»Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?« Liebetraut hielt des

Produced by Jens Sadowski

Kasperle auf Reisen

Eine lustige Geschichte

von

Josephine Siebe

Mit vier farbigen Vollbildern von _Karl Purrmann_

Vierte Auflage

Verlag von Levy & Müller in Stuttgart

Nachdruck verboten

Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten

Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart

Inhalt

Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus

Zweites Kapitel. Der alte Schrank

Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah

Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf

Fünftes Kapitel. Gänse hüten

Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß

Siebentes Kapitel. Rosemarie

Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus

Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule

Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr

Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer

Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst

Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten

Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin

Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus

Erstes Kapitel

In Meister Friedolins Haus

Mitten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert Jahren ein altes Haus. Wie

alt es war, wußte niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, ein

paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher war der Wald drum herum

groß und weit gewesen, man hatte sich recht darin verlaufen können. Dann

waren die Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt worden, und vom

uralten Häuschen führten schließlich drei Straßen ins Land.

Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf, im Osten Schönau, im

Süden Lindendorf und im Westen war eins, das die Leute Protzendorf nannten.

Dort wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig waren. Mit den

Bewohnern der andern Dörfer verkehrten sie gar nicht, und die Kinder aus

Protzendorf kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten die Kinder

aus den andern Dörfern nämlich sehr gern, denn im Waldhäuschen lebte ein

Holzschnitzer, der gar wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte.

»Kasperleschnitzer« hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen

lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau Annettchen zog die

Puppen an. Da saß manchmal eine bunte Gesellschaft auf der Holzbank im

Waldhäuschen, und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft gelaufen,

sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren es immer, wenn wieder eine

Anzahl Puppen zum Verschicken in die weite Welt fertig waren. Liebetraut,

des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind in eins der Dörfer

gelaufen und sagte es den Kindern, denn das Mädchen war mit allen Kindern

gut Freund. Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen Fenster im

Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann spielte sie mit den Puppen den

Kindern etwas vor, und das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen.

Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den Kasperlepuppen immer sehr

schwer, doch die wurden in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite

Welt hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück.

In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht viel davon, daß der

Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter Mann war. Aber auf den

Jahrmärkten und Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus, da war

sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater besaß, schätzte sich

glücklich, wenn er Puppen hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt

waren. Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und

vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren sie -- ei Potzwetter!

Frau Annettchen und Liebetraut wußten für die Kittelchen und Mützchen immer

wieder etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie die Puppen

heraus.

Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtümer gab's

nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister

Friedolin selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät bei seiner

Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und

Liebetraut sang. Von draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen

erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: »So schön wie bei uns ist

es nirgends.«

Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen,

wußte niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines

Bündel ins Waldhaus gebracht und gesagt: »Hier, Frau, das habe ich draußen

auf der Straße gefunden.« Aus dem Bündelchen hatten Frau Annette zwei

große, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: »O so ein

liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich behalten!« Und beim Behalten

war es geblieben. Niemand wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte seine

Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die Kleine auf den Namen

Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das

war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein hübsches, großes

Mädchen geworden, an dem seine Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude

hatten.

Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am allerschönsten in der Welt.

Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte

oft: »Schade, daß sie nicht lebendig sind!« Und wie sie das einmal wieder

sagte, an einem rechten Wintertag war es, -- draußen schneite es in großen

Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen brauste

der Sturm -- da sagte plötzlich der sonst so stille Friedolin: »Einen

lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgroßvater besessen.«

Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz

ernsthaft: »Nein, nein, Kind, darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du

weißt es doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer war und

hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren

geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den

Hausrat.«

»Wie die Uhr,« rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte

Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab's Bäume und

Blumen und allerlei Getier des Waldes.

Der Meister Friedolin nickte. »Ja freilich,« sagte er, »die Uhr hat mein

Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war

ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist er denn

auch manchmal über Land gegangen und hat da und dort wochenlang gearbeitet;

auf manchem großen Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön sei

das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe doch lieber in seinem

Waldhaus.

Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er

solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der

Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei

Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten

jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber

hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde

ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es

an den hohen Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich

geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein

sonderbares Geräusch gehört; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er

ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen

ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbäume

schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp -- schwapp hat er das

Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer

Kumpan, den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von sieben bis acht

Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen hat eine große Hakennase gehabt und

einen riesengroßen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze

getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu hat der kleine Kerl ein

ganz buntes Kleid angehabt, das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte

er's schon fünfzig Jahre auf dem Leibe.

>Wer bist denn du?< hat mein Ahn gefragt.

Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum

Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar

festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein

echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er

bei einem berühmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein

uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen

gehalten und oft seinen rechten Spaß an ihm gehabt. Aber das einsame Leben

in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines

schönen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe,

sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt

herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann habe er auf

Messen und Märkten sein Wesen getrieben.

Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schönes

Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz

gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele

Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu

schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten

Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut geraten. Bald

wollten viele Leute solche Kasperlepuppen haben, und als schließlich mein

Ahn starb und sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes

Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. So ist es

dann auch geblieben. Der Sohn lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn

ich selbst einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer werden.«

Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: »Aber das

Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?«

Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. »Ja, wenn ich

das wüßte!« brummelte er. »Mein Großvater selig hat's noch gewußt; aber der

ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein

ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein

Großvater soll's einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und

wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. Jedenfalls, ich hab' das

Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.«

»O wie schade!« rief Liebetraut. »Wie wäre das lustig und vergnüglich,

hätten wir ein richtiges Kasperle hier!«

Der Meister schmunzelte. »Das glaube ich wohl, du Tollkopf,« sagte er, »das

könnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im

Häuschen herum!«

»Jetzt kommt er schon wieder!« unterbrach auf einmal Frau Annettchen das

Gespräch. Sie schaute ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der

Gast, der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. Aus einem

Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg ein dicker Mann in einem

Pelzrock; der schüttelte sich erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er

in das Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie laut und sehr

freundlich »guten Tag« hinein.

Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut lief gleich davon, und die

sonst so freundliche Frau Annettchen sagte gar nichts. Das schien indes

Herrn Pumpel, der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. Er

setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner lauten, lärmenden

Stimme allerlei zu erzählen, dies und das von seinen Fahrten, von seinen

Geschäften, was er alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal Frau

Annettchen ganz laut und streng: »Unsere alten Schränke kriegen Sie aber

doch nicht, Herr Pumpel. In unserem Häuschen wird nichts gerührt und

gerückt, solange mein Mann und ich leben.«

»Na, na, na!« brummte Herr Pumpel, er zwinkerte mit den Augen und sah aus

wie jemand, der sich eben sehr geärgert hat.

»Gelt, Friedolin,« rief Frau Annettchen, »unsere Schränke kriegt Herr

Pumpel nicht?«

»I wo!« Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf. »Ich hab' einmal nein

gesagt, und dabei bleibt's.«

Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal vergeblich gekommen, und nach

ein paar Augenblicken nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt

wieder davon.

Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut den Kopf zur Türe

herein und fragte froh: »Ist er wieder weg? Hat er wieder die alten

Schränke gewollt?«

Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei Bewohner des Waldhäuschens

von Herrn Pumpel und warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen

Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das gewollt, aber da hatte

Meister Friedolins Vater nein gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin

auch nein.

Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß des Häuschens. Sie

waren uralt, zeigten ein wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner

besonderen Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz gestanden

und sollten weiter dort stehen, mochte Herr Pumpel so viel darum gefahren

kommen, wie er wollte.

»Gut, daß er wieder weg ist,« rief Liebetraut. Sie rückte ihr Stühlchen

dicht neben Meister Friedolins Platz, nahm ein schwefelgelbes

Puppenröckchen in die Hand, um daran zu nähen, und bat: »Vater Friedolin,

erzähl' noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle fand.«

Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu, Frau Annettchen und

Liebetraut nähten, und alle drei fanden wieder einmal, nirgends auf der

ganzen Welt könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen.

Zweites Kapitel

Der alte Schrank

Herr Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte sich gewaltig, daß er

die alten Schränke nicht hatte haben können. Er brummte und schalt darob so

viel, daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten Schränken hat?

Immer wieder fährt er danach; ich denke beinahe, es wird etwas Besonderes

damit sein. Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst fährt

doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer solchen Kälte in den Wald.

Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch viele Tage so. Auf

einmal aber kam der Tauwind; der fing ein gewaltiges Blasen an, und da

schmolz der Schnee und lief davon -- heidi, weg war er! Um das Waldhäuschen

sauste und brauste es mächtig in diesen Tagen, aber Liebetraut lief trotz

dem Sturm immer wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und

rief jubelnd: »Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er kommt bald.« Und

dann patschte sie einmal draußen im feuchten Walde herum, und als sie

wiederkam, brachte sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen

mit.

Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges kleines Fest wurde es,

denn auf den Frühling freuten sich die Waldhausleute immer. Und diesmal

ließ sich der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange bitten. Er

kam ganz geschwinde angezogen, und bald konnte Frau Annettchen sagen: »Nun

heizen wir nicht mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.« Da wurden alle

Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz zwischen zwei großen

Tannen guckte die liebe Sonne gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich

war es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen. Damit

füllte sie lauter bunte Töpfchen, und wenn die Kinder aus Schönau und

Lindendorf gelaufen kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im

Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären am liebsten gleich drin

geblieben.

An einem dieser schönen Frühlingstage war es, da saß der Meister Friedolin

noch fleißiger als sonst an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten

Tagen eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen, und einige Figuren

mußte er vorher noch fertig schnitzen. Wie er so recht mitten in der Arbeit

war, brach ihm an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun wirklich

ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen vom Frühling redete, brummelte

er doch eine ganze Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem

Vorratsschrank ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die alte Treppe

hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und krachte, just als wollte sie

etwas aus vergangenen Zeiten erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des

oberen Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das waren die,

welche Herr Pumpel so gerne hatte haben wollen. In diesen Schränken wurde

seit langen, langen Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner

Kasperleschnitzerei brauchte.

An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne auch durch das kleine

Flurfenster; die beiden Schränke bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab.

Das kam dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst den einen

Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht fand, tat er den andern auf.

Weil es gerade so hell war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum.

Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei fiel ihm auf einmal in

dem einen Schrank auf, daß auf der einen Seite ein Spältchen offen war. Na

nu, dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und platzt noch gar! Er

schob, zog ein bißchen an dem Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein

auf, und der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem schmalen

Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß wie ein sieben- bis

achtjähriger Bub. Die hatte er doch noch nie gesehen! Der Meister

schüttelte erstaunt den Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich

aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem Fach heraus. Und wie er sie

so anfaßte, war es ihm, als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink

auf die Erde und sah sich das Ding an. »Nein, so etwas!« rief er. »Das ist

ja wirklich ein Kasperle!«

Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl an sich zu schütteln und

zu bewegen, er nickte mit dem Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke

Staubwolke ging von ihm aus.

»Hatzi -- hatzi -- hatzi!« Der Meister nieste, der sonderbare kleine Kerl

nieste, und Frau Annettchen, die das unten hörte, rief: »Friedolin, du

kriegst wohl einen Schnupfen?«

Die Stimme von unten schien das Männlein aus dem Schranke ganz munter zu

machen. Er fing auf einmal an zu lachen, und hops -- hallo! lief es die

Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge höchlichst verwundert

nach. Er konnte sich die Sache gar nicht erklären. Und niesen mußte er

immer wieder, er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das

kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein.

Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen, und Liebetraut, die gerade

mit Blumen in der Hand in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. »O

du meine Güte,« rief Frau Annettchen, »was ist denn das für ein Popanz!«

Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen, er sah sich rund um,

schüttelte den Kopf, und wieder flog eine dichte Staubwolke auf. »Hatzi,

hatzi!« nieste er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister

Friedolin kam niesend in die Stube. »Hallo, da ist das Ding!« rief er und

packte den wunderlichen Gesellen. »Jemine, das sieht ja beinahe wie ein

Kasperle aus!«

»Ich bin doch Kasperle!« sagte der Kleine kläglich. »Wo ist denn die Madame

Erdmute und der Meister Ephraim?«

»Was schwätzt du da?« Meister Friedolin schlug sich plötzlich mit der Hand

vor die Stirn. »Das waren ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich

glaube gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,« -- er schüttelte den

Kleinen, daß der Staub nur so herumflog, -- »besinne dich mal: wie bist du

denn in den Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?«

»Ich hab' doch geschlafen!« Der Kleine gähnte laut. Und auf einmal fing es

in ihm an ganz erschrecklich zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die

Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. »Oh, oh, oh,« jammerte er, »ich

hab' solchen Hunger, ach, so schrecklichen Hunger.«

»Um Himmels willen,« schrie Frau Annettchen, »der stirbt ja noch vor

Hunger! Wer weiß, wie lange der nichts gegessen hat!«

»Kann sein bald hundert Jahre,« murmelte Meister Friedolin. »Nu, nu, das

ist doch nicht möglich, daß der so lange im Schranke gesteckt hat!«

»Hunger, au, au, ich hab' so schrecklichen Hunger!« schrie der kleine Gast,

und da rannten Mutter Annettchen und Liebetraut erschrocken in die Küche

und brachten herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch, und alles

stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen Mund. Er schluckte und

schluckte, wurde zusehends dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und

sehr vergnügt rief: »Ich kann nicht mehr!«

»Na, das ist ein Glück!« sagte Meister Friedolin. »So eine Esserei hab' ich

mein Lebtag nicht gesehen. Aber nun sag mir mal, du --«

»Kasperle heiß ich,« rief der Kleine.

»Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank gekommen?«

Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund dazu, dann seufzte er,

schüttelte sich wieder und murmelte: »Ich weiß nicht.«

»Aber besinn dich doch,« mahnte der Meister, »du mußt es doch wissen!«

Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und erstaunt, doch plötzlich

erblickte er die große alte Kastenuhr und schrie: »Die hat der Meister

gemacht.«

Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. War der schnurrige Kauz nun

wirklich das Kasperle, das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie

war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich so viele, viele Jahre

geschlafen?

»Besinn dich doch!« sagte Meister Friedolin.

»Ich weiß nicht.« Kasperle suchte wieder, das Nachdenken schien ihm arge

Mühe zu machen. Ganz traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. »Ich weiß

nicht,« sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder schüttelte er sich

heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter Zettel von seinem Kittel ab.

Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte drauf und rief: »Da steht

etwas über Kasperle, hier, Vater, sieh!«

Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig seine Brille auf und

las: »Wer dies Kasperle findet, der soll es fein sorgsam hüten, bis es

aufwacht, sintemalen es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge Johann

Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem Kasperle einen Schlaftrunk

gegeben, ein Wunderelixier, das einstens mein Großvater aus dem Lande

Italien mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre in Schlaf

sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann lebendig wieder auf. Doch ist es

ein Teufelszeug, und es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird.

Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und weil ein Gerede in der

Gegend ist, ich hätte einen Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den

Schrank ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch weiß, wie

seines Lebens Gang ist, und es könnte sein, das Kasperle geriete einst in

fremde Hände. Der Pumpel hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb

war; er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll das Geheimnis

wissen, der soll es wieder seinem Sohne sagen und so fort, bis einmal das

Kasperle wach wird. Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle

sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam hüten, denn das Kasperle

bekommt manchmal, sonderlich im Frühling, eine törichte Lust auszureißen,

und es könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt es immer

wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.«

»Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater, geschrieben,« sagte Meister

Friedolin, als er fertig gelesen hatte. »Und nun weiß ich auch, warum der

Händler Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer drin steckte. Das

echte Kasperle, nein so etwas! Und geschlafen hat es fast neunzig Jahre.«

»Ein Wunder, wirklich ein Wunder!« Frau Annettchen war die Geschichte

ordentlich unheimlich, und sie sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite

an.

Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich und ein bißchen

betrübt, und Liebetraut fühlte plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen

Kerl. Sie trat zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: »Ein

neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins ist ja ganz morsch.«

Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und er sah die Güte in ihren

Augen strahlen; da gewann er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und

bettelte: »Näh' mir gleich 'nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.«

Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim ein, und sie fragte

schnell: »Immer folgen und auch nicht ausreißen?«

»Nein, nicht ausreißen,« versprach Kasperle treuherzig.

»Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?« Liebetraut hielt des Kleinen Hand

fest, und der nickte wieder und beteuerte: »Ich reiße nicht aus, aber --

ich will auch nicht mehr in den Schrank.«

»I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!« sagte Meister Friedolin. Der

hatte nämlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er

schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut

emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen.

Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins

Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Märkten gefallen!

Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je

mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß

es plötzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über Mutter Annettchen

hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wußte, wie ihr geschah, saß das

Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen blanken

Zinntellern Fangeball zu spielen.

»Warte, du Irrwisch!« schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen

Seufzer. »I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!«

Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unnützer Schelm war er.

Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte

und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle oben, mal unten. Er

kroch in alle Ecken, und fand er ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er

ein großes Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen war, wußte er

freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er

wieder und die Namen wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame

Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle überhaupt etwas gar

zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte:

»Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unnütz

scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!«

Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. »Ich will nicht schlafen gehen, ich

will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und

bin nicht mehr müde.«

»Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich

ausgeschlafen haben!« sagte der Meister. »Kasperle mag aufbleiben.«

»Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte eine nette Wirtschaft

anrichten! Das geht nicht,« meinte Mutter Annettchen.

»Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel fertig.« Liebetraut

war schon dabei, für Kasperle ein neues Röcklein zu nähen.

Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte

ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre

das nicht, und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not.

So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und

das zappelige Kasperle versprach, es würde stille sein und nicht Tische,

Stühle und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine

Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nähte. »Mach' einen

Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen,« bettelte er.

»Warum denn?« Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein

wenig die Augen zu und brummelte: »Es brauchen doch nicht alle zu sehen,

daß ich ein Kasperle bin!«

»O Kasperle,« rief Liebetraut, »ich merke es schon, du denkst ans

Ausreißen! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten

Kasperlekittel. Da, die grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke

kommen alle darauf.«

Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als aber Liebetraut mahnte:

»Denk' an dein Versprechen!« da hing er die Nase und wurde still. Er sah

gleich ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: »Erzähle mir

was, Kasperle!«

»Erzähle du mir was, Liebetraut!« rief Kasperle. »Ach bitte, bitte, bitte,

Kasperle hört schrecklich gern Geschichten!«

»Na, dann paß' auf!« sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe

Geschichten zu erzählen, vom Wald, von Blumen, Bäumen, von schelmischen

Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und

erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle:

»Mehr, mehr!«

Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle ganz still war. Da

ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah -- Kasperle war

eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer

neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen,

das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nähte emsig weiter, merkte

es gar nicht, daß draußen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den

letzten Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen trat ein.

»Aber Mädchen,« rief diese, »die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und --«

»Kasperle ist eingeschlafen,« sagte Liebetraut, sie hob das fertige

Kittelchen hoch, »und ich bin fertig.«

»Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann!« Mutter

Annettchen lachte. »Ich hatte schon Angst,« redete sie weiter, »er würde

nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten ihn dann

wirklich in den Schrank sperren müssen.«

»Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,« schrie Kasperle

erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken

schoß er gleich einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! Da

purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an

den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: »Uff! Na, man merkt, daß

ein Kasperle im Hause ist!«

Drittes Kapitel

Was am Waldsee geschah

Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon

mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr.

Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er

irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den

Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann

wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube,

oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken

überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: »Warte, ich

stecke dich in den Schrank!« Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte

und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid.

Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze

kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach

immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die

nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und

Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an

dem unnützen Schelm.

Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging es wie einst vor bald hundert

Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald

gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und

mehr, wie schön es doch wäre, wenn er einmal wieder die weite Welt

durchstreifen könnte.

Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag:

»Denk' an dein Versprechen!« Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte

bei sich: Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder

es im Ofen verbrennen könnte, damit es weg wäre.

Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, ging Liebetraut nach

Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht

vor der Tür. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen herum,

alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle

recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war

es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es

mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde

recht böse auf den Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: »Geh zum

Meister!«

Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte

hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine

neuen Kasperlepuppen an. In Reih' und Glied waren die auf Holzpfählen

aufgestellt, eine sah drolliger aus als die andere, denn Meister Friedolin

hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.

»Heio,« schrie Kasperle, »das bin ich!« Und flink tippte er die erste Puppe

an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war.

»Ungeschick, du!« schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. »Marsch,

geh, du hast hier nichts zu suchen!«

Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er

lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann

gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenüber nicht. Und

ganz eilfertig rannte er ein Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar

gut. Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; die rauschten leise,

und unten am Boden blühten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig

davon. Ein Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor

sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte Kasperle, welchen Weg

er gehen sollte. Er schlug schließlich den Schattenweg ein und kam dabei

bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in

ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten

höchst vergnügt im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten mit

hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den

Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei

entdeckte er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er,

das ist fein! Jetzt werf' ich meinen Kasperlekittel fort und zieh' Jacke

und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner

Freude vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er

kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Höslein und eine blaue Jacke

heran und schlüpfte hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten

ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides wie angegossen. Er

hatte einen ungeheuren Spaß an der Geschichte, und als er fertig war, warf

er sich in das Gras und quiekte vor Vergnügen.

Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt hätten, dann hätten sie

Kasperles Lachen hören müssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und

tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen

nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile später,

als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte

der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jäcklein

schlüpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es

zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blähte

der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die beiden liederlich. »Sucht

nur!« schrie er. »Wer weiß, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab' mein

Zeug ordentlich beisammen.«

Das ging nun Fritz und Peterle doch über den Spaß. Sie meinten nun nicht

anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen

solchen Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und eins, zwei,

drei fielen sie über den Christophel her. Doch der war nicht faul und

wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im

Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe vor

Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im

Weiher ohnmächtig wurde. Da erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und

wer weiß, was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Herr Förster,

der durch den Wald ging, den Lärm gehört hätte. Der war flink zur Stelle;

er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu

stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er

einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen

hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif

und kerzengerade vor dem Förster stehen und vergaßen das Ausreißen.

»Na, warum habt ihr euch denn gehauen?« fragte der Förster schmunzelnd. »Es

ist euch wohl nicht warm genug?«

Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher!

und jedem brannte ein Bäcklein hochrot, denn der Förster hatte eine feste

Hand. Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah die drei

Schelme lachend an, und die fanden den Mut, ihm ihr Mißgeschick zu

erzählen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich

heftig, und beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare

gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, er packte

Christophel fest an den Schultern und fragte: »Hast du Jacke und Hosen

versteckt?«

»Nein!« Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Förster

treuherzig an, und der wußte da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt.

Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu

behüten hatte? Dem Förster schien das ganz unmöglich zu sein, er brummelte:

»Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?«

»Aber meins waren doch Hosen!« rief Fritz entrüstet.

Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schönau bis in den Wald

laufen, der Förster sah das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren

Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: »Lauft nur flink

heim; es wird euch irgend so ein unnützer Bengel aus Spaß die Sachen

genommen haben.«

»Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!« schrie das Fritzle, diesmal sehr

kläglich.

War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster sann nach. In seinem Hause

waren drei Buben groß geworden, sie waren jetzt schon in die Welt

hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An

seinem Haus nach Schönau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging

es durch den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein laufen. Höchstens

lachten die Vögel und die Bäume über das sonderbare Menschenkind. Der

Förster hieß also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne

Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.

Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein über die Gäste, die da ihr

Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch

wirklich von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die

holte sie vor, und es fanden sich richtig Höslein für das Fritzle und für

Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen ein

Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl

zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen

Sachen noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: »Wenn sich Hosen und

Jacke nicht finden, dann mögt ihr in Gottes Namen diese behalten!«

Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, sie kamen sich mit ihrem

Abenteuer höchst wichtig vor, und als sie in der Nähe von Schönau

Liebetraut trafen, erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und

Liebetraut sagte wie der Förster: »Da haben euch ein paar einen Schabernack

gespielt; ein paar rechte Taugenichtse müssen es gewesen sein.«

Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen

war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten

Dorfhaus sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, der es nur

hören wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jaköble vom

Müller könnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und

die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch

und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle

Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel

hätten beinahe von ihren entrüsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten

sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die

sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte sich darüber auf, wer

es gewesen sein könnte.

Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und

wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich

um, als könnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. Dabei

sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, wie ein großer, bunter Lappen

sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher,

und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: »Kasperle, aber

Kasperle, was machst du hier?«

Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur

Kasperles Kittel, der da zwischen den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein

wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem

war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben

ein, die um Hose und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht

stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel

vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu.

Sie riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu:

»Wo ist Kasperle?«

»Draußen beim Vater,« antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen

richtete.

Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte

Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle

fragte. »Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!«

Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte

das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen

und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab

keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald

hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein

Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel

schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden

Stimmen durch den Wald: »Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!«

Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als

er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen,

und alle drei klagten betrübt: »Unser Kasperle ist ausgerissen!« Sie

dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, die der unnütze kleine Schelm

gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten.

Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren

schlimmen kleinen Kameraden. »Ach Kasperle, Kasperle,« klagte sie, »warum

hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!«

Viertes Kapitel

In Protzendorf beim Bauer Strohkopf

Wo aber war das Kasperle hingelaufen?

Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt,

froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles

Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite

Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau

und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus

einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den

Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch

wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude

über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu

schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe

wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt. Doch da lag ein großer Stein

auf dem Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein

Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte

nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um.

Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhäbig

sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer

Bäuerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen.

Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch

fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein,

und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen

Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und

dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte

zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und

trabte dann ins Dorf hinein.

Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf,

hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war

so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren,

ihn den »faulen Matthias« nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben

sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein

Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen

Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte.

Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen

Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief

herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins,

und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der

halbe Teller leergegessen.

Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht

widerfahren. »Du Frechdachs!« schrie er, hob seine dicke Hand und wollte

Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und

Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. »Ich

hatt' so argen Hunger!« klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches

verschmitztes Gesicht, daß »der faule Matthias« trotz seinem Ärger lachen

mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie

gesehen. »Woher kommst du denn?« schrie er ihn an.

Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und

klagte: »Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab'

niemand mehr auf der weiten Welt.«

Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer

ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: »Das ist noch kein Grund, um andern

den Kuchen wegzufressen,« aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle

näherkommen.

Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er

nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen

glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte

gnädig: »Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich's dir nicht

nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich

meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der

reiche Strohkopf dich aufnimmt?«

Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn

was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht

nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer

als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch

mal, das ist eine Ehre! -- Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem

Hause kam, rief er dem zu: »Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da,

nimm ihn mit!«

Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er

dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und

schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er

zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: »Da!« schob Kasperle

hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden,

dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.

Kasperle auf Reisen: Eine lustige Geschichte · 第 1 / 10 段