerade unter der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der

Gang zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal sah Kasperle es in

der Ferne hell werden. Nun rannte er, so schnell er mit dem Geldsäcklein

vorwärts kam, plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch. Er

kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht weit davon lag das Schloß.

Kasperle wollte weiterrennen, denn er dachte an die Wächter, die das Schloß

bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum, und neben ihm schrie

Michele: »Endlich kommst du, endlich!«

Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand und zog ihn mit fort, die

Geißen folgten, und erst als alle weit drinnen im Walde waren, begann

Kasperle seine Abenteuer zu erzählen. »Da,« sagte er stolz und hielt

Michele den Geldbeutel hin, »den habe ich dir mitgebracht.«

Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der sah den Freund tief

erschrocken an. »Kasperle,« sagte er leise, »das Geld gehört dem Herzog;

das -- das -- ist -- gestohlen!«

»Nä!« Kasperle riß seine Augen weit auf. »Ich hab's doch gefunden!«

»Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles, was drin ist, gehört dem

Herzog!« Michele war blutarm, und er wäre himmelgern lieber ein

Geigenspieler statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den Beutel

nicht an. »Du mußt das Geld zurücktragen,« sagte er, »es gehört dir nicht.

Weißt du, schon die Würste zu nehmen war arg böse.« Und Kasperle mochte

sagen, was er wollte, Michele blieb dabei.

Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich an und flüsterte leise:

»Du bist gut.« Er ließ den Kopf hängen, denn er schämte sich, daß er nur

ein unnützes Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner

Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich es ihm war, noch

einmal durch den langen, langen, finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er

wolle es tun.

»Gleich,« riet Michele, »ehe der Hofbaumeister die Türe findet.« Er kramte

aus seiner Tasche ein Stückchen Licht und eine Schachtel Streichhölzer

heraus; auf den Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er die

Herrlichkeiten hin.

Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in den unterirdischen Gang

hinein. Innen zündete er das Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm,

er kam bis zur Treppe, und da -- wurde das Kasperle wieder unnütz. Er

schleuderte nämlich den Geldsack heftig gegen die Türe, der Herzog sollte

noch einmal tüchtig erschrecken. Doch was war das, -- die Türe ging auf!

Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen.

Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte Hals über Kopf die Treppe

hinab, in den Gang hinein. Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es

wieder anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es hell, er kroch

durch das Gebüsch. Unweit davon weidete Michele seine Geißen. »Ausreißen!«

rief Kasperle, »ausreißen!«

Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. Er trieb seine Herde an,

und die armen Geißen mußten wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen

verging. Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die Freunde sich

zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. Kasperle sank ganz atemlos zu

Boden, Michele brachte ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der

kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte dabei Michele

verlegen an. Was würde der sagen?

Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude an unnützen Streichen. Er

lachte und meinte, der Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein

gefreut, und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die geheime

Schatzkammer sei. »Aber nun hast du keinen Unterschlupf,« fügte er traurig

hinzu. »Hier zwischen den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange

drin hausen kannst du nicht. Und -- und« -- Michele tat einen ganz tiefen

Seufzer -- »was machst du, wenn ich nicht mehr komme?«

Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen Mund weit auf. Michele

wollte nicht mehr kommen! Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad,

in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und Geißen aus dem Dorf

für ein paar Wochen auf eine hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um

alle Tage die Milch hinabzufahren.

»Ich geh' mit,« schrie Kasperle, denn das Hausen auf der Bergwiese schien

ihm lustig zu sein.

Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. »Es geht nicht,« sagte er

ernsthaft, »du mußt weiterwandern; hier finden sie dich. Bei uns ist auch

schon ein Landjäger gewesen, um nach dir zu suchen.«

Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das Weiterwandern machte ihm

keinen Spaß mehr, und am liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt!

Doch wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr, zuviel war er kreuz

und quer gelaufen, und Michele wußte es auch nicht. Der gab aber

verständigen Rat. Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot

herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin ihm

geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine immer oben auf dem Bergrücken

weiterwandern und ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das

Fürstentum S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn der Herzog wohl

nicht fangen lassen. »Wenn du an einen blaugelben Grenzpfahl kommst,« sagte

Michele, »dann bist du an der Grenze.«

Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan sehr vernünftig zu

sein. Er tat auch, wie Michele ihm geraten, kroch in die Felsenspalte, als

der Freund mit seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die Nacht

besser als im Gespensterkämmerlein.

Dreizehntes Kapitel

Der bunte Garten

Das Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die Türe geschleudert hatte,

war dem Herzog gerade auf den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch,

da lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als hätte er das vom

Kasperle gelernt. »Das Gespenst, das Gespenst!« brüllte er, und wieder

rannte, wer das Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale

Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen. Vielleicht saß

das boshafte Gespenst noch irgendwo in der Ecke. Endlich kamen etliche

Kammerherren, auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein, sahen

die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und stiegen in den dunklen Gang

hinab. Auf dem Flur drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten:

»Das Gespenst wird uns alle totmachen!«

Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette, und der Leibarzt gab ihm

Magentropfen und sagte, Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog

aber noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren zurück; einer

hielt einen Wurstzipfel in der Hand und sagte: »Den muß das Gespenst

verloren haben. Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es schon

jemand Lebendiges gewesen sein.«

»Das Kasperle war's,« rief der Herzog. »Ich glaube auch, ich habe es

gesehen, als die Türe aufging.«

Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle gewesen sein, denn ein

Einbrecher hätte nicht mit dem Geldsack Fangeball gespielt, sondern den

lieber mitgenommen.

»Die ganze Gegend muß abgesucht werden,« befahl der Herzog, »irgendwo muß

doch der kleine Kobold zu finden sein!«

Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb, ging er dicht am Schloß

vorbei. Er traf auch eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und

das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen war. Dem Michele

wurde das Herz schwer, und er konnte in der Nacht gar nicht ordentlich

schlafen vor lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen seine

Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten, es sei noch bald

nachtschlafene Zeit. Als Michele am Schloß vorbeikam, sah das auch noch

ganz verschlafen aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den Wald

lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig drein und schrie Michele zu:

»Nimm heute deine Geißen in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und

Hunden abgesucht.«

Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen konnten nicht genug hopsen

und springen. Michele trieb sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter

lachte hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das Michele eilte! Der

fand Kasperle noch in seiner Felsspalte sitzen, und aufgeregt erzählte er

ihm die neue Gefahr. »Bleib da drinnen,« sagte er, »ich pflanze flink einen

Busch davor, da sieht dich niemand.«

Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub einen Busch aus, pflanzte den

vor die kleine Höhle und machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang

verdeckt wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So schwätzten sie

zusammen.

Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im Walde, und gerade sagte

Kasperle, nun wolle er ein bißchen herauskommen, als aus der Ferne her

lautes Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den beiden Kameraden die

Herzen arg, denn näher und näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der

brummige Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde heraus. Als der

Förster Michele so ruhig seine Geißen weiden sah, rief er nur hinauf: »Ist

hier jemand vorbeigekommen?«

»Nä, niemand!« schrie Michele, und er dachte mit heimlichem Lachen vergnügt

bei sich: Nun sage ich es doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht

vorbeigegangen!

Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich kam angesprungen, der roch

am Boden des Kasperles Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien:

»Meine Geißen, meine Geißen!« Da lockte Matthias den Hund zu sich, und

Kasperle blieb unangefochten in seiner Felsspalte sitzen.

Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und wieder zog Michele mit seinen

Geißen heim, und Kasperle blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an

des Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin gelegen!

Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das war aber ein Abschiedstag.

Michele kam mit dem Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus.

Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen, und als das Michele

scheiden mußte, da fing Kasperle bitterlich zu weinen an.

Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle heulte wie ein kleiner

Gießbach, und zuletzt heulte Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle

tat ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in die weite Welt

gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch scheiden. Kasperle blieb allein in

seinem Felsenloch sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim. Er

ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe etliche Bäume um und ebenso

das Schloß, wenigstens stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter

rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: »He, hier treibt sich ja ein

fremder Bube herum!« und es war gut, daß der brummige Matthias den kleinen

Geißenhirten kannte. So entkam der und wurde nicht weiter nach dem Kasperle

gefragt.

Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen mochte er gar nicht, und

als der Mond aufging, der nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete

sich Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er buckelte das

Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch von sich gegeben hatte, und in dem

das Brot steckte, nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten, und

wanderte in die stille Nacht hinaus.

Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles Weg. Ganz einsam war

der, nur einmal sah der kleine Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da

dachte er an Micheles gute Lehren und machte einen weiten Bogen darum

herum. Als es Tag wurde, suchte er sich tief im Wald einen verborgenen

Platz, da lag er und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er auf und

wanderte weiter.

Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam dahin, und sein Brot hatte

er bis auf ein Schnitzchen aufgegessen. Endlich erblickte er in der

Morgenfrühe einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal, sah er eine

größere Stadt liegen. Er schlief nur ein paar Stunden an diesem Tage, zur

Mittagszeit aß er seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal

hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht hatte, und die Sonne hatte

sich schon ihr schönes rotes Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an

einem der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief nämlich noch eine

uralte Mauer. Die hatte Tore und Türme, und von den kleinen Turmfenstern

herab hingen rote Hängenelken, und Geranium blühte daran.

Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war, der erblickte etwas viel

viel Schöneres. An der Stadtmauer außen lag ein großer Garten, in dem

tausendfältig bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die schönen Malven die

Wege, golden leuchteten Beete voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und

Eisenhut, Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht nebeneinander.

Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von der alten Stadtmauer herab, und

Kasperle staunte die bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im

Herzogsschloß sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen den

Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum, der begoß sorgsam Pflanze

um Pflanze. Er bückte sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte

sie wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als würde ihm dies alles

recht schwer. Und wie er gerade wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand

auf einmal Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, -- schwipp, schwapp,

begann er mit einem großen Geplantsche zu gießen. Dazu lachte er über das

ganze Gesicht, und der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine

Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz gut. Er setzte sich

auf eine Bank, und Kasperle goß den Garten; er meinte, eine vergnüglichere

Arbeit habe er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem bunten Garten,

in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes Haus stand. Und als Kasperle

fertig war, setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner, blinkerte

den zutraulich an und fragte: »Darf ich bei dir bleiben?«

Kasperle auf Reisen: Eine lustige Geschichte · 第 8 / 10 段