fromm und friedlich im Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig.
»Was die Base nur hat!« brummte Herr Habermus ärgerlich und schloß sachte
Kasperles Kammertüre. Ach, dessen bitterböses Räubergesicht hatte eben nur
die Base Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die halbe Nacht nicht
vor Grausen über den unheimlichen kleinen Gast.
Neuntes Kapitel
Kasperle in der Schule
Am nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male in die Schule. Er war sehr
brav aufgestanden, hatte still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die
Base Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so schlimm. Dann
wanderte Kasperle an Herrn Habermus' Hand hinüber in die Schulstube, und
der Schullehrer sagte: »Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.«
Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus sah ganz verdutzt drein; so
waren doch sonst seine Schulkinder nicht. Er sah die an, er sah Kasperle
an; der stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben ihm. »Aber
stille doch!« rief Herr Habermus. »Kasper, sage nun einmal allen guten
Tag.«
»Guten Tag!« brüllte Kasperle sehr vernehmlich, und sofort erhob sich ein
allgemeines jauchzendes Gelächter. Buben, Mädel, Kleine, Große, alle
lachten sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche brummten
wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören konnten sie. Und Kasperle lachte
mit. Der riß seinen Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden
bespannt hineinfahren.
Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte nicht recht, lachte
Kasperle, weil die Kinder lachten, oder lachten die über Kasperle. »Aber
Kinder, Kinder!« rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben Kinder
immer über ein echtes Kasperle lachen müssen, sie mögen wollen oder nicht.
Und Herrn Habermus erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und
konnte nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende Kasperle ansah,
dann zuckte es ihm um die Mundwinkel, er mußte immer fortsehen. »Jetzt
setze dich einmal, da gleich vornhin,« sagte er endlich, und Kasperle ging
gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das Lachen ab, denn nun
konnten die Kinder alle Kasperle nicht von vorn sehen.
Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille ein, und die Schule konnte
beginnen. Erst sangen die Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein
andächtig zu; das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben und
die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr Habermus trat zu Kasperle
und zeigte dem, wie er schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink
auf und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die linke Hand.
»Linkshänder!« schalt Herr Habermus, »nimm die rechte!«
»Er nimmt wieder die linke!« rief plötzlich jemand von hinten vor. Das
dicke Jaköble hatte es gerufen, und gleich schrieen ein paar nach: »Er
nimmt immer die linke!«
»Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!« mahnte Herr Habermus.
Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing die ganze Klasse zu
lachen an. Da wurde der Lehrer ärgerlich. »Kasper,« rief er, »weißt du
nicht, was links und rechts ist?«
»Nä,« sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht. In seinem Schlaf hatte
er vielerlei vergessen, darunter auch dies, und die Waldhausleute hatten es
ihm noch nicht wieder beigebracht.
Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die Kinder lachten, und
Kasperle lachte mit. Da war es wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer,
und der Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. »Bleib ganz still
sitzen, Kasper,« gebot er, »und höre zu!« Da blieb Kasperle steif sitzen
und sperrte wieder den Mund himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und
fragte, die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das gefiel Kasperle
ganz ungemein, und auf einmal hob er auch seine Hände empor, beide
zugleich. »Na, was weißt du denn?« fragte der Lehrer. Er wollte gerade die
Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle zu, da schrie der laut:
»Windgustel!«
»Waaas?« Herr Habermus meinte nicht recht gehört zu haben, die Kinder
jauchzten wieder, und Kasperle sah sich strahlend rundum und brüllte
vernehmlich: »So, ja, er ist jünger als Wassergustel.«
»So ein Schafskopf!« Herr Habermus dachte es nur, er hätte es aber beinahe
gerufen. Er sagte jedoch streng: »Still jetzt, und du, Kasper, hebe die
Hände nicht mehr, hör' zu!«
Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter, die Kinder wußten gut
Bescheid, die Hände flogen nur so hoch. Kasperle fand das wieder sehr
spaßhaft, er hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht
hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging doch auch! Und hops!
pendelten plötzlich Kasperles Beine in der Luft herum.
So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze Klasse schrie, lärmte und
lachte, und der sonst so geduldige Lehrer wurde schlimm böse. Rausche,
bausche, packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die Bank
nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah tief erschrocken drein. Er
hatte doch nichts Arges tun wollen, und für ein Kasperle ist das
Beine-in-die-Luft-Strecken kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und
starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und der Unterricht ging
weiter.
Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz helles Stimmlein, das
rief: »Er weint!« Die kleine Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten
alle Waldraster Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur der konnte
gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich, aber wie! Die Tränen rannen
stromweise über sein Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an,
als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So jämmerlich klang es, daß
gleich ein paar Mädel auch zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr
Habermus trösten, er sagte zu Kasperle: »Sei nur still, ich bin nicht mehr
böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch die ganze Stube unter Wasser.«
Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er wieder putzvergnügt, er
grinste, schaute nach rechts, schaute nach links, schaute hinter sich, und
wieder brach die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus.
Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum erstenmal wurde Herr Habermus mit
seiner Klasse nicht fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war
eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es war wie verhext.
»Wir wollen singen,« sagte er endlich. Er dachte: Darüber vergessen sie am
besten das Lachen, und die Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher
zu; singen taten sie alle gern. »Also zuerst: Der Mai ist gekommen,« sagte
Herr Habermus. »Kasper, kennst du das Lied?«
»Nä!« schrie Kasperle vergnügt.
»Wir sagen's ihm vor,« riefen ein paar Stimmen.
»Sagt mal zuerst das Lied her!« gebot Herr Habermus.
Das taten die Kinder, und nun geschah etwas Wunderbares. Kasperle stand auf
und sagte ihnen gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der
Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt! sagte ihm schnell ein
paar andere Verse vor, und Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus
sah auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner Tafel
angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst hatte er gedacht: Der
Kasper ist ja fürchterlich dumm! jetzt fand er ihn doch nicht so
beschränkt. Wer so fix auswendig lernen konnte, der würde schon
vorwärtskommen, meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich zu, dann nahm
er seine Geige, und die Singerei sollte beginnen.
Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und Kasperle brüllte mit der
allerschrillsten Stimme in den Gesang hinein, und jäh wurde aus der
Singerei ein lautes Gelächter.
»Kasper, schweig!« rief Herr Habermus. »Du lernst in deinem Leben nicht
singen.«
Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut immer gesagt! Kasperle
schwieg traurig, er hätte doch so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz
andächtig da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als könnte er
keine kleinen Dummheitle machen.
Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm, ja eigentlich ist's ein
lieber, lustiger Kerl, ich will schon Geduld mit ihm haben. Er war an
diesem Tage aber froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder alle
gerade heute noch himmelgern geblieben wären. Sie drückten sich sehr
langsam aus den Bänken heraus, und da der Lehrer nicht wie sonst wartete,
bis alle hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die Kinder alle
miteinander das Heimgehen.
Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in seiner Stube und ordnete
Pflanzen ein, als seine Frau kam und sagte: »Drüben im Schulzimmer ist ja
so arger Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?«
Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen hörte er die Kinder
lachen, und als er mit einem Ruck die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf
dem Katheder sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein
untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie Damian ins Wasser
gefallen war.
Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine Jahrmarktsbude, und das
Kasperle schwätzte auch wie auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte
den Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder, und immer von neuem
gellte ihr Lachen auf. Aber wie spaßig das Kasperle auch war, was es für
Gesichter schneiden konnte!
Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte an sich halten, um nicht
mitzulachen, und ein paar Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den
Lärm hinein: »Wollt ihr wohl heimgehen!«
Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom Katheder herunter, und die
Buben und Mädel standen verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht,
wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle gesehen, nur an ihn
gedacht. Doch Herr Habermus sah eigentlich nicht böse drein, nur ein
bißchen betrübt. Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen kleinen
Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit ihm werden? Er nickte den
Kindern zu und sagte nur noch einmal: »Geht nun aber heim!« Und da leerte
sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten es alle sehr eilig
heimzukommen, sie purzelten beinahe über ihre eigenen Beine. Draußen
schauten ein paar Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: »Da hat's
doch was gegeben, und wie spät die Schule aus ist! Gar haben sie alle
nachsitzen müssen.«
Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu, und die meisten fingen
schon draußen vor der Türe an, von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu
erzählen. Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder hervor,
stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch nicht böse: »Kasper, was
bist du für ein unnützer Strick!«
Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. »Ich hab' doch nur gekaspert!«
antwortete er kläglich.
»Ja, du bist doch --« Herr Habermus stockte, er wollte sagen: »kein
Kasper«, da sah er seinen Schützling an und dachte erschrocken: Er sieht
doch wirklich wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins Haus
gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich seine Hand in die seine und
sah ihn so traurig bittend an, daß all sein Ärger verging. »Nun komm nur
mit, du Schelm!« sagte er. »Auf dem Katheder darfst du mir aber nicht mehr
kaspern.«
»Nä,« versprach Kasperle treuherzig, und dann nahm er seine neue
Schiefertafel, die der Lehrer ihm geschenkt hatte, unter den Arm und
schlitterte vergnügt hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die
Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base Mummeline zusammen.
Die hatte gerade eine Schüssel Milch in den Händen, und da lagen dann
plötzlich Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde, und es gab
ein allgemeines Zetergeschrei. »Er hat's mit Absicht getan!« kreischte die
Base, die sich aus dem Milchsee aufrichtete. »Hach, jetzt sieht er mich
wieder so an!«
»Er konnte nichts dafür,« sagte die Frau Lehrerin. »Ich hab's gesehen, nur
ein bißchen geschwinde ist er zur Türe hereingekommen.«
»Er hat's mit Absicht getan. Hach, das schreckliche Gesicht!« Die Base
Mummeline stand wütend und scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am
Tisch. Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht machte er
auch nicht, denn er hatte Angst vor der Base Mummeline.
Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den Lehrer, auch Lenchen und
Lorchen sollten schlafen, obgleich sie heftig verlangten, sie wollten mit
Kasperle spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: »Geh du und tummle dich
draußen herum, macht aber keinen Lärm um das Schulhaus herum!« Bei sich
dachte die gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas spielt,
und hier im Hause möchte die Base Mummeline doch immerzu schelten.
Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war er draußen, da packten ihn
ein paar Buben. »Komm mit, du mußt uns noch was vorkaspern,« baten sie.
»Nicht hier,« sagte Kasperle ängstlich, »ich soll keinen Lärm machen.«
»Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen, da sieht uns niemand,«
schlug der lange Blasi vor. Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem
alten Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine. Es wuchs und
wuchs unterwegs, Buben und Mädel fanden sich dazu, und dann verschwanden
sie alle in Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom Dorf, mitten
auf einer Wiese.
An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute in Waldrast. Ein paar
Frauen sagten zueinander: »Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule
gehen? Wo stecken sie denn?«
»Ja, wo sind sie denn?« fragte die Krämerfrau, die das hörte.
Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus und fragte: »Wo sind denn
die Kinder?« Und seine liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang
immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz zornig ins Weite: Die
Schule fängt an, die Schule fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine
Bubenbeine, keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles still. Nur von
den Erwachsenen kamen mehr und mehr, ein paar erzählten, sie hätten die
Kinder alle miteinander laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand.
»Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,« sagte Frau Veronika
Lappenmeyer.
»Aber es ist doch Schule!« rief Herr Habermus entrüstet. In den Wald konnte
man schon gehen in Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis
tief, tief ins Tal hinein, viele Stunden weit.
Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren. Der rief: »Frau
Lappenmeyer, was ist denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin
brüllt es ja fürchterlich!«
Die Kinder sind's mit Kasper. Herr Habermus dachte das nur, er rannte aber
gleich los, die Dörfler folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm
nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie wirklich. Kasperle saß
hoch oben unter dem Gebälk, und unten standen Mädel und Buben und starrten
lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte und verrenkte und
den allergrößten Unsinn schwätzte.
»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Frau Lehrerin war ihrem Mann mit der
Schulglocke nachgelaufen, und in das Lachen und Jauchzen der Kinder hinein
ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken, alle schauten sich
verwirrt um. War es wirklich schon Schulzeit?
»Bimmelim, bimmelim, bimmelim!« Die Glocke gellte ihnen in den Ohren, und
ein paar schrien: »Wir müssen in die Schule!« Und dann rannten sie an den
Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um und sahen vor lauter
Eile und Eifer niemand und nichts. Und Kasperle sprang plötzlich von oben
herab in einem weiten Bogen, auch er sah und hörte nichts, auch er raste
den andern nach, und im Umsehen war der Schuppen leer.
Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. »Die Kinder sind ja wie
besessen!« rief die Krämerin, die andern stimmten ihr zu, Herr Habermus
aber kehrte bedrückt nach dem Schulhaus zurück. Kasper war daran schuld,
nur er allein. Was war das für ein schlimmer Junge! Er darf nicht mehr in
die Schule, dachte er und betrat das Schulzimmer. Da saßen alle brav auf
ihren Bänken, rechts die Großen, links die Kleinen, und Kasperle saß wieder
auf der vorderen Bank. Sein Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein,
als könnte er nicht das kleinste Dummheitle machen.
Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn zum Katheder, dort sagte er
streng: »Ihr seid alle zu spät gekommen, darum müßt ihr alle nachsitzen.«
Da senkten sich erschrocken und schuldbewußt alle blonden und braunen
Buben- und Mädelköpfe, nur das Kasperle sah höchst verwundert drein, es
krähte mit seiner lauten Stimme: »Es hat ja eben erst geklingelt!«
»Sei du still, du verläßt sofort die Schule!« rief Herr Habermus streng.
»Du bist an allem schuld. Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule
kommen. Ich schicke dich überhaupt wieder fort.«
Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes Schweigen im Schulzimmer.
Kasperle selbst saß ganz verdattert da, er war sich keiner Schuld bewußt.
Dann erhob sich aber jäh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrübtes,
jämmerliches Geheule, wie es Herr Habermus noch nie vernommen hatte. Und
nicht nur die Mädel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und alle
miteinander riefen flehend: »Kasper hat keine Schuld, Kasper soll
dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper soll nicht wieder fort!«
Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an, und deren Gebitte wurde
immer lauter und dringlicher, und je mehr sie flehten, je lauter heulte das
Kasperle. »Es ist rein, als hätte der die Kinder verhext!« brummte Herr
Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte er, als er das Kasperle ansah
und der kleine Kerl ihm einmal wieder herzlich leid tat. Böse, nein, böse
war er gar nicht mehr auf ihn.
»Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet,« sagte er schließlich. »Das
Nachsitzen sei euch auch geschenkt, aber eine Strafarbeit gibt es, ein
Stück zu schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und nun stille --
jemine, Kasper, was ist denn nun wieder los?«
Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und von dorther ertönte wieder
sein furchtbares Jammergebrüll. »Ich kann doch nicht schreiiiben,« klagte
er, »ich kann nicht schreiiiben!«
»Dummer Bube,« brummte Herr Habermus, »du brauchst natürlich nicht die
Strafarbeit zu schreiben, du brauchst bloß Striche zu machen, und nun,
potzwetter, sei still, sonst --«
Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer noch ausreden konnte, und dann
saß er da mit dem allervergnügtesten Gesicht. Daß ihm die Schule Spaß
machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er gab kreuzdumme Antworten,
und immer wieder durchbrauste ein lautes Lachen die Schulstube. Herr
Habermus wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich tat Kasperle
gar nichts Böses. Da klingelte es, die Schule war aus. Sonst atmeten die
Kinder meist alle auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst
die allergrößten Faulpelze: »Ach, bitte, bitte, wir wollen noch bleiben, es
ist so wunderschön in der Schule!«
Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen. Er erzählte ihnen von
den Blumen und Bäumen, von Felsen und Bergen, von den feinen
Schmetterlingen und den dicken Brummkäfern, und alle lauschten still, am
aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie dann auch am lautesten:
»Schon?« als Herr Habermus sagte: »Nun ist's aber wirklich genug, nun geht
heim, nicht zu laut, und vergeßt eure Arbeiten nicht!«
Und dann verließen die Waldraster Kinder das Schulhaus, und sie kamen so
vergnügt heim wie noch nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend
brummten allen Vätern und Müttern in Waldrast die Köpfe, so viel schwätzten
die Kinder von ihrem neuen Schulgefährten.
Zehntes Kapitel
Eine neue Gefahr
Kasperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein; pardauz! fiel er ins
Bett, und bums! da schlief er auch schon. Der gute Schullehrer von Waldrast
aber, Herr Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau: »Mit dem
fremden Buben werden wir viel Sorge und Verdruß haben. Hätte ich ihn doch
lieber nicht mit heimgebracht!«
Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter: »Mach' dir keine Sorge,
Mann! Ein lieber kleiner Kerl ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er
schon ein rechter braver Schulbube werden.«
Danach sah es freilich am andern Morgen nicht aus. Kaum betrat das Kasperle
die Schulklasse, gleich ging der Lärm los. Alle schrieen: »Du mußt uns was
vorkaspern, bitte, bitte, bitte!«
Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers, auf dem Katheder dürfe er
nicht kaspern, und darum kletterte er eins, zwei, drei auf den großen
braunen Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: »Hallo!« und die Mädel
rissen vor Erstaunen den Mund weit auf. Jemine, so flink war noch nie
jemand auf den Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr Habermus hörte
das Geschrei drüben in seiner Wohnung, und noch ehe die Base Mummeline die
Klingel geschwungen hatte, lief er schon hinüber. Er riß die Türe auf und
schrie: »Potzwetter, was ist das für ein Lärm!«
Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank herab. Er fiel auf
einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers neue Schiefertafel; die nahm das
übel und ging mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten in
der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps' Nase, trafen ein Tintenfaß; das
sauste in einem weiten Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes
Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke schwarze Tintenkleckse.
Ihre Besitzerinnen heulten, ihre Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit,
Heine Fistelmeyer heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte, etliche
lachten und jauchzten, -- es war wieder einmal ein Lärm wie bei Teufels
Großmutter.
Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld. Klatsch, klatsch,
klatsch, ging es, Kasperle bekam seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen
etwas ab, und schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute
nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe ein, nur die fünf Mädel,
die bekleckste Schürzen hatten, weinten ganz leise, und Kasperle heulte
laut. Himmel, konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten
schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an, und allmählich
erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden mit dem kleinen Irrwisch.
Herr Habermus faßte den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine
Ecke. »So,« sagte er streng, »da bleibst du stehen, bis du vernünftig
geworden bist.«
Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf der Mädelbank hob ein leises
Weinen an, eine nach der andern weinte, dann schluchzte einer auf der
Bubenbank, erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen ein, und nach
ein paar Minuten weinte und schluchzte die ganze Schule mit Kasperle. Herr
Habermus schüttelte erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch nie
vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft wurde. Er wollte streng
sein und nicht darauf achten, aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das
klägliche Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: »Nun
hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm wieder an deinen Platz. Seid
jetzt endlich stille!«
Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus der Ecke heraus, und
auf einmal begannen alle Kinder zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte
ein wenig. Er seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es heute noch
geben!
Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es auch. Aber er gab wieder
blitzdumme Antworten, und wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder
die andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder Lärm und Unruhe. Und
nachher hallte die Dorfstraße wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und
von den Müttern sagten etliche: »Den Buben hätte der Schullehrer nicht
aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist's, ein arger Unnützling!«
Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei herumgeredet, wie schlimm
der kleine Gast im Lehrerhause sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem
armen Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche die Hälfte.
Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen alle an.