Da lag in der Abenddämmerung und der Dämmerung der weitästigen Rüstern
das gute Heimathaus. Nur die Bäume wachsen, nicht aber das, was der
Mensch erbaut. Letzteres scheint stets niedriger, enger geworden zu
sein, wenn man es nach längerer Abwesenheit wieder erblickt. Und man
braucht dazu es gar nicht als Kind verlassen zu haben. Auch der
Erwachsene geht fort und läßt genau bekannte Stätten hinter sich, und
wenn er wiederkehrt, so wundert er sich. Er berührt noch wie früher mit
ausgestreckter Hand die Decke über seinem Kopfe; aber die Balken haben
sich doch gesenkt, die Wände haben sich doch zusammengezogen. Aber der
Wert der Dinge steigt und dehnt sich für den wahren Menschen gerade dann
im umgekehrten Verhältnis. Welcher melodische Lärm geht über das
klimpernde Getön, welches das alte Klavier in seiner Ecke aus seinem
eschenen Gehäuse von sich gibt? Wir dachten auf dem Heimwege über Land
und See daran und hatten Lust, uns in alter Weise lustig darüber zu
machen, und wir hatten in keinem Konzertsaale der Welt Laute vernommen,
die uns so an das Herz griffen wie das schrille Klingen dieser Saiten,
über die wir endlich, endlich wieder einmal mit den zitternden Fingern
greifen dürfen.
Von Verfall, Moder und Ruin soll hier aber nicht die Rede sein. Wie ein
behaglicher Greis im Großvaterstuhl rutscht so ein Haus in sich zusammen
und läßt allem jungen Pfosten-, Sparren- und Balkenwerk, allem
neumodischen Zement und Asphalt rundum gern sein Wesen. Es kündigt
keinem Heimchen unter der Schwelle, hinter dem Kachelofen und am
Küchenherde oder setzt ihm die Miete in die Höhe. Die Heimchen wohnen
sicher bei ihm und warm und wissen's auch und singen sein Lob, und --
ihr Gesang verändert sich uns nie, wir mögen nach Hause kommen, wann wir
wollen, früh oder spät, nach einem Tage oder nach einem halben
Jahrhundert. Der wächst nicht wie die Bäume, er rüttelt sich nicht in
sich zusammen wie die Dächer und die Mauern: er ist derselbe immerdar --
Gott sei Dank!
Wir standen und hörten durch die Abendstille die Heimchen von dem
braunen, im Schatten versunkenen Hause her. Sonst war alles still; ein
krähender Hahn im Dorfe, ein bellender Hund in der Ferne und ein erster
Froschlaut vom nahen Mühlenteiche her störten den Frieden durchaus
nicht. Wie immer standen alle Fenster und die Tür der Försterei weit
offen, und in der einen Fensterbank zwischen den Blumentöpfen die
Hauskatze im Halbschlaf und die Hunde auf der Schwelle der Haustür! Aber
ein weißes, würdiges Haupt neben, hinter den Rosenstöcken und dem Kater
-- ein leichtes blaues Rauchwölkchen zwischen dem Weinlaub durch ins
Freie hinausziehend! Ich hatte den Geruch jahrelang vergessen, aber ich
erkannte ihn beim ersten _Blick_ wieder! wahrlich nicht bloß mit der
Nase! Da hebt der braune Hühnerhund den Kopf und der Teckel schlägt an
-- eine weibliche Gestalt tritt in die Tür des Werdener Försterhauses --
die liebe, gute Eva des Vetters Just Everstein! Eva Sixtus in ihrem
achtundzwanzigsten Lebensjahre -- herzig, voll und reif; und ich -- ich
ziehe mechanisch ebenfalls den Hut und grüße; eine Bemerkung über die
Temperatur mache ich dabei nicht, aber es wird mir ganz seltsam vor den
Augen, und ich wundere mich, wie ich eigentlich auf einmal hierher
komme; ach, zu der Frage, was ich eigentlich auf einmal hier will,
gehören viel klarere Sinne und bedeutend mehr ruhige Überlegungskraft,
als ich augenblicklich beisammen habe! Klar ist mir nichts, als daß ich
eine weite, weite Reise getan habe, daß hundert Räder unter mir
rasselten, daß unheimlich rastlose Schaufeln in ärgerliche Wellen
schlugen, daß die Gegend und die Welt und das Leben vorbeigeflogen
waren, daß die Plage und die Unlust an Körper und Seele groß waren und
der Gewinn und die Befriedigung gering, und -- daß es keine größere und
erstaunlichere Offenbarung gibt als die der Stille im Lärm, des
Schweigens im Geschrei und der Ruhe in der Unruhe. Stadtrat in
Finkenrode braucht man darum gerade nicht zu werden.
»Sie habe ich auf den ersten Blick wiedererkannt,« ist mir sehr häufig
im Leben gesagt worden, und so hatte es eigentlich nichts
Überraschendes, daß die Gute, die Liebe auf der Schwelle der Försterei
in Werden zuerst mich erkannte und, wie es schien, mit einem leisen
Erschrecken zuerst:
»Fritz!« rief.
Und ich blieb stehen, wo ich stand; aber der Bruder lief vorwärts, und
mit einem ebenso leisen Schrei erhob die Schwester die Hände:
»Ewald!... o Ewald, Ewald!«
Sie trat wohl auch einen Schritt vor, als wollte sie sich auf uns
zustürzen; aber dann blieb sie doch stehen und ließ uns zu sich
herankommen. Wie von einem Schwindel ergriffen, hielt sie sich an den
treuen, schützenden Pfosten der Tür ihres Vaterhauses, und einen
Augenblick hindurch hielt sie auch die Augen fest geschlossen; dann aber
sah sie wieder auf, und wie im hellen, schluchzenden, wortlosen Jubel
hing sie an der Schulter des so landfremd durch eigene Schuld und Grille
gewordenen Bruders, und zitternd legte der Mann, der so selbstbewußt,
stolz und sozusagen mutwillig hatte wiederkommen wollen, seinen Arm um
sie:
»O, das ist gut! Mädchen, Mädchen, altes liebes Mädchen, du willst es
mich nicht entgelten lassen? Wirklich nicht? Ich habe es ja gewußt, aber
sagen mußt du es mir dennoch und -- dem da auch! Wir haben uns so sehr
gefürchtet, und ich für mein Teil, ich will noch vierzig Jahre älter
werden, von dieser Stunde an gerechnet, bloß um vierzig Jahre lang von
dir zu hören, was für ein Esel von Kindesbeinen an in mir gesteckt hat,
und daß meine einzige Entschuldigung ist, daß -- ich es nur zu gern
getan habe und also nichts dafür kann!«
»Der Vater ...!« stammelte sie. »Ist es denn wahr, Bruder?... Es war
wohl ein Gerücht seit einiger Zeit, doch -- -- O, der Vater, der Vater;
er sitzt da am Fenster -- er ist so alt geworden und immer noch so sehr
gut; -- o Ewald, lieber Ewald, aber er hat es mir nicht glauben wollen,
daß du wieder zu uns kommen würdest, und es hat ihm keiner mehr von dem
Gerücht reden dürfen.«
»Eva,« klang es jetzt von dem Fenster her, »wen hast du denn da, Kind?«
Der alte Mann schob neugierig den Kopf hervor; aber die einst so
scharfen Weidmannsaugen reichten nicht mehr soweit in die Abenddämmerung
hinein, um die Fremden zu erkennen, die mit seiner Tochter sprachen. Der
Irländer hielt meinen Arm so fest, daß es mich schmerzte. Eva Sixtus
trat näher an das Fenster heran; sie trocknete ihre Augen und versuchte
ruhig und fröhlich zu sprechen, es gelang ihr jedoch schlecht.
»O Vater,« schluchzte sie, »wir haben Besuch bekommen --«
»Das freut mich, Kind; -- wenn er mit einem alten Mann vorlieb nehmen
will. Aber wie sprichst du denn? was hast du mit dem Tuch?«
»Vater, Besuch aus -- vom -- Schloß Werden -- aus Berlin -- aus --
England. Lieber Vater, ich freue mich so, und du wirst dich auch freuen.
Denke dir, Fritz -- der Herr Doktor Langreuter aus Berlin -- Herr --
Fritz Langreuter --«
»Alle Wetter!« rief der Alte, und der Kater neben ihm tat vor Schrecken
einen Satz durch das Fenster und fuhr uns dicht an den Köpfen vorbei
über den Hof, um sich, eine Stalleiter aufwärts, mit möglichster Eile in
Sicherheit zu bringen. Mr. Ewald und ich hatten zu bleiben und das
Weitere abzuwarten.
»Was ist das?« fragte glücklicherweise noch eine Stimme aus der Tiefe
der Stube. Wir hörten den Alten sich aufrappeln, und -- da stand er auf
der Schwelle seiner Amtswohnung, weißhaarig, die einst so scharfen Augen
suchend auf uns richtend, auf seinen Stock gestützt, und -- über die
Schulter sah ihm zu unserem, das heißt zu Ewald Sixtus' Glück der Vetter
Just Everstein, der, wie sich auswies, sehr häufig vom Steinhofe zu
seiner Unterhaltung herüberritt, und dessen Gaul auch an diesem
merkwürdigen Abend wieder einmal im Stall einträchtiglich neben den zwei
Kühen des Försterhauses stand.
Er war wieder der einzige, der Vetter Just nämlich, der ganz richtig und
zur rechten Zeit an Ort und Stelle war. Er allein war schuld daran, daß
eine Viertelstunde später -- eine schlimme Viertelstunde! -- der alte
Mann mit dem guten Gesicht und der immer noch bitterbösen Falte zwischen
den zusammengezogenen weißen, buschigen Brauen die Faust auf einen
abgegriffenen Schweinslederband auf dem alten braunen, so teuern
Klapptische zwischen den beiden Fenstern fallen ließ und murrte:
»Dieser hier hätte dich kurzab hängen lassen, Ewald, wenn du sein Junge
gewesen wärest. Und wäre ich jünger und noch besser bei Kräften und
Gedanken, so kämest du mir heute abend nicht so leicht weg, mein Sohn,
das sage ich dir. Da wollte ich das Leben dieses Papstes doch nicht so
lange studiert haben, um nicht zu wissen, was ich zu tun hätte!«
»O, lieber Vater,« rief aber Ewald Sixtus, »ist denn nicht das verdammte
Buch an der ganzen Geschichte schuld? Kann ich denn dafür, daß du mich
alle Augenblicke mit der Nase darauf geduckt hast? Da frage nur den Just
und den Doktor da, was sonst leichter im Menschen hängen bleibt als
solche gute Lehren und Beispiele! Um auch meinen Willen durchzusetzen,
habe ich gleichfalls jahrelang das Maul gehalten. Viel Reden hilft nicht
und viel Schreiben macht dumm -- frage dreist nur den Doktor hier
danach, der kennt aus seiner Praxis genug Leute, die sich in beiderlei
nie genug tun konnten und auch nach Hause kamen wie ich und doch noch
weniger das Rechte getroffen hatten. Und ich bin doch auch nur darum
wieder da, um mich von jetzt an von euch allen -- ja allen! lenken zu
lassen wie an einem seidenen Faden, und das ist noch mehr, als du von
deinem Papst und unserem allerheiligsten Herrn Namensvetter, Sixtus dem
Fünften, behaupten kannst, lieber Papa!«
Der Greis schüttelte den Kopf.
»Ich bin eben zu alt, um mich noch in allen euren Finessen zurechtfinden
zu können, habe es auch nie recht gekonnt. Wenn dich dein Gewissen
freispricht, so will ich es dir gönnen, mein Sohn, helfen täte es mir ja
doch nichts, wenn ich mich auch noch mal abmühte, über die
Verschiedenheit der Menschen auf Erden nachzusimulieren und mich über
ihr Wesen gegeneinander zu ärgern. Also -- lassen wir es gut sein; du
bist wieder da und sagst, du habest es zu was gebracht, und das kann mir
ja nur lieb sein. Was du unterwegs verloren hast, kann ich nicht
taxieren; aber ein reicher Mann bist du geworden, sagen sie im Dorfe und
sagt der Vetter Just; und Schloß Werden ist nun auch dein Eigentum;
meine Sache ist das nicht, also sieh selber zu, was du mit deinen
Ausrichtungen zu deinem Glücke weiter anfängst. Unter diesem, meinem
Dache will ich dich als einen Gast ansehen, wenn es deine Zeit und
Umstände zulassen und du deiner Schwester und mir die Ehre schenken
willst. Auch der Fritz -- der Herr Doktor Langreuter, ist mir
willkommen, und das Kind soll auch ihm seinen Stuhl am Tische wieder
zurücken. Wie ist es, Just Everstein; kann ich und soll ich noch mehr
sagen und tun?«
Der Vetter Just faßte nur die Hand des Greises; Eva trocknete sich die
Augen mit dem Schürzenzipfel; wir zwei anderen standen mit den Hüten in
den Händen, in Wahrheit kläglich genug da -- wirklich zwei dumme Buben,
die zu spät zum Essen nach Hause gekommen waren, und zwar vom Fischfang
in den Bächen dieser Welt, mit der Angelrute über der Schulter und ein
paar Gründlingen in einem zerborstenen Henkeltopfe.
Siebentes Kapitel.
Dies Gefühl verstärkte sich noch um ein Bedeutendes, als wir nunmehr
endlich einmal wieder in der niedrigen Stube standen, deren Decke der
Förster Sixtus, so gebeugt ihn das Alter haben mochte, immer noch mit
ausgestreckter Hand abreichte. Aber Eva hielt den Bruder von neuem fest
in den Armen und schluchzte an seiner Brust; und dann reichte sie dem
Vetter Just die Hand und sagte leise:
»O, wir danken dir!«
Und dann gab sie auch mir die Hand und versuchte es, durch ihre Tränen
zu lächeln, und sie sagte:
»Und Ihnen danke ich auch recht schön und aus vollem Herzen. Es ist so
sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mit meinem Bruder heim- und
hergekommen sind. Nicht wahr, es hat sich wenig bei uns verändert? Wenn
Sie es nur noch so behaglich wie in früheren guten Jahren finden!«
Ich griff mit der Hand nach der Kehle, weil eine andere -- eine sehr
heiße Geisterhand sie mir bedenklich zusammendrückte.
»Ach, Eva -- Fräulein Eva --«
Glücklicherweise sprach der alte Herr, der seinen Platz in dem Lehnstuhl
am Fenster wiederum eingenommen hatte, dazwischen.
»Weshalb nennst du denn den alten Jungen auf einmal Sie, Mädchen?«
fragte er. »Komm doch mal heran, Fritz! Wenn du auch zu uns gehörtest,
so bist du doch nicht mein Fleisch und Blut gewesen, und so konntest du
für dein Teil tun und lassen, was du wolltest, ohne dich viel um uns zu
kümmern. Hättest dich aber doch wohl einmal wieder bei uns sehen lassen
können, und wenn es auch nur schriftlich gewesen wäre! Schon unserer
Freundschaft mit deiner seligen Mutter wegen!... So eine wie die ist mir
nachher auch nicht wieder begegnet, und wenn ich manchmal hier in meinem
Winkel vermeine, es sei nur, weil meine Augen stumpfer geworden seien
und meine Sinne und Gedanken dazu, so kommt es mir bei besserer
Überlegung als das Wahre, daß die wahren Menschen und Weibsleute doch
immer das Seltenste in der Welt sind und bleiben. Was zur hohen Jagd
gehört, das läuft nicht wie die Hasen im Felde. Übrigens hat mir der
Vetter Just da nur Gutes von dir erzählt, Fritzchen Langreuter, und das
hat mich wirklich recht gefreut, und wir sprechen wohl noch weiter
darüber. Als du hier auf dem Boden mir zwischen den Beinen
herumkrochest, deinem Ball und sonstigem Spielwerk nach, da hätte dir
keiner an der Nase angesehen, daß wahrhaftig ein Doktor und noch dazu
nicht ein bloßer medizinischer, die ich mir doch gottlob niemalen habe
an den Leib kommen lassen, in dir steckte. Und nun sage mal, Fritz, ich
hoffe doch, du nimmst hier mit uns vorlieb und Quartier; auf eines da
bei dem vornehmen Herrn von Schloß Werden würde ich in dieser Nacht
lieber doch nicht allzu feste rechnen. He, oder Er will wohl gar auch
noch einmal sich in dem alten Bau verklüften, Musjeh Ewald Sixtus? Von
Rechts wegen gehört er freilich nicht mehr hinein; aber da fährt das
dumme Mädchen schon wieder mit dem Schürzenzipfel nach den Augen, und so
will ich denn lieber weiter nichts gesagt haben als: na, Evchen, denn
schütte den beiden dummen Jungen eine Streu auf, und vor allen Dingen
sorge für'n anständig Abendbrot. Der Vetter Just kann bei Mondschein
reiten, den Narren von Engländer da mag ich immer noch nicht recht
ansehen, aber der gelehrte Doktor kommt mir selbst bei dieser
zunehmenden Dämmerung sozusagen recht abgehungert vor, woran denn wohl
hoffentlich nur alle seine Gelehrsamkeit und seine lange Abwesenheit in
Berlin schuld ist.«
In diesem Augenblick schüttelte sich der »Narr von Engländer«, das
richtige Werdener Kind, der irländische Brückenbauer und Tunnelwühler
Ewald Sixtus wie ein -- unbotmäßig gewesener Pudel, der seine Prügel weg
hat und sich wieder in alter Behaglichkeit und im früheren
gemütlich-drolligen Verhältnis zu seiner Umgebung fühlt. Aber es kam
noch besser. Wie es zuging, konnte nachher wohl keiner uns genau
angeben; aber das Faktum stand fest: mit einem Male hielt der Sohn den
Vater im Arme wie eine Braut -- ja besser, herzerfreulicher, zärtlicher
und weicher und fester als wie solch ein weichliches, hübsches,
zärtliches Ding von Mädchen!
Und was das allerbeste war, der alte Waldmensch ließ es sich gefallen
und wurde nicht grob oder zierte sich.
»Ewald! mein Junge!« stotterte er leise, »o du Allerweltsschlingel, bist
du es denn wirklich und wahrhaftig?... Na, na, schon gut, schon gut!
Willst du mich nun auch noch zu einem alten Weibe machen?... zu allem
übrigen?!... So sprich doch du ein Wort dazu, Just Everstein. So sagt
ihm doch, ihr anderen alle, daß es mir recht sein soll, wenn er
gehandelt hat, wie er es verstand!... Mein Junge, mein lieber Junge --
so bring doch Licht herein, Eva, Mädchen, auf daß man -- wir -- ich ihn
endlich mal wieder voll zu Gesichte kriege!... Von dem alten Kasten, dem
Schloß Werden, und von der lieben Gräfin müssen wir ja auch noch bei
Lichte reden!... Also ein Sixtus bist du gewesen und geblieben, weil du
nichts dafür gekonnt hast?... Mein Junge, mein nichtsnutziger
Galgenstrick bist du immer geblieben?... Und Schloß Werden hast du
wirklich, und es ist kein dummes Zeug, sondern die reine volle Wahrheit?
Was würde der Herr Graf sagen, wenn er in diesem Augenblick dort wieder
auf seinem Platze sitzen würde? Und die Gräfin -- Fräulein -- Frau
Irene? Ewald, sie sitzt ja auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just
Everstein, was wird sie dazu sagen, daß der Spielkamerad aus der
Werdener Försterei die vier leeren Mauern ihres Vaterhauses der letzten
Ruinierung abgewonnen hat?«
Der Freund hatte, wie der späteste Leser merken wird, immerfort in die
Worte des Greises hineingesprochen; doch Papierverschwendung würde es
gewesen sein, wenn ich auch seine bruchstückhaften Eräußerungen hier
hätte wiedergeben wollen.
Nun brachte Eva die Lampe, und der Klapptisch wurde nach ewiger
Gewohnheit vom Fenster in die Mitte der Stube geschoben, und ein jeder
von uns beiden, d. h. Meister Ewald Sixtus und ich, Friedrich
Langreuter, saß wieder einmal vor seinem Namen, den er vor zwanzig
Jahren in die Platte eingeschnitten hatte. Wir waren allesamt
beträchtlich in die Jahre hineingeraten, seit wir zuletzt an diesem
Tische so zusammengesessen; aber ein schöneres, frischeres Bild als
diesen weißhaarigen Vater Sixtus zwischen seinen beiden Kindern gab es
nicht. Neun Uhr schlug die Wanduhr, und bei ihrem Schlag sahen sowohl
der irländische Ingenieur wie auch der Berliner Doktor der Weltweisheit
auf und atemlos sich um. Wir hatten wahrlich nicht nötig, einander
anzustoßen und zum Stillsein aufzufordern, bis die neun schrillen
Schläge verhallt waren und das Ding sein Ticktack weiter in die Zeit
hinein fortsetzte.
»Es ist reinewegs wunderbar!« seufzte Ewald.
»In diesem Frühjahr hat sie einmal gerade so wie ich auf ihre
Pensionierung angetragen,« sagte der Vater Sixtus. »Es ist der
Tausendkünstler da, der Vetter Just, der sich ihrer Altersschwäche
erbarmt und sie in die Kur genommen hat. Nicht wahr, Just, es hat dich
mehr als einen sauren Schweiß- und Angsttropfen gekostet, sie noch
einmal auf die Beine zu bringen? Ach, tagelang ist er jeden Tag
herübergeritten und hat den Uhrendoktor gespielt, und daß er wiederum
ein Meisterstück gemacht hat, das habt ihr beiden anderen soeben mit
eigenen Ohren vernommen.«
»Ich habe nichts lieber getan,« meinte der Vetter leise und mit einem
scheuen, zärtlichen Seitenblick auf Eva. »Es war ja meine eigene bittere
Erfahrung, als ich von der Vagabondage nach Hause, nach dem Steinhofe
heimkam und sie mir alles vertragen und verschleppt hatten. Und wenn
alles übrige doch nur was Totes ist, dem wir selber unsere Stimme geben
müssen, wenn es sprechen soll, so ist es mit so einer Uhr ganz und gar
ein anderes, was in alles, was dir passiert von der Wiege an, mit
hereinredet. Ich will mit keinem Menschen etwas zu tun haben, der die
Stubenuhr aus seines Vaters Hause aus Not verkauft, wenn er vorher noch
etwas anderes zu verschleudern hatte. Und wäre ich nicht der Bauer vom
Steinhofe, so möchte ich nur ein Uhrmacher sein; aber ein wandernder,
der von Dorf zu Dorfe seiner Kunst nachgeht. Mein seliger Vater war ein
verschwiegener Mann -- Sie wissen das, Herr Oberförster -- aber wenn er
den Uhrmacher auf dem Hofe hatte, kam er immer ins Erzählen, und es war
immer ein Wunder, wieviel die Familie erlebt hatte, ohne daß weder meine
Mutter noch sonst irgendein Mensch auf dem Steinhofe eine Ahnung davon
gehabt hatte.«
Der alte Förster kratzte sich lächelnd hinter dem Ohre:
»Und was haben wir getan, Just, während der Tage, wo du neulich den
wandernden Uhrmacher hier bei uns gespielt hast? Hier, Evchen, Mädchen,
wie haben wir beide hier auf der Försterei uns bei ebenso bewandten
Umständen, will sagen, als wir den Uhrmacher im Hause hatten,
verhalten?«
Es schien mir, als ob der Vetter Just jetzt verstohlen zu mir
herüberschaue; über Evas liebes Gesicht flog es wie ein Erröten, doch
verlegen wurde sie nicht. Sie reichte dem Vetter vom Steinhofe
unbefangen die Hand über den Tisch und sagte:
»Ei, wir haben wohl auch von allerlei Familiengeschichten geschwatzt.
Gehörte Just nicht so ganz und gar dazu, so möchte es ihm wohl manchmal
recht langweilig geworden sein. Nun aber lasse ich euch Männer und
Herren für eine halbe Stunde allein -- da kommt der Bruder aus der
weiten Welt nach Hause und sein -- der Freund Fritz aus der Stadt
Berlin, und wir schwatzen, als ob wir erst gestern abend uns hier gute
Nacht gesagt hätten. Jetzt sorge ich fürs Abendbrot; aber ich lasse die
Tür offen und horche auf alles -- ich meine, ein Jahr wird nicht
ausreichen, um uns gegenseitig mit unserem Leben wieder aufs Laufende zu
bringen, einerlei ob wir den Uhrmacher im Hause haben oder nicht.«
»Fürs erste gehe ich einmal mit in die Küche!« rief der Besitzer von
Schloß Werden aufspringend. »Endlich will ich doch mal wieder da die
Funken im Schlot aufwirbeln sehen.«
Nach fünf weiteren Minuten schlich auch ich mich den beiden nach; aber
ich blickte nur durch die Türspalte. Sie standen Arm in Arm an dem alten
väterlichen Herde, und die Schwester hatte dem Bruder wieder den Kopf
auf die Schulter gelehnt, und sie sahen stumm in die hüpfenden Funken
des Heimatherdes. Als ich in die Stube zurückkam, sagte der Vater
Sixtus:
»Recht hat das Kind, Fritze. Wir werden wohl eine ziemliche Zeit
brauchen, um mit allen unseren Erlebnissen ins klare zu kommen. Da frage
nur den Vetter Just, der ist jetzt doch schon über ein Jahr aus seinem
Amerika zurück; aber wir sind immer noch nicht mit ihm fertig. Manchmal
ist es mein Wunder, wie viel das Mädchen aufs Tapet zu bringen hat,
sobald er die Nase in die Tür steckt. Die Zwei kann man schon einen
ganzen Sommertag beieinander sitzen lassen, ohne daß ihnen der
Unterhaltungsfaden abbricht. Na, ihr seid recht gute Freunde geworden,
nicht wahr, Just Everstein?«
Ich aber, der ich hier sitze und schreibe, dachte wunders, wieviel ich
von jenem inhaltreichen Abend zu Papier zu bringen haben würde, und
wundere mich doch nun gar nicht, daß ein so kurzes Kapitel daraus
geworden ist.
Achtes Kapitel.
»Wie süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft!«
Gegen elf Uhr abends ging er auf, der Mond, und in der längst
aufgegangenen Sommersonne am Morgen unter. Um elf Uhr hatte uns der Alte
gute Nacht gewünscht und sich von seinem heimgekehrten Sohne in seine
Kammer führen lassen. Erst nach einer geraumen Weile hörten wir Ewalds
Schritt wieder auf der Treppe. Sehr schweigsam und nachdenklich nahm der
Herr von Schloß Werden wieder an unserem Tische Platz und sprach wenig
mehr. Auch Eva wurde schweigsamer, rückte aber näher zu dem Bruder und
hielt von neuem fortwährend seine Hand zwischen der ihrigen. Es war, als
ob für diesen Abend nunmehr jedes Wort zwischen uns vier ausgesprochen
worden sei. Nur die Uhr im Winkel redete weiter; als sie aber
Mitternacht schlug und der weiße Schein des Mondes plötzlich voll in die
Fenster fiel, da erschraken wir alle, und der Vetter Just stand auf und
sagte:
»Nun wird's doch wohl Zeit, daß ich reite! Was werden sie auf dem Hofe
sagen, wenn ich ihnen fast das Morgenrot heimbringe?«
»Sie liegen wohl alle in einem guten Schlafe und kümmern sich wenig
darum, wieweit es an der Zeit ist,« meinte Eva.
»Frau Irene nicht,« sagte der Vetter; Ewald Sixtus aber sah rasch aus
seinem trüben Sinnen empor, tat jedoch keine Frage.
»Ich habe alles versucht, sie darin zur Vernunft zu bringen,« fuhr der
Bauer vom Steinhofe fort, »aber was hat es mir geholfen? Nichts!... Und
wenn ich es um sie verdient hätte, so wäre dies zu gut, zu lieb, zu
sorglich und zu dankbar. Was habe ich ihr denn viel helfen können in
ihrer schlimmen Lebensnot und Angst? Du, Fritz, bist ja auch dabei
gewesen und kannst bezeugen, daß ich nichts als den guten Willen gehabt
habe. Und das Kind haben wir ja doch auch begraben müssen, und hätte ich
auch mein Herzblut hergegeben, -- sage selbst, Fritze, daß keine Hülfe
dafür war! Jetzt aber sitzt sie gottlob auf dem Steinhofe in Ruhe und
Sicherheit, soweit beides hienieden möglich ist; aber nun ist es fast,
als sei ich ein krankes Kind und müsse gepflegt werden und süß behandelt
werden wie ein solches. Die alte Jule war darin schon arg genug, nachdem
wir von neuem auf dem Hofe beisammen waren; aber Frau Irene gibt ihr
nicht das geringste nach. Geraten sich die beiden Guten einmal in die
Haare, so könnt ihr sicher sein, daß es über mich geschieht. Sie sehen
aus nach mir, sie erwarten mich bei dem schlechtesten Wetter draußen vor
der Tür. Sie rücken mir den Stuhl zurecht, und ihr einziger Jammer ist,
daß ich keinen Schlafrock trage und sie mir also mit dem nicht
entgegenkommen können. Die Alte ist wohl zu alt, um bis nach Mitternacht
auf mich warten zu können; aber die beiden anderen lieben Augen wachen,
und in Irenes Stube brennt in dieser Nacht die Lampe bis in den Morgen
hinein. Ich habe es natürlich versucht, böse darüber zu werden, aber
geholfen hat es gar nichts! O, und es geht doch auch nichts über solch
ein liebes Licht aus dem Fenster des alten Heimatnestes. Wie wird sich
die Frau Irene wundern und von ihrem Buche aufsehen, wenn ich diesmal
heimkomme und ihr zur Entschuldigung die Nachricht mitbringe, wer heute
hier in der Försterei das alte Nest wiedererreicht hat. Jetzt aber im
Galopp und im Mondschein gen Bodenwerder! Nur selten hat mir der Mond so
ganz zur rechten Zeit am Himmel gestanden wie in dieser Nacht.«
Ewald Sixtus stützte den Kopf mit der Hand und beschattete die Augen mit
der Hand.
»Durch das Dorf führst du doch noch deinen Gaul am Zaum, Just,« sagte
ich. »Durch das Dorf Werden begleite ich dich bis auf die Straße nach
Bodenwerder. Es ist freilich eine helle Nacht, und ein segensreicher
Zauber liegt hoffentlich über uns allen. Ich begleite dich noch ein
Stück Weges, Vetter Just. Es ist lange her, seit ich zum letzten Mal die
Heimat im Mondenschein liegen sah.«
Im Mondenschein sattelte der Vetter auf dem Hofe der Försterei seinen
Fuchs. An den hohen Ulmen des Hofes, denen es so viel besser geworden
war als den stolzen Bäumen um Schloß Werden, regt sich kein Blatt.
Schatten und Licht lagen still auf dem Boden. An dem Hoftor gaben Ewald
und Eva noch einmal dem Bauer vom Steinhofe die Hand, -- die des lieben
Mädchens hielt er eine geraume Weile fest und sagte dann nur zögernd:
»Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige
solltest du freilich schon längst im Bett liegen --«
»Und recht angenehm von euch hier und euren Zuständen träumen! O, du
Egoist, und du willst wachend hoch zu Roß währenddem durch die Mondnacht
jagen und mit kitzelndem Behagen deinen Spaß über den Berliner Doktor
haben?«
»Ganz gewiß nicht, Fritze« meinte der Vetter ehrlichst. »Solange du
willst, führe ich den Gaul am Zügel hier an deiner Seite. Vielleicht
wäre es sogar recht gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und
erzähltest an meiner statt der Frau Irene, wen du heute nach Schloß
Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weißt zu sprechen und deine Worte
zu stellen, ich aber nicht! Mir muß alles abgefragt werden, und mir ist
dann stets, als wäre alles, was dann herauskommt, als sei es durch
Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ist's eben, was
ihr Gelehrten alle Zeit vor uns voraus habt, die wir zum Nachdenken
kommen so wie ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute
hinter dem Pfluge und morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten
Erntegarben. Es ist gar keine Logik darin, und dann am wenigsten, wenn
man sie am nötigsten braucht. Und daß man fast zehn Jahre lang in den
Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt hat, hilft gar nichts
dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder zwischen uns
beiden allein sind -- ich habe das Schwabenalter längst hinter mir und
-- und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange
gemerkt, aber -- gottlob -- jetzt habe auch ich es dir gesagt!« ...
»Und ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück dazu,« sagte ich, des
Mannes brave, starke Hand nehmend und drückend. Er aber sah mich im
Mondlicht noch einmal einen kürzesten Augenblick so an, als ob er ganz
und gar das Gegenteil von diesem meinem Wunsche zu hören erwartet habe,
und dann tat er einen Seufzer wie aus befreiter Brust und rief:
»Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte,
daß auch du mir Glück wünschest. Ich bin nun leider schon so ein
zerzauster alter Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch
noch jung, Fritzchen -- wenigstens -- wenigstens recht viel jünger als
ich; und wenn ich in meiner jetzigen Ruhe und meinem Glück und Behagen
an die alten Tage denke, wo ihr junges Volk zum Besuch nach dem
Steinhofe kamt, so -- -- ach, Fritz, Fritz Langreuter, du mußt es doch
wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment dir sagen möchte! Aber
die Frau Irene weiß es auch und hat Eva geküßt und -- mich auch,
wirklich und wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie
billigt auch unser Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glück und
in der alten Freundschaft mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie
hat nicht gemeint, daß es zu spät sei; -- sie, die soviel mehr als wir
alle übrigen zusammen in der boshaften, stürmischen Welt erlebt hat, und
es also auch wohl am besten verstehen muß.«
»Sie hat vollständig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur
der einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles
recht und richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so
gnädig waren dir, und dir von uns allen allein, die Götter, als sie dir
deine Wiege auf den Steinhof stellten und dich nachher an den Weg
setzten --«
»Mit offenem Munde und um Maulaffen feil zu halten! Ei ja, es wundert
mich freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann,
ohne daß er etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und
Gewissensbiß sozusagen; dann fühle ich es, wie als ob ich eine Stelle in
mir hätte, wo ich im größten Tumult wie ein Stück Holz werde, während
die anderen sich weiter abängsten.«
Das stille Licht des Mondes lag über uns und um uns, und der Vetter Just
sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen
Naturen innerhalb der Menschheit und den gewöhnlichen. Er drückte sich
eben nur schlecht aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stück
Holz sprach, wo er von der Stelle in seiner Seele hätte erzählen sollen,
wohin keine Welle des vorbeifließenden Tages schlagen konnte.
»Ihr werdet ein schönes Leben haben, und mich laßt ihr -- alle dann und
wann an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen,« sagte ich
leise und tief gerührt. »Für Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf
den Steinhof zu Besuche kamen, werdet ihr freilich nicht erzählen und
werde ich nicht wieder _erzählen_.«
In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, während ich es
nicht sah, nichts verändert. Es dehnte sich genügend weit in die Länge
aus, daß wir vollkommen Zeit hatten, während wir es durchwanderten, uns
alles das mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den
Bewohnern störte uns auch niemand dabei; sie lagen sämtlich im tiefen
Schlafe. Es saß keiner bei der Lampe wach, -- selbst der Pastor und der
Kantor nicht. Der Mondenschein hatte das Reich für sich allein, und das
war gut; für mich sowohl wie auch für den Vetter Just Everstein. Wären
wir bei hellem Tage und unter dem Zudrängen alter Bekanntschaft durch
das alte Nest im Grünen gewandelt, so würden wir sicherlich mehr Mühe
und Plage gehabt haben, mit unseren Gefühlen und Stimmungen ins Reine
gegeneinander zu kommen. Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser
hellen, schönen Nacht, auf dieser Wanderung durch das friedliche
vergessene Heimatdorf, nicht ohne ein Gefühl stiller Sicherheit an die
große Stadt Berlin, meine kleine Stube und meine Tätigkeit, kurz an das
Dasein, das mir dort zuteil geworden war. Es lag ein Gefühl von Wehmut
darin, aber doch zugleich eine innerlichste Beruhigung: _sie, die
anderen alle_ konnten und durften heimkehren in das alte Leben, wann sie
wollten, sie waren da zu Hause; _ich aber nicht_ oder doch nie mehr so,
wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit
einem Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen
Sprachgebrauch loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so süß in
Mondenlicht und in weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das
scharfe, aber gesunde Wort festhalten und es uns durch kein anderes zu
ersetzen suchen.
Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich für diesmal von neuem
Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen. Er
schwang sich ein wenig schwerfällig auf seinen Fuchs und ritt gen
Bodenwerder; ich wandelte langsamen Schrittes und unter einigem
Selbstgespräch nach der Försterei zurück.
Hier saßen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl
das Ihrige gesprochen während meiner Abwesenheit. Das gute Mädchen
mochte auch wohl wieder einige Tränen vergossen haben, doch schmerzhafte
waren es nicht gewesen. Ein wenig befangen lächelnd sah sie aus ihren
lieben Augen zu mir auf; doch ich reichte ihr schnell die Hand und
sagte:
»Ich habe dem Vetter Just schon Glück gewünscht, Eva, nun laß du es auch
dir von mir wünschen. Du weißt es auch schon, Freund Ewald, was für eine
neue Freude dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist?«
»Ja, sie hat es mir so ruhig gesagt, wie sie uns immer alles ruhig
sagte. Darin hat sich an ihr nicht das mindeste geändert. Aber sie
passen nur desto besser zueinander, und die Jahre, die sie gebraucht
haben, sich zu finden, sind ihnen ja ebenfalls nur etwas ganz
Selbstverständliches gewesen. Nicht wahr, mein Herz, mein
Herzensmädchen, um ein Glück, das aus den Wolken fiele, würdet ihr eine
geraume Zeit herumgehen, ehe ihr es vom Boden aufhöbet. Doch ob ihr
nicht darum gerade die Glücklichen seid, gewesen seid und sein werdet,
das ist an dem heutigen Abend für mich eine Frage, die einen sein
wüstes, wirres Lebenswerk noch einmal wie im Fluge von neuem tun läßt.
^Och arrah, arrah^, komme ich noch einmal auf die Welt, so tue ich
vielleicht auch meine Arbeit, ohne auf das Glück zu zählen, das aus den
Wolken fällt! Selbst auf die Gefahr hin, daß man in Bodenwerder und Dorf
Werden samt Umgegend selbstverständlich sagen wird: Auf das Glück, das
aus den Wolken fällt, hat der Schlingel immer einzig und allein
gerechnet, -- ja, da sieht man's nun!«
»Mir ist das Herz so voll, daß ich gar nichts zu sagen weiß,« flüsterte
Eva. »Lieber Friedrich, -- lieber Bruder Ewald, wir müssen alle, alle
glücklich und zufrieden sein. Das Schicksal kann es ja nicht böse mit
uns meinen, es hätte uns sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt. Wir
sind wieder alle zu Hause, und das ist doch die Hauptsache! Morgen
wollen wir von dem Schloß Werden und von Irene sprechen -- wir haben ja
eigentlich noch von nichts vernünftig geredet. Nimm es nur nicht übel,
Fritz: im Grunde bist du doch der einzige von uns gewesen, der alle
seine fünf Sinne ordentlich beieinander halten konnte!«
»Und da kräht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen
an,« sagte ich, um doch etwas zu erwidern. »Glück auf in der Heimat,
Freund Ewald!«
Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem
nachdenklichen Hinbrüten zu wecken.
»Was hast du gesagt?« fragte er zerstreut.
»Wir wollen doch noch den Versuch machen, vor Sonnenaufgang unter dem
alten Heimatsdache einen glücklichen Traum zu träumen.«
»Ich habe alles oben in Ordnung für euch gebracht; aber geht leise auf
der Treppe, daß ihr den Vater nicht stört,« bat Eva Sixtus.
Neuntes Kapitel.
Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, daß ich länger in den
Tag hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie
hatten mich ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf
meine tätige Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat
brachte, kam leider am wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte
dadurch höchstens die Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafür war
ich ja jetzt der Historiograph von Schloß und Dorf Werden sowie vom
Steinhofe und hatte, wie der Vater Sixtus sich ausdrückte, »von allen
immer am meisten Tinte an den Fingern gehabt«.
Und seltsam und -- wie schon gesagt! es ging darob eine gewisse
Umwandlung meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich
merkte es, daß meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen
hatten: es verstand keiner von ihnen es so gut wie ich, sich seine
Stimmungen »zurecht zu machen«. Zurecht machen! ich finde kein besseres
Wort dafür, und sämtliche philosophische Systeme sind gleichfalls darauf
erbaut.
So sah ich, hörte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten
sie ganz verwundert:
»Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor!
Dieser Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er
immer so gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemütlichste, Heiterste und
Gleichmütigste von uns allen! Wie sich doch der Mensch verändern kann!«
Lassen wir auch dieses und vorzüglich das letztere mit Gelassenheit auf
sich beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie
weit und wie sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verändert
habe, während man selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.
»Wo steckt Ewald?« fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg
und nur die Sonne, die Hunde, den Förster und seine Tochter in der
Wohnstube fand.
»Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlüssel zu seinem Schloß,«
sagte Eva.
»Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schloß, Kind,« meinte der alte
Herr, ein wenig schadenfroh lachend. »Nun laß ihn die Nuß knacken, die
er sich vom Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schloß Werden?
's ist die Möglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heißen soll, und
ich am allerwenigsten. >Sind Sie ganz fest überzeugt, daß er nicht
verrückt ist, Herr Förster?< hat mich der Doktor Spindler, der Advokat
aus Bodenwerder, erst vor acht Tagen noch gefragt.«
»Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberförster?«
»Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet?« wendete sich der
Alte an seine Tochter.
»Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz?« fragte
Eva. »Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, daß der Herr Notar
Spindler neulich bei uns vorsprach.«
»Wie die Gräfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am
meisten wundern,« brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die
wundervolle Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweißling, der
sich eben in das Fenster verirrte, halb dadurch erstickend. In demselben
Augenblick trat der Sohn des Hauses, hochrot vom raschen Gange und
sonstiger Aufregung und sich bereits so früh bei seinem Tagewerk den
Schweiß von der Stirn trocknend, wieder ein.
»Sieh da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, ^old boy^.
Hoffentlich hast du gut geschlafen und angenehm geträumt in der ersten
Nacht zu Hause.«
»Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber
Freund,« erwiderte ich lächelnd. »Zum wenigsten freue ich mich
gegenwärtig unendlich, endlich einmal wieder hier zu sein und solche
Versuche, wie du sagst, zu Hause anstellen zu können.«
Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmütig auszusehen
und heiter in das Gespräch mit dreinzureden, doch es gelang ihm
schlecht. Man sah wohl, daß der erste schöne Morgen in der Heimat nicht
leicht auf ihm lag. Von Zeit zu Zeit schüttelte er leise den Kopf, kaute
an dem Schnurrbart und summte eine seiner lustig-melancholischen
irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete etwas in ihm, dem er noch auf
keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen vermochte. Jetzt sprang
er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf, schritt einige Male
durch das Gemach, kam zu uns zurück, stützte beide Hände auf den Tisch,
sah uns der Reihe nach an, als wolle er für ein schwer abgehendes
Geständnis vor allen Dingen sich unserer gutmütigen Teilnahme
versichern, klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf,
um unsere ganze Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und ächzte:
»So dumm -- so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin
ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Hätte ich in
meiner Jugend mehr Prügel bekommen, so wär's mir jetzt vielleicht
wohler, Herr Vater. Ob der Katzenjammer vorübergehend oder von Dauer
ist, beste Schwester, kann ich gegenwärtig natürlich noch nicht wissen;
aber für den Augenblick bin ich fest überzeugt, daß ich mich --
gründlich verspekuliert und all meine Trümpfe vergeblich ausgespielt
habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begrüßen zu unserer
Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin
und sag ihnen, wir wären schon wieder abgereist und ließen sämtliche
gute Nachbarn und liebe Freunde herzlichst grüßen.«
»Was sich wohl schwer tun lassen möchte,« meinte der Vater Sixtus
aufstehend und seinem Sohne jetzt ganz zärtlich auf die Schulter
klopfend. »Ja, ja, mein Söhnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der
heilige Stuhl nachher ziemlich heiß geworden ist. Kommt nur 'rein,
Gevatter Timme! ja, 's ist richtig, hier sind die jungen Leute aus der
Fremde zurück, und mein Junge da ist Herr von Schloß Werden, ... soviel
noch davon übrig ist. Und da ist ja auch der Vorsteher! Alle herein,
herein! Wir haben eben noch nach allen vier Wänden hin nach gutem Rat
gewittert. Räume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mädchen; der Doktor
ist item fertig. Jetzt nehmen wir einen Jägerschluck auf die vergnügte
Gelegenheit, nicht wahr, Kantor Dröneberg? Dem Pastor warten die Insel
Irland und die allmächtige gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und
persönlich auf. Kannst auch auf die Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du
aus dem Keller glücklich wieder herauf bist. Wir hatten eben allesamt
doch eine kleine Stärkung der Seele und des Leibes notwendig; nicht
wahr, Ewald? nicht wahr, Fritze Langreuter? Vivat Dorf Werden und das
Schloß dazu! Nur schade, daß wir den Vetter Just aus Neu-Minden jetzo
nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte haben. Setzt euch, Nachbarn
und liebe Freunde, wenn ihr mit dem Händeschütteln endlich zu Rande seid
und euch die zwei -- Herren da genug und andächtig beguckt habt. Ei ja
freilich, liebe Freunde, so was kommt wahrhaftig nicht alle Tage nach
Hause, und es verlohnt sich wohl, daß man darum ausnahmsweise mal seine
eigene Arbeit hinlegt, um das bei einem guten Stück Schinken und einem
echten alten Korn sich genauer zu betrachten. Verwechselt sie nur nicht!
Dies hier ist der Berliner Doktor, und das da -- na, das ist denn
wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als ausländischer
Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermögen gemacht hat und sich
nachher doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und
gestern abend angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen
höchsten Trumpf auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nächste
Zeit hier bei uns passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem
Leben gewesen. Da sitzt der Junge, und ich denke immer, ich sehe noch
unseren seligen Herrn Grafen da sitzen und nach seiner Gewohnheit seine
Schnupftabaksdose auf dem Tische hin und her drehen.«
»No, so'n alter Spuk!« meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge
gewesen war, als den Herrn Grafen der Schlag rührte und mit ihm das alte
adelige Haus Everstein so tief zu Falle kam. »Da vermeine ich doch, daß
wir jetzo einen neuen Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist
Zeit, und was paßt, paßt, und was nicht paßt, paßt nicht; wenn das Dorf
den alten Kasten hätte brauchen können, so hätte ihn einer von uns
längst um ein Butterbrot; aber wir haben dem Herrn -- Ewald, dem Herrn
Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand gelassen. Was er
herausschlägt, soll gerne ihm gehören; es wird keiner in der Gemeinde
sein, der es ihm mißgönnt. Als er heute morgen die Schlüssel bei mir
abholte, habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich weiß ja, daß das
Schriftliche darüber ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler
liegt. Da brauchte ich keine weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber
einer, jetzt haben wir bald das halbe Dorf, als ob es der Hirte
zusammengetutet hätte, hier auf dem Försterhofe zur Gratulation
versammelt.«
Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das
drängte sich wenigstens vor der Haustür und versuchte in die Fenster zu
sehen. Alte und Ältere erneuerten frühere gute Bekanntschaft. Was wir
als hübsche junge Werdener Schulmädchen gekannt hatten, das wurde uns
als mehr oder weniger wohlgediehene Hausfrauen zugeschoben.
»Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja früher ganz vertraulich mit
den Herren gewesen!«
Kinder, die während unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt
hatten, wurden uns zu Dutzenden vorgeführt, oder auf den Armen
hingehalten. Wir vernahmen von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei
Geschlechts, die gleich wie wir in die Fremde gegangen waren, aber sich
»Gott sei Dank bis anjetzt noch nicht wieder im Dorfe hatten blicken
lassen«. Zutunlich, -- verschämt-zutraulich waren sie allesamt; das
Reichlichste aber, was wir von ihnen bekamen, das war guter Rat; --
freilich, wenn ich hier sage _wir_, so ist das wohl nicht ganz richtig.
Da lief ich nur so beiläufig mit, und die Hauptperson war
selbstverständlich Freund Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine
Geduld und Liebenswürdigkeit zusammenzusuchen, um nicht mit den
Ellenbogen sich Raum zu machen durch die Freundschaft und Bekanntschaft
der Mannen von Dorf Werden.
Ich muß ihn aber loben, den Herrn von Schloß Werden. Er hielt all dieser
Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenüber so sanft und sanftmütig
still, daß er jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster
von Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem
einzelnen, der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm
verblümt auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei, und was er
eigentlich an Schloß Werden erhandelt habe, versprach er aufs
glaubwürdigste, ihn sobald als möglich auf seinem Kothofe in der
Abenddämmerung zu besuchen, um das Genauere über die Sache zu vernehmen.
Der Vater Sixtus schenkte mit immer unverhohlenerem Wohlbehagen
fortwährend im Kreise am Tische ein und sah immer mehr aus, als kitzele
ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der offenen Fenster und Tür
immer dichter, und Eva Sixtus -- zog mich auf einmal in den Winkel dicht
an die alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich wieder in Gang
gebracht hatte, und flüsterte:
»Fritz, es ist auch aus meinem Bruder -- aus Ewald ein guter und
vornehmer Mann geworden. O, wie es auch kommen wird, lieber Fritz; wir
kommen alle noch zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem
verzauberten Schloß da drüben. Ich muß gleich wieder die Treppe hinauf,
um noch ein paar Würste aus dem Rauche zu holen; aber es ist doch wie
ein Märchen, und ich sehe klar wie in einem Spiegel mich und uns alle!
O, es ist schön, daß ihr nach Hause gekommen seid, und vor allem, daß
mein Bruder seinen Herzenswillen durchgesetzt hat (wenn er sich derweile
auch nicht um uns kümmern konnte!), und daß Irenes Heimatshaus keinem
Fremden mehr gehört. Sie kann nun darüber entscheiden, und ich könnte
wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen wird; aber du siehst
selber, ich habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu, und was ich
dir da eben gesagt habe, weiß ich selber kaum; aber du kannst dir wohl
denken, daß ich den Bruder seit gestern abend keinen Augenblick aus den
Gedanken frei gegeben habe, und ich bin so sehr glücklich über ihn, und
ich bin fest überzeugt, der Vater freut sich auch!«
Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Dörfler
wieder, und nur ein paar gänzlich beschäftigungslose Leibzüchter blieben
fest sitzen, da sie einmal saßen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen
und dem Förster geriet doch wieder in das gewohnte Geleise. Der
Tabaksqualm verzog sich ein wenig, Eva räumte den Tisch ab, und Ewald
seufzte, reckte und dehnte sich, packte mich plötzlich stumm am Arme,
führte mich vor die Haustür, wo ich auch seufzte und mehr als einen
befreienden Atemzug tat, und wo er sagte:
»Komm mit, ^honey^! Was haben wir denn heute eigentlich für ein Wetter?«
Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er
aber meinte:
»Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grün und gelb schwimmt es
mir vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, daß ein recht
trübseliges Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie
einfach blau sah ich einmal das alles -- nämlich dieses alles hier um
uns herum! Ach, Fritz, ich fürchte, ich fürchte, es war eine Täuschung,
es war eine Dummheit von mir! Sie wird sich nicht hinsetzen wollen an
dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause wieder aufbauen wollte!
^Dammy^, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was aus der Ferne an
als in nächster Nähe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlüssel habe
ich im Schlosse stecken lassen.«
Zehntes Kapitel.
Das Wetter, nach dem sich der irländische Freund soeben zu meiner
zweifelnden Überraschung erkundigt hatte, ließ wirklich nichts zu
wünschen übrig auf unserem Wege nach dem »verzauberten« Schloß und
während unseres Aufenthalts daselbst an diesem bewegten Morgen. Still,
blau und wolkenlos spannte sich der Äther, soweit er zu erblicken war,
über die unruhige Welt. Es war eben schon ziemlich heiß; mir aber kam es
wunderbar treu von neuem in die Seele auf dem Wege, wie und unter
welchen Umständen und bei welcher Temperatur ich zum ersten Mal das
einst so stattliche feste Haus des alten Geschlechtes derer von
Everstein erblickt hatte.
Jetzt betraten wir den Hof wieder durch das Haupttor, durch welches am
Todestage des Vaters der Wagen, der den guten Kameraden, die Mutter und
mich trug, eingefahren war. Zu dieser Tür hatte der jetzige Besitzer und
Herr keinen Schlüssel nötig, sie stand weit genug offen. Die eisernen
Gitter waren ausgehoben, die Wappen mit dem Eberkopfe abgemeißelt, und
was die letzteren anbetraf, so hatte der vorletzte Eigentümer sicherlich
nicht gewußt, »warum er sich auf seinem Grundstücke durch die fremde
Firma ärgern lassen sollte«. -- Über wohlerhaltene Pflasterung war
vordem unsere Kutsche gerasselt, die Steine waren nunmehr meistens
verschwunden und machten wahrscheinlich im Dorfe jetzt allerlei
bedenkliche Pfade den Bauern bei Regen und Tauwetter gangbar. Aber
schöne Brennesseln wuchsen überall, auch Kletten und Disteln hatten
nicht eingesehen, weshalb gerade sie draußen bleiben sollten, da doch
alles übrige, was Lust hatte, frei kommen durfte.
Noch führte die breite Treppe zu der Rampe empor, die sich, wie ich zu
Eingange dieser Geschichten von den alten Nestern beschrieben habe, an
dem Gebäude entlang zog. Wir traten da auch heute noch in den kühlen
Schatten, den das graue Steinhaus auf den sonst so sonnigen Hof warf.
Da war die hohe, gewölbte Tür, die in das Schloß führte, und Ewald
Sixtus hatte nicht bloß seinen Schlüssel darin stecken lassen, sondern
die beiden Flügel weit aufgeworfen; und da sie gleichfalls nicht mehr
ganz fest in den Angeln hingen, so hatten sie ihrerseits jetzt die
günstige Gelegenheit benutzt, die Verbindung mit denselben so ziemlich
zu lösen.
Haus Werden stand weit offen, und sein jetziger Herr lud mich mit einem
Achselzucken, einer höflichen Handbewegung, einem neuen tiefen Seufzer
und mit etwas gezwungenem Lächeln zum Eintritt ein, indem er brummte:
»Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio.«
Um doch etwas zu sprechen, meinte ich:
»Wie mir scheint, mein Bester, wird es wohl weniger auf die Gelehrtheit
als auf das Kapital ankommen, um hier von neuem Ordnung zu stiften, die
Eulen, Fledermäuse und sonstigen Nachtgespenster zu verjagen und
gebildet menschlich Behagen wieder möglich zu machen.«
»Für deutsche Verhältnisse bin ich ein reicher Mann,« sagte der Freund
kläglich. »Meine Meinung aber ist, daß Maurer, Zimmerleute, Maler und
Tapezierer es nicht in diesem Falle tun werden. In der Hinsicht weiß ich
freilich schon selber, was ich zu tun habe, und brauche deinen Rat
nicht, um den Bann und Zauber vermittelst eines vernünftigen
Kostenüberschlags und mit Hammer, Säge und Mauerkelle zurechtzurücken.
Wir hatten aber voreinst unsere Nester in das grüne Gezweig und den
Sonnenschein gehängt, und du hast, als wir gestern nach Hause kamen,
gesehen, wie die Racker ihren nichtswürdigen Kommunalweg über die Stätte
hingelegt haben; -- Fritz, Fritz, wir sind eben als alte Leute nach
Hause gekommen, und die Landstraße geht auch über Schloß Werden weg.
Fritz, ich richte es nicht wieder auf für uns und -- Irene Everstein.
Ich kann nur etwas anderes an die Stelle setzen, und _sie_ wird
höchstens kommen und sagen: »Ich danke, es war wohlgemeint, aber das
Rechte ist es leider nicht!« -- Und wenn sie wirklich sagt >leider<, so
muß ich das Wort schon für etwas nehmen, worauf ich kaum einen Anspruch
habe. Nun, der Glücklichste hat am Ende nichts weiter als die
Illusionen, die er sich bei seiner Arbeit und auf dem Wege macht. Sieh
dich um, Langreuter! Du bist aus Bequemlichkeit zu Hause nicht mein
Schwager geworden, und ich war ein Tor, als ich mir einbildete, durch
Hartnäckigkeit, grimmiges Zugreifen und Maulhalten in der Fremde meinen
Willen durchzusetzen. ^Faix -- och arrah^, in die Kölnische Zeitung
werde ich demnächst Schloß Werden setzen, und es wird sich hoffentlich
ja wohl wieder ein Liebhaber dazu finden. An der gehörigen Reklame
soll's nicht fehlen.«
Ich sah mich um. Es war nicht nötig, daß der Freund mich noch dazu
einlud; wir hatten die große Halle durchschritten und standen in dem
Gartensaale, in welchem mein Vater gestorben war, und ich so
kindlich-betroffen, verwirrt-verwundert, so müde, durstig und betäubt
von der langen Fahrt durch den heißen Sommermorgen meine Mutter sich
über die Leiche hinwerfen sah. Mit voller Deutlichkeit stand alles, wie
es damals war, von neuem vor meiner Seele; aber es war kühl, kellerartig
kühl in dem lange verschlossen gewesenen Raume, und die Bilder der
Vergangenheit konnten mir das Frösteln nicht verjagen. Das Sonnenlicht
fiel nur durch die Spalten der Läden in den Saal; Haufen Gerümpel aller
Art füllten die Winkel. Die Tür, die in den Park führte, war gleichfalls
mit Brettern vernagelt; ich aber hatte selbst den Vogel Pfau nicht
vergessen, der damals so vornehm auf die Schwelle trat und mir seine
Schönheit zeigte. Es war der Herr Graf, der meine heiße Hand mit seiner
kalten ergriff und mich näher an das Sterbelager meines Vaters
heranführte. Er berührte leise die Schulter meiner Mutter, sie aber
zuckte nur zusammen, aber richtete sich nicht empor, sah sich nicht um.
Der Spuk, der den Stadtrat Bösenberg beim Antritt seiner Erbschaft in
dem Hause seines Onkels in Finkenrode bewillkommnete, war nur --
anerkennenswert literarisch verwendet und nichts weiter!...
»Meine Tochter, Komtesse Irene!« ... Die Stimme kam herüber wie aus
einem fernen Jahrhundert, und dann fühlte ich eine andere Hand in der
meinigen, doch diesmal eine Kinderhand. Auf der sonnigen Gartenschwelle
stand Irene Everstein -- es flimmerte mir vor den Augen wie von einem
hellen Mädchenkleide und einer Fülle blonder Locken. Der Wundervogel
stieß einen gellenden, krächzenden Schrei aus und schlug sein Rad
herrlicher. Sie aber verscheuchte ihn mit einer Handbewegung und stand
plötzlich neben mir; -- wir waren zum ersten Mal zusammen unter den
vielen Erwachsenen um uns her.
Vielleicht hatte der Freund doch nicht so ganz Unrecht mit seinem
seltsamen Zitat: ich war gelehrt und ich konnte vielleicht auch sprechen
mit dem Schloß Werden! Jedenfalls verstand ich recht wohl, was es selber
von sich erzählte. Wir hatten lange genug dazu auf einem vertrauten Fuße
gelebt, und Gründe, uns gegenseitig die Wahrheit vorzuenthalten, waren
auch nicht vorhanden; und gelassener als der Freund, der irländische
Ingenieur, konnte ich von Rechts wegen die Gestalten und Bilder der
Vergangenheit an den Wänden hinhuschen sehen. Ich hatte mir in der
Fremde nicht vorgenommen, diese ruinierten Wände mit neuen Tapeten zu
bekleben und neue Bilder daran aufzuhängen. Er, der Freund, der so weit
von Hause und so lange Jahre hindurch still und hartnäckig seinen
Schweiß und sein Herzblut darangesetzt hatte, den Bann, der auf dieser
Stätte lag, zu lösen, hatte jetzt freilich große Angst und viel Unruhe,
und zwar mit vollem Rechte: ich saß nur in melancholischem Nachdenken
auf der Stelle nieder, wo wir vordem unsere jugendliche Spiele getrieben
hatten, und sah die Schatten an den Wänden bald heiter, bald traurig
vorbeigleiten.
Kopfschüttelnd sagte Ewald:
»Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten Ausdruck weiß
ich eigentlich nicht dafür. Ich komme mir mit einem Male alt -- alt --
merkwürdig alt vor. Ich habe keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken,
wie die Jahre hingehen; aber in diesem Augenblicke ist es mir zum ersten
Male klar, daß sie hingegangen sind und uns mitgenommen haben. O, den
ganzen Kauf für einen Spiegel in Schloß Werden!... Es ist unbehaglich
kalt hier nach dem Gange durch die heiße Sonne. Was meinst du, Fritz;
sollen wir weiter steigen, da wir einmal drin sind, und die Spinnen,
Fledermäuse und Ratten in Erstaunen setzen? Grau, grau! ^Och honey^, es
ist manch ein schwarzer Schatten in meinem Leben auf mich gefallen, aber
dieser hier, den Schloß Werden wirft, ist grau und macht grau. Weißt du
noch -- der große Spiegel im Zimmer der seligen Gräfin -- es ist doch
ein wahrer Segen, daß wir den nicht mehr an seinem Platze finden werden!
Das könnte freilich dem Gespenstertum die Krone aufsetzen. Und wie
glücklich waren die beiden Mädchen vor ihm! Und wie glücklich waren wir,
wenn wir sie dabei in ihrem Spaß an sich stören konnten. Und dann --
Mademoiselle Martin, und -- deine Mutter! Fritz, sollen wir umkehren?
Wenn wir weiter gehen, müssen wir durch alle Räume, und es sieht überall
aus wie hier! Du gehst unbedingt voran, du hast studiert, und ich fasse
deinen Rockschoß. Das hätte mir aber vor acht Tagen noch jemand sagen
sollen, daß ich je einen anderen auf einem Wege mir voranschieben würde!
O Fritz, hinter einer Tür sitzt sie noch in ihrer ganzen jungen
Lieblichkeit, und -- ich -- ich störe die Fledermäuse und die Spinnen um
sie auf. Verdammt! so komm endlich! hier haben wir doch wohl jetzt den
Moder und Wurmfraß lange genug angegafft! So grimmig feige und
schwachmütig habe ich mich noch nie gefühlt. Wahrhaftig, die Schlacht,
die durch pure Heldenhaftigkeit gewonnen ist, sollt ihr Historiker noch
ausfindig machen.«
»Aber es ist doch manche Schlacht gewonnen worden!« meinte ich, und dann
-- durchwanderten wir Haus Werden, und ich hatte studiert und war
ungemein gelehrt geworden im Laufe der Jahre; daß ich aber das Leblose
sprechen hörte, das hatte doch seine anderen Gründe. Die lagen tiefer
als die Bücher; und die allergrößesten und bekanntesten
Geschichtsschreiber haben dahin zurückfühlen und -tasten müssen, um sich
selber und den Leuten erträglich wahr vorzukommen.
»Ich bin vorhin nur bis hierher in den Gartensaal gekommen,« sagte
Ewald. »Wie ein Kind hatte ich nicht die geringste Lust, mich in die Öde
und Dunkelheit allein weiter hineinzuwagen. Nun vorwärts zu Zweien, ich
habe die Schlüssel zu jeder Tür, und hier -- sind wir in -- den
Gemächern des alten Herrn! Puh, was für eine Luft!«
Wir standen in dem Zimmer des Grafen und warfen einen Blick in sein
Schlafgemach. Das waren voreinst ziemlich unnahbare, unbetretbare Räume
für uns gewesen, aber wir hatten doch als Knaben dann und wann
hineingeguckt; heute guckte mir der jetzige Herr des Schlosses scheu
über die Schulter, und wir fühlten uns beide nicht sicherer in unserem
Fürwitz als vor Jahren.
»Wir hätten jedenfalls besser getan, zuerst in den oberen Stock
hinaufzusteigen, Ewald. Dort haben wir wenigstens die Sonne der
Gegenwart für uns und nicht diese unheimlichen Laden vor den Fenstern!«
flüsterte ich.
»Nicht wahr, es spukt? es geht um?«
»Ja, es geht um! Die Witwe Warneke hatte recht.«
Die kahlen Räume, die Dämmerung, der Staub und der Schimmel sprachen zu
deutlich, als daß ein tröstlicheres Wort mir möglich gewesen wäre. Es
war kein Wunder, wenn die Leute aus dem Dorfe dann und wann den letzten
Grafen Everstein im Zwielicht oder in der Mitternacht um sein
verlorenes, verwildertes Schloß wandern sahen. Daß seine Tochter auf dem
Steinhofe bei dem Vetter Just eine Unterkunft in ihrer Not gefunden
hatte, machte den Spuk nur noch glaubwürdiger; aber -- es war in der Tat
so: das war auch mir in diesem Augenblicke das Gespenstischste, daß der
lebendige starke, tapfere Freund diese Mauern wieder beleben, diese
Räume wieder zu einem Sitz der Ruhe und des Glückes für das letzte Kind
des Hauses zu machen sich vorgenommen hatte.
Wo war das Geräte, das dazu gehörte? Das hatte er nicht mitbringen
können aus Irland. Verstoben in alle vier Winde war's während seiner
Abwesenheit im Lebenskampfe. Neu konnte er das Schloß Werden bauen; aber
das alte wieder aufzurichten, das war unmöglich, und der Vetter Just auf
seinem Steinhofe war kein Beispiel dafür, daß es doch wohl anginge. Der
hatte etwas Lebendiges wiedergefunden, als er von seinen Weltfahrten
nach Hause und auf den Steinhof zurückkehrte; aber Schloß Werden war
tot! Die Fliesen und das Getäfel unter den Füßen, die zerbröckelnden
Plafonds über unseren Köpfen, alle Mauern rundum erzählten davon, wie
man von und in einem Märchen erzählt: Es war einmal!
Ohne noch weiter miteinander zu reden, stiegen wir jetzt die breite
steinerne Treppe mit dem stattlichen Geländer aus künstlich geschnitztem
Eichenholz empor zu dem oberen Stockwerk des Hauses. Die Dämmerung, die
Dunkelheit, den feuchten Moder ließen wir zwar hinter uns, das Licht,
die Sonne fanden wir hier in den Gemächern; aber geirrt hatten wir uns
doch, wenn wir geglaubt hatten, daß das uns zu einem leichteren
Atemholen verhelfen könnte.
Sie kann sehr grausam sein, die Sonne! viel grausamer als die Nacht! Und
daß sie lacht, ist nur allzu häufig nicht das Liebenswürdigste an ihr.
Daß Hoffnungen getäuscht, Täuschungen zunichte gemacht werden, daß die
Vergänglichkeit alles Irdischen dem Menschen klar gemacht werden muß,
ist zwar eine recht löbliche und vernunftgemäße Aufgabe; aber ist es
denn unbedingt notwendig, daß dabei gelacht wird?
Die Dämmerung, die Nacht tun das auch nicht; aber die Sonne tut es, und
dem armen, hülflosen Erdbewohner kommt es vielleicht nicht ohne Grund
dann und wann in den Sinn, daß sie sich doch wohl auch einmal zu sehr in
ihrem Rechte seinen Schmerzen, Hoffnungen und Täuschungen gegenüber
fühlen könne.
Wenn die Sonne, der helle Tag sagt: Es war einmal! so ist das ein ganz
ander Ding, als wenn die Nacht, die gute alte Mutter, mit tonloser, aber
doch mitleidiger Stimme das melancholische Wort ausspricht. Sie, die
Nacht, stemmt nie die Arme in die Seite und kreischt und kräht und
will's nie von allen Ecken und Enden her hören, daß sie _recht hat_;
aber der Tag tut das und will das nur zu gern. Ach, und der Mensch
könnte recht häufig etwas Besseres tun, als sich darauf berufen und von
einem Rechte zu sprechen, das so klar sei wie der helle Tag!
In dem Erdgeschoß von Schloß Werden hatten die unberufenen Gäste und
Besuche aus der Umgegend hier und da auch wohl eine Fensterscheibe und
einige Male hinter den Läden auch einen ganzen Fensterflügel des
Mitnehmens wert gehalten, und so vermochte doch noch immer ein
frischerer Hauch von außen in die verriegelten, verschlossenen Räume zu
dringen: in dem Oberstock fanden wir nicht nur alle Türen verschlossen
und unerbrochen, sondern auch alle Scheiben ganz. Das Licht teilte sich
da mit dem Staube allein in die Herrschaft. Der Staub wirbelte uns unter
den Füßen auf; die Luft wurde durch unser Eindringen seit Jahren zum
ersten Mal wieder bewegt, und die Sonne, die durch die schmutzigen,
trüben, mit Spinnweb verhängten hohen Bogenfenster drang, kreischte auch
hier und lachte gell: Macht euch keine Illusionen! -- Und hier -- hier
war das Reich der Frauen des Hauses Werden gewesen, und hier war das
Kind aufgewachsen, das jetzt als kummervolle Frau, für welche der
tapfere Mann an meiner Seite das Alte neu machen wollte, auf dem
Steinhofe saß!... Ach, für wie ehrlich hielten wir die Sonne, als wir
selber in unserer Kindheit und Jugend in diesen Räumen lachten oder
unser junges Leben zuweilen so drollig ernsthaft nahmen!
»Ich hätte schon im vorigen Winter den Handel abschließen und nach Hause
kommen können,« seufzte der Freund. »Fritz, ich wollte, ich hätte es
getan. Wie ein Maikäfer habe ich aber in meiner Dummheit gezählt, eh ich
aufflog. Uh, wenn der Mensch nur nicht immerfort ebenso schlau sein
wollte, als er dumm ist! Langreuter, ich habe mich noch nie nach
Landregen, Schneegestöber und dem erbärmlichsten Hundewetter so sehr
gesehnt als an diesem verruchten, nichtswürdigen Sonnentage. Übrigens
wollen wir wenigstens doch die Fenster aufmachen oder einstoßen -- schon
deinetwegen, armer Kerl. Was mich anbetrifft, so kommt es ja wohl auf
ein bißchen mehr oder weniger Erstickungsgefühl weiter nicht an! Ich
habe mein frei Atmen schon drüben jenseits des Kanals diskontiert; --
geh du wieder voran, Fritz, -- dies hier war ihr Mädchenstübchen, und
ich habe mir -- drüben in Irland eingebildet -- daß sie und es und ich
und wir alle geblieben wären, was wir waren!«
Elftes Kapitel.
Einst hatte sich die Tür lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie
nur mit Widerstreben und mit einem schrillen, ärgerlichen Ton nach. Mit
angestemmtem Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es
gewesen war, wenn sich die Mädchen hier in ihrem geheimsten Neste
verriegelt hatten und wir gegen ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern
momentan nichts weiter aufzubieten vermochten als durch das
Schlüsselloch das alte tröstliche Wort:
»Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr
sollt euch ganz gehörig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer
zuletzt lacht, lacht am besten.«