Zweites Buch

Erstes Kapitel.

Es ist nichts leichter, aber auch nichts schwerer, als eine gute

Grabrede zu halten. Ich für mein Teil aber bleibe unter allen Umständen

gern davon und lasse jedem beliebigen anderen das Wort. In dem

vorliegenden Fall sprach der Vetter Just am Grabe, und er hielt seine

Rede mit dem Regenschirm als Kanzeldach über sich, und der Regen fiel,

während er so vor sich hinbrummte, fein und leise nieder auf den

kleinen, frischen Hügel zu unseren Füßen.

Wir beide, der Vetter Just Everstein und ich, standen noch allein neben

diesem Hügel. Die übrigen Trauergäste hatten bereits wieder ihre

Kutschen bestiegen und waren abgefahren -- Durchlaucht, der Herr Vetter

**, unter ihnen. Der gutmütige Mann hatte es sich nicht nehmen lassen,

gleichfalls, wenn auch etwas ^incognito^, seiner kleinen Verwandten das

letzte Geleit zu geben. Er und der Vetter Just hatten in dem ersten

Wagen den winzigen Sarg auf dem Rücksitz vor sich gehabt, und der Vetter

Just konnte späterhin die Bemerkungen, die der andere Vetter während der

Fahrt gemacht hatte, nur loben. Das leichte aristokratische Unbehagen

darüber, daß die Leiche nicht in dem Erbbegräbnisse zu Dorf Werden

beigesetzt werde, hatte der Bauer vom Steinhof ebenso leicht dem

illustren Herrn hingehen lassen, und das feste Versprechen desselben,

auch fernerhin der armen Mutter nach seinen »beschränkten Verhältnissen«

ein treuer Freund bleiben zu wollen, durch die Bemerkung, daß man der

guten Freunde nie genug haben könne, entschieden gewürdigt. Aber ebenso

entschieden hatte er dann seine Meinung dahin ausgesprochen, das Beste

werde sein, er, der Vetter Just, nehme fürs erste die Frau Baronin mal

mit sich nach dem Steinhofe:

»Und wenn auch nur, um den Nerven in der Nähe der alten Heimat Zeit zu

gönnen, sich zu beruhigen.« -- -- -- -- --

Doch nun zu der Grabpredigt, die der Vetter Just der Kleinen hielt.

»Müde zu Bette gebracht,« murmelte er. »Keine Mama kann doch die Decke

wärmer überlegen als Mutter Erde. Von dir gesagt, Fritz, klänge das gar

nicht neu; aber für mich als Landwirt ist hier das Allerälteste immerdar

das Neueste und klingt auch so. Meinst du nicht? -- Nun sagt die Mama:

schlaf wohl und träume einen hübschen Traum, mein Herze; oder noch

besser, träume gar nicht, denn das letztere soll das Gesundeste sein. --

Hast du etwas weiteres bei dieser traurigen Gelegenheit zu bemerken,

Doktor? Wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, pflegen doch gewöhnlich

die Erwachsenen von ihren wichtigen Geschäften und Angelegenheiten zu

reden, oder holen die besten Ratschläge für den nächsten Morgen hervor.«

»Sage du nur, was du zu sagen hast, Just, -- sowohl über die Schlafenden

wie über die Wachenden.«

»Zu sagen habe ich eigentlich nichts,« meinte der Vetter, mehr zu sich

selber als zu mir gewendet. »Ich habe nur immer gefunden, daß solch ein

Kinderbegräbnis ein eigen Ding ist. Du hast wohl weniger Gelegenheit als

ich gehabt, dabei anwesend zu sein; auf den Zwischenstationen zwischen

der alten und der neuen Welt, in den jungen Ansiedelungen im Walde und

dann und wann auch ein bißchen im Sumpfe hat man freilich mehr

dergleichen. Der Mensch muß überall wie jedes andere Gewächs aus dem

Boden herauswachsen, um ihn mit der dazu passenden Luft und dem

Witterungswechsel von Anfang an gleich vertragen zu können und behaglich

darauf zu leben und alt darauf zu werden. Ich habe den Steinhof auch nur

deshalb zurückgekauft, und ich nehme unsere Irene einzig und allein aus

demselben Grunde mit mir dahin zurück, und -- du bist auch auf dem alten

Stammgrund willkommen, alter Eingeborener, -- natürlich wenn es dir

deine Zeit erlaubt und du dich noch nicht bis zum Ekel an unseren

früheren Verhältnissen hier akklimatisiert hast.«

Da hätten wir denn wohl hiermit eine Grabrede für die Mehrzahl der

Erdenbewohner; denn für wie lange ist es dem Menschen gestattet, in dem

Boden zu wurzeln, aus dem er aufwuchs, dachte ich. »Ach, nicht nur um

die Kinderbegräbnisse ist es ein eigen Ding, sondern um die Begräbnisse

und Grabstätten der Menschheit überhaupt! Und inmitten der Gespräche,

die geführt werden von den Erwachsenen, wenn die Kinder zu Bette

gegangen sind, sind wir hiermit auch bereits, Vetter Just.«

»So ein armes, geplagtes kleines Wesen!« brummte Just Everstein

kopfschüttelnd. »Es sieht uns in seinen Schmerzen fragend an und sagt:

bitte, bitte! -- ist das nicht wunderbar und schrecklich? Da stehen wir

denn nachher, und wir beide hier jetzt, und holen aus tiefster Brust

Atem, und niemand kann uns das verdenken! Ich habe solche schlimmen,

tiefen Atemzüge wohl hundertmal in Neu-Minden getan, und es war auf dem

Nachhausewege doch nur ein leidiger Trost, daß immer noch so viele von

ihnen da waren und übrig blieben, daß wir uns sogar wegen eines

Schulmeisters für sie Sorgen machen mußten. Und dabei die Mütter, die

übrig geblieben sind und bei der leeren Wiege sitzen, oder das

verlassene Spielzeug und die Schreibbücher in ihrer Schürze

zusammentragen! Sieh, da habe ich es uns denn so zurecht gelegt, daß

Frau Irene ihren hiesigen Hausstand ganz aufgibt. Ich habe, wie du

weißt, die Kleine in ihren Schmerzen, wenn es niemand anders, und auch

die Mutter nicht, vermochte, zur Ruhe gebracht, und ich meine, wenn mir

nur Zeit gelassen wird, bringe ich das auch mit der Mutter fertig. Ob

ich einmal zu der Familie gehört habe, weiß ich nicht und kümmere mich

auch nicht darum; aber für den letzten männlichen Stammhalter der

Eversteins halte ich mich in dieser Zeit doch! Ein bißchen enge

zusammenschachteln werden wir uns auf dem Steinhofe wohl müssen; aber

viel Gepäck nehmen wir ja nicht mit, und jedenfalls halten wir vorher

Auktion, und im Notfall baue ich an. Ich bin gottlob drüben oft genug

mein eigener Baumeister gewesen, um einen Kostenanschlag aufstellen zu

können und mit Wenigem einen hinreichenden Unterschlupf herzustellen. Es

sind ja auch nur zwei Köpfe mehr, wenngleich freilich zwei

Frauenzimmerköpfe. Aber da wollen wir uns dem anderen Geschlechte

gegenüber doch auch nicht zuviel auf unsere Praktik zugute tun. Du hast

keinen Begriff davon, Fritz, wie es gerade die Weiber sind, die sich in

der Not zusammenzudrücken wissen, wenn sie auch sonst noch so viele

überflüssige Kisten, Kasten und Hutschachteln mit sich herumschleppen

und die Räumlichkeit auf dem Schiff, im Postwagen und auf der Eisenbahn

beengen. Mit uns Mannsvolk ist's genau das Umgekehrte. Geht es uns gut,

so haben wir in einem Winkel mit einer Zigarre genug; aber geht es uns

schlimm, so brauchen wir in unserer Phantasie zum mindesten das halbe

Weltall, um Ellbogenraum für neue Dummheiten zu gewinnen. Im Grunde aber

ist's für alle ein und dasselbige; einerlei ob wir als Mann oder Weib

durch die Welt laufen. Und, Gott sei Dank, die Phantasie ist auch in

Irene Everstein noch hell auf, -- nicht ganz und gar nach der dunkeln

Seite hin! Du, liebster Fritz, kennst die Frau noch nicht lange genug

wieder, um dieses beurteilen zu können, denn dazu gehört mehr als ein

erster Blick und zwei und drei Besuche im Hause. Und dann -- unsere

liebe Eva! Wie wird die mir helfen und beistehen! Und hätte ich wohl

ohne das Zutrauen zu ihr den Mut gehabt, bloß so auf meine eigene

Verantwortung in solch ein betrübtes Menschenschicksal mit Rat und mit

Tat einzugreifen? Sie und -- daß wir den Winter so ziemlich hinter uns

haben, das sind die Kerne, aus denen mein Trost aufwächst. Säße das gute

Mädchen nicht im Dorfe Werden und würden nicht demnächst die Wälder

wieder grün, so hätte die Sache freilich eine ganz andere Farbe. Aber

nun geht die Sonne jeden Morgen früher wieder auf und am Abend später

unter; und -- ich sehe es kommen! Fritz, es ist mir eine wahre

Beruhigung, daß ich es kommen sehe und zwar im ganz natürlichen Verlaufe

der Tage, von den Wochen und Monaten bis zum Eintritt des nächsten

kürzesten Tages gar nicht zu reden! Die Stunde kitzelt mich schon im

Voraus, wo Mamsell Martin die erste vergnügte Katzbalgerei mit Jule

Grote anfängt; -- natürlich unter der gehörigen Oberaufsicht, auf daß

die feinen und bissigen Anspiegelungen der beiden lieben alten Damen

nicht in die reguläre Beißerei ausarten. So ein bißchen kribbelndes

Gewürz in die Suppe ist den langen lieben Tag über gar nicht zu

verachten. Meinst du nicht, Doktor? -- Der Grasgarten bleibt

selbstverständlich so, wie er ist; aber für meinen Bauern-Kohlgarten

nehme ich aus einer eurer Buchhandlungen hier ein Exemplar von Wredows

Gartenfreund mit. Wir treiben Adams Gewerbe im Ernst und zum Spaß, denn

nichts anderes in der Welt zieht die abgeplagte Seele so ins

Gleichmütige hin als das stille Aufmerken auf das Keimen, Blühen und

Vergehen des Vegetabilischen, und wär's auch nur am Unkraut unter der

Hecke. Zeit muß man freilich dazu haben, und die soll sie haben, Irene

meine ich; -- fürs erste soll niemand vom Steinhofe zu sehr auf die

Suche nach ihr gehen, wenn sie mal nicht gleich auf den ersten Ruf zum

Essen kommt. Solange ich das hindern kann, wird sie nicht zu Tische

gerufen, wenn sie keinen Appetit hat; -- den Verdruß kenne ich aus

eigener Erfahrung! Die Menschen fordern nur zu gern gerade die zum Tanze

auf, welche der Schuh drückt. Der Teufel mag es wissen, was für ein

Vergnügen das ihnen macht! Davon weiß ich, der übergeschnappte dumme

Junge vom Steinhofe, gleichfalls das Meinige zu Protokoll zu geben,

wenn's verlangt wird; aber auch hierin will ich nicht ganz umsonst

zwischen meinen Misthaufen gesessen und auf der Leiter in der

Rauchkammer mit dem Messer zwischen Jules Würsten und Speckseiten

gewirtschaftet haben -- wütend vor Überdruß! Hoffentlich verstehst du

mich recht, Fritze, und weißt auch hierin, was ich sagen will.«

Er bediente sich mit Vorliebe alle Augenblicke dieser sehr unnötigen

Anfrage bei meiner Begriffsfähigkeit. Alte Gewohnheiten legt man eben

nicht so leicht ab.

Doch nun beugte er sich nieder zu dem winzigen Grabhügel der kleinen

Leonie von Rehlen und hob eine Handvoll des feuchten Sandes auf, ließ

sie wieder, wie verstohlen, fallen und sah mich einen Moment lang, wie

verlegen, von der Seite an.

»Nun guck einmal,« brummte er, »der liebe Gott weiß es, wie fest einem

seine Gewohnheiten ankleben, und er wird auch wohl hierauf bei der

letzten Abrechnung ein wenig Rücksicht nehmen. Selbst auf dem Kirchhofe

kann's unsereiner nicht lassen, den Boden nach seiner Frucht, Güte oder

Nichtsnutzigkeit zu studieren. Dies hier ist eigentlich purer Sand; aber

-- nicht nur für den sachverständigen Landwirt, sondern auch für den

Pastor, einerlei ob er Ökonomie treibt oder nicht, bleibt es doch immer,

wie Schiller sagt, der dunkle Schoß der heiligen Erde! Und nun --

schlafe sanft darin, mein liebes, kleines Mädchen!... Mit deinen armen

krummen Füßchen hätten dich wohl wenige zum Tanze aufgezogen, und du

verlierst auch wenig dabei. Es kommt für alle Menschen eine Zeit, wo sie

sich vor nichts mehr fürchten als vor dem, was man in der Welt Vergnügen

zu nennen pflegt. -- Man hat viel um dich geweint, mein kleines Kind;

aber gelacht hat keiner über dich. Auch du hast viel geweint; -- nun

liege im Frieden; -- gelacht hast du über niemand. -- Ich schwatze wohl

in die Kreuz und Quer, Doktor Fritz? Nimm es nur nicht übel, alter

Freund. Wer weiß, was uns nachgeredet wird ^in puncto^ des Weinens und

Lachens, wenn auch wir zu Bette gegangen sind, und wir gleichfalls als

stille Leute liegen und jeglicher Wind frei über uns hinblasen darf.

Komm, wir wollen den anderen nach, Doktor; das nützlichste und

fruchtbarste Wetter ist ziemlich häufig das unangenehmste, macht einen

trotz Regenschirm und Überrock naß bis auf die Knochen und bringt einen

bis auf das Knochenmark hinein zum Frösteln.«

Zweites Kapitel.

Nun waren sie fort. Zur Zeit der Holunderblüte waren sie abgereist, und

der Vetter Just Everstein hatte sich, wie das nicht anders zu erwarten

stand, auch hierbei als einer der praktischsten Menschen erwiesen, die

jemals aus der deutschen Erde hervorgewachsen und von ihren guten

Freunden und Bekannten zuerst, das heißt eine erkleckliche Reihe von

Jahren hindurch, für gänzlich unzurechnungsfähig taxiert worden waren.

Wahrlich, mancherlei gab es auf- und abzuwickeln, ehe der Brave sein

wohltätiges, barmherziges Werk zu einem vorläufigen Schluß und Ruhepunkt

führen konnte.

Sachen und Menschen aller Art waren mehr oder weniger geschäftsmäßig aus

dem Wege nach dem Steinhofe hin zu räumen, ehe er mit einem

erleichternden Seufzer sagen konnte:

»Gott sei Dank, morgen fahren wir! Was jetzt noch in den Winkeln

umherliegt, steckt oder vergessen ist, kann nicht viel zu bedeuten

haben. Und nun, alter Kerl, jetzt gib uns die Hand darauf und versprich

uns feierlich, daß du dich im Laufe des Sommers in der alten Heimat bei

uns sehen läßt.«

Ich hatte ihm wenig bei seinem Liebeswerke behülflich sein können; -- im

Grunde hatte ich nur ihn, Irene und Mademoiselle Martin nach dem

Bahnhofe begleitet. Wie hülflos die Mehrheit der Menschen eigentlich den

Lebensgeschäften gegenübersteht, erfährt sie dann und wann auch, wenn

sie's mal versucht, anderen zu helfen. Das ist die ungemütliche

Wahrheit, die einem jeden, der von sich selber schreibt, ganz von selber

aus der Feder läuft, wenn er sich nicht recht zusammennimmt, das heißt

mit gehaltenem Nachdruck lügt. Dachstuben-Philosophen und

Wüsten-Anachoreten sollen aber nichtsdestoweniger auch in Zukunft

berechtigt sein, über die tägliche Witterung und deren Einfluß auf ihre

Konstitution zum allgemeinen Besten so genau als möglich Buch zu führen,

um heikeln persönlichen Kriminationen dadurch schlau aus dem Wege zu

schleichen.

So kam ich denn vom Bahnhofe zurück in meine vier Pfähle, um den neuen

Frühling wenig genossen mir unter den Händen weggleiten zu lassen.

Davon, daß nach der Bauernregel im Mai der gesundeste Tau fällt,

verspürte ich auch nichts; aber dagegen tat ich etwas, was ich

eigentlich nur mit einer gewissen komischen Verlegenheit berichte. Ich

nahm für das Vierteljahr, in welchem die Bäume blühen und der

Vollmondschein nach einer anderen Regel der Baumblüte schädlich sein

soll, nicht etwa eine Brunnenkur vor, sondern -- ein Abonnement in einer

Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rückkehr vom

Spaziergange einen Roman mit nach Hause und zwar stets einen der

vergessensten -- am liebsten einen aus den zwanziger Jahren dieses

Säkulums. Ich, der ich hier keinen Roman schreibe, würde es gern sehen,

wenn mir die besten der gegenwärtig vorhandenen Psychologen mein

damaliges Bedürfnis gelten ließen.

Es war mir nämlich während dieser Epoche meines Lebens meine bisherige

Tätigkeit sehr zum Überdruß geworden, und ich hatte niemals in meinem

Dasein über so viele leere, beschäftigungslose Stunden bei Tage und bei

Nacht zu verfügen als wie jetzt. Und merkwürdig! was in den Klassikern

sämtlicher Nationen, sowohl der alten wie der neuen, über das Schloß

Werden, den Steinhof, den Vetter Just und -- _Eva Sixtus_ stand, konnte

ich durchaus nicht gebrauchen! Es stand wohl manches darüber drin; aber

dann bezog sich dieses doch wieder so deutlich auf andere ganz bestimmte

Leute und Verhältnisse, daß mir nicht im geringsten dadurch über eine

melancholische Stunde hinweggeholfen wurde.

Sie sprachen wohl wahr, diese großen Poeten, in gebundener und

ungebundener Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag

hinein und nicht in den meinigen. Dicht neben meinen mittelalterlichen

Geschichtsquellen waren sie's -- die Quellen reinster Erdenschönheit und

Wahrheit, denen ich am vorsichtigsten aus dem Wege zu gehen hatte, weil

-- -- ich finde eigentlich keinen richtigen Ausdruck für das, was sie

mir antaten. Jedenfalls sprachen sie mich nicht zur Ruhe, wenn sie mich

nicht langweilten. Eine Bilderfibel aus meinen Kinderjahren hätte sie

mir doppelt und dreifach aufgewogen. Für das fabulose Haupt- und

Lieblingsbuch des Vaters Sixtus, für des Signors Gregorii Leti Leben des

Papstes Sixtus des Fünften, hätte ich in jenen Tagen ganze Schatzkammern

voll wirklicher literarischer Schätze unbesehen hingegeben. Es mußte

freilich aber das Exemplar aus dem Försterhause im Dorfe Werden sein.

Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der

nie in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen

Jugend, wenn es in seinen Händen ertappt wurde, als »das dümmste Zeug

auf Gottes Erdboden« um die Ohren geschlagen wurde!

Gottes Segen über das Lesefutter der großen Menge und der Jugend! Heil

und Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht für jene

sorgen, welche nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und

_verdrossen_ sein werden!

Verdrossen in sehr hohem Maße griff ich jetzt von neuem nach dem, was

ich mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich noch jung

war und noch nichts wußte von aller Welt Verständigkeit und Kritik. Die

gewöhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig

Gültige in der abgeschmacktesten Verzerrung bringt -- die alten,

drolligen, pathetisch-lächerlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde,

in all ihren kuriosen Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor

Friedrich Langreuter! Diese schlecht gedruckte und noch schlechter

stilisierte Abenteuerlichkeit in Original und Übersetzung, der süße,

haarsträubende, heitere, tränenreiche Unsinn, in den die Fliederlaube

hineingerauscht und geduftet hatte, über den voreinst der Baum seine

roten und weißen Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren Stimmchen

akkompagnierten, über den die weißen Sommerwolken im Himmelblau

hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die

lateinische Stunde trieb: _Das_ ließ sich jetzt wieder in den

halbvermoderten, abgegriffenen, übelduftenden, durch tausend und

abertausend Hände gelaufenen Bänden nach seinem unveränderlichen

Verdienst würdigen von dem oben genannten Doktor der Philosophie

Friedrich Langreuter!

Da saß der alte Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen

nennen konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in

Pappband mit Lederrücken und Ecken in der Tasche nach Hause getragen und

das Titelblatt aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik

und ästhetische Wahrheit gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die

Karikatur bei der bloßen Berührung in der Erinnerung füllte? Ach, es

waren ja eben nicht bloß Kunigunde und Eduard mit all ihrer

Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier wieder zu etwas

wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor

Wut außer sich geraten und vor Bekümmernis und Reue sich in den Winkel

verkriechen konnte!

Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten, Wiesen, Felder

und Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauersitzen,

Försterhäusern, Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen

Bücher gemein? was der gelbe ehrliche Fluß, der durch unsere Jugendwelt

rauschte, mit den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in

denen sich dann und wann die lustig-tragischen und trübselig-komischen

Gestalten und Bilder dieser wundervollen Autoren spiegelten?

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten · 第 8 / 13 题