auch sonst die Waldraster Kinder genug gemacht, aber solche
Hanswurstsprünge, ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode
gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei Tisch an zu zappeln,
hielt die Beine in die Luft und überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine
Mutter dachte, er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins auf
den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern. Am Abend aber kam Frau
Bimmelmann, die nächste Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps
möchte mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide fürchterliche
Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie Fistelmeyers alte Muhme Trine, die
jammerte, bei ihnen sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer
einen Tee holen.
»Was auf den Hosenboden,« schrie Vater Schrumps, »das wird schon helfen!«
Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in diesen Tagen als äußerst
heilsam; und bald bekamen es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre
Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben, wollten alle kaspern,
wie des Schullehrers kleiner Schützling tat.
Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und der arme Herr Habermus bekam
manches ungute Wort zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das Feuer. Im
Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm, immer hatte Kasper dies und das
getan, so sagte wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle wirklich
brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast sehr gut gefiel. Er ging
furchtbar gern in die Schule, und das Spielen mit seinen Kameraden machte
ihm besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base Mummeline wunderte er
sich sehr; er fand es nur spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte,
oder wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil Kasperle sie
hineingetrieben hatte. Auch brauchte die Base nicht so mörderlich zu
schreien, weil sechs dicke Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier,
Käfer und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten oder gar ein
Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. Das war doch alles nur Spaß! Und
über das Räubergesicht brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. So
meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden stimmten ihm zu.
Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus schalt, Frau Habermus
schalt, aber beide hatten dabei den unnützen kleinen Schelm von Herzen
lieb. Der Schullehrer bekam es auch nicht fertig zu sagen: »Kasper, geh'
wieder in die weite Welt.« Dazu tat ihm der in seiner Verlassenheit zu
leid.
So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle blieb in Waldrast. Die
Dorfbuben lernten das Kaspern immer besser, und der gute Herr Habermus
plagte sich weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch noch die
Base Mummeline den ganzen Tag schelten. Er war daher sehr froh, als die
eines Tages sagte: »Ich geh' morgen in die Stadt.«
Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand in die Stadt ging. Der
mußte dann viele Stunden abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den
Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: »Ich geh' in die Stadt,« dann
kamen gleich die Nachbarn und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten
allerlei gekauft haben und sagten auch: »Paß gut auf, was es Neues in der
Welt gibt!« In jenen Tagen stiegen die Briefboten noch nicht täglich in das
entfernteste Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im Jahr irgend
jemand einen Brief. In das Schulhaus kamen darum auch noch am gleichen
Mittag etliche Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln, die
dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so ging es weiter, und zuletzt hatte
die Base Mummeline einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet
standen.
»Das wird zuviel zu tragen,« sagte die Lehrersfrau; »Base, da tust du dir
Schaden. Nimm den Kasper mit, der kann dir helfen.«
Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit dem schlimmen Buben
sollte sie gehen! Na, da würde sie sicher vor Ärger unterwegs sterben,
behauptete sie; der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base
Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. Der war arg froh
darüber. Ja, schlimm genug, als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen
hörte, schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr eine lange
Nase und schnitt, als sie sich noch einmal umdrehte, sein allerbösestes
Räubergesicht.
Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast mit ihrem Korb den Berg
hinab, so rannte sie davon, und erst als Waldrast schon ein Stück hinter
ihr lag, wagte sie es, aufzuatmen. »Na, warte du!« Sie drohte mit der Faust
dorthin, wo das Schulhaus lag, und dann wanderte sie bergab und dachte
dabei: Könnte ich nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base
Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen Wald, über grüne Wiesen, an
Felsen entlang bergab nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten die
Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das Kasperle war purzelvergnügt.
Beim Mittagessen schalt keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau
Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine drolligen Gesichter.
Der Schullehrer sah auch freundlich drein und Kasperle dachte: Wenn die
Base doch nie wiederkäme!
Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans Fortbleiben. Die erlebte in
der Stadt eine höchst seltsame Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag,
als sie alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder nach
Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde kam sie im Dorfe an. Die
Lehrersfrau war mit Lenchen und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer
saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte gerade aus dem Hause
gehen zu seinen Kameraden, als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn
nicht, sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen, und Kasperle
schlüpfte ein wenig erschrocken in die Wohnstube. Als er draußen den
Schritt der Base vernahm, da kroch er flink in einen dunklen Winkel am
Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte der kleine Schelm selbst
nicht genau. Der Gedanke an die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte
ihn etwas, und dann war die Base dahergekommen, als trüge sie den schönsten
Rohrstock im Korb. Ein paar Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das
Haus, und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. Der Base erste
Frage war: »Wo ist Kasper?«
Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob er ein paar
Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht sehen sollte. Indem kam die
Lehrerin zurück, sie begrüßte die Base, als wäre die von einer langen,
langen Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: »Wo ist
Kasper?«
»Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein,« meinte
die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen.
Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das
Sofa, schloß den großen Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da
lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. »Er ist
nicht da,« rief sie; »nun will ich euch erzählen, wer eigentlich der Kasper
ist, na, ihr werdet staunen!«
Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu
erzählen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn
was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die Base! Da war unten in der
Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes
Kasperle gezeigt und laut verkündet: »Wenn ihr einen findet, der so
aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafür eine hohe
Belohnung.« Und dann hatte er erzählt, daß Kasperle ein urechtes lebendiges
Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. »Seht
ihr,« schrie die Base Mummeline, »ich hab' es immer gesagt: mit dem Buben
ist's nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt
wird. So will es der Herzog.«
Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: »Armer
kleiner Kerl!«
Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen über die Backen. Am liebsten
wäre er vorgelaufen und hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach
gewiß, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base
Mummeline wieder laut und hart: »Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er
bringt noch einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen.
Ich hab' es nämlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schönen
Goldgulden hab' ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der
heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir müssen nur
sorgen, daß er nicht gar noch vorher ausreißt. Na, die Landjäger werden
schon aufpassen!«
Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: »Armes, armes Kasperle!« und ihr
Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink
ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der
Schullehrer möge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die
Landjäger kämen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen
die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück.
Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. Ach, wenn er nur fliehen
könnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die
Landjäger wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus der Stube
heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger sicher schauen. Die
Lehrersfrau saß still am Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß
Kasperle dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er schnell aus
seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. »Kasper,« rief
sie, »da bist du ja! Hast du alles gehört?«
Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang die gute Frau und
sah sie flehend an. »Ausreißen!« bettelte er. »Ausreißen!«
»Ja, ja.« Die Frau Lehrerin nickte. »Ich kann mir's schon denken, daß du
gern ausreißen möchtest, du armer kleiner Schelm, du!« Und sacht
streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie
vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab
ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: »Versuche dein Heil! Geh hinten
zur Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir's schon verzeihen, daß ich
dir geholfen habe.«
Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ ihn in die Küche witschen. Von
dort aus führte eine Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und
wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die Kirchtüre aufstand. Ich
verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es
war aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base
Mummelines Stimme: »Sie kommen!«
Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjäger hintendrein, und
die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war
geschehen? Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten
es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die
Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten.
»Die Buben spielen am Bach,« rief jemand, und gleich liefen ein paar hin,
um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine
Schelm ein schlimmer, schlimmer Bösewicht.
Aber wo war denn Kasperle?
Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen,
der Schullehrer wußte nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen.
»Er ist ausgerissen!« riefen die Base und der Kasperlemann. »Wir suchen,«
sagten die Landjäger. »Platz da, erst suchen wir das Haus ab.« »Alle müssen
suchen helfen,« schrie der Schulze. »Na, das wäre doch eine Schande, wenn
einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser Herzog fangen will!
Vorwärts, alle müssen suchen!«
Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten am eifrigsten, und jeder
dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau
Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie
Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die bitterlich um ihren lieben Kasper
weinten, tröstete sie die Kleinen und sagte linde: »Es wird ihm schon
nichts geschehen!«
Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, Scheunen und Ställen,
aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: »Nun
müssen wir noch in der Kirche nachsehen.«
»Sie ist ja verschlossen,« sagte ein anderer, »und die Fenster sind auch
alle zu.«
Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche verschlossen, und weil
er alt und müde war, kümmerte er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in
seinem Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle um die Kirche
herum und sagten: »Darin kann er nicht sein, er ist sicher ausgerissen.«
Aber wohin? War er in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden?
Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen müssen!
»Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht. Alles, was Beine hat, muß
mitlaufen,« sagte der Schulze. »Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt
wäre!«
»Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,« riefen alle, »und heute muß das
Dorf bewacht werden; keine Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht
nicht.«
Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: »Ich bin zwar rechtschaffen
müde, aber ins Bett gehe ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause
herum, und ich erwische ihn doch!«
Elftes Kapitel
Abenteuer über Abenteuer
Allmählich wurde es stiller und stiller im Dorf. Kasperle hörte drinnen im
Kirchturmwinkel den Lärm verklingen, und nun wagte er sich erst einmal
recht umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer dunklen Vorkammer,
eine Treppe neben ihm führte zum Turmaufgang, und von oben strömte noch ein
matter Lichtschimmer herab.
Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf zu steigen, als jemand
draußen sagte: »Aber morgen müssen wir doch einmal in der Kirche
nachsehen.« Es waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um mitten auf
der Dorfstraße Wache zu halten. Da kletterte innen Kasperle angsterfüllt
die ganz schmale, steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben
suchen sie vielleicht nicht.
Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit vielen, vielen Jahren Eulen.
Eine alte Eulenurgroßmutter, die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon
ihre Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter im Turm
gewohnt habe. Niemand störte je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben
den Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten durften das
tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer in ihre Nester hinein. Die
Glockenklänge waren ihnen vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang,
dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den Turm hinauf, denn die
Treppe war morsch und das Hinaufklettern gefährlich.
Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer höher, und die Eulen, die sich
gerade ihren Tagesschlaf aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den
kleinen, sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie erschraken
sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser: »Nehmt euch in acht, der hat es
auf die Kleinen, die Nestlinge abgesehen!« Da schrien alle Eulen;
unheimlich klang es, und alle schwirrten empor. Und auf einmal flatterte
und rauschte es Kasperle um den Kopf, und er sah in viele funkelnde, böse
Eulenaugen. Er erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche Angst
vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff ihn, und er wollte die
Treppe eiligst wieder hinabsteigen. Doch er trat fehl und fiel, die Eulen
kreischten laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst den
Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte.
»Bum, bum, bum!« tönte es dumpf.
Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge um diese Zeit waren ihnen
ganz ungewohnt. Sie flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle
klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke geriet ins Schwingen.
»Bum, bum, bum, bimbam, bimbam!« Die Glocke begann lauter und lauter zu
rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die Glocke schwang
heftiger hin und her, die Eulen flatterten wild und Kasperle hing am Strick
und flog hin und her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße
nicht mehr auf den Boden setzen.
»Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!« Über das schlafende Dorf rauschten die
Glockenklänge. Die Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren
erschrocken in ihren Betten empor. Die Glocke läutete, was war das? Der
Schneidermeister Pimperling sprang zuerst auf die Dorfstraße hinaus.
»Feuer!« schrie er, »Feuer! Feuer!«
Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern stürzten die Leute, und alle
schrien sie: »Feuer! Feuer!« Und alle sahen sie sich um, wo es denn
eigentlich brennen könnte. »Die Wassereimer her, die Wassereimer her!«
schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze gab es damals noch nicht in
Waldrast. Und alles lief und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer
fragte den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den Gedanken kam,
das müßte doch der wissen, der die Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn?
Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst geworden. Er hielt
sich schließlich verzweifelt am Gebälk fest, ließ den Strick fahren und
sauste nun etwas unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der
zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen war er, und als er von
draußen, von der Dorfstraße her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst
gar nicht, was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle endlich
einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem Schlafe geweckt. Er hörte
»Feuer! Feuer!« schreien, er hörte lautes Rufen und Fragen vor der
Kirchentüre, und da -- Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe hinab,
jemand hatte draußen laut gerufen: »Ich wette, das ist der Kasper gewesen,
der hat sich in der Kirche versteckt.« Es war die Base Mummeline, die das
rief.
»Die Türe ist aber verschlossen!« rief jemand anders.
»Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,« verlangten ein paar
Stimmen. »Flink, holt ihn!«
»Bim -- bam, bim -- bam!« Das Läuten oben wurde schwächer, aber Kasperle
hörte noch immer die Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er
fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten ihm wohl gar die Augen
aus; unten standen die Dorfleute, wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte
jemand rufen: »Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt müssen wir den
Kasper fangen!«
Es war wieder die Base Mummeline, die so rief, und das Kasperle sah sich
ganz verzagt um. Wohin sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich
neben sich eine lange Stange stehen, und -- ein ganz unnützer Gedanke kam
dem Kasperle.
Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging auf. »Uje, ist's hier aber
dunkel! Holt flink ein paar Laternen!« rief jemand. Und dann gab es einen
Plumps, ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war über die Stange
gefallen, die Kasperle quer vor die Türe hielt.
»Au, Donnerwetter!« Da lag der dicke Schulze.
»Himmel, Hagel, was ist das!« Der eine Landjäger fiel dem Schulzen nach,
und der Schneidermeister Pimperling quiekte: »Potz Hosenknopf und Ellenmaß,
hier spukt's!«
»Ich werde totgedrückt!« kreischte die Base Mummeline.
»Laternen her, Laternen her!« Einer nach dem andern fiel in den Vorraum
hinein, und in diesem allgemeinen Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es
Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen. Er
drückte sich ganz eng an die Mauer an und wutschte um den Turm herum, und
er war gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute mit
Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte sich am Turm, mit den
Laternen wurden die hingepurzelten Leute beleuchtet, und alle riefen: »Das
ist ein Streich von Kasper.«
»Man muß den ganzen Turm absuchen,« sagte der Schulze, der sich stöhnend
aufgerichtet hatte, und die Base kreischte: »Der darf uns nicht entwischen,
dieser heillose Bösewicht!«
Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein, dünn und mutig war, erbot
sich, auf den Turm zu steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und
eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. Er schaute dabei
in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, ob sich das Kasperle da nicht
versteckt hätte, und unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die
Kirche, alles ab, -- kein Kasperle war zu finden.
Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben drang. Das blendete
sie, und sie versteckten sich scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her,
aber soviel der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle fand er
nicht.
Unten sagte der Kasperlemann: »Wir müssen ihn finden, er muß doch da sein!«
Und er erzählte von der hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und
alle suchten noch eifriger, alle sagten: »Er muß doch da sein! Wer soll
sonst die Glocke geläutet haben?«
Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde zu. Weil alle nach der
Kirche liefen, bewachte keiner die Wege, die nach auswärts führten, und
Kasperle gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den Weg ein, der
zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts; dort wußte er, dehnte sich
der Wald viele, viele Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte
der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute aus Waldrast nie
gingen. In der tiefen Dunkelheit verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte
wieder mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln und umgestürzte
Bäume, und als er so ein paar Stunden dahingelaufen war, sank er todmüde zu
Boden. Er schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die Sonne
durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. Soweit er blicken konnte,
war dichter Wald um ihn her, und ganz still war es.
Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und sah sich traurig
um. Nun war er wieder mutterseelenallein in der weiten, weiten Welt, nun
hatte er keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen Kameraden.
Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre er doch dort geblieben und nicht
fortgelaufen! Dort war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt, aber
wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann doch an dem Schloß vorbei, in
dem die liebliche Rosemarie wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde
ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte davor eine ganz
schreckliche Angst. Der Herzog und die Base Mummeline, das waren seine
Feinde, und als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief weiter
durch den Wald. Er wanderte und wanderte, viele Stunden lang, der Wald nahm
kein Ende; ganz undurchdringlich schien er zu sein.
Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den Boden nieder. Er zog das
Brot heraus, das ihm die gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann
traurig zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern und
Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne fließen. Weil Kasperle
durstig war, stand er auf und ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen
sah er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach, der kam mit
viel Gebrause aus einer hohen, hohen Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war
der Wald etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht an seinem
Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte in das Wasser gefallen, sie
schimmerten rot aus den weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden
blauen Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser aber lag eine
winzige Insel. Da wuchsen große, weiße Blütendolden, auf denen lauter
schimmernde, goldbraune Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser,
das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das leuchtete,
funkelte und glänzte in allen Farben, und Kasperle staunte verwundert; wie
ein Märchenwinkel kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu locken:
»Komm, Kasperle, komm!« Das Wasser spritzte ihm an die Nase, die
Himbeerbüsche bogen sich unter der Last ihrer reifen Früchte, und da war
Kasperle denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste, trank erst
vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die Himbeeren und wurde plumpsatt. Da
legte er sich an das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der aus
der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne auf das Bäuchlein
scheinen.
Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief. Er schlief und schlief
in die warme, Sommernacht hinein. Einmal wachte er auf, da stand eine ganz
schmale Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das Bächlein rann wie
ein Silberstrom aus seiner Felsspalte hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu,
er sah die silbernen Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich am
dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele, viele Sterne. Das war schön
und friedsam. Kasperle reckte und streckte sich und schlief weiter.
Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf hinein: »Hallo, he,
aufgewacht du!«