Alles! --

Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der

Phantasie, auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem

nüchternen, grämlichen Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer

derselbe Wind in den Segeln!

Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem

flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichtglanz

überkleiden konnte!

Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die

so sehr unpolitische, so selten ausgesprochene, und doch so tief und

fest, ja manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene

Überzeugung:

Mein Luftschloß ist mein Haus!

So saß ich damals, nachdem wir das kleine Mädchen der Frau Irene

begraben hatten und der Vetter Just ganz beiläufig mir den Namen und die

Gestalt und die Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung

zurückgerufen hatte; und da ich nicht mehr neue Luftschlösser in die

ziehenden weißen und rosigen Wolken, in das Himmelblau, in den

Regenhimmel zu bauen vermochte, so -- kramte ich unter den Trümmern der

versunkenen und paßte aneinander, was auseinander gefallen war, und

richtete wieder auf -- gerade so in der Einbildung wie vor Jahren, doch

leider nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit für

mich da, wo der Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tür

als den besten Wächter vor seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen

angewiesen ist. Tagen?!... Wer kann, wenn er diese Epoche seines Daseins

erreicht hat, den Riegel einen Tag lang vorgeschoben halten, um

versunkene Luftschlösser wieder aufzubauen?

Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als

»Thomas Thyrnau« oder vielleicht auch »St. Roche« oder »Jakob van der

Nees« das Buch hieß, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag.

Jedenfalls aber war es ein Produkt der Verfasserin von »Godwie Castle«,

und die Mädchen, Irene von Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem

Gartensaale von Schloß Werden die heißen Köpfe darüber zusammengesteckt

und die tränenvollen Augen verstohlen darüber getrocknet. Und ich hatte

das Ding dann auch in meiner Kammer verschlungen, und Freund Ewald hatte

sich in gewohnter Unverschämtheit nicht nur über das Buch, sondern auch

über uns drei ins altromantische Land Entrückte lustig gemacht. Es war

nicht der Band, vor welchem die wirklich fein, vornehm und gut

aussehende Verfasserin und Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms

des Vierten in Stahlstich abgebildet ist; aber das war auch die einzige

Enttäuschung für mich, als ich ihn zu Hause nach so langen Jahren wieder

auf- und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er alles, was ich mir

davon versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem

Leihbibliothekskatalog in die Augen spielte.

Gottlob!

Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tür, den ich vorgeschoben

hatte, nachdem ich den Schlüssel im Schlosse umgedreht hatte gegen einen

wieder einmal für mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die

sommerliche Abenddämmerung überging. Und es war durchaus kein in

ärgerlicher oder geistig-beschwerlicher und überhasteter Arbeit

hingebrachter Tag, sondern einer von den faulen, trägen, apathischen,

die, wenn sie einer hinter dem anderen hinschleichen, auf die Länge noch

unerträglicher werden als die erste Art. O über diese langen,

schleppenden Stunden, die bei dem Regsten, Lebendigsten nach

zurückgelegtem dreißigsten Lebensjahre sich einzuschleichen beginnen und

sogar durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfältigt werden!

Das sind die Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem

schlechten Romane vorkommen kann, ein unmögliches Geschöpf, mit dem der

Autor eben auch nichts anzufangen wußte. Öde Makulaturstimmung! das ist

das richtige Wort; und -- ein Lachen oder Weinen über und um einen

scheint es nie in der Welt gegeben zu haben in dieser Stimmung!

Und nun, wie kam es, daß ich mich plötzlich über die Verfasserin von

Godwie Castle weg auf einer stillen Berglehne, unter der fußhohen

Tannenanpflanzung und im Thymiansduft und der brütenden Abendsonne der

Jugendzeit wiederfand?

Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fällen seelischer

Bedrücktheit aus Dunkelheit Licht wird; und ich hüte mich auch wohl, die

Lösung mit zu großer Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel

aber tut unbedingt viel dazu, und um so mehr, je hastiger und

verworrener das Leben jenseits der Tür sich bewegt und vor dem Fenster

rauscht......

»Ich bin's, Herr Doktor!«

»Wer? in aller Plagegeister Namen!«

»Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der

heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen

wollte.«

Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.

»I, so wollt' ich doch!« Und der sonnige Bergrücken mit seiner

Tannenanpflanzung und seinem Thymiansduft, die Hügel mit ihren Wäldern,

Wiesen und Ackerstreifen nah und fern, der ferne Fluß und die Kirchtürme

der Heimatsdörfer waren versunken: der fremde Herr, der am Morgen

während meiner Abwesenheit bereits einmal dagewesen war und seinen Namen

nicht hatte kundgeben wollen, stand vor mir -- stattlich, braunbärtig,

breitschulterig und in einem wohlsitzenden kleidsamen Sommerkostüm. Und

anstatt jetzt zuerst mir seinen Namen zu nennen, reichte er mir die Hand

entgegen und sagte mit dem Ausdruck verzwicktest gelassener Bonhommie:

»Guten Abend, Langreuter.«

Ich aber stand dem langen, festen Menschen gegenüber auf ziemlich

unsicheren Füßen:

»Das ist -- ich bin -- aber ist denn das?... Ewald?!... mein Gott, Ewald

Sixtus!... Ist es denn möglich?... Ewald Sixtus! Bei allem, was lebt,

das bist du?«

»Und _du_ bist das auch!« sprach der Freund. »Ich habe dich sofort

wiedererkannt, und jetzt sei so gut und nimm meine Hand; ihr braven,

übersinnlichen Zweifler habt gewöhnlich am innigsten das Bedürfnis, euch

durch Befühlen von der Wirklichkeit der Dinge zu überzeugen. Alter

Freund Thomas, ich freue mich unendlich, dich endlich mal

wiederzusehen!«

Ich setzte mich, rede aber von den Lauten und Gesten der Überraschung

nicht weiter, sie wiederholen sich wie alles übrige auf Erden. Aber

alles, was mir der Vetter Just neulich von seinem Besuche in Belfast und

von diesem Manne erzählt hatte, glitt jetzt blitzschnell durch mein

Gehirn. Der irische Ingenieur aus Belfast, Herr Ewald Sixtus aus Werden,

nahm auch einen Stuhl und setzte sich gleichfalls und -- sah mich von

der Seite an.

Eines hatte ich in meiner Einsamkeit zu einer gewissen Vollkommenheit

gebracht: die große Kunst, auf Blicke zu achten, und _dieser_ hob mir

nur den Vorhang von einer uralten Lehre weg:

»Nun, dies ist aber großartig! _Er ist ganz der Alte geblieben_, und er

hat den Vetter Just und uns alle jetzt nur gerade so zum Narren gehalten

wie vor zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren!« ......

Wie ein Schleier sank es abermals nieder vor der Zeit, die vor zehn,

zwanzig und noch mehr Jahren war. Schloß und Dorf Werden, die Weser und

der Steinhof lagen abermals im Sonnenlichte; aber durch das Sonnenlicht

lief's wie ein sonniges, mutwilliges Grinsen, und -- Ewald Sixtus hieß

einer der Hauptzüge der schönen Gegend!

»O Ewald!... Willkommen! sei mir herzlich willkommen zu Hause!... Der

Vetter Just -- unser Just Everstein hat mich neulich schon von dir

gegrüßt!«

»Unmöglich!« sprach dieser vollkommen irländische Land- und

Wasserbaukünstler trocken. »^Och honey^, ich erinnere mich nicht, irgend

jemand einen Gruß an Euch mitgegeben zu haben.«

Eine solche Mischung von grünem Erin und den grünsten Wald- und

Wiesengehegen rund um Schloß und Dorf Werden war seit Anfang der Dinge

noch nicht dagewesen und kam vielleicht auch bis zum Ende derselbigen

nicht wieder! Bei allem, was je die Schule schwänzte, den biedersten

Nachbar zum besten hatte und je in die weite Welt auf Abenteuer

durchging, was war denn dies?

Und der Vetter Just war doch ein Mann, der auch allmählich allerlei

Menschen gesehen hatte, und auf dessen Beobachtungsgabe und Urteilskraft

man sich jetzt doch so ziemlich verlassen konnte! Sollte der Vetter

Just, der sich so lange unter den schlauen Amerikanern aufgehalten

hatte, dieser Vetter, der es durch mehr als eine Tat bewiesen hatte, daß

man seinen Erfahrungen so ziemlich trauen durfte -- sich so sehr geirrt

haben? Sollte er wirklich von dem lustigen Werdener Vogel aus den alten

Nestern im Baum an der Gartenhecke so ganz in der alten Weise an der

Nase herumgezogen worden sein?

»Der?!« fragte der deutsch-irländische ^Engineer^, jetzt um so

verschmitzter grinsend, als er im Moment vorher trocken getan hatte.

»Alter Junge, dich hätte ich doch wenigstens für um ein Atom klüger

gehalten. Menschen, ihr seid doch zu göttlich!... Oh, oh, ah, der Vetter

Just! der Vetter Just vom Steinhofe? -- Da lasse ich ihn, als ich, aus

der süßen Heimat halb weggejagt, durchgehe, mir vorangehen, um in der

öden Fremde wenigstens einen süßen Trost an etwas aus dem alten Neste zu

haben -- und was passiert? Habe ich ihn darum auf seinem Steinhofe in

seiner ganzen absonderlichen Glorie gelten lassen und mich meine ganzen

heimatlichen Flegeljahre hindurch himmlisch über ihn amüsiert, daß er

auf einmal in Belfast wie ein Pastor, der die Tischglocke überhört hat,

vor mir steht und mir Moral, Tugend, heimatliche Gefühle und wer weiß

was sonst noch predigt -- durch sein Beispiel? -- Kommt man Paddy so?...

Ganz gewiß nicht! Der Vagabondenkönig von Ithaka -- wie heißt er doch,

Langreuter? -- ist gar nichts gegen ihn, den Vetter Just, sowohl was

seine Abenteuer, wie seine unmenschliche Weisheit, Klugheit und

Philosophie anbetrifft. O, und so herzensgut ist der Kerl -- geblieben!

Und den Steinhof hat er auch wieder! ^By Jingo^, lassen muß man es ihm,

ein Prachtbursche ist er, und seinen Ruhm für alle seine famosen

Leistungen soll er bedingungslos behalten, wenn er nur -- für mich immer

der Vetter -- der Vetter Just bleibt. Für mich, der der einzige war,

welcher von Kindesbeinen an euch übrige alle nach allen euren

Verdiensten unparteiisch zu würdigen wußte. Im Ernst, Fritze, es hat mir

Mühe genug gekostet, ihm nicht um den Hals zu fallen und eine spaßhafte

Träne ihm auf die Schulter hin zu weinen. Aber ich sagte dreimal leise:

Komtesse Irene von Everstein! und blieb kühl wie eine saure Gurke. ^Cool

as a cucumber^, sagt drüben auf der Smaragdinsel Blarney O'Shaughnessy,

wenn er Tim O'Connor mit dem Knüppel zu Leibe gehen will, weil der ihn

an Großartigkeit und Heroentum übertroffen hat. ^Och, faix, it's a long

story^, und es wäre viel davon zu sagen, weshalb ich diesen dummen

Mädchennamen dreimal hersagte, um mir meinen Gleichmut wenigstens

äußerlich gegen diesen heillos gemütlichen Neu-Mindener aufrecht zu

erhalten; -- nicht wahr, Fritzchen Langreuter?«

»Das wäre es wohl!« murmelte ich unwillkürlich, und in demselben

Augenblick packte mein Gast meinen Arm mit einem Griff wie aus Stahl und

Eisen und rief:

»Und was ist es denn, was er mehr ausgerichtet hat als ich? Er sitzt von

neuem auf seinem Steinhofe; ich aber -- _habe Schloß Werden wieder_!«

...

Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, die mich

der Herr sehen ließ, ohne daß ich über das Wasser gefahren war,

betäubten mich zu sehr.

»Und hier sitze ich,« fuhr Ewald Sixtus fort, »um dich aufzufordern,

übermorgen mit mir hinüberzufahren, um ^that old sheebeen^, die alte

Herberge von neuem für -- uns in Besitz zu nehmen. Dringende Abhaltung

hast du ja wohl nicht?«

Es war mir zwischen meinem mühseligen Sich-wieder-auf-sich-besinnen

durch dunkel so, als ob auch der Vetter Just neulich einige Male eine

ganz ähnliche Aufforderung zur Reise mit ganz den nämlichen Worten

beschlossen habe, wie der irische Ingenieur.

Mr. Sixtus legte mir zutraulich schmeichelnd die Hand auf die Schulter:

»Es bleibt dabei, du begleitest mich nach Schloß Werden?!«

Ich aber kam in diesem Augenblick nicht einmal dazu, ihn zu fragen,

weshalb er denn, wenn sich alles übrige so verhalte, die Korrespondenz

auch mit seinen nächsten Angehörigen so schmählich vernachlässigt habe?

Drittes Kapitel.

Davon sprachen wir auf der Reise; denn wir reisten wirklich. Wie ein

Kind im Sack wurde ich von diesem wilden Irländer aus dem Försterhause

zu Dorf Werden mitgenommen. Er kam und half mir beim Packen, er packte

für mich, und er packte mich selber und ließ nicht los. Hals über Kopf

wurde auch ich wie in einen Reisesack hineingestopft und in eine

Droschke geworfen; wie ich es dann und wann bereute, daß ich mich nicht

schon von dem Vetter Just Everstein hatte mitnehmen lassen, kann ich gar

nicht sagen.

»Nach dem Potsdamer Bahnhofe, Kutscher, und rasch! Viele Zeit haben wir

nicht übrig.«

Mit dem Gefühle, meine Türen, meine sämtlichen Schubladen, Kisten und

Kasten unverschlossen und jeglicher Durchstöberung offen hinter mir

zurückgelassen zu haben, kam ich auf dem Bahnhofe an. Wir hatten in der

Tat nur noch fünf Minuten vor dem Abgang des Zuges übrig, und das

Schicksal benutzte dieselben, um mir einen rettenden Finger in den

Wirbeln des aufregungsvollen Tages hinzuhalten.

»Siehe da! Reisen wir in der Tat zusammen, Herr Doktor?« fragt eine

Stimme mir gegenüber in dem Coupé, in das ich von dem raschen Freunde

mehr gehoben als geschoben worden war, und ein einige fünfzig Jahre

alter korpulenter Herr hob mit wohlwollendem Lächeln den Strohhut von

einer ungemein glänzenden Stirn, grüßte auch meinen Irländer und meinte

mit etwas asthmatischem Keuchen, das auf eine vielleicht etwas zu gute

Ernährung und zu wenig körperliche Bewegung hindeutete:

»Ja? Dies freut mich wirklich. So bleiben wir so ziemlich bis zum Ende

der Fahrt beisammen und hoffentlich möglichst unter uns. Bitte, mein

Herr, lassen Sie mich bis zum Abgang des Zuges aus dem Fenster blicken.

Ich bin der Dickste und schrecke am meisten ab.«

Mr. Sixtus sah sich den Fremden an, aber -- bereits von hinten. Breit,

schwitzend und blasend lag derselbige schon im Wagenfenster, sich ganz

und gar für jetzt -- dem Publikum unter der Bahnhofshalle widmend, und

Ewald ließ von den weit auseinanderklaffenden Rockschößen des

Reisegenossen den Blick fragend zu mir hinübergleiten.

»Kennst du ihn nicht mehr?... Bösenberg! -- Stadtrat Bösenberg aus

Finkenrode,« flüsterte ich.

»Ich werde mich sofort selber Ihnen wieder vorstellen, Sixtus,« sprach

der Stadtrat, halb über die Schulter zurück sich wendend, ins Coupé

hinein. »Da gehen wir ab und bleiben fürs erste wenigstens als

Provinzgenossen unter uns. So.«

Er setzte sich, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, breit

und behaglich, wischte nochmals die Stirn mit dem ziemlich provinzhaft

aussehenden Sacktuch und sagte:

»Lieber Herr, ich bin in der Tat der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode.

Habe hier in dem ungemütlichen Großnest die letzten Wochen hindurch

meine alljährliche, von verschiedenen Leuten sogenannte Auffrischungskur

glücklich abgemacht; -- Sie kennen das ja, Langreuter; -- sehne mich

unendlich nach meinem Schlafrock und meinen Pantoffeln und -- Sie habe

ich auf der Stelle wiedererkannt, Sixtus, obgleich ich seit einer

erklecklichen Reihe von Jahren nicht das Vergnügen hatte, Sie zu sehen.

Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt, junger Mann?«

Der »junge Mann« gab willig in der Kürze die gewünschte Auskunft, und

der Finkenrodener Stadtrat sagte:

»Sieh, sieh.«

Mir, der ich ihn, abgesehen von allem übrigen, auch aus der

Literaturgeschichte kannte, war das Zusammentreffen mit ihm und seine

Reisegenossenschaft keineswegs zuwider. Und da wir von dem gewöhnlichen

Reisetumult und Gedränge in unserem Wagen ziemlich ungestört blieben,

hinderte uns nichts oder doch nur wenig, so vertrauensvoll und

mitteilsam gegeneinander zu sein, als das unter verständigen oder

verständig gewordenen Leuten nur irgend der Fall sein kann. Was den

Freund Ewald anbetraf, den der Vetter Just als einen vollständig

ausgewechselten Werdener, als einen stocktauben und stockstummen

Engländer in Belfast wiedergefunden zu haben glaubte, so war der auch

jetzt derjenige, welcher das kleinste oder vielmehr gar kein Blatt in

irgendeiner Beziehung vor den Mund nahm, so daß dies mir, wenigstens im

Anfang, dem uns doch ziemlich fremden Stadtrat gegenüber ein wenig

peinlich war. Alle seine und unsere Geschichten kramte er mit einer

Unbefangenheit aus, die ganz und gar Schloß und Dorf Werden, Bodenwerder

und der Steinhof war. Wie der Poet aus dem Sumpfe der Alltäglichkeit die

Perle des Interesses für seine Zuhörer herausfischt, so ging dieser

irländische Ingenieur, wenigstens zu Anfang unserer Reise, auf den Fang

aus im Bereiche der größten Trivialität unserer Jugenderlebnisse, und

die Fragen: Weißt du noch, Fritz? Erinnerst du dich noch, Langreuter?

Alter Kerl, das kannst du doch unmöglich vergessen haben? -- schienen

nimmer ein Ende nehmen zu wollen. Poetisch aber gebärdete er sich

durchaus nicht bei dieser Fischerei und wurde, wie ich nicht umhin kann

zu bemerken, von dem Finkenrodener städtischen Würdenträger und früheren

lyrischen Subredakteur des freilich auch schon ziemlich lange selig in

allen seinen Sünden entschlafenen »Chamäleons« nach dieser Richtung hin

nicht im mindesten entmutigt, sondern im Gegenteil: der Verfasser der

»Heiratsgedanken«, der Dichter der »frommen Liebeslieder« gab nur da zum

ersten Mal seine abweichende Ansicht durch ein asthmatisch Gegrunze zu

erkennen, wo mein Jugendfreund zwischen zwei abgeschmackten Schnurren

mit einem Seufzer sagte:

»Meine Herren, achten Sie dann und wann nicht auf mich! Ich sitze hier

immer doch mit einem merkwürdigen Gemisch von Gefühlen; und Rührung und

Beängstigung sind die vorherrschenden. Sie, Herr Bösenberg, haben ja

aber auch einmal Ähnliches auf dieser selben Bahnstrecke durchgemacht,

darüber geschrieben und das Geschriebene sogar drucken lassen.«

Der Stadtrat gab einen Ton von sich, der ungefähr wie: »_Whu_!« klang.

Dann brummte er:

»Jawohl. _Das_ Vergnügen habe ich mir und einigen anderen gemacht. Ich

danke Ihnen für die gütige Erinnerung, lieber Sixtus. Es ist mir

freilich so, als ob ich das alles in Ihnen und dem anderen Herrn da in

der anderen Ecke jetzt zum zweiten Mal erlebe; aber Gott sei gelobt und

gepriesen! zu schreiben brauche ich heute nicht mehr darüber! also --

erzählen Sie nur ruhig weiter von sich und dem Herrn Vetter Everstein

und dem Herrn Doktor da; -- von Schloß Werden, dem Försterhause und dem

Steinhofe. Die Hauptsache denke ich mir selber dann wohl schon dazu. Ja,

ich habe es mit vielem Interesse schon auf dem letzten Ostermarkt

gehört, daß Frau von Rehlen, die frühere Komtesse Everstein, nunmehr

ihren Aufenthalt bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe genommen hat.

Fräulein Schwester befindet sich, unberufen, immer noch recht wohl,

pflegt den alten guten Papa und verkehrt dann und wann recht

freundschaftlich mit meiner alten Freundin, Frau Sidonie Mietze in

Bodenwerder. Sie wissen doch, daß der Spiritusfabrikant schon vor

fünfzehn Jahren nach der Heimat des Freiherrn von Münchhausen

übersiedelte?«

Ich wußte das letztere nicht, da es mich im Grunde auch wenig

interessierte; aber seltsamerweise wußte es der Ingenieur und

interessierte sich auch sehr dafür. Seine Kenntnis der heimischen

Zustände war in der Tat überraschend, und, was mir als das Auffallendste

erschien, nichts von allem hatte sich ihm irgendwie ins Phantastische

gezogen, wie das leider bei mir heute der Fall war und im Jahre

Achtzehnhundertachtundfünfzig bei dem heutigen alten, fett und Stadtrat

gewordenen Junggesellen Dr. Max Bösenberg.

Es waren dieselben Geleise, auf denen wir mit dem Eilzuge dahinglitten:

ich, der Biograph der Leute von Schloß Werden, heute, und der Doktor

Bösenberg, der Biograph der Kinder von Finkenrode, damals. Ganz

wunderlich sprach der irisch-deutsche Baukünstler aus seiner Wagenecke

darein; nämlich so hell, unbefangen und vernünftig, daß _ich_ kaum ein

Wort dazwischen zu reden wagte und dem Stadtrat dankbar war, wenn er das

mit schwitzender Gemütlichkeit tat.

»Weshalb ich nicht häufiger an die lieben Angehörigen -- das gute Evchen

und den alten Papa schrieb? Weshalb ich ihnen nicht von Tag zu Tag über

mich Nachricht und Rechenschaft gab?« fragte der Ingenieur und jetzige

Besitzer von Schloß Werden. »Einfach aus dem nämlichen Grunde, aus

welchem die zärtlichsten Leute es verabsäumen, die gewöhnlichsten

Pflichten der Höflichkeit zu erfüllen, ^gentlemen^. Heute haben sie

keine Zeit, und morgen haben sie keine Lust. Gewissensbisse lassen sich

in dieser Hinsicht weit leichter verdauen als die Ärgernisse, die an

allem hängen, was in der Ferne vordem unsere Behaglichkeit, unser

Pläsier und -- unsere Hoffnung war. Es quält einen in der Fremde nichts

mehr als das Schönste und Liebste, was man in der Heimat gehabt hat und

hat aufgeben müssen! Habe ich nicht recht, Herr Bösenberg?«

»Natürlich! Von Ihrem Standpunkte aus!« brummte der Stadtrat und summte

dabei aus Zampa: Wenn ein Mädchen mir gefällt!... »Bitte um etwas Feuer,

wenn Ihre Zigarre noch brennt. Ich habe so ein Liedchen von den

Zuständen und Verhältnissen zu Werden singen hören. Bis in unsere

Magistratssitzungen drang es herüber nach dem Tode des Alten -- ich

meine des alten Biedermanns und bankerotten Dynasten von Schloß Werden.

Man wächst dann und wann nicht ungestraft zusammen auf als Jüngling und

Jungfrau, wenn man nicht zufällig Bruder und Schwester ist. Kenne das!

Also deshalb haben Sie nicht häufiger nach Hause geschrieben? Aber

fahren Sie nur fort! Das andere interessiert einen nach den eigensten

persönlichen Erlebnissen immer noch, selbst wenn man mehr oder weniger

durch Gunst der Götter zu den Höchstbesteuerten in seiner Kommune gehört

und es -- zu einer Stellung gebracht hat wie ich.«

Wir waren diesmal mit dem Abendzuge von Berlin abgefahren und fuhren

also auch in die beginnende Nacht hinein wie der Feuilleton-Redakteur

des Chamäleons im Jahre Achtundfünfzig. Der einzige Unterschied bestand

darin, daß es Sommer war und nicht der dreißigste November wie damals.

Jenes Buch von den Kindern von Finkenrode hatte aber seinerzeit,

wenigstens in unserer Gegend, und dieses selbstverständlich, ein

gewisses drolliges, mit Erstaunen vermischtes Aufsehen gemacht, und die

Figuren und Situationen hafteten mir auch heute noch deutlich genug im

Gedächtnisse, um mich ihnen, sowie dem -- gegenwärtigen Stadtrat Dr. Max

Bösenberg mit vollstem Verständnis hingeben zu können. Was ich dann und

wann aus dem Buche zitiere, schreibe ich freilich, wie das nicht anders

sein kann, nachträglich ab. Auswendig wußte ich es nicht.

»Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Hüttenfenster auf

der nebeligen Heide erfüllte mich mit einem Gefühl der Verödung, der

Vereinsamung. Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat?... Mein

Blick verlor sich in dem dichter gewordenen Nebel draußen. Der Zug flog

in diesem Augenblick über ein altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren

um Langvergessenes Tausende und Abertausende geblutet hatten. Es schien

mir, als ob die wogenden, wallenden Dunstmassen sich in kämpfende Männer

und Rosse verwandelten, zum Kampfe um ein zerfließendes Nichts. Im

wilden, geisterhaften Getümmel drängte sich ein Chaos phantastischer

Gestalten auf beiden Seiten des dahinschießenden Dampfrosses,

zerschellte an den Rädern, ballte sich von neuem, wirbelte von neuem

gespensterhaft durcheinander. Auch ich kam ja aus einer Schlacht, wilder

als je eine mit Waffen von Stahl und Eisen gekämpft wurde. Wie manchen

hatte ich an meiner Seite fallen sehen, wie manchen hatte ich auf dem

Schild mit heraustragen helfen aus dem Getümmel:

-- ^at socii multo gemitu lacrimisque^

^Impositum scuto referunt^ --«

»Sie schnupfen wirklich nicht, Doktor?« fragte der Stadtrat, mir von

neuem die silberne Dose, die jedenfalls auch aus der von ihm

beschriebenen Erbschaft des weiland Onkels Bösenberg zu Finkenrode

stammte, anbietend. »Sie sollten sich allgemach das doch auch

angewöhnen. Ein jeglicher befindet sich auf einmal, ganz ohne es vorher

bemerkt zu haben, in den Jahren, wo er dieses beinahe zu seinen

ästhetischen Genüssen zählt. Sie sollten sich wirklich bald gleichfalls

eine Dose zulegen, Doktor Langreuter.«

Nachher holte er, während ich -- sehr gestört durch ihn! -- immer noch

den Wegen, Geschicken, Erleuchtungen und Verdunkelungen des Lebens

nachzusinnen versuchte, aus einem eleganten und sehr praktischen

Reisefutteral verschiedenes Trinkbare und Eßbare hervor, von dem er uns

höflich anbot, an welchem jedoch nur der Ingenieur mit unverhohlenem

Wohlbehagen und unverkennbarem Durste sich beteiligte.

Nachher sprach er, der Stadtrat:

»Weiß der Teufel, ich werde immer sofort schläfrig im Eisenbahnwagen!«

und als der Schaffner die Lampe in unserem Coupé anzündete, tönte

bereits sein sehr gesundes und regelmäßiges Schnarchen in meine

Erinnerungen an sein liebenswürdiges Buch hinein. Ich gab es auf, mich

mit ihm und seinen jugendlichen schriftstellerischen Leistungen (als

noch nicht er, sondern höchstens Weitenweber schnupfte!) für jetzt

weiter zu beschäftigen, und wendete mich wieder dem Jugendfreunde zu.

Dieser saß wach in seiner Ecke, hatte das Gesicht gegen das offene

Fenster geneigt, und nur von Zeit zu Zeit fiel der Schein der trüben

Laterne unter der Decke darauf hin. Dann gefiel es mir jedesmal sehr und

immer besser. Ich hatte mich nun schon nach und nach in das Wesen des

Mannes mit mehr Verständnis hineingefunden. An die »Türme der

versunkenen Julin«, wie der schnarchende Stadtrat voreinst in seinem

Buche, dachte er unbedingt nicht: er lächelte zu heiter und hell dazu in

die vorbeifliegende Sommernachtslandschaft hinein; aber es war doch auch

ein lebendiger Ernst in diesem Werdener Irländer. Er glaubte sich

unbeachtet genug in der Dämmerung, um längere Zeit auch einmal ein sehr

ernstes Gesicht machen zu dürfen, und nimmer hatte ich ein vertrackt

unleserlich Pergament-Manuskript mit größerem Interesse zu enträtseln

gesucht wie jetzt im rötlichen Schein der Wagenlaterne die männlich

schönen Züge meines Jugendfreundes.

Eine Erbschaft wie die des Onkels Bösenberg dem Redakteur des

Chamäleons, war ihm nicht in den Schoß gefallen; Ewald Sixtus kam nicht

heim wie der Bauer vom Steinhofe, der Vetter Just Everstein; aber was

wir auch an ihm noch in der nächsten Zeit auf Schloß Werden, im Dorfe,

in Bodenwerder, auf dem Steinhofe und in der Umgegend erleben mochten,

ich hatte für _ihn_ keine Sorge mehr.

Wissen kann man es ja nicht, was die nächste Stunde bringen wird, und

nur die Narren pflegen das ganz genau vorauszusagen; aber für diesen

gefesteten, hellen, heiteren Menschen brachte sie nichts, was er nicht

im Guten wie im Schlimmen mit in seine Rechnung gezogen hatte, und das

ist immer viel und bedeutet im Bösen wie im Guten die Hauptsache und

Hauptwaffe im bitteren Kampfe der Verwirrungen dieses verzwickten

Daseins auf der Erde.

Da war die berühmte Festungsstadt, die wir auch diesmal wie einst der

Doktor Bösenberg, ruhig seitwärts liegen ließen. Keine Jungfrau ließ den

gehobenen Schleier wieder sinken in unserem Coupé und schlüpfte zierlich

aus dem Wagen. Kein alter zu einem Taugenichts von Sohne reisender Herr

sagte grimmig: Der wird sich wundern! Wir hatten keine Kinder zärtlich

harrenden Vätern aus dem Wagen zuzureichen.

»Wahrhaftig, wieder mal das verdammte Nest!« schnurrte der Finkenrodener

Stadtrat, aus dem Schlummer aufgerüttelt und verdrießlich sich dehnend

und die Augen reibend. »Jedes Mal, wenn ich hier halte, schwöre ich mir

zu, daß es das letzte mal gewesen sein soll, -- und weiß der Henker, da

sind wir doch wieder, und natürlich nicht eine Idee von einem Kellner am

ganzen Zuge!« ...

Wir fuhren weiter, und es war kurz vor Sonnenaufgang, als der Schaffner,

von neuem die Tür aufreißend, »_Station Sauingen_!« schrie. Statt einer

an einer langen Stange schwankenden Laterne glimmte eine ganze Reihe

dergleichen den breiten »Bahnsteig« und die stattlichen Bahnhofsgebäude

entlang und in die rosige Eos hinein. Der Ort hatte sich in den letzten

zwanzig Jahren fast nicht weniger als der Dr. Max Bösenberg verändert.

Wenn dieser Stadtrat, so war jener ein lebendigster Eisenbahnknotenpunkt

geworden; und die Bahn nach Finkenrode war seit mehr denn zehn Jahren

ebenfalls weiter gebaut worden. Wir erlebten diesmal nicht die

geringsten tragischen und heiteren Abenteuer zum Besten eines erstaunten

Leserkreises in Sauingen als vielleicht das Wort des Biographen der

Kinder von Finkenrode:

»Sollten Sie es für möglich halten, meine Herren, daß ich mich noch

immer nicht anders als mit aufgeklapptem Rockkragen und dem Taschentuche

vor der Physiognomie durch den Ort schleichen darf? Vor einem Jahre

hatte man hier eine Provinzial-Viehausstellung mit Preisverteilung

arrangiert, und ich war als Vertreter unseres Gemeinwesens hergeschickt

worden. Ich sage Ihnen, das nächste Mal lasse ich sicherlich einem

anderen die Ehre und das Vergnügen. Sie hatten nichts vergessen! Wohl

verkorkt hatten sie ihre ganze Ranküne, wie auf Flaschen gezogen, zur

Hand, ein jeglicher von ihnen die seinige bei seinem Teller; und was das

Vergessen meinerseits anbetrifft, so ist es durchaus keine Kunst, den

vergnügten Tag, welchen ich damals unter ihnen hinzubringen hatte, in

alle Ewigkeit nicht zu vergessen. Gott sei Dank, diesmal fahren wir mit

einem Aufenthalt von fünf Minuten durch. In einer Stunde sind wir in

Finkenrode; ein wenig übernächtig fühlen wir uns doch alle; ich lade Sie

hiermit freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher schlafe ich aus, und

nichts hindert Sie, dasselbe zu tun oder das Dampfschiff stromabwärts

nach Münchhausenburg zu benutzen. Von Bodenwerder werden Sie ja dann

wohl schon ohne Führer die alte Heimat erreichen, und wünsche ich viel

Pläsier dazu. Sollte Ihnen zufällig daselbst mein guter alter Freund

Alexander begegnen, so bitte ich, ihn recht schön von mir zu grüßen.«

Die Sonne ging auf. Wir erreichten Finkenrode und frühstückten wirklich

daselbst in dem Hause des weiland Onkels Bösenberg. Mir roch es recht

moderig und unbehaglich drin. Mit welchen modernen Gefühlen, Stimmungen

und »Meliorationsintentionen« der heutige Inhaber vor zwanzig Jahren

hineingezogen sein mochte und, seinem Buche nach, hineingezogen war: er

hatte sich allgemach geradeso darin verpuppt wie der alte Herr, und er

war noch dazu ein recht alter Junggesell darin geworden. Das Bild der

Frau mit dem Kinde auf dem Arme sah jedoch auf einen ungemein

verständnisreich besetzten Tisch herab. Der Stadtrat war fett geworden

in dem alten Hause und wurde noch immer fetter drin; dies schien mir so

ziemlich der einzige Unterschied gegen die Tage der Vergangenheit zu

sein.

Daß aber ein wohlgemeintes Wort häufig viel mehr Verdruß anrichtet als

die überlegteste Bosheit in Wort und Tat, das sollte ich auch jetzt

einmal wieder erfahren.

Ganz harmlos erkundigte ich mich des näheren nach Weitenweber, und

sofort legte unser gastfreundlicher Wirt Messer und Gabel nieder, blies

eine Menge überflüssigen Atems über die breit vorgesteckte Serviette

fort und keuchte:

»Uh, der alte Sünder! Außerdem daß er behauptete, längst vor der

Entdeckung des Doktors Schopenhauer durch das deutsche Publikum den

Schopenhauerianismus gründlich weg gehabt zu haben, hat er noch viel

gründlicher meinen gesamten Vorrat von Lebensidealismus mit sich hinüber

nach Berlin in das alte Leben genommen. Jawohl, _das_ sind die Kerle,

die in ihrer Säure und Knochentrockenheit hundert Jahre lang sich

konservieren und dann sich ins Jenseits hinübergrinsen, während

unsereiner in seiner -- Liebenswürdigkeit -- Weichheit -- Lyrik -- kurz,

wie Sie das nennen wollen -- -- -- na, verderben wir uns den Appetit

nicht; und Sie, lieber Sixtus, sehen Sie nur nicht nach der Uhr, -- Sie

kommen noch früh genug aufs Schiff. Der Kapitän wartet mit Vergnügen auf

jeden, der mit will, und Hannchen trägt Ihnen die Reisetaschen an den

Fluß hinunter.«

Hannchen war ein sehr hübsches und ungemein freundliches Hausmädchen des

alten Hauses Bösenberg, und nicht ungerechtfertigter Weise, wie es

schien, ein großer Liebling des einstigen Feuilleton-Redakteurs des

einstigen ^regnante Manteuffelio^ berühmten, oft konfiszierten und weit

verbreiteten Blattes:

_Das Chamäleon_.

Viertes Kapitel.

Wir fuhren in einen recht heißen Tag hinein, und mir war es wunderlich,

gar wunderlich, so auf einmal wieder auf diesen Wassern zu schwimmen,

die ich so lange nicht zu Gesicht bekommen hatte.

»Der Mann -- dieser Herr Stadtrat Bösenberg, hat mir recht gut

gefallen,« meinte mein Begleiter oder vielmehr Führer. »Er besitzt recht

gesunde Ansichten nicht nur über Nationalökonomie, sondern auch die des

Privatmannes. Daß er wie manche andere ein wenig in den Tag

hineinschwatzt, muß man ihm hingehen lassen. Übrigens kennt er die

Gegend aus dem Grunde, und ich werde unbedingt diese Bekanntschaft nicht

kalt werden lassen; sobald ich daheim nur einigermaßen in Ruhe bin,

werde ich ihm nochmals meinen Besuch machen. Und sein Buch muß ich doch

auch mal wieder lesen.«

»Hoffentlich findest du noch ein Exemplar in einer Leihbibliothek,

lieber Ewald; und wahrscheinlich werden seine Provinzgenossen dasselbe

seit dem Jahre Achtzehnhundertneunundfünfzig durch ihre Randglossen und

Fußbemerkungen noch um ein Bedeutendes lesenswerter gemacht haben.«

»Man trifft doch überall in diesem närrischen Deutschland -- auch wo man

es nicht vermutet -- auf recht verständige, achtungswerte und spaßhafte

Menschen,« schloß der jetzige Besitzer von Schloß Werden diesen

Abschnitt unserer Reiseunterhaltung. Der Doppelkirchturm von Finkenrode

verschwand bei einer Biegung des Flusses hinter einem bewaldeten

Höhenzuge; ich aber steckte nun einmal in den Kindern von Finkenrode und

ich blieb darin stecken, und es erschien mir doch fast unbegreiflich,

daß der Verfasser heute so wenig Verständnis mehr für die Wahrheit und

Wirklichkeit dessen hatte, was er vordem niederschrieb. Im Halbtraum

mußte er geschrieben haben: wie wach und munter er dann auch späterhin

das Ding in den Druck geben mochte!...

Es ist kein ander Näherkommen, wenn es sich um die langentbehrte,

halbvergessene Heimaterde handelt, dem zu Schiffe zu vergleichen. Nicht

die Fußwanderung und noch viel weniger der Wagen bieten dies freie,

leichte Getragenwerden. Wir wollen uns keine Illusionen machen über

unsere Stärke in der Welt: es ist bei allen Dingen die Mühelosigkeit,

die wir zuerst wollen, und die im Großen wie im Kleinen bei jeglicher

Erhebung über den dahinschleichenden Tag und die dahingeschlichenen Tage

das Willkommenste ist. An einen Schiffsrand gelehnt stehend, einst so

vertraute und seit Jahren wie versunkene Bergesgipfel von neuem

auftauchen, wachsen und sie immer deutlicher und immer bekannter sich in

den Gesichtskreis schieben zu sehen: was geht darüber?! Und wenn ich

vorhin gesagt habe, daß wir erst auf der Reise von unseren Verhältnissen

zu der Heimat und vor allem von denen des Freundes Ewald Sixtus

gesprochen hätten, so war das im vollen Sinne des Wortes erst auf diesem

Schiffe und nachher auf dem Fußwege nach Schloß Werden der Fall.

»Lache mich nicht aus, Fritz,« murmelte der Irländer, »ich wollte, wir

wären erst acht Tage älter! Du kannst da gleichmütig genug sitzen und

die liebe Gegend näher kommen sehen; aber ich -- ^och faix^, woran es

eigentlich liegt, kann ich nicht sagen; aber ich versichere dich, ich

fange allmählich an, Angst zu kriegen wie ein Schuljunge, der erst die

Schule geschwänzt hat und dann noch zu spät zum Essen kommt. Ich wollte,

^by Jove^, wir hätten noch den Stadtrat bei uns, ich fange an,

einzusehen, daß er noch etwas mehr war als eine bloße Reisezerstreuung.

An diese Stimmung habe ich, weiß Gott, in der Fremde nicht gedacht, und

ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich sie mir vom Leibe und aus

der Seele fern gehalten hätte! Fritz, ich weiß nicht, wie's zugeht, aber

ich gäbe jetzt viel für einen tüchtigen Landregen mit obligatem

Verkriechen in der Kajüte. Das Wetter ist mir heute zu schön und die

alten Berge dort in der Ferne viel zu blau!... Da ist der Pastor von

Dölme! und da der Kirchturm von Pegestorff! -- der Werder hier im Fluß

war vor fünfzehn Jahren auch schon vorhanden. O Langreuter, Langreuter,

der Pastor von Dölme! er schneidet noch dieselbe Sandsteinfratze wie --

zu unserer Zeit; was ich aber jetzt für ein Gesicht ziehe, das weiß ich

nicht und verlange auch nach keinem Spiegel. Langreuter, ich wollte, die

Gegend wäre nicht ganz so sehr dieselbige geblieben! Wie alt mag wohl

der Alte geworden sein?... und die Eva? und -- -- -- na ja, und ich habe

es auch nicht gewußt bis jetzt, um wieviel ich selber älter geworden

bin!... da sollte man sich doch wirklich in den grauesten Sumpf vom

grünen Erin hineinwünschen bis an den Hals. O Fritz, Fritze, o -- Fritz

Langreuter, der Tag ist mir heute zu schön, und die Nachtfahrt und die

angenehme Unterhaltung, das Frühstück des Stadtrats Bösenberg sind

wahrhaftig nicht allein schuld daran. O, der Vetter Just vom Steinhofe!

Du brauchst es ihm weiter nicht auf die Nase zu binden, Fritz; aber ich

wollte --«

Er brach ab, schüttelte den Kopf und sagte es nicht, was er in betreff

des Vetters Just und seiner selbst jetzt lieber anders gewünscht hätte.

Nur mit Mühe gewann er das alte drollige Zucken um die Mundwinkel noch

einmal wieder, als ich ihn fragte: »Sie wissen es doch wenigstens, daß

du in diesen Tagen nach Hause zurückkehrst?« und er mir die Antwort

schuldig bleiben zu wollen schien.

»Sie wissen es nicht, Ewald? Und sie wissen auch nicht, daß du heute der

Herr von Schloß Werden bist?!« ...

Alle alte Knabenkomik und Verschmitztheit verschwand aus den wirklich

hübschen und doch zugleich mannhaften Zügen des Ingenieurs:

»Weiß Gott, da ist Rühle und sieht auch noch gerade so aus als damals,

wo wir hier die Welt allein zu haben glaubten! Ja, es ist ein dummer

Jugendstreich! meine Flegeljahre haben sich aber nur ein paar Lustren

weiter erstreckt als die anderer Leute, und ich habe das nur bis in

diese Stunde hinein nicht gewußt. Bis heute bin ich wie diese nette

Gegend der nämliche geblieben, und nun kommt es mir auf einmal vor, als

ob von heute an meine Buße darüber recht nachdrücklich ihren Anfang

nehmen könne. O Fritz, ich glaube, daß ich trotzdem, daß ich Schloß

Werden für -- euch alle wiedergewonnen habe, doch nur wenig Dank dafür

zu erwarten habe und -- ganz mit Recht!... Ob sie zu Hause -- ob -- ob

Irene -- ob sie alle über alles genau Bescheid wissen, ist wohl

gleichgültig. Ganz mit Recht werden sie verschnupft sein, und ich wollte

jetzt, ich hätte etwas Besseres und anderes getan, als die alten

Jugendwitze noch einmal und im vergrößerten Maßstabe zu wiederholen! Ja,

und du hast es selbstverständlich sofort herausgerochen, alter

Verstandesmensch! Es gehörte meiner Meinung nach in Belfast dazu, daß

ich nur mit meinem Advokaten in Bodenwerder und niemand sonst über das

Geschäft korrespondierte. Wieviel von der Affäre dessenungeachtet unter

die Leute durchgesickert ist, kann ich natürlich nicht wissen, aber ich

ahne jetzt, es ist genug gewesen, um mir den Empfang nach allen Seiten

hin zu gesegnen. ^Och honey^, wie sieht sich das alles von der Fremde

aus so ganz anders an! Da hatten wir mal in Dublin einen verrückten

jungen Kerl aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der führte seinen

Papa, um ihm eine Geburtstagsfreude zu machen, eines Morgens ans Fenster

und sagte: >Sieh mal, lieber Vater, da habe ich dir einen

Elefanten gekauft!< ^Och, Freddy, Freddy^, das Gesicht des alten

Baumwollenimporteurs Mr. Maloney senior paßt ganz und gar in meine

dermalige gemütliche Stimmung. Ich bin auch in diesem Moment durchaus

nicht mehr darüber im klaren, was ich eigentlich gekauft habe, um meinen

Angehörigen und -- Irene -- Everstein -- eine -- Freude zu machen! Was

sollen sie auf dem Försterhofe mit meinem Elefanten anfangen, und wie --

wie wird -- Irene Everstein darüber denken?«

Da war es freilich schwer, das rechte Wort der Lösung für diese nur dem

alleräußersten Anschein nach sehr einfachen Lebenswirren zu finden und

dreinzugeben. Was ich erwidern konnte, war alles nichts weiter als guter

Rat, der vorher hätte gegeben werden müssen und dann sicherlich nicht

angenommen worden wäre. So überließ ich es denn den kühlen Wassern, die

uns trugen, und den kochenden, welche die Räder, Hebel und Schaufeln in

Bewegung erhielten, uns der Lösung, das heißt der Heimat und den

Gesichtern, die die Leute dort über uns machten, näher zu führen. An das

Müheloseste wendet sich der Mensch auch in allen großen und kleinen

Krisen seines Daseins am liebsten, also nicht bloß im Glück und auf der

Fahrt durch die Sommertage des Lebens.

Und jeder Augenblick brachte uns tiefer in die uns so bekannte und so

sehr aus dem Gedächtnis geratene Jugendwelt hinein. Bei jeder Biegung

des Flusses verflüchtigte sich der Schleier, den die Jahre uns über die

Augen gelegt hatten, mehr und mehr. Gewinn und Verlust des Lebens wurden

von Minute zu Minute deutlicher, aber stiller und friedlicher wurde es

leider nicht darum in uns.

»Ich wollte, ich hieße von Münchhausen oder liefe schon gedruckt in der

Welt herum wie der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode!« brummte der

jetzige Herr von Schloß Werden. »Aber bis nach Bodenwerder bleiben wir

nicht auf diesem verdammten Teekesselkahn, Fritz Langreuter. Das wäre

die Höhe, wenn ich daselbst zuerst auf meinen Rechtsmandatar stieße und

an seiner Hand in das alte, brave Vaterhaus zurückzuwandeln hätte. Bei

der nächsten Haltestelle steigen wir aus und schlagen uns zu Fuße über

die Berge und durch den Wald. Uh, hätte ich mir doch dies heutige

Einschleichen hinter den Büschen weg vor drei Jahren schon so deutlich

ausgemalt wie jetzt, so wäre es mir sicherlich besser zumute. Säße das

Mädchen -- ich meine die gnädige Frau -- o Gott, säße die Irene nicht

bei dem Vetter Just -- -- -- bei den unsterblichen Göttern, ich schliche

mich zuerst zu dem Vetter Just Everstein und ließe ihn einen Boten mit

der Meldung nach Werden schicken, daß -- ich -- wieder da -- sei! Der

Peter in der Fremde mit seinen Dachkammer- und Taubenschlaggefühlen ist

in diesem Moment ein wahrer Weltumsegler gegen mich! Deine Gefühle sind

aber natürlich ja ganz andere, also geniere dich nur nicht meinetwegen,

Bruder. Fahre du dreist weiter nach Bodenwerder, grüße daselbst, nimm

einen Wagen und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe.«

Ich ging auch.

Es war ein eigentümliches Gefühl, wieder den Kies des Flußufers unter

den Füßen zu spüren. Das Dampfschiff drehte sich ab, und wir nahmen

unseren Weg rechts in die Berge hinein. Zwei gute Stunden hatten wir vor

uns, ehe wir Schloß Werden erreichen konnten; aber niemals sind mir zwei

ziemlich beschwerliche Wegestunden so kurz vorgekommen wie diese. Und

wir redeten wenig miteinander auf dieser Wanderung.

»Das ist eine kuriose Melodie, welche du da pfeifst, Ewald.«

»^Rocky Road to Dublin!^ Jeder illegante blinde Fiedler greift sie im

Schlafe bei uns, und sie paßt mir ganz für diesen Marsch, Fritz.

Melancholisch und spaßhaft! was? Wer zuerst von uns die alten Türme aus

dem Busch aufragen sieht, hält das Maul, aber stößt dem Gevatter die

Ellenbogen in die Rippen... Und _sie_ sitzt also heute bei dem Vetter

Just auf dem Steinhofe. Hoffentlich im kühlen Schatten! Und wir -- wir

schwitzen hier!... O Fritz, ich will es nur gestehen, ich habe an mehr

als einem heißen Tage in der Fremde an das böse liebe Mädchen gedacht

und mir dies Nach-Hause-Kommen zur Kühlung ausgemalt. Der Teufel hole

alle solche Malereien! Der ist selber ein Pinsel, der da meint, nur

guter Wille gehöre dazu, den rechten Ton zu treffen.«

»Die arme Frau!« murmelte ich, und der Herr von Schloß Werden sagte

grimmig vor sich hin:

»Jawohl, die arme Frau! Und ich wollte nochmal, daß es erst heute übers

Jahr wäre und wir alle möglichst in Ruhe!«

Ich will von dem Wege nichts weiter sagen. Wir erlebten alle Abenteuer

darauf in unserer Seele. Gegen Abend, als jedoch die Sonne immer noch

ziemlich hoch über den Hügeln im Westen, dem Steinhofe zu, stand, sahen

wir die grauen Ecktürme unseres verzauberten, das heißt uns

angezauberten Schlosses über die Linden und Kastanien aufragen. Und zehn

Minuten oder eine Viertelstunde später standen wir -- vor einer Mauer,

die wir nicht kannten; vor einer hohen, nüchternen Mauer, die zu

_unserer Zeit_ noch nicht vorhanden gewesen war.

»Bin ich im Traum, oder haben wir uns verlaufen, und sind das dort gar

nicht unser Dach und unsere Giebel?« murmelte der Ingenieur, mich

ansehend.

»Schloß Werden ist es wohl noch,« seufzte ich, »aber, Ewald, andere

Leute sind doch recht lange Herren hier gewesen und haben sich nach

ihrem Gefallen eingerichtet. Wer hätte es überhaupt vorausgesehen, daß

wir noch einmal wiederkommen würden?«

»Alle Wetter, und die verdammte Landstraße!« rief der Irländer erbost.

»O die Schufte! Hier lief ja der Graben an der grünen Hecke! Und dort

hingen unsere Nester in der blauen Luft und in den grünen Zweigen! Alles

ruiniert! Alles glatt gestampft... Und wie wird es erst jenseits dieser

Mauer aussehen? O Fritz, Fritz, wäre es nicht wiederum zu dumm, so täte

ich nochmal, als ginge mich die ganze Geschichte nicht das geringste an.

O meine -- arme Irene! das ist mehr als ein Symbol, diese

gottverfluchte, nichtswürdige Mauer! Das ist die Wirklichkeit! das ist,

wie es ist, und ich habe es mir in meiner Albernheit und in der Fremde

nur etwas anders zurechtphantasiert. So ist es, wie es ist, und ich

wollte, -- ich säße in diesem angenehmen Moment auf ^Bloody Farland

Point^ und spuckte in den Atlantischen Ozean, statt hier an dieser Mauer

mit dir zu stehen und Maulaffen feil zuhalten!«

Das war so herausgestoßen und für jeden anderen Menschen als für mich

und vielleicht Irene von Everstein völlig unverständlich; ich aber

verstand diesen, in diesem Augenblick des vollkommensten Gelingens

seiner hartnäckigen Lebensarbeit über sich so zornigen Mann und die

energische Falte zwischen seinen Brauen vollkommen. Zu sagen wußte ich

jedoch jetzt auch weiter nichts als mit einem Stoßseufzer:

»O Sixtus, weshalb sind wir nicht in Korrespondenz miteinander

geblieben?«

»Ich habe mein Leben auf die Lust am Leben gestellt, -- auf den Spaß, --

du weißt es ja, Fritz. Hätte ich mich auch schriftlich oder gar durch

den Druck als ein Esel manifestieren können, so gebe ich dir hiermit

mein Wort darauf, daß ich es sicherlich getan hätte. Wieviel Ernst

hinter dem Narrentum im Versteck lag, das magst du dir nunmehr selber

zusammenkalkulieren. Und -- Irene ist auch schuld daran gewesen. Fritz

Langreuter, wir, das heißt _sie_ und _ich_, haben vielleicht nur zu gut

zueinander gepaßt! Ein wenig weniger gut wäre wahrscheinlich besser

gewesen, und ich stände dann nicht _so_ da vor -- dieser gottverdammten

Mauer und -- hätte so große Angst vor ihr; nämlich vor ihr -- der Frau

auf dem Steinhofe unter der Obhut des Vetters Just Everstein! Alle

Wetter, wenn es dem Burschen so ausgezeichnet gut drüben in Amerika

erging, so hätte er meinetwegen ruhig dort bleiben können. Du meinst,

daß ihm dazu zuviel an seinem Steinhofe gelegen gewesen sei? O Fritz,

ich weiß es, -- mir ist an diesem vertrackten Schloß Werden hinter

dieser heillosen Mauer doch noch mehr gelegen gewesen, und ich habe auch

darum gearbeitet und -- der Kerl imponiert mir gar nicht, und ich

wollte, Irene -- die Frau Baronin säße im Pfefferlande, aber nicht bei

ihm! Und jetzt, alter Freund, laß uns versuchen, um diese Mauer herum

ein Loch zum Durchschlüpfen nach Schloß Werden zu gewinnen. Ich ziehe

nicht ein in das alte Nest wie der liebe Vetter Just auf dem Steinhofe.

Das ist eine Tatsache, daß das, was man erreicht hat, es nie _tut_!« --

-- --

»Wahrlich, ich hatte meine Vaterstadt Finkenrode erreicht; nicht mit den

Gefühlen eines Olympiasiegers, nicht mit den Gefühlen eines

Heimwehkranken, aber doch mit recht anständigen, stichhaltigen,

naturgemäßen Gefühlen, welche von einem nicht allzu verhärteten und

gleichgültig gewordenen Gemüte zeugten,« lautet eine Stelle in dem Buche

des Finkenrodener Stadtrats, Dr. Max Bösenberg, und es ist mir nicht

unlieb, daß ich mich ihrer erinnere, um sie an dieser Stelle zitieren zu

können.

Fünftes Kapitel.

Wie wir diese heiße Mauer entlang gingen, die sich jetzt da hinzog, wo

früher unsere grüne Hecke unser Märchenreich umschloß, ohne die

unermeßliche übrige Welt auszuschließen, kam mir ein Gedanke. Nämlich,

daß es Leute, die in allen Dingen, großen und kleinen, auf der Stelle

Partei nehmen, die Hülle und Fülle gibt, daß aber der Leute, die im

wahren Sinne des Wortes _neutral_ zu bleiben vermögen, sehr wenige sind,

und daß drittens die Namen und Adressen der letzteren überall, mit

goldenen Lettern in ein besonderes Buch eingetragen, zum eiligsten

öffentlichen Nachschlagen aufzulegen seien. Ich, der ich im Grunde heute

so sehr Partei war, gewann aus dieser Mauer melancholisch die nicht mehr

umzustoßende Überzeugung, daß mir sowohl im Schloß und Dorf Werden wie

auch vor allen Dingen auf dem Steinhof nichts mehr übrig geblieben sei,

als mich -- vollkommen neutral zu verhalten.

Das hatte ich gewonnen! Ich, dem _die_ Mühe, etwas Verlorenes

wiederzugewinnen, erspart worden war; oder besser, der selber sie sich

erspart hatte.

»Am sichersten wäre es vielleicht doch gewesen, wenn wir unseren

Advokaten von Bodenwerder abgeholt hätten, um mit seiner Hülfe den

Eingang in Schloß Werden zu finden,« brummte Ewald. »Nun, gottlob, hier

haben sie wenigstens ein Loch gelassen, und sind wir somit drin und --

zu Hause angekommen. ^Begorra^, eine schöne Wirtschaft scheint das

gewesen zu sein! Meiner Treu, als ich von der Fremde aus die Katze im

Sacke kaufte, habe ich doch keine Ahnung davon gehabt, wie ruppig das

Vieh sich bei der Okularinspektion ausweisen würde. Sieh nur hin,

Langreuter, wie die Halunken gehaust haben! Und ich gebe dir mein Wort

darauf, Fritz, daß ich längere Zeit hindurch in der festen Überzeugung

gelebt habe, ich hätte das alte Haus und seinen Zubehör zu billig

erstanden! oh, oh, oh!«

Ich konnte auch nichts weiter tun, als in die Seufzer des Freundes

betrübt einstimmen. Kahl und verwildert lag der früher so stattlich

schöne Park innerhalb der neuen Mauer vor uns da. Die Alleen waren

niedergeschlagen worden, die Gebüsche ausgereutet. Nur um das Schloß

selbst standen noch einige der ältesten Bäume aufrecht und hatten uns

von Ferne die Täuschung gegeben, daß das alte adelige Haus Werden noch

aus dem alten vollen Grün aufrage. Es war nichts als eine Fata Morgana

gewesen, die aus der fernen Jugendzeit in die schwüle Gegenwart

herüberfiel. Die jüngsten Besitzer hatten auf Schloß Werden nur einen

Raubbau in jeglicher Hinsicht betrieben und waren zugrunde darauf

gegangen in der Sonne wie -- der Herr Graf in dem vornehmen Schatten

seiner hundertjährigen Linden und Kastanien.

»Da stehen wir!« sagte der irländische Ingenieur grimmig. »Wenn es dir

beliebt, so können wir auch weiter gehen oder -- umkehren. Das Letztere

wäre mir vielleicht in diesem Augenblick das liebste.«

»Du willst doch wohl nicht jetzt den Mut verlieren?«

»Den Mut wohl nicht, lieber Freund, wohl aber die Lust, meine Rolle

weiter zu spielen. Momentan ist mir meine ^Devil-may-care^-Stimmung

gründlich ausgetrieben, und ich sehe nach keiner Weltgegend mehr hin die

Gelegenheit, mir durch einen mehr oder weniger fragwürdigen Witz aus der

Patsche zu helfen. Ich sage dir, ich fühle mich in dieser Minute

mindestens um ein Jahrhundert älter als der alte Kasten dort hinter den

Kartoffelfeldern, das Haus Werden mit seinen sicherlich zersprungenen

und eingeschlagenen Fensterscheiben, seinem Schwamm im Parterre und

seinem Wurmfraß im oberen Stock. Ach Fritz, es ist doch wohl gut, daß

Irene Everstein auf dem Steinhofe wohl aufgehoben ist; und ich -- ich

hätte besser getan, wenn ich fürs erste Schloß Werden hätte links oder

rechts liegen lassen und den alten Mann in dem Dorfe und dem

Försterhause um seine Ansicht von der Sache gefragt hätte! Was dich

anbetrifft, liebster Langreuter, so wird es mir immer klarer, daß du mir

kaum von Nutzen bei dieser mißlichen Geschichte sein wirst. Nimm mir das

nicht übel.«

Ich hatte wahrlich keine Ursache, hier irgend etwas übel zu nehmen. Der

Freund hatte nur zu sehr recht. Mehr sogar, als er selber zu ahnen

imstande war.

Ein altes Weib, das mit einer Sichel in der Hand einige Schritte weiter

vorwärts sich aus dem Kraut und Unkraut aufrichtete, und dem wir, wie es

schien, einen gelinden Schrecken einjagten, gab unseren trübsinnigen

Gedankenläufen, wenigstens für einen Augenblick, eine gelegene

Ablenkung. Es war sicherlich eine gute Bekannte unserer Jugendjahre;

aber wir waren allesamt älter geworden und kannten uns nicht mehr.

Das kümmerliche Mütterchen zog rasch und ängstlich eine hoch mit

Grünfutter vollgestopfte Kiepe zu sich heran und hatte unbedingt die

größte Lust, ohne sich weiter auf Gruß, Gegengruß und freundschaftliche

Unterhaltung einzulassen, Reißaus zu nehmen; aber --

»Halt, Mutter! Hier geblieben, Mrs. Ragtail! Nur auf ein Wort,

Mütterchen!« rief der Herr von Schloß Werden. »Gehören wir zu dem Dorfe

oder dort in das graue Haus -- Schloß Wackelburg, oder wie es heißt!?«

»Schloß Werden, liebster Herr! das ist das Schloß. Ach, Jeses, liebste,

beste Herren, nur ein bißchen Grünes für die Ziege und fünf lebendige

Enkelkinder; es wächst ja alles hier rundum doch nur dem armen Volke und

lieben Herrgott in die Hand --«

»Richtig, Mutter! Mich aber soll der Teufel holen, wenn ich Ihr nicht

alles gönne,« brummte Ewald Sixtus, und fügte gegen mich gerichtet

hinzu: »Hätte ich nur dasselbe Recht an den Nachlaß und die Erbschaft

hier!« Und wieder der alten Frau sich zuwendend: »Es kommen wohl manche

aus dem Dorfe, um da herum das, was dem lieben Herrgott in und aus der

Hand wächst, und was auch in Hof und Stall nicht zu niet- und nagelfest

ist, abzuholen, he?«

»O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt,«

winselte die Alte. »Fünf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der

Vater dazu, ist zu Schaden und Tode gekommen in Koldeweys Steinbruche,

und die Mutter hat die Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fünf

Würmern allein übrig. Nur ein bißchen Kraut für die Ziege; denn das

Jüngste ist erst dreiviertel Jahr alt, und ich bin an die Sechzig nahe

heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein Herr und Meister da seit

Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die Verwaltung hat, kann

doch nicht immer da sein und nach dem Rechten sehen. Und wenn Sie auch

zu den Herren Advokaten aus Bodenwerder gehören und mich vor Gericht

ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den hochseligen Herrn

Grafen habe ich auch noch gekannt und das war ein guter Mensch, so

vornehm er war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras an den

Hecken schneiden dürfen, und aus dem vornehmen Schloß hab' ich mir

keinen Nagel aus der Wand geholt. Und die gnädige Gräfin, die jetzt bei

dem -- dem Herrn Vetter Just -- dem Herrn Everstein auf dem Steinhofe

wohnt und der es auch so schlimm in der bösen Welt ergangen ist, wie man

sagt, ja, die habe ich, als ich noch eine junge Frau war, aus dem

Dorfbache aufgehoben und naß wie eine Katze auf meinem Arme nach Hause

getragen, und da war damals die Madam -- die gute Frau -- die Frau

Steuerkontrolleurin auf dem Schloß, die hat das Kind mir abgenommen und

mir zehn Groschen gegeben. Der Junge aus dem Försterhause -- unserm

Förster Sixtus sein Junge hatte die gnädigste junge Komtesse in den Bach

gestoßen. Sie sagen, dem soll jetzt das ganze Schloß und alles gehören;

aber es will keiner im Dorfe so recht daran glauben. Wenn er aber heute

wiederkäme, und alles hätte sich ungelogen so geschickt, wie die Leute

lügen, und er wäre der Herr, so brauchte er auch mit der Witwe Warneke

nicht um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der Wüstenei hier herum ins

Gerichte zu gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund mit meinem alten

Seligen gewesen, und der hätte oft klüger sein sollen als der dumme

tolle Junge aus der Försterei. Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer

ganz anders gewesen und sittsamer; aber sie sagen, der hat es auch dicke

hinter den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt,

was man nennt in Berlin. Ja, so werden aus Kindern Leute, und ich habe

es als junge Frau auch nicht gedacht, daß ich als alte Frau mal fünf

Enkelkinder mit Tagelöhnerarbeit und Hunger und Kummer großziehen müßte.

Aber die Herren lassen mich da schwatzen, und ich stehe da auch und

schwatze, als wäre ich wie von oben her und vom Pfänder drangekriegt,

und -- -- o du meine Güte -- o liebster Himmel -- jetzt falle ich um!

Das sind Sie!... das sind Sie ja selber! der kleine Fritz und der --

Herr Ewald! Und so gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im

lebendigen Leben! Und wie wird sich der alte Herr Vater und die

Schwester freuen, Herr Sixtus. Und die Schwester -- ich meine Fräulein

Eva, hat noch immer nicht gefreit. Jedermann im Dorfe wundert sich

darüber --«

Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schütteln,

um dem Übermaß der Gefühlsäußerungen ein Ende zu machen. Das

Hereinsprechen in den Schrecken, die Verwunderung und die zitternde

Hast, sich angenehm zu machen, half zu gar nichts weiter, als daß sich

gar noch das helle Schluchzen und Schlucken in den Redeschwall mischte

--

»Herr, mach ein Ende!« stöhnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein

der Werdener Irländer. »Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe

Warneke, ^honey^, liebstes, bestes, altes Mädchen, ja wir sind wieder

da, und es ist mir im höchsten Grade erfreulich, daß Sie die erste ist,

die mir hier auf meinem Grund und Boden -- weiß Sie was? Sie kriegt

einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch mich und den Herrn Doktor

Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte kommen läßt!«

Die Alte duckte sich. Sie saß nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und

Unkraut des Parkes von Schloß Werden. Sie starrte zu uns empor von einem

zum anderen:

»Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr

Vater und Fräulein Eva und die gnädigste Gräfin auf dem Steinhofe

freuen! Das Futter aber haben sie sich alle im Dorfe hier im

Schloßgarten geholt, seit keine Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr

Graf soll sich nur des Nachts ums Schloß herum und da in dem Gange, wo

zu seiner Zeit die dicken Lindenbäume standen, haben sehen lassen!«

»Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da?« fragte ich zögernd und

beklommen.

»Wer sollte denn da wohnen? Seit fünf Jahren hat es ja keinen richtigen

Herrn mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weiter gegeben.

Aber vor vierzehn Tagen ist die alte französische Mamsell -- von des

Herrn Grafen Seligen Zeiten her -- die Mamsell Martin mal vom Steinhofe

'rübergekommen und ist drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen

-- bei Tage, nicht zur Nacht- und zur Spukezeit -- und hat geweint.«

»Und meine Schwester?« fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah

sehr verwundert von neuem scheu ihn an.

»Jawohl, Fräulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange

auf einer der Steinbänke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne

zugesehen; wir haben das französische Parlieren der alten französischen

Mamsell ja doch niemalen recht verstanden.«

»In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier

rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt,

nicht so spukhaft und gespensterhaft öde und schwül vorgekommen wie

jetzt, Fritz,« sagte der neue Herr von Schloß Werden, jetzt meinen Arm

fassend und mich schüttelnd. »Es ist mir wie ein Traum, daß ich den

Besitztitel vermittelst der Mathematik und der Arithmetik bei hellem,

nüchternem Mittage und klar und kühl nächtlicherweile über dem Reißbrett

und dazu vermittelst des Londoner Patentamtes erworben habe. Witwe

Warneke, wer hat den Schlüssel von Schloß Werden?«

»Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja

wissen, Herr E -- ach, ich weiß ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie

jetzt anreden und betitulieren soll, und bitte, es nicht übel zu nehmen.

Aber im Gartensaale ist ein Fensterflügel herausgefallen und mit Latten

vernagelt. Aber die haben die Jungens und der Wind bald wieder lose

gemacht, und --«

»So ist eigentlich eine Tür und ein Schlüssel dazu die letzten Jahre

hindurch für das Dorf Werden ziemlich überflüssig gewesen,« brummte der

Ingenieur. »Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im

Hause wohl nicht aus, ^old girl^?«

Die Alte hob nur stöhnend und ängstlich die Hände:

»Herre, Herr, für mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwören

--«

»Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster

Besitz von dem nehmen, was noch brauchbar von Schloß Werden ist? Zu dem

Dorfe gehöre ich doch auch und taxiere mich um kein Haar breit besser

als das übrige saubere Gesindel! O Irene, Irene, meine schöne, stolze,

wilde Irene!... Und der Herr Graf hat sich um Mitternacht dort auf der

Vortreppe blicken lassen! Mademoiselle Martin hatte es verhältnismäßig

noch gut. Sie konnte sich dreist hinsetzen und ihre Tränen fließen

lassen, ohne sich lächerlich zu machen. Das ist ja rein zum

Verrücktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur Stunde

mein Eigentumsrecht hier beneidenswert, wünschenswert und solcher

bitterschweren Lebensarbeit wert erscheint. Ich überlasse dir mit

Vergnügen Kaufbrief, Gefühle, Stimmungen und -- wollte -- wollte -- ja,

was wollte ich denn?! Witwe Warneke, sehe Sie mich mal ganz genau an,

wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme als verhexter Mann

aus der Fremde und gehe am hellen Tage um Schloß Werden und durch Dorf

Werden als Gespenst um. Frage Sie nur die Leute im Försterhause und die

-- Frau auf dem Steinhofe und -- den Vetter Just.«

»Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen

hören; und die anderen werden es auch nicht können!« sagte das alte

Weibchen mit zitternd gefalteten Händen und sprach damit ein braves,

aber wenig tröstliches Wort.

Sechstes Kapitel.

Ohne den Schlüssel vom Vorsteher zu holen, gingen wir jetzt im letzten

Scheine der Abendsonne um das Schloß Werden herum. Ewald Sixtus, ich und

die Witwe Warneke. Letztere mit ihrer hochbepackten Kiepe auf dem vom

Alter gekrümmten Buckel. Wir zwei anderen aber trugen freilich die

schwerere Last.

Das schöne, rote Sonnenuntergangslicht spiegelte sich doch noch auf der

westlichen Seite des alten, einst so stattlichen Herrensitzes in den

erblindeten, zersprungenen Scheiben des Oberstockes. Und wir sahen

ebenso scheu zu den Fenstern von Schloß Werden empor wie das Volk aus

dem Dorfe, wenn es seine verstohlenen Wege hierher führten, und ehe es

in die mit losen Latten verschlagene Öffnung stieg und Furcht hatte --

vor dem seligen Herrn Grafen.

Wie hieß doch der sonderbare alte Herr in dem sonderbaren Buche des

Stadtrats Bösenberg in Finkenrode -- der verrückte Musikant der in eben

dem Finkenrode, wo der Doktor Max Stadtrat geworden war, das Ideal,

seine verzauberte Prinzessin, suchte? Mir fehlte die Lust und die Zeit,

in dem Buche nachzuschlagen, der Name tut auch wohl nichts zur Sache;

aber die Sache selber wirft mir jetzt einen melancholischen, in seiner

Wahrheit wehmütigen Schimmer über _meine_ Geschichtserzählung: wir

täuschen uns nur, wenn wir glauben, andere Pfade zu gehen und zu anderen

Zielen zu gelangen als andere Menschenkinder.

Der starke Mann mit dem schönen männlichen Gesicht und den klugen Augen,

aber auch mit den Zähnen auf der Unterlippe und der Falte zwischen den

Augenbrauen, mein armer Jugendfreund stand in diesem Moment vor seinem

schwer errungenen Besitz und wußte seine verzauberte Prinzessin

ebensowenig zu finden wie der närrische Geiger die seinige unter den

Spießbürgern, wohlmeinenden guten Bekannten und den Zigeunern der

wackeren Stadt Finkenrode. Die erblindeten Scheiben des Schlosses Werden

konnten ihm nur seine eigenen grimmig-ratlosen Mienen widerspiegeln, und

er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte:

»Dieses nützt zu nichts, lieber Freund. Da hat Sie einen Taler, Witwe

Warneke, alte Freundin, damit doch _ein_ Mensch aus der gegenwärtigen

Minute sein Vergnügen zieht. Und nun schere Sie sich nach Hause und

breite es mit möglichster Raschheit im Dorfe aus: der tolle dumme Junge,

der Monsieur Ewald aus der Försterei sei aus der Fremde heute

heimgekommen, sei der Herr von Schloß Werden und habe sich soeben sein

Besitztum -- von außen besehen. Was uns beide anbetrifft, Fritz, so

gehen wir auch wohl weiter, aber etwas langsamer. Was würde ich darum

geben, wenn ich jetzt eine bekannte haarige, braune, brave Faust am

Kragen fühlte und dazu das alte bekannte Wort vernähme: Auf der Stelle

scherst du dich jetzo nach Hause, du Lümmel; dir werde ich sofort wieder

mal zeigen, wie der Papst Sixtus der Fünfte an dir gehandelt hätte, wenn

du sein Junge gewesen wärest, du heilloser Herumtreiber und Taugenichts,

du!«

War auf der einen Seite eine neue Mauer um den früheren Park des

Schlosses gezogen, so fanden sich an anderen Stellen niedergetretene und

durchbrochene Hecken genug, durch welche man den Ausgang nehmen mochte.

Noch zog sich ziemlich in der alten Weise der Weg gegen das Dorf und die

am Eingang desselben gelegene Försterei hin.

Die Witwe hatte sich das Wort Ewalds nicht zum zweiten Mal sagen lassen.

Sie bog auf einem Seitenpfade zur Linken ab und war trotz ihres Alters

in einem kurzen, keuchenden Trabe uns bald entschwunden, um die

Nachricht von einem ihrer hauptsächlichsten Lebenserlebnisse im Dorfe zu

verbreiten und ihren Taler als Wahrzeichen im Kreise herumzuweisen. Wir

beide standen vor den Hoftorpfosten des Försterhauses, und der Besitzer

von Schloß Werden nahm den Hut ab, fuhr mit dem Taschentuche über die

Stirn und sagte:

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten · 第 9 / 13 题