Wir sahen ihn seinen Nachen ablösen --

»Achtzig Jahre!«

»Und er zwingt die Strömung immer noch,« sagte der Vetter. »Manch ein

starker, jüngerer Mann würde bei dieser Arbeit bald müde werden.«

Da war der Kahn und schob sich scharrend mit dem Vorderteil auf den

Kies, und --

»Wat kümmt mi denn da?« fragte der Vater Klaus, und auch an dem Wort und

heiseren Laut hatte sich im Laufe der Jahre gar nichts verändert. »I, da

seh' einer, der ganze Steinhof! Ach ja, ich weiß ja schon! Ach ja, der

Herr Förster. Der Bote heute morgen hatte es wieder mal recht eilig --

es tut mir recht leid um den Herrn Oberförster. Ja, ja, da hilft es

weiter nichts: steigt ein, gnädige Herrschaft, Frau Gräfin, und der Herr

Vetter auch. Ja, aber, aber, wie ist mir denn? den anderen Herrn da

sollte ich doch auch schon kennen?«

»Ein alter und hoffentlich auch heute noch guter Bekannter, Vater,« rief

ich, beide harte Hände des greisen Fährmanns ergreifend. »Fritz

Langreuter!«

»Richtig!« rief der Alte. »I, das wußte ich doch auch wohl! Dazu habe

ich Sie doch wohl oft genug mit dem anderen kleinen Fräulein über die

Weser befördert. I, sehen Sie mal! und nun müssen Sie, mit Erlaubnis,

gerade heute zu dieser traurigen Gelegenheit zum ersten Mal wieder in

mein Schiff kommen! Ja, wo haben Sie denn die ganzen lieben, langen

Jahre gesteckt, wenn ich so frei sein darf?! Daß Sie ein grausamer

Gelehrter bei der Weile geworden sind, das habe ich wohl gehört, und

ansehen tue ich es Ihnen jetzo auch. Na, das freut mich aber bei allem

Leidwesen. Ja, dann steigen Sie auch mal wieder ein, Herr -- Fritze, mit

Erlaubnis zu sagen. Es wundert Sie wohl ein bißchen, daß Sie mich und

die Weser immer noch zwischen Werden und dem Steinhofe an Ort und Stelle

finden? Ja, so hat jedes seinen Lauf und sein Bestehen!«

Nun schwammen wir wieder auf dem Wasser, und ich ließ noch einmal die

warme Sommerflut des Stromes über die Hand fließen. Und ganz wie damals

flüsterte mir der alte Schiffs- und Fischersmann zu:

»Ja, ja, ich weiß es wohl, daß es in Werden nicht gut steht, Herr

Langreuter. Aber der Herr Förster hat ja, Gott sei Dank, ein reinlich

Blut und gut Gewissen, und wenn er, gegen mich gehalten, auch noch ein

ziemlich junger Mensche ist, so ist er doch auch ziemlich bei Jahren,

und da ist es immer das beste für die Angehörigen, Vernunft anzunehmen

und sich und dem anderen den Abschied nicht schwerer zu machen, als

notwendig ist. Wisset ihr, Herr Vetter Everstein und die gnädige junge

Frau dazu, wüßte ich nur ganz gewiß, daß mir während meiner Abwesenheit

allhier an dieser Stelle kein Schaden und Spitzbubenstreich passierte,

so ginge ich wahrhaftig gern mit euch, um mir für demnächst ein gutes

Exempel an dem Förster zu nehmen.«

»Da kommt nur dreist mit, Vater Klaus,« meinte Just, »ich stehe für

allen Schaden. Wer weiß, welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am

Bette geben könnt.«

Aber der Greis schüttelte den Kopf:

»Es geht nicht, und es schickt sich nicht. Seit ich denken kann, ist

dies mein Ort, wo ich die Weser, die Schiffe, die Jahreszeit, die

Menschen und das Gewölke passieren und bleiben sehe. Es ist nur eine

Kabache da im Röhricht, aber doch mein altes festes Nest, und jeder

Schritt davon weg ist mir aus der Gewohnheit. Ein alter Kerl bin ich

hier geworden, aber als ein ganz anderer Kerl käme ich heute nacht von

Werden nach Hause; aber -- holla -- seht einmal das Gewölk! Das kommt

diesmal doch schneller herauf, als ich gedacht habe! Und hör' einer! da

probiert der Herr Kantor auch schon seine große Orgel. Na, na, nun rate

ich lieber den Herrschaften, daß sie wieder mal ein Stündchen bei mir

unterkriechen und das Schlimmste vorüberlassen.«

Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen, doch jetzt taten wir's,

wie angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her. Was wir

für ein langsam zögernd Schleichen genommen hatten, das war raschester,

rasendster Flug gewesen. Das Gewitter war da wie das Schicksal, welches

uns auf diesen Weg geführt hatte, und wir standen unter dem Druck des

einen nicht anders als unter dem des anderen.

»Ihr Mannesvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein, und

dann müßt ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen,« rief

der Vater Klaus. »Die gnädigste Gräfin oder Frau Baronin muß es mir

nicht übel nehmen, sie ist mir, je länger ich sie ansehe, immer noch wie

das Kind und junge Fräulein Komtesse von Schloß Werden, und das alte

Kesselchen singt noch auf dem alten Herde, Fräulein Gräfin, und ein

frisch Paket Zichorien hab' ich auch von Bodenwerder. Sie haben doch

sonst schon vorlieb bei mir genommen, -- ach ja, ein bißchen mehr Kinder

waren wir dazumalen wohl noch, und die beiden jungen Leute aus dem

Försterhause waren dann auch immer dabei. Ich habe es wohl gehört, daß

sie alle währenddem mancherlei erlebt haben in der Welt, aber denken

kann ich mir's eigentlich nicht; denn ich selber habe ja nichts erlebt,

von welchem ich viel wüßte; außer daß ich ein bißchen älter geworden

bin. Der Regen ist schon da; -- nun kommen Sie nur noch mal herein zum

Vater Klaus -- lange anhalten wird's ja wohl nicht.«

»Ich ginge am liebsten weiter,« sagte Irene. »Ich möchte so schnell als

möglich zu Eva.«

Das ging nun wohl nicht an. Das Unwetter war da, und schon fegte der

Regen in Stößen vom jenseitigen Ufer her über den Fluß. Alle lichten

Farben wurden zu einem trüben Grau ausgewischt, das Ufergebüsch und

Schilf wie von tausend ärgerlichen Fäusten geschüttelt und nach Osten

hin zu Boden gedrückt. Auf das Dach der Fischerhütte rauschte und

rasselte es nieder, und wir saßen an dem Tage eine gute Stunde an dem

Feuerherde des Vaters Klaus, horchten auf den Donner über unseren

Köpfen, »warteten das Gewitter ab« und ließen unserem grauen Fährmann

und Gastfreund das Wort. Wie er es führte, hätte wohl keiner von uns

etwas Besseres, Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage fördern

können.

»Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich Sie jetzt nennen muß,« wendete

er sich an unsere Begleiterin. »Am liebsten hieße ich Sie wie sonst:

liebes Fräulein Gräfin oder Komtesse; aber das ist es ja wohl nicht

mehr?«

»Liebe Frau Irene, Vater Klaus!« und ganz leise fügte sie hinzu: »Arme

Irene! -- Ich habe von dem mancherlei, was ich in der Welt erlebte,

nichts weiter nach Hause -- nach dem Steinhofe gebracht als meinen

spottenden Taufnamen. Wer es noch gut mit mir meint, der nennt mich bloß

bei diesem. Ich bin eine arme Frau Irene geworden, Vater Klaus!«

Der Alte schüttelte das Haupt:

»Hm, hm, es ist doch sonderbar! Da wo Sie jetzo sitzen, _Fräulein

Gräfin_, da saß gestern gegen Abend mein bester Freund, seit ich denken

kann, auch mal wieder! Nämlich der ganze Nichtsnutz von dem Försterhofe

in Werden; und ich dachte wirklich zuerst, er sei meinetwegen da; aber

er nahm gar kein Blatt vor den Mund, sondern wollte einfach nur von hier

aus über die Weser gucken, und als ich ihn dann fragte, wie ich ihn

jetzo betitulieren müßte, meinte er gerade so, sein Taufname wäre ihm

das Liebste, und weiter hätte er für die hiesige Gegend hoffentlich auch

nichts mit aus der Fremde gebracht. Und als ich darauf nicht einging,

sondern ihn darauf anredete, daß er ja kurioserweise Schloß Werden

käuflich an sich gebracht habe, wurde er auf einmal aus aller Wehmut

heraus ganz der Alte und sagte: Klaus, Vater Klaus, zwei Esel haben

eigentlich nicht Platz hier im Fischkasten! -- Na, das freute mich denn

recht, obgleich er eigentlich gleich wieder in seine Trübseligkeit

hineinfiel; aber auf dem richtigen Fuß waren wir wieder, und ich habe

ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen geheißen, und dann haben wir,

weil eben nicht so 'n Unwetter wie jetzo war, unter unserem alten Strunk

gesessen und zusammen über mein Wasser geguckt und wirklich recht

vielerlei von -- der lieben Frau Irene zusammen gesprochen.«

»Wann war denn dies wohl, Meister Klaus?« fragte ich mit einem

verstohlenen Blick auf die von uns weg in die Tür tretende und die Hand

in den jetzt schon leiser rauschenden Regen streckende Frau.

»Nun, ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr. Herr Ewald wird wohl

erst ziemlich spät in der Nacht nach Hause gekommen sein. Er hatte vor,

auf dem Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen. Es sind da eine

Menge Örter, die ich noch einmal wiedersehen muß, ehe ich mich wieder

auf die Wanderschaft mache, Vater Klaus! sagte er. -- Ja, er sprach ein

Langes und Breites darüber, wie schlecht es ihm zu Hause gefiele. Und

ich denke doch, mein lieber Gott, daß es doch nicht jedermann alle Tage

passiert, daß er mit soviel Glück in der Tasche aus der Fremde in das

alte Nest fällt wie der. Aber ein aparter Mensch war der immer und schon

von Jungensbeinen an. Den Herrn Ewald Sixtus meine ich. Uh, wer so

manche Nacht wie der hier bei mir in der Köte gelegen hat und in das

Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten

hineingesprochen hat, den soll der Vater Klaus doch wohl kennen, wenn er

als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit den Funken und

Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem dummen Kerl.

Nicht wahr, Herr Vetter Just?«

»Das meine ich auch, alter Freund!« rief der Vetter mit

außergewöhnlicher Energie. »Nun, wie sieht es draußen aus -- liebe Frau

Irene? Gestern abend, als du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder

zogest, seid ihr ja wohl auch ziemlich bis hier in die Gegend gekommen?

Erzähltest du mir nicht davon, Fritz, als wir heute morgen deinen

Schreibebrief nach Werden beredeten? Und von allerhand unsinnigen

Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch geschwatzt. Und da

war doch bloß die Weser zwischen euch und dem alten guten Freunde, dem

Vater Klaus. Wenn ich je in der Welt einem so guten Freunde wieder so

nahe gekommen bin, dann habe ich ihm immer auch einen Besuch

abgestattet!« ...

Die Frau Irene stand noch immer, den Ellenbogen an den Türpfosten der

Hütte lehnend. Über den Herd des Vater Klaus sich beugend, flüsterte mir

der Vetter Just zu:

»Tausend Schritte weiter und -- Hol über!... Deinen Brief behalte ich

zum Andenken an diese Tage!« -- -- Laut, fast fröhlich rief er dann:

»Du hast noch nicht geantwortet, Irene. Was macht das Wetter auf Erden,

und wie guckt der Himmel drein? Ich meine, der Regen läßt doch immer

merklicher nach.«

Die Frau wendete sich, und ein Fremder hätte ihr nicht angemerkt, wie

schwer jedes Wort, das in dieser Fischerhütte gesprochen worden war, auf

ihrer Seele wog, und daß ihr mit Ausnahme dessen, was der Vetter Just

leise mir ins Ohr gerufen hatte, keines entgangen war.

»Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal

wieder so bewährt,« sagte sie. »Es war ein rascher Übergang. Vom

Steinhof her scheint wirklich schon die Sonne in die Tropfen, und es ist

alles gegen Schloß Werden gezogen.«

»Und auch dort wird's ein Übergang sein,« meinte der Greis. »Die Berge

da machen keine Wetterscheide aus. Was über die Weser 'rüber ist, hat

freie Bahn vor sich und mag gehen oder sich verlaufen, wie und wo es

will. Da ist weiter kein Aufenthalt mehr. Geschickt wird ja jedes

Gewölke, aber dorthinzu ist das denn doch wieder, als ob alles Wetter

frei seinem Schicksal überlassen worden wäre, und so weiß nie einer

genau, was er davon halten und sagen soll. Es ist eben alles Witterung.«

»Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen,« sagte Irene, dem

Fischer die Hand reichend. »So nehmt denn auch heute unseren schönsten

Dank für freundlichen Schutz, gute Bewirtung und jedes gute Wort, was

Ihr uns gesagt habt, Vater Klaus. Fast ist es doch, als hätten wir ganz

vergessen, was uns eigentlich auf diesen Weg getrieben hat. Nun wollen

wir aber nur noch an dieses denken und rasch weiter; nicht wahr, meine

Herren?! Ich muß zu meiner armen Eva, und es soll mich keine

Erdenwitterung mehr aufhalten. Ade, Vater Klaus. Wenn ich zurückkomme,

gehe ich nicht über Bodenwerder -- Ihr nehmt mich wieder auf in Euren

Kahn.«

»Allein oder in Gesellschaft -- wie es sich schickt,« brummte der greise

treue Schiffsmann, die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten,

knochigen Tatzen haltend. »Herrschaften, findet ihr den Förster noch, so

grüßt ihn von mir; -- auf einen Hasen legt da dem lieben Gott sein

Jägersmann nicht an; also sprecht's ihm nur dreiste heraus, daß ich fest

auf ihn rechne, was das Quartiermachen anbetrifft. Finden Sie ihn nicht

mehr, Herr Vetter Just, und Sie, Berliner, na so brauchen Sie auch

nichts an ihn bestellen, sondern nur gut mit den zwei jungen Leuten

umzugehen. Ich finde meinen Weg schon. Adjes alle! Es ist mir, abgesehen

von dem schlimmen Malheur, eine große Freude gewesen.«

Wir traten heraus aus der Hütte in das letzte, jetzt auch schon auf

diesem Ufer der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprühe des

Sommergewitters und atmeten aus tiefster Brust wohlig auf; ich aber

vernahm noch, wie der Meister Klaus, den sehr schlimmen Tabak in seiner

kurzen Holzpfeife niederdrückend, brummte:

»Jawohl, am Ende läßt sich doch niemand recht Zeit, als solch ein alter

Fischersmann, der da weiß, daß die Fische nicht zu jeder Stunde beißen,

und der mit den Reusen umzugehen weiß, und weiß, daß alles erst zu

seiner Zeit kommt; aber dann auch ganz richtig und auf den Punkt. Ja,

ja, lauft nur zu; -- ich hab' euch ja schon gefahren, als ihr noch in

euren Kinderschuhen liefet.«

Ich winkte ihm darob noch einmal lächelnd zu:

»Und es ist Eure feste Meinung, daß wir noch immer darin laufen, Vater

Klaus?«

»Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen,« rief der Alte grinsend

mir nach. »Aber eine hübsche Luft wird es immer nach solch einem

Gewitter, Herr Langreuter; und die paar Tropfen, die Sie jetzo unterwegs

noch auf den Pelz kriegen, die können Sie sich darum schon gefallen

lassen; und, lieber Herr Fritz, bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz

dreist den Herrn Ewald danach, was gestern meine Meinung gewesen ist.«

Nun glänzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und über uns der

erfrischte Hochwald. Die großen gelben und schwarzen Schnecken krochen

auf allen Pfaden; Menschen begegneten uns nicht. Wir gingen stumm zu,

und nur wenn wir an einer außergewöhnlich schlüpfrigen und steilen

Stelle unserer Begleiterin die Hand boten, sprach sie ein leises

Dankeswort. Und wieder einmal lag, als wir endlich aus dem Walde

hervortraten, Schloß Werden zu unserer Rechten im Sonnenuntergangsglanze

da, und das scheidende Licht blitzte rot aus den hohen Fenstern des

Oberstockes uns entgegen. Ich sah mit einigem Bangen auf die bleiche

Frau mir zur Seite und fing einen ganz ähnlichen Blick des Vetters Just

auf. Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach den

Giebeln des väterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes

rascher zu auf dem Wege gegen das Dorf. An dem ersten Hofe schon

erfuhren wir von einem Kinde, daß der Herr Oberförster tot sei; und ein

junges Mädchen, das am Gartentor strickte, bestätigte die Nachricht und

fügte hinzu: »Gerade, als das Unwetter anging.«

Wir gingen nun durchs Dorf. Alle Leute vor den Türen grüßten uns

herzlich, aber still. Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die

Köpfe zusammen und flüsterten miteinander. An den Vetter Just trat hier

und da einer heran und gab ihm die Hand: »Also Sie haben es auch schon

vernommen?« -- Jeder aber sprach viel leiser, als es sonst dort die

Gewohnheit des Ortes ist.

»Und der junge Herr Sixtus? und Fräulein Eva, Gevatter Reitemeyer?«

»Die sitzen ganz still auf der Bank vor der Försterei. Sie haben sich ja

wohl gottlob ganz gut in das Geschick gefunden. Sein Alter hatte der

alte Herr, vor Krankheit hat er immer sein Grauen gehabt und seinen Spaß

darüber gemacht. Hier im Dorfe bei uns ist niemand, der ihm nicht das

Beste wünscht, und solange man denken kann, kann man Werden nicht ohne

ihn sich denken. Auf dem Wege zu seinem Unfall ist er mir heute morgen

noch begegnet. Das mußte ja wohl so sein sollen, denn er hatte es kurios

eilig und war doch sonst ein recht ruhiger, langsamer und sedater Herr.

Gehen Sie nur ruhig hin! Das Unwetter hat Sie wohl ein bißchen unterwegs

aufgehalten? Es ist aber wirklich recht angenehm danach geworden. Sie

haben Ihr Heu wohl auch schon trocken herein auf dem Steinhofe, Herr

Just?«

Wir blieben dieser Unterhaltung wegen nicht stehen, und so kamen wir zu

dem Försterhause und fanden, wie die Leute es uns berichtet hatten,

Bruder und Schwester auf der Bank vor der Haustür im dämmerigen

Ulmenschatten beieinander sitzend. Hinter ihnen standen die

Stubenfenster wie immer weit offen und ließen den Regenduft und die

Frische des nahenden Abends frei ein; der alte Herr aber saß nicht mehr

am Fenster, sondern lag ausgestreckt, »ruhig und sedate« auf seinem

Lager. Auch alle Türen standen in gewohnter Weise geöffnet; die Hunde

des alten Herrn lagen zu den Füßen des Geschwisterpaares, und nur von

Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, ging hinein und legte den Kopf

auf das so schnell dort bereitete Bett und kam wieder heraus und legte

den Kopf auf Evas Knie und sah wie fragend sie an.

Das schreibe ich aber hier, weil es den ganzen Abend so blieb, nachdem

wir uns zu den Geschwistern gesetzt hatten.

Als wir in das Hoftor traten, schlug einer der Hunde leise an. Ewald und

Eva standen auf, und der Ingenieur aus Irland legte die Hand auf die

Fensterbrüstung hinter sich, wie um sich zu halten. Doch Irene verließ

den Arm des Vetters Just, ging rasch hin und hielt die Jugendfreundin im

Arm und küßte sie und sagte:

»Da bin ich... Nun sei nur still... Du sollst mir alles erzählen!«

Eva Sixtus weinte heftig, und Ewald gab uns Männern stumm die Hand.

»Er sieht aus, als ob er schliefe!... O, er sieht zu gut und schön aus

für den Tod!« schluchzte Eva; und dann gingen wir alle, von den Hunden

begleitet, in die Stube, und er sah freilich schön und gut aus in seinem

weißen Haar, und gottlob nicht anders, als ob er schliefe!...

»O Just, o lieber Just!« schluchzte Eva Sixtus, und nun war sie mit ihm

und war bei ihm gut aufgehoben in diesen tränenreichen Stunden und

Tagen. Sie konnte auch das Haus verlassen, in welchem sie geboren worden

war.

Sechzehntes Kapitel.

Und Ewald und Irene? Was sagten und taten die denn? Das ward nun eine

Nacht, in der viele Geister umgingen in Werden -- Schloß und Dorf; doch

über ^miracula et portenta^, von großen Wundern und »Wunderzeychen« am

Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht

das geringste zu berichten.

Jene beiden Leute begrüßten sich zuerst, wie es sich nach der langen

Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte, ernst und freundlich.

Zu dem, was die Welt eine Auseinandersetzung nennt, kam es fürs erste

noch nicht, denn teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu

vor, und auch der jetzige Pastor des Ortes kam noch einmal und saß eine

geraume Weile. Er beging vielleicht die einzige Indiskretion an diesem

Abend, indem er den irischen Ingenieur recht lobte und _seine_ Heimkehr

»so gerade zur rechten Zeit leider!« mit allen ihren Umständen als etwas

sehr Löbliches und Verdienstliches pries, und sich dabei stets mit

seiner Rede an die Frau Irene wendete.

Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr

hinter uns in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort

darein und half uns auch hierüber hinweg.

Auf den Spielplätzen des Dorfes verklang allgemach der Lärm der

Dorfkinder. Es wurde Nacht, und auch der gutmütige, wohlmeinende

geistliche Herr ging nach Hause, höflich von dem Vetter Just bis zum

Hoftor begleitet.

»Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe Irene,« sagte jetzt der

Irländer leise; doch die Frau antwortete mit merkwürdig fester und

klarer Stimme:

»Ja, lieber Ewald; es ist sehr lange her, und nun führt uns eine so

traurige Gelegenheit wieder zusammen! Dir ist es aber gottlob gut

ergangen auf deinem Lebenswege, du hast vieles ausgerichtet; ich habe

den Vetter Just und hier den Doktor Fritz gern davon erzählen hören --«

Hier räusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte:

»Hm, hm, hm.«

»Mein Bruder --« wollte Eva einfallen, doch ich faßte rasch nach ihrer

Hand, und die Frau Irene fuhr fort, und der energische Wille, sich

nichts vergeben zu haben, kämpfte bedenklich mit noch unterdrückten

Tränen:

»Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich.«

»Ja, liebe Irene!« sagte der Freund. »Ich weiß das nur zu genau. Ja, ich

habe es leicht gehabt und viel Glück!« -- Seine Stimme aber wurde rauh

und hart, als er hinzufügte: »Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt, an

meines Vaters Haus zu denken, um dir das deinige wiederzugewinnen!«

»Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!... O Eva, Eva, liebe, liebe

Schwester, behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese

Nacht!... Nein, nein!... Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierher

gekommen? wo soll ich bleiben?«

Zum ersten Mal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die

Stimme des Vetters ärgerlich, ja fast böse, als er sich erhob und sagte:

»Bei mir -- Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorüber. Auf Schloß

Werden, Gräfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest

als alter amerikanischer Hinterwäldler und Baumfäller ein Strohlager und

ein Bund Heu unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat

zwei Lichter neben sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtig

machen, Ewald! Ich, Just Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentümer

und Herr von Schloß Werden!« ...

Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die

das Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Käfichts am

meisten interessiert; ich aber verspüre an dieser Stelle am

allerwenigsten das Bedürfnis, die Frau Baronin Rehlen interessant zu

machen durch ihr Flattern und Flügelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.

Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen

Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches,

freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschließen. Irene stand an

Ewalds Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise

und flüsterte:

»Kannst du mich denn noch lieb haben?«

Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! er hätte wirklich

schon von Geburt aus als Irländer in diese nüchtern-tragische Welt

hineingesetzt werden sollen.

Dem Weinen war er gleichfalls näher als dem Lachen, und seine Stimme

zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine

Liebe fester an sein Herz zog; aber doch mußte es heraus und kam ganz in

der alten Dummen-Jungen-Weise:

»Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mädchen! Aber -- bei den

ewigen Göttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug

gemacht haben -- den Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide,

mein Herz, mein liebes, liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach

Schloß Werden; aber der Vetter da, -- der Vetter Just Everstein, der war

von Gottes Gnaden allewege der Gescheiteste von uns und hat mit unserer

Schwester da allein die Gabe, _alles ruhig abzumachen_. Du und ich, mein

Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden müssen für

uns mit wissen, was mit Schloß Werden anzufangen ist!«

Von Schloß Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen

Morgen, und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle

diese Nacht unter dem nämlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem

sehr festen Schlaf. Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben

konnte daß wichtigste, unaufschiebbare Geschäfte mich augenblicklich

nach Berlin zurückriefen und meine Gegenwart bei dem Begräbnis -- bei

dem Schmerz und dem Trost der alten Heimat unmöglich machten.

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus.

Wahrscheinlich weil irgend etwas -- was, kann ich nicht sagen -- meinte:

So mag er doch wenigstens den Historiographen festhalten! -- Im

Unterstock des Hauses traf ich nur die bleiche, traurige Eva an der Tür

der Wohnstube. Sie hatte jetzt ein weißes Laken über den toten Vater

gelegt, und ich erhob das Tuch nicht mehr. Ich wollte mir die Erinnerung

an das schöne, ruhige Greisengesicht von gestern abend unversehrt

erhalten, und ich wußte es, wie der alte Maulwurf, das Leben, in dem an

der Arbeit bleibt, was der Mensch einen Leichnam nennt.

Als ich mich nach den anderen erkundigte, erfuhr ich, daß Ewald zum

Meister Dröge, dem Dorftischler, gegangen sei, und daß Irene ihn

begleitet habe.

»Und Vetter Just?«

»Just wirst du wohl im Garten finden. Ich habe den Kaffeetisch dort

hergerichtet. O Gott, es ist ein so schöner Morgen -- o Fritz, ich kann

es mir noch immer nicht denken!... Er war so vergnügt und gut, als er

gestern in diese nämliche Morgensonne hinein wegging! Er holte sich noch

bei mir in der Küche Feuer für seine liebe alte Pfeife, und ich sah ihm

nicht einmal nach und gab ihm das Geleit wie sonst bis ans Hoftor, und

nun muß ich ihn in alle Ewigkeit mit seinem weißen Haar und seinem guten

freundlichen Gesicht bei mir am Herde stehen sehen!... Ein paar Stunden

später, in denen ich nicht einmal an ihn dachte, brachten sie ihn

zurück!« ...

Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten, und ich

hielt es auch nicht lange allein daran aus, in dem schönen Licht und

Schatten, unter den Sommerblumen ringsum, dem Bienensummen, Käfer- und

Schmetterlingsflug.

»Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee,« sagte ein Dorfkind,

das in die kleine Pforte in der grünen Hecke guckte; und auch ich trat

aus diesem Gartentürchen auf die Landstraße.

»Er ist nach dem Schlosse zu,« meinte die kleine barfüßige,

flachshaarige Ostfalin, und ich kannte den Weg, der auch von hier aus

quer über die Landstraße nach Schloß Werden führte, und so ging ich dem

Vetter Just Everstein nach, -- wohl tief in Gedanken wie er, und in

ähnlichen, wenn auch nicht ganz in den gleichen.

In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin, wohnte der

Meister Dröge, der Tischler. Die helle, staubige Landstraße führte an

seinem Eigentum und dem Wiesenfleck, auf dem er seinen Vorrat von

glatten Brettern und Balken aufgeschichtet hatte, vorüber und ließ es

zur Linken. Rechts aber führte ohne Steg durch den mit Gras, Sternblumen

und Kletten, Brennesseln und Thymian ausgefüllten Chausseegraben der

Schlupfweg durch jetzt noch im Tau funkelndes, wirres Gestrüpp und

Gebüsch, untermischt mit einzelnen höheren Bäumen, nach dem verwünschten

Schloß, dem alten, teuren Nest, in dem auch ich flügge geworden war.

In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit; ich hörte

seinen Hammer laut und deutlich genug. Eines seiner Kinder war's

gewesen, das mir den Weg angedeutet hatte, auf dem ich den Vetter Just

finden konnte.

Aber ich zögerte, ehe ich ihm folgte. Auf dem sonnigen Wiesenflecke, auf

einer Lage jener glatten, weißen Tannenbretter, von denen der Meister

Schreiner eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch

verwendet hatte und an denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes

klang, saßen Ewald und Irene, dem Dorfe Werden und mir den Rücken

zuwendend.

Sie saßen Hand in Hand, doch nicht dicht beisammen. Tief niedergebeugt,

das Haupt in der Hand, saß der Freund; und ob sie auch miteinander

gesprochen hatten, jetzt redeten sie nicht miteinander. Sie saßen still

und horchten auf den Hammer, der die Nägel scharf und hell und doch auch

wieder melodisch in das weiche Holz trieb. Kein Glockengeläut konnte

feierlicher in einen Brautmorgen hineinklingen, und ich wagte es

wahrlich nicht, diese zwei Verlobten anzureden. -- -- --

Der Pfad durch das taufunkelnde Gebüsch nahm mich auf und hinter mir

verhallte dieser ernste, bedeutungsvolle Hammerschlag. Durch hohes,

gelbes Kornfeld zog sich der enge Weg, die Lerchen hingen unsichtbar --

fröhlich darüber; und -- seltsam! gerade in diesem Augenblick drängten

sich die Bilder und Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins --

die bekannte Umgebung meines ruhigen Einsiedlerlebens durch mein

Gedächtnis. Meine vier Wände in Berlin, die Bücher an den Wänden und der

Blick durchs Fenster in die bunte lärmende Gasse. -- Du träumst,

Friedrich Langreuter? Was aber ist nun ein Traum?... Besinne dich! -- --

»Wo bist du eigentlich, Fritz?« fragte der Vetter Just. »Du stiegest

über den Hof weg wie ein Nachtwandler. Wie siehst du denn aus, Doktor?

Wie stolperst du her?... Freilich, Steine des Anstoßes liegen hier genug

im Wege!«

Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schloßhofe von Werden, und der

Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe

zu.

»Es ist mir übrigens lieb, daß du kommst,« brummte er. »Komm nur dreist

herauf, ich werde dich nicht mehr auslachen, wenn du behauptest, daß es

hier umgehe. Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies

alte Gemäuer herum, und immer ist's mir, als schleiche etwas hinter mir

drein oder sehe gar aus dem Fenster auf mich herunter. Die Sache ist mir

nun doch außer allem Spaß!... Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe

Herr von Schloß Werden!... Den Irländer kenne ich. Der Strick hält mich

am Wort, wenn ich es selber nicht zurücknehme. Und er hat auch recht!

Was will er mit seinem Weibe hier?... In die Försterei setzt die

Regierung einen neuen Mann in Grün; -- alles für uns ausgeflogene

Nester!... Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe; das wäre mir

wirklich eine Burgfrau hier, die Bäuerin vom Steinhofe, mit Jule Grote

als ^Stewardess^!... Sahst du auch die beiden -- ich meine Ewald und

Irene -- auf der Wiese des Meisters Dröge? Das ist mir nun ganz klar und

deutlich, als flösse schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schloß

Werden. Es weiß keiner etwas anzufangen mit Schloß Werden und -- ich

auch nicht! Doktor, was meinst du, wenn _du_ es von mir in Pacht

nähmest?«

Ich glaube fest, daß ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas

weitgeöffnetem Munde angesehen habe; es war aber nur eine

Schulmeister-Reminiszenz aus Neu-Minden von ihm, wie sich gleich

auswies.

»Ländereien nicht vorhanden,« sagte er, »aber genügend Gartenland zu

Spielplätzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehört.

Ausgezeichnetes Trinkwasser -- gesunde Lage, frische Luft. Wald ringsum.

Fritz, so 'ne Erziehungsanstalt für unverbesserliche Jungen aus den

besten Familien!... Mit der Miete würde ich dich nicht drängen, zum

Inventar würde ich zuschießen; wir behielten dich hier in der Nähe, gut

zahlende junge Engländer schickte Ewald, deine Berliner brächtest du dir

selber mit. Gekommen ist mir diese Idee freilich eben erst, seit du hier

bei mir stehst: aber -- überlege dir mal die Sache!«

Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts träumen lassen, als

ich mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten,

wunderlichen, traurigen und doch so von der Sonne überglänzten und vom

Grün umrauschten gegenwärtigen Tagen plötzlich und ohne daß ich es

wußte, wie es zuging, in mein einsames großstädtisches Gelehrtendasein

zurückverloren hatte. Es war seltsam, aber wegleugnen ließ es sich

nicht; ein gewisses leises, unbestimmtes Heimwehgefühl hatte sich

bemerkbar gemacht: Wohin gehst du, Friedrich Langreuter, wenn sich nun

in der allernächsten Zeit dieser Kreis, der sich hier so schicksalsvoll

geschlossen hatte, wieder auflöst? Sie sind nun am Ende doch alle

geborgen. Aber du, Fritz Langreuter, wenn du nun morgen mitgegangen bist

zu der letzten friedlichen Ruhestätte des guten, alten, treuen Freundes?

Wohin gehst du, wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurückgekommen seid und

für die übrigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder aufwärts

drehen wird? Was bleibt dir in den Händen als Gewinn von dieser

melancholisch-süßen Reise nach Schloß und Dorf Werden -- der Fahrt in

die Jugend zurück?

Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der

treffliche Rat des Freundes, aus Schloß Werden ein Erziehungsinstitut zu

machen, hinein. Ich mußte auch lachen, aber heiter kam das gerade nicht

heraus; und dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lächeln

auf dem ehrlichen, breiten Gesicht weitbeinig, die Hände auf dem Rücken,

vor mir:

»Na?! Was sagst du zu meinem Vorschlag?«

»Daß dies ganz der richtige Just Everstein ist. Neu-Minden, wie es leibt

und lebt. Ja, wenn nur ein jeder am Wege gesessen hätte wie dieser

Mensch hier, und Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten

Broeder gezogen hätte! Ich danke dir herzlich, Vetter Just; aber -- für

mich wäre das wirklich das letzte.«

»Dann ist mir Schloß Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen

worden,« seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf

eines der Bretter, mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des

Gebäudes teilweise vernagelt waren. »Es wird wieder mal allerlei von

einer festen Brücke bei Bodenwerder geschwatzt und geschrieben. Da

könnte ich vielleicht einen Teil der Steine los werden. Schade, daß

unser Landsmann, der Freiherr von Münchhausen, sein Wort bei den

maßgebenden Behörden nicht mehr dazu geben kann! Über das Gartenland

wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden verständigen,

Gewissensbisse mache ich mir nicht darüber, wenn du auch nicht gerade

jetzt mit Irene Everstein darüber zu sprechen brauchst. -- Everstein?

Everstein? Was würde der Herr Graf dazu sagen? und was mein seliger

Vater -- von meinem Großvater gar nicht zu reden?!«

»Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu, Vetter Just,«

erwiderte ich. »Freilich die große, trostvolle Wahrheit, daß hinter

jedem Ding als solches eben die Welt als solche steht, wird einem

meistens nur bei einer solchen Gelegenheit wie diese klar. Das ist ein

Gedanke: aus Schloß Werden eine Brücke zu bauen! Ein trefflicher

Gedanke, der einen selbst in der Vorstellung schon mit Kindern und

Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinführt!«

»Ein kurioses Ende vom Liede, würden die Werdenschen Bauern sagen,«

brummte der Vetter kopfschüttelnd.

»Aber die Quadern würden sie dir doch herzlich gern abfahren zu dem

Werk.«

»Das würden sie! Und das Fell würden sie mir dabei über die Ohren

ziehen, wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins

Land hinein seinerzeit besser verstand. Ja, auch _das_ Lied hat kein

Ende! Na ja, und wenn ein Stern zerspringt, so werden die Planetoiden

daraus; -- verwerten kann ich das Material schon. Der Herr Graf! der

Herr Graf! was würde der Herr Graf dazu sagen, wenn er den Bauer vom

Steinhofe sagen hörte: Das hat ja aber Zeit, ich aber habe heute keine

mehr, mich um das alte leere Nest zu kümmern! --?-- Über Jahr und Tag

kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben, Fritz; oder

du bringst mir ihn mündlich, oder ich hole mir ihn und zeige meiner Eva

dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin. -- Dann werden Ewald und Irene

jenseits des Kanals sitzen, und wir können doch noch ein wenig

unbefangener über Schloß Werden und sein letztes Schicksal zu Rate

sitzen. Jetzt habe ich schon allzu lange um das öde Gemäuer mein armes,

betrübtes Mädchen bei dem toten Vater allein gelassen. Komm nach Hause,

Doktor!«

Wir gingen, und -- nun sind wir im letzten Akt, und da ich noch ganz und

gar zur alten Komödie gehöre, so hätte ich nunmehr das vollkommenste

Recht, meinen Oberrock aufzuknöpfen, meinen Stern und -- mich als

Serenissimus zu zeigen. Als der Serenste, der Heiterste?... Wenn ich

sagen wollte, als derjenige, welchem doch von allen das bequemlichste

Los zuteil geworden sei, so würde ich damit wohl das richtigere treffen.

Ich habe Zeit, wie ich es hier tue, den Geschichtsschreiber von Dorf und

Schloß Werden, den Biographen des Steinhofes zu spielen. Habe ich meine

Sache erträglich gemacht, so ist's gut; ist das Ding unter aller Kritik

ausgefallen, so habe ich im Grunde ja doch nur für den alten Vetter Just

Everstein vom Steinhofe geschrieben, und der wird gottlob nur lächelnd

sagen:

»Ja, unser Berliner Doktor! Lesen mußt du's, Evchen; mir ist mehr als

einmal die Pfeife drüber ausgegangen, und auf dein Gesicht dazu bin ich

auch nicht wenig gespannt. Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der

alte Junge auch in unserem Falle gut studiert -- na, laß ihn; während

der Universitätsferien rückt er wieder ein auf dem Hofe, und dann hoffe

ich mündlich von ihm zu erfahren, ob er mir in seiner Chronik mehr

Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt haben will. Nach England muß

jedenfalls eine Kopie hinüber; denn das sehe ich doch gar nicht ein,

weshalb Ewald und Irene nicht gerade so gut wie wir über diesen

wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hände nehmen sollen! Es

ist wirklich die Möglichkeit, was ein Mensch in der Einbildung des

anderen an Glück und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann! Ja,

ja, mein Herz, von Rechts wegen müßten wir nun, ich und du und Freund

Ewald und Frau Irene, uns hinsetzen und zu Papiere bringen, wie wir dies

alles angesehen haben, als wir es erlebten. Sollen wir, Herz?«

»Mir bleib damit vom Leibe,« wird dann Frau Eva Everstein sagen. »Irene

wird auch keine Zeit dazu haben. Die ist froh, wenn sie meines Bruders

Korrespondenz besorgt hat. Also fällt es einzig und allein auf dich,

Just, wenn wirklich in dem dicken Bündel Schriften (und was für eine

Hand schreibt das Menschenkind dazu!) was drin steht, was von einem von

uns beantwortet werden muß.«

»Ja, wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste säße, und wenn

einem nur der Tag Ruhe ließe!« wird der Vetter Just die Unterredung mit

seinem Weibe über das Manuskriptum des »Doktors in Berlin« fürs erste zu

einem behaglichen Ende bringen. -- -- --

Nun wird es natürlich wieder Leute geben, die nie zufrieden sind, wo es

sich um den Schluß einer Geschichte, die man ihnen erzählt, handelt; die

alles immer noch genauer und ausführlicher zu wissen wünschen, als der

Erzähler es vortragen kann oder -- will. Wo es sich um eine Hochzeit

handelt, wollen sie die Zahl der Musikanten kennen, wo eine Taufe das

Ende ist, soll ihnen nicht ein einziger Gevatter unterschlagen werden,

und im vorliegenden Falle (o, ich kenne sie!) möchten sie mit »zur

Leiche« gehen, das heißt den guten alten Vater Sixtus mit begraben, und

dann ganz genau in Erfahrung bringen, ob Schloß Werden wirklich ebenso

vom Erdboden verschwunden sei wie die Nester, die wir aus dem Schlosse

einst in die Luft und das grüne Gezweig hingen, oder was eigentlich zu

_allerletzt_ der Vetter Just Everstein damit angefangen habe. Ich für

mein Teil hätte nun wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu

berichten; aber sonderbarerweise würde ich dafür die wenigsten

aufmerksamen Ohren finden, denn »Das kann sich ja ein jeder leicht

denken«.

Und so sage ich nur, daß Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes

auf einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat, und daß es mir, unberufen,

sonst nach Wunsch geht. Was das übrige anbelangt, z. B. auch Jule Grote

und Mademoiselle Martin (Schloß Werden nie zu vergessen!), so weiß nur

der Vetter Just Everstein das Allergenaueste. Wer also noch eine Frage

auf dem Herzen hat, der wende sich an ihn. Von Bodenwerder, wo der

Freiherr von Münchhausen geboren wurde, führt der Feldweg nach dem

Steinhofe an jenem Steine vorbei, auf welchem er -- der Vetter Just --

den Kopf in den Händen und die Arme auf die Kniee stützend und so in das

Blaue hineinstarrend -- einst saß und wartete auf _menschliche

Schicksale_.

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten · 第 12 / 13 题