Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine weißen und grauen Schützlinge

umringten ihn schnatternd. Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht.

In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und als die Gänse ihre

Schnäbel so weit auftaten und gar so arg schnatterten, begann er sich zu

fürchten. Er schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch noch

nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam ihnen der Gast in ihrem

Stall höchst sonderbar vor. Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle

wurde es himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In einer Ecke des

Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein Schrank sah es fast aus, und

Kasperle, nicht faul, schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des

Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern und brüteten. Die

erschraken nun gewaltig, als Kasperle ihren Nesterschrank erkletterte.

Zischend fuhren sie von ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich

an dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! fiel es um. Da lag

Kasperle, da lagen Nester und Eier, und zischend und schnatternd fuhren die

Gänse wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten zu stören, das war

doch unerhört! Zwack, biß eine Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins

Ohr, zisch, hieb eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle brüllte,

die Gänse schnatterten lauter und lauter, -- es war ein Höllenlärm.

»Jemine, was ist im Gänsestall los?« rief draußen auf dem Hof die Magd

Karline. Sie dachte: Es ist vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und

rasch rannte sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr das

schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen Mund hatte er ungeheuerlich

weit aufgerissen, und Karline klappte erschrocken die Türe zu. »Ein Kobold,

ein Kobold ist im Gänsestall!« schrie sie draußen.

Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an,

Florian lief herzu, und der stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das

schreiende Kasperle heraus.

»Herrje, was ist das?« rief die Bäuerin. Sie schlug die Hände über dem Kopf

zusammen, und Berta kicherte in ihre Schürze hinein. »Wie der aussieht!«

sagte sie.

»Ein Kobold ist's, ein Popanz!« kreischte Karline.

»Nä, unser neuer Gänsejunge ist's, und jetzt kriegt er Haue,« brummte

Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es

nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, er brüllte

ganz mörderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und

wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mägde

durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gänse, Florian

aber zeigte nur auf den Stall. »Nachsehen!« brummte er. Und klitsch

klatsch, klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis die

Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. »Du zerschlägst ihn ja ganz!«

schalt sie.

»Der hat's verdient!« knurrte Florian.

»Ja zum Kuckuck, der hat's verdient!« schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte

inzwischen im Gänsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er

wollte schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine Hand fest,

ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder

sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah,

legte sich sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu drollig aus.

Und auf einmal erging es den andern auch so, sie mußten lachen; selbst

Florian grinste.

Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so viel reiben und noch so

betrübt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut;

die hätte nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, weil es

sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle ließ

die Nase hängen; ach nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins

Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, fürchtete er sich

auch, und so folgte er still der Bäuerin ins Haus, und als ihm drinnen ein

so gutes Düftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich

wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf,

und das Gänsehüten war gewiß nicht so schwer!

Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß der neue Gänsejunge ganz unten

am langen Tisch. Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen Florian,

dann kamen Karline und die andern Knechte und Mägde. Sie waren alle fleißig

gewesen, und sie dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines

recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich leise lachte. Da

blickte der Paul neben ihr auf, und er sah unwillkürlich auch den neuen

Gänsejungen an. Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul

lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und Mine auf, und alle sahen

Kasperle an, wie der seinen Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male

lachten alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer selbst. Und

kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn lachten, flink fing er an,

Gesichter zu schneiden. Er zappelte auf seinem Stuhl hin und her und

kasperte, bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die Bäuerin bekam

Angst, dem Bauer könnte der Bauch platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte

ein paarmal: »Hör' auf, lach' dich nicht krank!« Aber dann lachte sie

selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline unter den Tisch, und

Paul purzelte mit seinem Stuhl um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel

und rief: »Jetzt ist's genug für heute, sonst platzt wirklich noch wer!«

Und Florian zog Kasperle aus der Stube, brachte ihn in eine kleine, kleine

Kammer, die ein vergittertes Fensterlein hatte und in der gerade Platz für

ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er gern, und er

kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß Florian brummte: »Morgen mußt du

Gänse hüten.«

»Rrrrrrrrr!« Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf

einmal? »Rrrrr!« klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue

Gänsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. »Dummheit ist's,«

brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rütteln

und schütteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge:

»Rrrrr! Rrrrr!«

»Hol' ihn der Fuchs! Mit dem ist's nicht richtig,« knurrte Florian. Und er

verriegelte sorgfältig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und

dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern Gänsejungen annehmen

können.

Fünftes Kapitel

Gänse hüten

Am nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrühe, und als

Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war,

goß ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den Kopf. Da sprang nun

freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem

bärbeißigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu

fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte

ihm zum Gänsestall und stand dort wie ein armes Sünderlein, als seine

schnatternden Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten.

Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und sagte: »Geh, hüt'! Kannst

mit dem Schäfer gehen!«

Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger

als dieser. Er hieß Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur »Damian ohne

Maul«. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er

winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf

hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, und hier stieß

Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das

gehöre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da

folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu

laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem

Stock nach dem Bächlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und

zeigte auch hin. Da wurde »Damian ohne Maul« fuchswild. Nun mußte er am

frühen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! »Dort bleiben!«

brüllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rückwärts,

und die Gänse, denen er beinahe auf ihre Füße trat, nahmen dies gewaltig

übel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht

folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er

fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses

Gesicht. Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz brav, eine

hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort schnatterten sie vergnügt, sie

meinten, nun könnten sie schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle

meinte das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse so brav vor ihm

hergelaufen waren, und er gedachte sich ein Späßlein zu machen. Er begann

die Gänse zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange Stab. Die

guten Tiere mochten schnattern, soviel sie wollten, rundum und wieder

rundum jagte sie ihr Hirte.

Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gänsen etwas

vorkaspern. Die armen Gänse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde

immer kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie,

und weiter ging es, immer rundum, rundum.

»Damian ohne Maul« pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu

kümmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein

Bruder ihm gesagt hatte: »Paß auf!« Und da er nicht allzuweit seine Schafe

weidete, ging er einmal nachsehen.

Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum,

die Gänse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen

wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden!

Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans gerade auf den Kopf. Da

packte ihn jemand am Hosenboden. Und »Damian ohne Maul« hielt sich nicht

mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp, schwipp, und Kasperle spürte

das sehr genau, er schrie mörderlich, und die Gänse schauten mit weit

offenen Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar übel! Wenn die

älteste Gans hätte reden können, sie hätte jetzt gewiß das Sprüchlein

gesagt:

»Was du nicht willst, daß man dir tu',

Das füg' auch keinem andern zu!«

Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange genug auf Kasperle

herumgewippt. Kasperle fand, viel viel zu lange, und er heulte jämmerlich,

als »Damian ohne Maul« ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder nichts, aber

so klug war das Kasperle schon, um zu wissen, was die Prügel bedeutet

hatten. Ganz verdattert blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse

alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans Fortlaufen. Es ging

darum ganz friedlich am Bächlein zu. Kasperle streckte sich lang aus, er

hielt seinen Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er würde

bald weiter in die Welt hineinlaufen.

In Protzendorf hatten sich die Leute von dem putzigen Gänsejungen des

Bauern Strohkopf erzählt, und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu

sehen. Die beiden hießen August, und weil des einen Vater der Windmüller

und der des andern der Wassermüller war, wurden beide im Dorf nur

Windgustel und Wassergustel genannt. Unnütz waren alle beide, und gute

Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich manchmal, der eine schalt

auf den Wind, der andere auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel

machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem Pfingstsonnabend nun

gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht wußte der Späße und Dummheiten, die

sie noch nicht kannten.

Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im Grase liegen, und als sie ihn

anriefen, tat er erst, als höre er sie nicht, aber Windgustel und

Wassergustel wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. Sie zogen

ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; da sprang Kasperle auf mitten

in seine Gänse hinein.

Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht das Rundumgelaufe wieder los.

Doch statt dessen gab es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel

fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst komisch, und Windgustel

dachte gleich: Uje, könnte ich doch so feine Gesichter schneiden!

Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht als Feinde gekommen waren,

und blitzschnell verwandelte sich sein böses Gesicht in ein sehr

vergnügtes. Nach zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden,

obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren Jungen hätten

sie noch nie gesehen. Was konnte der für Grimassen machen, wie Arme und

Beine verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher Sauertopf sein

wie »Damian ohne Maul«, um nicht zu lachen, doch Windgustel und

Wassergustel waren keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie

auseinander. Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte ihnen nämlich

von dem Schäfer, und da sagten die beiden Unnützlinge, das sei von dem grob

gewesen, und das mit den Gänsen sei fein. »Mach's noch mal!« bat

Windgustel.

»Erst nachsehen, wo der Damian ist,« rief Wassergustel. Er sprang auf, sah

nach und kam nach einem Weilchen grinsend zurück und verkündete den

Kameraden: »Er schläft.«

Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse. Kasperle wollte nämlich gern

dem schlafenden Damian einen Streich spielen, und alle drei ließen die

Gänse, wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer. Der lag nun

wirklich unter einem großen Feldbirnbaum und schlief, und ein Stückchen

weiter weideten die Schafe, von Flick, dem treuen Hund, bewacht.

Die drei Freunde standen vor Damian, schauten ihn an und überlegten, was

sie ihm wohl antun könnten.

»Einen Frosch aufs Gesicht setzen,« schlug Windgustel vor.

»Ihm die Knöpfe abschneiden,« sagte Wassergustel.

Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem Birnbaum; da konnte sich

einer verstecken, und er dachte: Ich schlage Purzelbaum über ihn weg,

gerade über seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter

Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen, was er, vorhatte, als

plötzlich Flick laut bellte. Der sah es wohl: die drei, die da neben seinem

Herrn standen, hatten nichts Gutes im Sinn.

Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! Rutsch, sausten sie den Abhang

hinab, weg waren sie! und als »Damian ohne Maul« erwachte, sah er sich

erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so laut und warnend

gebellt? Umsonst tat Flick doch so etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem

Gänsejungen, dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging

nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still und einmütig am

Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine Rute in der Hand wie ein richtiger

Gänsejunge. Die Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah

alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um.

An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim, als hätte er schon immer

Gänse gehütet, und der Großknecht Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na,

vielleicht wird's mit ihm! Nur -- sein Gesicht ist gar zu unnütz. Und dann

sah er, wie sein Bruder Damian den Kopf schüttelte, und das war immer ein

schlimmes Zeichen.

Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, sie wollten ihm

morgen am Feiertag das ganze Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie

dachten: Bauer Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im Stall.

Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er

dachte: Ein Gänsejunge, der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen

Feiertag; Feiertagskuchen ist genug.

Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof stolperte, hielt dort schon

Damian mit der Herde. Dem taten die Schafe leid; warum sollten die um den

schönen Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig hinaus,

und am Bächlein hob Damian drohend den Stock; da hob auch Kasperle flugs

den seinen empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie der Schäfer.

Das war dem doch zu toll. So ein Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte!

Er sprang auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen den langen

Beinen durch, und plumps! lag »Damian ohne Maul«, so lang er war, im

Bächlein. Das spritzte hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick

kam eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn geschehen war.

Kasperle aber trieb seine Gänse, so schnell er konnte, ein Stücklein

abwärts. Er rannte, die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er an

einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die Gänse, pflockte die Türe

von außen fest zu, und dann lief er selbst einmal wieder in die weite Welt

hinein. Gänsejunge sein hatte er satt.

Doch »Damian ohne Maul« war rasch hinter dem Ausreißer her. Er sah von

weitem, wie Kasperle die Gänse versteckte. Da machte er noch längere

Schritte, und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er mochte flink

Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen und kugeln, Damian erwischte ihn

doch. Er sprang eine Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang.

Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian kam näher und näher, doch

da zur rechten Zeit rollte ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor

gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener, und Kasperle

besann sich nicht lange, er sprang, so rasch er konnte, hinten auf dem

Wagen auf. Da gab es freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es

schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen.

Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte auch noch ein Stück

hinterdrein, aber niemand hörte auf ihn. Eine Biegung kam, -- weg waren

Wagen und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen Schafen zurück. Die

mußten nun mit den Gänsen zusammen weiden. Mittags ging's heim, und auf dem

Hofe rief »Damian ohne Maul« zornig: »Ausgerissen!«

»Wer? Ein Schaf?« fragte der Bauer, der das gerade hörte.

»Nein!« Damian schüttelte den Kopf. »Kasper!«

»Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?« Der Bauer riß die Augen weit auf. Wie

war denn so etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! »Warum

denn?« fragte er. »Erzähl' doch!«

Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen müssen, das war zuviel für

Damian. Er schüttelte den Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte

heißen, bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und legte sich in

sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag.

Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein großes Geschrei, als sie von

dem Verschwinden ihres neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian

sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das

Rundumjagen der Gänse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde

bitterböse auf den Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im

Dorf, »Damian ohne Maul« habe den armen kleinen Waisenjungen gar so

schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht.

Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich

feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein

angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz ein

Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem

größten Jahrmarkt hätte es sein Besitzer zeigen können, so schön war es.

Die Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; am allerbesten

gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Späße zu machen,

staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der

Bauer Strohkopf: »Das ist ja mein Gänsejunge!«

Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle: das war Kasper, der

Gänsejunge; genau so hatte er ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine

Gesichter schnitt.

Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien

Windgustel und Wassergustel: »Das ist er auch!« Genau so bitterböse hatte

Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar,

alle Puppen glichen etwas dem Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer

aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte hinten den Lärm. Er

kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte

von der wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzählte von

dem ausgerissenen Gänsejungen.

Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! »Er ist's, er ist's!« schrie

er laut. »Den muß ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell,

sagt's!« Der Kasperlemann packte »Damian ohne Maul« beim Jackenknopf. Da

erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte »Hm!« und mehr war nicht

aus ihm herauszubekommen.

Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: »Ha, nun merk' ich: Ausgerissen war

der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?«

Da erzählte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte

von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie

ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er, kenne den Namen

des Meisters Friedolin schon lange; der sei unter den Puppenspielern im

Lande weit und breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue Puppen

gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, daß diese noch

viel, viel besser gewesen seien als früher. Da habe er gedacht, er sollte

doch einmal diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und weil er

jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er gestern im Waldhäuschen

vorgesprochen. Alle darin seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen

habe ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und verlorenen Kasperle

erzählt. Der liefe nun in fremden Hosen und fremder Jacke in der weiten

Welt herum, und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu suchen

und dem Meister zurückzubringen, denn dahin gehöre er.

»Ist recht,« schrie der Bauer Strohkopf. »Sucht ihn nur, und nachher muß

ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab' ich in

meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen Kauz!«

»Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!« sagte der Puppenspieler.

»Der versteht das Kaspern schon!«

Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an.

Ein bißchen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann

erklärten sie doch beide: »Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem

Kasperlemann.«

Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und

Wassergustels Mutter stieß ihren Buben an: »Biste närrisch? Du bleibst zu

Hause und gehst in die Schule.«

Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er

dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein

Krämchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf

rief ihm noch nach: »Ich geb' 'n Taler fürs Finden.« Dem tat es doch bitter

leid, daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte.

Sechstes Kapitel

Kasperle im Schloß

Kasperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das Land. Der lustige Sitz

gefiel ihm gut, und je schneller es ging, desto froher wurde er. Da konnte

ihn Meister Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht Damian.

Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er nämlich arg viel Angst. Wenn Leute

dem Wagen begegneten, dann nickte und winkte Kasperle, und die Leute

nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, der im Wagen saß, nickte

auch freundlich, und er wunderte sich, daß die Leute immer so lachten.

Kinder liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil der lustige

kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar so gut gefiel.

Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die Fahrt. Einmal fuhr der

Wagen auch durch den Wald. Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen.

Kasperle sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte an das

Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so schnell ihm der Gedanke kam, so

schnell lief er ihm auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen,

mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die Schritte. Der da kam, war

ein sehr würdiger gelehrter Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den

einsamen Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch nachzudenken.

Als er den Wagen kommen sah, blieb er stehen, und weil er ein höflicher

Herr war, grüßte er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich und

beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen heraus. Und da sah er, wie der

gelehrte Herr zurückwich und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein

Gespenst.

Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich ungemein, Kasperle aber

zappelte vor Vergnügen auf seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem

würdigen Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu sein Räubergesicht

gemacht. Da konnte einer schon erschrecken.

Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile ganz verdattert dem Wagen

nach. Er dachte: Dies war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn

dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu setzen! Unerhört so

etwas!

Kasperle auf Reisen: Eine lustige Geschichte · 第 2 / 10 段