Die beiden Mädchen unter ihren breiten Sommerstrohhüten glühen freilich

wie die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich

unser alter Fährmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu

Ehren seines Flusses gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem

anderen Ufer, der Vater Klaus bekommt seinen Fährlohn und ruft uns nach:

»Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wünsche

ich mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn

mal der Mond voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist.

Und mitsingen tu' ich auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer über

der Bratpfanne alle hübschen jungen Mädchens hüben und drüben in den

schönsten Liedern vom Jahrmarkt mit besungen.«

Es schlägt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend,

die Mützen und die Taschentücher schwenkend, unseren Weg auf dem

Schifferpfade durch Weiden, Röhricht, über die harten Kiesel und

Flußmuscheln fortsetzen stromabwärts.

Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine

Ruderstange gelehnt stehen und sieht uns nach -- lächelnd,

kopfschüttelnd und eine Prise nehmend. Er hat zu allen diesen drei

Äußerungen seiner Meinung und Ansichten über uns vollkommen die

Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf irgend etwas

Schriftliches einzulassen.

Siebentes Kapitel.

Es ist, als schwände der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne.

Aber wir erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben

werden, so wird er hoffentlich um so näher zu Sinn und Herzen wirken und

also in der einzig wahren Weise ganz realistisch da sein. Mein Wort

darauf, wir wissen Bescheid und stehen mit den echten Wirklichkeiten

oder Realien in dieser Welt auf ganz gutem Fuße und verkehren

miteinander nicht bloß in Schlafrock und Pantoffeln -- denn das will

nicht viel bedeuten! -- sondern auch dann und wann im Fest- und

Feiertagskleide, und das will viel sagen!

Nun quer landein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glücklicherweise

nur noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof

erreichen, und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurück, denn jetzt

hält uns nichts mehr auf demselbigen auf. Die Mädchen wollen zwar

anfangen, ihre Füße nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu

mir wendend, meint grinsend:

»Jetzt ist es ein wahres Glück, daß sie ihren Magen gerade so gut als

wir spüren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. --

Alle Donner, Rührei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie

jetzt ist's mir -- seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute

gewesen! Ho, jetzt will ich nur wünschen, daß dem Vetter diese letzte

Nacht recht lebendig von mir geträumt hat und er sich wenigstens

annähernd anständig auf die Visite eingerichtet hat. Nun, Leute, im

Notfall steigen wir ihm selber in die Rauchkammer und brechen ihm wie

Schillers ganze Bande in seine Würste ein. Die anderen Stücke von ihm,

ich meine Schillern -- kann er ja dann derweilen mit euch

herdeklamieren. Von mir weiß ich Bescheid und sage, erst essen, und zwar

ordentlich, und dann meinetwegen soviel Poesie und Geschichte und

Philosophie und Ästhetik, als ihr wollt und leisten könnt. Was sagst du,

Fräulein Gräfin?«

»Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. Laß aber

jetzt nur das lange Reden, die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am

besten ist's, man macht die Augen zu und läuft zu und denkt sich lang

hin in das Gras in dem Grasgarten unter den großen Birnbaum.«

»Siehst du! Und heute abend müssen wir auch wieder nach Haus. O, ihr

habt ja nicht auf mich hören wollen!«

»Mit einer Mamsell wie du drei Schritte über die Gartenhecke hinaus

spazieren zu gehen, ist wirklich ein Pläsier,« brummt Ewald halb

höhnisch, halb verdrießlich.

Wäre der Weg noch eine Viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie

tief unsere Stimmung noch sinken könnte. Das ist die gewichtige

Viertelstunde, auf die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt

zu unserem Behagen oder Elend. Wir haben diesmal glücklicherweise nur

noch fünf Minuten in einem steinigen, holprichten, ausgefahrenen Feld-

und Hohlwege zurückzulegen, um wieder auf allen Höhen unseres jungen,

taufeuchten Sommer- und Sonnenrausches festen Fuß zu fassen.

»Hurra, der Steinhof!... Vivat der Vetter Just Everstein!« -- -- --

»I, i, wat kümmt mi denn da?« sagte der Vetter. »Das ist aber schön! I,

siehst du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen

und warte auf Trost. Da kommt er mir vierspännig, gerade als ich denke:

Just, jetzt gehst du zum Essen, ohne daß sie Dich suchen, sonst gibt es

noch mehr Spektakel und Unfrieden auf dem Hofe, und du hast gerade genug

für heute davon.«

Er saß wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch, außerhalb

seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und

gähnt und grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang

aufgeschossener Junge von nicht ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener,

aber aus allem rund um ihn und an ihm herausgewachsener Junge. Daß also

alles, was aus ihm noch werden kann, augenblicklich noch in ihm steckt,

ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige meiner fraglichen Leser

vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und erfahren hat, ist

immer klüger als derjenige, welchem er nachher davon erzählt.

»Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in

der Sonne und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig oder ich ziehe dir

mit der Jacke das Fell vom Leibe!« ruft Ewald. »Kinder, jetzt macht er

auch Verse!... Gedankenspiele beim Pflügen!... Als Hannchen in die

Flachsrotte fiel!... Und da hat er den alten Urlateiner, Vater Broeder,

auf dem Feldsteine warm gesessen. Ei, guck mal, Fritze, gerade wie wir

auf dem dummen Gymnasium! Was nicht von oben in den Kopf will, dem kommt

man viel bequemer mit einem anderen Körperteile bei. Hat jemals jemand

so einen verrückten Kerl erlebt? Es ist doch reinewegs nicht zu glauben,

was die Menschheit alles leisten kann. Und dann möchte man sich da nicht

die Haare darüber ausraufen, daß man nicht die Häute mit seinem

Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Götter von Rom und

Griechenland, was gäbe ich dafür, wenn ich der Bauer auf dem Steinhofe

wäre und dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen Grammatik

hier ich!«

»Jetzt höre auf, oder du wirst langweilig, Ewald!« rief Irene Everstein.

»Kommen _Sie_, Vetter Just, und hören Sie nicht auf den albernen Bengel

--«

»Und du bist doch nicht böse, daß wir schon wieder da sind, lieber

Just?« fragt Eva. »Die beiden Jungen sind schuld daran, ich wollte

eigentlich nicht mit --«

»Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann

sitzen wir beide wach zusammen, Just!« sage ich; und der Vetter, blöde,

freundlich, seelenvergnügt und nicht »urverbohrt«, sondern urverschämt

sein glänzend Gebiß im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und

es hat gewiß selten einen anderen Menschen gegeben, der sich so wenig

wie er um diese Lebenszeit gegen Güte und Bosheit der Welt zu wehren

wußte.

Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hülfe aus der Ferne her,

nämlich vom Zaun des Steinhofes.

»Da ruft _sie_ zum Essen! und wir haben gestern ein Rind -- ich will

lieber nicht sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie

sie sagt, geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!«

In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwölf Uhr schlagen. -- --

--

Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf

verstanden, von dem Steinhofe und der dazu gehörigen Länderei, und sie

konnten nichts dafür, wenn sie es nicht ahnten, was für Prachtgewächse

dieser schlechte Boden hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die

über den Zaun rief, und zwar mit einer Stimme, in die der Himmel alles

Gift, was er eben vorrätig hatte gegen die irdischen Zustände,

hineingelegt zu haben schien.

Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mädchen

nämlich, und weiß, was der Vetter an ihr hatte. Er weiß es ebenfalls

heute besser als damals. Damals, das heißt an jenem Tage, schob er uns

sich voran auf dem Feldwege durch den kärglichen Haferacker und brummte:

»Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wäre ich heute allein

nicht nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frühen Morgen an

kopfüber kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach

Gott, ach Gott, wo ich meine Hände habe, soll ich meinen Kopf haben, und

wo ich meinen Kopf habe, da will sie meine Hände sehen. Und dann soll

ich meine fünf gesunden Sinne zusammennehmen und bedenken, wozu mich der

liebe Herrgott in die Welt und hier auf den Steinhof hingesetzt hat. Und

wenn sie nur wüßte, wer ihr all das Elend mit mir eingebrockt hat, sagt

sie. Es muß wohl von weit her kommen, meint sie, und das ist das

einzige, was sie darüber weiß; und ich, Fritz, ich weiß auch nicht mehr.

Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen Großvater dunkel: von den

Zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz, sagt sie, wenn ihr

die Hände anfangen vor Ärger zu zittern, und sie mit der Schürze vor den

Augen abgeht und ich auch und ihr doch nichts in der Wirtschaft in den

Weg lege, sondern sie mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier

auf dem Steinhofe. Und denn werde ich doch auch erst nächste Ostern

übers Jahr mündig und mein eigener Herr!«

Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren

Arm in den des armen Teufels und sagt:

»Bitte, Herr Just!«

Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung;

aber bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm

sie mit den Leuten umzugehen wußte.

In diesem Moment aber war es natürlich Herr Ewald Sixtus,

Untersekundaner usw., der's bewies, wieweit man mit einer guten Lunge

und mit zärtlich tuender Unverschämtheit in der Welt reicht. Mit der

ersten erschütterte er durch einen Jubelschrei die Lüfte auf eine

Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten sprang er über den Zaun des

Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an den Hals:

»Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch

belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus

über die Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pfötchen. Gibt

sie dir aber auch einen Kuß, so morde ich dich heute abend auf dem

Rückwege. Lebendig kommst du dann nicht wieder auf Schloß Werden an. Und

nun rasch, Jule, Sie wissen es, daß Sie für mich zum Fressen sind! Rasch

-- jeder holt sich Messer und Gabel und seinen Teller selber aus der

Küche.«

»O herrje, herrje -- und die jungen Damens auch wieder!« rief die

wackere Haushälterin und Vormünderin auf dem Steinhofe, ächzend sich aus

den Armen ihres stürmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei

machend. »Ich habe es seiner Mutter im Kindbett und Totenbett

versprochen, daß ich solange bei ihm aushalte, als er mich bei sich

behält!« sagte sie von ihrem ersten Liebling -- dem Vetter Just

Everstein.

Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch;

letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen

Kattunschürze unnötigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.

»Aber das ist mal schön! Nehmen Sie es nur nicht übel; aber es ist mein

Schicksal! jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem

Steinhofe, und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht

aufzufinden und abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen:

Just, jetzt paßt du mir aber auf die Gottesgabe morgen früh, so geht er

durch mit seinen Lateinbüchern, und ich sitze allein mitten drin in der

Wirtschaft und den Tagelöhnern. Was daraus werden soll, weiß ich nicht;

na, aber Essenszeit ist's freilich jetzo längst, und nächste Ostern

übers Jahr wird er einundzwanzig alt und sein eigener Herr. Ach Gott,

gnädigstes Fräulein Gräfin, Ihr Herr Vater sollte nur einmal einen

einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und -- Ihre Mutter auch, Herr

Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja auch ein

Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt

und bei anderen Leuten.«

Achtes Kapitel.

Wie viele schöne, geistreiche, vornehme Menschen habe ich auf meinem

Lebenswege kennen gelernt!

Auf die körperliche Schönheit am Menschen achte ich sehr genau und mit

größester Teilnahme und bin noch heute imstande, einen ziemlichen Umweg

zu machen, um ihr in den Gassen und Häusern begegnen zu können. So bin

ich zu der festen Überzeugung gelangt, daß ihrer nicht weniger wird in

der Welt.

Geist ist im Überfluß vorhanden. Dies weiß ja ein jeder selbst am

besten. Wer glaubt nicht, von seinem Überfluß an Tausend und aber

Tausend reichlich abgeben zu können?

Von der Vornehmheit brauche ich eigentlich gar nicht zu reden. Ich habe

da nur sehr wenige kennen gelernt, die sich in ihrem innersten Herzen

nicht zum allerhöchsten Adel der Schöpfung rechneten und jedwede

Vernachlässigung, ein jeglich Übersehenwerden dieser schmeichelhaften,

aber wahren Tatsache nicht mit den grimmigsten Zügen in das goldene Buch

ihrer Selbstschätzung eintrugen. Und je kälter sie dabei lächelten,

desto schlimmer war's für den schnöden, mehr oder weniger unbewußten

Gleichmacher. Er sank jedenfalls sehr tief in ihren Augen und sofort

unbedingt aus allem Anrecht auf irgendwelche Berücksichtigung ihrerseits

vollständig heraus. Und das war recht -- ist recht und -- wird recht

bleiben; denn es ist allzu angenehm und kitzelt zu süß um das Zwerchfell

herum, um jemals von _uns_ als Recht aufgegeben zu werden.

Nun hinke ich hier durch den kümmerlichen Hafer seines Feldes hinter dem

Vetter Just her. Hübsch ist er nicht, schön noch weniger. Geistreich hat

ihn noch niemand genannt, und was seine Vornehmheit anbetrifft -- nun,

so hat er es ja selber gesagt, daß er mit dem etwas recht fraglich

gewordenen Wappen seiner Ahnen über seiner Stalltür nicht das mindeste

mehr anzufangen wußte.

Was ist es nun, das diesen lang aufgeschlodderten, wehleidig-verblüfft

um sich stierenden großen Jungen uns als ein Ideal alles dessen, was die

Jugend lieb hat an der Sonne, der Erde, den Weibern, den Professoren und

den Königen, hinstellte?

Eine ganz einfache Sache; nämlich, daß er von allen diesen schönen und

herrlichen und großartigen Dingen und Wesen etwas an sich hatte, und

zwar das, was die Jugend am ersten und mit der glücklichsten Bewunderung

aus ihnen herausfühlt. Die, welchen das zu hoch klingt, haben nie

zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre an einem Julitage

auf der Erde lang ausgestreckt gelegen und, die Hände unter dem

Hinterkopfe, sich -- die Sonne ins Maul scheinen lassen, wie die

Redensart lautet. Sie haben nie die Großmutter am Winterofen erzählen

hören und sie nachher auf dem Sterbebette gesehen; sie haben nie die

Wellen rauschen hören, die Aphrodite gebaren; und auf das Rauschen und

Leuchten der hellen Sommerkleider im Walde hinter ihnen haben sie auch

wenig geachtet. Ihnen hat es, was die Gelehrten anbetrifft, nie

imponiert, was die verrückten Kerle im Laufe der Jahrtausende alles

möglich gemacht haben. Ganz umsonst für sie ist Alexander von Macedonien

bis zum Indus vorgedrungen und hat sich von dem König Porus durch

Heldenhaftigkeit gutwillig besiegen lassen. Heldenhaftigkeit ist nicht

in ihnen; sie haben nie die Lebensbeschreibungen des Plutarch unter das

Kopfkissen gelegt oder die Kirschblüten im Garten auf sie niederfallen

lassen.

Heldenhaftigkeit, und somit die Sonne, das Geheimnis und Wunder der

Erde, das Weib und die Wissenschaft steckten in dem Vetter Just

Everstein:

»Das ist ein ganz drolliger Patron!« sagten diejenigen, welche es

immerhin noch ganz gut mit ihm meinten und ihre wahre Meinung über ihn

nicht zu schroff äußern wollten.

»Kennen Sie diesen schnurrigen Kauz, den sogenannten Vetter Just noch

nicht?« fragte sich die Gegend weit umher und fügte, ohne die Antwort

abzuwarten, hinzu: »O, dann lernen Sie ihn doch ja recht bald kennen; es

wird Sie nicht gereuen.«

»Düt is 'nen ganz verrückten Minschen,« meinte der zum Steinhofe

gehörige Teil der in diesem Augenblicke in diesen Memorabilien um den

Eßtisch auf dem Steinhofe versammelten Tafelrunde. Die das sagten -- die

Knechte, Mägde und Tagelöhner des Steinhofes --, hatten recht,

vollkommen, zweifellos recht: der Vetter Just Everstein war ein ganz und

gar verrückter, das heißt ihnen und noch vielen anderen gänzlich ins

namenlose Weite entrückter Mensch.

Es war eine Bauernstube der alten, rechten Art, in der wir uns jetzt mit

zu Tische setzen. Und es ist der richtige alte Tisch mit den richtigen

Näpfen und Schüsseln darauf. Es hat seit dem Jahre 1838, in welchem

Jahre der Freiherr von Münchhausen seinen Gastfreund, den Baron

Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher, in der Boccage zum Warzentrost als

Syndikus bei seiner Luftverdichtungs-Aktienkompanie anstellte, manch

liebes Mal mehr Voll, ein Viertel, Halb und Dreiviertel auf dem

Kirchturme von Bodenwerder geschlagen. Der Fortschritt ist

wieder ungeheuer gewesen; unsere Bauern sind die »Herren

Ökonomen« geworden und gründen längst selber Zuckerfabriken und

Luftverdichtungs-Aktiengesellschaften. Ihre Jungfern haben sich

»mamsellen« lassen und werden Fräuleins genannt. Fräulein Emerentia von

Schnuck-Puckelig ist eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom

Oberhofe ist zu einem schönen Phantasiebild geworden: der treue Eckart

-- diesmal Karl Leberecht Immermann genannt -- hat wieder einmal

vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand erhoben. Wir haben uns

ein Unterhaltungsstücklein aus seinem weisen, bitterernsten Buche

zurecht gemacht; -- kehren wir rasch auf den Steinhof zurück. Was bleibt

auch mir anderes übrig, als _mir_ heute aus den Zuständen

der Vergangenheit eine angenehme Gegenwartsunterhaltung

künstlerisch-chemisch abzuziehen und das ^Caput mortuum^ in den

frischesten Wind zu streuen, der augenblicklich vor dem Fenster weht?!

Sie saß schon um den Tisch, die Hausgenossenschaft des Steinhofes, als

wir dran und drüber hinfielen. Und da Jule Grote vollständig recht hatte

und der Meister bis jetzt noch fehlte, so ging es um ein Beträchtliches

weniger lehrhaft an der Tafelrunde zu als damals auf dem Oberhofe, als

der Jäger zum ersten Male der Unterhaltung zwischen dem Hofschulzen und

seinen Leuten zuhörte.

Große Bohnen und gekochten Schinken gab es heute auch hier wie damals

auf dem Oberhofe, als der Jäger dort zum ersten Male seinen Platz am

Tische einnahm.

Auf des Meisters Stuhl, obgleich er kein Meister war, saß der Vetter.

Ihm zur Rechten Jule Grote, ihm zur Linken Irene Everstein. Der

zur Seite saß Eva Sixtus und ihr gegenüber ich, neben der

grimmig-klugäugigen Haushälterin und unbestrittenen Herrin des

Steinhofes. Dem Freund Ewald gegenüber lag schwer auf den Tisch hin der

Oberknecht, ihm zur Seite saß die Großmagd, und die anderen bis zum

Hofjungen schlossen sich in bunter Reihe an. Millionen von Fliegen waren

gleichfalls vorhanden, auch Bienen und anderes Flügelgesindel kamen aus

dem Garten und der übrigen freien Natur, gerade wie wir von Schloß

Werden, ohne vorher um Erlaubnis anzufragen. Die Temperatur in der

niedrigen Stube war sehr hochgradig; die Balken der geweißten Decke

drückten schwer herab, und es half gar nichts zur Kühle, daß die

schmalen, niedrigen Fenster geöffnet standen. Über die Schwelle der

offenen Stubentür traten Hahn und Hühner mit erhobenen Füßen ungeniert

und ließen auch ihre Naturlaute nicht etwa blöde auf dem Hofe zurück.

Hund und Katze konnten frei ein und aus gehen, hielten sich aber so

dicht als möglich an uns; und da sie nicht auf dem Tische geduldet

wurden, so trieben sie sich wenigstens unter ihm herum und warteten mit

nervöser Ungeduld auf alles, was von ihm für sie abfiel. Von der Wand

hinter dem Vetter Just mahnten die zehn Gebote, sehr bunt unter Glas und

Rahmen, zu ihrer Beobachtung. Hinter dem kleinen Spiegel zwischen den

Fenstern fehlten die Pfauenfedern und neben ihm der Kalender des

laufenden Jahres nicht. Seltsam berührte (ich darf diese kitzelnd

zugespitzte, moderne Redensart an dieser Stelle wohl anwenden) nur der

Ofen hinter mir, und nicht als solcher, sondern durch das, was auf ihm

stand. Auf ihm stand nicht etwa der alte Fritz in Gips mit seinem

Krückstock oder der Kaiser Napoleon mit untergeschlagenen Armen (beides

hätte durchaus nicht seltsam berührt!), sondern es stand da in einem

hübschen Miniaturgipsabguß, wenngleich ziemlich gelb angeschmaucht, --

die mediceische Venus der gesamten Tafelrunde des Steinhofes gegenüber.

»Und da ich sie mir einmal von so 'nem wandernden Italiener mit seinem

Brett auf dem Kopfe angeschafft habe, so bleibt sie da auch stehen,

Fritz!« hatte mir der Vetter gesagt. »Es braucht ja keiner 's

anzugucken, wenn er nicht mag; -- ich habe mein Geld dafür gegeben,

Fritz. Sieh mal, ihr anderen und dann alle berühmten Menschen in der

Welt habt nur das vor uns voraus, daß ihr euch vor dergleichen nicht

fürchtet und schämt. Guck mal, mir geht es noch schwer ab, daß ich

darüber rede, und ich täte es auch ganz gewiß nicht, wenn du nicht auch

mit den anderen deine schlechten Witze darüber gemacht hättest. Laß mir

aber nur mal einer einen mit dem Besenstiel dran rühren! Dafür hat die

weiße Gipsmadam doch zuviel gekostet!«

Dieses letzte Wort bringt mich auf die wenigstens auf dem Papier noch

gegenwärtige Stunde zurück.

»Anderwärts als hier auf dem Steinhofe esse ich sie nicht, und wenn der

Tod darauf stünde,« sagt Ewald, schmatzend wie eines jener

unwählerischen Tiere, für welche der Schöpfer die wackere Hülsenfrucht

^Vicia faba^ hauptsächlich erschaffen haben soll. »Evchen mag sie nur

ihres Geruches in der Blüte wegen, und Irene ißt sie nur, weil sie

schauderhaft hungrig ist und meinetwegen; nämlich weil sie im Heroismus

nicht hinter mir bleiben will. Fritze frißt natürlich alles herunter,

ohne darüber nachzudenken; und Sie, Jungfer Grote, bitte, noch 'n Stück

aus dem Fetten. Schad't nichts, wenn auch ein bißchen nah vom Knochen.

Die Würmer sind ja mit im Kessel gewesen, Jungfer Jule --«

»I, so höre einer! Ein ganz nichtsnutziger Junge bist du,« stammelt die

Wirtschafterin des Steinhofes, »und --«

»Und beißen einen Sekundaner, den seine Herren Lehrer längst schon _Sie_

anreden müssen, nicht mehr.«

Ein breites, glänzendes, zähnefletschendes Grinsen geht um den ganzen

Tisch. Die Knechte stoßen ihre Nachbarn mit dem Knie an, die Mägde

kichern, und nur der Hofjunge schlingt ungerührt weiter.

»I, so soll mich doch!... Nun höre einer!... Ach, herrje, bist du auch

schon so lateinisch? Du?... Was kosten denn jetzt die Rohrstöcke bei

euch auf Schulen? Sind wohl höllisch dies Jahr mißraten in Hinterpommern

oder wo sie wachsen, weil du mir hier Glocke Zwölf am Tage so kommst wie

ein Maikäfer, wenn's Abend wird?! Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch

noch in Grund und Boden; und er ist es auch allein, der alle Augenblicke

mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe her vagabundiert, daß Sie,

Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch mehr aus seinem

Menschenverstande heraus verführen, was eine Sünde ist, mehr als ich

sagen kann, und was seine Schwester auch wohl weiß, und wenn ich nur

nicht die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhofe hätte, so

wollte ich schon noch mehr sagen; aber die gnädige Frölen Gräfin darf's

mir dreiste glauben, ich nehme es keinem übel, wenn er es anders gewohnt

ist bei Tische, und große Bohnen sind freilich nicht jedermanns Sache,

da hat der Junge recht.«

»Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote,« lachte Irene Everstein, mit

ihrer Gabel auf Freund Ewald deutend, »so sollte ich nur mal 'nen

Augenblick lang Ihren großen Löffel da in der Hand haben! Ach, herrje,

ich würde ihm Deutsch auf sein Lateinisch geantwortet haben. Und

übrigens haben sie ihn auch nur deshalb mit nach Sekunda genommen, weil

er ihnen für Tertia zu lang geworden ist. Wachsen kann jeder, und wir

auch; nicht wahr, Eva?«

Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:

»Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.«

»Bleib sitzen, das will ich dir besorgen,« sagte der Vetter Just,

gleichfalls aufstehend. »Du weißt doch, Irene, daß dir die Winde zu

schwer ist. Es springt hier nicht so bequem aus einem Löwenmaul wie bei

euch auf Schloß Werden.«

Er erhob sich tölpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und

ich, wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in

der Erinnerung der fernen Vergangenheit, daß mir das bemerkenswert

erscheint. Ich schätze es übrigens jetzt für ein Glück, daß die

Feinfühligkeit nicht bei allen Menschen mit den Jahren wächst. Wer würde

es aushalten können in einer Welt, in welcher dieses die Regel wäre und

die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es auch nicht zu

Vermögen bringen könnten?

Jule Grote sah ihrem vierschrötigen, langen, unmündigen Mündel mit einem

Ausdruck von verdrießlichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben

läßt. Sie hob den Löffel zum Munde; aber sie ließ ihn wieder auf den

Teller sinken und brummte:

»Da danke einmal einer dem lieben Herrgott für die gute Gottesgabe!« und

dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:

»Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und

hierher auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht

brächtest du ihn noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn

und Gedanken. Von euch anderen aber ist es mir eine große Ehre und

Pläsier; aber besser ist's doch, ihr bleibt mir soweit als möglich weg

vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und was haltet ihr mir den

Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab? Soweit meine

Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier auf

dem Hofe 'nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht; aber solch ein

nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was

daraus werden wird, weiß ich; und doch liege ich Nacht für Nacht wach

und bitte, daß einer kommt und es mir sagt; gerade als ob ich es wie das

höchste Glück nie genug hören könnte! O ihr junges Volk sollt es nur

auch erst einmal erfahren haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er

sich so an seine Sorge anklammern muß und um seinen Willen gar nicht

gefragt wird dabei!«

Das war gerufen und doch nur über den Tisch geächzt -- »der Leute

wegen«; -- als ob die nicht schon längst Bescheid und den Vetter Just zu

nehmen gewußt hätten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz

bequem so, wie er war; und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in

ihrem Jammer und Ingrimm: der Steinhof mußte zugrunde gehen unter einem

Bauer wie der Vetter Just Everstein.

Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem

Ziehbrunnen für die Komtesse Irene zurückgekommen. Er hat fein ein

Klettenblatt darunter gelegt, und ein Bär könnte es nicht zierlicher

präsentieren. Endlich sind wir alle satt, -- sogar der Junge vom Hofe

ist satt und äußert es durch einen klagevollen Laut, der aber nicht

allein Seufzer ist und auch nicht bloß aus der Tiefe seines Busens sich

emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger gutwillig, wieder an seine

Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am gutwilligsten gehen

sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht vom Schloß

Werden durchgebrannt!

Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges

lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes

unter dem großen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in

unserer Mitte am Stamm des Kirschbaumes und hält die Knie mit den langen

Armen umschlungen. In der Küche hält Jule Grote die Kaffeemühle im

Schoße und schüttelt die Haube und wirft bedenkliche Blicke durch das

kleine Fenster nach ihren Gästen und ihrem in aller Welt nichts nützen

jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehört besser in ein ander

Kapitel, und ich beginne das sofort.

Neuntes Kapitel.

Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den

der Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend

in Erstaunen gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste,

den die Gegend »Vetter« nannte und von dem sie nach jedem

Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im Haar oder mit dem Knöchel des

Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich auf dem Heimwege

fragte:

»Ist denn das 'ne Möglichkeit?«

Der Vetter Just mußte es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen

seinen Ahnen zuvortun; und was zu viel ist, das ist zu viel! »Vieles hat

er von seinem Großvater und seinem Vater, aber nicht alles,« sagte Jule

Grote.

»Der verfluchte Junge. Totschlagen könnte ich ihn alle Tage ein paar

Male!« pflegte sein seliger Vater zu seufzen. »Und totgeschlagen hätte

ich ihn auch schon längst, wenn mir da nicht immer sein Großvater in das

Gedächtnis käme, Nachbar, und ich mir denken müßte, was kann er denn

eigentlich dafür, wenn's ihm einmal im Blut steckt?! Mich hat's wohl

gottlob übersprungen! aber seinen Großvater hättet Ihr kennen sollen,

Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja gekannt, und so müßt Ihr doch auch

sagen, daß so 'ne Weisheit, als der prästierte, auch nicht allenthalben

und immer für Geld und gute Worte zu haben ist. -- So nehme ich ihn denn

am Kragen und schüttele ihn in der hellen Wut, und er sieht mich dumm an

und sagt nichts, oder sagt: Ja, Vater! und dann muß ich ihn wieder

laufen lassen; -- denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl, das müssen Sie

eben nicht tun, Everstein, sondern Sie müssen sich und dem Bengel einen

Zwang antun! aber nun ist denn dieses wieder nicht in _meiner_ Natur.

Ich kann leider Gottes den Grimm und die Wut über den Nichtsnutz nicht

festhalten über dem Nachdenken über ihn. Es ist eben _unsere_ Natur! Was

für die anderen Bauern der Mist ist, das sind für uns hier auf dem

Steinhofe die Hirngespinste und Spintisierereien; und seit Olims Zeiten

ist das so mit uns gewesen. -- Ja, Sie haben recht, Base, daß das nicht

so weiter gehen kann, wenn der Steinhof nicht zugrunde gehen soll, wenn

ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verständig Frauenzimmer,

Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht

vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr

denn hundert Jahren immer wieder 'rausgerissen? Die gütige Vorsehung! So

ist das bei meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiter fort

rückwärts. Und so hat sich noch, wenn die Not am größten war, -- immer

noch ein vernünftig Weibsbild gefunden, dem das Elend jammerte und das

also ein gut Werk an uns tat und -- uns nahm. Von Meiner will ich nicht

reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich sie doch auch

recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Großmutter nun ist, das war

eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur

die Hände zusammenlegen und sagen: Uh jemine!... Und sehen Sie, Base,

auf so eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen

da, und bei allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute

haben uns noch immer aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten

herausgeholt. Denn was Sie auch sagen mögen, Base, angewiesen seid ihr

ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf uns, wenn ihr uns mal

genommen habt, eure uneigennützlichen Gefühle beim Jasagen ganz

unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken,

wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.«

Für die richtige war es wohl noch ein wenig zu früh am Tage.

»Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen,

wie es mein Vater für mich getan hat und den sein Vater für ihn,«

pflegte der Alte einer jeden solchen sorgenvollen Erörterung als Schluß

anzuhängen. Leider erging es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er

starb an einer Erkältung in der Heuernte, ehe er sich nach der Rechten

auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge hatte dann auch nicht weiter

nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein Wachstum in ihnen

hingenommen, wie's ihm kam, unter staatlicher Obervormundschaft und

unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.

Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und

Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm.

Irene hat ihren blonden Kopf in Evas Schoß gelegt und ist dem Schlafe

näher als dem Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hält

seinen Kopf auf beide Fäuste gestützt und starr blinzelnd auf den Vetter

und zuckt mit den Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite

stoßen und sie gleichfalls auf ihn aufmerksam machen möchte. Auch ich

halte in der grünen Kühle die Augen nur mit Mühe offen, aber annähernd

horche ich doch auf alles, was hin und wieder gesagt wird, und gebe auch

wohl mein Wort mit drein.

»Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist

sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich

allen Unsinn ruhig anhören, Vetter Just,« spricht Ewald mit einer Miene,

als ob er noch nie während seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer

einer unverschämten Redensart wegen zur Tür hinausbefördert worden sei.

»Ich denke ja an gar nichts!« antwortet der Vetter Just. »Was sollte ich

denn denken?«

Irene von Everstein, ihre Augen halb öffnend, murmelt:

»Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just.

Er soll drei Bäume weiter gehen und uns hier unter unserem jetzt

ungeschoren lassen. Das ist meine Meinung.«

»Und meine auch!« ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewöhnlicher Energie.

»I sieh' einmal, Jungfer Naseweis! bist du auch noch da? In deiner

Stelle wäre ich längst in der Küche, um Donna Julia Cichoria beim

Kaffeekochen und in ihrem Kummer um _ihren_ dummen Jungen zu

unterstützen. Was ist deine Ansicht von der Sache, Fritzchen?«

»Halt's Maul und laß _mich_ wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.«

»Und dies soll nun nicht grob sein?« brummt das »belebende Prinzip« in

unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: »Bist du mir

böse, Just?«

»Seit dem schönen Wetter zu Anfange voriger Woche habe ich euch hierher

schon voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, daß ihr mal wieder da

seid. Ne, böse bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester

und Fräulein Irene wissen es, daß man auf keinen gern wartet, auf den

man nicht jeden Morgen nach der Witterung ausguckt.«

»Sehr schön gesagt!« brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter

einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wälzend. »Gute Nacht, alle

miteinander! Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich

freundlichst. In Gehörweite für euren Unsinn bleibe ich euch zuliebe.

Na, das Blech!«

Die Sonne liegt auf allen Bäumen des Grasgartens des Steinhofes; aber

die Vögel in den Bäumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen

von neuem an, munter zu werden, um den trotz seiner Länge so kurzen

schönen Tag so vergnügt und glücklich als möglich auszunutzen, -- gerade

wie wir. Die Komtesse sitzt wieder aufrecht und sehr helläugig da. Ihre

Augen glänzen vor mädchenhaft lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:

»Hört nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns.

Rückt alle zusammen; -- und nun sagen Sie, Vetter Just -- es hört keiner

zu als ich und Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es

alle ganz ernst -- haben Sie es hübsch weiter gebracht, seit wir zum

letzten Mal hier auf Besuch waren?«

Mit seinem tölpischsten Lächeln sieht der Vetter in die Ferne:

»Wieso soll ich es denn weiter bringen, wenn ich nicht mal weiß worin?«

»Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so

dumm aus! Damit machen Sie anderen Leuten was weiß, aber uns nicht. Sie

studieren sich immer weiter hinein, bis zum Klügsten von uns allen, und

das sind Sie auch von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht

rot, denn das nützt Ihnen noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie

studieren ja alles rundum verrückt, sagt Jule Grote; -- sich selber --

sie -- den ganzen Steinhof. Und wo das enden will, weiß sie nicht, sagt

sie.«

»Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er für das, was einem anderen soviel

Vergnügen macht, soviel Prügel von seinen Herrn Lehrern gekriegt hat,«

meint Evchen Sixtus schüchtern, und: »Unsinniges Volk!« klingt es von

dem Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.

»Ja, es ist ein Spaß!« sagt der lange, im nächsten Jahre mündige Vetter

Just Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und --

heute weiß ich genauer als damals, was das Auslachen und

Ausgelachtwerden unter den Menschen bedeutet seit den Tagen des Urvaters

Noah. Ich lache viel seltener als damals aus eigenem Antrieb, und noch

viel seltener lache ich mit.

Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem

Stachelbeerbusche her:

»Hu, der alte Broeder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf,

Fritze! Uh; na, _mein_ Junge soll's besser haben als ich.«

Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von

jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch

her.

»Es ist die lateinische Grammatik gar nicht,« stottert der Vetter.

»Sondern deines Großvaters ganzer Bücherschrank, den du mit dem

Steinhofe von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte,

Blanks Geographie, der ganze Schiller, Goethes Götz von Berlichingen und

Werthers Leiden, Engels Philosoph für die Welt, Nathan der Weise, Minna

von Barnhelm, Emilia Galotti, das Mildheimische Not- und Hülfsbuch, das

Mildheimische Liederbuch, Beckers Weltgeschichte und die Geschichte von

dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi --«

»Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben?« fragt der Stachelbeerbusch.

»Bis jetzt habe ich gemeint, daß der nur den General Wallenstein nicht

mit ermordet hat.«

»Ach, das war ja ein ganz anderer!« ruft Eva Sixtus noch einmal

gutmütig, und:

»Halt' endlich deinen Mund, Sixtus!« rufe ich auch noch einmal, aber

gutmütig gerade nicht, und:

»Wer spricht denn eigentlich mit euch?« klingt es unverschämt zurück.

»Nicht einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk?

Natürlich, der Herr Vetter darf ruhig am hellen lichten Tage

nachtwandeln gehen, ohne daß es einem anderen auffällt als höchstens der

Jungfer Jule. Schön also -- und noch einmal gute Nacht!«

Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann

sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem

Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just

Everstein unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem

Nachtwandeln hin an.

Er läßt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr

nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig

in die Höhe, hat mich dabei, ohne daß ich den geringsten Widerstand zu

leisten imstande bin, mit emporgezogen und sagt:

»Komm' du mal mit, Fritz. Ihr anderen könnt uns rufen, wenn der Kaffee

fertig ist.«

Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt über den Kameraden

unter dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich,

und ich weiß schon _wohin_; denn es ist nicht das erste Mal, daß er mich

in dieser oder doch einer ganz ähnlichen Weise abseits führt. Und ich

weiß auch schon _wozu_; denn es ist nicht das erste Mal, daß er sich an

mich hält, wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel

werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe ich sehr ernsthaft aus,

wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben wollen und sich

auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben. Ich habe im

Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen

ausgegeben und eingebüßt, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und

vergnüglich nehmen zu können: -- ach, armer Vetter Just, und wie fest

und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine

Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen,

guten, großen Lebensweg! Mein bester Trost ist da heute, daß dir damals

noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre, wenn ich dir mit der

vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe

springen können!

Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem

Steinhofe ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht

hat über Wälder und Felder, ferne und nahe Hügel und Berge, eine

Aussicht, so gut sie eben ein Blick dem Lande Westfalen zu liefern mag.

Die Wände sind vor fünfzig Jahren vielleicht zum letzten Mal geweißt

worden. Der Gipsfußboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen

Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schräg von dem Fenster

der Tür zu. Urväterhausrat ist der Ofen, der Tisch und die zwei Stühle.

Urväterhausrat ist der Schrank, der des Großvaters Bücherei enthält. Ein

gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in

welcher der Vetter, ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit, auf

Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und

kugelartigen Deckbett.

»Er ist ein Monster in allem, was er tut und läßt!« stöhnt Jule Grote

jedesmal, wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn

sich mit Gewalt erobert.

Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat,

befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines

Heiligtums. Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen,

dann wendet er mir ein von verschämtem, aber glückseligstem Lächeln

verklärtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:

»So! Nun laß sie kommen!... Willst du eine Zigarre, Fritz?«

Ich weiß, obgleich ich selber nichts weiter als ein »dummer Junge« bin,

womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein

kann, wie niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier

Wänden muß von sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein:

_Dschinnistan_ ist für uns _beide_ da; die träge Verdauungsstunde unter

den Bäumen des Grasgartens, aus dem wir eben die Treppe heraufgekommen

sind, ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert entrückt. Ich sitze

auf dem Bette des Vetters, und er hält mir das brennende Schwefelholz an

den dargebotenen Glimmstengel und flüstert glänzenden Auges:

»Langreuter, ich habe ihn heraus!«

Es ist ein süßes Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich

doch darüber und zwischen dem Husten frage ich:

»Wen hast du heraus, Just?«

Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit

dem Hinterkopf an die Wand.

»Den ^Magister matheseos^!... Es ist, weiß Gott, richtig! Das Quadrat

der Hypotenuse ist wahrhaftig so groß wie die Summe der Quadrate der

beiden Katheten am rechtwinkeligen Dreieck!«

Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betäubt haben mich

der körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht, daß ich

nicht mit Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem

Hurra aus gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des

Vetters teilnehmen könnte.

»Das ist famos! das ist brillant! Just, das ist großartig!... Und ganz

allein aus dir selber; -- das ist riesig --«

»Ich habe dich auch bloß dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du

nur noch zu brüllen: das ist borstig! das ist haarig! -- und wir können

wieder zu Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!«

Es kommt einem gewöhnlich erst lange, nachdem man alle seine Examina

hinter sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen großen Herren aus

Dschinnistan umzugehen, und -- den meisten kommt es gar nicht. Die

lobwürdigsten Examina in sämtlichen Brotfächern tun da nicht das

geringste zur Sache. Mit wahrer Subtilität will nur immer das behandelt

sein, was hinter dem berühmten Kanzler Oxenstierna steckt, nicht der

wenige Verstand in ihm -- nach seinem eigenen Wort --, der dazu gehört,

um die Welt militärisch und ziviliter zu verwalten.

»Du hast recht, Vetter,« sage ich kleinlaut zurück; »vergib mir nur noch

mal das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Daß ich

mich riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weißt du ja. Und daß du ein

nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen alle

miteinander, das weiß ich. Und jetzt komm' hierher an den Tisch und

beweise mir das nichtsnutzige Untier von Lehrsatz gleichfalls. Was die

verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut gekostet hat, das wissen die

Götter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine Force, aber drei

Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen, die er

sich darüber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß ich es

fest: er trägt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopfe gewachsen ist,

und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.«

»Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen, Fritz,«

meint der Vetter.

»Dann kannst du dich fest darauf verlassen, daß es gar kein Witz ist,

sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald

danach.«

Nun hängen wir über dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist

mir den Magister. Es müßt ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem

Erben und Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum

Aufgucken zu veranlassen. Er verwickelt sich und gerät auf falsche

Fährten und gerät auch sich mit der Faust in den blonden Haarwulst. Er

findet sich wieder zurecht, und es wird licht und immer lichter vor und

in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und sein

autodidaktischer Triumph vollständig.

»Hurra!... Weiß Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf

der Brust!... Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus

dir selber?...«

»Und aus Büchern!« sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als

ein junges Mädchen, dem man zum ersten Mal sagt, daß es hübsch sei. Die

junge Dame auf dem Ball erfährt da natürlich nichts, als was sie sich

schon längst selber mitgeteilt hat; der Vetter Just aber weiß von

nichts, was ihn selber angeht, und glaubt am meisten noch der Mamsell

Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu hören gibt, daß er der größte

Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der liebe Herrgott in

seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof habe

hinsetzen können.

Von den »Büchern« kommen wir natürlich auf des Großvaters Bücherschrank.

Dschinnistan -- Genieland, Geisterland öffnet seine Pforten immer

weiter. Wir haben längst alle Berechnung darüber verloren, was es in

Bodenwerder geschlagen haben mag auf dem Kirchenturme. Wir kümmern uns

nicht im geringsten darum, daß es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt,

die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft

immer von neuem aufgezogen wird.

Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:

»Ja, gleich. Im Augenblick!«

Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und

er hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewußt. Wir

haben das helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt

und gefühlt, daß es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem

Julinachmittage ziemlich schwül sei trotz dem offenen Fenster; aber wir

haben auch diesen Lockungen nicht Folge geleistet, sondern nur

wiederholt:

»Ja, gleich! Wir kommen ja schon!«

Damals brummte mir der Kopf, als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit

Hülfe des Hofjungen vom Schafstall herüberschleppte, sie am Hause

emporrichtete und plötzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank

und unbändig Geschrei uns mit roten Köpfen und offenen Mäulern aus

Traumland und der Literatur vom Ende des achtzehnten und Anfang des

neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der Wirklichkeit und in die

Gegenwart zurückriß. Heute weiß ich ganz genau, wie das Schicksal,

wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase, über den Vetter Just

Everstein dachte, nämlich:

»Höre, lieber Sohn, Dich kenne ich wie alles übrige gut genug, um dich

wie alles übrige auswendig zu wissen. Du würdest mir ein netter Hahn

geworden sein, wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist

gesetzt hätte, der dir heute dein Ideal ist. Dich hätte ich wohl

verbrauchen sollen als dyspeptischen Professor der Philologie und

dysoptischen Doktor der Philosophie, -- nicht wahr?! Ne, ne, nicht

rühran! Hier wächst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe auf deinem

angeerbten höchst realen väterlichen Dünger und in der Gesellschaft von

Jule Grotes Ferkeln und Küken auf. Nachher werden wir weiter sehen und

den Kerlen mit ihren Systemen beweisen, daß doch auch in unserem

Durcheinander und Kopfüber Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist!

Bitte, geniere dich ja nicht, du Tropf! rede mir nur drein und zappele

dich ab, um dir und mir meine Widersinnigkeit zu beweisen. Es haben mich

schon ganz andere Völkerschaften und Herrschaften für absolut ungereimt

erklärt und das mir sogar auch schriftlich gegeben; ich habe aber

zuletzt immer doch noch einen ziemlich passenden Reim auf sie zu finden

gewußt. Nur schade, daß ich nicht wie ihr sagen kann: Wer zuletzt lacht,

lacht am besten.«

Zehntes Kapitel.

»Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!«

Es schläft auf allen Hügeln in der Ferne der Erinnerung für den rechten

Menschen: die Sonne mag ihm noch so häufig hell und scharf aufgegangen

sein im Leben.

Und Porzia sagt:

»Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:

Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!«

Und Porzia sagt:

»Horch, Musik!«

»Es sind die Musikanten _Eures_ Hauses,« antwortete Nerissa; und -- ^one

touch of nature makes the whole world kin:^ wer möchte nicht immer so

nach Hause kommen bei Mondenlicht und wenn der Schein der heimatlichen

Lampe durch die Bäume flimmert und des Hauses Musik dem Heimkehrenden,

der den heißen Tag mit seinen Freuden, Nichtigkeiten und

Widerwärtigkeiten durchwanderte, leise und wehmütig, aber süßer und

herzlösender als alles, was der Tag zu bieten hatte, von fernher

entgegenklingt?

Das ist nicht bloß in Belmont so gewesen, das war lange vorher so, ehe

Venedig existierte, und wird hoffentlich auch wohl noch so sein, wenn es

längst wieder in dem Sumpfe, aus dem es emporstieg, versunken ist.

Wie oft sind wir so heimgekommen, wir glücklichen Kinder damals?! Aus

den grünen Wäldern und aus den bereiften Wäldern. Aus der Maiblumenzeit

und aus dem Herbststurm. Von der Johanniswürmerjagd und vom Eislauf. Sie

behaupteten dann jedesmal, daß sie sich recht sehr um uns geängstigt

hätten; aber dieses gehörte ja ganz und gar zu der Musik, mit der uns

die Heimat empfing, und wer möchte in späteren Jahren einen Ton der

besorgten Liebe, die früher auf ihn achtete, in der Erinnerung

vermissen?

Sie haben es uns nicht merken lassen, oder aber wir haben auch wohl

nicht darauf geachtet, daß viel grimmigere Sorgen als unser spätes

Nachhausekommen das Schloß Werden ängstigten. Der Herr Graf hat es

seiner Tochter nicht mitgeteilt, welch einem schlimmen Shylock mit

Messer und Wagschale seine Existenz verpfändet war. Er hat seine

Lebensnot für sich behalten, wie meine Mutter ihre Ahnungen davon

gleichfalls nicht laut werden ließ. Selbstverständlich haben doch viele

Leute darum gewußt; _wir_ aber nicht, denn zu den »Leuten« gehörten wir

eben damals noch nicht. Es gehört erst das richtige Alter dazu, ehe man

zu seinem eigenen Schaden von der Welt unter jenes Sammelwort mit

einbegriffen wird.

Daß es schlecht um den Steinhof stand, wußten wir; denn Jule Grote tat

ihrer Zunge keinen Zwang an in ihren Warnungen und Vorwürfen, mit denen

sie ihn (den Vetter Just _einbegriffen_) immer noch zu retten oder, wie

sie sich ausdrückte, »herauszureißen« hoffte; -- aber wie schlimm es um

Schloß Werden stand, das haben wir erst erfahren, als nichts mehr

herauszureißen war. Die Leute hatten eben viel zu viel Respekt vor dem

Herrn Grafen, um ihm mit ihren Warnungen, Redensarten, gutem Rat und

Vorwürfen zu kommen.

Aber aus Kindern werden Leute. Die Zeit steht nicht still; -- weder in

dem grünen Walde noch im entblätterten, weder über der Weizensaat noch

über dem Stoppelfelde, nicht auf dem Flusse noch diesseits und jenseits

desselben, weder in Bodenwerder noch auf dem Steinhofe und auf Schloß

Werden.

Wir sind vier oder fünf Jahre älter geworden und, was uns Knaben

anbetrifft, eben dem Gymnasium entwachsen. Ich habe mich der Philologie

gewidmet und treibe die dahin einschläglichen Studien in der großen

Stadt Berlin; was daraus werden wird, ist mir augenblicklich noch recht

dunkel; ich habe eigentlich nicht gerade viel Lust, später einmal den

gelehrten Schulmeister zu spielen und meinesgleichen wiederum

heranzubilden und groß zu ziehen. Ewald Sixtus befindet sich auf einem

süddeutschen Polytechnikum. Er hat die Absicht, Baumeister, Ingenieur

oder dergleichen zu werden und kostet vor der Hand seinem »Alten« in dem

»billigen« Süden ein Erkleckliches.

»Unser römischer Namensvetter würde wohl andere Saiten gegen seinen

Jungen aufgezogen haben, wenn die Wechsel nie reichen wollten,« brummte

der Alte in dem Försterhause. »Aber der Wildkater weiß es einem immer so

plausibel zu machen, Herr Graf; -- und dann ist da jedesmal, wenn die

Ferien kommen, seine Schwester für ihn da, Frau Langreuter, und geht

einem um den Bart; und so ein gutes Kind wie das Mädchen, Frau

Langreuter, das hat die Gegend hier herum noch nicht weiter aufgezogen;

die gnädige Komtesse ist natürlich ganz anders, ein nettes, vornehmes

Frauenzimmer. -- Ei, sieh mal, Fritze, bist du auch mal wieder da? Ja,

ja, der alte Kessel! Nicht wahr, es rudelt sich doch immer wieder ganz

gut daselbsten? Na, morgen kommt auch mein Junge; da werden ja denn wohl

das stille Leben und die Friedlichkeit für anderthalb Monate ihr Ende

haben.«

Ich sollte nun auch wie der Papa Sixtus von den zwei jungen Damen oder

den beiden Mädchen, Irene und Eva, in zwei Worten ein Charakterbild

geben. Und dies wunderbare Thema läßt sich im Grunde auch wirklich so

abmachen. Sie waren Fräulein, die eben zu Jungfräulein geworden waren;

und sie übersahen uns weit.

»Sie können einen verrückt machen mit ihrer klassisch großartigen

Süffisance,« sagte Meister Ewald und meinte hauptsächlich die Komtesse

Irene. »Ho, ich glaube wahrhaftig, man muß sie erst geheiratet haben, um

ganz genau zu erfahren, was eigentlich hinter ihnen steckt!«

Großartige Selbstgenügsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir

nicht vorzuwerfen; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus, wenn ich

dann und wann ihr Betragen für höchst sonderbar und sie für ein

merkwürdig unberechenbares Frauenzimmer erklärte. Daß man ein

»Frauenzimmer« heiraten könne, war mir in dem Kreise meiner

Vorstellungen als etwas Mögliches und vielleicht auch zu Erstrebendes

noch nicht deutlich und faßlich. Die geniale Äußerung Ewalds in dieser

Beziehung überhörte ich zuerst ganz, dachte dann am nächsten Tage

zufällig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht

als eine kolossale Frechheit und als -- etwas ungemein Interessantes

fest ins Gedächtnis.

Gewachsen sind unsere Nußbüsche an der Gartenhecke nicht mehr; sie sind

aber noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und überschatten

einen weiteren Kreis. Unsere alten Kindernester hängen noch in diesen

Zweigen; aber es sind ausflogene Nester. Die jungen Damen klimmen nicht

mehr zu ihnen empor, und nur Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch

in einem Wipfel das Gedächtnis früherer seliger fauler Stunden in seinem

Busen wach und läßt seine langen Beine mit alter Grazie uns auf die

Köpfe niederbaumeln; denn unser Lieblingsplatz sind die Bänke in diesem

lieblichen Schatten doch geblieben, trotzdem daß wir so sehr erwachsen

und verständig und anständig geworden sind.

Es ist aber einerlei; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle

alten fröhlichen Neigungen. Wir gehen noch von dem »großen Nußbaum« aus

den Unserigen durch; der einzige Unterschied ist, daß die Mädchen (auch

Irene) noch ein wenig mehr Einwendungen zu machen haben, und daß wir es

zu Hause mitteilen, daß wir »ausgehen«, und uns die Erlaubnis nicht ohne

weiteres selbst nehmen. Früher freilich ließen wir alle unsere Sorge den

lieben Angehörigen, heute nehmen wir schon ein gut Teil unserer eigenen

Sorgen auf alle unsere Wege, auch auf die lustigsten, mit uns.

Und da sind wir wieder auf dem Wege, von dem wir erst im Anfange dieses

Kapitels beim süßen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat

zurückkehrten. Es ist wieder Sommer, und wieder steht Mondschein im

Kalender. Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem

Steinhofe; aber nicht nur, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht

dasselbe: auch wenn man zweimal dasselbe tut, ist es gleichfalls nicht

mehr dasselbige. Die Namen, die Adam den Dingen gab, bleiben wohl, und

die Menschheit darf sie dreist dabei nennen; aber flüchtig sind des

Menschen Auffassungen und Begriffe: was er heute so nennt wie gestern,

ist heute nicht mehr das, was er gestern darunter verstand. Wir gehen

tausendmal den nämlichen Weg, aber nimmer wieder denselben; --

Ach, und in demselben Flusse

Schwimmst du nicht zum zweiten Mal.

Gottlob, das Echo in unseren Bergen und Wäldern wachzurufen, haben wir

noch nicht verlernt -- Ewald und ich nämlich.

»Holla, der Steinhof: Heda, he, Vetter! Vetter Just Everstein!«

»Holla, holla, hier!« klingt es zurück, und der Vetter, nunmehr

fünfundzwanzig Jahre alt, kommt langsam und langbeinig, unbeholfen, fett

und äußerlich unsagbar vertiert, die kurze Pfeife im Munde, über seinen

Hof uns entgegen, nach dem Hause zurückrufend:

»Jule, da sind sie.«

Und wieder erscheint Jule Grote auf der Haustürtreppe, um fünf Jahre

hexenhafter von außen und weichmütiger von innen geworden.

»O mein Je, die jungen Herrschaften! Die Ehre und das Vergnügen werden

ja jedesmal größer; denn so wie die jungen Leute, mit Erlaubnis zu

sagen, heranwachsen, das glaubt gar keiner, der es nicht immer von neuem

mit ansieht.«

»Und du hast uns wieder voraufgeahnt, Vetter Just?« lacht Ewald.

»Natürlich! Und sowohl von wegen der Seelenkunde, als der

Witterungskunde. Nach wem habt ihr euch denn wohl am meisten während des

vierzehntägigen Landregens hingesehnt als nach mir. Meteorologie nennt

man dieses, wenn man seine Freunde genau kennt und zu gleicher Zeit mit

der Landwirtschaft zu schaffen hat.«

»Wahrlich, so ist es, Herr Vetter!« lacht auch Irene, die Hände

zusammenschlagend, und Eva lacht auch, und der Vetter gibt der letzteren

zuerst die Hand; denn sie macht sich immer noch von allen am wenigsten

über ihn lustig, das heißt gar nicht; und er weiß das um so mehr zu

schätzen, je »gelehrter« er geworden ist und weiter wird. Der Ernst und

die ernsthafte Teilnahme seiner Umgebung und guten Bekannten hält

selbstverständlich nicht Schritt mit seinen Fortschritten in Bildung und

Wissenschaften. Im Gegenteil, sie bleibt sehr zurück dahinter, und die

gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergnügter, was man ihr schon hätte

hingehen lassen können, wenn nicht leider bereits Leute darunter gewesen

wären, die auf seine »Verrücktheit« _spekuliert_ hätten und eigene

Bestrebungen darauf bauten. _Die_ lachen nur hinter seinem Rücken, und

er hat keine Ahnung von ihnen, trotzdem daß Jule Grote ihn tagtäglich

auch auf das aufmerksam macht und mit der Nase darauf hinstößt.

Die Lacher nimmt er in gewohnter Weise leicht.

»Das ist mir ganz einerlei,« meint er. »Ich denke sie mir allesamt

rückwärts, wie sie alle an ihrer Mutter Brust gesogen oder eine Amme

gehabt haben oder mit Brei aufgefüttert sind, und wie keiner was für

seine Natur kann und ich auch nicht. Wenn ich da muffig werden wollte,

so hätte ich wohl manche andere bessere Gelegenheit zur Wut. Ich habe

doch alles versucht. Ich habe mir eine Kanarienvögelhecke angelegt, und

ich habe mich auf die Bienenzucht geworfen -- oben stehen die Bücher

über beides, und es ist eine ganze Reihe geworden. Ich habe es mit der

wissenschaftlichen Verbesserung der hiesigen Ackerstelle in ökonomischer

Hinsicht probiert und -- oben stehen die Bücher auch, und da habe ich

nicht den tausendsten Teil von dem, was darüber erschienen ist, aber

eine schöne Reihe ist es doch. So wahr ich hier stehe, es ist mir

bitterer Ernst um meiner Väter Erbe, obgleich ich noch nicht einmal wie

sie verheiratet bin und Nachkommenschaft habe. Der liebe Gott weiß es,

wie oft ich mich schon dem Teufel vor Angst und Verdruß hätte übergeben

mögen!«

Dieses pflegte er zu sagen; augenblicklich aber brummt er im höchsten

Behagen:

»Wir sind eben beim Frühstück. Kommt nur rasch herein. Jule!«

»Ich weiß ja schon, Just,« ruft die Alte, die harte treue Hand im Kreise

herumreichend. »Alles, wie es sich schickt. Vorliebnehmen ist auch was,

was der liebe Gott gern hat.«

Da ist nun die alte gute Bauernstube des Steinhofes zum zweiten Mal.

Wieder voll Augustfliegen und mit all dem übrigen Zubehör, -- auch den

Hühnern.

»Alles immer noch so wie sonst,« grinst der Vetter. »Tretet mir nur die

Küken nicht tot. Aber ein Skandal ist es eigentlich und schickt sich gar

nicht, Fräulein Eva. Wenn ich mir die Mastviehzucht -- ich will mal

sagen, die Schweine -- aus dem Salon entfernt halte, so komme ich damit

an die Grenzen des Menschenmöglichen, Fräulein Irene. Das Gedicht von

Goethe, Grenzen der Menschheit, ist da ganz auf meinen Fall und meine

Umstände gemacht.«

»Weil wir alle wissen, daß wir hier jederzeit so, wie wir erschaffen

wurden, willkommen sind, deshalb sind wir alle Augenblicke bei Ihnen,

Vetter,« lacht die Komtesse. »O, kümmern Sie sich Evas und meinetwegen

gar nicht um die Grenzen der Menschheit. Lassen Sie dreist alles herein,

was von Rechts wegen zum Steinhofe gehört.«

»Und dies ist wieder Schinken!« stottert der Vetter blöde glückselig.

»Und zu empfehlen, Fräulein. Sehen Sie, ein Barbar bin ich auch gegen

diese lieben Borstentiere nicht. Ein jeder muß doch nach seinem Nutzen

in der Welt taxiert werden, -- auch das ^Porcus^! Nicht wahr, Ewald?

nicht wahr, Fritz? Jule, mehr Milch für die Damen!«

Wir tun ihm den Gefallen und lachen über seinen Witz herzlich; nur Ewald

bemerkt dazu:

»Drehe mal den Schlüssel dort im Schrank und rücke mit einem Nordhäuser

auf den Schrecken heraus!«

Wir sind diesmal mehr unter uns. Die Leute sind draußen im Felde oder

sonst in Adams Berufe tätig. Die alte Jule geht ab und zu.

Wenn der Vetter eben noch behauptete, bereits gefrühstückt zu haben, so

könnte ihm ein magenkranker Millionär dreist zwei Drittel von seiner

Million für den Appetit bieten, mit dem er in unserer liebenswürdigen

Gesellschaft frisch von neuem ans Werk geht. Sein Hang in das Geistige

hinein und sein Sehnen nach den weniger materiellen Interessen der

Menschheit haben ihm da gottlob bis jetzt noch keinen Abbruch getan.

Wir holen ihn natürlich mehr oder weniger harmlos aus über seine

gegenwärtigen Studien. Vierschrötig sitzt er heute vor mir da, mit

beiden Ellenbogen auf dem Tische das mecklenburgische Wappen zur

Darstellung bringend, und -- verschämt wie irgend eine Jungfer im

durchlauchtigsten deutschen Bunde. Und doch ziert er sich nicht. In

seinem Kauen, Schlingen und Schlucken gibt er ganz naiv und auch etwas

geschmeichelt Nachricht von sich. Eva findet ihn im geheimen rührend,

Irene von Everstein rührend-komisch, Herr Ewald Sixtus »einfach zum

Wälzen!« und ich -- ich finde, daß sie alle recht haben in ihren

Meinungen von ihm; denn ich bin leider am festesten davon überzeugt, ihn

längst herausgefunden zu haben, und zwar als einer von den ersten.

Gütiger Himmel!

Gütiger Himmel! O du lieber Gott!... Das ist auch so ein Ausruf, durch

den sich der Mensch Luft macht, ohne dabei viel an das zweite Gebot zu

denken.

Ich stütze den Kopf auf die Hand, und die Rechte, die ihre Federzüge

weiterführt, ist nicht mehr imstande, auf jedes Komma und jeden Punkt zu

achten. Ist es möglich, daß die Sonne so hell und der Mensch so

sorgenlos sein kann? Wir haben es an unserem eigenen Leibe und in

unserer eigenen Seele erlebt; also möglich muß es doch wohl sein! Ich

habe bis jetzt meistens im Präsens geschrieben; in den Zeitformen der

Vergangenheit fahre ich von _jetzt an_ fort zu schreiben.

Unser Behagen an dem guten Tage, an der guten Stunde war wieder einmal

auf das Höchste gestiegen, als Jule Grote den Kopf in die Tür steckte

und uns benachrichtigte:

»Es steht ein Mann draußen, der will die jungen Herrschaften sprechen;

und hier ist ein Brief für dich, Just. Der Landbriefträger von

Bodenwerder hat ihn auch eben gebracht; aber er hatte es eilig, und was

darin steht, wußte er nicht.«

»Hurra!« riefen Just, Ewald und ich, die Mädchen sahen lächelnd auf und

nach der Tür. Daß uns da etwas Unangenehmes oder gar noch etwas viel

Schlimmeres kommen könne, fiel uns nicht in den Sinn. Die ganze Welt:

die Erde, dieser treffliche Bau, dieser herrliche Baldachin, die Luft;

dies wackere umwölbende Firmament, dies majestätische Dach, mit goldenem

Feuer ausgelegt -- war alles in zu guter Ordnung, als daß wir uns auch

nur den allergeringsten Riß durch es hätten vorstellen können.

»Man hat doch keinen Augenblick vor ihnen Ruhe!« hatte Ewald gerufen und

war aufgesprungen, um den Boten von Schloß Werden hereinzuholen oder

draußen auszufragen nach dem, was man von uns wünsche. Der Vetter hatte

seinen Brief ruhig neben seinen Teller gelegt und nur gesagt:

»Er ist von Stakemann in Bodenwerder. Weshalb kommt der alte Junge nicht

selber, wenn er mir was zu sagen hat. Na ja, es ist eben keine

Jagdzeit.«

Er wischte langsam und behaglich die fettglänzenden Finger an seiner

Lederhose ab, ehe er das Schreiben von neuem aufnahm und es erbrach. Als

Gelehrter wußte er natürlich, daß man jedwedes Schriftstück mit dem

gehörigen Respekt (selbst wenn es nur vom Freund Stakemann in

Bodenwerder war) und vor allen Dingen mit Reinlichkeit zu handhaben

habe.

»Komm doch mal heraus, Fritz,« sagte Ewald Sixtus dann von der Schwelle

und auf seinem Gesicht war keine Spur mehr von der Lust der Minute

vorhanden.

»Was ist es denn?« fragten die beiden Mädchen immer noch lachend; doch

schon im nächsten Augenblick hatten sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf

den Vetter Just Everstein zu richten, der mit seinem jetzt geöffneten

Briefe in der Hand wortlos und mit offenem Munde dasaß, dann sich über

die Stirn strich wie einer, dem der kalte Angstschweiß ausbricht, wieder

das Geschreibsel ansah, aber doch nur, als ob er den Inhalt desselben

träume, dann die Hand schwer auf den Tisch und auf seinen Teller fallen

ließ, daß die Scherben davon nach allen Richtungen hin auseinander

flogen, und zuletzt aufstand und starr dastand und in jenen Riß blickte,

der einem jeden zu irgendeiner Stunde mehr oder weniger durch sein

Universum gegangen ist. Die Wand und die Stubendecke fällt wohl nicht so

leicht ein, wohl aber das mit goldenem Feuer ausgelegte Firmament -- die

ganze Welt wie wir sie uns _dachten_ in unserer Unerfahrenheit von ihr.

Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von

Schloß Werden nachgejagt. Der Herr Graf war in einem Gartenweg vom

Schlage gerührt, gelähmt und bewußtlos aufgefunden worden. Als der Bote

sich aufs Pferd warf, lebte der arme Herr zwar noch; aber es stand

schlimm mit ihm, und -- »die Frau Langreuter wäre am liebsten selber

gekommen, um die gnädige Komtesse nach Haus zu holen,« sagte der Bote.

»Was ich sonst vernommen habe, ist, daß kurz vor dem Unglück ein Brief

von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen war.«

Das war ein jäher Schrecken, der an dieser Stelle kurz abgemacht werden

muß.

Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben,

und er lautete:

»Paß auf, Vetter Just! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer, und

seit heute morgen ist es sicher, daß er, wenn er es irgend möglich

machen kann, fürs erste nicht nach Hause kommen wird. Du solltest das

Aufsehen hier sehen; aber natürlich hat's jetzt jeder längst

vorausgewußt. Ob ihn die Gerichte durch ihre Steckbriefe und

Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine andere

Frage ist's, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weißt, er hatte einen

sicheren Schuß, das muß man ihm lassen; aber daß er auch zu anderen

Dingen als bloß zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist, glaubt

mehr als einer, der manchmal nach euch hingehorcht und seine Augen offen

gehabt hat, z. B. ich. Kannst du ihm ruhig nachsehen, so ist's mir sehr

lieb, und ich bitte dich, gib baldigst Nachricht, daß ich aus der Sorge

komme. Hast du da Dreck am Stecken, so bin ich Dein Freund und habe Dich

hiermit verwarnet. Du bist dann aber zu Deinem Trost der einzigste

nicht, der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat. Hier sind Dutzende,

die dem Notar den Kalk von den Wänden herunter nachfluchen, und darunter

am meisten die, welche mit dem urfidelen Kerl (und das war er!) auf der

Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Posthalter Brüderschaft

gemacht oder ihn zum Gevatter gebeten haben. Aber das will noch gar

nichts sagen; meine feste Überzeugung ist, daß der Gegend das richtige

Licht erst dann aufgesteckt wird, wenn es jeder von euch biederen

Landleuten zu den Akten gegeben hat, wie er unter euch gewirtschaftet

hat. Wahrhaftig, mir sollte es recht leid tun, Vetter, wenn Du auch in

diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehörst, und ich kann nur

wünschen, daß Dir Dein verrücktes Latein und sonstige unsinnige

Liebhabereien zum ersten Mal was genützt und zu dem richtigen Mißtrauen

in Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben.

Dieses alles habe ich Dir als Freund geschrieben; denn daß es mir recht

käme, wenn dem Steinhofe durch solchen abgefeimten, nichtswürdigen

Spitzbuben und Durchgänger ein Malheur passierte, wirst Du wohl aus

alter Bekanntschaft und von wegen der vielen vergnügten Stunden daselbst

nicht meinen,« usw.

Der Vetter Just stand auf, setzte sich wieder, ließ die Hände matt und

flach auf die Knie fallen und stöhnte:

»Kinder, das ist freilich wohl für uns alle die letzte vergnügte Stunde

auf dem Steinhofe gewesen. O Fräulein Irene -- sehen Sie nicht so stier

hin! vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit

dem Herrn Papa. Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag

aushalten, ehe er für immer zu Boden liegt. O Jule, liebe alte, arme,

alte, liebe Jule, ich wollte gleich für alle Ewigkeit nicht wieder von

der Erde aufstehen, wenn ich dir dieses erspart hätte. Ja, ich habe dem

Doktor Schleimer den Steinhof auf lateinisch in die Tasche gesteckt, und

er nimmt ihn mit hinüber nach Amerika!«

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten · 第 6 / 13 题