Anhöhe ein helles Schloß empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig
im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im Sonnenschein. Im
Schloß war morgen Hochzeit; zu der fuhr der Graf. Es war schon mancher
schöne Wagen an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder
harrten darum alle an der Straße; sie waren neugierig, wer noch angefahren
käme. Als der Wagen des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es
plötzlich ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend und jauchzend
stürmten alle Kinder hinterdrein. Die Pferde wurden fast scheu bei dem
Gebrüll, und der Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. Das
war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der Diener ärgerten sich, aber
alle drei merkten doch nichts von Kasperle, der hinten aufsaß.
Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem Schlosse immer näher und näher
kamen: Vor einem Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst die
Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen konnten, dann zuletzt
trieb er sie an. Sie fuhren im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten
sie.
An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. Der hatte gemeint, das
Gefahre ginge so weiter, und bei dem jähen Ruck verlor er darum das
Gleichgewicht und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab.
Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des Schloßherrn, in einem
rosenfarbenen Kleid. Die hatte dem Grafen von Singerlingen einen schönen
Willkomm sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: »Da fällt ein
Junge vom Wagen!«
Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet hineingefallen. Da blieb er
drin liegen, steif und starr, und rührte sich nicht. Der Graf von
Singerlingen aber rief erstaunt: »Wo ist denn der hergekommen?«
»Vom Wagen ist er gefallen,« sagte das kleine Rosenmädchen. »Ach, und nun
ist er tot!«
»Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens schon,« brummelte der
alte Diener des Grafen. »Darum haben die Leute auch so über uns gelacht.
Und tot ist er sicher nicht.«
Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst, und als ihn zwei Diener
aufhoben, machte er ein so schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn
herum lachten.
Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau, die Gäste, alle kamen und
staunten das dumme, dumme Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber
betrachtete ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: »Komisch, sehr
komisch!«
Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen. Kasperle kniff die Augen
zusammen, machte ein sehr betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem
dicken Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei und in die weite
Welt hinaus wolle.
O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das Kasperle nicht geheuer vorkam.
Er hätte auch gern seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen
ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel das Kasperle ungemein.
Er bat darum die Schloßfrau, sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner
Heimfahrt. Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte sie freilich: Wo er
schlafen soll, weiß ich nicht. Es waren so viele Gäste im Schloß, um die
Hochzeit der ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde sollte
auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war jeder Winkel besetzt, und in
der ganzen Nachbarschaft hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte
aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin führen, die
würde schon für ihn sorgen.
Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der Diener. Er nahm Kasperle
am Arm und führte ihn etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade
Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, die aus der Backstube
gekommen waren.
Fein, hier gefällt's mir! dachte Kasperle und schnupperte vergnügt herum.
Wie die Kuchen gut rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein
Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: »Fein!« und nicht: »Der gefällt
mir,« als sie Kasperle sah, sondern sie rief sehr geärgert: »Was soll ich
mit dem Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Weg
mit ihm, den kann ich hier nicht gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen
Kartoffeln schälen.«
»Mag ich nicht,« rief Kasperle, aber da wurde Frau Emma gleich sehr böse,
und sie befahl zornig: »Er soll Kartoffeln schälen!«
Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und zerrte ihn in einen Nebenraum
hinein. Dort saßen drei junge Dirnen, zu denen sagte sie: »Da ist einer,
der soll euch helfen.«
»Der uns helfen?« Die drei kicherten laut, und dann nahm eine eine
riesenweite Küchenschürze, band die Kasperle um, die zweite reichte ihm
eine Schüssel, die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle drei
riefen: »Nun hilf uns!«
Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! Potztausend, das
ging! Schnippel schnappel, schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück
Kartoffel, dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel
zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze um die Beine,
warf Schüssel und Messer auf die Erde und schrie: »Ich hab' Hunger!«
Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, um etwas für das Kasperle
zu holen, die dritte aber streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und
dann schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er Gesichter. So
etwas hatten die drei Mägde noch nie gesehen.
Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe der Türe kam, lauschte sie
ärgerlich. So ein Gelächter! Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei
Mägde, lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem Küchentisch
herum. Die Kartoffeln aber waren alle ungeschält. Frau Emma verstand keinen
Spaß. Sie fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten erschrocken
die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die Frau aus dem Raum. »Geh, hilf
Geschirr waschen!« herrschte sie ihn an. »Da hinein!« Sie schob den Kleinen
in einen großen Raum, in dem gewaschen und geputzt wurde.
Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und die machte gleich ein
schiefes Gesicht, als sie den kleinen Helfer sah. »So einen Dreikäsehoch
kann ich nicht brauchen,« schrie sie. »Raus mit ihm, raus! Der schlägt mir
nur alles kaputt.«
Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie es doch erst mit mir! Und
er wollte zeigen, wie geschickt er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch,
von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann wollte er von einem
Gestell einen Teller nehmen, um ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft
gesehen, wie Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: »Halt,
halt, vergreif' dich nicht dadran! Die Teller --« Klirr, da sausten
sämtliche Teller von oben herab, noch ehe Liesetrine mit ihrer Warnung
fertig war. Heisa, gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: »Die
allerbesten Teller sind es, die allerbesten!« Ein paar Mägde schnatterten
durcheinander, und da tat sich auch noch die Türe auf, und ein Diener
streckte den Kopf herein und fing an über den Lärm zu schelten. Von der
andern Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen und schalt auch.
In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich. Husch, war er draußen!
Er drückte sich an der Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen
Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle sah, daß vier Türen auf
den Gang mündeten. Jede hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte
gerade, auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, war das fein,
was er da erblickte! Er sah in die Speisekammern des Schlosses hinein, in
denen die leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das Wasser im
Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Er klinkte an
einer Türe, an der andern, an der dritten, -- sie waren alle verschlossen;
die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der Eile dieses Tages
nicht zugeschlossen. Und gerade in dieser Kammer standen die süßen Speisen:
Fruchtschalen, Kuchen und Torten.
Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu schlecken und zu lecken.
Wie das schmeckte! Viel, viel besser, dachte er, als das Käsebrot beim
Bauer Strohkopf. In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne. Kasperle
wußte erst nicht, was dieser weiße Schaum war, und weil er im Waldhäuschen
einmal neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es könnte wohl
etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie er war, steckte er doch sein
Fingerlein hinein und versuchte. Das war fein. Er schleckte den Finger ab,
tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und weil der Kübel etwas
hoch stand, kletterte er schließlich auf den Rand, um besser lecken zu
können.
Da sagte auf einmal draußen jemand: »Was ist denn das? Hier steht ja eine
Türe auf!«
Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in eine Ecke flüchten, doch
dabei verlor er das Gleichgewicht, und gerade als Frau Emma in die
Speisekammer trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne hinein. Die
spritzte hoch auf, und Frau Emma, die nur etwas zappeln und krabbeln sah,
hielt Kasperle für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer
und rief um Hilfe.
Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem Kübel heraus, als er
hineingekommen war, und er wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma
sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding keine Katze sein konnte;
sie wollte ihn greifen, aber Kasperle, der von oben bis unten voll
Schlagsahne war, entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen
kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler; hinter den
rutschte er. Von da aus hörte er Frau Emma klagen, Mägde und Diener
schelten, und plötzlich riefen alle: »Es fahren wieder Gäste vor.«
Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus seinem Versteck heraus. Satt
war er, nun hätte er gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu
fragen, wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte. Beim Umschauen
entdeckte er eine schmale Treppe, die nach oben führte. Ei, vielleicht war
es dort stiller, und er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet
er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen. Der kleine Schelm
schlich etwas an der Wand entlang, so recht gemütlich war es ihm nicht. Der
schmale Flur lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an Tür; alle
waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen, ganz prächtig sah es aus.
Eine dieser Türen stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle
konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. Das war aber ein
feines Zimmer, in das er blickte! Selbst die Wände waren mit Seide
bekleidet, und an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. Kein
Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte Kasperle arg. In dem mußte es
sich doch sicherlich gut schlafen.
Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, drei war er in dem schönen
Bett. Das war ganz von Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin
herum. Ei, da lag sich's besser als in Bauer Strohkopfs Kammer! Doch
freilich, in Protzendorf hatte ihn bis zum Morgen niemand gestört, aber
hier! -- Kasperle richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen
draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war er aus dem Bette heraus,
strich es schnell ein wenig glatt und kroch dann flink darunter.
Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich darauf tat sich die Türe
auf, und ein älterer Herr, gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die
redeten miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, und dann
trat der Herr an das Bett heran und sagte seufzend: »Ich bin heute sehr
müde; ich wollte, der Tag wäre erst zu Ende!« Bei diesen Worten strich er
etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, daß diese nicht so
ganz gerade lagen. »Was ist denn das?« rief er auf einmal erstaunt. Der
Herzog, denn das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück. Er
betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über das Bett und rief
dann entrüstet: »Friedrich, in -- meinem Bett ist -- Schlagsahne!«
»Schlaaagsahne!« Friedrich riß den Mund vor Erstaunen weit auf und kam
eilfertig herbei. Er strich auch über das Bett, leckte ein bißchen am
Finger und rief verdutzt: »Schlagsahne!« Und dann lief er zur Klingel,
läutete heftig, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, da kam ein
Kammerdiener daher. Der verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der
Herzog wünsche.
Da deutete dieser auf das Bett und sagte: »Was ist das? Drüberstreichen!«
Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett, wich dann erschrocken
zurück und strich noch einmal darüber, leckte auch ein wenig am Finger und
rief ebenfalls: »Schlaaagsahne!« Und dann rannte er, holte den
Haushofmeister herbei, der Graf kam selbst, und alle standen sie um das
Bett herum und riefen: »Schlagsahne!«
Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt war er über die
seltsame Geschichte. Und bei diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in
den großen Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin sah er das
ganze Bett und -- der Herzog schrie plötzlich laut auf und sank in einen
Stuhl. »Da, da, da!« rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf
den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, der neugierig seine
große Nase etwas weit vorgestreckt hatte.
»Es steckt jemand unter dem Bett,« rief der Haushofmeister zuerst. Da
krochen auch schon zwei Diener hinunter, und das Kasperle konnte sich noch
so klein machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen es beide
hervor, und beide riefen entrüstet: »Er klebt ganz und gar, er ist auch
voller Schlagsahne.«
»Ah!« sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle vor ihm stand. Nach der
Nase hatte er nämlich gedacht, ein großer, ausgewachsener Räuber stecke
unter dem Bett.
»Ah!« rief auch der Graf zornig. »Das ist der, den mein Herr Vetter von
Singerlingen mitgebracht hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten
gemacht hat. Haue muß er kriegen!«
»Jawohl und eingesperrt werden!« sagte der Haushofmeister, und der Herzog
nickte dazu. Nur weil er gerade sehr müde war, flüsterte er: »Aber erst
morgen hauen.«
»Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er in den Keller gesperrt,«
rief der Graf streng.
Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg schlimm. Es war wohl am
besten, er bettelte gleich recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh
ihm der Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war, da gelang es
ihm, einen Augenblick den Händen der Diener zu entwischen. Er tat einen
Riesensprung auf den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme:
»Bitte, bitte, bitte!«
Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr. Er lehnte sich ängstlich
weit, weit in seinen Stuhl zurück, und auf einmal purzelten Stuhl und
Herzog hintenüber.
»Um Himmels willen!« Der Graf, der Haushofmeister, die Diener, alle griffen
erschrocken zu, und da schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen
Purzelbaum über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog dem einen
Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an den Kopf, daß er zurückwich.
Aber dann lief er doch auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie
laut: »Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!«
Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen kamen? Von dem Kasperle
war keine Spur zu sehen. Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war
spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur rannte kein Kasperle
dahin, die Türen waren alle verschlossen, er hatte also auch in kein Zimmer
schlüpfen können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener rannten die
Flure entlang, die Treppen auf und ab, das ganze Schloß geriet in
Aufregung, alle fingen an zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was
sie suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen Leibarzt, weil er
dachte, der Herr Herzog hätte sich vielerlei gebrochen, aber der hatte sich
glücklicherweise gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine
gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich, als wäre er selbst
entzweigegangen. Es war eine schreckliche Aufregung im ganzen Schloß.
Schließlich aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen, er habe
Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank! Sie hatten nämlich alle Hunger,
denn es war schon spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht
gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee.
Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die er hatte, sollten überall
suchen und sollten Kasperle gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann
wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut, und alle wurden
wieder ganz vergnügt. Sie sagten aber doch alle, mit dem fremden Jungen,
das sei sicher nicht mit rechten Dingen zugegangen.
Siebentes Kapitel
Rosemarie
Rings um das Schloß wachten die Wächter, die großen Hunde umliefen es,
Kasperle fanden sie aber doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war
er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das ganze Schloß, sie
schauten sogar in verschlossene Kisten und Schränke hinein, -- der unnütze
Schelm war nicht zu finden.
Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle steckte, Rosemarie. Die
hatte am Fenster gestanden, als von unten herauf ein lautes Lärmen
erklungen war. Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt,
der wie eine reife Pflaume am Baum in dem Geäst des uralten Efeus hing, der
die Schloßmauer bedeckte. »Der fremde Junge!« Rosemarie hatte es verwundert
gerufen, und da purzelte Kasperle auch schon in ihr Zimmer, denn weiter
konnte der nicht klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon ganz
außer Atem.
Unten war das Rufen lauter und lauter geworden, und Kasperle war auf einmal
zu Rosemaries größter Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort her
jammerte er kläglich: »Sie hängen mich auf!«
Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen Schelm gehabt, sie hatte
ihn vorgelockt und ihn in ihrer großen Puppenstube versteckt. Das war ein
kleines Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet war. In das
Bett der größten Puppe ging Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen
zusammenkrümmen mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie sagte:
»Das schadet nichts, hier findet dich niemand.«
Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den Gedanken gekommen, in
Rosemaries Puppenstube nachzusehen. Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die
ganze Zeit mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der Stube
gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß sie sorgsam die Vorhänge
am Puppenbett, und das Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von
himmelblauen Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war fein und weich, nur
für so einen kleinen strampeligen, unnützen Kasper zu zart und fein.
Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen war. Am liebsten wäre er
aufgestanden und hätte in der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber
doch große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er still liegen.
Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den Gästen gute Nacht sagen müssen
und sollte nun selbst bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn
morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar mitfeiern. Leise zog
sie den Vorhang auseinander, begierig, ob der fremde Kasper wohl schlief.
Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und murmelte: »Ich kann in
dem Bett nicht liegen!«
»Du mußt aber drin bleiben,« flüsterte Rosemarie ängstlich. »Ach, Kasper,«
klagte sie, »was hast du angerichtet! Der Herzog ist bitterböse, und es
sind schon dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß bewachen,
damit niemand hinaus kann. Und morgen früh soll noch einmal alles, alles
abgesucht werden. Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn sie dich
finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.«
»Brrrr!« Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch nicht in die weite Welt
gelaufen, um eingesteckt zu werden. »Ich fliehe,« brummte er.
»Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die Landjäger.« Rosemarie
seufzte bekümmert. Auf einmal aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. »Ich
weiß was,« sagte sie. »Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich neben dem
Turm geht es hinaus, und vielleicht ist gerade da kein Landjäger. Komm,
jetzt sitzen alle beim Essen, da zeige ich dir flink den Weg.« Sie packte
fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte essen sollen,
und steckte es Kasperle zu, und dann lief sie ganz, ganz leise voran.
Kasperle folgte ihr, die Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale,
schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang und öffnete am Ende
eine Türe, und beide betraten ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der
Mitte, Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles sehen konnte.
Aus dem runden Zimmer führte ein schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie
belehrte Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten aufriegeln,
dann sei er am Parkende und komme vielleicht hinaus. Wie sie das sagte,
erfaßte sie ein tiefes Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, er
hätte doch gar nichts Schlimmes getan. »Du armer Kasper!« flüsterte sie,
und über ihr liebliches Gesicht liefen helle Tränen.
In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst sehr, sehr arm und
verlassen vor, und er fing an ganz erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt
ihm rasch mit beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte eine Stimme,
die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. Er schwieg dann
aber auch gleich und sah Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: »Nun
muß ich gehen,« da purzelten dem Kasperle wieder die Tränen wie ein
Bächlein aus den Augen. Er war jedoch still, versprach auch, er wolle fein
brav alles befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann hielt er ein
Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes fest.
Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in dem schönen Schloß und
wäre Rosemaries Spielkamerad geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und
schielte Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: »Weißt du, wie du
aussiehst? Wie -- wie meine Kasperlepuppe.« Und ganz jäh begann sie sich
ein wenig vor dem fremden häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte
rasch: »Ich muß gehen.« Sie nickte Kasperle noch einmal zu und glitt dann
leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie zuschließen, dann war er allein.
Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte bitterlich und vergaß
darüber Rosemaries gute Lehren. Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen
und unten die Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das
Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen, das klirrte und
knarrte arg, und dann streckte Kasperle den Kopf hinaus und sah sich um.
Ach, war das eine schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die Höhe
und schaute nach rechts und nach links, und dann schaute er auch hinab.
»Wauwau, wuwuwu!« ging es plötzlich unten los; ein großer Hund stand da und
bellte zu Kasperle hinauf. »Wauwau, wuwuwu!« Ganz drohend klang seine
Stimme.
Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch so schnell ging das
nicht, das Fensterchen war eng und Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder
drin war, tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf.
Gab das ein Hallo! »Er steckt im Turm!« schrie der Mann. Und dann drohte er
hinauf: »Nu, warte du, dich fange ich!« Er maß schnell das kleine Fenster
mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge nicht
hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein unten keinen Schlüssel hatte
und auch wußte, daß dies immer verschlossen war, lief er eilig in das
Schloß hinein, seinem Hund aber rief er zu: »Sultan, paß auf!«
Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich einen Augenblick, was zu
tun sei. Dann nahm er flink Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte
blitzschnell das Treppchen hinab und schloß unten auf. »Wauwauwau!« bellte
ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht faul, warf dem Hund
geschwinde den Kuchen in den Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So
ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er schleckte und schluckte,
und da hatte Kasperle auch schon die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und
quietschte, da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan seinen
Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine Wächterpflicht. Doch
Kasperle war flinker draußen als er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase
zu, und draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg hinab in
einen kleinen Bach hinein. Das Wasser spritzte hoch auf, dem Bächlein
gefiel dies Hineingeplumse gar nicht.