»Da kommt deine Mutter, Fritz!« rief der jetzige Herr von Schloß Werden
nicht mehr, und ich fühlte nicht mehr Mademoiselle Martins knöcherne
^Soeur-ignorantine^-Finger am Ohrläppchen oder am Rockkragen: die heiße,
helle Sonne des gegenwärtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem
anderen Raume des Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer
Besitz ergriffen; -- fern im Dorfe schlug es zwölf Uhr am Mittage, und
Ewald Sixtus sagte:
»Es ist einerlei -- ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und weiß
wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert! Hat es
wirklich eben zwölf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal
wie sonst zu spät zu Tische -- weißt du noch, Doktor?!... Es ist
einerlei, -- die Fenster wollen wir auch hier wenigstens aufsperren und
die frische Luft hereinlassen. Wer war es denn, der neulich in Belfast
mir vorrenommierte, daß er in einem jungfräulichen Urwalde Ordnung
gestiftet und für Ästhetika gesorgt habe? Ich habe ihn damals schon
ziemlich kühl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber -- jetzt soll er
mir nur noch mal kommen mit seinem -- Neu-Minden!«
Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick über die Schwelle und
sahen uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den
verwüsteten, ins Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der
Unbeteiligtere, der nur als guter Freund und allenfalls als Ratgeber
mitgenommene Privatgelehrte aus Berlin; aber, ich kann's nicht leugnen,
es kam in dieser Stunde doch auch mir sehr seltsam vor, daß das Grün
draußen noch immer die Oberhand behielt, daß die Vögel lustig nach alter
Sommerweise weiter zwitscherten, daß um das wuchernde Gebüsch und die
Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu _unserer_ Zeit flatterten,
kurz, daß sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder um Schloß Werden
noch um unsere gegenwärtigen Privatgefühle und Stimmungen im mindesten
kümmerten. Und in diesem Augenblick trat es mir zum ersten Mal ganz klar
und ohne Schatten auf der lichten Vorstellung vor die Seele, zu was für
einem Segen der Vetter Just auf seinem Steinhofe auch für diesen Ewald
Sixtus und jene Irene Everstein wieder angekommen war, um daselbst von
neuem »auf menschliche Schicksale zu warten«.
Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstübchens einen Blick nach
jener Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und
zusammengepreßten Lippen und sah dorthin. Der einzige kühlende Hauch in
dieser schwülen Mittagsstunde kam über Berge und Wälder, über den Fluß,
wieder über die Wälder und Wiesen und über den verwilderten Garten, der
zu dem Handel und Kauf des irländischen Ingenieurs gehörte, aus jener
Richtung.
»Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine
Arbeitsleute hier am Werke hast,« meinte ich leise. »Da haben wir dann
Zeit, alle möglichen Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du
nicht?«
Der irische Glücksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der
im Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg und mir zu:
»Wir kommen unbedingt zu spät zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der
alten vergnügten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schloß
Werden haben wir gesehen; wenn du nicht noch eine Privatgespensterkammer
in dem alten Kasten weißt, die ich dir aufschließen kann, so wird es
wohl das beste sein, wir gehen so leise, wie wir gekommen sind. Ach,
lieber Alter, mein Geschäft hat mich freilich hauptsächlich auf
Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute angewiesen. Ich habe mancherlei
durch das Volk ausgerichtet, und so ist es nicht ganz meine Schuld, wenn
ich in der Ferne mir einbildete, meine Luftschlösser zu Hause mit ihrer
Beihülfe wieder aufbauen zu können.«
»Es ist nicht das erste Mal, daß du mir dieses sagst, seit du mich aus
meiner Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkürlich in seinen
Handwerksausdrücken und was sonst zu den Künsten gehört, durch welche er
durchs Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst über
dein Herz weg; und so ist es außer dem guten Rat, den ich dir gegeben
haben soll, meine Meinung, daß wir gegenwärtig Schloß Werden auf sich
beruhen lassen, wie es ist, und deinen Vater und -- deine Schwester
nicht gleich am ersten Tage von neuem über die Zeit mit der Suppe warten
lassen. Schloß Werden haben wir gesehen, sehen wir uns also morgen den
Steinhof an. Der Mensch, in seinem Gemäuer gefangen, besinnt sich lange
nicht oft genug darauf, daß er lebt, Leben ist und es mit dem Lebendigen
zu tun hat, solange er lebt.«
»Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!«
sagte der Irländer, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause
und kamen wieder einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es ließ sich aber
nicht ändern, und was wir diesmal zur Entschuldigung vorzubringen
hatten, konnte leider nur zu sehr als rechtsgültig angenommen werden.
Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer Entschuldigung anführten,
daß es uns unmöglich gewesen sei, früher zu kommen. -- --
Den langen Sommernachmittag durch saß ich an einer anderen Stätte der
Erinnerung, neben dem Stein nämlich, welchen die Kameraden meinem Vater
auf der Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war,
errichtet hatten. Wenn die Bäume um das Schloß zum größten Teil
verschwunden waren und dem Gestrüpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so
war hier der Wald beträchtlich emporgeschossen, und ein schöner kühler
Schatten lag auf dem bösen Ort. Da der Boden, wie ich geschrieben habe,
ein wenig sumpfig war, so war der Stein auch bereits so ziemlich darin
versunken und die Inschrift und Widmung darauf des Mooses und der
Flechten wegen kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich auch
noch die Vergänglichkeit aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen,
Wünsche und Hoffnungen, das Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade -- als
ob das noch unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich aber hielt ihm im
Halbtraum nach der schwülen Wanderung durch Schloß Werden und nach dem
Mittagsessen eine Gegenrede, und die Waldfrische tat wohl das meiste
dazu, daß wir ruhig voneinander schieden. Es spukt immer viel mehr in
altem Gemäuer als im jungen Laubwalde. Als ich nach dem Försterhofe
zurückkam, war der Vetter natürlich längst daselbst vom Gaul gestiegen,
und ich sah ihm sofort an, daß er im Vorbeigleiten der Erscheinung etwas
zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wünschte als dem Freunde.
Ich sah es jedoch auch der -- Freundin -- ich sah es Eva Sixtus an, daß
er mit der bereits darüber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum
zweiten Male durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg
nach Hause; er aber sagte:
»Es ist auch Evas Meinung, daß du zuerst allein zu uns kommst und
nachher erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den
Schulmeister nicht lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in
Worten ausdrücken zu können, wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es
voraussagte, so war's; ich fand Irene noch wach, als ich gestern oder
vielmehr heute morgen nach Hause kam; -- gefragt hat sie nicht, aber
gewußt hat sie gleich, daß ich ihr eine Neuigkeit mitbrachte; -- >Fritz
und Ewald sind da, Irene!< habe ich gesagt, weil ich immer gefunden
habe, daß das Einfachste stets das Beste ist; -- erwidert hat sie
eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette
gegangen. Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gnädige Frau in dieser
Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei? -- Du sagst, Doktor, daß ihr auf
Schloß Werden es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt
habt; aber meine Meinung ist, auf dem Steinhofe sind auch allerlei
Geister und zwar nicht von der besten Sorte umgegangen! Wieviel ruhiger
lebten wir in der Welt, wenn wir uns nicht immer aus unserem Schicksal
unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten -- stets in dem
Gefühl, uns selber nie das geringste vergeben zu dürfen. Fritz, du
weißt, ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir aufgesehen, du bist
der einzige von uns, der es zu etwas gebracht hat, -- du würdest mir
nicht bloß einen Gefallen, sondern eine große Liebe antun, wenn du
zuerst mit ihr sprechen wolltest.«
Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich
mitgebracht: sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise
ungestraft Sottisen meiner Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenüber
würde ich mit Grund die bloße Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene
vermutet und gesucht haben; die Freunde durfte ich wenigstens für
ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben an mein Studium in
Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug studiert, um mir die Sache
zurechtlegen zu können. Es gibt nämlich in gewissen Krisen des Lebens
eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz
zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofür tapfere Männer alles gewagt
und gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die
Straße, nicht ein Anklopfen an eine Tür, sondern sie schicken einen
andern oder möchten ihn doch am liebsten schicken, und deshalb -- hatte
ich für Ewald Sixtus mit Schloß Werden sprechen sollen, und darum --
erschien es wünschenswert, daß zuerst ich mit Irene Everstein rede. Von
meiner Gelehrtheit sprachen sie; aber, ihnen selber unbewußt, meinten
sie: das, was uns bewegt, kümmert ihn am wenigsten, also was kümmert's
ihn? Wenn Einer uns sagen kann, was wir hören _wollen_ oder hören
_müssen_, so ist er's. Er ist _objektiv_ in dieser Sache; Steine und
Menschen werden also ihm gegenüber unbefangen sich gehen lassen, und --
_Ihm werden sie nichts tun_. Wir aber, die wir Tag für Tag mit ihnen zu
tun gehabt haben, _wir fürchten uns_!
Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern- und Vettern-Besuche in der
Försterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schloß Werden zu
besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem
Steinhofe, um die letzte Herrin von Schloß Werden, um Irene Everstein
darüber sprechen zu hören. Es ist stets in solchen Fällen viel leichter
Ja als Nein zu sagen. Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre
gefaßt und für einen erfahrenen Mann gehalten worden sein.
Zwölftes Kapitel.
Der Fluß hatte es eilig wie immer; aber er, der mir in meiner Kindheit
den einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung
gegeben hatte, dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets
unwiderstehlich mit sich in die Ferne gerissen hatten, er war von allen
Dingen in der Heimatgegend allein derselbe geblieben. Unsere Nester in
den großen Nußbüschen waren verschwunden, die Wiese, über die sonst der
Weg nach dem Walde führte, zerstückelt und zum Teil zu Ackerfeldern
gemacht. Auch die Wälder selbst waren nicht mehr die nämlichen wie
sonst. Den Hochwald hatte man teilweise gelichtet, teilweise ganz
niedergeschlagen; das Unterholz war aufgeschossen, und Heidestrecken
hatten sich mit dichtem Gebüsch bedeckt. Wo man sonst von einem
Berggipfel die freieste Aussicht in die Ferne gehabt hatte, suchte man
nun nach einem Blick auf den Sommerhimmel zwischen dem dicht
verschlungenen Gezweig. Nicht alle Pfade liefen noch wie in unserer
Jugendzeit durch den Forst, aber der Fluß -- der Fluß ging noch seinen
alten Weg; ich aber ging diesmal über die Brücke bei Bodenwerder und
verließ mich nicht mehr auf den Kahn, welchen vordem der Vater Klaus
stets so mürrisch-wohlgefällig zu unserem Dienst aus dem Uferschilf und
Röhricht hervorzog. Auch das war sehr fraglich, ob ich den guten Alten,
seine Fischerhütte, sein lustig romantisch Herdfeuerchen und sein
morsches Fahrzeug noch am Rande der Weser finden würde. Über sechzig
Jahre war er schon zu unserer Zeit alt gewesen, aber unterwegs tat es
mir doch leid, daß ich mich nicht nach ihm erkundigt hatte, und fast
wäre ich noch umgekehrt.
Wie andere gelassene Leute gelangte ich über die Brücke bei Bodenwerder
von einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe.
Der zog sich noch durch die Felder wie sonst. Mir war es, als müsse ich
jeden Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und dürfe ruhig auf seine
Identität schwören; doch dies war wohl ein Irrtum. Ich habe es
beschrieben, wie wir als Kinder auf diesem Pfade an heißen Sommertagen
müde wurden und uns nach dem Baumschatten, dem kühlen Grase im
Grasgarten und nach der guten Verpflegung des Hofes sehnten; ich habe es
geschildert, wie wir den Vetter auf einem Steine am Wege auf
Menschenschicksale wartend fanden, und -- auf _den_ Stein durfte ich
dreist schwören: es saß wiederum jemand darauf, in seine Träume
verloren, auf Menschenschicksale wartend und die Schritte, die sich auf
dem heißen, sonnigen, steinigen Wege näherten, überhörend.
Auf dem Feldquarz, unter den Disteln und Nesseln, zwischen die einst der
Vetter Just Everstein verlegen greinend seine lateinische Grammatik
versteckt hatte, als wir ihn nach unserer Art jubelnd anschrien, saß
unter dem wolkenlosen blauen Sommerhimmel, ihr schönes müdes Haupt mit
der Hand stützend, der Gast des Vetters Just, Irene von Everstein.
Ich sah sie niedergleiten am frühen frischen Morgen aus unseren
schwankenden Märchennestern im Grün, hinab auf die tauige, blitzende
Wiese; ich sah sie elfenhaft uns vorangleiten durch das Waldesdunkel;
ich hörte sie lachen auf dem Fluß und sah sie ihre Hand in die rinnenden
Wellen tauchen: erzählte uns nicht einmal vor langen Jahren der Vater
Klaus auf der Überfahrt von einer, die wohl weit von oben her zugereist
sein mußte, weil sie, nachdem er sie aus dem Schilf ans Land geholt
hatte, niemand kannte im Lande?
»Lassen Sie das Schaukeln lieber auf dem Wasser, junge Herrschaften! Die
alten Bretter unter uns sind doch wohl allgemach 'n bißchen brüchig
geworden, und das dreht sich gerade hier in Wirbeln, und der Untiefe ist
nicht gut zu trauen. Ich möchte um alles nicht, daß die Herrschaft zu
Hause es mir zuschieben könnte, wenn ich die jungen Herrschaften nicht
heil ans Land brächte.«
Ich sprach sie leise an:
»Guten Tag, liebe Irene.«
Sie fuhr zusammen und empor; doch als sie mich erkannt hatte, stand sie
nicht auf, sondern blieb sitzen auf dem Stein am Wege und reichte mir
mit einem traurigen Lächeln die Hand in die Höhe.
»Du bist es, Fritz? Wie kann man die Leute so erschrecken!... Aber es
ist wohl nicht deine Schuld, sondern meine und meine Torheit. Wie kann
man sich so ins freie Feld setzen und sich die blendende Sommersonne auf
den Scheitel und in die Augen scheinen lassen, ohne für seine besten
Freunde blind und taub zu werden? Das ist aber gut von dir, daß du
gekommen bist, der Vetter wird sich sehr freuen; -- er kam gleich in der
Nacht mit glänzenden Augen, um es zu verkünden, daß -- du wieder im
Lande seist.«
Sie sprach die letzten Worte nur zögernd; ich hielt ihre Hand noch fest
und sagte:
»Ich bin aber nicht allein in die alte Heimat zurückgekommen, Irene.«
Da zog sie mir die Hand weg, erhob sich nun und erwiderte erst nach
einer geraumen Weile:
»Ich weiß durch den Vetter Just Bescheid über alles.«
»Über alles?... Über alles doch wohl nicht!«
»Doch!« sagte sie, und das Wort kam kurz und hart heraus. »Wir stehen
hier jetzt in der hellen heißen Sonne des Mittags, und es ist mir lieb
so und ganz recht. Wir wollen nicht den Schatten und das freundliche
Dach des Freundes suchen, um uns behaglicher und langatmiger über
Schicksal und Schuld auszulassen --«
»Irene?!«
»Ich höre gern einmal wieder meinen Namen mit so freundlicher besorgter
Stimme auch von dir rufen, Friedrich; -- o, ich weiß es wohl, ihr alle
meint es sehr gut mit mir und habt so viel Geduld; ich aber habe nichts
für euch, als daß ich euch sage, wie es mir zumute ist; und -- um das
Herz ist's mir, als hätte ich weiter nichts in der Welt, als daß ich
mich gegen euch wehre, ... gegen euch alle!« ...
Wie verstohlen hatte der Vetter Just den alten Broeder, die Grammatik,
in der er alle Weisheit der Welt vermutete, einst unter dem Stein da und
zwischen den Disteln und dem Wegelattich versteckt; -- wie hatten Ewald
und Irene gelacht, als sie das zerlesene Buch doch hervorzogen: nun
hielt mir heute Irene Everstein das Blatt für Blatt mit Tränen getränkte
Buch, über welchem ich sie jetzt überrascht hatte, offen hin.
Ganz nahe beugte sie sich zu mir und flüsterte mehr, als daß sie sprach:
»Sage ihm, daß ich alles weiß, was er für mich getan hat, um mich getan
hat! Er hat sein Leben daran gesetzt, und er hat nicht nach rechts und
nach links gesehen, sondern nur rückwärts nach der Stunde, in der wir,
ich und er, Abschied voneinander nahmen. Ich bin das Weib eines anderen
Mannes geworden, und er hat seinen Willen durchgesetzt, um mich zu
demütigen und zu dem Geständnis meiner Schuld gegen ihn zu bringen ...«
»Nein, nein! Das ist nicht so! Irene Everstein, das ist wahrhaftig nicht
so!« rief ich.
»Das ist doch so!« antwortete sie kopfschüttelnd, aber ganz sanft.
»_Sieh_, Freund, er und ich haben uns immer zu gut gekannt, um nicht
besser als all ihr übrigen zu wissen, wie es um uns steht. Es ist auch
ganz das Richtige, was er getan hat, und ich gönne ihm seinen Sieg und
seinen Triumph; -- ich freue mich, daß er so stark und so tapfer gewesen
ist und im Stillschweigen! wäre ich seine Schwester, wie unsere liebe
Eva, so wäre mein Glück vollkommen! Aber ich bin nicht seine Schwester
-- ich bin nicht sein Weib geworden -- sieh, Fritz Langreuter, die Sonne
steht uns klar und hell über den Köpfen, und in ihrem Scheine spreche
ich zu dir klar und hell, und eine alberne frauenzimmerliche Närrin bin
ich nie gewesen: ich gehörte ihm zu, und er gehörte zu mir von Gottes
und Rechts wegen, seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grünen
Büschen von Schloß Werden aufschlugen! Er aber weiß das, und jetzt, da
meine Jugend dahin ist, und da ich als Bettlerin bei dem guten,
barmherzigen, weisen Mann, dem Vetter Just, hier auf dem Steinhofe
sitze, da ich bin, was ich bin, kommt er -- der Unbarmherzige, und ich
fühle seine tapfere treue Hand wie mit einem bösen zornigen Griff und
Schütteln an meiner Schulter! Mir gehört heute deines Vaters Haus,
deinetwegen gehört es mir; ich habe in der Fremde, im Stillschweigen, in
der Arbeit, die lange, lange Zeit durch, dich keinen Augenblick aus
meinen Sinnen und Gedanken freigelassen, nun nimm deine Kraft zusammen
und vergiß und sei glücklich; wir wollen uns von neuem einrichten in den
Ruinen, mit keinem Wort und keinem Blick will ich dich je daran
erinnern, daß wir in Ruinen wohnen! Und nun -- rede du mir dagegen,
Fritz, und sage, es hat keinen Sinn, was du sprichst, Irene, du sprichst
nur aus deinem kranken, verwirrten Gemüte in den hellen, gesunden,
lichten, stillen Tag hinein, weil du in deiner Unruhe und Angst eine
Stimme -- deine Stimme hören möchtest.«
Sie hatte recht; es war recht schwer, ihr etwas zu erwidern. Während ich
nach Formeln, Phrasen suchte und für hundertfältiges Ja und Nein ein
erlösendes Wort suchte, schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die
Gänge, Stuben und Kammern von Schloß Werden, rüttelte an verrosteten
Türgriffen, drückte mit dem Knie die verquollenen, widerspenstigen Türen
auf und sah scheu auf die Fußtapfen, die wir hinter uns zurückließen in
dem Staube, der den Boden bedeckte.
Er hatte recht, der Freund: es war nicht dasselbe, wenn er Schloß Werden
gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann! Schlafendes Leben
läßt sich wieder aufwecken, aber Totes läßt sich nicht lebendig machen;
und _Schloß Werden war tot_, war tot auch für das Kind des Hauses und
für den, der sein Herzblut darum gegeben hätte und seinen ganzen Willen
gegeben hatte, das Rad zurückzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu
sagen:
»Komm und sieh, was ich für dich und mich habe tun können« ...
Das war nichts; aber in dieser heißen, blendenden Mittagsstunde, nach
dem letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz: »Aber
das ist ja auch nichts, und die Hauptsache ist es ja einzig und allein,
daß sie es wissen und es deutlich sagen können, wie es ihnen zumute ist.
Alles andere bedeutet nichts, und die Nester, die sie in die Zweige der
Nußbüsche an der Hecke bauten, gelten ebensoviel wie die Mauern von
Schloß Werden. Auf schwankendem Gezweige, zwischen Himmel und Erde
schaukeln wir alle; aber am meisten dann, wenn wir am tiefsten in die
Erde graben, um einen festen Grundstein für die Burg zu legen, in der
wir mit unserem Glück zu wohnen wünschen.« Irene kämpfte mühsam mit
ihren Tränen; mich aber überkam allgemach immer mehr die Gewißheit, daß
hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei; wie es aber sich zuletzt
schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen, widerspenstigen Seelen,
wer konnte das sagen?!
Wie aber schickte es sich, daß die Jugendfreundin gerade in diesem
Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflüsterte:
»Nicht wahr, Fritz, es ist doch auch gut so, wie sich das Verhältnis
zwischen dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat?«
»Ja!« sagte ich, und ich sprach keine Unwahrheit, wenn ich hinzufügte,
daß ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei. Habe ich es
nicht schon gesagt, daß ich der größte Egoist von allen diesen
Menschenkindern geworden war und mir am meisten die Fähigkeit gewonnen
hatte, allein zu bleiben und -- dann und wann auf Verlangen ruhig den
anderen ihre Ansicht zu bestätigen oder gar sogenannten guten Rat zu
geben?...
Vielleicht hätte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf
diese zwischen Tränen hervorspringende Frage geantwortet, wenn es nicht
die Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wäre, welcher
gegenüber ich mein Recht, nein zu sagen, aufgegeben hatte.
Ihre Augen hastig trocknend, rief Irene:
»Da kommt der Vetter!« und wir wendeten beide uns ihm rasch zu, beide
froh, daß er dieser kurzen, bitteren, schmerzensreichen Unterhaltung auf
dem schattenlosen Feldwege ein Ende machte.
Er kam von seinem Gehöft, von seinem in so ganz anderer Weise als Schloß
Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde. Auch ihn sah ich jetzt
zum ersten Mal in der hellen Mittagssonne der Heimat, und sie änderte
nichts daran, sie stellte es nur in ein helleres, freudigeres und
sozusagen verständigeres Licht: in seinen gemütsruhigen, gesunden Jahren
paßte und gehörte er ganz und gar zu Eva Sixtus, und ich änderte nichts
an dem Faktum!
Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Bürgschaft für den
ferneren guten, stillen, hülfswilligen Lebensweg der beiden Leute. Mit
den buntfarbigen Phantasmagorien, mit den Schmerzen und Tränen der
Jugend hatte die lächelnde Sonne, die auf seiner Stirn und seinem
Hausdache lag, freilich schon längst nichts mehr zu schaffen; aber
nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr Gutes und
Wünschenswertes in dieser Welt der Verwirrung, des Nebels und des
Landregens.
»Das ist gut, daß du wenigstens da bist,« sagte der Vetter Just
Everstein.
Dreizehntes Kapitel.
»Und das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so groß wie die Summe der
Quadrate der beiden Katheten,« rief ich; es ging nicht anders. Wie einer
der grünen Zweige, auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten, hing
der ^Magister matheseos^ aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein;
ich mußte danach greifen und nicht bloß nach ihm, sondern nach allem,
was an Blüten und Früchten sonst dran hing.
Und es war wohlgetan. Zum ersten Male glitt etwas gleich einem Lächeln
über Irenes Gesicht.
»Wie wunderlich,« sagte sie, »daß wir einst kamen, um dich auszulachen,
Just, und uns heute noch daran als an unsere glücklichsten Minuten
erinnern. Auch an Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg
gesündigt; aber das war wohl vor hundert Jahren --«
»Nicht ganz so lange ist es her!« meinte der Vetter Just; doch Irene
Everstein, seinen Arm nehmend, rief:
»Für dich und -- deine Braut wahrhaftig nicht, aber für uns andere. Sieh
nur den Fritz Langreuter an, wie er mir recht gibt und was für ein
verrunzelt ernsthaft urväterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht.
Gewiß und wahrhaftig, ihr allein seid jung geblieben, Just und Eva; --
kreischend lachen und jauchzen wie wir konntet ihr nie; nun dürft ihr
heute lächeln, und wir dürfen das jetzt so wenig für eine Beleidigung
nehmen als ihr damals unser Lachen. Nun komm aber, Just, wir wollen dem
Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den Steinhof zeigen; es ist
doch hundert Jahre her -- mehr als hundert Jahre, seit er durch sein
gastfreundlich-freudiges Tor einging. Wie oft er das freilich im
Schlafen und Wachen im Traum tat, kann ich nicht wissen.«
Ja, da lag der alte Hof, der echte, rechte Bauernsitz, die deutsche
Heimstätte des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten
Glanze der Sommersonne, das heißt, soviel augenblicklich, nachdem wir
den altbekannten Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurückgelegt hatten,
von ihm zu sehen war. Es war die Zeit der Heuernte, und bis ans Dach,
schier bis hinauf an das Fenster der Giebelstube des Vetters lagen die
duftenden Haufen aufgetürmt, und der Zufuhr von allen Seiten schien kein
Ende zu sein.
»Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst, was darauf passen
will,« seufzte der gelehrte Bauer, um sodann behaglich hinzuzufügen:
»Ja, da ist der Steinhof wieder, Fritz Langreuter, und ich glaube, ich
habe nunmehr wirklich daraus gemacht, was zu machen war. Man will sich
eben immer von seinen liebsten Freunden am liebsten loben lassen, sei es
wegen seines Lateins, seiner Mathematik oder seiner Landwirtschaft. Also
lobe mich nur dreist heraus! Mit meiner Vorfahren Ackerboden habe ich
auch mit allen meinen amerikanischen Erfahrungen wenig anzufangen
gewußt; aber an eine rationelle Ausnutzung unseres Wiesenlandes hatte
vor mir keiner gedacht; ich aber habe manchen guten Morgen zugekauft,
und es trägt sich aus.«
Lächelnd stieß er mich in die Seite:
»Du weißt es ja wohl, daß ich immer eine Vorliebe für das grüne Gras und
das weiche Heu gehabt habe, nämlich für das Langhin-drein-sich-legen. So
kommt man denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurück; -- lache nur,
Horaz hat's: ^Naturam expellas furca^ und so weiter, soviel Latein weiß
ich noch! Das war ein Satz bei Römern und Griechen und ist es auch bei
uns neuen geblieben. Klettre über, wühle dich durch; -- die Haustür
findest du hinter dem Haufen an der alten Stelle, und -- hör nur -- da
sind sie in gewohnter Weise scharf in der Unterhaltung -- gegeneinander.
Taub sind sie alle beide ein bißchen, und zu sagen haben sie sich
natürlich immer was, -- Jule Grote und Mamsell Martin meine ich! Na, auf
das Gesicht freue ich mich, was meine Alte über dich machen wird. Weißt
du noch, für das liebe Fritzchen drüben von Werden hielt sie immer eine
Extrapartie von Pfeffer, Salz und Essig in ihrer Natur bereit; denn
darauf ließ sie sich jeden Tag totschlagen: wenn ein Mensch und
nichtsnutziger studierter Taugenichts von Jungen den dummen Jungen,
ihren Just, auf dem Gewissen hatte, so warst -- du das.«
»Ist das wahr, Irene?« fragte ich, mich zurückwendend, doch die Freundin
war uns im Rücken abhanden gekommen, ohne daß ich es gemerkt hatte.
»Das ist jetzt ihre Art so,« sagte der Vetter Just, »sie wird sich schon
wiederfinden lassen. Hättest du es wohl für möglich gehalten, daß die
Gute, Wilde so lärm- und menschenscheu hätte werden können? Aber sie
hatte verweinte Augen! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der
Unterhaltung am Wege nach Möglichkeit ausgenutzt? Das ist recht, denn im
Grunde habe ich dich dazu hergerufen; aber nun komm fürs erste ins Haus
und sieh zu, ob du die alte Herberge am Wege noch wiedererkennst. Glaube
nicht, daß mir das etwas Natürliches und Selbstverständliches ist. Einen
um den anderen Morgen wache ich auf und wundere mich, mich _so_ wieder
zu Hause zu finden. Naturgeschichtlich besteht es ganz und gar nicht zu
recht, daß jeder Vogel wieder in dasselbe Nest fällt, in welchem er
flügge geworden ist, sondern ganz im Gegenteil.«
»O Vetter, da sprichst du ein trostreiches Wort aus!« rief ich. »Und das
beste für uns andere ist, daß du, du das sagst! Was kümmert uns denn da
noch Schloß Werden? Wie sehr es da spukt, das glaubte ich gestern
erfahren zu haben, als man mich bat, als Gelehrter mit dem Gespenst zu
reden; aber in Wahrheit erfahre ich es erst jetzt. Mit Geistern soll
sich der Mensch herumschlagen, aber die Gespenster mag er sich selber
überlassen. Was geht uns Schloß Werden an; denn wie würden wir an
jeglichem Morgen erwachen und uns wundern, uns daselbst wieder zu Hause
zu finden?!«
»Irene auch, und das ist das allerbeste!« sprach der Vetter Just, und
wir stiegen durch das Heu, die durch die Sommersonne in Wohlduft und
Nutzen verwandelte Wiesenschönheit des Jahres. Noch einmal dachte ich an
den gestrigen Weg über den verwilderten, verwüsteten Schloßhof zu der
Tür von Schloß Werden, dann aber nicht mehr; der Steinhof nahm mich ganz
gefangen.
»Mit Fräulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen und ihr
kennt euch also noch; aber mit dir ist es etwas anderes, Jule. Komm her,
Alte, und betrachte dir den Gast genauer. Wer ist das? Wer kann es
sein?«
Die Greisin hielt die Hand über die blöden Augen; doch schon platzte der
Vetter heraus:
»Das Fritzchen ist's! Der kleine Fritz Langreuter von Werden! Wer könnte
es denn sonst anders sein?«
»I du meine Güte!« schrillte der verrunzelte, graugelbe, weißhaarige
Schutzgeist des Steinhofes, und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem
auf, was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt für mich
noch im Schlafe gelegen hatte. Was waren alle Heimchen an dem sonnigen
Feldwege von Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit
hervorzirpende Alt-Weiber-Stimme? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur
des Hausflurs, sondern des ganzen Hauses hallte es wieder bis auf das
Klatschen der Ohrfeige, wie sie Freund Ewald Sixtus in Empfang nahm,
wenn er mit dem gesamten Eiersegen aus den Hühnerställen des Steinhofes
in den Taschen sich harmlos, aber dreist auf den Heimweg machte und noch
unter der Pforte von der Hüterin des umfriedeten Bezirkes ertappt wurde.
Wer je einen erhitzten Gemütes abgezogenen Holzpantoffel gegen eine
verriegelte Tür pochen hörte, dem lebt der Hall auch wieder auf, wenn er
die Klopferin nach Jahren wiedererblickt, und die nämliche Fußbekleidung
griffgerecht an ihren Füßen. »Es hilft uns nichts, Fritze, sie trommelt
uns heraus,« pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu sagen. -- Ja,
da stand sie, Gott sei Dank, noch in ihren Schuhen, und nun schlug sie
die Hände vor dem Leibe zusammen, daß es gleichfalls den alten
trockenen, knöchernen Hall gab, und seufzte herzzerbrechend, aber doch,
wie es mir schien, mit einem gewissen Behagen:
»Ach, du liebster Gott, also das ist er wirklich? Ach, und ist wirklich
aus einem so überstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor
geworden? Ach, und du liebste Barmherzigkeit, Herr Fritz, und -- so
dünn! -- Nehmen Sie es nur nicht übel, Herr Doktor Fritz; je ja -- je
ja, es ist mir ja wirklich eine rechte Herzensfreude, aber recht
schlecht und kümmerlich muß es Ihnen doch wohl da draußen in der Welt
ergangen sein? Je ja, das ist so, wenn der Mensche dem lieben Herrgott
zu genau in die Karten gucken will; da vernachlässigt er denn seine
Leibesnahrung, zumal wenn ihn auch keiner daran erinnert, daß es Klokke
Zwölfe am Mittage ist, wie ich meinen Just da, der sonst auch wohl als
Faden sich durch'n Stopfnadelöhr ziehen lassen könnte. Das habe ich ja
immer gesagt, wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen, und mein Just
jedesmal das Fieber nach Ihnen kriegte. Just, habe ich gesagt, wie kann
so 'nem Jungen was anschlagen? Den setze du in'n Fettpott, und er
bleibt, was er ist; an den kommt nie in seinem ganzen Leben was Rechtes.
Wenn ich dem seine Mutter wäre, so schliefe ich keine Nacht aus Angst um
ihn. Also, wenn du denn gar nicht von ihm lassen kannst, Just, so nimm
dir zum wenigsten ein Exempel an ihm! Ja, je ja, so habe ich dunnemalen
in den Wind gesprochen, und daß ich jetzo wiederum darauf komme, das tue
ich nur, weil dem Menschen in seinem Vergnügen manches hingeht, was man
sonst wohl krumm nimmt, wenn einer kein Blatt vor den Mund nimmt. Und
das ist meine Rede, Herr Fritze, Herr Doktor Fritze, ich freue mich
gewiß und sehr, daß ich Sie endlich doch noch mal erblicke; und wie es
Ihnen auch draußen in der Fremde ergangen sein mag, auf dem Steinhofe
sind Sie immer willkommen, und nun kommen Sie nur wie sonst recht oft
nach dem Steinhofe; meinen Jungen, den Just da, verführen Sie mir jetzt
nicht mehr; wir aber wollen es mit Pläsier versuchen, ob sich denn gar
nichts an Sie heranfuttern läßt! Ihre Frau Mutter habe ich doch auch gut
genug gekannt und gern gehabt, nach Ehren strebe ich nicht, aber das
wäre mir doch was wert, wenn sie mir dermaleinst da oben die Hand gäbe
und sagte: Jule Grote, Sie hat an allem, was mit Ihrem Just gut Freund
gewesen ist, getan, was sie konnte, selbst wenn sie es nicht verdient
haben wie viele aus Bodenwerder und sonst hier aus der Umgegend, die ich
jetzt hier nicht in den Mund nehmen mag; aber an meinem Jungen, dem
Fritz, da hat Sie Ihr Allermöglichstes getan, und jetzt komme Sie nur
her, dafür will ich Sie jetzt hier bekannt machen; denn die Besten, die
von unten heraufkommen, sind zuerst immer ein bißchen fremd -- das ist
überall so.«
Nicht das kleinste Wörtchen, kaum ein zustimmender Gestus war in diese
Begrüßungsrede einzuschieben gewesen. Wie der gelbe Heimatsfluß beim
Eisgange rollte her, was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem
Steinhofe vorzutragen hatte.
Der Vetter Just stieß mir nur bei jedem Komma und Atemholen den
Ellenbogen in die Seite, was nichts weiter hieß als: Siehst du wohl?
Ganz die Alte! -- Was wäre das alte Nest, der Steinhof, ohne die Alte!
-- Ich aber hätte die Alte bei jeder neuen Wendung und vorzüglich da, wo
sich die Schollen aufeinander zu schieben drohten, beim Kopf und Kragen
nehmen mögen, um sie abzuküssen, wie keine Jüngere im Lande.
Und dazu brotzelte es vom Küchenherde her, und alles war voll Heuduft;
und Frau Irene und ich waren die einzigen, die nicht in Hemdärmeln auf
dem Steinhofe herumwirtschafteten. Es war ein heißer Sonnentag mitten im
Sommer und in unserem Leben; aber die Sonne war doch das Beste in der
Welt, und wer sie nicht ertragen mag, der mag sich einfach vor der Zeit
begraben lassen. Es sind aber auch nur diejenigen, welche auch hier
unten »fremd« bleiben, wie Jule Grote sich ausdrückt, die die Sonne
nicht vertragen können.
Aber ein drittes Wesen, das gleichfalls nicht in Hemdärmeln einherging,
hatte ich eben doch vergessen aufzuzählen. Zugeknöpft bis an den Hals,
sowohl was das Kostüm als was die Gemütsstimmung anbetraf, setzte mir
jetzt Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knix hin -- vor der Welt, um
mich sodann mit zupackendstem, nicht den geringsten Aufschub zulassendem
Interesse in den Winkel zwischen Stubentür und Wand zu ziehen und zu
flüstern:
»^Et l'autre?!^ Der andere?! Wo ist der andere? was denkt sich der
andere? was tut der andere?«
»Der andere? Ewald? Ewald Sixtus?«
Die alte Dame hielt meinen Arm und schüttelte mich, wie sie mich nie in
meiner Jugend auf Schloß Werden geschüttelt hatte:
»Ah -- ^oui^ -- ich werde wie gebraten hier auf heißen Kohlen, und da
kommt dieser, und ich halte ihn, und er sieht mich ^dans mon angoisse^,
und ich schüttele ihn und er -- fragt!« ...
»Ach Mademoiselle,« seufzte ich, »der andere fragt ebenfalls. Vor allen
übrigen fragt er auch Sie, was er mit Schloß Werden anfangen soll? Wir
haben gestern um diese Tagesstunde alle Türen dort aufgeschlossen; aber
einen Eingang haben wir darum doch nicht gefunden. Am hellen Mittage
haben wir große Furcht gehabt --«
»Und ich weiß schon, was ich ihm sagen werde; aber der ^vaurien^, der
Taugenichts, muß selber zu mir kommen. Was schickt er einen anderen
hierher, wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen!
Aber es war immer so! nur wo er einen Unsinn konnte ausüben, kam er
selber; -- wo es galt, nach der ^raison^ zu handeln, mußte man ihn immer
suchen.«
Selten war mir zwischen Tür und Angel ein nur annähernd gleich
trostreiches Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen, vor
Hast und Erregung zuckenden ^soeur ignorantine^, die gottlob so genau
Bescheid wußte. Aber unsere Privatunterhaltung war jetzt zu Ende für den
Augenblick; -- es war wieder einmal Essenszeit auf dem Steinhofe, und
alles Hofvolk stieg durch das Heu und kam, seinen Platz an dem Tische
einzunehmen, den der Vetter Just Everstein durch die alte Stube auf
feste Eichenfüße von neuem hingestellt hatte: zwei Bänke von Tannenholz
die Langseiten entlang, ein Schemel für den Hofjungen und ein Holzstuhl
mit einer Lehne für den Herrn. Es konnte in ganz Germanien keine
vornehmere Hoftafel abgehalten werden!
Vierzehntes Kapitel.
Die Nacht war still, und ich überdachte den ersten Tag, den ich wieder
auf dem Steinhofe zugebracht hatte. Die Nacht war ungemein still, und,
Gott sei Dank, auch in mir ging's nicht außergewöhnlich lebhaft und
lärmhaft zu. Was übrigens in dem gewohnten Laufe der Dinge und
Stimmungen in der Welt durchaus nicht so hätte sein dürfen, denn ich
befand mich in dem Hause meines außerordentlich glücklichen Freundes,
und der Vetter Just hatte mir wiederum viel von der Vortrefflichkeit des
Preises, der mir entgangen ist, gesprochen. Ich aber kann darüber nur
sagen, was ich schon gesagt habe, und da es eine Nacht der
Wiederholungen war, so will ich es auch an dieser Stelle noch einmal zu
Papiere bringen: Ich gönnte dem Vetter aus vollstem Herzen alles Gute,
Liebe und Schöne, das er, weil er's verdient hatte, sich gewonnen hatte
-- so kurz noch vor Torschluß! Von _alten_ Nestern handeln diese
Lebenshistorien: die Zeiten, wo wir sie jung ins Grüne bauten, die waren
für uns alle lange, lange vorüber; aber Just Everstein und Eva Sixtus
wurden ein stilles, solides Paar, auch ein stattlich Paar und eine Krone
der Gegend. Eine Herrin gehörte noch an die fürstliche Tafel, die der
Bauer vom Steinhofe Punkt zwölf Uhr mittags öffentlich, d. h. bei
offenen Türen hielt, und wer hätte den Platz währschafter und
freundlicher auszufüllen vermocht als die jetzt so stattliche Jungfrau
vom Försterhofe zu Werden -- meine rehhafte, leichtfüßige, liebliche
Jugendliebe?!...
Ich war aber auch dem Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode nicht umsonst
unterwegs begegnet; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrühstückt in
Finkenrode: Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und
noch viel weniger Bürgermeister daselbst. Die den Ort sonst betreffenden
historischen Studien hatten mir der Justizamtmann Bürger zu Göttingen
und der Obergerichtsrat Immermann in Düsseldorf schon längst vor der
Nase weggefischt. Um es mit ein paar kurzen Worten auszudrücken: mein
Name war Dr. Langreuter, der irische Baukünstler Ewald Sixtus hatte mich
nur für einige Wochen aus einem mir völlig angemessenen Lebensberuf
weggeholt, und ich gehörte einfach nach Berlin und nicht nach Dorf
Werden; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur Ewald
Sixtus nach dem dort noch befindlichen, aber sehr zur Ruine gewordenen
Herrensitz der Grafen von Everstein.
Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe, und
die Kühle war sehr erfrischend, und die Monddämmerung sehr wohltätig
nach dem heißen, blendenden Heumondstage. Sie hatten ihr Heu wohl
meistens glücklich unter Dach gebracht, aber der Duft davon durchzog
noch immer angenehm, wenngleich etwas betäubend die Nacht; ich aber
konnte zu keiner besseren und günstigeren Zeit als zur Zeit der Heuernte
auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein. Es ist immer ein anderes, wenn
die Wiesen in voller Pracht und Blüte stehen, mit seinen Illusionen und
Herzensneigungen abzuschließen, und ein anderes ist's, zur Zeit des
Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu
bringen. Was dabei meine Gemütsstimmung nicht verschlechterte, war die
im Verlauf des Tages gewonnene feste Überzeugung, daß auch zwei anderen
Leuten und lieben Freunden sich der Pfad sanft abwärts führend viel
leichter glätten werde, als sie augenblicklich noch beide für möglich
hielten.
Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schloß Werden mein Wort gegeben, ihm in
dieser Nacht sofort zu schreiben; ich wußte, daß der Mann und wilde
Irländer in der Försterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser
Nacht, hatte mir auch gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und
dem Vetter Just sein Tintenfaß mir aus seiner Giebelstube geholt; aber
-- wozu eigentlich immer selber stets Wort halten in einer Welt, in der
es einem selber so häufig nicht gehalten wird, sowohl vom Wetter wie vom
Schicksal?... Ihrem Schicksal entgingen sie -- Ewald und Irene -- darum
doch nicht; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den Freund, war
wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen. Wie sich das
stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flügeln
schlug, das ließ sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Tinte
und noch schlechterer Feder hinschreiben, und dazu hatte der Vetter
selbst mich vom Schreiben abgehalten. Er war ganz meiner Meinung
gewesen; aber bis über die Mitternacht hinaus hatte er bei mir gesessen
und die Sache immer wieder von einer anderen Seite her beleuchtet und
geredet wie der außerordentlichste Professor der Psychologie.
Der irländische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht,
um Schloß Werden sich zu gewinnen, weshalb sollte er nicht die eine und
die andere Nacht durchwachen, um zu dem Entschluß zu kommen, es wieder
aufzugeben?
»Gute Nacht, Just. Dein Schreibzeug läßt du mir wohl bis morgen früh?«
»Ist denn noch Tinte drin? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen?«
fragte der Vetter, lächelnd sich hinter dem Ohre kratzend. »Lieber
Bruder, die Zeiten haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr
geändert. Ich habe schon mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder
schicken müssen, um mir den notwendigen Tropfen zu einer
Namensunterschrift holen zu lassen.«
Ich stieß den Federstumpf durch den Schimmelüberzug und fand noch
genügendes schwarzes Naß, um aller Welt Glück und Leid dreintauchen zu
können, und meine Ansicht, Meinung, Weisheit und guten Ratschläge dazu;
der Vetter war gegangen, und ich hatte -- die Feder neben den Briefbogen
gelegt und mich in das Fenster.
Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben?
Daß ich _sie_ in der heißen Sonne am Wege sitzend fand, daß _sie_ in der
Abenddämmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte, daß _sie_ viel
und hastig aufgeregt und verworren sprach, und ganz und gar nicht wie
ein Professor der Psychologie? Daß wir bis spät in die Nacht hinein in
der Gesellschaft des Vetters Just im Baumgarten saßen und zwar sehr
still? Daß ich noch eine Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell
Martin auf der Bank vor dem Hause hockte, und daß ich die beiden guten
Alten reden ließ, ohne sie nur ein einziges Mal zu unterbrechen? Daß
alles in der Welt von den verschiedensten Seiten angesehen werden kann?
Daß aber, gerade weil dem so ist, alles auf Erden viel offener und
sozusagen wehrloser daliegt, als der Mensch in seiner täglichen
Verwirrung sich einzubilden pflegt? Daß der Mensch viel zu häufig Furcht
hat? Daß es im Grunde keine Gespenster gibt -- auch in und um Schloß
Werden nicht? Daß die Nacht wundervoll klar und lieblich war, und daß
die Nachtkühle außerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte, und
daß es trotz alle, alle dem sehr leicht sei, über mittelalterliche
Geschichten, und sehr schwer, über das lebendige Leben der Gegenwart zu
schreiben?
Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverständlich am folgenden
Morgen meinen Brief und schloß ihn mit einer ganz ähnlichen.
»Ich reite wie gewöhnlich erst diesen Abend hinüber,« sagte der Vetter
Just, dem ich die Lektüre gern gestattet hatte. »Offen gestanden, Fritz,
ich glaube, einen expressen Boten brauchen wir nicht damit
hinzuschicken. Recht hübsch, Fritze!... und daß euch euer
Abendspaziergang, ganz ohne daß ihr es merktet, dem Flusse zuführte, und
daß ihr erst auf den letzten Hügeln umdrehtet, nachdem ihr längere Zeit
nach den Bergen gegenüber ausgeguckt hattet -- ist auch -- recht hübsch,
Doktor. Wenn du meinst, daß die Sendung Zeit hat bis zum Abend, so
kannst du dich darauf verlassen, daß ich deine Schilderungen dem armen
Teufel drüben getreulich überliefern werde. Übrigens -- wenn ein Mensch
auf eine prompte Korrespondenz gar keinen Anspruch hat, so ist das unser
braver Freund Ewald auf Schloß Werden. Jetzt entschuldige mich
freundlichst bis Mittag. Wir haben gerade heute einen ziemlich scharfen
Arbeitstag vor uns. Bekümmere du dich um nichts als die Frau Irene und
laß dir soviel als möglich von ihr Gesellschaft leisten. Über
mittelalterliche Geschichten läßt sich wohl besser und leichter
schreiben; aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben
drin und haben uns durchzufühlen. Ich drücke mich wohl schlecht aus?...
Aber -- nimm es mir nicht übel, ich spreche nur nach, was du geschrieben
hast, und in deinem Briefe an Ewald steht wirklich wenig von dem, was
wir augenblicklich an uns und in uns und in der allmächtigen
Schicksalswelt um uns erfahren. Dein Brief ist sehr nett und sehr
freundschaftlich und sehr ausführlich -- du hast den gestrigen Tag gut
geschildert, und daß er zwischen den Zeilen wird lesen können, das ist
noch besser; aber das beste und einfachste wäre meiner Meinung nach, --
sie ginge einfach zu ihm.«
Das Wort kam wie etwas so Selbstverständliches heraus, so ruhig und
sozusagen gemütlich, daß ich im Anfange glaubte, mich verhört zu haben:
»Was sagtest du, Vetter?«
»Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht
gegenwärtig gewesen; aber das war auch gar nicht notwendig. Wenn einer
weiß, wie dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist, dann weiß er
auch, welche Worte er gebraucht, um sich Luft zu machen; vorzüglich wenn
er ihm ein jedes an den rotgeweinten Augen absieht. Bei einem lachenden
Gesicht ist es freilich schon schwieriger, und daß ein Menschenelend
wahr ist, erkennst du viel leichter, als wie ob ein Glück und Jubel dir
nur als Komödie aufgeführt werde. Lache nicht über den Bauer vom
Steinhofe, der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich einmal für
eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat. An sich selber muß der Mensch
in Erfahrung bringen, wie es dem anderen zumute ist, und in dieser
Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben.«
Es war nicht das erste Mal, daß der Mann es sich ausbat, daß man nicht
über ihn lache. Es lohnte sich also nicht der Mühe, ihm noch einmal
hierauf die gehörige Antwort zu geben. Wir saßen in seiner Giebelstube
am Tisch; die Wände und die schräge Decke waren dieselbe geblieben. Ich
war wieder ein Knabe, ein Kind; im Grasgarten unter den Kirschbäumen
trieben die anderen als Kinder ihr Spiel, und ihr helles Lachen und
Jauchzen drang zu uns her; und -- es war geblieben, wie es schon damals
war: nur der Vetter Just achtete darauf in sich selber nach der
richtigen Weise, wie ihm und der Welt ums Herz war.
»Verlaß dich drauf, Fritz, sie will zu ihm, und weil sie Angst hat, daß
es zu spät sei, schiebt sie die Schuld auf die Ruinen, die zwischen ihm
und ihr liegen. Auf das alte brave Nest, Schloß Werden, gebe ich dabei
gar nichts; aber _ihr_ kommt es zupaß. _Sie_ möchte es in ihrer heutigen
Ratlosigkeit um alles in der Welt nicht anders haben, als wie es jetzt
da liegt. _Das_ kommt ihr gerade recht! Das ist der Nagel, an dem sie
ihren Weiberstolz am bequemsten aufhängen kann, um ihn zu -- schonen!
Und Kinder sind sie alle beide, soweit sie in den Jahren vorangekommen
sein mögen. Wie sie heute in sich hineingraben, ist ihnen keines der
goldenen Schlösser, die sie (und du auch, Fritz Langreuter!) in die
berühmten italienischen Nußbüsche in Werden hingen, so lieb wie der Zorn
und die verhaltene Reue von heute. Du willst wissen, was sie dir gestern
gesagt hat?... Hat sie dir nicht in einem Atem von ihrem Alter, ihrer
Armut und ihrem Stolze gesprochen? Sie, welche die Jüngste von uns allen
ist, und soviel zu verschenken hat, und alles so gern hergäbe, wenn nur
das Schicksal sie wie ein verweintes Kind an der Hand nehmen und führen
wollte. -- Hat sie nicht gesagt, daß sie alles begreift und würdigt, was
ihr Freund nur in dem Gedanken an sie erarbeitet und getan hat? Daß sie
mit klopfendem Herzen ihm dafür dankbar ist, hat sie wohl nicht
gestanden, -- das umschreiben die Weiber immer am liebsten oder drücken
es anders aus, zum Exempel durchs Gegenteil, und das letztere hat auch
sie getan. Nämlich, daß sie um keinen Preis der Welt sich durch ihn
demütigen lassen könne, hat sie gesagt. -- Wenn es nicht schade wäre um
jeden Tag, den sie unnützerweise dadurch verlieren, so könnte man
wirklich einfach darüber lachen ... und sich ärgern! Sag mal, Fritz,
glaubst du nicht auch, daß der Ärger die einzige wirklich konservierende
Zutat in unserem irdischen Zustand ist? Ich habe darüber nachgedacht; im
höchsten Schmerz, im edelsten Zorn und Kummer schmeckt man ihn durch. Er
ist wie das Salz das Gemeine oder Allgemeine, aber doch das, was unter
allen Umständen dazu gehört. Schicksal kann man nicht spielen; ohne
Ärger kommt man nicht aus, -- in seinen Einbildungen lebt man, --
warten, warten muß man -- heute wie morgen -- auf das, was mit einem
geschieht: in das Glück kann sich kein Mensch unterwegs retten; so
fallen die Besten und Edelsten in die Entsagung, um nicht dem Verdruß zu
verfallen, und das ist der Fall heute mit Ewald und Irene. Wenn aber
einer von uns zweien hier am Tisch sagt: Es schmerzt mich! so könnte er
dreist ebenso gut sagen: Ärgert mich nicht! -- Und jetzt siegele ruhig
deinen Brief zu, du hast es wirklich sehr hübsch ausgedrückt, wie _dir_
zumute war, als du nach längerer Abwesenheit zum ersten Mal wieder den
Steinhof besuchtest.«
»Just!« klang es vom Hofe her in unser offenes Fenster.
»Hier sitzt er, Jule! Was soll er?«
Neben dem Brunnen stand die Alte in der Sonne, blinzte unter
übergehaltener Hand vor und zu uns empor und brummte:
»Jawohl sitzt er da! Als ob ich das nicht wüßte? Sowie der -- andere
wieder im Lande ist, geht richtig das alte Elend augenblicks wieder von
frischem an; -- na, ich weiß schon, Herr Langreuter, und will auch
nichts Despektierliches gesagt haben. Aber Just, im Lämmerkampe weiß
kein Mensch mehr, wo er mit sich hin soll, und so haben sie sich lieber
allesamt unter die Bäume gelegt und warten, daß der Meister kommt und
nach ihnen sieht. Und mit der Steinfuhre für den neuen Schweinekoben
sind sie am Tillenbrinke vermalhört. Da liegt die ganze Prostemahlzeit,
Schiff und Geschirr im Graben, wie der Junge sagt, und bis jetzt haben
sie nur die Pferde ausgespannt und sitzen und besehen sich die
Angelegenheit, sagt der Junge. Nach dem Herrn Doktor aus Berlin aber
sucht sich Mamsell Martin schon stundenlang die Augen aus dem Kopfe; mir
flackert das Feuer in der Küche unter den Händen weg und brennt mir auf
den Nägeln; und so geht denn alles wie gewöhnlich ja recht hübsch
kopfunter kopfüber.«
»Da hast du es, Fritz!« meinte der Vetter ein wenig kläglich lächelnd.
»Der Mensch mag sich noch so sehr abarbeiten, um ein anderer zu werden,
das Durcheinander um ihn her bleibt immer dasselbe, und alle Erfahrung
und der beste Wille richtet wenig dabei aus. Wieviel Zeit von seinem
eigenen Tage behält man übrig für die Bedrängnisse der anderen? Jetzt
geh du nur hin und erhalte der treuen Seele, der Mamsell Martin, ihre
guten ängstlichen Augen, mich ruft das Schicksal zuerst nach dem
Tillenbrink und dann nach dem Lämmerkamp. Das ist ganz richtig, weg
läuft mir niemand dort. Sie liegen allesamt ganz behaglich und warten,
bis ich komme.«
»Und durch die Abendkühle reitest du nach Werden. Das ist dein Trost,
und zwar ein recht behaglicher.«
»Ja!« sagte der Vetter Just leise und innig und faßte meine Hand. »Es
ist so. Und wenn mir manchmal in allem Behagen etwas melancholisch
zumute wird, daß ich in meinem und meiner Eva Glück doch eigentlich nur
auf die beginnende Dämmerung und Kühle des Abends angewiesen worden bin,
so tröste ich mich: Wir bleiben eben länger jünger als die anderen!...
Und nun, alter Freund, hänge doch ein Postskript und guten Rat über das
Jung-Bleiben an deinen Brief. Ich trage ihn dann noch einmal so gern
hinüber heute am Abend. Wenn nachher wieder die Rede auf Schloß Werden
kommt, weiß man dann doch etwas genauer, was man sagen kann. Daß es mir
immer lieb gewesen ist, wenn ein Wort das andere gab, das weißt du ja.«
Ich sah ihm von dem Fenster der Giebelstube aus nach, wie er über den
Hof stieg. Vom Tor aus winkte er mir noch einmal zu, und ich sah ihm
nach auf dem Wege nach dem Tillenbrink und seufzte:
»Der hat wohl gut reden von seiner Jugend! Sind es bloß die großen
Künstler mit Stift, Feder und Meißel, die die Welt festhalten, während
sie allen übrigen entgleitet? Ich meine, solch ein Lebenskünstler, solch
ein Mann des Lebens wie der da, hat auch einen guten Griff. Was er faßt,
läßt er so leicht nicht los, und was er weiter gibt, das reicht er weit
in die Zeiten hinein. Welch ein Kunstwerk hat dieser Mann aus seinem
Leben gemacht -- treuherzig! Und ist nicht Treuherzigkeit das erste und
letzte Zeichen eines wahren Kunstwerks? Was haben wir ihm alles
aufgebunden, wenn wir aus unseren Nestern im Grün zu ihm kamen. Und er
glaubte alles! o, welch ein weiser Mensch steckte in jenem Jungen, der
da am Wege über dem alten Broeder saß und Glauben hatte, und sich wie
von Schloß Werden so von Bodenwerder zum besten halten ließ und gelassen
auf menschliche Schicksale wartete. Aber Glück hat er auch gehabt, und
-- das ist und bleibt gleichfalls in alle Zeit hinein der Trost und die
Entschuldigung derer, die wie die Fliegen und der gegenwärtige Doktor
der Philosophie Friedrich Langreuter aus Berlin an der geschlossenen
Fensterscheibe kriechen.«
Es fand sich in dem mit Fliegen, Staub und Schimmel mehr als gebührlich
gefüllten Tintenfasse des Vetters Just auch der schwarze Tropfen noch,
mit dem ich das angeratene Postskriptum an meinen Brief an den Freund in
Werden hängen konnte. Ich tat's, faltete das Blatt und ließ es
ungesiegelt; -- Geheimnisse meinerseits standen nicht drin, und der gute
Rat, den der Vetter gab, lag wie alles Echte und Rechte auf der Hand.
Im Gemüsegarten fand ich dann Mamsell Martin, Raupen vom Kohl suchend.
Sie stellte diese Beschäftigung natürlich sofort ein, um sich einer ganz
ähnlichen an mir zu widmen:
»^Oh monsieur^, wenn ich es nicht tagtäglich mir vorsagte, daß auch ihr
Männer durch die sehr böse Welt kommen müßt, und daß ihr es dann und
wann ^a peu près^ drin ebenso schlimm habt als wir anderen armen Frauen,
so wäre es wohl manchmal nicht auszuhalten mit euch. Sind Sie nur
deshalb nach diesem Steinhof gekommen, um meinem armen Kinde das Herz
noch schwerer zu machen, ^monsieur Frédéric^?«
»O, bestes Fräulein --«
»Ich bin keines Menschen bestes Fräulein! Wir leben hier nicht auf
diesem Steinhofe ^aux bains^. Wir sind hier nicht in Baden-Baden,
Homburg oder ^Aix-la-Chapelle^! Wir wohnen hier nicht, um uns zu erholen
^de nos études^, und um hineinzuschlafen in den Tag und um Ökonomie zu
treiben mit dem Cousin Just. Wir sind hier in großer Angst des Lebens,
mein armes Kind mit mir, wie auf einem Steinfelsen im Meer, und um uns
her ist nur, wie Mr. Victor Hugo sagt in den ^Orientales^: das Meer und
stets das Meer, die Welle, stets die Welle! Und wo Länderei -- nein,
Land ist, da sind für uns nur Ruinen, und es kann kein Mensch und auch
nicht Mademoiselle Julie verlangen, daß ich soll haben ein Interesse für
die Ökonomie auf diesem Steinhof. ^Eh!^«
Sie hatte sich nochmal gebückt und aus einem ganzen Nest ein fett, grün,
sich ringelnd Geziefer von einem westfälischen Kohlblatt abgenommen.
»^V'là une du paquet!^« rief sie mit ihrem unnachahmlichsten Nanziger
Klosterakzent; nämlich wenn die jungen Schulschwestern sich vollkommen
unter sich allein wußten. Mit spitzigen, dürren Fingern hielt sie das
unselige Insekt, und wenn sie einen Basilisken gefangen hätte, so hätte
sie mir denselbigen nicht mit stärkerem Grimm, Ekel und Widerwillen,
aber auch nicht mit größerer Energie unter die Nase halten können.
»Nur der ganz gewöhnliche, sehr gemeine Kohlweißling ^Pieris brassicae^,
Mademoiselle.«
»Ja, ^monsieur^, nichts weiter als das!«
Das Gewürm flog zu Boden, und wurde, fast ehe es daselbst anlangte,
vermittelst der Schuhsohle aus der Reihe der Lebendigen weggewischt. Die
^soeur ignorantine^ trat mit böse aufgerafften Röcken über die nächsten
Kohlköpfe hinweg und hinein in den Gartenweg. Wie eben die Raupe hielt
sie jetzt mich, doch glücklicherweise nur am Arm.
»Da war auch die ^Altesse^, -- die Durchlaucht, -- o diese Durchlaucht,
die auch unser Cousin war und uns besuchte und sehr gut zu uns sprach
und auch mit für uns sorgen wollte, und -- ^sous cape^ -- unser armes,
liebes Kind mit in sein armes, kleines, kleines Grab brachte, welches
sehr leicht war und sehr wenig kostete, weil schon der gute Vetter Just,
^monsieur^ Just Everstein, das kleine Kind in seinen kleinen Sarg gelegt
hatte. Was hat ^monsieur le prince^ weiter von sich hören lassen? Nichts
hat er von sich hören lassen. Was hat er für uns getan? Nichts hat er
für uns getan!«
»Was sollte er auch für uns tun?« fragte eine ruhig traurige Stimme
hinter uns. Irene hatte sich uns unbemerkt genähert; es kam nichts
weiter von dem, was Mademoiselle Martin auf der guten, gequälten Seele
hatte, zum Vorschein, sie ließ auch meinen Arm frei und seufzte nur
noch:
»^Oh, mon dieu!^ Nun hab' ich mir wieder einmal die Zunge angebrannt!«
Aber Irene hielt nur meine Hand fest; sie stand mit gesenktem Haupt,
ohne weiter etwas zu bemerken. Sie hatte keine Heimat, aber sie wußte,
wo sie zu Hause war; und (der Vetter Just hatte vollständig recht!) das
einfachste war, daß sie hinging, wohin sie gehörte oder -- geführt
wurde. Sonderbar ist es und bleibt es, daß wir Menschen immer nur im
höchsten Notfall auf unser Schicksal zurückgreifen, d. h. davon reden.
Wir schämen uns unseres Schicksals, und in _das_ große Geheimnis hinein
hängen alle Wurzeln unseres Daseins.
Fünfzehntes Kapitel.
Ich sitze da am Fenster in meiner Stube in der großen Stadt Berlin. Über
meine Gasse hinweg habe ich die Aussicht in eine andere. Hunderten, ja
Tausenden von Menschen, welche die letztere passieren, kann ich ins
Gesicht sehen, wenn ihr Weg so führt, und wenn es mir Vergnügen macht.
Ein Vergnügen macht es mir jedoch selten. Aber eine gewisse
Regelmäßigkeit des Verkehrs macht sich auch hier geltend. Es kommt immer
zur gegebenen Stunde alles wieder, wie es von seinem Geschick geleitet
wird, einerlei ob es sich der Abhängigkeit von demselben schämt oder
nicht. So sind mir denn allgemach viele Gestalten und Gesichter vertraut
und sozusagen zu unbekannten guten Bekannten geworden; aber nur ein
einziges immer heiteres, lachendes, glückliches Gesicht kenne ich
darunter, und das ist das eines blinden Knaben, der am Arme seiner
Mutter täglich gegen zehn Uhr morgens die Straße hinunterkommt oder
geführt wird, um bei einem Musiklehrer in meiner Nachbarschaft eine
Unterrichtsstunde im Geigenspiel zu nehmen. An diesen Knaben mußte ich
an diesem sehr unruhevollen Tage auf dem Steinhofe fortwährend denken,
und ich sprach auch zu Irene von ihm im Schatten der Obstbäume des
Grasgartens.
»Das Kind ist allmählich ein alter Bekannter von mir geworden. Ich sehe
es wachsen und allgemach zum Mann werden. Es wächst jedes Jahr einmal
aus seinem Rock und seinen Hosen heraus, aber es schämt sich keines
Zustandes. Es läßt sich wachsen.«
»Und bleibt auch als Mann und Greis ein blindes Kind. Das einzige
glückliche Gesicht unter Hunderttausenden! Armer Freund, weshalb redest
du mir davon? Zum guten Exempel ist solche Heiterkeit doch wohl nicht in
die Welt gesetzt! willst du mir gar zu allen anderen übeln Eigenschaften
auch noch den Neid rege machen? Worüber lachst du nun?«
»Nie über dich, arme Freundin; höchstens über dich und meinen braven
tapferen Freund und Gespensterseher, den Herrn Ingenieur Sixtus auf
Schloß Werden. Übrigens kommt ihr beiden Helden schon einmal vor, und
zwar in der Geschichte vom hörnernen Siegfried in den deutschen
Volksbüchern. Man kennt auch eure Namen und gibt sie seit tausend Jahren
von Jahrmarkt zu Jahrmarkt weiter. Jorcus und Zivilles heißt ihr da.
Mich nennt man einen Gelehrten, und hier nehme ich den Titel an, denn
dies ist etwas, was ich in der Tat allgemach aus den Quellen studiert
haben muß, und (es ist keine Tautologie, liebe Irene!) was ich wirklich
weiß. Willst du wissen, wie der Vetter Just, der kein Gelehrter, aber
dafür ein weiser Mann ist, sich ausdrückt?«
»Was sagt der?«
»Hasen sind sie alle beide; aber der feigste von beiden ist doch unser
guter Freund Ewald Sixtus -- auf Schloß Werden.«
»Das ist nicht wahr!« rief die Frau Irene, und aus ihren Augen funkelten
alle die alten Blitze, die uns in den Mauern und Gärten zu Werden so oft
heimgeleuchtet hatten, wenn wir zwei Jungen es den beiden Mädchen wieder
einmal zu toll gemacht hatten. Da sprangen die Neigung, die Liebe, ja
die Zärtlichkeit wie gewappnet hervor, und zornig flüsterte Irene
Everstein: »Es weiß kein anderer als ich, wie stark Ewald Sixtus ist,
und welch eine Tapferkeit dazu gehört und welch ein Edelmut, daß er
nicht kommt und sein Recht verlangt und sagt: du mußt, armes Weib! Du
bist in meiner Schuld, Irene, und du gehörst mir, wie -- Schloß Werden
mir gehört. -- Ich habe dir das aber schon gestern auf dem Stein am Wege
gesagt, und du -- du handelst wahrlich nicht edelmütig an mir, Fritz
Langreuter!«
Die Frau weinte und ließ mich stehen. Als sie rasch von mir fortlief,
war auch das ganz wie in unserer Kinderzeit, als unsere Nester noch im
Grün, im Sonnenschein und Himmelsblau hingen; aber damals weinte sie
nie, sie drohte lieber über die Schulter zurück, und es war immer Ewald
Sixtus, dem die erhobene Kinderfaust galt. Ich aber wußte jetzt, daß es
nicht nur das beste war, daß sie zu dem Freunde ging, sondern daß sie
sich schon auf dem Wege zu ihm befand. Aber es war mir dazu auch von
neuem bestätigt worden, daß der irländische Ingenieur nicht nur ein sehr
tapferer und starker Mann, sondern auch ein sehr schlauer Mensch war,
und alles dies in der rechten Weise, nämlich ohne daß er selber von
seinen Vorzügen im gegebenen Moment irgendwie genau Rechenschaft ablegen
konnte. Er war klug, ohne es zu wissen, und so ging er um Schloß Werden
herum; er war fest überzeugt, sich zu fürchten, und auf dem Steinhofe
wurde man sofort sehr böse und fing an zu weinen, wenn irgend jemand nur
im mindesten an seine Herzhaftigkeit rührte und den leisesten Zweifel
darob kundgab.
Lose hängen alle Kränze und Gewinnste in dieser Welt über den Häuptern
der Menschen; auf wohlbedächtig gezimmerten Leitern aber steigt man
nicht zu ihnen empor, und die, welche die schönsten Kränze tragen,
rühmen nie ihre eigene Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen. Im Gewinn
erkennen sie erst recht, welcher linde Hauch, welche ^aura coelestis^
ihnen das Glück oder die Erfüllung ihres Wunsches oder das große
wirkliche Kunstwerk zuwarf.
Etwas spät fielen die goldenen Äpfel in diesem Falle, aber sie fielen
doch noch; und abermals erwies es sich, daß wir in einer Welt unser
Dasein führen, in der es ebensowohl der Hauch des Todes wie des Lebens
sein kann, der die Zweige bewegt und schüttelt.
Erst am Mittage, nachdem der Vetter seine Steinfuhre am Tillenbrink
wieder aufgerichtet und im Lämmerkampe unter seinem Arbeitsvolk Ordnung
gestiftet hatte, bekam ich Irene von neuem zu Gesichte. Dies wird noch
einmal ein Kapitel der Wiederholung; ich aber kann wahrhaftig auch
diesmal nichts dafür.
Wieder die alte gute Bauernstube des Steinhofes! wieder der lange
nahrhafte Tisch von dem einen Ende derselben bis zum anderen; und wir
allesamt daran vor den Tellern und Schüsseln: der Meister, die Knechte,
die Mägde und die Gäste!
Und wieder wurde der Vetter herausgerufen, ging mit dem guten
behaglichen Lächeln auf dem schweißglänzenden Gesicht und kam nach einer
ziemlichen Weile sehr erregt wieder herein. Still setzte er sich von
neuem hin, nahm auch den Löffel wieder zur Hand, aber legte ihn doch
abermals nieder.
Da jedermann ihn darauf ansah, sagte er zu den Leuten:
»Eßt weiter, Kinder!«
»Was ist das denn, Just?« fragte Jungfer Jule Grote angsthaft. »Es war
ein Bote von drüben. Um Gott und Jesu willen: es geht doch wohl nicht
wiederum den Steinhof an?«
»Nachher, liebe Alte!... Den Steinhof geht es freilich wohl an; aber es
läßt ihn diesmal doch aufrecht stehen.«
Da dem Vetter Just der Hunger gänzlich vergangen zu sein schien, so
verging er auch seinen Gästen so ziemlich. Doch erst, nachdem das
Hofgesinde in Ruhe abgegessen und die Stube verlassen hatte, teilte uns
Just Everstein mit, was ihm und uns das Schicksal durch den eiligen
Boten von »drüben« hatte wissen lassen.
»Hattest recht, Jule; es war ein Bote aus Werden, und er hatte es sehr
eilig. Die Leute ging es aber nichts an, sondern nur mich und -- euch.
Sie haben heute noch einen heißen Arbeitstag vor sich, und so schickte
es sich nicht, sogleich damit herauszufahren. Für mich -- für uns ist es
wieder einmal ein schwerer Tag geworden. O, es ist schade, schade! ich
hatte noch für so lange, lange auf ihn mitgerechnet zu meinem -- zu
unserem Glück!«
Bleich und bebend hatte Irene sich erhoben.
»Welch Unglück ist wieder geschehen?... Ewald! Ewald!« rief sie; und der
Vetter nahm sanft ihre Hand von seiner Schulter.
»Nein, Liebe!... es denkt jeder nur immer an das Seinige!... Ewald und
Eva haben geschickt; -- es ist nur der alte Herr, der Abschied nehmen
will. Ach, ich denke auch nur an mich! es ist schade, schade; -- zu
seinem und Evas und zu meinem Glück und Behagen hatte ich noch so lange,
lange auf ihn mitgezählt! Da ist der Zettel, welchen der Bote gebracht
hat.«
Das von Ewald flüchtig gekritzelte, von dem Vetter im ersten Schreck und
der zusammengehaltenen Aufregung arg zusammengeknitterte Blatt ging von
Hand zu Hand. Es lautete:
»Den Vater hat heute morgen, während er seine Holzfäller beaufsichtigte,
ein Unfall betroffen. Ein Ast eines stürzenden Baumes hat ihn im Rücken
beschädigt und von den Hüften abwärts gelähmt. Er ist bei voller
Besinnung und nur zornig auf sich selber. Von mir kann leider nicht die
Rede sein. Der Alte sagt nur: >Daß ich so dumm auch gerade während
Deines _Besuchs_ sein mußte, das ärgert mich noch am meisten!< -- Jetzt
erst weiß ich es, wie fremd ich zu Hause geworden bin. Eva hat Dich
nötig, Just; also komm zu ihr. Dem alten Herrn wirst du gleichfalls zum
besten Trost gereichen.«
Irene hielt jetzt den zerknitterten Zettel; Jule Grote wiegte den
Oberkörper hin und her und stöhnte: »O Je! o du mein Je; nun geht auch
der weg!« Mademoiselle sah, über den Tisch vorgebeugt, mit angehaltenem
Atem auf ihre Herrin, Schülerin und Schutzbefohlene; der Vetter blickte
zu mir herüber, seufzte nochmals tief und schwer, strich sich mit der
Hand über Stirn und Augen und fragte:
»Was ist deine Meinung, Fritz? So rasch als möglich müssen wir hinüber;
aber du weißt, die Pferde sind augenblicklich alle vom Hofe. Das eine
Paar wird erst gegen Abend heimkommen, das andere kann ich zwar vom
Tillenbrink holen lassen, aber es gehen doch gut anderthalb Stunden
drüber hin. Mein Rat ist, wir gehen nach Bodenwerder und nehmen dort
eine Extrapost.«
»Fremd zu Hause!« murmelte Irene, aus ihrer Betäubung erwachend. »Wir
wollen gleich gehen und den alten Weg nehmen -- wie damals, als mein
Vater gestorben war.«
Wie in diesem Worte so vieles zu einem Abschluß kam, entging uns in
diesem Augenblick vollständig. Wir haben aber alle nachher daran
gedacht.
»Ja,« sagte der Vetter Just, »das ist immer noch der Richteweg nach
Werden. Der Vater Klaus würde sich auch nicht wundern, wenn du ihm noch
einmal in seinen Kahn stiegest.«
»Finden wir denn den noch?« rief ich.
»Es zog ein schlimmes Gewitter damals über den Steinhof, als ihr ihn
zuletzt über den Fluß anriefet,« sagte der Vetter. »Ihr bekamet nur die
letzten Tropfen auf dem Wege nach Schloß Werden. Es ist wunderlich; aber
auch das kann heute wieder gerade so geschehen. Nun, der alte Charon
wird uns wohl sicher übers Wasser schaffen. Es hat sich vieles hier bei
uns verändert, Doktor; aber diesen Schiffer findest du auch heute noch
an seiner Stelle.«
Eine halbe Stunde später befanden wir uns bereits auf dem Richtewege
nach Werden, Irene, der Vetter Just Everstein und ich; -- ganz _wie
damals_ klares, tiefblaues Himmelsgewölbe über uns, doch weißes
Sommergewittergewölk hinter uns im Westen. Nun war es, wie der Vetter am
Morgen es als das Beste und Wünschenswerteste und dazu als das
Einfachste hingestellt hatte, nämlich, _daß sie zu ihm gehe_. Und
einfach und ganz selbstverständlich erschien es auch jedem; es verlor
niemand noch ein Wort darüber. Der Tod ist ein mächtiger Rufer und ebnet
Wege und macht Pfade glatt, die eben noch durch berghohe Trümmer der
Vergangenheit und unüberwindlich heil Gemäuer der gegenwärtigen Stunde
versperrt schienen. Aber so hatte der Vetter Just sich den Weg der Frau
Irene zu dem Freunde doch wohl nicht vorgestellt, als er sein ruhiges
Wort aussprach!
Rasch und schweigend gingen wir drei unter dem heißen Tage; der erste
Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wäldern
der Heimat, und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flügel über alle
sonnigen Hügel, Täler und Halden ausgebreitet. Wie damals sahen wir uns
nicht einmal nach dem Dunkel um, das in unserem Rücken emporstieg; --
noch einmal ein Gewitter auf diesem Pfade! Wo aber führen die Wege der
Menschen auf dieser Erde, wo das dumpfe Grollen und Murren von fern her
nicht ins Ohr klingt und uns nicht zwingt, rückwärts, zur Seite oder
nach dem Ziel vor uns hinzuhorchen?...
»Hol über!«
An dieser Stelle noch alles so wie sonst! Dieselben Wasser, dasselbe
Ufergebüsch, dieselben heißen, knirschenden Kiesel unter den Füßen. Und
drüben aus dem Buschwerk das leichte Rauchwölkchen aus der Hütte des
alten Freundes, und sein Kahn an dem nämlichen Weidenstrunk. Und nur die
Wellen rauschten, sonst kein Ton, kein Laut rings umher. Wir hatten
unseren Ruf mehrmals zu wiederholen.
»Ein wenig taub ist der Alte allmählich wohl geworden,« meinte der
Vetter, »aber seine Augen sind für seine Jahre noch merkwürdig scharf.
Er ist sicherlich nahe an die Achtzig. Guck, Irenes Tuch bringt ihn uns
her.«
Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drüben den Uferhang
herabkommen. Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herüber.
»Hol über!«