neben ihm ein Bub, nicht viel größer als er, der trug ein Hemd und ein
Höslein, geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein verbeultes,
verblichenes Hütlein mit einem mächtigen Busch Hahnenfedern daran. Es sah
beinahe aus wie der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater
zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten lustig; der ganze kleine Kerl
sah überhaupt so vergnügt in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen
mußte.
Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst machte der fremde Bube
Kulleraugen vor Erstaunen, als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum
andern zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen steckte wieder das
Kasperle an, und so lachten sie eine gute Zeit um die Wette, und die
Felswand gab vergnügt das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine Anzahl
Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert und umringten die
beiden Buben. Aber plötzlich sprang der fremde Bube auf und schrie:
»Rosemarie fehlt!« Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen davon.
Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen. War das liebliche
Grafenkind hier im Walde, und war er gar wieder dem Schlosse näher
gekommen? Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber saß da,
als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch da kam der fremde Bub schon
wieder zurück, er trieb ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief
schon von weitem: »Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich verlaufen.«
Kasperle schüttelte den Kopf. »Nä,« brummelte er entrüstet, »Rosemarie ist
eine Grafentochter, keine Geiß!«
Der fremde Bube lachte hell auf. »Freilich, ein Geißenname ist's nicht,«
rief er. »Rosemarie stammt aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin
Bärbe hat sie dort geholt.«
»Ist das weit?« fragte Kasperle scheu. Er dachte gar, das Schloß müßte ihm
vor der Nase liegen.
»Weit -- das Schloß?« Der fremde Bube sah ihn erstaunt an, die Frage kam
ihm sehr schnurrig vor. Was ging den andern das Schloß an? »Weit ist's
schon,« sagte er; »die Einöderin braucht immer ein paar Tage dazu, sie
stammt von dort.«
Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm auch ein, es war eigentlich
längst Frühstückzeit vorbei, und er kramte sein letztes Stück Brot aus der
Tasche. »Ich hab' Hunger,« sagte er seufzend.
»Ich auch.« Der fremde Bube zog auch ein Stück Brot aus der Tasche und
sagte: »Ich komm' hierher wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends,
und niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias nicht.«
»Wer ist denn das?« Kasperle setzte sich auch an einen Himbeerbusch, wie es
der andere tat. Beide schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube,
der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne neben des Herzogs
Jagdschloß Hirschsprung, das ganz nahe sei.
»Wohnt der Herzog hier?« Kasperle ließ vor Schreck eine dicke Himbeere und
sein Brot dazu ins Wasser fallen, und er fischte erst beides wieder heraus,
als der fremde Junge sagte: »Bist du aber dumm! Der Herzog wohnt doch in
seiner Residenzstadt, weit, weit von hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal
hierher, sonst steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar nichts!
Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du? Wer bist du?«
Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein Sprüchlein sagen, aber
des fremden Buben helle, klare Augen schauten ihn so ernsthaft an, da
senkte er verwirrt seine Nase.
»Hast du was Schlimmes getan?« fragte plötzlich der andere fast streng.
Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte er dem Buben, wer er sei.
Alles erzählte er, und der andere lachte mit und sah mit traurig drein, und
als Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune Hand hin und
rief: »Armes Kasperle! Aber weißt du, ich will dein Freund sein. Ich bin
das Geißenmichele und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?« Michele
wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht, was er aus Mitleid dem
Kasperle Gutes antun sollte, darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des
Michels Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger gerade nicht sehr
groß. Michele meinte aber, für einen Freund, den man so unversehens im
Walde finde, müßte man auch einmal hungern können. Kasperle aber sah, mehr
Brot war nicht im Säcklein, und schlug vor, sie wollten teilen. Also
teilten sie, schmausten viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was
aus Kasperle werden sollte.
Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen, doch das ging
nicht; er hatte nämlich selbst kein rechtes Zuhause. Er war einer armen
Witwe Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen Dorf, und er hatte
sich als Geißenbub verdingt, um der Mutter zu helfen, die noch für drei
kleinere Kinder sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem Heuboden,
dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen. Und Kasperle tat einen
tiefen Seufzer und sagte traurig: »Ich muß weiterziehen.«
Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter Gedanke, und er überkugelte
sich gleich einmal vor Freude und schrie dabei: »Hurra, das wird fein,
fein, fein!«
Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein würde, und da vertraute
ihm Michele an, das Schloß sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle
darob vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein wurde, erzählte
Michele, im Schlosse wohne niemand, und der böse Matthias und seine Frau
gingen selten hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte, daß
eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit unverschlossen sei, wohl
weil der brummige Matthias den Schlüssel verloren habe. »Ich bin schon
manchmal drin gewesen; fein ist's drin!« tuschelte Michele seinem neuen
Freunde geheimnisvoll zu. »Du kannst drin wohnen, und dann treffen wir uns
alle Tage und hüten die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab' arg großen
Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr Brot, dann langt es für uns
beide.«
»Aber der Herzog!« Kasperle sah so ängstlich drein, als spaziere der Herzog
schon um die Ecke herum.
Michele lachte ihn aus. »Bist ein Hasenfuß; der Herzog, kommt höchstens
zweimal im Jahr nach Hirschsprung, na, und das merkst du ja vorher. Komm
jetzt rasch, ich zeige dir die Türe!« Er sprang auf und sah nach den
Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen Klettereien; satt und faul
lagerten sie auf einem Wiesenfleck, und die beiden Freunde konnten beruhigt
zum Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht. Kasperle staunte.
Ein paar Schritte ging es durch den Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese,
rings von Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen dicken
Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon, am Wiesenrand, lag ein kleines
Haus, die Försterei. Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund
bellte, als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele führte seinen
Freund nun um die grauen Mauern herum und zeigte ihm neben dem Turm ein
Pförtlein, das fast ganz hinter Gebüsch verborgen war. »Da hinein geht's,«
sagte er, »und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen, und niemand
sieht dich.«
Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele drückte auf die rostige
Klinke; sie gab nach, und da standen die beiden wirklich im Schloß. Ein
schmaler, weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt ihn ganz
keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft, weil sich aber wirklich
niemand und nichts im Schlosse regte, wurde er auch mutiger. Die beiden
Freunde schlossen Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen
alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als Kasperle auf einmal
sagte: »Im Grafenschloß war's noch feiner.«
»Was Feineres gibt's nicht,« rief Michele und riß eine Türe auf. Die führte
in einen Saal hinein, der nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster
eingerichtet war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas und
Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen, an den Wänden gab es in
breiten goldenen Rahmen heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen,
schwebten oben an der Decke.
Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im Grafenschloß, und Michele,
der schon ganz wütend gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun
auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte, und als sie beide
beim Herumwandern in ein sehr schönes Zimmer kamen, in dem ein breites
goldenes Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. »Ich glaube, das
ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,« flüsterte Michele etwas scheu. »Darin
kannst du doch nicht schlafen!«
Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit Seide überzogenen Bett und
rief: »Hurra, hier schlafe ich: Das ist fein, fein, fein!«
Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene Bett gelegt, aber er
dachte an die armen Geißen, die er verlassen hatte. »Ich muß gehen,« sagte
er betrübt, und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus und
erklärte: »Ich geh' mit.« Einträchtig verließen sie beide wieder das
Schloß, kehrten zu den Geißen zurück, fanden die noch ruhig am alten Platz
weiden, und sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner zu
halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß vorbeiziehen und pfeifen,
und sobald Kasperle dies hörte, sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie
zusammen spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide freuten sich
schon auf die Tage, die kommen würden, und einmal sagte Kasperle ängstlich:
»Aber der Herzog, wenn der in sein Schloß kommt!«
»Ach, der kommt ja erst im Herbst!« Michele schnippte mit der Hand, als
könnte er damit den Herzog davonweisen, und Kasperle war beruhigt. Mit
seinem neuen Freund zusammen trieb er dann die Geißen an zum Heimgehen, und
als das Schloß sichtbar wurde, trennten sich beide. Kasperle schlüpfte
wieder durch das Gebüsch, öffnete die kleine Türe und stand dann allein in
dem Schloß. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider, und da begann sich
der kleine Hasenfuß zu fürchten. Am liebsten wäre er wieder umgekehrt und
dem Michele nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schöne seidene
Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind die Treppe hinauf
und durch die Gänge, bis er das Zimmer erreichte. Dort schlüpfte er sehr
eilig in das goldene Bett, zog sich die Decke über die Ohren und schlief
wirklich nach fünf Minuten ein. Nichts störte ihn in dem einsamen Schlaf.
Nur einmal hörte er ein fernes Blasen, aber so recht wachte er darüber
nicht auf. Draußen auf der Waldwiese stand der Förster, den Michele den
brummigen Matthias nannte, und blies auf seinem Hifthorn ein Abendlied.
Feierlich tönte das durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur
die Bäume rauschten; sie erzählten sich, im einsamen Schloß sei ein
wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von dem selbst der Förster nichts
wisse.
Zwölftes Kapitel
Kasperle wird ein Gespenst
Als Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte, schimmerte es ganz golden
durch die herabgelassenen Vorhänge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte
durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr gewarnt hatte, dies zu
tun. Draußen lag die Waldwiese im ersten Frühsonnenschein, und selbst in
das verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und Jubilieren der Vögel,
die den neuen Tag grüßten. Wie lustig es klang! Kasperle erhob
purzelvergnügt sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, daß in dem
einsamen Schloß ihn niemand singen hörte, denn vor dem Gesang konnte schon
einer davonlaufen. Es klang, als quietschten zehn schlecht geölte Türen und
drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand seinen Singsang
schön, und singend lief er in dem Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam
er auch in die Küche. Und da merkte er, daß er schrecklich hungrig war, und
das Singen verging ihm. Er begann neugierig in alle Töpfe und Schränke zu
schauen, doch nirgends fand er etwas Eßbares. Er dachte seufzend an die
gefüllten Speisekammern im Grafenschloß, und gerade wollte er die Küche
wieder verlassen, als er in einer Ecke eine Türe entdeckte. Rasch schloß er
sie auf, ein halbdunkler Raum gähnte ihm entgegen, in dem es merkwürdig gut
roch. Kasperle schnupperte und schnupperte, sah sich um und sah auf einmal
von der Decke herab lange Würste hängen; auch ein paar Schinken und
Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die Räucherkammer geraten, in der
es noch Vorräte vom letzten Besuch des Herzogs her gab.
Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann er sich nicht, ob er
zugreifen dürfe oder nicht. Er sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst
erwischte; an der zerrte er, bis er sie in seinen Händen hielt. Dann
verschloß er die Kammer wieder und lief vergnügt mit seiner Wurst bis zur
kleinen Pforte, an der Michele pfeifen sollte. Das dauerte noch ein
Weilchen, und Kasperle biß inzwischen herzhaft in die Wurst hinein, und als
Michele kam, hatte er schon ein gutes Stück verschmaust.
Der Kamerad machte große Augen, als Kasperle ihm von der Wurstkammer
erzählte. »Das darfst du nicht, die Würste aufessen,« sagte er bedrückt;
»sie gehören doch dem Herzog!«
Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der fand nichts Unrechtes am
Wurstraub, sagte, die hätte der Herzog gewiß längst vergessen, und Michele
glaubte ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu ihrem Brot, aßen
tüchtig Himbeeren und verlebten mitsammen einen sehr vergnügten Tag. Die
Geißen waren brav, die machten ihnen weiter keine Mühe, ja, als Kasperle
dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da stellten sie sich alle dazu und
meckerten erstaunt; so etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie
meckerten, und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von sich, so arg
mußte er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh vor Lachen, und er legte sich
flink in die Sonne. Kasperle tat es ihm nach, und beide ließen sich von der
Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und Michele wieder lachen
konnte.
So verging der Tag. Am Abend trieb Michele die Geißen heim, und Kasperle
kehrte in das stille Schloß zurück. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern
kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er, bis ihn wieder das
goldene Scheinen hinter den Vorhängen weckte; da war wieder ein neuer
heiterer Tag für ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schloß, holte
wieder ein Würstlein aus der Räucherkammer und stand schon an der kleinen
Pforte, als Michele daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von
weitem dem Kasperle halblaut zu: »Verstecken, verstecken!«
Kasperle witschte flink in das Gebüsch, und als Michele herankam, tuschelte
der ihm zu: »Der brummige Matthias steht vor seinem Hause, laß dich nicht
sehen!«
Der Förster wunderte sich ein wenig darüber, daß der Geißenbub seine Herde
so dicht am Schloß vorbeitrieb, aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte
unter die Geißen, lief auf allen vieren und war geschwinde im Walde
verschwunden.
Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag wie ein schöner Traum. Es
wurde Abend, es wurde wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern, alle
waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust.
Über eine Woche war so vergangen, da wachte Kasperle eines Morgens auf, und
er wunderte sich, wie dunkel es war. Vielleicht ist's noch Nacht, dachte
er, aber dann vernahm er ein unablässiges Plätschern und Rauschen, und als
er durch das Ritzchen im Vorhang hinausspähte, merkte er, es regnete. In
wahren Bächen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch, immerzu. Düster,
grau hingen die Wolken tief herab, der Wald sah aus, als schliefe er noch,
nichts rührte und regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit seinen
Geißen. Der saß bei der Bäuerin und half Gemüse putzen, und er dachte dabei
sehnsüchtig an seinen Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war
nicht minder groß. Er langweilte sich arg in dem einsamen Schloß, und weil
er nicht wußte, was er anfangen sollte, begann er das Schloß von oben bis
unten zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polsterstühle, räkelte sich
auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er wieder in des Herzogs
Schlafzimmer. In dem hingen allerlei Bilder, darunter das einer Schäferin,
die ein Lämmchen an einem himmelblauen Bande führte. Dies Bild gefiel
Kasperle besonders gut. Um es besser zu sehen, rieb er ordentlich seine
große Nase daran, ja er fing an, das Lämmchen zu streicheln. Dabei fühlte
er an dessen Halsband eine kleine Erhöhung, und weil er wissen wollte, was
dies bedeute, drückte er ordentlich fest darauf. Da rauschte es plötzlich
sacht, das Bild wich von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen
kleinen Raum hinein; kühl und dumpf wehte es ihm daraus entgegen.
Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene Bett hinein, er kroch
unter die Decke, und da lag er eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles
blieb still. Nur draußen rauschte und rauschte unablässig der Regen.
Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder hervor. Die
geheimnisvolle Türe, die das Bild verdeckte, stand noch halb offen, und in
dem Raum dahinter war es auch ganz still.
Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber neugierig war er auch.
Endlich siegte doch die Neugier, und er kletterte wieder aus dem Bett
heraus und schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale Kammer war es,
die sich vor ihm auftat; aus der führte ein Trepplein in die Tiefe. Die
Kammer selbst war in ein grünliches Licht getaucht, und Kasperle sah, daß
sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz dicht gewachsen
war; man mochte wohl von draußen das runde Fenster gar nicht sehen hinter
der dichten Efeuwand. In der kleinen Kammer selbst stand nur eine
altmodische Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte.
Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne und goldene Becher und
eine goldene Kette lagen drin und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war
ein roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen war. Kasperle
nahm ihn sich um, hängte sich die goldene Kette an den Hals und spazierte
so ein Weilchen hin und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde. Er
warf alles in die Kiste zurück und begann das Trepplein hinabzusteigen,
Stufe um Stufe. Etwas bänglich war ihm doch zumute, und als ihm von unten
herauf eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch um und
schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog das Bild wieder zurück, ganz
leicht ging es nicht, aber plötzlich schnappte es ein, und von der
geheimnisvollen Kammer war nichts mehr zu sehen.
Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband des Lammes, er fand ihn,
drückte darauf, und wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen,
dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er ging nun überall im
Schloß herum und untersuchte alle Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild
müßte eine geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren und Damen,
deren Bilder die Wände schmückten, auch auf die Nasen, Münder, Augen und
Bäuche drückte, keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend, und
Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich dabei auf den kommenden Tag,
da würde doch sicher schönes Wetter sein.
Doch der Regen rann und rann. Am nächsten Morgen war es noch grauer; noch
düsterer sah der Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen
daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder im Schlosse herum. Das
geheime Kämmerchen untersuchte er ganz genau, er ging auch ein paar
Schritte die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er holte sich
wieder eine Wurst aus der Räucherkammer; doch die wollte ihm gar nicht mehr
so recht schmecken. Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren besser
gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu, ohne Unterlaß rann es vom
Himmel herab, und am nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle
vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal ein helles Licht das
Zimmer erfüllte. Kasperle sprang auf und sah hinaus. Draußen war soeben die
Sonne hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken besiegt. Hier und
da schimmerte der Himmel tiefblau, und die grauen Wolken jagten davon, als
hätten sie die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim Schwänzlein
genommen zu werden. Heisa, nun wurde morgen gewiß schönes Wetter!
Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann rannte er wieder im Schloß
treppauf, treppab, holte sich eine riesengroße Wurst, die er morgen
mitzunehmen gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett.
Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele wiedersehen.
In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein. Er war zwar noch blaß, und
es fehlte ihm ein ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner,
wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über der Waldwiese vor dem
Schloß, als Kasperle einmal aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es
schon wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er den Mond glänzen,
und das Rauschen, das er hörte, kam vom Wald herüber. Aber noch etwas
anderes hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus herüber tönte
es, und im klaren Licht des Mondes sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause
drüben halten. Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder in
sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief er denn auch bald ein.
Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er erstaunt: Was ist denn das? Es
rummelte, knarrte, klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht so
still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes Rufen: »Matthias,
Matthias, jetzt wollen wir erst in dem Herzogszimmer scheuern!«
Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett heraus. Eine furchtbare Angst
ergriff ihn. Menschen waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein
paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was er tun sollte; doch
da fiel ihm die Kammer hinter dem Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf,
die Türe rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und die Wurst und
witschte in die Kammer. Es war die höchste Zeit, denn draußen dröhnten
schon schwere Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre
geschlossen, als der Förster und seine Frau das Zimmer betraten. Kasperle
vernahm einen lauten Schrei, die Försterin hatte das zerwühlte Bett
erblickt. »Matthias, Matthias,« rief sie, »es ist wahrhaftig jemand im
Schloß gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs Bett hat er
gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr wüßte!«
Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte ihn sagen, es müßte gerade
ein Gespenst gewesen sein, von einem lebendigen Menschen hätte er doch
etwas merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen gewesen.
»Matthias, die kleine Pforte war ja auf!« schrie die Försterin. »Weißt du,
von der der Schlüssel verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas
gestohlen worden ist!«
Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte und brummte, und
Kasperle hörte ihn sagen, daß er die kleine Pforte verriegeln wolle.
»Nein, nein,« rief seine Frau, »unser großes Vorlegeschloß tu dran, das
hält besser!«
Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit einem Schloß verschloß,
dann konnte er nicht hinaus und --. Da sagte die Försterin: »Und morgen
kommt der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit wir fertig
werden!«
Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog kommen, und geschlossen sollte
werden. Wie sollte er denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich
klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus und schlafe im Walde.
Damit tröstete er sich über diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem
Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine Frau wirtschafteten
immerzu im Schloß herum, und er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen.
Doch als es dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen
klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es, die Bildtüre zu
öffnen. Er nahm seine Wurst unter den Arm, die er schon halb aufgegessen
hatte, und schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte an
der Tür die Klinke nieder und -- merkte, er war eingeschlossen.