Sultan allein, auch die andern Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden
laut, Rufe ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern. Er rannte in
seiner Furcht eine Weile in dem Bach weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da
schlüpfte er hinein. Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese
liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte er sich vielleicht
verstecken. Aber statt über die Wiese zu laufen, fing Kasperle an
Purzelbaum zu schlagen. Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg
hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte in seinen dunklen
Schatten unter.
Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem Schloß hatten sie den Turm leer
gefunden, und die Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten der
Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm, daß Kasperle gesehen
worden war, verlangte er, man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer
bitterböse auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde, versprach er
eine hohe Belohnung.
Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle zu suchen. Man fand auch
bald, wo er ausgerissen war, denn Sultan stand und bellte die kleine
Mauerpforte immerzu wütend an. »Den haben wir bald,« sagte der Landjäger,
»Sultan findet ihn schon.«
Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich am Bach still, schnupperte
und schnupperte, aber das Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo
war das Kasperle?
Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte im Schloß umher, um das
Schloß herum, Kasperle fanden sie nicht. »Er ist noch im Schloß,« sagten
die einen, »nein, er ist entwischt,« behaupteten die Landjäger; »man muß im
Walde suchen.« Die Mägde meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold;
aber die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht so viel
Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern nach, sie dachte,
Kasperle hätte sich gewiß darin versteckt.
Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg empor, der steil in die
Höhe stieg. Der Wald war hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon
darin verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den Hunden hatte
Kasperle doch eine jämmerliche Angst. Darum rannte er, so schnell er
konnte. Und das war nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch
einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen sehr. Kasperles
Nase war zuletzt ganz zerschunden, so oft hatte er sich daran gestoßen. Und
je höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg. Steingeröll
bedeckte den Boden, und ein Menschenbube wäre wohl nicht so schnell in die
Höhe gelangt. Aber Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal vor
ihm eine grüne Bergwiese lag.
Es war Abend geworden, und am dunkelblauen Himmel stand schon ganz blaß und
fein der Mond. Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar
nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff die Augen zu, und da
schlief er auch schon. Und die großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem
armen, verirrten kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen, zum Himmel
empor, haben gütige, fromme Gedanken, sie haben Mitleid mit den Kleinen,
die sich quälen müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so müde
und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid. Sie rauschten ihm ein
schönes, feierliches Schlummerlied, erzählten ihm Geschichten, und Kasperle
schlief auf dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen Bett.
Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald die Hunde bellten und die
Landjäger mit Hussageschrei den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg
keiner hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich, daß niemand
dachte, Kasperle könnte denselben gegangen sein.
Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die Landjäger schon in das
Schloß zurück, und sie sagten nun auch: »Der hat sich im Schloß versteckt.«
Und sie bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin hütete ihre
Speisekammer. Und doch fehlte darin am nächsten Tag ein großes Stück Torte.
Sie sagte: »Das war der Junge,« und die Mägde sagten es auch. Berta und
Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich heimlich den Mund ab, sie
hatten nämlich die Torte gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der
fremde Junge sei es gewesen.
Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar erschrocken war, am
Tag nach der Hochzeit krank. Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen
gegessen, wer kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: »Schafft mir nur
den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen kann! Der Herzog soll sich
doch in meinem Schlosse nicht krank ärgern.«
Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter schwer. Die hätte gern ihren
Eltern alles gestanden, aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog
könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie wußte doch, sie
konnte nicht einmal sagen: »Es tut mir leid.« Dazu freute sie sich viel zu
sehr über Kasperles Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen
und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann sich recht um sie zu
sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie krank, es war gar nicht gemütlich im
Schloß in diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte: Das muß ein
bißchen lustiger werden, ich muß mir etwas Vergnügliches ausdenken. Und als
er hörte, unten in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges
lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte er hinab, der Puppenmann
möchte heraufkommen.
»Ich habe eine Überraschung,« sagte der Graf von Singerlingen bei Tisch.
Und dann erzählte er von dem Puppenspieler.
Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß, mußte lachen. »Das ist
freilich eine schnurrige Überraschung für große Leute,« sagte er. »Doch der
Mann mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.«
So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im Schloß. Der Kasperlemann aus
dem Städtchen kam herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann
streckte Kasperle seine große Nase heraus und -- ja, was er sagen wollte,
das hörten die Zuschauer gar nicht, alle riefen: »Der fremde Junge! Genau
so sah er aus.«
Kasper ist's! dachte auch Rosemarie erschrocken, und ganz jäh begann sie
bitterlich zu weinen. Sie schluchzte so herzbrechend, daß der Kasperlemann
seine Reden und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde nach
Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine alles, und sie war froh, es
sagen zu können, zu sehr hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt.
»O Rosemarie,« rief die Gräfin ganz erschrocken, »warum hast du geholfen
und den schlimmen Jungen ausreißen lassen!«
»Mit Verlaub,« redete da der Kasperlemann hinter seiner Bühne hervor, »das
ist gar kein Junge, das ist ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.«
»Potzwetter noch einmal!« Der Herzog sah den Kasperlemann ganz grimmig an
und rief: »Was redet Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas
habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!«
Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und verbeugte sich immerzu ganz
tief. Er stippte mit der Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog
endlich rief: »Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit dem
Kasperle für eine Geschichte ist.«
Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und von Protzendorf und daß er
Kasperle fangen wolle, und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte.
War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog ließ sie sich dreimal
erzählen, und dann mußte der Puppenspieler auch noch heilig versichern,
alles sei bestimmt wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge gewesen.
Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm sich vor ihm gefürchtet
hatte, und daß sie sich jetzt nicht mehr fürchten würde; er war ja nur ein
Kasperle. Und ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt den
Herzog sagen hörte: »Der muß gefangen werden! So einen seltsamen Kauz will
ich besitzen. Wer ihn fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem
Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig werden; der muß mir das
Kasperle überlassen. Schnell, schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden
ausreiten, und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle will ich
haben.«
Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister Friedolin versprochen
hatte, er, nur er allein solle Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung
verlockte ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu bringen, wenn
-- er es erst hätte.
Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen goldenen Käfig stecken,
er dürfe ihm nicht mehr ausreißen, -- wenn er ihn erst hätte. Und die
Landjäger sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer dem andern:
»Wer das richtige Kasperle findet, der bekommt viel, viel Geld.« Manche
Leute rannten da gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu
suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten auf der Landstraße und
lasse sich fangen wie ein Schmetterling.
Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und weinte bitterlich. Als ihre
Mutter noch einmal zu ihr kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von
den vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie leid ihr das arme
verfolgte Kasperle tue, das in einen Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter
tröstete linde, noch sei Kasperle ja nicht gefangen. »Vielleicht findet er
noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist seine beste Heimat,« sagte
sie.
»Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,« flüsterte Rosemarie und faltete
fromm ihre Hände. Und dann schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in
einem goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang, und plötzlich
war um den Käfig herum der grüne Wald, und Kasperle spazierte vergnügt
hinein. Er nickte ihr noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf
einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger und viele, viele
Leute, und alle riefen: »Wo ist Kasperle?« Da fing die kleine Rosemarie an
zu lachen, sie lachte und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen
Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich nicht gefangen,
dachte sie getröstet.
Achtes Kapitel
Ein neues Heimathaus
Auf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief. Der kleine Schelm hörte
kein Hundegebell, kein Hussageschrei, nichts; in die einsame Höhe drang
kein Laut von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte, da lag die
ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine, zarte, bunte Blüten waren
aufgeblüht. Wie ein grünseidenes Festgewand, mit Edelsteinen bestickt,
breitete sich die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend die
Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis umschloß der hohe
Tannenwald die Wiese, und über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan.
Darüber glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen und Schwirren
erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen und bunte Falter flogen von Blüte
zu Blüte, und hoch in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch
das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor dem König der Vögel
gefürchtet. Kasperle schaute und schaute, er vergaß darüber seine Not, bis
auf einmal sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: »Frühstückszeit
ist lang vorbei!«
Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr in seine Taschen, die waren
leer, und es half ihm nichts, daß er an die gefüllten Speisekammern im
Schloß dachte, und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und Beeren,
mit denen er wenigstens ein kleines Loch im Magen hätte ausfüllen können,
gab es auch nicht. Vom Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden.
Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern. Über die Berge hinüber,
dachte er; bis dahin würden sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen.
Wie hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann tapfer zu laufen,
überquerte die schöne Blumenwiese, und dann ging das Klettern los. Wohl
eine Stunde mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad sah, der
am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich anzusehen, daß er nicht oft
begangen wurde; ein Weg führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle
rannte, so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger war inzwischen
riesengroß geworden, und auf einmal meinte er, er könne nicht weiter; er
setzte sich auf einen Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger
zu weinen.
Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll an, wurde stärker und
stärker, und das Kasperle dachte: So klang es doch immer Sonntags im
Waldhaus, wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da mußte eine
Kirche in der Nähe sein! Und wo eine Kirche war, wohnten Menschen. Da
rannte Kasperle auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit zu
gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon tiefer unten ein Dorf
liegen. Um ein große, weiße Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und
behaglich sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig ein feines
Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und
die Glocke läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle wäre am
liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um da unten mitzuschmausen. Er
blieb aber doch still auf dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter
die Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche Hunger gewesen wäre!
Kasperle bog sich ganz zusammen, so hungrig war er, und weinend sah er auf
das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut! Die waren nicht so
mutterseelenallein und verlassen wie das arme Kasperle!
Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann zu den hohen Bergen empor.
Es war dies Herr Habermus, der Schullehrer. Der wollte auf der schönen
Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war, Blumen suchen. Dort
wuchsen seltene Heilkräuter, und Herr Habermus war ein kräuterkundiger
Mann. In das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte, kamen wenig
Menschen, und wenn Krankheit herrschte, war es mühsam und beschwerlich,
einen Arzt herbeizuholen. Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem
Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein, so gut es ging. An
diesem schönen, hellen Tag nun gedachte Herr Habermus seine grüne
Botanisierbüchse voll Kräuter zu füllen und fand dafür das weinende
Kasperle. »Jemine,« schrie er, als er den Kleinen erblickte, »was ist denn
das?« Er dachte wirklich, es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich
er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das Kasperle kam ihm doch
zu sonderbar vor, auch war dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst
Fremde daherkamen. »Heda!« rief er und packte das weinende Kasperle. »Wo
kommst du denn her? Wo willst du hin? Warum weinst du denn?«
Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel. Kasperle sagte
schluchzend wieder sein Sprüchlein her, er sei ein armes verlassenes
Waisenbüble und wolle in die weite Welt gehen.
Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz, dem tat Kasperle gleich
ungemein leid. »Nun, nun,« sagte er, »da mußt du nicht so schrecklich
weinen; in der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein Büble sein!«
»Ich hab' doch Hunger!« schrie Kasperle so laut und kläglich, daß Herr
Habermus gleich ganz erschrocken seine grüne Büchse um und umdrehte. Die
hatte ihm seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen wohl gefüllt,
und der Schullehrer drückte Kasperle Brot und Kuchen in die Hände und
wollte gerade ermahnen: »Iß!« da -- schrippschrapp! hatte Kasperle schon
beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck, schluck, hinunter war es!
»Potzwetter,« schrie Herr Habermus, »du kannst das Essen gut!« Er füllte
wieder Kasperles Hände, und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles
hinab. Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert. Aber es
reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der Schullehrer sagte: »Nun erzähl'
mir mal, wo du eigentlich herkommst.«
Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte verlegen von Protzendorf, er
klagte Damian und Florian bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der
kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt gewesen. »Bist du denn
auch ordentlich dabei in die Schule gegangen?« fragte er mitleidig.
»In die Schule?« Kasperle riß seinen Mund vor Erstaunen noch weiter auf als
zuvor aus Hunger. Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen
sollte, daran hatte er nie gedacht. »Nä!« rief er und schüttelte immerzu
den Kopf. »In die Schule, -- nä!«
»Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule gegangen?« fragte Herr
Habermus ordentlich entsetzt.
»Nä, nie!« Das ganze Kasperle wackelte nun hin und her, und Herr Habermus
schüttelte auch den Kopf; das war doch wirklich eine schlimme Geschichte!
Hier mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule gehen. Ei, das
wäre noch etwas, ein Büble in der weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer
an der Schule vorbei! »Das geht nicht,« rief er; »mein Sohn, du mußt in die
Schule gehen!«
Hätte der gute Herr Habermus gerufen: »Kasperle, ich muß dir die Ohren
abschneiden,« dann hätte es den nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus
hatte Meister Friedolin manchmal gedroht: »Na warte, ich schicke dich noch
in die Schule!« Und Windgustel und Wassergustel, seine Freunde in
Protzendorf, hatten ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut. Und
Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr als Herrn Habermus, der
jetzt sagte: »Ei, ein rechter Junge muß in die Schule gehen und muß sich
darauf freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!« Und dann legte
Herr Habermus den Finger an die Nase; er dachte nach, wie dem Kasperle zu
helfen sei. Und als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Mein Sohn,
ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben nur zwei Kinder, also ist Platz
im Schulhause. Du kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim
Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst du hinein. Du sollst
etwas Ordentliches lernen. So, nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das
Kräutersuchen lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen machen, wenn
sie den Gast sieht, den ich mitbringe!«
Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein Wirbelsturm rundum gedreht.
Auf einmal sollte er, das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen!
Wie würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter dem Schullehrer her,
der auf einem schmalen Zickzackweg ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide
am Dorf an, und gleich am ersten Haus unter einer großen Tanne saßen
etliche Buben und Mädel. Die staunten über den seltsamen Buben, der da mit
hängendem Kopf hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie nach,
um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies Angeschaue verdroß Kasperle,
er drehte sich auf einmal blitzschnell um und machte sein
Räuberhauptmanngesicht.
»Huhuhu!« Die Mädel kreischten laut, die Buben lachten, Herr Habermus aber
drehte sich ärgerlich um. »Was soll denn der Lärm?« fragte er.
»Der da macht so 'n komisches Gesicht!« Lauter kleine Zeigefinger streckten
sich aus und deuteten auf Kasperle.
Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse. »Schämt euch!« rief er. »Was
kann der arme Junge für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist's, dem
es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm nur, Kasper, morgen in der
Schule werden sie sich schon mit dir vertragen!« Und Herr Habermus stapfte
wieder voran und das Kasperle hinterher.
Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt sein allerdümmstes
Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten laut vor Vergnügen, und der
Schullehrer drehte sich wieder um. »Aber Kinder,« mahnte er strenge, »was
soll der Lärm!«
Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger aus, und wieder ertönte
es im Chor: »Der da macht so 'n komisches Gesicht!«
»Kasper!« Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling fragend an, doch der
sah so unschuldig drein, als könne er kein Wässerlein trüben. »Dumm, dumm!«
brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das Schulhaus lag ganz am
andern Ende des Dorfes. Trapp, trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar
Gänse angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen sein
Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei! Die Gänse wuselten
erschrocken durcheinander, die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte
sich wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle mit gesenktem Kopf
ganz bescheiden hinter sich gehen, und er schalt auf Kinder und Gänse.
»Geht heim,« gebot er den Kindern, »laßt mir den Kasper in Frieden!« Dann
nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte ihn seinem Hause zu, denn so
ganz traute er dem Schelm doch nicht.
Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als ihr Mann so bald schon und
mit einem so sonderbaren Kerl zurückkehrte. »Jemine,« rief sie, »was
bringst du da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie 'n Kasperle aus
'ner Jahrmarktsbude!«
Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte seiner lieben Frau, wie er
Kasperle gefunden habe, und der Schlingel stand trübselig dabei und machte
ein so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von heiterer Güte war,
bitter leid tat. Sie nahm den Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn
in das Haus hinein.
Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse Blicke bei Kasperles Anblick.
Für das Geschrei sorgten Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und
vierjährig und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten freilich bald wieder
auf zu schreien, als Kasperle ein lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie
jauchzten ihm vergnügt zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base
Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse Gesicht machte. Wie eine
Gewitterwolke sah sie drein. Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze
Esser, und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. »Wie ein Spatzenschreck
sieht er aus,« behauptete sie und sah den Kleinen scheel an.
Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch recht wenig. Er merkte gleich,
an der hatte er keine gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn
die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein Räubergesicht. »Hach,«
kreischte die Base, »wie sieht der Bengel aus! Man muß sich fürchten.«
Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt hatte, daß just niemand
anders sein Räubergesicht sah, und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll
dreinblickte, schalt die Lehrerin: »Aber Base, das Büble tat doch nichts!
Sei nicht so ungut!«
»Hach!« Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. »Jetzt, jetzt hat er
wieder so ausgeschaut,« jammerte sie. »O du meine Güte, mit dem gibt's noch
ein Unglück!«
Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich drein. Es fiel ihm ein, wie die
Kinder gekreischt und gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf
gegangen war, er sah auch in Kasperles Augen den Schalk glitzern und
funkeln, da dachte er: Ich muß wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline
mal wieder »hach!« und »ach!« schrie, sagte er streng: »Nun ist's genug;
Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute ausschlafen; morgen fängt die
Schule wieder an, da muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht
gemacht,« fügte er drohend hinzu.
Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte Kasperle betrübt, als er sich im
Bette ausstreckte. Ich doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach
einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer ging. Die lag neben der
seinen. Da stieg das Kasperle flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen
Stock, der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an der Base
Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun wollen und fiel vor Schreck
mitsamt ihrer Haube kopfüber in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte
und meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor ihrem Fenster.
Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr Licht und rannte in Kasperles
Kammer hinüber. Doch da lag das Kasperle im Federbett ganz still und
friedlich und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base Mummeline
schüttelte den Kopf. Das war doch wohl ein Gespenst gewesen und nicht der
fremde Bube. »Hm, hm!« brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber
drehte sie sich noch einmal um und -- »hach!« kreischte die Base wieder und
stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln. Das Licht fiel ihr aus der Hand,
sie rannte an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der Schullehrer
und seine Frau kamen angerannt und fragten erschrocken, was der Lärm
bedeuten solle. »Da -- da drin liegt ein Gespenst!« jammerte die Base und
zeigte nach Kasperles Kammer. »Es ist ein Gespenst!«