Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinekrampf in den Lachkrampf --

»O Just, Just, Just, sprich doch nicht von mir!«

Was wir anderen sagten, läßt sich nicht genau durch Wort und Schrift

ausdrücken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege

durch den heißen, glühenden Tag ist wenig zu reden. Weiße schwere Wolken

wälzten sich, als wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf

dem Flusse schwammen, über die Berge empor und in das lichte Blaue

hinein; Irene lag auf der Bank, mit dem Kopfe an Evas Brust; Ewald hatte

eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu Zeit auf die beiden

Mädchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten Teil seiner

Arbeit ab. Ich ließ mir wieder die Flut des Stromes über die heiße Hand

spülen; aber Kühle war nicht in dem Wasser.

»Ich weiß es wohl, daß es da nicht gut steht,« flüsterte mir der

weißhaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er

verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwäldern deutete.

»Ja, ja, junger Herr, es fließt alles hin wie das da!« und er deutete

auf seinen Fluß.

Das war kein neues Bild; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurück

und fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend. Wie

kommt es, daß wir den Eindruck der höchsten Weltweisheit nie aus dem

Verkehr mit den Herren vom Metier, wohl aber gar nicht selten aus der

Bekanntschaft und dem Umgange mit dem Vater Klaus in seiner

Fischerhütte, mit der alten Tante in ihrem Erkerstübchen und mit dem

Unbekannten, dem wir seit vier Wochen täglich in der Gasse begegnen und

mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben, -- ziehen?! Weil es die

Gemeinplätze, d. h. die höchsten Wahrheiten sind, auf denen unser Leben

sprießt, wächst und wuchert, und nicht die hohen Offenbarungen des

Menschen im einzelnen. In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die

letzteren wohl auf die entgegengesetzte vor, aber doch mehr, um die gute

Stunde noch behaglicher zu machen: die böse Stunde hat noch keiner

behaglicher dadurch gemacht.

Es donnerte hinter den Bergen, -- ein langgezogenes feierliches Rollen

dann und wann den ganzen Nachmittag über. Wir kamen nach Hause, und der

Herr Graf konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen. Er starb in

der Nacht. Wir anderen von Schloß Werden durchwachten sie, und wir

hörten den heftigen Sommerregen in den Blättern rauschen.

Elftes Kapitel.

Ich war dreißig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen

geschrieben stand, ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und

hatte die ^venia docendi^ an der Universität Berlin. Wenn sie nur

gekommen wären, um das von mir abzuholen, was ich selber gelernt hatte!

Aber sie blieben aus; sie schienen der Sache nicht im mindesten zu

trauen.

Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem

rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich

bald von maßgebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben.

Man verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas

hohe Schulter; aber man zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen

lachten und meine Autorität gleich Null blieb.

Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin

recht, daß sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit

Behafteten unter ihren öffentlichen Dienern leiden will. Sie hat

selbstverständlich ihre Würde zu bewahren, selbst auf Kosten ihrer

besseren Überzeugung. Hat sie der Schadenfreude und der Lust am Lachen

unter ihren Lämmern ein ^testimonium divitiarum^ auszustellen, so tut

sie es und fühlt nachher nicht das geringste Bedürfnis, sich die Hände

zu waschen, wie weiland der römische Prokurator Pontius Pilatus.

Ich ging und überließ es besser gewachsenen Oberlehrern und

Kollaboratoren, die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum

Einjährig-Freiwilligendienst und auf das Abiturienexamen vorzubereiten.

Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen.

Einer Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und

Nutzbarmachen mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat

mich draußen eine Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt,

Doktordissertationen aus vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen, auf

Lager zu halten und sie bei sich bietender Gelegenheit gegen jedes

Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit (Diskretion

selbstverständlich) zu verschleißen.

Dies ist eine schnöde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum

»Doktor« verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der

[Griechisch: Polis] anzuwenden: was ich mir dafür kaufen konnte, war

unbedeutend.

Aber es nennen sich manche Menschen Geschichtsforscher und edieren

Monographien, Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor

den Quellen gerade eine so große Scheu, wie vielleicht in ihrer Jugend

vor dem Quellwasser, wenn es am Sonnabend abend zu einer gründlichen

Reinigung ihrer Person verwendet werden sollte. Für diese und ähnliche

Herren war und bin ich der rechte Mann. Als wirklich geheimer

Mitarbeiter bin ich denn auch für mehr als einen Parlamentarier

schätzbar, und manches »Hört, hört!« und manches »allgemeine

Beifallsgemurmel« wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die des

»verehrten Vorredners« und weit und tief blickenden Realpolitikers auf

der Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu

setzen.

Was ich mir hierfür kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr

als das, was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und

Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen.

So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus

anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem

ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in

ihren Greisenjahren zu sorgen hatte. Ich saß im Winter warm zu Hause,

ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und

ich konnte mir dann und wann ein Buch, wenn auch nur antiquarisch,

anschaffen: auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre, der

sich in dem französischen Worte: ^je ne lis plus, je relis seulement!^

darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe ihn aber

dermaleinst zu erklimmen.

Mein »Zu Hause« bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im

vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße. Ich besaß wohl eine

eigene Bibliothek, aber keine eigenen Möbel.

Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht

heftigem Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer

abkämpfen müssen. Selbst in den äußerst seltenen Momenten, wo ich mich

für einen äußerst gescheiten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genuß

und Befriedigung daraus; nämlich aus dem, was die Nebenmenschen

gewöhnlich etwas spitzig eine äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu

nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie kurz und abbrüchig ich dieses

alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur wie jeder andere

gemacht und zuerst einzig und allein von mir selber als der wichtigsten

Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen. Es soll

dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten

haben -- eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwäche und das

gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis, wenigstens etwas in der eigenen

Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten.

Die anderen!... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was

war aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung,

gesund, dumm und glücklich waren?

Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde, wie wenig ich

mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte, so würde mir das leicht

genug werden. Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den

ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen

bestätigen zu lassen, wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und

wie wenig Zeit und Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrig bleibt,

wenn sich eine Wand, eine Stunde, ein Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn

und uns gelegt hat.

Ich habe Jahre lang nur gewußt, daß Eva Sixtus in der alten Heimat dem

alten Vater immer noch Haus halte, daß Ewald in seinem Beruf als

Ingenieur in Irland tätig sei und daß Irene von Everstein verheiratet in

Wien lebe. Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewußt. Ich erlebte

es noch als Student, daß der Steinhof subhastiert wurde und weit unter

seinem Wert an einen Landsmann fiel, der schon längst ein

freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls

zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des

Vetters gehörte.

Daß Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Wert

einen Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann

zu mir ins Rheinland zog, und daselbst, wie gesagt, in meiner

Kollaboratorwohnung nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist.

Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein

Gerücht, von dem ich nicht einmal angeben kann, wie es zu mir gelangte.

Ich hatte viel zu viel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen

mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und

parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen, um mich viel um Jule Grote

kümmern, mich bei ihr aufhalten zu können. Es ist ja eben kein

Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen, -- und bei den besten

Freunden auch nicht; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf

hinausläuft, sich unabhängig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu

machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern uns allen höchst

natürlich.

Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas, was sein

konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewährte mir häufig das

bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen, daß die Tage, an denen auch ich

dann und wann grimmig und selbstüberzeugt rief: Nun soll es sein! hinter

mir lagen.

Die süße und sonnige, wälderrauschende, ewige Frühlings- und Erntefeste

feiernde Zeit von Schloß Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir

im Lesezimmer der königlichen Bibliothek nie angemerkt, daß mir bei

meiner närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie

hinderlich in den Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn

ein mir augenblicklich nötiges Werk ausgeliehen war und bei einem, wie

Freund Ewald seinerzeit sich ausgedrückt haben würde, »dummen und

langweiligen Kerl« lag, der doch nichts damit anzufangen wußte.

Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier

niederschreibe, und ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an

die möglicherweise doch eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit

ihren liebenswürdigen Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde. Es ist

immer eine sonderbare, heikle Sache um das _Wiederlesen_ im eigenen

Lebensbuche! An welche Leser ich mich aber mit dem eben

Niedergeschriebenen wende, weiß ich, Gott sei Dank, nicht. Mündlich

hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern das meiste

von sich aus anders und besser zu berichten gewußt. Und es ist gut so,

denn es ist die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft

geltend macht, die diese sonderbare ^Universitas^ aufrecht und im Gange

erhält. Was sollte aus ihr, der Welt, werden, wenn jeder es vermöchte,

den anderen ruhig aussprechen zu lassen? Eine recht objektive Welt, aber

eine vielleicht doch etwas zu ruhige; -- so etwas wie ein

Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im Lapidarstil redender

Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen Kriege

gegeneinander, solange es ihm gefällt, uns überhaupt zu erhalten!

Zwölftes Kapitel.

Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem

Zusammentreffen mit ihm kennen lernen, lassen wir eine offene Frage

bleiben. Wie wir ihn in unsere philosophischen Systeme einzureihen

belieben: im praktischen Dasein bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes

Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt der Herr und Gebieter. Und im

Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und Erdengebietern läßt er sein

Kommen vorher durchaus nicht ankündigen, weder durch die drei Stöße mit

dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden, noch durch Posaunenstöße,

durch das Hervorrufen der Wachen, den obligaten Trommelwirbel, das

Präsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen. Die Erdenherren vor

allen übrigen Sterblichen wissen es am genauesten, daß er auch dazu --

viel zu vornehm ist: er, der _Zufall_ nämlich.

Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten alltäglichen Speisewirt,

fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber, und der Löffel

entfiel meiner Hand. Der Löffel ist der Hand viel größerer Philosophen,

Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten

entsunken, und sie haben es hoffentlich stets für eine Gnade gehalten,

wenn ihnen der Appetit nicht für längere Zeit oder gar für immer

verdorben wurde.

Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall;

aber die Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die

nämliche, bis sich das sie in ihr Gegenteil, die höchste Bewegung,

auflösende Wort fand:

»Vetter!... Der Vetter Just!«

Je unmöglicher es erschien, desto bedingungsloser drängte sich die

Gewißheit auf, daß er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!...

Ausgeweitet nach allen Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen

Stirn, sonst jedoch in keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen

Bankerottes verfallen und zu einer selbstgelehrten Ruine geworden,

sondern auch -- ganz im Gegenteil.

Er war es ganz gewiß! und zwar mit einem gewissen, völlig

undefinierbaren Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut

passenden Anflug von Amerikanertum. Wäre einer von den Göttinger Sieben

seinerzeit nach Amerika ausgewandert; so hätte er _so_ zurückkommen

können; Professor Gervinus vielleicht ausgenommen. Es war wundervoll!

»Just Everstein!« stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als

gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet;

und nun legte auch sie, die Erscheinung, oder er, der Vetter Just,

Messer und Gabel nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen

Augenblick lang beide Hände auf den Tisch, erhob sich dann langsam, bog

sich über, warf das Salzfaß um, was beiläufig diesmal ausnahmsweise kein

übel Omen war, und rief ganz mit der alten unveränderten Stimme vom Zaun

oder der Haustürtreppe des Steinhofes her:

»^Now?^... Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht

alles auf einmal!... Fritz? der kleine Fritze Langreuter!... Also

zuletzt doch wieder!... Ich bin es; aber -- jetzt laß auch du dich

einmal anfühlen! Mensch, so reiche doch endlich deine Hand (^your fist^,

sagte er) her. O mein lieber Junge, das ist doch zu gut!« ...

Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen

stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch

mehr mit hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten,

die Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre

Zuhörer über diese behaglicheren Tische und Subsellien aus.

Privatdozenten von allen Sorten schoben sich ein; dazwischen

großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte, ich glaubte

zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses

Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten

Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich dem

mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten

Erdenbürger.

Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war

sie immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom

Steinhofe in der Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls

als etwas ganz sonderbar Unstatthaftes.

»O Vetter Just!«

»Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade

gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da

findet man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war --«

»Und wie lange bist du in der Stadt, Just?«

»Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint,

daß ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn

aufgefunden zu haben! Ist es denn möglich, daß ein alter Freund so

schlecht von dem anderen denken kann!«

»Wie kannst du verlangen, Vetter, daß ich in diesem Moment genau

überlege, was ich sage und frage? Wo kommst du her?«

»Auch das noch!... ^Well^, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem

Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun,

weißt du was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns

beiden etwas besonders Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit

möglichster Ruhe zu Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem.

Keiner nimmt es dem anderen übel, wenn er bei dem Studium auch einmal

den Kopf schüttelt. ^What will you drink?^ Alter Kerl, wenn ich weiter

nichts mit über das Wasser zu euch zurückgebracht hätte als den alten

guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stoßen wir darauf an!), so

wäre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem

Falle?... Na?!... Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schöne Zeit, wo

man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes

nahm!«

Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, daß man mit dem

sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie

und da über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine Weise

beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der

Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er

am richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe

herunterzulöffeln, aber ohne ihn für den kürzesten Augenblick aus den

Augen zu lassen. Ihm aber schien das großen Spaß zu machen, ihm, der so

viele Jahre hindurch so oft _unser_ Ergötzen auf dem Steinhofe gewesen

war.

»Dir ist es gottlob gut gegangen,« stammelte ich, und:

»Besser, als ich's verdiente,« erwiderte der Vetter Just. »Cicero hat

sich jedesmal nach einer längeren Reise für das heimatliche Gewächs

erklärt, und wenn es noch so verfälscht war; und sie haben den Falerner

damals sicherlich schon gerade so vermanscht wie heute hier diesen

Rüdesheimer. Dessenungeachtet also: Auf dein Wohl, Fritz!«

»Auf dein Wohl, Vetter Just,« stotterte ich und sah wieder stumm hin

nach dem alten wackeren Freunde.

Das überraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich gerade

so durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie

vordem durch das Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und

nachher verstohlen und »vermittelst eines zweiten Schlüssels« durch

seine Schinken-, Speck- und Wurstkammer.

»Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!«

»Und auf deines so oft du willst, Just, und -- die alte Jule soll

leben!«

Da war das lösende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden

gesucht hatte.

»Hurra, das soll sie!« rief der Vetter, auf den Tisch schlagend daß

alles Tafelzeug emporhüpfte und man von sämtlichen übrigen Tischen sich

nach uns umdrehte.

»Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie muß freilich

jetzt wohl --«

Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den

Teller von sich abgeschoben und die Hände auf die Knie fallen lassen.

»^Old boy^, wenn du in die Fremde hinaus gemußt hättest und ich zu Hause

geblieben wäre, so wäre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit

dieser Frage vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht übel, Fritze, aber

von Rechts wegen müßtest du doch eigentlich wissen, daß sie noch lebt.

Nimm es nur nicht übel, daß sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir

uns nicht gesehen haben, noch gelebt hat. Übrigens danke ich für gütige

Nachfrage, Fritzchen! sie sitzt wieder ganz gut und, ihr Alter und

Temperament abgerechnet, recht vergnügt auf dem Steinhofe.«

»Auf dem Steinhofe?... Sie hat -- du hast -- den Steinhof wieder, Just?«

»Natürlich!« sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das

Natürlichste von der Welt gewesen wäre. Kein römischer Kaiser, der je

eine verlorengegangene Provinz zum deutschen Reiche zurückbrachte, hätte

das selbstverständlicher finden können; das wenigstens mußte ich aus

meinen Geschichtsforschungen und meinem mittelalterlichen Quellenstudium

wissen; und der Vetter Just hatte vollkommen recht: es war erbärmlich

wenig, was ich von der Welt durch _mein_ Quellenstudium in Erfahrung

gebracht und _darin behalten hatte_.

Nun hätte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen äußeren

Erscheinung des Jugendfreundes von neuem über den Wirtstisch weg

beginnen können. Aber je nötiger es war, desto unmöglicher war es

gleichfalls. Nie war mir das Getöse, das Geklapper und Geklirr, das

Kommen und Gehen rund umher so widerwärtig und unbehaglich gewesen als

jetzt. Ich sah nur wie hülflos in das gute Gesicht mir gegenüber, und

der Vetter Just nickte nur lächelnd und brummte:

»Ja, ja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir

einander vielleicht doch etwas weitläufiger zu erzählen haben. Das

Getränk paßt auch nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht

seinem Schuft von Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt

es doch. Weißt du was, Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da

hocken wir einmal wieder zusammen wie in meinem Erker auf dem Steinhofe

-- weißt du noch? Ach Gott, wie habe ich mir da drüben so oft nach dem

Erker und des Großvaters Wissenschaftsschranke das Herz abgesehnt!...

Alter Kerl, und ich wohne jetzt wieder darin, -- den Schrank hat

freilich damals der Auktionator geholt. Daß Irene Everstein

augenblicklich hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl wissen,

obgleich du nicht gewußt hast, daß meine alte Jule noch lebt. Und --

Menschenkind, in Bodenwerder halten sie mich immer noch für einen gerade

so großen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel dieses Schrankes wegen, für

den ich fünfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir einer noch irgendwo

auftreibt. Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig; denn dazu

braucht man nur einen hübschen Sack voll Taler, und es ist also leicht

genug. Sobald du hier von deinen Geschäften abkommen kannst, mußt du

mich auf dem Steinhofe besuchen, um das Gaudium mit zu erleben. Und nun

komm, deinen Kaffee braust du dir hoffentlich selber.«

Ich kam, das heißt, ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege

nach meiner Wohnung nicht, daß ich auch nicht gewußt hatte, wo Irene von

Everstein augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, daß ich meinen Weg

nach Hause in meiner jetzigen Stimmung zu finden wußte.

Dreizehntes Kapitel.

Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube

allein saß, und zwar tief in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen.

Draußen tobte das schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wänden

sahen mich durch den Tabaksqualm des Vetters meine Bücher an, und zwar

ebenfalls wie etwas, das mich nur zu oft abgehalten hatte, die besten

Lebensstunden, wie es sich gehörte, auszunutzen, und mein Teil von der

Sonne, der frischen Luft und der freien Welt mit allen fünf Sinnen und

vor allem mit Händen, Füßen und Lungen einzuholen.

Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie

gelesen habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir über seinen

Lebensgang Bericht gegeben, von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche

Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis

auf die eben abgelaufene wunderliche Stunde.

Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Händen halten und

Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nämlich die der

vielbeschäftigten, selbstgenügsamen Indolenz, die plötzlich zu dem

Bewußtsein kommt, wie wenig auf Erden durch sie zum Guten, Wirklichen

und Wahren ausgerichtet wird! Ich hatte selten kläglicher geseufzt und

jämmerlicher nach Luft geschnappt als in jener Nacht; und des Vetters

Knastergewölk war wahrlich nicht schuld an der erbärmlichen Atemnot.

Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genüge für mich und

andere getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel über die

Annalen von Brauweiler, die sich so sehr darüber beklagten, daß die

Ketzer so viele Wunder täten, und die natürlich das Nahen des

Antichrists, des allgemeinen Durcheinanders daraus vordeuteten (o dieser

Ketzer von Vetter!), aber die Quellen des lebendigen Daseins, die neben

mir aus dem Boden aufsprudelten, jede nach ihrer Art trübe oder klar,

mit ihren Kristallblasen und überhängendem Grün, mit ihrem Treiben von

Kindermühlwerken und Fabrikrädern, mit ihrem Rauschen über Stock und

Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehör fern

geblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter Just

Everstein ^Farewell^ oder ^Good night^ gesagt hatte, das große

Durcheinander unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe

Mühe, nur die allernötigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.

Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzählung als Gegengabe

meinerseits zu bieten? Wie wenig fühlte ich mich persönlich in den

Enthusiasmus einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bücherbrettern

an diesen nichtsnutzigen vier Wänden herlasest und buchstabiertest!...

Aber das Ärgste war doch, Vetter, als du so ganz beiläufig und gutmütig

bemerktest:

»Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefühle --

wie's leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer

mitten in allen deinen Anlagen und Wünschen geblieben, und keiner hat

dich gestört: glaub nur ja nicht, daß ich dir nochmals einen Vorwurf

daraus mache, daß du heute mittag bei Tische so gar nichts von uns

anderen gewußt hast. Ich hätte sicherlich ebenso wenig davon gewußt,

wenn ich du gewesen wäre! Du bist ja freilich ein ganz famoser Kerl! Ein

Riese bist du!« ...

So fühlte ich mich freilich in jener Nacht, -- ach, du liebster Himmel!

und jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein

erzählen.

»Daß man die größten Wunder zu Hause erlebt,« sagte er, »das lernt man

erst in der Fremde erkennen. Man braucht sich überall nur fest

hinzustellen mit dem, was man von seinem eigenen Grund und Boden

mitgebracht hat, um dem Auslande verdammt merkwürdig vorzukommen. Das

ist meine Erfahrung, und so habe ich selbst als Deutscher den lieben

Leuten da drüben ganz ^devilish^ imponiert. Mit den lieben Leuten aber

meine ich sämtliche Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, von

den großen Seen bis an den äußersten Zipfel der Halbinsel Florida und

von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute mich auch da schon auf das

Wiedersehen mit unserem guten Ewald, bloß um ihn fragen zu können, wie

es _ihm_ in dieser Hinsicht außerhalb der deutschen Nation ergangen sei.

Nun, ihm natürlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um manches

Prozent besser als mir; das steht fest, ich glaube nicht, daß es mir

bloß so scheint! Du weißt, unter welchen schauderhaften und unangenehmen

Umständen ich von euch und dem Steinhofe überhaupt Abschied zu nehmen

hatte. Ein blöderer Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem

Traumwinkel und von der Ofenbank an die freie Luft hinausbefördert

worden. Alles, was ihr nachher erlebt haben könnt (Fräulein Irene nehme

ich aus!) ist gar nichts gegen das, was ich an jenem schönen Sommertage

und dann bei der Auktion ausgestanden habe. Und wie die Welt ist, nimm

mir das nicht übel, Fritze, so ließ sich keiner von euch auf dem Hofe

mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken; und so waren

wir denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdruß und

Elend, ich und Jule Grote. Ich mache dir übrigens durchaus keinen

Vorwurf, Fritzchen, denn ich weiß es wohl, daß ihr euch damals

gleichfalls durch schlimme Tage durchzufressen hattet. Aber uh, die alte

Jule! Da habe ich das Meinige zu hören gekriegt vom Morgen bis zum

Abend. Und, was das Schlimmste war, durchaus nicht mehr mit Gift und

Galle und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und Herzeleid, und --

mein armer, lieber Just hier -- mein armer, armer Junge da! -- Zum

Heulen war's! Die Haare stehen mir heute noch darüber zu Berge. Ganz

unerträglich! -- -- >Dich hätte ich gar nicht aus deinen Windeln

herauswickeln sollen, Just< -- winselte die Alte fort und fort, als ob

ich an dem tagtäglichen Exekutor nicht schon genug zu tragen gehabt

hätte. Gottlob, daß das alles damals war und nicht heute noch mal ganz

von vorn an durchgemacht werden muß! -- Und ein Glück war es in allem

Unglück, daß ich für die gute alte Seele am wenigsten zu sorgen hatte.

Ich kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst; aber da

hättest du Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hören können, Fritz

Langreuter! Keine Katze konnte giftiger aufprusten. Da ging es los wie

die Kastanien in der Asche, und die Asche flog mir arg genug in das

Gesicht. -- >O du dummer Bengel, willst du dich auch da noch zum Narren

machen? Mich willst du unglückselig geschoren Schaflamm bemuttern? Du

hülflose, übergeschnappte Kreatur, du? Du hast doch sonst immer mit

deinem dummen Maul warten können, bis du gefragt wurdest! Ach, Gott, nun

auch das noch!... Um mich macht sich das Kind zu guter Letzt auch noch

seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns zum Schlimmsten

gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du -- Töffel!<

»Das war das richtige Wort, Fritz. Für _sie_ bin ich mein Lebtage der

kleine Töffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie

wohl es mir jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, daß ich es

auch heute noch für sie sein kann und bin.

»Sie hatte vollständig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben

gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die über sie am wenigsten.

Da könnte ich mich noch eher mit meinen Gefühlen sehen lassen! Ich sage

dir, Fritz, wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so

fett und rund gegenübersitze, so ist das einzig und allein _ihr_

Verdienst. Sie nahm es mir denn auch ganz unchristlich schriftlich übel,

als ich ihr die ersten hundert Dollars über die See nach Bodenwerder

schickte. So'n dummes Zeug verbat sie sich ausdrücklich fürs künftige;

ich muß dich aber da mal unsere gegenseitige Korrespondenz lesen lassen:

so kurzweg erzählen läßt sich dies nicht; das ist wie mit allem

Schönsten, Liebsten und Großartigsten in der Welt. Zum allerwenigsten

muß ich die Dokumente dabei auf dem Tische haben.

»Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen

eine mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser

gegenseitiges Verhältnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten,

selber zurechte. Ach, Gott, was hat sie von meinen Gedanken ausstehen

müssen! und was das Ärgste war, das Allerärgste war noch zurück und ging

ihr über alles übrige hinaus, bis sie sich auch in es, wie in alle meine

anderen Unsinnigkeiten, _mir zuliebe_, gefunden hatte. Auf den Gedanken,

nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf dem Wege nach Bodenwerder am

letzten Auktionstage, und es war ein richtiger Kreuzweg. Nach ihr,

meiner Jule, hatten sich die Hände, die sie gebrauchen konnten,

dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer

konnte mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe

hochwillkommen; denn sie wußten alle weit ins Land hinein, was für eine

Perle von Ökonomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und

Menschenzucht überhaupt der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf

weder der große noch der kleine Broeder zu einer Unterkunft; -- im

Gegenteil, sie waren schuld daran, daß ich überall, wo ich anklopfte,

mit einem manchmal gar nicht höflichen Kompliment weiter geschickt

wurde. Niemand wollte von dem >gelehrten Bauer< etwas wissen, und am

allerwenigsten seine besten Freunde. So bitter ist wohl selten einem

Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen auf der Zunge geworden wie

mir damals.« ...

»Armer Teufel!« sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie,

Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin usw. usw.,

und fügte hinzu: »Was weißt du denn von dem Geschmack auf den Zungen

anderer Leute, Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der größte Doktor, der

mir je bekannt geworden ist -- wie gern zeige ich dir die meinige

körperlich und geistig und lasse mir ein Rezept gegen die Bitterkeit

darauf verschreiben!«

»Zweihundertfünfzig Taler hatte sich die Alte übergespart,« fuhr der

Vetter fort, »das übrige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in

den Steinhof hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und

ohne daß ich es in meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten

gemerkt habe und ihr dankbar dafür gewesen bin, wie es sich von Gottes

und Rechts wegen gehörte. Nun kam sie mit ihren Sparkassenbüchern und

ihrem Strumpfe voll blanker Achtgroschenstücke zum Vorschein und mit

einem Gesichte dazu, was mir bis an mein Lebensende im Gedächtnis

bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht einen Heiligenschein, wie ihn

die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen; -- beschreiben läßt sich

aber der Kontrast nicht, sondern nur mit tränenvollem Herzbeben

nachfühlen. Nicht einmal für ihr standesgemäßes Begräbnis, wovon sie

immer gern sprach wie die Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens

die fünfzig Taler zurückbehalten, und -- gottlob -- bis heute hat sie

sie auch noch nicht nötig gehabt; aber ich habe sie ihr damals doch

zurückgelassen, und dabei erlebte ich denn ^of course^ ihren letzten

Wutanfall über mich vor meiner Abreise. Die zweihundert Taler habe ich

genommen, und ich will keinem anderen von meiner Natur wünschen, daß ihm

auch einmal so schweres Geld in die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja

nicht, daß sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der

Abschied! Aber eines Morgens waren wir doch so weit, nämlich bis zu dem:

>Ja, Just, denn Adjes, und ich hätte nimmer gedacht, daß ich auch das

noch an dir erleben sollte!< -- gekommen. Fahre du einmal so wie ich

damals von Bodenwerder nach Bremen und probier's, wie dir dabei zumute

ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist wie Philosophie auf dem

Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder, wenn alles -- Herz,

Hirn und auch die Kinnbacken -- wieder in verhältnismäßiger Ordnung

sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich

damals aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen,

daß der Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch

ebenso wahr, daß sich manches auf den Charakter hängt und dazu gerechnet

wird wie die Mistel zum Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewächs

nicht zu Vogelleim gebrauchen oder ist dir das Geniste sonst widerlich

und hinderlich, so sei nur dreist ein guter Gärtner und richtiger

Mensch, -- reute es aus, reiß es ab und mach ein Feldfeuer aus dem

Gestrünk und Gestrüpp. Für mich, den Vetter Just vom Steinhofe, ist da

diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine

unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder, und -- _ein

Schulmeister bin ich drüben gewesen_: ich habe mich doch nicht ganz

umsonst von euch hier zu Lande auslachen lassen wollen! alter Junge, und

ein Buch könnte ich wohl auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur

eines -- meine Lebensgeschichte. Ich gebe dir mein Wort darauf, eine

ganz sonderbare Historia ist das; und so in manchem stillen Augenblicke

komme ich mir wirklich merkwürdig kurios und interessant vor und als

etwas, was ganz außer mir steht und sich von den verschiedensten Seiten

her betrachten läßt. Nicht wahr, Objektivität nennen wir dieses? Glaube

nur aber ja nicht, daß ich dir das Gesicht, welches du mir hier eben

zuschneidest, übel anrechne.«

»O Vetter,« habe ich damals, mit beiden Händen nach der Hand des teuren

Mannes greifend, gerufen, »Vetter, lieber Vetter, was ich für ein

Gesicht dir mache, weiß ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht,

mit diesem Winde vor dem Fenster in deiner Schule sitze, das weiß ich

ganz genau. Und nun tue mir die Liebe an und verführe mich nicht wieder,

dich zu unterbrechen! Erzähle weiter -- weiter; o erzähle weiter --«

»Herr Urian! Jawohl; -- wenn einer eine Reise tut, so kann er was

erzählen, singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich

getan, und sie war noch lange nicht zu Ende, als ich drüben am anderen

Ufer angekommen war, daselbst auf der Werft im Kreise meiner

Zwischendecksgenossen stand (einige saßen auch noch ratloser als ich auf

ihren Kisten und Kasten) und diesen Neuyorkischen Nordamerikanern meine

ersten frisch importierten Maulaffen feilbot. Großer Gott, damit mochte

man dort so frisch als möglich ankommen, eine neue Ware war es da am

Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer Sitzung, wie wir sie jetzt

abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit ausgestanden habe! Und

dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an! ganz abgesehen von den

Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Tränen, Seufzer,

Jammergesichter und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran darf

ich gar nicht denken, ohne meine eigene Historie auf der Stelle

abzubrechen und anzufangen, die eines anderen, und zwar eines anderen

von Hunderten und Tausenden, zu erzählen. Der Mensch ist aber und bleibt

ein Egoist, und so bleibe auch ich in der Furche und pflüge mein eigen

Feld nach der allgemeinen Regel dir vor wie bei dem ersten besten

Preispflügen. Das mit der großen Konkurrenz war denn sicherlich für mich

kein eitler Wahn. Es geht außer den ordentlichen Bauern auch eine Menge

wirklicher Schulmeister über das Wasser, weil ihnen der vaterländische

Grund und Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat -- gelehrte

Leute, Professoren, Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen -- Philologen

und Philosophen von jeder Sorte, und kommen sämtlich beim Steinklopfen,

Ziegeltragen und im deutschen Auswandererspital an. Mit mir ist es

glücklicherweise umgekehrt gegangen. Ich habe da freilich nur meine

eigene persönliche Erfahrung und kann nur sagen, was ich persönlich

weiß. Und nun, Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf totschlagen, daß

von allem, was man drüben am besten gebrauchen kann, ein lateinischer

Bauer das allererste ist. Von ihren großen Städten und dergleichen rede

ich natürlich nicht, sondern von ihren Wildnissen und Einsamkeiten. Und

merken lassen darf man es ihnen, auch im Hinterwalde oder auf der

Prärie, auch nicht, was man außer seinen zwei groben Fäusten mitgebracht

hat, sondern sie müssen es nach und nach ganz von selber merken. Nun

stelle dir den Vetter Just vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie es

das Licht der Welt erblickt hat, sofort sich auf das Praktische legt und

mit seinen Eltern über seine ersten natürlichen Geschäfte an zu handeln

fängt. Nicht wahr, da brauchte der bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht

erst eine Glatze zu kriegen, um zum Kinderspott zu werden? Es war der

erste Vorteil, den ich aus meiner heimischen Dummheit zog, daß ich

dieses einsehen und mich darauf einrichten konnte. -- Ach, Fritz, es ist

manchmal dem Menschen nichts dienlicher, als daß er mal so recht

vollständig umgekehrt wird! wenn das Allerinnerste nach außen kommt,

dann erfährt er erst, was eigentlich alles in ihm gesteckt hat und was

ihm nur angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer heraus, Just!

denke ich mir, mit der Faust vor der Stirn; -- den Urbauer, den

deutschen Bauer aus der Zeit, wo er sich noch nicht einen Ökonomen

schimpfen ließ. Dreidrähtig, Just! schon um der alten Jule willen.

Ebenso dick als lang, und wäre es auch nur der Ehre des deutschen

Vaterlandes wegen. Mist bleibt überall Mist und hat überall dieselbe

Wirkung in der schönen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in

dem jungen Amerika. Und dann -- muß man denn immer in seinem eigenen

Bette schlafen und den Schlüssel zu seiner eigenen Rauchkammer in der

Tasche herumtragen? Uh, das Fleisch ist mir da wirklich von den Knochen

gefallen; aber gereckt habe ich mich auch. Du glaubst es wahrscheinlich

nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz gegen die Natur in Amerika

noch gewachsen. Das Land hat das wirklich naturgeschichtlich so an sich,

daß es seine Leute wie zähes Leder auseinander zieht. Ist dir mein Hals

nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe steckte er mir ganz anders

zwischen den Schultern! Nimm es mir nicht übel, das sollte kein Stich

auf dich sein; denn bei dir ist das ganz was anderes, du bist ein

glorreicher deutscher Gelehrter und passest mit deiner dünnen Nase ganz

nach der Regel zu deiner übrigen Figur. Aber wir -- das deutsche Volk im

großen und ganzen; wie lange müssen wir noch selbst dem Unteroffizier

dankbar sein, der uns zum Geradestehen animiert und uns das Kinn mit der

Faust in die Höhe stößt, um uns auf das stolze Blau über uns aufmerksam

zu machen?! Das war eine Abschweifung, rechne ich; und da bin ich also

auf einer Farm mitten im Staate Wisconsin -- auf einer Farm -- zahle

mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden nachträglich und hole vieles

nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und Dummheit versäumt habe;

-- mein einziger Verlaß die Muskeln, die mir Jule Grote angefüttert

hatte. Ein bißchen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so

ziemlich. Aber das Geräte! damit habe ich Jahre lang meine liebe Not

gehabt, bis ich es mir handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch

eine Yankee-Axt an. Und dann ihre Verbesserungen an ihren Pflügen

zwischen ihren Baumstumpfen. Selbst das Älteste, was Adam schon kannte,

kommt einem da neu vor. Bis auf den Griff am Spaten mußt du dort als

deutscher Ackerknecht von frischem in die Lehre gehen. Aber in der Not

frißt der Teufel Fliegen, und ^by degrees^ machte sich die Sache ganz

gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine ^felix culpa^, wenn sich

einer zu seinem Glück und besserem Verständnis blamiert und sich elend

und lächerlich macht? Wir hatten einmal einen thüringischen

verunglückten Pfarrer in Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon.

Einerlei; ich sage dir, Fritze, man muß so einen wackeren Erbsitz und

Urvätereigentum wie den Steinhof wie im Traum von der Hand weggeblasen

haben, um es im vollen einzusehen, was für ein glorreich Handwerk Adams

Handwerk ist! So ist es aber mit allen guten Dingen, die uns in die Hand

wachsen, in die Windel eingebunden oder auf dem Präsentierteller

gebracht werden. Erst verdudele du sie, dann lernst du sie nach ihrem

ganzen Wert und Behagen abschätzen! Wenn ich es heute nicht noch zu

allem übrigen hier bei euch zum Titel Ökonomierat bringe, so -- na, ich

will lieber nicht sagen, was Karl Heinzen drüben dann in diesem Falle

sagen würde! -- Herzensjunge, es ist jammerschade, daß du in jener Zeit

nicht bei mir warst, um dein Pläsier gerade so an mir zu haben wie im

grünen Grase unter meines Vaters alten Kirschenbäumen oder in meiner

ganz verrückten Erkerstube. O, hätte ich nur manchmal die alte Jule,

dich, Ewald und die beiden Mädchen nach Neu-Minden hexen können! Wenn

man absolut einmal zu renommieren wünscht, so renommiert man am liebsten

vor seinen nächsten Bekannten, Verwandten und besten Freunden,

wahrscheinlich eben weil die doch nie an einen glauben. Neu-Minden hieß

unsere Ansiedelung, und alles in allem gerechnet, jung und alt

zueinander, waren wir so zirka fünfzig bis sechzig Köpfe stark. Immer

ein hübscher Kern! Der General Varus auf seinem Marsche durch

Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold einen bunteren Haufen

von uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle zusammen erblickt.

Neu-Minden! ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium deutschen

Volkes! -- von jeder Sorte a G'schmäckle, wie die drei oder vier

Schwaben unter uns sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachsköpfe

wuchsen uns zwischen den Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf,

und das war die Hauptsache, und wer auch Präsident sein mochte -- dieses

machte ihm keine grauen Haare; einen Kultusminister schickte er uns

nicht, um Ordnung zu stiften, nach Neu-Minden. Ihm war es in seinem

weißen Hause in Washington vollständig einerlei, auf welche Weise sich

seine Bürger die Fähigkeit, seine Nachfolger in diesem weißen Hause zu

werden, erwarben. Nun, da freue ich mich, daß ich dreist beschwören

kann, daß es immer noch etwas auf sich hat mit dem deutschen Gewissen,

nämlich soweit es sich um Vaterpflichten und Muttersorgen handelt;

einerlei, ob es ihm absolut gleichgültig ist, wer Präsident wird, und

wer nicht. -- >Sie wachsen auf wie die Schweine!< brummten

kopfschüttelnd die Grauköpfe von beiden Geschlechtern in der neuen

Gemeinde. >Ein Vergnügen ist es, es mit anzusehen, aber eine Schande ist

es auch, wie das Zeug ins Kraut schießt. Es geht nicht länger so; für

den nächsten Winter müssen wir für einen Schulmeister zusammenlegen,

koste er, was er wolle. Aber mit Rat, Gevattern! es verläuft sich

mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel zum Waschen

anvertrauen möchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte im alten

Lande genau kennte.< -- Na, Fritze, du kennst mich und meine

Vorgeschichte im alten Lande! was meinst du zu mir und diesen Reden und

Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich her? Nicht wahr, du siehst

es jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es sich nachher alles

gemacht und passend ineinander gefunden hat? Schwerenot, wollte ich dir

jetzo eine Pfeife vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so könnte ich es,

daß du Fenster und Türen des Wohlduftes halber aufsperren müßtest.

Neu-Minden aber existiert glücklicherweise noch; also reise du nur

selber hinüber und höre dir, wenn dir daran liegt, an, wie die anderen

von mir reden. Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer

sein mochte, ich bin hoffentlich ein guter Bauer und Knecht in dem

amerikanischen Walde gewesen. Aber ich bin auch durch des Großvaters

Schrank -- weißt du noch! -- im Laufe der Zeit wieder mein eigener

Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich habe eine Farm

in die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und bald

ihren Wert und Preis hatte. Weiß der liebe Gott, den _Vetter_ nannten

sie mich auch drüben bald auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne daß ich

dir sagen kann, wie es zuging. Von den Kindern ging es nicht aus. Die

habe ich schon der Autorität wegen bei ihrem Mister Everstein erhalten.

Bitte, reise wirklich morgen schon ab; -- bloß um zu hören, wie sie

hundert und mehr Meilen nordwestlich von Milwaukee von dem Mister

Everstein sprechen, wenn sie zu ihren Buchstabierspielen aus allen

Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit zu Pferde und zu

Wagen zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem bloßen Buchstabieren

gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein

Exemplar vom alten Broeder war freilich nicht aufzutreiben, weder in

Neu-Minden noch in Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am

Mississippi ein Ding, das heißt Sankt Paul, und da hat mir wirklich und

wahrhaftig einer einen Ellendt aufgetrieben, und wenn heute ein

eingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder eine Ahnung von ^mensa^ und

^amare^ hat, das heißt in der Römersprache, so bin ich der Mann, der

schuld daran ist. O, und der pythagoreische Lehrsatz! Erinnerst du dich

wohl noch an den ^Magister matheseos^, Fritze Langreuter? und an meine

Seelenseligkeit, als ich ihn heraus hatte und ihn dir als etwas, was

unumstößlich seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du hättest die

Tafelrunde von alten und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich

ihn gleichfalls bewies, mit Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend

mitten in der amerikanischen Wildnis und viel näher dem ^Lake superior^

als der Weser und dem Flecken Bodenwerder und dem Dorfe Kemnade! Siehst

du, liebster Freund, so habe ich wenigstens einmal in der Fremde für

voll gegolten in dem, was ich zu Hause für das höchste Ideal hielt.

Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf meinem alten braven Hofe. Alle

Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie vor Jahren in meiner

Narrenzeit. Ich bin auch mit Vergnügen für jedermann wieder der Vetter

Just, und manchmal denke ich wie mit einigem geheimen Vergnügen: hast du

auch weiter nichts vor dich gebracht, Just, als daß sie nicht mehr

hinter deinem Rücken über dich lachen, so ist auch das schon bei deiner

angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz Hübsches.«

»O Vetter Just,« rief ich im hellen Enthusiasmus und, wahrhaftig mit

Tränen in den Augen und einem heißen Kitzel in der Gurgel, »der Vetter

Just bist du und bleibst du, und -- bei den unsterblichen Göttern --

höher als das kann es kein sterblicher Mensch auf dieser Erde bringen! O

Vetter, wie freue ich mich, daß ich dich wieder im Lande weiß und von

neuem dich auf dem Steinhofe besuchen und bei dir in die Schule gehen

kann!«

Vierzehntes Kapitel.

Soweit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzählte der

Vetter weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges

Beharren in jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und böse, durch

harte und linde Zeiten, durch schlimme Tage und schlimmere Nächte seinen

Weg als ein fester, wirklicher und wahrhaftiger Mann sich in das

Vaterland und zu dem alten Erbsitz zurückgebahnt hatte. Wenn nichts in

der Welt feststehen bleibt als ein wirkliches und wahrhaftiges

Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so hatte dieser Mensch in

seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest hingestellt, zum

Trost und zur Nachahmung für alle, die das Glück hatten, ihn kennen zu

lernen. Das war ^old German-text-writing^ in der vollsten Bedeutung des

Wortes! eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren kuriosen

Schnörkeln und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie

niedersetzte, der konnte gewiß sein, daß sie manchem kommenden

Geschlecht von Kindern und Enkeln merkwürdig, rührend und ermutigend

sich in das Gedächtnis prägte. Und das deutsche Volk hat wahrlich

dergleichen ^monumenta germanica^ recht sehr nötig; denn wenn unsere

großen Leute dann und wann vielleicht weitherziger als die irgendeines

anderen Volkes sind, so sind dagegen unsere kleinen häufig in eben dem

Grade kläglicher, kleinlicher, engherziger, mürrischer und unzufriedener

als irgendeine Menge, die eine andere Planetenstelle bewohnt; und --

ach, wie oft hatte ich mich in den letzten Stunden im ganz geheimen an

die Brust geschlagen und geseufzt: Gott sei mir Sünder gnädig! Ich

seufzte es aber auf Griechisch: [Griechisch: Ho theos, hilasthêti moi tô

hamartôlô.] Wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der

Befähigung dazu einen Trost zu finden; denn Griechisch konnte der Vetter

wenigstens doch nicht!

Aber er erzählte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder

abgeholt und im Triumph nach dem Steinhofe zurückgebracht habe, und das

war wiederum mehr als Griechisch und Sanskrit.

»Ich hatte ihr natürlich,« berichtete er, »auch von Amerika aus von

allem Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehörige zukommen lassen;

aber der Tag, an dem ich selber heimkam, war doch das Beste, sowohl für

sie wie auch für mich. Schade, daß ich euch -- dich, Irene und Ewald --

nicht von Schloß Werden dazu herüberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus

und ihr Vater sind wenigstens dabei gewesen und mit von neuem auf dem

Steinhofe eingezogen. Daß die ganze Umgegend auf den Beinen war, kannst

du dir wohl vorstellen. Freilich bei mehr als einem guten Freunde, mit

dem ich von meinem jammerhaften Abschiede her einen Schinken im Salze

hatte, habe ich wohl ein Auge zudrücken müssen, wenn er mir am liebsten

als mein allerbester Freund um den Hals gefallen wäre; aber ich habe es

gern getan. Je mehr man sich den Wind draußen in der wilden Welt um die

Nase hat wehen lassen, desto bescheidener wird man in seinen Ansprüchen

an den Charakter der Menschheit und nimmt am guten Tage still mit in den

Kauf, worüber man am schlimmen vor Wut und Ärger aus der Haut fahren

möchte. Zwischen der alten Jule und manchem früheren guten Haus- und

Hof- und Jagdfreunde ging es freilich nicht ganz so glatt ab, und manch

einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom Hofe, der meinetwegen wieder

ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische ausstrecken könnte. Die

Weiber sind in diesen Dingen nämlich von einem viel besseren Gedächtnis

als wir Männer, Fritze; und Gnade Gott manchem armen Sünder, wenn sie es

durchsetzen und am Jüngsten Gerichte Sitz und Stimme kriegen. Gnade für

Recht ergeht da gewißlich nicht; -- selbst bei unseren deutschen

Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die

harmlosesten, was gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen

ist, und die ich auch dir jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben

will. Und es soll mich recht freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen

willst. Aber das ist ja alles nur beiläufig, nimm's nicht übel; ich sage

dir, Doktor, den Weg von Bodenwerder nach dem Steinhofe hättest du an

_dem_ Tage sehen sollen! Und dann unsere Ankunft auf dem alten

ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker -- weißt du, an der Fenz --

nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen Weißdornhecke und dem

Plankenzaun, über den ihr mich so oft ange^cheer^'t habt. Wenn es in

meiner Erzählung hiervon etwas kraus durcheinander geht, so gehört auch

das zu dem Spaß, denn es kommt einzig und allein daraus her. Sonst kann

ich jetzt unter Umständen recht gut bei der Stange bleiben. Ich hatte

selbstverständlich mich schon ein paar Wochen vor unserem Haupteinzuge

auf dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten Nächte in

meinem Erker auf Stroh geschlafen; und -- o! -- so hat lange keiner in

dieser Welt der Plagen und schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von

sich gestreckt und die Arme unter dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit

dem Blicke an den alten kahlen Wänden herum und durch das Fenster in die

Nacht hinein und dann in den dämmernden Morgen! Ich habe da wie ein

König geschlafen, denn ich habe den größten Teil der Nächte verwacht;

aber dagegen waren es sehr angenehme schlaflose Nächte. Ihr waret alle

darin eingeschlossen, wie ich selber von meinem frühesten Aufmerken an.

So liegend, müßte der Mensch eigentlich alle zehn Jahre sein Dasein sich

zurückdenken können; dann könnte man sich auch alles Schlimme, Traurige

und Wehmütige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben!

^Well^, auf jede solche vergnügte Nacht kam dann der frische Morgen mit

seinem hemdärmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen

Väterreich. Was mir mein Vorgänger an lebendigem und totem Inventar mit

in den Kauf gab, wollte nicht viel bedeuten, und für mich, der ich noch

meine alte Inventur im Kopfe hatte, gar nichts. Da mußten mir neue

Gäule, Kühe, Schweine und Ziegen in die Ställe; -- ihren Hühnerbestand

mußte Jule Grote wiederfinden, wie sie ihn aufgegeben hatte, und die

Gips-Venus mußte auch auf den Ofen wieder hin, sonst war die ganze

Geschichte nicht das halbe Pläsier. Und Tische und Bänke hatten sie mir

in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig verrückt, daß ich mit vier

Fäusten und acht Beinen hätte greifen und laufen mögen, um nur die

allernötigste Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl Ebeling erinnerst

du dich wohl nicht mehr? Das war ja unser Junge zu unserer Zeit auf dem

Hofe! Na, siehst du, es freut mich, daß dir der Lümmel doch wieder

frisch in der Erinnerung aufgeht! Er hat damals manchen Wurf mit dem

Pantoffel und manchen Schlag mit dem Küchenbesen, der moralisch mir

gehörte, aushalten müssen; und nun male dir meine Genugtuung, daß ich

das Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht dafür!),

voll ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als

Reserve-Unteroffizier, wieder habe, und zwar als unseren Oberknecht! Er

sitzt jetzt mit Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten

Stube, weißt du; aber ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben

Jugend und Gefräßigkeit und Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank,

dazu wieder mir gegenüber am anderen Ende des Tisches. Karl Eggeling

heißt der Schlingel heute; na, und ich muß mir doch manchmal in den

Ärmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren habe, daß die alte Jule

immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies von der

männlichen Gesellschaft gestimmt ist. -- Die alte Jule! da sind wir

wieder bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Tränen gebadet

habe ich noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in

Amerika noch in Europa erblickt! Du hättest ihr das größeste Unrecht

antun können, und es hätte diese Flut nicht aus dem Schütt gelassen. So

weich wie das Glück hatte das Unglück sie längst nicht gemacht. Freund

Stakemann, der auch noch lebt, Fritz, -- du weißt, Stakemann, der mich

damals so treu brieflich warnte, als es längst zu spät war! --

Stakemann, der immer der alte vergnügte Kerl geblieben ist, kam leider

auch hier mit seinem Witz ^post festum^. Die spaßhafte Bemerkung, daß

der Weg von Bodenwerder her wohl nächstens unter Wasser stehen, und daß

man sich demnächst in Bremen über das große Wasser wundern würde, hatte

ich bereits gemacht, geradeso wie damals, das heißt, die Jahre vorher,

meine Geschäfte mit dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beiläufig,

leider nicht in den Vereinigten Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig

meine Meinung sagen zu können. -- Sonst war mir übrigens selber

eigentlich auch gar nicht spaßhaft zumute, sondern sehr im Gegenteil.

Ich saß da auf dem Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und

tröstete sie und mich nach besten Kräften in unserem Glück. Es ist keine

Kleinigkeit, selbst im glücklichsten Fall, sich um soviel älter -- alt

-- und in diesem auch als Greisin zu sehen und zu fühlen, daß man noch

einmal eine glückliche Minute herausgefischt hat! Ich weiß nicht,

Langreuter, ob ich dir das nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit

ist es, verlaß dich drauf. Nicht wahr, alter Freund, wenn einer den

anderen so recht verstehen soll, dann braucht der nur recht

unverständlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief aus dem

Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr weiß, ob man aus seiner

eigenen Seele spricht oder der des anderen!... Nun spricht man häufig

davon, daß es sehr süß ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um

sie in die neugegründete Heimat einzuführen. Ich glaube dieses herzlich

gern, obgleich ich es leider noch nicht selber an mir und an einem guten

Mädchen probiert habe; aber sozusagen etwas Bräutliches hatte auch Jule

Grote an sich, als sie mit ihrem Anverlobten, dem Steinhofe, wieder

zusammenkam nach so langer Trennung und hoffentlich jetzt auf immer.

Während des Zwischenreichs und der Fremdherrschaft hatte sie natürlich

keinen Fuß in die Gegend gesetzt: >Zehn Pferde hätten mich nicht in das

Hoftor gezogen, Just!< rief sie einmal über das andere, während sie

jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab, durch Stall

und Garten humpelte und mich mit seligen Tränen in den Augen auf alles

aufmerksam machte, was das >fremde Volk während seiner Herrschaft nach

seinem Gusto verändert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte<. Wir

gingen alle mit ihr, und weißt du, Fritz, was nach meinem Vergnügen an

der Alten mir das Lieblichste war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die

ihren alten Papa führte und, immer verstohlen mit ihrem weißen

Taschentuche an den Augen, wie ein weinender Frühlingsmorgen aussah. Es

war ein wahres Glück, daß Stakemann fortwährend seine schlechten Witze

und altbekannten nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten und

Anekdoten uns dabei zum Besten gab; die Sache hätte sich sonst wirklich

für einen Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu sehr ins

Gerührte verlaufen. Du hast unsere liebe Eva wohl lange nicht gesehen,

Fritz? Das ist sehr schade. So jung wie vor zehn oder zwölf Jahren ist

sie heute nicht mehr; aber das muß ein heikler Patron sein, für den sie

nicht in die Länge und in die Breite in die allersüßeste

Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann solltest du den

Förster über sie hören! Hast du selber einen Speech auf der Seele, so

laß ihn um Gottes willen nicht zum Worte über sie kommen. Da redet er

kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich,

was mich betrifft, so bringe ich ihn immer mit dem größesten Vergnügen

auf seine Tochter, sein liebes Mädchen, und dir, Fritze Langreuter,

würde es wohl ebenso gehen, wenn du dir unter deinen jetzigen

großartigen und weltgelehrten Verhältnissen noch das alte bescheidene

Herz und Vergnügen an allen diesen unseren alten Dingen und Leuten von

Schloß Werden, dem Steinhofe und der Umgebung hättest bewahren können.

Daß das freilich nicht gut möglich ist, sehe ich aber recht gut ein,

mein Junge!« ......

Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich

unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knöpfte

mir die Weste auf und trat auf längere Minuten an das Fenster, um die

brennende Stirn an die Scheiben zu drücken und auf das dem Morgen hastig

zutreibende Gewölk zu sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den

Tisch zurückkam, hatte sich der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft

und hielt eben das brennende Zündholz darauf. So gleichmütig und

phlegmatisch, als ob er mir nicht das geringste gesagt habe, was einen

Privatdozenten ohne Zuhörer und einen Doktor der Philosophie ohne

Philosophie aufregen könnte. Und jetzt sagte er noch dazu:

»Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!... zwei Uhr am Morgen! Bei

uns auf dem Steinhofe fangen da schon die Hähne an zu krähen. Und ich

sitze hier und rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der

nächtlichen Ruhe abhalte, und wie kostbar gerade deine frischen

Morgenstunden für die gelehrte Welt und die Wissenschaften sind. Aber

guck, Fritz, so bleibt ein Deutscher immer ein Deutscher! Ein echt

eingeborener Nordamerikaner hätte dir einfach gesagt: Ich habe den

Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles übrige dazu oder laß

es bleiben. -- Ich dagegen sitze hier und möchte dir auf jeder Faser und

Fiber in mir meine Gefühle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der

Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch

interessant ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein

Überrock? Hier. Und hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Güte und

Geduld die Krone auf und leuchte mir die Treppe hinunter. Den Weg nach

meinem Wirtshause finde ich schon; hoffentlich aber kehren mehr Leute

von meiner Art da ein, die sich leicht festschwatzen nämlich, wenn sie

nach Jahrhunderte langer Abwesenheit und Trennung einen guten alten

Freund und Bekannten zufällig wieder getroffen haben und ihn in ihrer

Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder über den Schlaf weg, aber

sicher halb tot reden. Allein möchte ich auch in diesem Falle nicht in

der Welt stehen.«

Fünfzehntes Kapitel.

Nach jahrhundertelanger Trennung und _Abwesenheit_! Das letzte Wort war

das richtige; ich aber war Pedant genug, daß ich mir auch in diesem

Augenblicke, das heißt, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit

dem Lichte vorangegangen war, durch jenes Worts sprachliche und

begriffliche Zergliederung meine Stimmungen und Gefühle klarer machte.

Wer diese langen Jahre hindurch abwesend gewesen war, das war nicht der

Vetter Just Everstein, sondern ich, -- ich, der ich so hübsch ordentlich

zu Hause geblieben war.

Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu

Bette ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fäden wieder

anzuknüpfen, was stets ein bedenklich Geschäft ist und nicht immer

gelingt, jedenfalls aber ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer

und glatter macht. Nun war es sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse

des wackeren Freundes mir die heftigste Unruhe in das Geblüt geworfen

hatten. Was erzählte mir auch der Mann von dem »weinenden

Frühlingsmorgen« Eva Sixtus? Wir waren doch alle -- ohne Ausnahme -- in

den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir die hübschesten

Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich ausdrückte, ein

Jahrhundert weit hinter uns lagen?

Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwährend um, ohne Ruhe darauf zu

finden. Baß ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg

ich, als der trübe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den

Gefühlen eines Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte

Schulden einzukassieren, überall aber leere Taschen gefunden hat und nun

selber mit leerer Tasche in einem öden Gasthofszimmer sitzt. Mit einer

wahren Wut blickte ich von einem meiner Büchergestelle auf das andere.

Die weisesten Autoren, denen ich in diesen schönen Momenten mit meiner

Lebensrechnung unter die Nase zu rücken versuchte, waren nur imstande,

mir die Gegenforderung und Frage zu stellen:

»Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes

Zeug: Trost und Beruhigung! -- Bestätigung unserer Lebensangst, Unruhe

und Not wollen wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!«

Von den Schuldnern zu den Gläubigern -- den Gespenstern, die mich in der

Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon,

wie er die Wörter seiner Sprache mißbraucht. Die Abgeschiedenen lassen

einen wohl schon in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und

Blut, die mitatmenden, leidenden, sich freuenden Genossen der

Erdenlaufbahn, die da gewöhnlich durch unsere Träume spuken gehen! Sind

sie gar noch gute alte Freunde und Bekannte und haben sie dazu muntere

Füße, wackere Hände, helle Augen und rote Backen und wissen sie mit

kräftiger, sanfter oder gar freundlicher und liebevoller Stimme ihre

Fragen zu stellen in der Geisterstunde, so ist das sehr häufig am

allerbedenklichsten für unsere nächtliche Ruhe.

Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu

Bürger der nüchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die dürre

Wand geschlagen und das klaräugige Spukgesindel über mich her

beschworen. Als ich gegen elf Uhr meinen Weg durch die belebten Gassen

zu seinem Hotel suchte, um ihm, dem Vetter Just, meinen Gegenbesuch zu

machen, sah ich unwillkürlich gespannter als seit langer Zeit den

Begegnenden in die Gesichter und mit einem gewissen ängstlichen Suchen

und Erwarten in das Getümmel überhaupt. Was ich seit langem teilnahmlos

hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach dieser Nacht

plötzlich ein sozusagen angsthaftes Interesse für mich. Andere Leute

mochten es vielleicht anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich

auf meinen Wegen bis heute durchgängig gehindert hatte, auf die Bewegung

um mich her viel zu achten. Höchstens ärgerlich hatte ich dann und wann

auf- und um mich gesehen, wenn ein unvermuteter Puff und Knuff von

Menschenkindern, die es stets eiliger als ich hatten, mich in meiner

Neigung, mit gesenkter Nase hinzuschlendern und, offen gestanden, an

sehr wenig zu denken, störte. Nun hatte sich dieses mit einem Male

geändert, wenigstens für diesen Morgen. Ich ging mit geradeaus

gerichteter Nase und mit Augen, die nach rechts und links und manchmal

sogar einem auffälligeren Individuum nachguckten.

Weißt du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es

schriftlich, daß niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir

wichtiger sein kann als das träumerische Gespinste, in welches du deine

fünf Sinne eingewickelt umherträgst. Würdest du dich über kein _zweites_

unvermutetes Begegnen an der Straßenecke wundern oder freuen? Bist du

wirklich so ganz allein und -- auf dich allein angewiesen unter den

Hunderttausenden? Und -- da stand ich schon und starrte und brachte im

jähen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung in den Strom der

Bevölkerung und auf dem Gesichte des Nächsten hinter mir, auf dessen

Zehen ich mich mit meinem Hacken niederließ, einigen Verdruß hervor. --

-- --

Mademoiselle Martin!

Das war nicht _das_ Gesicht, auf welches ich in dem großen Strome gepaßt

hatte; -- Eva Sixtus sah anders aus! -- aber das Wunder und die

Verwunderung blieben die nämlichen. Ich mußte doch noch Mademoiselle

Martin, unsere alte französische Sprachmeisterin von Schloß Werden,

kennen! Sie war es! sie war es unbedingt, und wenn auch nur um das alte

Wort zu bewahrheiten: Wenn es kommt, so kommt es in Haufen!

Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch

aufgeputztes Mütterchen wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute

in der Hand:

»O Mademoiselle!... o Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche

--«

»^Monsieur?!^«

Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu

stottern:

»O, ich bitte -- Doktor Langreuter ist mein Name.«

Da ging es gottlob wie ein Lächeln über das sorgenvolle

Altfrauengesichtchen der ^ci-devant soeur ignorantine^.

»Je, Fritz?! ^Monsieur Frédéric Langreuter!^ Ei, der Herr Doktor

Langreuter! Aber, ^en vérité^, das nenne ich freilich ein recht

erfreuliches Zusammentreffen. Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz --

Herr Doktor? O dieses unvermutete Wiederfinden freut mich ebenfalls

sehr.«

»Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag -- o

Mademoiselle, welche Wunder können doch noch in dieser Welt

geschehen!... Gestern der Vetter Just und nun Sie, Fräulein Martin! Und

Sie haben sich so wenig verändert, daß auch das ein neues Wunder ist,

Mademoiselle.«

»Geben Sie mir Ihren Arm, ^monsieur^. Durch ein paar Straßen müssen wir

^sans condition^ miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht:

Sie haben sich sehr verändert, Mr. Langreuter, und hätten Sie mich nicht

angerufen, so würde ich Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.«

Wir paßten ganz zueinander: ich der mittelalterliche Quellenforscher und

das melancholisch geputzte Mütterchen an meiner Seite. Durch ein

heiteres Wesen hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun

hatten die Jahre und die Erlebnisse wie immer dichter sich übereinander

schiebendes Gewölk das letzte Licht in ihren Altjungferzügen

ausgelöscht. Ich hatte sie vorsichtig zu führen, denn ihr Schritt

gehörte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen langsam, und auch das

war sehr nötig.

»Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, daß

Gräfin Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat, Mademoiselle.

Ich habe viel erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich

eigentlich ebenso gut, wo nicht besser als jener treue, wackere Freund

wissen müßte. Nun gehe ich plötzlich auch mit Ihnen hier --«

»Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz -- Herr

Doktor. Durch wen aber wissen Sie das auch -- seit gestern?«

»Durch den Vetter Just.«

Nun sah man wieder einmal recht deutlich, daß sowohl der Dichter des

Textes zum Freischütz sowie der Komponist und alle weisen und

melodischen und poetischen Männer, die das Nämliche vor ihnen in Versen

und Prosa oder Noten angemerkt, das Richtige getroffen hatten.

Ob auch die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt! Wie ein

Sonnenstrahl ging es über die gelbe faltenreiche Stirn, wie freudiges

Leuchten zuckte es aus den schwarzen Augen der alten ^soeur

ignorantine^.

»^Oh monsieur, monsieur!^ Der Vetter Just! O wohl, ^monsieur^ Just

Everstein! Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und

wir waren so glücklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen

stundenlang und von der alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in

seinen guten Armen in den Schlaf getragen! Die Komtesse hat geweint, als

er weggegangen ist, aber diesmal vor Freuden. Nicht weil er gegangen

ist, sondern weil er versprochen hat, immer wieder zu uns zu kommen, zu

uns und unserem armen Kinde. Und er ist wieder gekommen, und hat wieder

mit uns von der alten Zeit und dem Herrn Grafen und dem lieben, armen

^château de Werden^ geredet. O -- er hat uns _gesucht_ in dem

^pêle-mêle^, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und nicht

bloß durch einen Zufall. ^Le bon dieu^ hat ihm das in sein Herz gegeben,

daß er es nicht anders konnte, sondern suchen und finden und kommen und

da sitzen mußte, um uns zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen,

schlimmen Welt! Wie ein Gesandter von dem guten Gott ist er uns gewesen,

der Vetter Herr Just, der mir soviel ^aversion^ und ^répugnance^ hat

bereitet in der glücklichen alten Zeit, wenn ich euch rief zu der

Lektion -- ^savez-vous?^ hoch oben aus den Bäumen und ihr nicht

antwortet, weil ihr alle waret echappiert und -- ^eh, eh^, hattet euch

durchgeschlüpft -- ^glissés par la haie^ -- wie die Vagabonden in die

weite Welt und nach dem Steinhof. ^Oh mon dieu^, damals habe ich

geweint, weil das war, nun weine ich, weil das nicht mehr sein kann.

Aber ^madame la baronne^, meine Komtesse kann noch lächeln, wenn sie

spricht mit dem Vetter Just davon und von euch anderen bösen Kindern;

und so bin ich auch glücklich, daß ich einst mich so sehr habe

geärgert.«

Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redefluß der alten Dame

zu werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten

Straßen der großen Stadt Berlin, gänzlich unbekümmert darum, daß wir

nicht allein darin gingen wie vordem wohl in der großen Lindenallee im

Garten von Schloß Werden. Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen

ihnen allen zuviel Platz auf dem Wege in Anspruch; aber alle hatten sie

es auch nicht darum so eilig, um rascher zu einem Vergnügen zu gelangen,

und so war nichts gegen dies Geschobenwerden und Gedrängtwerden

einzuwenden.

Daß sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von

Rehlen verheiratet hatte, wußte ich, ebenso daß diese Ehe nicht

glücklich ausgefallen war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen

Wochen als Witwe in Berlin, mit einem kranken Kinde und mit ihrer alten

französischen Sprachmeisterin. Ich hatte hundert Fragen zu stellen und

brachte doch keine einzige über die Lippen. Jeder Blick in das

melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir hier zu einem

Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurück; die ^soeur

ignorantine^ aber schwatzte trübselig weiter von der guten alten Zeit,

»als der Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein

^pressentiment^, davon hatte, wie die Verhältnisse für uns alle sich

nach seinem Tode gestalten würden«. Des Ausdrucks ^changer de face^

bediente sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz richtige

Ausdruck: ein ganz anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf

genau wußte, wie schwankend unsere Stellung im Leben sei, machte uns

heute die Welt!

»^Monsieur^ Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will

nächstens nach Deutschland zurückkehren, hat uns neulich ^mademoiselle^

Eva geschrieben,« sagte Mademoiselle. »Der Herr Vetter Just hat ihn in

der Stadt Belfast ^par hasard^ getroffen. Ich hätte mir gern von ihm

erzählen lassen, aber der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzählt.

Das Kind war sehr unruhig, und da nahm er es auf den Arm. ^Hélas^, es

ist ein sehr schwächliches Kind, ^monsieur Frédéric^, und auch ein wenig

verwachsen -- ^ah, pardon^.«

Die Gute hatte nicht nötig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch

ihren letzten halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkürliche

Bezugnahme auf meine eigene gleichgültige Person lächelnd aufmerksam.

Ich hatte nur an Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Gründe, die

den Vetter Just abhalten konnten, von ihm der Gräfin Irene ausführlich

zu erzählen. Mir mußte der Vetter hierüber Rede stehen, das stand mir

unumstößlich fest.

Wir hatten nun die größere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und

schritten durch stillere Straßen.

»Nun ich Sie wiedergefunden habe, -- auch ^par hasard^, Herr Fritz

Langreuter! -- so müssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen,«

meinte Mademoiselle. »Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch können

Sie nicht gleich mit mir gehen, denn ^madame la baronne^ -- meine Irene

ist nicht wohl heute. Sie müssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde

sagen, daß ich Sie jetzt getroffen habe, und daß Sie aus alter

Freundschaft zu uns kommen werden. Darf ich das, ^monsieur^ Fritz? Dort

wohnen wir, im dritten Stockwerk; -- der Herr Vetter Just kennt aber den

Weg, und Irene wird sich sehr freuen.«

Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hände der alten, so

bittersüßen Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:

»O Mademoiselle!«

»^Adieu, monsieur^,« rief sie. »Und -- ^au revoir!^ nicht wahr,

^monsieur^?«

Die Haustür hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst

meinen Weg zurück und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein

abgestiegen war und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frühstück,

zu dem er mich eingeladen hatte.

Sechzehntes Kapitel.

Gewartet hatte er in seinem ^Hôtel garni^ nicht mit dem Frühstück; auch

dazu war er zu sehr der Vetter Just vom Steinhofe geblieben. Aber er

hatte doch noch viele schöne Reste auf dem Tische übergelassen; und mit

mir von neuem herzlich und herzhaft daran zu Werke zu gehen und sich zu

erbauen, dazu war der Vetter immer noch der Mann. Aber ich hatte

durchaus keinen Appetit mehr; selbst der sehr mäßige, den ich vom Hause

mitgenommen hatte, war mir auf dem Wege unter der Begegnung mit der

weiland ^soeur ignorantine^, Mademoiselle Martin, vollständig vergangen.

Nun war es aber trotz dieser Begegnung immer noch ein Mirakel, den

Vetter Just vom Steinhof in einer solchen modernen Karawanserei

aufsuchen zu müssen und ihn daselbst sogar auf dem bekannten trostlosen

Sofa hinter dem bekannten, schäbig rotbehängten Tische hemdärmelig zu

finden. Welch ein Segen und Glück ist es, daß ein richtiger Haspel immer

ein Haspel bleibt, selbst wenn er einem in einer gläsernen Flasche als

eine Kuriosität vorgewiesen wird!

»Du bist lange ausgeblieben, Fritz! Aber so seid ihr einmal hier, und

man muß euch nehmen, wie ihr seid!« rief er mir entgegen. »Jetzt komm

her und setz dich und greif zu. Einen Klingelzug habe ich schon

verruiniert; aber brauchst du noch etwas, so sag's nur dreist, ich gehe

dann lieber selber danach. Alter Junge, ich freue mich unbändig. Öffnete

sich jetzt dort die Schranktür und Jule Grote träte hervor, um, mit der

Faust auf den Tisch gestemmt, dir und mir die Wahrheit zu sagen, so wäre

meine Behaglichkeit vollkommen. Aber wie siehst du denn eigentlich aus?

Ist dir etwas Unangenehmes auf dem Wege hierher begegnet, oder haben wir

für deine Kräfte etwas zu lange in die Nacht hineingesessen und von den

alten Tagen gesprochen?«

Ich fuhr so rasch als möglich damit heraus, was mir eben begegnet war,

und der Vetter fuhr mit der Hand über den Hinterkopf und sprach sehr

gedehnt:

»Ach so!... ja freilich!« ...

»O Just,« rief ich, »du bist natürlich sofort da wieder der liebste Gast

und beste Freund und Berater! Ich soll womöglich nur in deiner

Begleitung dort einen Besuch machen; -- ich bitte dich um des Himmels

willen, was ist das? Sind die Zustände dort wirklich so trostlos, daß

--«

»Hast du wirklich gefrühstückt? Auf Ehre, Fritz, bist du satt und magst

du wahrhaftig nichts mehr von dem öden Zeug hier auf dem Tische?« fragte

der Vetter kläglich. »Ich frage dich dieses aus Gründen. Nämlich mir ist

der Appetit auf längere Zeit vergangen, nachdem ich dort aus alter

Freundschaft an die Tür geklopft hatte und von Mamsell Martin

hereingelassen worden war. Ach, Fritz, was will das alles sagen, was die

Männer erleben können, gegen das, was die Weiber dann und wann erleben

müssen. Ich bringe dich natürlich hin, damit du selber siehst, was der

Schuft, dem sie in die Hände gefallen ist, aus unserer lieben Irene

gemacht hat. O, wäre sie tausendmal lieber mit mir über das Wasser und

dann, hie und da ohne einen Cent in der Tasche, durch die Straßen von

Neuyork und durch alles Sauere und Bittere bis in die Wildnis von

Neu-Minden gezogen, als daß sie so dumm war und als bankerottes

hochadeliges und reichsgräfliches Fräulein und junges Mädchen unter

ihren Leuten blieb.«

»Davon habe ich eigentlich zu erzählen, nicht du, Vetter Just,« seufzte

ich. »Das waren trostlose Zeiten auf Schloß Werden, die nach dem Tode

des Herrn Grafen kamen. Wir erfuhren es beide damals, Vetter, wie dem

Menschen zumute wird, wenn plötzlich hundert fremde Hände und Fäuste das

Recht gewinnen, in unser Dasein hineinzugreifen und alles, was wir für

unser ewig Eigentum hielten, als das ihrige in Anspruch nehmen. Da wird

das Geräte des Lebens verschoben, das uns für alle Zeit an seinem Platze

fest zu stehen schien. Da klingt fremdes Gelächter in Räumen, in denen

wir nur zu flüstern wagten. Du hast nicht die Macht, dich gegen die

roheste Rede, gegen den erbärmlichsten Witz zu wehren. Und wenn die

grünen vertrauten Bäume von draußen in gewohnter Weise dazu in die

Fenster sehen und rauschen, so ist das kein Trost, sondern ganz das

Gegenteil. Wir auf Schloß Werden hatten gerade so wie du auf deinem

Steinhofe von allem Abschied zu nehmen. Und wir erfuhren jetzt erst in

herzzerbrechender Deutlichkeit, wie uns alles ans Herz gewachsen war.

Ach, du hättest meine Mutter und ihr armes Kind, ihre Irene, in jenem

Sommer und Herbst sehen sollen, wie sie in den immer leerer werdenden

Räumen in den Winkel gedrückt saßen und alles über sich ergehen ließen;

die stolze Irene am stillsten und geduldigsten! Wohl hätte die Komtesse

auf dem Försterhofe ein anderes heimatliches Dach finden können, wohl

hätte sie mit uns -- meiner Mutter und mir -- gehen können und unser

Schicksal teilen, wenn nur nicht jeder Mensch sein eigen Schicksal

hätte, das durch keine Liebe und Aufopferung, keinen Haß und Zorn eines

anderen geändert werden kann --«

»Jawohl, da hast du recht,« seufzte der Vetter Just. »Man macht sich

hier immer entweder zu viel oder zu wenig Illusionen von der Macht, dem

guten oder bösen Willen seiner nächsten Umgebung und liebsten

Freundschaft. Gegen das Schicksal, was einem angeboren ist, können sie

nichts ausrichten, das steht fest -- ^that is a fact^, sagen wir

drüben.«

»So kam denn die Vormundschaft und sprach uns drein, und dann der Brief

aus Graz, und dann die Tante aus Graz persönlich. Da war es denn mit uns

anderen allen aus, und wie von dem Steinhofe, so ging von Schloß Werden

ein jeder seinen eigenen Weg in die Fremde hinein. Wenn dem nicht so

wäre, wo bliebe dann nachher wohl die Verwunderung, wenn man sich wieder

trifft, wie zum Beispiel wir jetzt, und seine Erfahrungen gegenseitig

austauscht?«

»Da hast du wieder recht,« sagte der Vetter Just Everstein, als ob ich

ihm wirklich eben die höchste Weisheit und zwar als etwas ganz neu

Entdecktes mitgeteilt hätte. »Und jetzt sei nur still,« fuhr er dann um

so überraschender fort, »du erzählst mir da gar nichts Neues; und so

melancholisch, wie du das da herleierst, so trübselig habe ich es alles

selber mit durchgemacht von Bodenwerder aus. Großer Gott, wie bald

vergessen doch die Leute, wie nahe sie vor ein paar Jahren beieinander

gewohnt haben! Von Irenes Ehestand spreche ich dir meinerseits nicht. Da

mußt du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war, Gott sei Dank,

von Anfang an bis zum Ende dabei und hat dazu heißeres Blut in den Adern

als ich und kann dir also die jämmerliche Geschichte mit allem dazu

gehörigen Nachdruck und Gestus erzählen. Nur tu mir die Liebe, Fritz,

und frage nicht die Komtesse danach aus. Freilich, du wirst das

wahrscheinlich wohl schon von selber unterwegs lassen, wenn du die alte

wilde Hummel und Spielkameradin nach den ihr von der gütigen Vorsehung

zudiktierten Lebensschicksalen wieder zu Gesicht gekriegt hast. Kurios

aber bleibt es einem immer doch, wie diese nichtswürdigen Schicksale so

durcheinander spielen, daß selbst der Gleichgültigste nie genau weiß,

wie sehr ihn die Sache angeht. Daß ich von neuem hier drinstecke, und

zwar tief, das weiß ich; nun soll es mich nur wundern, was dir, mein

guter Fritze Langreuter, hierbei zu deiner Behaglichkeit und

Unbequemlichkeit aufgehoben ist! ^Well^, noch steht es aber bei dir, ob

du die arme Frau durch mich nur grüßen lassen willst?«

Wenn es mir bis jetzt noch irgendwie unklar gewesen wäre, wie es möglich

war, daß der Vetter Just den Amerikanern imponierte und den Steinhof

wiedererlangte, so hätten mir seine letzten Worte unbedingt darüber

Aufklärung geben müssen.

Und diesem Vetter hatte ich vordem die Brosamen, die vom Tische meiner

Schülerweisheit abfielen, mit dem bekannten Dummen-Jungen-Humor grinsend

zukommen lassen?! Und dieser Vetter Just Everstein hatte es einst

für eine Glorie gehalten, mir den pythagoreischen Lehrsatz

»vordemonstrieren« zu können! Die alten Kirschbäume im Grasgarten auf

dem Steinhofe, die jetzt wieder samt dem Grasgarten sein Eigentum waren,

schnitten mir aus der Ferne der Erinnerung sehr ironische Gesichter. Der

ganze Steinhof lachte; mir aber war durchaus nicht lächerlich zumute:

wenn ich ein alberner Schulbube gewesen wäre, so hätte ich dreist meine

Stimmung weinerlich nennen dürfen. Um mich daraus zu retten, brachte ich

nach althergebrachter Menschenweise die Rede auf etwas anderes, das

heißt auf den nächsten besten Bekannten oder Freund. Ich erkundigte mich

nach Ewald Sixtus und wünschte etwas Genaueres über das Zusammentreffen

des Vetters mit ihm in Belfast zu erfahren.

»Der Mann gefiel mir eigentlich nicht,« sagte der Vetter Just kurz und

deutlich. »Ein tüchtiger Ingenieur scheint er geworden zu sein; aber

sonst hat die Fremde gerade nicht nach meinem Geschmack auf ihn

eingewirkt. Von uns zu Hause mit ihm zu reden, habe ich bald aufgegeben,

da er selber stets gleich wieder abbrach. Aber über Wasserbauten und

Brückenanlagen haben wir viel miteinander gehandelt. Wie dieser Mensch

in dem Försterhause hatte flügge werden können, ist auch eines von den

vielen unbegreiflichen Wundern dieser Erde. Was mich anbetraf, so schien

er sich übrigens auch ein wenig zu wundern, daß ich nicht ganz der Alte

geblieben war. Gewissermaßen habe ich ihm sogar, wie es scheint,

gefallen, aber er hielt mich jedenfalls für einen größeren Kapitalisten,

als ich bin; und daß ich auf dem Wege nach der Heimat war, um mir den

Steinhof zurückzukaufen, hielt er für eine von meinen alten Dummheiten,

und dabei kam auch sein altes lustiges Lachen (weißt du noch, Fritz?)

zum erstenmal annähernd wieder zum Vorschein. Ich lachte aber nicht mehr

mit wie vor Jahren auf dem Steinhofe, wenn ihr euren Spaß an mir hattet

und ich das euch gern gönnte. Um Irene Everstein hatte er sich so wenig

-- wie du -- nimm's mir nicht übel, Doktor! bekümmert. Das hätte ich

meinerseits ihm nun nicht allzu übel genommen, wenn es mir gleich etwas

sonderbar nach ihrer so netten Jugendfreundschaft und Liebschaft

erschien. Aber auch von seinem alten Vater und von seiner Schwester

wußte er wenig. Sie schrieben an ihn wohl, er aber schrieb nur dann

zurück, wenn er Zeit hatte, und die hatte er wenig. Ein bißchen Heimweh

dann und wann in der Fremde schadet keinem Menschen. Man kann auch

trotzdem Geld machen und ein tüchtiger Arbeits- und Geschäftsmann sein.

Ich habe es furchtbar gehabt, das Heimweh nämlich, und für eine Million

nicht wäre ich auf seinen, unseres Ewalds Vorschlag eingegangen und wäre

noch ein halb Jahr lang bei ihm in England geblieben und hätte

Bodenwerder Bodenwerder sein lassen. Übrigens läßt er dich doch grüßen,

der alte Junge. Und als ich ihm sagte, daß ich dich jedenfalls

aufzufinden suchen würde, fand er das ^uncommon obliging^ für dich.«

»Ich danke dir, und -- ihm,« sagte ich, ziemlich gedehnt das letzte Wort

betonend. »Von dir, Vetter Just, war das freilich ungewöhnlich

zuvorkommend und freundlich!«

»Ärgere dich nur nicht zu sehr, Fritzchen,« lächelte gutmütig der

gelehrte Bauer vom Steinhofe. »In früheren Zeiten ist lange genug

ununterbrochen an mir die Reihe gewesen, mich über die Leute und Dinge

zu verwundern. Jetzt bin ich gottlob wenigstens ein wenig

dahintergekommen, daß man mit seinem Erstaunen haushalten muß, und daß

es schade ist, es an das unrichtige Individuum oder den unrechten

Gegenstand wegzuwerfen. Morgen früh aber gehen wir beide zu Irene

Everstein oder Frau von Rehlen. Weißt du, ich nenne sie am liebsten

immer noch bei ihrem Vaternamen, noch dazu da es auch der meinige ist.

Wenn es dir paßt, so werde ich dich gegen elf Uhr abholen. Du kannst es

mir aber aufrichtig sagen, wenn du andere wichtige Abhaltungen hast.«

Ich hatte dergleichen nicht.

Siebenzehntes Kapitel.

Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf

verlassen, daß er es pünktlich hielt. Dieses war selbst in seinen

Traumjahren auf dem Steinhofe der Fall, und sein Aufenthalt in Amerika

hatte nichts daran geändert. Fünf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage

vernahm ich seinen langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.

»So, da bin ich, und wir können gehen,« sagte er. »Irene wird sich gewiß

recht freuen; aber ein Vergnügungsweg ist es nicht, das versichere ich

dich.«

Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wußte

es bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blättergrün und Sonnengold

unserer Nußbaumnester an der Hecke von Schloß Werden schaukelten und uns

daraus wild, frei und fröhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde

niedergleiten ließen -- auf die »Vergnügungswege nach dem Steinhofe«,

wie der Vetter sich ausdrückte, -- die Zeiten waren nicht mehr

vorhanden. Aber aus dem Sonnengold und Blättergrün stieg ich an diesem

Morgen doch hernieder in den Straßenschmutz der Stadt Berlin. Wie du die

Jugendfreundin auch finden magst, hiervon werdet ihr auch reden, Fritz

Langreuter! sagte ich mir wehmütig-bänglich; und dazu war es schon sehr

viel und ein großer Segen, am Arme des Vetters Just Everstein diese

Straßen durchwandern zu dürfen, vorüber an den Anschlagssäulen mit den

hundert bunten, zu den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln, ganz

abgesehen von den anderen öffentlichen privaten oder amtlichen

Ankündigungen und Aufforderungen.

»Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal

einem durchgeschnittenen Halse gegenüber perplex! Diese dreihundert

Taler, die dem Denunzianten des Täters angeboten werden, sind für mich

das kurioseste Preisgeld, was der Menschheit, das heißt dir, mir und den

übrigen, hingehalten werden kann,« brummte der Vetter. »Was will es

dagegen heißen, die beste Komödie zu schreiben oder das beste Bild zu

malen und einen Preis dafür zu kriegen? Beiläufig, ich habe es damals in

der Neuyorker Staatszeitung gelesen, daß du auch einen Preis für eine

wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast. Das muß dich doch sehr

gefreut haben, Fritz; -- als ich es las, war ich natürlich aus Rand und

Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung für mich und kann ich

sie verstehen?«

»Makulatur, alter Freund!« sagte ich, besaß jedoch in einem staubigen

Winkel ein hübsch Bündel von mir und der Welt höchst überflüssigen

Abdrücken. Wir gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig

mehr miteinander und nichts von irgend welcher Bedeutung; aber unter der

Tür des Hauses, in dem Irene von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine

Begegnung, von der kurz erzählt werden muß und zwar mit einer kleinen

Abschweifung.

Es ist eine der volksläufigen Vorstellungen, daß die höheren Klassen

unserer heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen

immer noch vollkommen fremd gegenüber ständen und teils mit Verachtung

darauf herabsähen, teils drolligerweise Furcht davor hätten. Dem ist

nach meiner Erfahrung nicht so, nicht einmal im großen ganzen. Daß man

hier wie auch in anderen Kreisen ein tüchtig Quantum von Dilettantismus

oder von beschäftigungsloser Neugier oder von leerem Vorwitz im Verkehr

der Welt zu verdauen hat, ist freilich nicht zu leugnen; doch wo hat man

das denn nicht?

Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine

aristokratische Mißachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich häufig

über des edlen deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes

Lächeln mit einiger Mühe unterdrückt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben

wahrlich keinen Grund, das: Krieg den Palästen! durch unseren

Tabaksdampf nachzubrummen. Wahrlich, wenn es uns Spaß macht, so dürfen

wir unsere Fehdebriefe da dreist an ganz andere Türen als die unserer

früheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.

Einer von den letzteren und zwar ein sehr guter Bekannter aus den

Hörsälen der Universität und von manchem »wissenschaftlichen Abend« her

war es, der uns über die Schwelle, die wir eben überschreiten wollten,

entgegentrat.

»Sieh da, Doktor! Was für ein guter, närrischer oder gar böswilliger

Geist führt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?«

»Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden

Führers, ^mon prince^,« erwiderte ich. »Ich wünsche eine

Jugendbekanntschaft zu erneuern, Durchlaucht.«

Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüßt und

dieser den Gruß ebenso zurückgegeben.

»Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und

gelehrter Gönner?«

Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrüßten

sich noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage,

indem ich Irenes jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mädchennamen

hinzufügte. Der Fürst ** sah mich einen Augenblick betroffen an, dann

ergriff er meine Hand und rief:

»Die?! Die Herren sind Bekannte -- Freunde der armen Frau? Ach, es ist

ja richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. O, meine

Herren, ich habe in Wien diese Ehestandstragödie mit durchgemacht und

auch eine Rolle darin gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem

endlich zu allgemeiner Befriedigung in unserem gesellschaftlichen

Verkehr ein schwarzer Strich über den Namen Gaston von Rehlen gezogen

wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns verwandt, und nach meinen

schwachen Kräften habe ich das meinige getan, die unglückselige Frau da

oben in ihrem trostlosen Leben aufrecht zu erhalten. Mein Vater ist ein

Jugendfreund des alten Herrn auf Schloß Werden gewesen; -- so laufen die

Bezüge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie

wären etwas früher gekommen. Vielleicht hätten Sie einen frischen Hauch

in die schwüle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen

gesessen habe. Sie treffen übrigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist

seit der vergangenen Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht

mit der Uhr in der Hand am Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und

ist mir auch bis vor die Tür nachgegangen und hat mir als einem

Familienfreunde seine Meinung nicht vorenthalten. Das kleine Mädchen

liegt bereits im Sterben, und als wirklicher Familienfreund halte ich

das bei dem geistigen und körperlichen Zustande des armen Geschöpfes für

ein Glück!«

Der Vetter Just stieß einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch

eine grimmige Verwünschung bedeuten konnte.

»Meine Herren,« fuhr der Fürst fort, »ist es nicht recht bizarr, daß wir

uns von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tür und Angel

unterhalten? Bester Doktor, demnächst muß ich mich unbedingt einmal

wieder zu einer Tasse Tee bei Ihnen einladen, und dann müssen wir mehr

über die Frau da oben reden. Sie interessiert uns alle in dem weitesten

und in dem engsten Kreise; ich spreche aber hier nur von dem letzteren

als dem meinigen.«

»Sie wissen, daß Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht,« erwiderte

ich.

»Also, Adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!«

Wir schüttelten uns noch einmal die Hände, während der Vetter Just

bereits die Treppe hinaufstieg.

Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte

Treppe, die zu einer auf dem Eckständer der Brüstung eine Glaskugel

haltenden Bronzefigur emporführte. Aber die Teppiche waren auf dem

nächsten Absatze verschwunden, und auch die Stufen waren steiler

geworden. Der Kommissionsrat, der die Beletage des Hauses innehatte,

wohnte bedeutend eleganter als die Freifrau Irene von Rehlen, die wir in

dem glückseligen Nußbaum, auf den Wiesen, in den Parkalleen und in den

Wäldern von Schloß Werden einst in ihrer fröhlichen Wildheit,

blondlockig und blauäugig, als unseren besten Kameraden und nur, wenn

sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der

Fassung gebracht hatte, als _dies_ »Fräulein Gräfin« oder (nach Ewalds

Ausdruck) als »diese ganz abgefeimte Haupthexe, diese Irene« gekannt

hatten.

Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastür mit dem jetzigen

Namen unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das

Geländer stützte und, unverständlich mit sich selber sprechend, sich mit

dem Taschentuch über die Stirn fuhr.

»Das sollte nun wohl ein Trost sein, daß uns dieser Mann da eben an der

Tür begegnete?!« brummte er mir zu. »O, diese Hand würde ich darum

hergeben, wenn ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierherschaffen

könnte, Fritz Langreuter!«

Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in

dieser Umgebung und unter diesen Umständen, von ihm ausgesprochen und

gleichsam zur Hülfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment

bittersten Unbehagens, -- wie das Volk sagt: einen Stich durch das

Herz?! Ich hatte wiederum keine Zeit, darüber nachzudenken; die Glastür

war nicht verschlossen, und der Vetter hatte sich »besonnen«, wie er

sagte, und »die nötige Selbstbeherrschung wiedergewonnen.«

Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, öffnete sich gegenüber

eine Tür, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin,

deren runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.

»^Ah messieurs!^«

Ich kannte auch den Arzt persönlich und wußte, daß er als einer der

besten Kinderärzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand;

aber dem Vetter Just schüttelte er sie ganz vertraulich.

»Ich freue mich, daß ich Ihnen augenblicklich den Platz räume, Herr

Everstein,« sagte er leise. »Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu

der Gnädigen; es wird ihr wohl tun --«

»Und das Kind?« flüsterte der Vetter; und der glückliche Kinderarzt, der

sie zu Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schüttelte

sodann sehr merklich den Kopf:

»Ich habe leider dem Fräulein hier die Wahrheit nicht verhehlen dürfen.

Ich denke -- so -- gegen Abend!... Werde jedenfalls im Laufe des

Nachmittags noch einmal vorsehen. Mein Fräulein, ich bitte Sie, ferner

so ruhig zu bleiben wie bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.«

Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfaßte mit

zitterndster Erregung unsere Hände, und die Tränen brachen ihr

unaufhaltsam hervor.

»O, es ist gut! -- nur einen Moment, ^messieurs!^ ich bin auch gleich

wieder still. Herr Fritz, ^madame^ wird sich sehr freuen -- freuen. Ich

habe ihr gleich erzählt von Ihnen, und daß ich Sie habe gesehen in der

Straße. Herr Just, Sie verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei

meinem Kind und bei unserem Kinde, wenn kommt die schlimme -- ^terrible^

-- Stunde. Wir brauchen einen guten Mann dann bei uns, Herr Vetter

Everstein! Und nun warten Sie, daß ich es ankündige, daß Sie da sind.«

Sie führte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten,

bis man uns winkte. O über die goldengrünen Zweige, in denen wir uns

wiegten, unsere Nester bauten und von der Welt träumten und auch als

Kinder, nicht als ausgewachsene Leute und große Philosophen die Welt für

ein Spiel nahmen, in welchem wir mitspielen durften!...

Am Sterbebette ihres Kindes! Sie saß in dem verdüsterten Raume und hatte

den Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gestützt, und sie stand auch

nicht auf, als wir leise in die Tür traten, sondern reichte uns nur die

Hand und hob ihre gleichfalls fieberhaft glänzenden Augen zu uns empor.

»O Just,« sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen

Ausdruck: »Schau, auch du, Fritz! ich sollte dich eigentlich jetzt wohl

Sie nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesehen und haben soviel

erlebt in der Zeit, daß wir uns nicht gesehen haben. Aber ich hätte dich

doch gleich wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt

über das Schickliche nachzudenken. Lassen wir es also beim Alten, wenn

es dir recht ist, Fritz.«

Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem

Griff drückte mir die Stunde die Kehle zusammen.

»O liebe Irene --«

Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt.

»Deine gute Mutter ist auch gestorben,« sagte die Jugendfreundin. »Ich

habe mich sehr betrübt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel

erlebt. Weißt du wohl noch, wie ihr zuerst nach Schloß Werden kamt? Aber

wir haben nachher doch noch eine glückliche Zeit für uns gehabt. Setze

dich doch, Fritz -- du mußt nicht gleich wieder fortgehen; -- aus alter

Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist gestorben, -- mein -- Mann

ist tot -- nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines, krankes Mädchen! O

Vetter Just, Vetter Just!«

Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend

die Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven

Schulter, als könne sie sich nimmer wieder beruhigen.

»Das ist gut; lassen Sie sie so!« murmelte Mademoiselle Martin, ihr

Taschentuch zwischen den Händen zerringend. Da fing das Kind leise an zu

wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand

auf die kleine Stirn auf dem weißen Kopfkissen.

»Vetter Ju! -- weh, weh!« winselte das Kind.

»Herz, mein Herz,« rief Irene. »Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da,

und wir bleiben alle bei dir -- o großer Gott!«

»So weh, weh!... auf Arm, Vetter Ju!« klagte das Kind von neuem und bat

mit herzzerreißenden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen

fragenden Blick auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der

Bauer vom Steinhofe sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich

und hielt sie auf einem Kissen und in ihren Decken in seinen guten

Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und schlummerte schmerzloser

der letzten ernsten Stunde zu. O über den Sonnenschein und die

goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!

Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäß gegen Abend noch einmal

vor. Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine

Viertelstunde und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu

der Mutter. Aber er war ein »glücklicher« Arzt, ein vielbeschäftigter,

und hatte keine Zeit, hier das Ende abzuwarten, denn er hatte noch an

verschiedenen anderen Orten dieselben geziemlichen und beruhigenden

Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der Vetter Just Everstein

und -- gottlob! -- ich auch!

Achtzehntes Kapitel.

Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, daß wir damals im März des

laufenden Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch

immer windig. Auf den verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages

hindurch die Vorfrühlingssonne, und in das Nebenzimmer schien sie voll

hinein, bis sie hinter die gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt.

Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem

verdunkelten und dem hellen; der Vetter Just und ich. Mademoiselle

Martin deckte uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier

Kuverts auf und stellte vier Stühle daran. Wir aßen daran zu Mittage,

Mademoiselle, der Vetter und ich; und auch Irene setzte sich einmal zu

uns. Da aber hatte der Vetter ihren Platz an dem kleinen Bette

eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und zu, aus der hellen Stube in die

dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und Mademoiselle Martin

reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die Dämmerung

hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen. Wer diese

Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand in

Angst, Herzensweh und -- langer Weile, -- ja, langer Weile, hin- und

herzuwenden durch die kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das

Geschick, das ihm solchen Zeitvertreib ersparte, und bitte, daß es ihn

auch fernerhin davor bewahre, sich daran halten, im vollsten Sinne des

Wortes sich daran halten zu müssen, bis das schlimme, öde, tödliche

Warten sein Ende gefunden hat, einerlei welches.

So warteten wir an jenem Nachmittage.

Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief

wieder.

Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und

erzählte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen.

Wenn der Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit

momentan leichterem Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange

und wußte nichts zu sagen. Mademoiselle ging ab und zu; -- die war noch

am besten dran, denn sie hatte den Haushalt für den kommenden Tag zu

besorgen und von uns allen also das meiste um die Hand. Manchmal aber

stand auch sie beschäftigungslos am Fenster, und ich bin fest überzeugt,

dann haben sich Leute an den Fenstern drüben auf der anderen Seite der

Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:

»Guck nur die Alte! wie in einem Bilde!... Die möchte ich mir freilich

nicht am frühen Morgen über den Weg laufen lassen!«

»Die könnte Geschichten aus ihrer Seele erzählen, gegen die wir beide,

Fritz, alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken könnten,« flüsterte

mir einmal der Vetter zu, mit dem Daumen über die Schulter auf die

^soeur ignorantine^ an dem Fenster hindeutend. »Was meinst du, wenn die

am Jüngsten Gericht ihre auf Erden verschluckten Tränen auf einmal

fließen läßt?!«

»Ja, Just,« sagte ich, »aber es läuft alles in einen Strom. Ich kann es

dir nicht sagen, was für einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen

wird, um nicht mit Sessel, Bank und grünem Tisch weggeschwemmt zu

werden.«

»Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken?« fragte im

Augenblick darauf Mademoiselle Martin. »Sie trinken ihn noch immer recht

süß?«

Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollständig genau die

grünlackierte Zuckerdose von Schloß Werden vor mir und fühlte auf meinen

Knöcheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff

in dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hörte dazu das vorwurfsvolle

Wort meiner Mutter: »Aber Fritz?!« und dabei das mutwillig glückselige

Kichern der Komtesse Irene, der währenddem der Griff unbeachtet gelungen

war.

Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten,

wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.

Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr häufig von Eva Sixtus.

Das Wort des Vetters: »Ach, wenn wir sie doch hier hätten!« kam zur

vollsten Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes

Geschichtchen von ihr aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer

kühlen klaren Quelle an einem schwülen Tage und unter schwerer Mühe. Wir

konnten sie uns auch heute noch nicht anders vorstellen, als immer noch

umgeben von dem alten Zauberreich der Erde, weiter lebend still und

freundlich in dem süßen Licht, den Tönen und Düften des von uns

verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.

Der Vetter Just, der natürlich am genauesten über sie Bescheid wußte und

sie vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:

»Das ist auch so mit dem guten Mädchen, und sie verdient es wirklich.

Schon die Art, anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden

und seinem kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergnügen.

Beiläufig, wenn ich an das Papstbuch denke, so fällt mir dabei jetzt

immer Freund Ewald in England ein. Seit ich den braven Jungen dort

besucht habe, meine ich in ^plain terms^, daß ein gut Stück mehr als

genug aus dem Schmöker an ihm hängen geblieben ist. Das hat sich der

Papst Sixtus der Fünfte wohl auch nicht träumen lassen, daß man einmal

im Königreich Großbritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen

nach seinen Maximen treiben würde. Ich wollte nur, er schriebe häufiger

an unser Evchen und den Alten -- den Mr. Ewald und nicht Seine

Heiligkeit meine ich selbstverständlich. -- Ja, das liebe, alte

Försterhaus von Werden! Daß die Regierung was daran gewendet habe, kann

keiner behaupten; aber ungemütlicher ist es darum doch nicht geworden.

Im Gegenteil, nur noch gemütlicher hat es sich zwischen seine

Lindenbäume, Büsche und Gartenkultur eingenistet -- ihr wißt, angenuselt

nennen wir das bei uns zu Hause. Über Bodenwerder hinaus ist, während

wir anderen sämtliche Münchhausens Abenteuer in der Welt erlebten, weder

Eva noch der Förster gekommen. O Irene, wie werden sie demnächst einmal

Ohren, Nase und Mund aufsperren, wenn wir ihnen _unsere_

Allerweltshistorien heimbringen! Das steht fest, diesen Sommer treffen

wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just! Wozu bin ich denn

der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wüßte, und dazu, daß es

immer wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist?! Das steht fest

wie der ^Magister matheseos^, Fritz Langreuter: ja, ja, Miß Martin, man

kann es zu einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt

bringen, wenn man nur seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und

lachen läßt. Ein Verdienst war das damals aber bei mir nicht, sondern

nur Blödigkeit und Schüchternheit, und dazu Angst und Verwunderung, weil

ich nur der dumme Junge auf dem Steinhofe war und die Welt und der

Himmel umher so weit und voll und allmächtig; -- liebe Irene, bleib

sitzen, ich sehe schon nach dem Kinde!«

Sie wußte es, daß er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebenso

gut ausfüllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das

verdunkelte Zimmer. Er ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle

Martin und ich blieben uns an dem Kaffeetische allein gegenüber.

»Haben Sie nicht vorhin gesagt, daß Sie an unserer Haustür mit ^Mr. le

prince de **^ zusammengetroffen seien, Mr. Fritz?« fragte Mademoiselle.

Ich bestätigte das noch einmal.

»Sie wissen gar nichts von uns, ^Frédéric^, und wenn Sie etwas sehr

verwundert, so behalten Sie auch das für sich. Dies war immer Ihre

^manière^ so; schon als Sie noch so groß waren.«

Sie zeigte es durch eine Handbewegung, wie hoch ich war, als ich bereits

alle meine Verwunderungen für mich selber behielt.

»Es tut mir leid, Mademoiselle Martin --«

»O, es tut Ihnen gar nichts leid, ^monsieur le docteur^, denn sonst

hätten Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. ^Par exemple^, wie

kommen Sie nach Berlin, Mademoiselle?... ^Mais c'est navrant^, -- ^ces

gémissements de la petite!^ bleiben Sie sitzen, Fritz, wir können doch

nichts helfen dort, und der Vetter hilft der Komtesse. -- Es ist der

Fürst und seine Familie, die uns haben weggeholt von Wien und uns haben

leben lassen hier. Das sind sehr gute Leute, und die Väter und Großväter

haben sich auch schon geholfen gegenseitig ^depuis les siècles^, und

vorzüglich, als der Kaiser Napoleon war in Deutschland der Herr. Damals

ist es ^monsieur le comte d'Everstein-Werden^ gewesen, der helfen

konnte; aber das Glücksrad geht herum ^toujours, toujours, toujours!^

Und Seine Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: Sie können nicht

bleiben in Wien, ^madame la baronne^. ^Je suis garçon^, sonst sollten

Sie wohnen in meinem Hotel in Berlin; aber ich muß sein Ihr Vormund, das

ist mir eine Pflicht. Sie sollen still leben in Berlin und die

Vergangenheit vergessen, ich werde alles besorgen. -- ^Bien^, was wäre

aus uns geworden ohne ihn? ^La grande mer^ hätte uns übergeschlungen.

^Voyez par exemple madame de **^ und ^madame de **^ und so viele andere

arme Frauen ^dans la rafale de la vie^! So haben wir gelebt hier durch

seine Herzensgüte und auf seine Kosten, bis neulich gekommen ist

^monsieur^ Just, der Herr Vetter von dem Steinhofe -- o, der Vetter

Just, o, und es ist sehr gut, daß Sie an unserer Tür haben einander

vorgestellt den Herrn Fürsten und den Herrn Vetter. Wir hatten noch

keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine Durchlaucht waren verreist bis

gestern.«

In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still

geworden, und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen

sechs Uhr am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der

Vetter seufzte schwer und gab wortlos der alten ^soeur ignorantine^ die

Hand. Mademoiselle ließ die Schuhe von den Füßen fallen und ging auf den

Strümpfen zu der Tür des Nebenzimmers, kam zurück und fragte:

»Schläft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.«

»Weiß nicht,« sagte der Vetter kaum hörbar. »Ich wollte es wohl, aber

ich glaube es nicht. Sie horcht nur.«

Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der

Hand von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach, und in der immer mehr

über uns hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich

wieder für eine Zeit allein einander gegenüber gelassen.

»Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus

mancher Ansiedlerhütte drüben, jenseits des ^Atlantic^. Wir hatten dort

immer nur Calomel und wieder Calomel; aber es ist egal, denn es bleibt

immer dasselbe, hier und im Hinterwalde. Die Mütter legen dann immer

ihren Kopf mit auf das Kissen,« sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe.

»Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst dabei sitzt, kann nichts

tun, als stille sein. Wolltest du etwas sagen, Fritz?«

Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob

der Vetter fort.

»Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiter

lebt, und hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den größten

und wirklichsten Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und

kein Evangelium! Dies ist nun so eine Stunde, in der man mancher

Angelegenheit, welche man sonst nicht so leicht anrühren würde,

freimütiger auf den Grund geht, weil alles rundum ernst genug dazu

aussieht und selbst der Mißtrauischste nicht an pure Neugier oder

albernen überflüssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter, unsere Eva

Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken

wollen?«

Es schwamm mir vor den Augen, die heißesten Blutwellen drängten sich

nach dem Herzen und Hirn, es hämmerte sinnbetäubend; der Boden schwankte

unter mir.

»Mich?... Ich?!« stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand

und hielt sie während des folgenden in der seinigen fest.

»Natürlich!« murmelte er. »Er fragt! Er weiß gar nichts! O, wenn ich nur

wüßte, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen

und Ohren hattet!... Dich hatte sie lieb!« ...

»Mich?« wiederholte ich durch eine See von Wonne und -- Angst, nach

einem unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.

»Wen denn anders?« fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich

fühlte, wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tödliche

Angst in mir, hatte darin ihren Grund, daß ich wußte, was dieses Zittern

bedeutete.

O Vetter Just! Vetter Just!

Als ob er mit einem anderen spräche, den Blick in die Weite gerichtet,

fuhr Just Everstein fort:

»Da saß ich, der dumme, übergeschnappte Bauerjunge, um so manches Jahr

älter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote,

zwischen meinen Düngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah

alles wie im Traume und doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, daß

ich der Gescheiteste von der Gesellschaft war, denn der ist und bleibt

Freund Ewald, der ohne allen Traum und Duselei ebenfalls ganz klar sah

und ganz genau wußte, wie er zu der Komtesse Irene stand und sie zu ihm.

Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Gründe in die Welt und nach

Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause. Wie Vieles möchten wir

anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da sitzt _sie_; --

horch, und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu ihrem

sterbenden Kinde; und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch möglich

gewesen wäre, daß dies alles hätte anders sein können!... Von ihr und

Ewald rede ich auch gar nicht; da wird noch lange Zeit hingehen, ehe die

Menschen es für etwas Selbstverständliches halten werden, auf der Erde

zu ihrem Behagen unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen. _Nach

deinen Versäumnissen_ möchte ich dich fragen, Fritz! nimm es mir nicht

übel; -- es findet sich aber vielleicht keine bessere Stunde dazu in

unserem Leben als diese gegenwärtige sehr melancholische und sehr -- ich

weiß nicht, wie ich mich darüber ausdrücken soll!«

Er sagte es wirklich, daß er nicht wisse, wie er sich über diese Stunde

ausdrücken solle. Hätte er ein Wort dafür gefunden, so würde er freilich

die deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was

mich anbetraf, so war es nicht nötig, daß er noch ein Wort fand oder

erfand für sich. Ich wußte bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner

Seele hinein, was er mir deutlich zu machen gewünscht hatte.

Aber ich?!......

In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut

unsere Namen. Der Vetter Just und ich, kamen an diesem Abend nicht mehr

dazu, unsere Privatangelegenheiten weiter zu erörtern. Gegen Mitternacht

starb das Kind.

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten · 第 7 / 13 题