den Weg entlang, den er vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde
war es still, und niemand begegnete den Wanderern. Sie schliefen auch im
Walde und gelangten endlich an des Micheles Hüteplatz. »Michele ist nicht
mehr da,« sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch da. Der saß vor
der Felsspalte und pfiff auf einer Flöte, die er sich selbst gemacht hatte.
Seine Geißen weideten vergnügt um ihn herum. Da erhob Kasperle laut seine
Stimme, und Michele sah sich um, als erwache er aus einem Traum. Und dann
sprang er über Steingeröll und Wurzeln, toller als seine Geißen, er packte
Kasperles Hände und drehte den Freund rundum. Er war ganz atemlos vor
Freude und konnte erst gar nichts sagen. Kasperle mußte erzählen, und Herr
Severin sprach auch ein Wörtlein dazu. So erfuhr Michele alles. Er selbst
war geschwinde mit seiner Erzählung fertig, er sagte nur: »Den Geißen
schmeckt's hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.«
»Das hat sich freilich gut getroffen.« Herr Severin sagte es, während er
sacht an seiner Geige herumstimmte; er sah wohl des Micheles sehnsüchtigen
Blick.
»Da, nimm und spiel' mir etwas vor!« sagte er plötzlich und reichte dem
Buben die Geige hin.
Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob, der im Dorf zum Tanz
aufspielte, der hatte ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen
lassen. Die sah aber anders aus als die des schönen fremden Herrn. Der Bub
wagte kaum, sie recht anzufassen, doch als er sie hielt, kam die Lust zu
spielen über ihn, und er strich zart mit dem Bogen darüber hin.
Kasperle machte so große Augen, als er nur konnte, wie Michele spielte.
Herr Severin hörte aber still zu, und als Michele verlegen innehielt, sagte
er: »Im Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und dich mit mir
nehmen. Deiner Mutter will ich für etliche Jahre so viel geben, wie du als
Geißenhirt verdienst, du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger
braucht. Willst du?«
Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle machten solche Freudensprünge,
daß beinahe die Geißen neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hüpfen
konnten. Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb das Michele
so glückselig zurück, als säße es mitten auf der schönen Himmelswiese.
Geiger sollte er werden, spielen dürfen, was ihm die Bäume vorrauschten und
das Bächlein flüsterte! Er dachte: Das verdanke ich Kasperle, allein dem
Kasperle! und er ahnte nicht, daß Herr Severin bei Kasperles Erzählung
gedacht hatte: Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldsäcklein
zurückweist, von dem niemand etwas ahnt, der gefällt mir. Kann er geigen,
dann will ich ihm helfen, ein rechter Künstler zu werden.
Kasperle war purzelvergnügt über des Kameraden Glück. Er wollte vor lauter
Freude singen, aber da sagte Herr Severin geschwinde: »Sei still, sei
still, sonst fangen die Bäume an zu schelten über dies Geschrei. Flink,
krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir gar noch einen Jäger, der
dich erkennt!«
Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten, Herr Severin nahm ihn auf
den Rücken, und er war heilfroh, als das Schloß vor ihm auftauchte. So ein
richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich nicht leicht!
Im Schloß wurde der fremde Künstler wohl empfangen. Nur wunderten sich alle
über den großen schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. »Darin ist ein
seltenes Spielwerk,« sagte Herr Severin, »das muß ich immer bei mir
führen.« Und er verschloß sorgsam das Zimmer, auch mußte Kasperle noch tief
ins Bett schlüpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das war
langweilig; viel lieber hätte er im Schloß etwas herumgegeistert oder
zugesehen, wie Herr Severin des Herzogs Spinett eine Seele gab.
Herr Severin saß in dem Saal, ganz allein, das hatte er so gewollt, als
sich sacht eine Türe auftat und ein kleines Mädchen hereinkam. Die ging
ganz, ganz leise auf den Fußspitzen und lauschte andächtig, als der
Künstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte: Sie sieht doch aus
wie Rosemarie, von der das Kasperle erzählt hatte! Da ließ er das Spinett
singen, und er selbst sang halblaut dazu:
»Rosemarie, du kleine,
Rosemarie, du feine,
Einer hat mir aufgetragen,
Schönes Grüßlein dir zu sagen.
Trallallala, trallallala!
Rosemarie, du kleine,
Rosemarie, du feine,
Sage mir, ob du wohl weißt,
Wie der kleine Schelm doch heißt?«
»Kasperle heißt er!« klang es lieblich neben ihm. Rosemarie stand am
Spinett und sah Herrn Severin mit ihren großen Augen fragend an: »Wo ist
Kasperle?«
»Du bist also wirklich Rosemarie,« sagte Herr Severin. »Kasperle kommt ins
Waldhaus zurück, er geht wieder heim.«
Rosemarie lächelte holdselig, und sie tippte mit feinem Fingerlein auf das
Spinett, da klang es wie: »Grüße, Grüße, viele Grüße!«
»Ich werd' es bestellen, und wenn du schweigen kannst, kleine Rosemarie,
dann wirst du auch noch einmal das Kasperle sehen.«
Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie legte ihr Fingerlein fest auf
den roten Mund, und dann huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand
kam, im Nebenzimmer tönten Schritte.
Der Herzog war es. Der wollte hören, ob das Spinett nun schon eine Seele
habe, und dann wollte er wissen, was für ein seltenes Spielwerk der
Künstler im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war nämlich etwas
neugierig, und er war ganz verdrießlich, als Herr Severin sagte, dies dürfe
er nicht zeigen, dies Spielwerk gehöre nicht ihm, und er habe versprochen,
es niemand zu zeigen.
Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und ging brummelnd davon. Herr
Severin bekam Angst. Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so eine
Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen Landjägern befahl: »Macht mir
den Kasten einmal auf!« Sorgenvoll ging er durch die vielen Gänge, an
vielen geschlossenen Türen vorbei nach seiner Stube, und dabei lief ihm
eine schwarze kleine Katze über den Weg. Halt, dachte er, die kommt mir
zurecht, und er fing schnell das Kätzchen und nahm es mit.
In seinem Zimmer saß Kasperle verdrießlich wie einer, dem die Pfingstfreude
verregnet ist. Sein Gesicht wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm
von Rosemarie erzählte. »Gewiß hat der Herzog sie mit ihren Eltern
eingeladen,« sagte Kasperle.
»Ja, mein Kasperle, jetzt könnte dir das auch geschehen sein, wenn du nicht
gar so unnütz und neugierig gewesen wärst. Aber nun mußt du in den Kamin
kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger.« Und Herr Severin erzählte
Kasperle von des Herzogs Verlangen.
Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor dem Herzog hatte er die
allergrößte Angst. Er kroch flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr
Severin steckte das schwarze Kätzlein in den Kasten. Kaum waren sie beide
fertig, da kam ein Kammerherr, der sagte, er wolle dem fremden Geiger das
Schloß zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen will er in den
schwarzen Kasten sehen, dachte Herr Severin und lachte heimlich.
Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus dem Zimmer gegangen, als
Kasperle Schritte hörte, Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs
Befehl: »Öffnet den Kasten!«
Jemine, dachte Kasperle, wie schade, daß ein Kamin kein Guckloch hat! Er
wollte versuchen, etwas zu sehen, und gerade war er bis ans Ofenloch
gerutscht, als der Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend
heraussprang. Ritsch, saß sie dem Herzog auf der Schulter, und ehe sie noch
jemand fassen konnte, sprang sie zum offenen Fenster hinaus.
»Prschiii!« Kasperle war Ruß in die Nase gekommen, er mußte laut niesen.
»Hazzi, prschiii!« Und puh! quoll eine dicke, dicke Rußwolke aus dem Kamin,
und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte er aus dem
Zimmer, und seine Diener rannten ihm nach. Sie dachten alle, die schwarze
Wolke sei aus dem Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Künstler
sei ein Hexenmeister. Und schämen tat er sich auch.
Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube zurückkehrte und die
Bescherung sah. Das Kasperle sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er
gefiel sich selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich waschen, da
wurde er wieder blank und kroch vergnügt in seinen Kasten zurück. Danach
ging Herr Severin zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare
Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog seufzte sehr und bat Herrn
Severin inständig, ihm abends noch etwas vorzuspielen.
Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es dürften keine Kinder dabei
sein. »Ach,« rief der Herzog, »die gibt es ja gar nicht im Schloß! Nur die
kleine Gräfin Rosemarie ist da, die stört doch nicht.«
»Doch, sie stört, sie muß ins Bett,« erklärte Herr Severin und tat ganz
streng.
Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal kommen, um dem Spiel des
fremden Künstlers zu lauschen. Aber alle Dienstboten standen hinter den
Türen, und Herr Severin spielte so wundersam, daß der Herzog zu weinen
anfing.
Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt mit Rosemarie zusammen in
einer winzigen Stube neben Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und
war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel es ausgezeichnet darin.
Der gute Herr Severin hatte Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde.
Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte, und dazwischen
schmauste er Kuchen und Schokolade; dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht.
Rosemarie graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der erzählte,
wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da weinte sie bittere Tränen. »Du
armes, armes Kasperle!« sagte sie sanft; »wie gut, daß du ins Waldhaus
zurückkommst!« Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig und schalt: »Ei,
du Unnütz du!« Und alle, die Kasperle geholfen hatten, die
Schullehrersleute, Meister Helmer und vor allem das Michele gewann
Rosemarie gleich lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. »Der muß auch
mein Freund werden,« sagte sie. »Und wenn er groß ist und so schön spielen
kann wie Herr Severin, dann --« »heiratest du ihn,« rief Kasperle. Und
plötzlich rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht. »Und ich
bin dann immer noch ein Kasperle!« klagte er.
Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er bis dahin seine
Heimatinsel gefunden. »Ich will auch suchen, wenn ich groß bin,« versprach
sie, »und Michele soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.«
Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte noch den letzten Rest
Kuchen in seinen großen Mund, und dann erzählte er noch flink die
Geschichte mit den Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis
Herr Severin kam und sagte: »Ei, flink ins Bett, Rosemarie du feine, es ist
schon arg spät!«
»Auf Wiedersehen morgen!« flüsterte Rosemarie noch, dann huschte sie zum
Zimmer hinaus. Es merkte niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war.
Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von Michele und von dem
schönen, bunten Garten. Doch als sie aufwachte, da war Herr Severin mit
seinem schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie konnte ihn
nicht mehr sehen.
Fünfzehntes Kapitel
Wieder daheim im Waldhaus
Herr Severin zog mit Kasperle wieder durch den Wald. Abwärts ging's, immer
tiefer ins Tal hinein, bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe
Postkutsche wieder erreichten. »Trara, Trara!« blies der Postillion, Herr
Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen, und fort ging es
in die Weite. Kasper schaute aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da
sah er das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam der Weg, den er
mit dem Grafen von Singerlingen gefahren war. Und weiter ging es, immer
weiter. Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein langer
Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian! Ein Dorf tauchte auf, es war
Protzendorf.
»Bis hierher geht es und nicht weiter,« sagte der Postillion. »Ja, die
Protzendorfer sind fein geworden, zu denen fährt jetzt die Post.« Da wurde
der schwarze Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein Guckloch
die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen. Seine einstigen Freunde
Windgustel und Wassergustel stießen sich bald die Nasen daran. Und die
Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt voran, arg enttäuscht,
daß der fremde Herr nicht bleiben wollte. Sie meinten nämlich, in ihrem
Dorf, in dem die Säulein alle auf der Straße herumliefen, müßte es jedem
gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich: Lieber nicht, dem Kasperle ist
halt nicht zu trauen, und das wäre doch übel, wenn man ihn so kurz vor dem
Ziel erwischen würde. Also nahm er seinen schwarzen Kasten und wanderte
weiter, und Kasperle konnte weder Florian einen Schabernack spielen, noch
seine einstigen Freunde begrüßen.
Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus einen Fußweg, der führte durch den
dichtesten Wald und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin ein.
Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide wanderten fröhlich dem
Waldhaus zu. Kasperle sprang wie ein Eichkätzchen, und Herr Severin strich
die Fiedel dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang der
Nachtigall.
Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal eine liebe, warme
Stimme: »Ach lieber Gott, das ist ja Kasperle!« Ganz tief im Grünen, unter
einer uralten Tanne, saß Liebetraut, und neben ihr weidete ein Reh. Herr
Severin blieb stehen, Kasperle aber stürzte mit einem so lauten Jubellaut
Liebetraut zu, daß das Reh eilends entfloh. »O Kasperle, du liebes,
schlimmes Kasperle!« sagte Liebetraut, »wo kommst du her?«
»Nicht böse sein!« bettelte Kasperle und huschelte sich an Liebetraut an.
Das schöne Mädchen lächelte, sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und
sagte froh: »Nur gut, daß du wieder da bist, du Schelm, du Ausreißer, du
mein kleiner Liebling du!«
Und nun erzählte Kasperle, wie es ihm ergangen war, und Liebetraut lachte
und weinte; dann sagte sie, der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen
und habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurück sei. Doch könne er hier
nichts machen, gerade das Waldhaus liege an der Grenze, und der Fürst
dieses Landes und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen. Hier
dürfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber in Protzendorf wohne
jetzt ein Landjäger, um aufzupassen, und Florian und Damian hätten gesagt,
wenn sie Kasperle fingen, würde es ihm übel ergehen.
»Komm,« bettelte Kasperle ängstlich, »wir wollen ins Waldhaus!«
Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie dem Waldhaus zu. »Jetzt
kommt gleich die Grenze,« sagte Liebetraut; »Kasperle, schlupf' flink in
den Kasten, mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjäger an der Grenze.«
Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte den Herr Severin wieder
zugeklappt, da trat wirklich ein Landjäger aus dem Gebüsch. »Halt!« schrie
der, »ich muß alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein Kasperle über die
Grenze trägt.«
Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen, wundersam klang es, dazu
sagte er: »Ich komme von des Herzogs Jagdschloß, aber der Herzog hat mir
kein Kasperle geschenkt.« Darüber mußte der Landjäger lachen, und weil er
auch dachte: So ein feiner Mann, der so schön spielen kann, was hat der mit
einem Kasperle zu schaffen! ließ er Herrn Severin und Liebetraut ziehen.
»Dies vermaledeite Kasperle!« schalt er; »seit Wochen suchen wir danach,
mal ist es da, mal ist es dort, und nie fängt man es.«
»Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, paßt nur gut auf, daß es Euch
nicht an der Nase vorbeiläuft!« sagte Herr Severin lustig.
»Mir nicht!« schrie der Landjäger; »ha, ich bin ein ganz Schlauer, mir
entwischt das Kasperle nicht!«
Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige zu spielen. Diesmal war
es ein heiteres Stücklein, das sollte das Lachen übertönen, das aus dem
schwarzen Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte aber nicht
an sich halten. Er kicherte immerzu, und der Landjäger rief Herrn Severin
noch nach: »Ei, Herr, Ihr könnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als
lache Eure Geige!«
»Paßt auf, daß Kasperle Euch nicht entwischt!« rief Herr Severin noch, und
da lachte auch Liebetraut. Lachend schritten sie weiter, und auf einmal
tauchte das Waldhaus vor ihnen auf. Nun ließ Herr Severin das Kasperle
wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da tat der einen lauten Freudenruf.
Vor ihm lag das Waldhaus, ganz umblüht von einem sommerbunten Garten. Seine
Fenster standen offen, und an einem der offenen Fenster saß Meister
Friedolin und schnitzte. Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das
Haus zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser vor Staunen.
Je, was war denn das!
Kasperle war wieder da, das Kasperle!
Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne in der Hand, so
schnell war sie vom Abendessenkochen weggelaufen.
Und Kasperle mußte erzählen immerzu, und dazwischen mußte er essen, und
Herr Severin wurde genötigt, als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam das
allerschönste Zimmer im Oberstock. Da schaute ihm der Wald in die Stube
hinein, und Herr Severin spielte darin bis spät in die Nacht so
wunderschön, daß Liebetraut auf ihrem Bette saß und vor Freude weinte.
Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als er am nächsten Morgen
aufwachte, stand Liebetraut an seinem Bette, die lachte ihn an und sagte:
»Kasperle, weißt du es denn, du bist wieder daheim, bist im Waldhaus!«
Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett. Im Waldhaus, daheim! Nun wurde
er nicht mehr verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie
herrlich das war!
Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie dem Kasperle. Er mußte
freilich nach einigen Wochen wieder in die Weite ziehen, mußte spielen vor
fremden Leuten und mußte Instrumenten eine Seele geben. Aber er wollte
wiederkommen, und dann wollte Liebetraut seine liebe Frau werden, und sie
wollten alle mitsammen im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr
Severin sagte, sein Versprechen müsse er halten. Ach, das Michele!
Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude, wenn er daran dachte, daß
Michele kommen würde. Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen
lieben, lieben Kameraden.
»Denkst du noch an das Fortlaufen?« fragte ihn Liebetraut manchmal. Da
schüttelte er immer heftig den Kopf und schrie: »Nein, nein, nein, ich will
immer, immer im Waldhaus bleiben!«
Er hütete sich auch wohl, im Wald über die Grenze zu laufen, und als nach
etlichen Wochen der Kasperlemann wieder erschien, da kroch Kasperle in das
Bett und zog sich die Decke tief über die Ohren. Aber der Kasperlemann
merkte doch, daß Kasperle wieder daheim war; er schnüffelte im Hause herum,
doch Liebetraut hatte Kasperles Kämmerlein abgeschlossen und trug den
Schlüssel in ihrer Tasche. Da mußte der Kasperlemann abziehen, und Kasperle
blieb im Waldhaus. Er ließ sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage
später ein Handelsmann erschien, der ihm wunderschöne Dinge versprach und
ihn bat, er solle ihm nur ein Stück seinen Kasten tragen. O nein, Kasperle
war draußen in der Welt gescheit geworden, der ließ sich nicht fangen! Und
der Herr Herzog konnte sich so viel ärgern, soviel er wollte, Kasperle
bekam er doch nicht.
Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im Waldhaus gab es eine stille,
fröhliche Hochzeit. Und dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute
Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit. Da gab es ein frohes
Wiedersehen, und als Herr Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste,
sagte er: »Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schüler, aber ich hätte
dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen. Freilich, im Waldhaus hast
du es am allerbesten.«
Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei es so schön wie im Waldhaus;
nur vielleicht auf der Kasperleinsel war es noch schöner. Doch niemand
wußte, wo die lag, niemand kannte des Kasperles eigentliche Heimat.
Die ferneren
Schicksale und Abenteuer
Kasperles und seiner Freunde
Rosemarie und Michele finden die Leser in
den Bänden »Kasperle auf Burg Himmelhoch« und »Kasperls
Abenteuer in der Stadt« erzählt (Verlag Levy & Müller, Stuttgart).