Erstes Buch

Erstes Kapitel.

Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei; auch das, was

man von der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich für eine

Fabel. Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das

echte Heldentum. Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser

wechselnden, lärmvollen Welt voll falschen Heldentums, falschen Glücks

und unechter Schönheit; und es ist kein eitles, sich überhebendes Wort,

was ich hier zu Anfang dieser Blätter hinsetze; denn es sind die

Lebensgeschichten anderer Leute, die ich beschreiben will, nicht meine

eigenen. Das Heldentum und die Schönheit der Rolle, die ich dabei

abspiele, lassen sich wohl halten in der hohlen Hand. Aber eines ist

auch wahr und darf gesagt werden: Glück, viel Glück habe ich wohl nicht

gehabt, aber doch dann und wann mein Behagen, meine Belustigung und

meine Ergötzlichkeiten; und das alles ist gleichfalls ganz natürlich und

ziemlich unbemerkt gekommen und gegangen, -- so daß es heute, in den

gegenwärtigen stillen, nachdenklichen, überlegenden Stunden nichts

Erstaunenswürdigeres für mich gibt als mein unleugbar vorhandenes

Wohlgefallen nicht nur an der Welt, sondern auch immer noch an mir.

Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fällt in die Zeit der Gründung des

deutschen Zollvereins, also in den Anfang der vierziger Jahre dieses

Säkulums. Wer eine Ahnung davon hatte, daß aus dieser anfangs etwas

unbequemen und viel bestrittenen Institution einmal das einige Deutsche

Reich aufwachsen könne, behielt dieselbe ruhig für sich, und eine kleine

Ausnahme machte da vielleicht nur ein kleiner Mann im Ministerium der

auswärtigen Angelegenheiten in Paris, Mr. Louis Adolphe Thiers genannt.

Das deutsche Volk ließ sich murrend, wenn auch nach seiner Art

gutwillig, die ersten Lebensbedürfnisse und vor allem das Salz durch den

segensreichen politischen Schachzug verteuern.

Da war nun so ein Stätlein (auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu

sehen), das diesem »preußischen Verein« beigetreten war, aber seine

Planetenstelle nicht verändern konnte, sondern liegen bleiben mußte, wo

es lag: nämlich ganz und gar umgeben von einem anderen Staat, der nicht

»beigetreten« war, und das junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine

Idee davon, was das seinerzeit bedeutete, obgleich es eigentlich noch

gar so lange nicht her ist. Zog der eine deutsche Bruder seinen

Grenzkordon, so zog ihn der andere ebenfalls. Daß wir im ganzen das

deutsche Volk und der erlauchte deutsche Bund dabei blieben, konnte den

Zeitungsleser nur mäßig erquicken und ihn höchstens ganz kosmopolitisch

in seiner Selbstachtung über dem Wasser erhalten.

Die Hauptsache für mich, auch heute noch, ist, daß das, was damals von

zivilversorgungsberechtigten Militärpersonen vorhanden war, fest darauf

rechnen durfte, »unter die Steuer gesteckt zu werden«, und daß mein

braver, seliger Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natürlich

gleichfalls hineinfiel, und meine Mutter ebenso selbstverständlich mit

ihm. Meine erste deutliche Lebenserinnerung aber ist, daß ich von einem

Wagen gehoben und in ein Haus getragen wurde, das mir aus einem einzigen

großmächtigen, kindlich ungeheuerlichen schwarzen Scheunenflur, einer

Rauchwolke unter der Decke und zwei Reihen Kuhkrippen, nebst den

dazugehörigen heraäugigen, hauptschüttelnden, kettenrasselnden gekrönten

Herrschaften zu bestehen schien.

Dem war jedoch nicht ganz so. Es fanden sich in dem unteren Raume dieses

Hauses noch zwei oder drei Gemächer, die den zu dem Feuerherde und den

Haustieren gehörigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten; und eine

leiterartige steile Stiege führte sogar in ein oberes Stockwerk,

wenigstens in der Front des Gebäudes, empor, -- in unsere Wohnung, die

einzige, die meinen Eltern bei ihrer Versetzung in dieses

Gebirgsstädtchen offen gestanden hatte. Dicht an unsere Wohnung stieß

der Heuboden, und wir hatten deshalb mit Feuer und Licht sehr vorsichtig

umzugehen, was wir denn auch taten, und vorzüglich ich, dem alles

unnötige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet wurde.

Mein Vater, der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter, trug

einen Säbel und eine Uniform, die mir heute in der Erinnerung den

Eindruck von Grünblau und Blau und vielen gelben Metallknöpfen mit dem

Landeswappen macht. Was den Anzug meiner Mutter betrifft, so halte ich

es hell in dem Gedächtnis fest, daß sie stets in hellen Kleidern ging,

-- bis zu dem Ereignis, das sie für immer in Schwarz und Grau warf.

Die Salzschmuggler haben mir nämlich meinen Vater erschossen. Um einen

Sack voll Salz mußte er damals sein Leben im Walde auf der lächerlichen

Grenze lassen. Ich aber habe wahrlich später keine Verlustliste, die um

des deutschen Volkes Einheit ausgegeben wurde, gelesen, ohne an den

alten Griesgram auf _seinem_ Felde der Ehre wehmütig und kopfschüttelnd

zu denken. Der Donner der tausend Kanonen in den großen Siegesschlachten

der Gegenwart hat die Schüsse, die seinerzeit hinüber und herüber

gewechselt wurden, nicht übertönen können. Gottlob ist es heute nur

höchstens ein Drittel der Nation, das sich jenes brüderliche

Nachbargeplänkel zurückwünscht, was in Anbetracht des Nationalcharakters

merkwürdig wenig ist, zumal wenn man noch die sehr verschiedenartigen

Gründe, aus denen jener Wunsch aufwächst, in Betracht und in Rechnung

zieht.

Auch aus diesem letzten politisch-historischen Exkurs wird meinem Leser

einleuchtend hervorgehen, daß der schöne Sommermorgen, an dem uns die

schlimme Nachricht über den Vater gebracht wurde, ziemlich weit

zurückliegt. So ist es; es ist viel mehr als ein Menschenalter seit dem

Tage hingegangen, und ich kann dreist die objektivsten Bemerkungen an

ihn anknüpfen.

Dessenungeachtet liegt jener Tag und alle seine Stimmungen heute schier

klarer vor meiner Seele als der gestrige, an dem es mir zuerst einfiel,

_mir selbst_ einmal schriftlich von mir selber und dem, was dazu gehört,

Rechenschaft zu geben.

Daß der Sommermorgen schön war, sage ich, weil ich heute noch sein

Licht, seine Wärme, seinen Landstraßenstaub und seinen Waldduft in mir

und um mich spüre. Wir aber, meine Mutter und ich, sind um Sonnenaufgang

mit der schrecklichen Nachricht geweckt worden, kurz vor dem längsten

Tage.

Ich saß aufrecht in meinem kleinen Bette, und meine Mutter hielt mich

und hielt sich an mir. Da erscholl das ewige, jedenfalls Jahrhunderte

alte Leibstücklein des Kuhhirten in der Gasse des Ackerstädtchens. Die

Sonne schien mir auf die Bettdecke, unten im Hause brüllten die Kühe.

Meine Mutter war in einem Weinkrampf, und die Hausgenossenschaft und ein

paar Nachbarinnen und ein alter eisgrauer Kamerad und Steuerkollege

meines Vaters waren auch in der Kammer, und die Stube nebenan war voll

von Menschen. Unter den Leuten in der Stube aber befand sich ein Mann in

einer fremden Uniform, wie es mir schien. Das war aber die Livree derer

von Everstein, die ich nachher sehr genau kennen gelernt habe.

Der Herr Graf hatte den Diener mit dem Eberkopfe auf den Rockknöpfen an

meine Mutter geschickt und seinen Wagen dazu. Mein toter Vater lag auf

dem Hause Werden, dem Wohnsitze des Herrn Grafen, und ich hörte, wie der

alte Kamerad des Vaters zu meiner Mutter sagte:

»Frau Steuerkontrolleurin, liebe Frau, Sie müssen es ja leider Gottes,

also fassen Sie sich! Sehen Sie doch mal an, gefaßt mußten Sie ja immer

im Grunde auf so was sein. Wie wäre es denn nun gewesen, wenn uns der

liebe Herrgott während unserer Militärdienstzeit einen guten, braven

Krieg beschert hätte? Eben vielleicht nicht anders als jetzt; nur wäre

es vielleicht dann noch früher eingetroffen, und das wäre dann noch viel

betrübter für Sie gewesen. Nicht wahr? Sie sind doch nun gottlob eine

Soldatenfrau, und Ihren Jungen haben Sie ja da auch noch, und er nimmt

sich gewiß in dieser ernsthaften Stunde ein Beispiel an seinem lieben

Vater, und macht es ihm in allen Dingen nach. Nicht wahr, Fritz, das

versprichst du uns?«

»Ja, ja!« heulte ich, ohne im geringsten zu wissen, was alles ich hier

versprach; aber ich fühlte, wie meine Mutter mich fester faßte und

heftiger mich an sich drückte, als werde sie mich nie mehr aus ihren

lieben, schützenden Armen loslassen:

»Fritz, du bleibst bei mir! du gehst nie von mir!«

»Ja, Mutter, ich fahre mit, ich darf mit ausfahren zum Vater! Nicht

wahr, und ich darf auf des Vaters Braunen nach Hause reiten?«

»Der Wagen hält schon seit einer Stunde vor der Tür,« sagte der alte

Kamerad. »Und es ist doch auch recht freundlich von der Herrschaft auf

Schloß Werden, daß sie ihre eigene Equipage schickt. Von Amts wegen sind

wir schon längst zu Pferde hinaus; da wird nicht das geringste

verabsäumt werden, was Ihnen zum Trost gereichen kann, Frau. Und jetzt

kommen Sie; -- die Nachbarinnen ziehen Ihnen den Jungen an, und dann

fahren wir langsam nach. Es geht ja alles im menschlichen Leben hin, und

eins in das andere. Erinnern Sie sich nur recht genau an alles, was Sie

mir so gut und brav zum Troste sagten, als ich so bei meiner seligen

Frau saß, und sie dalag. Sie wissen ja also alles Beste, was Ihnen einer

jetzt sagen kann, schon von selber. Fritze, du kannst mitfahren.«

Zweites Kapitel.

Was für eine Magie liegt selbst für die Erwachsenen in dem sich

drehenden Rad! Fahren!... ausfahren! Fahren durch einen frischen,

sonnigen Sommermorgen in die weite, weite Welt hinein. Gibt es ein

glückseligeres Fieber als das, was bei diesem Worte und dieser

Vorstellung das Kind ergreift und ihm in erwartungsvoller Wonne fast den

Atem benimmt?

Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefähr fünf oder sechs Jahre

alt; aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele! Mit allen seinen

Einzelheiten! Da war das hastige Ankleiden, bei dem ein Dutzend

aufgeregte Hände helfen wollten. Da war das Geflüster rundum, und

dazwischen das stille Weinen und laute Schluchzen der Mutter, von Zeit

zu Zeit ein neues Gesicht, das sich in die Tür schob und in einem Winkel

sich »des Genaueren« berichten ließ. Dazwischen immer wieder von neuem

die braven, guten Worte des alten Kameraden und Kollegen und dann -- das

Peitschenknallen des Kutschers in der Gasse, das allmählich immer mehr

von steigender Ungeduld zeugte.

Und dann waren wir auf der Treppe und dann in der Gasse, und die Gasse

rund um die gräfliche Kutsche war auch voll Menschen, die sich

verhältnismäßig still verhielten, aber desto mehr und dichter sich im

Kreis herandrängten und, wie mir schien, sämtlich nur allzu gern

mitgefahren wären in die Weite hinaus und nach Schloß Werden.

Und die Mutter bekümmerte sich nun gar nicht mehr um mich. Ich hielt

mich an ihrem Rocke, sie aber ließ sich starr, stumm und willenlos

führen, und ich fürchtete mich vor ihren Augen, mit denen sie gar nichts

mehr sah, selbst mich nicht. Ich aber sah auch nur beiläufig auf sie;

denn der hellblaue Kutscher sah auf mich, und er hatte zwei Braune vor

seinem Wagen.

Das holperige Pflaster der einzigen Hauptstraße des Städtchens -- aus

dem Tor, an den Gärten hin auf die Landstraße; ich neben der Mutter im

Rücksitz des Wagens, und des Vaters Kamerad und Kollege uns gegenüber!

Da ist die Mühle, wo sich das Wasser aus ziemlicher Höhe auf das Rad

stürzt und mir mit seinem ewigen Brausen und weißen Schäumen und eiligen

Weitertosen im Bach immer einen so wonnigen Schauder einjagt. Da ist die

Gänseweide, unser Hauptspielplatz; Schulkinder mit ihren Schiefertafeln

und Abcbüchern stehen am Rande des Grabens und starren uns an, und sind

im nächsten Augenblick zurückgeblieben, während ich weiterfahre. Auf der

weißen Landstraße liegt die Sonne schon ziemlich heiß; -- was wohl der

Steinklopfer denkt, der uns auch nachsieht? Was er wohl denkt über

_unseren_ Kutscher in dem hellblauen Rock und mit dem Silberstreifen um

den Hut? und über den anderen Mann vor uns auf dem Bocke, auch in

Hellblau und Silber?! Ich sehe um die Schultern der beiden Leute von

Schloß Werden auf die im Traben sich hebenden und senkenden Pferdeköpfe

und die schwarzen Mähnen. Wer doch das alles immer so vor sich haben

könnte und vorbeifahren immerzu an den Menschen und Bäumen, Zäunen und

Hecken -- immer, auch wenn die Sonne noch heißer scheinen sollte!... Ich

stehe auf, um in die zurückbleibenden, weißen Staubwolken hineinzusehen.

Meine Mutter zieht mich wieder auf den Sitz, und wir fahren in das

Freie, Klare, Frische hinein.

»Bald sind wir glücklicherweise im Schatten,« sagt der Kamerad. Seine

Säbelscheide wird heiß; ich habe den Finger darauf gelegt, weil die

Sonne auch auf ihr blitzt und blinkert; -- zu verlockend, um nicht auch

da von ihrem Glanze verlockt zu werden. Es ist acht Uhr am neuen Tage,

-- auch das bemerkt der Kamerad, seine Uhr hervorziehend.

»Nun sehen Sie einmal, liebe Frau, wie es doch immer viel später wird,

als man denkt; wenn man es auch noch so eilig haben will. Da sind wir

aber gottlob wenigstens endlich im Walde und im Schatten.«

Ja, wir fuhren jetzt im Walde, und es gab nichts Schöneres als ihn an

diesem Morgen. Die Buchen streckten ihre Zweige zu einem grünen Dache

über uns hin. Wasserläufe rieselten hervor und begleiteten uns

stellenweise. Dann und wann sah man hinein in ein Tal, und dann wieder

trat der rote Sandstein bis dicht an den Weg hinan, und die Grillen

schrillten in dem Spalte des heißen Gesteines, und nie in ihrem

glücklichen Dasein und Weitereilen gestörte Blumen -- gelb und blau --

sahen uns vorüberfahren.

Doch uns drohte nun in all der Pracht, Lieblichkeit und Schönheit ein

Schreckliches.

Ein leises Klirren kam heran an einer Wendung der Chaussee und dazu

Pferdehufschlag und eine andere Staubwolke. Zwei gefesselte Männer

wurden inmitten dieser Staubwolke und zwischen den Pferden der

begleitenden Landreiter geführt. Der Kamerad des toten Vaters zog seinen

Säbel an sich und trat mit dem Fuß auf und sprach einen Fluch. Die

Mutter aber richtete sich empor und bog sich vor und starrte auf die

gebundenen zwei Männer aus ihren verweinten Augen:

»Die?«

»Da könnte man lernen, was es heißen muß, im Ernst einhauen!« sagte

leise der Kamerad, und er hatte die Hand auf den Wagenschlag gelegt und

rüttelte daran. Die beiden Leute auf dem Bocke aber sahen auch zur Seite

und dann auf meine Mutter und mich, und dann schlug der Kutscher

plötzlich auf die Pferde, und vorüber ging das auch in Staubwolken,

Sonnenlicht und Waldschatten. Im raschesten Trabe gingen die Gäule

weiter, obgleich der Weg sich eben bergan zog.

Es ist ein sehr angenehmes Waldgebirge, durch welches damals die Grenze

gegen den Nachbarstaat, der das deutsche Salz in anderer Weise als wir

besteuerte, sich zog. Eine Grenze ist dort auch heute noch vorhanden,

aber jener Staat nicht mehr; doch davon ist jetzt nicht die Rede,

sondern von der Gegend -- der Landschaft überhaupt. Forsten und

Steinbrüche überwiegen; das Ackerland läßt manches zu wünschen übrig;

doch ist es in den Händen der Bauern und Kleinbürger, und das ist immer

viel wert. Nur einige große Landesdomänen bilden zusammenhängendere

Komplexe, und zwei oder drei Rittergüter mit alten Geschlechtern darauf

haben gleichfalls ihr größer Teil vom alten Erbe Adams festgehalten.

Schloß Werden hatte in dieser Hinsicht den weitesten Besitz aufzuweisen,

freilich aber auch, vom trefflichen Walde abgesehen, den steinigsten und

unfruchtbarsten. Der Zweig der alten Familie, die es bewohnte, stammte

von einem Bergschlosse, fünfzehn Meilen weiter nach Norden im Lande

gelegen, und durch viele andere bunte Grenzpfähle von dem Absenker

getrennt; dazu auch nur als Ruine, zu der es schon, wenn wir nicht

irren, im Jahre der Entdeckung Amerikas mit Aufwendung aller damaligen

kriegerischen Ingenieurkünste gemacht wurde.

In Wien sitzen Fürsten zu Everstein, in München Freiherren desselbigen

Namens, und hier in diesem Waldgebirge, verschollen wie Amerika nach der

Entdeckung durch die Chinesen oder die Norweger, oder wer es sonst

zuerst aufgefunden haben soll, Herr Friedrich Graf Everstein mit einer

einzigen Tochter, Komtesse Irene; und sonderbare Geschichten und

Gerüchte gingen über den Herrn und seinen Haushalt im Lande herum. Je

genauer man aber darauf hinhörte, desto weniger wirklich Genaues hat man

darüber erfahren, außer daß, »von Anfang an wenig dort zu suchen und

noch weniger zu finden« war. Ein Verbrechen ist das gerade nicht, doch

angenehm und behaglich ist's auch nicht. So sagten wenigstens die Leute

später.

Noch eine Stunde hatten wir durch den Buchenwald zu fahren, dann kamen

wir an einen sumpfigen Graben voll Riedgras und Binsen. Ein altersgrauer

Grenzstein stand, halb versunken, dicht an der Chaussee. Um ihn herum

war das Gras niedergetreten wie von vielen Füßen. Unser

grauschnauzbärtiger Begleiter schob die Schultern plötzlich hin und her

und sah grimmig verlegen auf den Platz hin, und legte dann meiner Mutter

die Hand auf das Knie und sah dann meine Mutter an, indem er sich mit

den Knöcheln der anderen Hand die Stirn rieb.

»Ich weiß nicht, ob es recht von mir ist, Frau, aber ich -- der Junge --

mag sich wohl einmal daran erinnern wollen. Da!«

»Da hat man ihn gefunden!... Gemordet!... Mir und unserem armen Kinde in

seinem Blute!« schrie meine Mutter, und --

»Ja,« sagte der alte Kamerad. »Zum Henker, Kutscher, fahr zu!«

Das kam wohl schroff und hart heraus, aber doch aus dem weichsten,

teilnehmendsten Gemüte. Und es war auch in der Tat wohl sehr gut, daß

der Kutscher wirklich rasch zufuhr. Es war wohl besser, die Frau sanft

um den Leib zu fassen und sie zurückzuhalten, als sie blind nach dem

Griff des Wagenschlages faßte, um sich hinaus und auf die schreckliche

Stätte zu stürzen. Der Tau hing im Schatten noch überall an Gras, Blumen

und Blättern; aber da -- unterm Erlenbusch --, da, wo der Boden am

meisten zerstampft war, mochte wohl noch ein anderer Tau an den Gräsern

und dem niedergetretenen Gezweige hängen.

Beiläufig, es erregt ganz eigentümliche Gefühle, wenn man sich heute,

nach so langen Jahren, erinnert, damals, wenn auch nicht auf der

schweren Fahrt, ein Wort aufgeschnappt zu haben, dahin lautend, daß »der

Alte in der Tat merkwürdig viel Blut verloren habe«!

Fünf Minuten weiter von der furchtbaren Stelle entfernt zweigte sich ein

Fahrweg von der Landstraße ab, quer über Wiesen. Da bog auch unser Wagen

ein. Jenseits der Wiesen, über dichte Lindenwipfel und andere

parkähnliche Baum- und Buschgruppen, erhoben sich die blauschwarzen

Schieferdächer und die beiden altersgrauen Ecktürme von Schloß Werden.

Ein Pfahl am Wege verbot hier das Fahren und Reiten.

»Sonst fährt hier nur die Herrschaft,« erklärte der Kamerad und

Steuerkollege; und es war freilich für uns eine bittere

Ausnahmsweggelegenheit! ich hörte das Wort; aber nach dem Fahren hätte

ich in diesem Augenblicke wenig gefragt, wenn ich zu allem anderen freie

Verfügung über die sonnige, grüne Fläche gehabt hätte.

Die große Wiese stand in der vollsten, buntesten Pracht ihrer

sommerlichen Schönheit. Es schrillte tausendstimmig über ihr; die

Schmetterlinge, Käfer und Mücken flatterten und tanzten, es tanzte die

heiße Luft über ihr. Wir aber, wir fuhren weiter diesmal, -- die

Kinderjagd nach den Farben und Tönen des Sommers sollte mir diesmal noch

nicht erlaubt sein; -- wir fuhren an einem Teil der hohen Hecke des

Parkes entlang und dann an einer noch höheren Mauer hin, bis zu einem

alten, aber immer noch festen und stattlichen Eingangstor, über dessen

beiden Pfeilern zwei greifenartige Wappentiere auf Steinschilden in

ihren Tatzen das Wappen mit dem Eberkopf der Morgensonne hinhielten.

Der Wagen rasselte auf einen weiten, stillen Hof an ein langgedehntes,

graues Gebäude heran und dicht an eine breite Steintreppe, die hier zu

einer großen, offenen Tür führte, sich aber an der ganzen Fronte dieses

Hauptflügels des Schlosses Werden hinzog.

Der Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag, ein anderer älterer

Mann in derselben Livree kam heran und nannte meine Mutter

seltsamerweise »gnädige Frau« und fügte ganz leise hinzu:

»Belieben auszusteigen.«

Auf den stummen Jammerblick und die hastige Frage der armen Frau aber

hob er nur die Achseln und sagte:

»Da sind der Herr Graf schon selber ... Ach ja, es geht -- den Umständen

nach!«

Das letztere Wort bezog sich wohl auf meinen Vater und hieß soviel als:

»Noch lebt er wohl, Frau reitende Steuerkontrolleurin; aber -- wie

lange?!«

Es ist ein nicht mehr ganz junger Mann gewesen, der uns aus der Pforte

und an der Auffahrt entgegentrat und den Namen Graf Friedrich Everstein

führte. Er hat manches Auffällige in seiner Erscheinung an sich

getragen, mir aber ist nichts, aus jener Stunde wenigstens, davon

bewußt. Nur sprach er so leise, wie sonst niemand von allen anderen

Menschen in meiner Umgebung.

Drittes Kapitel.

Leise sagte er etwas zu meiner Mutter, und dann bot er ihr den Arm. Wir

wurden durch die weite, kühle, mit Hirschkronen, alten Blumen-, Frucht-

und Jagdstücken gezierte Halle geführt bis zu einer dunklen Tür. Der

ältere Diener öffnete diese Tür, und wir standen in dem Sterbezimmer

meines Vaters. Mich hatten der plötzliche Übergang aus dem heißen

Sonnentage in diese Kühle, die ganz veränderte Umgebung, die fremden

Gesichter vollständig betäubt. Ich ging, den Rock meiner Mutter haltend,

wie zu unserem Platze in der Kirche -- es waren ganz die nämlichen

Gefühle, ein Bangen, Frösteln, Unbehagen und -- Behagen.

Ich erinnere mich auch hier noch der Äußerlichkeiten: der braunen

Täfelung dieses Gartensaales, des Grüns, das aus dem sonnigen Garten in

die beiden hohen Bogenfenster hineinsah, der offenen Glastür, die zu den

Gebüschen und Blumenbeeten führte, und des Pfaus, der wie neugierig in

dieser Tür stand und seinen schönen Schweif gravitätisch langsam im

Kreis über den feinen Kies zog. Wir haben nachher diesen Ort zu allen

Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt, und es hat mich wenig

gekümmert, daß man einst meinen sterbenden Vater dahin als in das nächst

und bequemst gelegene Gemach bettete.

An jenem Morgen waren viele Leute darin, und wahrscheinlich darunter

auch ein Arzt. Meine Mutter warf sich jammernd über das Lager, und ich

stand einen Augenblick wie allein unter den vielen Fremden.

Es war der Herr Graf, der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu

dem Bette hinführte. Die Mutter lag da bewußtlos, und der Vater war tot.

Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflüstert; ich aber weiß nunmehr

von jenem Tage nur noch, daß ich in ein anderes Zimmer geführt wurde und

daselbst mit Irene, Komtesse Everstein, Milch trank und Weißbrot aß.

Alles andere ist dämmerig, unbestimmt, dunkel -- ist nichts. Es war mein

Recht, durstig, hungrig und schläfrig zu sein von der Fahrt durch den

heißen Sommermorgen; nachher sehe ich mich wieder um in meiner Umgebung

und -- sie ist eine andere geworden, als sie war. Und hier ist die

Stelle, ein weniges mehr von meiner Mutter zu reden, und wie sie in eine

hohe Verwandtschaft gehörte und das Recht dazu von Gottes Gnaden besaß

und aufweisen konnte.

Den gottlob kaum erwähnenswerten Ansatz von Buckel, den mir das

Schicksal zwischen die Schultern und, wie einige wissen wollen, in

bedeutend höherem Grade auch auf die Seele gelegt hat, habe ich

gewißlich nicht von _ihr_. Schlank, zart, scheu-mutig steht sie mir vor

der Erinnerung, und ein Licht geht von ihr aus, das von keiner

Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen Licht in der Welt

überwältigt werden kann. Sie trägt ihre Freuden wie ihre bittersten,

schwersten Schmerzen still und so, dem Schein nach, leicht. Ihr wurde

alles zu einem Kranze, und woher sie ihre Bildung hatte, das bleibt ein

Rätsel, und sie selber wußte vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft

darüber abzulegen. In der »Mädchenschule« einer kleinen Provinzialstadt

hatte sie im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Lesen, Schreiben,

Rechnen und -- Singen gelernt, das war alles; aber wenn wo die ersten

neun Worte, mit denen ich diesen meinen Lebensbericht eröffnet habe, zur

Geltung kommen, so ist das bei ihr der Fall. Sie ist dagewesen wie das

große Kunstwerk von Gottes Gnaden; sie ist vorübergegangen. Sie sind

alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen; sie haben keine Ahnung davon

gehabt, daß dem nicht so war; ihr ist es nie in den Sinn gekommen, sie

zu enttäuschen; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung davon.

Ich bin fest überzeugt, sie hat einen argen Schrecken bekommen, als der

Herr Graf sagte:

»Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir für die Erziehung

meines armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat, und die

ich seit langem vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten

Sie sich als zu diesem Hause gehörig. Sie erziehen meine Tochter, und

ich nehme die Erziehung Ihres Sohnes nach besten Kräften über mich. Wir

haben einen recht gelehrten Pfarrer im Dorfe, der wird das Seinige dazu

geben. Ist der Junge für das Gymnasium herangewachsen, so wird sich ja

wohl auch das Weitere finden. Lassen Sie uns einander gegenseitig

aushelfen, da uns das Schicksal in dieser Weise zusammengeführt hat. Sie

wissen nicht, wie hülflos ich in hundert Beziehungen bin.«

Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber

verstand, fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hülflos.

Außerdem aber, wie es sich baldigst herausstellte, für ihren und meinen

Unterhalt nach dem Tode des Vaters auf eine Pension von sechzig Talern

angewiesen, sonst aber auf ihrer Hände Arbeit.

»Was soll ich Ihrem Kinde geben können?« fragte sie in heftiger

Aufregung; aber der Herr Graf hat gelächelt, wenn auch sehr

melancholisch. Er hat es sehr genau gewußt, was die arme Frau aus ihrem

Reichtum zu geben hatte.

Wir, das heißt meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben

Sommers nach Schloß Werden über. Der Herr Graf hatte sich aber nicht

geirrt: wenn die Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die

Leute verwandeln, die man rundum in der nächsten Nachbarschaft wohnen

hat, so ist das für seine Tochter und für ihn selber in Hinsicht auf die

Witwe des reitenden Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall

gewesen. Und ich -- ich, wenn ich in die Sonne sehen will, so hebe ich

nicht das Auge zu dem öden brennenden Stern auf, sondern denke mich in

jene Tage und Jahre zurück, die da folgten.

Viertes Kapitel.

Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernüchterungen wie andere

tief genug hineingeraten, aber meine in Blau, Silber, Grün, Gold und

Purpur schimmernden Märchenjahre habe ich auch gehabt. Hier beginnen sie

und verwandeln mir auch den heutigen Tag in sein vollständiges

Gegenteil. Daß ich ein poetisch Gemüt sei, das hat nachher wohl niemand

von mir behauptet (ich habe wenigstens alles dahin Einschlägige

vorsichtig und fest für mich selber behalten), aber damals war doch

manches Gedicht -- echte Naturdichtung -- in mir und um mich, und alles

Heimweh -- die Quelle aller Poesie --, das ich in leereren Tagen gefühlt

habe, stammt aus dieser Zeit und geht dahin.

Wir grübeln viel, wir gebildeten, klug, d. h. dumm gewordenen Menschen,

über den Schein in dieser Welt, der sich den Anschein des Wesens gibt;

ach, wenn er nur schön war, dieser Schein, wer möchte ihn missen wollen

aus seinen Tagen? wer möchte nicht dumm, d. h. klug gewesen sein, wenn

auch nur in den Tagen, da er noch jung war?!...

Ich bin natürlich zuerst nur mit in den Kauf genommen worden auf Schloß

Werden. Ich kam als ein Appendix meiner Mutter dahin; und es war mir

ganz recht so, und es war gut so; es war alles ganz vortrefflich. Die

Welt am siebenten Schöpfungstage konnte unserem Herrgott nicht um das

Mindeste besser gefallen; das Behagen des einen wäre hier freilich ohne

die Seligkeit des anderen gar nicht möglich gewesen!

»Gib mir deine Hand, Junge; ich will dir alles zeigen, was ich habe,«

sagte Komtesse Irene Everstein. »Du kommst aus der weiten Welt, und ich

bin hier immer bei Papa gewesen. Mach dich aber nicht mausig; Ewald wird

dich sonst durchprügeln, wenn Eva nicht dabei ist.«

Ich habe es erst später, als wir »in das Griechische kamen«, erfahren,

daß der Name Irene eigentlich Friede oder die Friedliche bedeutet; aber

Namen und Sachen, Worte und Begriffe passen nicht zu jeder Zeit

aufeinander. Es ginge so sonst ja wohl auch ein wenig zu glatt ab in

dieser doch einmal auf das Rauhe gestellten Welt.

»Weißt du, Junge,« sagte das Kind, »ich bin die Prinzessin aus dem

Bilderbuche, ich bin die Fee, ich zaubere. Wenn du nicht artig bist, so

verwandle ich dich in einen schnurrenden, buckligen Kater. Wenn du aber

Ewald was davon sagst, so prügele ich selber dich, denn ich will nicht,

daß Ewald über mich lacht. Mein Vater lacht niemals über mich, o, und

ich will genau aufpassen, was deine Mutter tut, wenn sie aufgehört hat

zu weinen. Aber deine Mutter ist gut, und so kannst du auch gut sein. Du

kannst ja auch mit Eva gehen, wenn Ewald und ich dir nicht gefallen.«

Der trübe Tag vermag nichts dagegen; die Namen, die hier zum ersten Mal

auftauchen, liegen doch im ewigen Sonnenschein, und andere werden dazu

kommen; wartet es nur ab, daß die Nebel sinken: man sieht auch von der

besten Aussichtsstelle nicht an jedwedem Tage, den Gott gibt, die Höhen

über den Tälern leuchten vom Großglockner bis zum Monte Rosa.

Es sind die beiden Kinder des Försters Sixtus im Dorfe Werden, von denen

die Rede ist. Von dem Papst Sixtus dem Fünften stammte der alte Herr in

Grün nicht ab; aber der Zufall hatte ein altes Buch in seinen Besitz

gebracht: Leben des berühmten Papstes Sixti V., geschrieben durch

Gregorio Leti. Aus dem Italienischen übersetzt. Frankfurt, bei Thomas

Fritschen, 1720; und darauf hat oft seine brave schwere Hand, zur Faust

geballt, gelegen, und heute klingt mir noch der Brummseufzer in den

Ohren:

»Das war ein Kerl, Fritze! Alle Hagel, der ist ja gerade so mit seiner

Satansbande umgesprungen, wie der Doktor Luther hier bei uns mit uns,

mit seiner, und wie ich mit euch umgehen werde, ihr Raubzeug und

Teufelskinder, wenn ihr es mir zu bunt macht. Fritze, da sieht man's

wieder, daß der Herrgott mehr von einer Sorte im Sacke hat und nur

hereinzugreifen braucht, um einen 'rauszulangen und hinzustellen, wo er

zu brauchen ist. Aus dem Buch hat mir mein Junge vorlesen müssen und

nachher mein Mädchen, und bei Gelegenheit kannst du auch an die Reihe

kommen, aber die Hauptstellen lese ich doch lieber für mich allein, die

passen für euch naseweises Geziefer jetzt noch nicht. So 'nen Papst

lass' ich mir gefallen, und es ist mir eine Ehre, daß er meinen

Familiennamen sich angenommen hat.«

Ich habe später über manchem anderen, in der Menschen Kunde abschmeckend

gewordenen Tröster mit beiden Armen aufgestützt gelegen, aber nie wieder

über einem so wie über diesem. Das langweilige Buch in dem edlen Deutsch

von Siebenzehnhundertzwanzig ist gottlob in meinen Besitz übergegangen

und nimmt einen griffgerechten Ehrenplatz in meiner Bibliothek hier in

Berlin ein. Ich brauche es nur wie ein richtiges Zauberbuch

aufzuschlagen, um über seine vergilbten Blätter hinweg alles vor mir

lebendig zu haben, was damals mein Leben nicht bloß bedeutete, sondern

war. Treffe ich auf eine Daumenspur des Alten am Rande der Blattseite,

so ist es noch besser und gibt die wärmere Farbe. Freilich eine wärmere

Farbe! Ich ergreife hier mit beiden Händen die Gelegenheit, zu

versichern, daß hier nichts, gar nichts allzu reinlich, zierlich und

frisch lackiert aus dem Putz- und Schmuckkästchen der Romantik entnommen

ist. Wir rochen um uns her alle Gerüche und sahen alle Dinge, wie sie

die Menschen und die Natur im ewigen Hervorbringen vergänglich

hinstellen. Alles war seit lange im Gebrauch gewesen und wurde weiter

abgenutzt; und wenn ich vorhin von den Livreen des Schlosses Werden

gesprochen habe, so stelle der Leser sich dieselben ja nicht zu

farbenfrisch und tressenglitzernd, sondern ganz im Gegenteil vor. Wir

trugen sämtlich unsere Kleider so lange als möglich und schämten uns

eines Flickens an der rechten Stelle wenig. Wir trugen den

Frühjahrsregenschmutz, jegliche Gewitterspur und alles, was Herbst und

Winter da geben, überall hin, wo eine Tür offen war. Wir hatten alle

Wünsche, die nur durch mehr irdische Güter, als wir besaßen, befriedigt

werden konnten, und der Herr Graf war da durchaus nicht ausgenommen,

sondern auch im Gegenteil. Das Schloß war kein pomphaft Epos und die

Försterei keine geleckte Idylle. Sie trugen inwendig und auswendig

gleichfalls ihr Flickwerk und ihre Erdgerüche an sich und um sich, und

was die letzteren anbetraf, so hatten der Wald mit seinen Buchen- und

Tannendüften und die Wiesen mit ihrem Heugeruch recht häufig das Beste

dazu zu tun, um die Atmosphäre für fremde heikle Nasen zu verbessern.

Da ist so eine Daumenspur -- hier auf S. 595:

»Wer unter dem itzigen Papste dem galgen entgehen will, der muß

kein bedenken tragen, sich in ein kloster einzusperren, sollte es

auch das allerunglückseligste seyn.«

und ein süßer Duft weht über die Stelle, aber ein ganz eigentümlicher.

Es war ein braver Tabak, den der Alte bei seiner absonderlichen Lektüre

verqualmte, und ich erkenne die Sorte heute noch mit innigstem Behagen

wieder auf Spaziergängen und im Eisenbahnwagen dritter Klasse. Rauchte

ich selber, so würde ich nur diese rauchen! Und nun, um es kurz zu

machen und es mit dem treffendsten Idiotismus zu nennen: wir waren

allesamt und auf Meilen in die Runde ein _schmuddeliges_ Volk,

ausgenommen vielleicht der Herr Graf, meine Mutter und Evchen Sixtus;

Komtesse Irene Everstein dagegen nicht ausgenommen. -- Wir waren ein

ganz unromantisches Völklein; aber zu seinem Recht soll das hübsche Wort

»romantisch« doch auch hier gelangen, und wir hängen es wie gewöhnlich

an ein Haar. Ach, es gibt sich leider nichts leichter, als in irgendein

Handwerk hineinzupfuschen!

Irene war eine Goldblondine, die die Leute ansahen und für sanft

hielten; Eva war dunkel und sanft, und Ewald hielt allen seinen

Schulmeistern einen braunen Lockenkopf zum Dreingreifen und Zerzausen

hin. Von dem, was der Herrgott auf meinem Schädel wachsen ließ, rede ich

lieber nicht; aber stimmungsvoll war's! es stimmte merkwürdig gut zu

allem übrigen, und die gütige Vorsehung erhalte es mir solange als

möglich, wenn nicht der Schönheit, so doch der Nützlichkeit wegen.

Es kam aber keinem von uns darauf an, wie er eigentlich aussah. Auch was

die Mädchen angeht, so macht es mir heute den Eindruck in der

Erinnerung, als ob sie sich wenig darum gekümmert hätten; wenn ich

dieses auch nicht als feste Behauptung hinstellen darf.

Die Sonne lag uns auf den Köpfen bei jeglicher Witterung, und so trieben

wir uns um in den Wäldern, auf den Wiesen und Feldern, in der Schulstube

und in den Gängen und Sälen von Schloß Werden. Was jenseits der Berge

war, davon wußten wir gar nichts; und wie das so häufig geht, haben wir

alle später viel davon erfahren -- mehr jedenfalls, als zu unserem

Glücke nötig war. Andere freilich haben das vielleicht dann und wann

unser _Glück_ genannt; da ist eben mit der »anderen« Anschauungen und

Einbildungen nicht zu rechnen.

Das rechte Licht! War es das rechte Licht, das damals über unsere Köpfe

und Tage fiel?

Darüber ließe sich viel sagen; und am Ende ist es gar nicht der einzelne

Mensch mit seinen zwei Augen, der etwas darüber zu sagen hat. Nur die

auserwähltesten Geister sind es, die hier und da in höchst seltenen

Fällen ihre Meinung ausdrücken dürfen. Sie können dann wie der Maler der

heiligen Nacht den Schein vom neugeborenen Erlöser in der Krippe

ausgehen lassen; oder wie auf der Rubensschen Heuernte, die der alte

Goethe seinem Eckermann entzückt vorweist, die Sonne von den Dingen zwei

Schatten geradeweg einander entgegenwerfen lassen.

Auch die allerniedrigsten oder einfachsten Geister reden da oft das

Richtige. Aber alle zwischen der Höhe und der Tiefe liegende

Verständigkeit der Erde hält einfach am besten den Mund und läßt sich

bescheinen, -- schwitzt und ärgert sich, wenn es ihr zu heiß wird, und

kriecht in die Sonne und lobt sie im Vorfrühling und Spätherbst oder im

Winter, wenn die Knochen dürr werden, die Zähne wackeln oder ganz

mangeln, und die romantischen Locken verwehen »gleich den Blättern der

Bäume«, wie Vater Homer davon sang, nicht in einem seiner schläfrigen

Augenblicke, sondern an einem der hellsten ionischen Sonnentage, wo er

nicht schlief.

Bin ich von der Daumenspur in dem kurieusen Geschichtsschreiber

Gregorius Leti zu weit abgekommen? Ich glaube nicht.

Da sitzt der Alte noch vor mir in seiner Amtswohnung am Ende des Dorfes.

Alle Türen und Fenster des Hauses stehen offen, und alle Lichter, Töne

und Düfte haben freiesten Zutritt; Vieh und Mensch, und also auch der

Herr Graf. Da kommt er ein wenig schwerfällig auf seinen Stock sich

stützend und seinen Weg mit den Fußspitzen vorsichtig vorausfühlend. Ein

gewisser Lehnstuhl wird ihm hingerückt, und da sitzt er, und eines von

beiden wird sofort geschlossen, entweder die Tür oder das Fenster,

meistens aber beide.

»Wie steht das Befinden, alter Freund?«

»Danke, Herr. Ohne die verflixten Holzwrogen könnte man es vielleicht

wohl zu einem hübschen Alter bringen; aber nun sehen Sie mal diese

Schandliste von Frevlern! Und alle aus dem Dorf! und jeder Halunke mit

einem Handbeil unter der Weste, und jedwedes Subjektum vom schönen

Geschlecht mit einer Säge unterm Unterrock. Und die letzten sind die

schlimmsten, denn sie ruinieren den Forst von unten auf. Kein junger

Trieb ist da vor der ältesten Wackelliese sicher, und von den jungen

Spitzbübinnen will ich gar nicht reden. Da möchte man doch lieber Papst

in Rom sein; und meinen Namensahnherrn wünsche ich mir nur auf vier

Wochen hierher an meine Stelle.«

Der Herr Graf lächelt matt und seufzt:

»Wäre es mein Wald, so würde ich sagen, sehen Sie durch die Finger,

Sixtus. Jetzt sehen Sie allein zu, wie Sie Ihr gutes Herz und die

Feuerungsbedürfnisse unserer braven Nachbarn mit Ihrer Amtspflicht in

Harmonie bringen. Das Kind ist auch wieder den ganzen Morgen durch aus

unserem Gesichtskreise verschwunden und hilft wahrscheinlich ebenfalls

beim Holzstehlen. Frau Langreuter ist in Verzweiflung und kündigt mir

sicherlich demnächst ihr Gouvernantentum. Was haben Sie von Ihren Sorgen

zu Hause?«

»Nichts! Sie haben gesagt, sie seien in den Sommerferien, und sind auf

und davon. Mein Evchen wollte eigentlich nicht; aber es mußte. Der Junge

muß mir zu Michaelis sicher auf die Schule; der Pastor kommt nicht mehr

mit ihm zu Rande. Das Fritzchen da hab' ich nur allein noch am Hoftor

erwischt und gesagt: hier; halt mal! und ihn mit an meine Rechnungen

gesetzt. Da sitzt er, Herr Graf, und nun fragen Sie ihn selber einmal,

wo die anderen stecken!«

Das »Fritzchen«, das war ich, -- der Weltweisheit Doktor Friedrich

Langreuter, und der Herr Graf dreht seine silberne Dose zwischen den

Fingern, nimmt bedächtig eine Prise und wendet sich in der Tat an mich

und fragt:

»Wo ist Irene, mein Sohn?«

Und bei dieser Frage öffnet es sich vor mir breit, weit, sonnig, grün,

Berghügel und Berghügel, Tal und Tal, und dann einmal zwischen zwei

Bergen das Glitzern einer Flußwindung, und dann auf der Ferne rundum ein

blauer, lichter, magischer Dunstschleier, den man -- wie Ewald behauptet

-- sich am besten zwischen seinen ausgespreizten Beinen durch besieht;

da ist Eva Sixtus und ihr Bruder Ewald, und Irene Everstein und -- ich

auch, Friedrich Langreuter, der Weltweisheit Beflissener! Den

unsterblichen Göttern sei Dank, daß dem so war! daß wir einmal _so_ da

waren! -- -- --

Wir wissen noch nichts von den Vermögens- und Familienverhältnissen des

Herrn Grafen und von unseren eigenen noch weniger. Wir leben in den Tag

hinein, und wie kann man besser oder vielmehr angenehmer leben? -- Wenn

die Frage: Wo ist Irene? wo sind Ewald und Eva? wo sind die anderen? von

neuem gestellt werden wird, dann hat sich alles geändert und nicht zum

Besseren. Wir leben dann nicht mehr in den Tag, in das Licht hinein: wir

wissen dann leider ganz genau, mit welcher Regelmäßigkeit die Dämmerung

und die Nacht kommen und wie es am hellsten Mittage dunkel werden kann

über dem Menschen und seinem Zubehör.

Fünftes Kapitel.

Von dem gelehrten Herrn Pastor, den der Herr Graf gleich zu Anfang

unserer Bekanntschaft meiner Mutter rühmte, habe ich wenig zu sagen. Der

Herr Graf verstand es wohl nicht besser, aber die Gelehrtheit des guten

Mannes war nicht weit her und sein Einfluß auf uns unbedeutend.

Hierüber aber erhält Ewald am besten das Wort. Er nahm mich seinerzeit

beiseite, das heißt, indem er mich am Kragen faßte und, mich auf offener

Dorfgasse abschüttelnd, bemerkte:

»Tust du dumme Stadtpflanze noch ein einzig Mal da (dieses war von einer

Schulterbewegung dem Pfarrhause zu begleitet), als wüßtest du mehr als

ich von all den Dummheiten, so paß auf! Wie die Engel im Himmel singen,

das weißt du wohl noch nicht? Hör mal, so!«

Nun ist es durchaus nicht angenehm, seiner Wissenschaften wegen an den

Ohren auf- und von den Füßen gehoben zu werden.

»Hörst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun

tu's nicht wieder und heb den Finger in die Höhe, wenn ich feststecke.

Frag nur Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule

beim Kantor tun sie es alle, und da tue ich es auch, und du kannst es

auch tun; aber bei dem dummen Lateinischen und dem Herrn Pastor da

probiere es mir nur noch ein einziges Mal und du sollst sehen, was du

erlebst, und wenn du mir auch hundertmal deinen Robinson und deine

Campes Eroberung von Mexiko geliehen hast.«

»Was soll ich aber denn tun, wenn ich was weiß?« heulte ich, während

Irene lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rückwärts zog.

»Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her.

Ich gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und muß es

wissen, was er alles weiß! O, der weiß für uns beide noch lange genug!«

So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wußte, auch

wenig genug, und was das Schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand

noch tief unter der Wasserhöhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war

es jedenfalls für uns sehr von Nutzen, daß die Jahre hingingen und wir

ihm entwuchsen. Und der Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat

allen Grund hatte, Wort zu halten, hielt es auch. Ich wurde mit Ewald

auf das Gymnasium der größeren Provinzialstadt des anderen Staates

jenseits des Flusses »getan«; und wir kamen von da an nur in den Ferien

nach Hause, das heißt zurück nach Schloß Werden, in das Försterhaus, das

Dorf und den Wald und zu den beiden Mädchen.

Die beiden Mädchen! Als wir zum ersten Mal abzogen, sagte Irene:

»Ihr habt es gut.«

Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rücken erwiderte:

»Weißt du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten. Na, was

mich angeht, so ist die Hauptsache, daß ich endlich einmal aus dem

dummen Dachsbau herauskomme. So'n langweiliges Volk als euch findet man

ja immer, und nachher geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir

zwei es sicher besser als ihr beiden dummen Frauenzimmer.«

»Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten,« rief

Irene. »Das wird auch auf die Länge dumm und langweilig, du -- dummer

Junge. Laß sie stehen, Eva, und komm in die französische Stunde; so wie

auf morgen, wo wir endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch

auf keinen anderen Tag gefreut. Schafskopf!... Herr Gott, Fritz, da ist

deine Mama! Ach, nun hat sie auch das wieder gehört! Komm rasch, Evchen!

^Adieu, messieurs, mademoiselle Martin nous attend.^ Ach Gott, ach Gott,

ach Gott!«

Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebüsch trat und in der

Tat das Wort »Schafskopf« noch vernommen hatte. Und obgleich sie die

richtige Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich

dessenungeachtet an die falsche, nämlich an mich, und sagte nichts

weiter als:

»Aber Fritz?!«

»Ich war es, mit dem sie sich gezankt haben,« murmelte Ewald kleinlaut,

aber ehrlich.

»Von deiner Schwester ist gar nicht die Rede, Kind,« sagte meine Mutter,

und ging weiter den sonnigen Kiesweg entlang, um als Frau Aja mit dem

Strickstrumpf in einer Fensternische der französischen Stunde

beizuwohnen und die Vokabeln leise mit nachzusprechen. Mademoiselle

Martin aus Nanzig in Lothringen, die alte »Kammerfrau« der verstorbenen

Frau Gräfin, befleißigte sich der besten Aussprache des Idioms.

»Es ist zwar schauderhaft,« seufzte der Herr Graf, »aber ich habe das

meinige doch auch nur in Wien gelernt, und sie hat es wenigstens aus

Büchern und ist mit der Grammatik in ihrem Geburtsort in die Schule

gegangen. In Nizza hat meine selige Frau sie gefunden, und sie hat treu

bei uns ausgehalten durch Gut und durch Böse. Durch das letztere

meistens mehr als durch das erstere. Ihre Eltern hatten sie zur ^soeur

ignorantine^ bestimmt; aber sie fand in sich keinen Beruf dazu, und mir

ist es lieb, daß wir sie gefunden haben. Sie hat sehr treu bei mir

ausgehalten, Madam Langreuter, und, wie gesagt, durch gute und durch

böse Zeiten, und durch die letzteren mehr als durch die ersteren.«

Auch mein Französisch stammt in seinen Elementen aus der Schule der

Mamsell Martin, und es ist danach geblieben. Irene und Ewald hatten

Gelegenheit, das ihrige sehr zu verbessern, und Ewald spricht und

schreibt es heute fast ebenso gut wie das Englische, das er mit einer

spaßhaften Neigung ins Irische zu seiner zweiten Muttersprache gemacht

hat.

Wir gingen ab nach dem Gymnasium und kamen von da nur in den Ferien nach

Schloß Werden zurück. Wenn ich anfangen wollte, davon zu reden und zu

schildern, so würde wohl nicht an ein Aufhören zu denken sein. So ist es

aber hundert und aber hundert Autobiographen und Biographen ergangen,

und sie sollen für mich mit gesprochen und geschrieben haben. Es

wiederholt sich und bleibt sich vieles gleich in der Welt, was an und

für sich den Eindruck der individuellsten Originalität macht.

Aber die großen italienischen Nußbüsche an der letzten Hecke des

äußersten Gemüsegartens derer von Everstein und den Vetter Just hat

nicht jedermann erlebt, und so machen wir die beiden zu unserer

Spezialität, und den letzteren durch alle Blätter dieser Aufzeichnungen

hindurch.

Sie haben eigentlich nichts miteinander zu schaffen; der Vetter hat nie

in ihnen gesessen, in den Nußbüschen nämlich; aber doch kann ich nie an

den einen ohne die anderen denken. Sie gehören in der grünsten,

lichtesten, lachendsten und doch zugleich ernsthaftesten Weise zusammen

in meiner Seele. Wie hundertmal in der Wirklichkeit besuche ich heute in

der Erinnerung den einen von dem anderen aus, den Vetter Just auf seinem

Hofe jenseits des Flusses von dem Gezweige unseres alten Wunderbaums

herunter.

Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bündel dick- und

hochstämmigen Gebüsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend

Kernen zu unserem Vergnügen auf einer Bodenerhöhung an der Hecke zu

außergewöhnlicher Höhe und Pracht hatte aufschießen und sich ineinander

weitästig verwirren lassen. In weit entlegene, uns ganz und gar

vorgeschichtliche Zeit war das Aufsprießen gefallen, aber der Gipfel der

Verwirrung nur allein für uns, wie wir glaubten, in die unserige, und

das war das Schöne. Die Vorsehung hatte es auch in diesem Falle gewußt,

was alles in dem Keime lag, den sie hier in seiner Hülse auf den Boden

fallen ließ, den sie erst mit gelben Blättern, dann mit trefflicher

Gartenerde bedeckte und ungestört Wurzeln nach unten in die Dunkelheit

und zwei zarte grüne Blättchen nach oben in das Licht, in die Sonne

treiben ließ! Der Mensch denkt nie daran, wenn er im großen Walde geht,

was alles in zwei solchen grünen Keimblättchen zu seinen Füßen für ihn

und seine Art auseinander klappt. Wo bliebe aber auch das

Spazierengehen, wenn dem so wäre? Es würden manche dafür danken und

unter diesen ich zuerst. Zu Hause, innerhalb seiner vier Wände, unter

alle dem, was man sich selber allgemach zusammengetragen hat, würde es

bei weitem behaglicher sein als draußen im Freien.

Es war natürlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte,

wozu dieses Baumgebüsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert,

die an dem knorrigen Hauptstamm in die Höhe führten bis zu der ersten

Gabelung, von wo dann Irenes Ruhe, Evas Höhe, Friedrichs Lust und Ewalds

Heim mit mehr oder weniger Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm-

und Beinbrechens zu erreichen waren. Die »Ruhe« und das »Heim« hingen

selbstverständlich im schwanksten und luftigsten Gezweig; Evas Höhe saß

ebenso selbstverständlich am tiefsten und sichersten, und ich -- ich

wäre mit und zu meiner Lust am liebsten unten am Baum auf festem

Erdboden geblieben; aber hinauf mußte ich wie die anderen, und wenn ich

einmal oben saß, so gab es freilich auch für mich keinen besseren Platz

im Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel und Erde.

Da waren es einzig und allein die Vögel, die es noch besser hatten als

wir, und die wir dann und wann immer noch beneiden durften.

»Wer es wie die könnte!« seufzte Irene, im äußersten Gezweig, schon

jenseits der Hecke des Schloß-Küchengartens in ihrer gefahrvollen Ruhe,

zwanzig Fuß hoch über der Wiese hängend. Und das war wieder einmal an

einem Sommermorgen, gerade als die Sonne aufging, und alle Frische und

aller Tau und alle Erwartungen vom Tage und sämtliche Pläne für die

angenehmste Verwendung desselben noch vorhanden waren.

Es ist kaum zu glauben, aber es war doch so: wir, Ewald und ich, wir

schmauchten frech hinein in die heilige Frühe und noch dazu Zigarren,

von denen der Herr Pastor nie begreifen konnte (während unserer Ferien),

wie sie ihm so rasch zu Ende gingen.

Der Herr Graf rauchte leider nicht; er würde sich sonst gewiß an eine

bessere Sorte gehalten haben. Den Knaster, den Vater Sixtus aus seiner

kurzen Jägerpfeife verdampfte, hatten sich die beiden Herrinnen von

Evenshöhe und Irenensruhe in »ihrem Baum und so früh in der Natur« ganz

ernsthaft verbeten. Ich habe es schon gesagt, ich rauche heute auch

nicht mehr; aber ich weiß das Blatt aus jener Zeit her noch zu würdigen

und zöge es jetzt jedem anderen vor. Ewald hatte gewöhnlich alle Taschen

voll davon und meinte: »Das nenne ich gar nicht _einem was ausführen_,

sondern nur _gerechte Sühne_! Es ist einfach scheußlich, wie billig der

Alte den himmlischen Äther (nicht wahr, so heißt's, Fritz?) verstänkert.

Es ist aber ganz sicher ganz dasselbe Kraut, was sich sein lieber Papst

Sixtus der Fünfte hier im Walde verstattet haben würde; nicht wahr,

Fritzchen? Du mußt es wissen.«

Weshalb mußte ich das wissen?... Weil ich den »Schlingel aus dem

Försterhause« um drei Eselsohrenlängen in der Gymnasialbildung hinter

mir zurückgelassen hatte? Es hat sich nachher ausgewiesen, daß das

ziemlich wenig zu bedeuten hatte.

Da sitzt Eva im Zweig und sagt vorwurfsvoll: »Aber Ewald, sprich doch

nicht so vom Vater!«

»Wozu hat man denn sein Taschengeld von ihm?« klingt es zurück; und --

es ist immer noch der Sommer und der Sommermorgen, die Jugend und die

Frage: was fangen wir heute mit dem unendlichen Tage bis Sonnenuntergang

an? auf der Tagesordnung!

»Heute gehen wir ihnen einmal recht ordentlich durch. Nachher kriegen

wir dann alles auf einmal über die Köpfe und sind für ein Vierteljahr

hübsch reuig durch. Übermorgen geht ihr ja doch wieder ab, und wir haben

Zeit für alle guten Ermahnungen und Weisheit und Tugend, nicht wahr,

Evchen?« ruft die Gräfin von Everstein von ihrem Aste und greift nach

dem nächsten über ihr und steht aufrecht, in tollster Lust sich wiegend.

Das ganze jetzt von der vollsten klarsten Morgensonne durchleuchtete

grüne Haus schwankt bis in seine Grundfesten, das heißt bis in die

äußersten Wurzelfasern.

»Nicht schütteln! O Irene!« ruft Eva ängstlich; aber wohl rüttelt und

schüttelt sich alles rundum, der Nußbaum und die weite wonnige Welt. Die

blitzenden Tautropfen sprühen im buntesten Glanze um uns hernieder, und

jenseits der Hecke von seinem Zweige hängt Ewald bereits wie ein Affe

auf die freie, weite Wiese herunter, mit den Füßen in freier Luft, nach

dem nächsten Aste unter ihm tastend. Daß er das Experiment nicht mit dem

Kopfe nach unten hängend ausführt, ist ein schöner Zug seiner

Nachgiebigkeit und Herzensgüte; versucht hat er's selbstverständlich,

aber Eva hat es sich für »unseren Baum« verbeten, wie Irene eben dafür

den Knaster aus der Schweinsblase seines Vaters.

Er kommt richtig auch diesmal wieder mit ungebrochenen Gliedmaßen im

hohen Grase und unter den Sternblumen und Kuckucksblumen der Wiese an

und schlägt zur Erholung von der Anstrengung noch ein Dutzend Mal Rad im

Kreise. Schon kriecht die Komtesse durch die Hainbuchenhecke, und mehr

als daß sie springt, fliegt sie über die hohen Kletten- und

Brennesselbüsche im Graben. Aus dem Wunderbaum erschallt noch ein

flehend klägliches Stimmchen:

»Ach Gott, Fritz?!«

Ich reiche beide Arme an der Leiter empor, um das ängstliche Vöglein aus

dem Baum im Notfall im Fall auffangen zu können.

»Da rennen sie schon über die Wiese nach dem Walde! Mach rasch, Evchen!«

»Ach Gott, ja! Sie hören ja nun wieder nicht! Und ich ginge doch so gern

erst hin und sagte es zu Hause, wo wir geblieben sind.«

»Wir sind ja zu Vier, Evchen! Und einer wird doch wohl übrig bleiben und

Nachricht bringen, wenn drei von uns zu Schaden kommen.«

»Ja, und ihr wollt dann, daß ich das bin! Mein Vater ängstigt sich wohl

nicht; der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim. Aber deine

Mutter!... Und Irenens Vater?!«

»Das ist nun zu spät. Sie rufen schon vom Walde her; hörst du?«

Sie rufen wirklich, und wir kommen. Wir folgen der glücklichen, seligen

Spur durch den Tau der Wiese; und nun sind auch wir, Eva Sixtus und ich,

in dem kühlen Schatten der Buchen, und -- wunderbar! ein Gewissen hatten

wir bis eben, aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. Sie

haben alle kein Gewissen in den Gebrüdern Grimm, und wir stecken nun

eben ganz darin, in dem Märchen, in der Wonne des Abenteuers der

Kinderwelt -- ganz und gar darin wie die zwei anderen, Ewald Sixtus und

Irene Everstein!

Was geht in der Menschheit Behagen über diese ganze volle

Gewissenslosigkeit des Märchens oder noch besser der Jugendzeit? -- Die

»ewige Seligkeit«; denn die wird freilich in einem noch etwas höheren

Grade gewissenslos sein.

Sechstes Kapitel.

Sie hatten vom Walde, dem großen Walde, her gerufen; und hinter dem

Walde saß der Vetter -- der Vetter Just Everstein; und wenn es für Namen

kein besser Sieb gibt als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge

seiner Auflagen, so ist es sehr schade, daß der Vetter durch einen der

gewöhnlichen Zufälle nicht hineingekommen ist. Er gehörte von Rechts

wegen hinein, und von Gottes Gnaden darin zum eisernen Bestande

irdischen guten Gerüchtes.

Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine

Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von

Generation zu Generation, von Glückswechsel zu Glückswechsel in den

Bauernstand zurückverloren. Schon vor hundertundfünfzig Jahren, gerade

als eben dem Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schloß Werden das

Grafentum als höhere Betitelung von oben zufiel, hatten die Vettern

drüben den letzten Ring, der sie an den Adel des deutschen Volkes

knüpfte, fallen lassen. Das Wörtlein _Von_ war ihnen abhanden gekommen,

wie ein Taler in die Stubenritze rollt. Sie wußten selber nicht recht

anzugeben, wie es eigentlich zugegangen war.

»Das einzige, was ich gewiß darüber weiß, ist, daß wir damals scheußlich

auf dem Hunde waren,« sagte der Vetter Just. »Was will ein Kotsasse, dem

der Siebenjährige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt, mit einem

adligen Wappen über seiner Stalltür? Sich bei den anderen Bauern und

alle Abend im Kruge lächerlich machen? Das kann er! Siehst du, Fritze,

das ist eben die Sache beim Kriege, daß er den einen zum kaiserlichen

Feldmarschall-Leutnant macht, wenn's beim anderen um die letzte Kuh

gilt. Studiere du deine mittelalterlichen Geschichtsquellen ruhig

weiter; aber meine laß mir lieber doch unaufgerührt. Ich meine, der alte

Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die Höhe. Nur

immer kühl und klar, das ist die Hauptsache; am Ende bleibt alles, was

dem Menschen überhaupt auf dieser Erde passieren kann, in der

Verwandtschaft, und das ist ein Trost; -- nicht etwa?«

»Jawohl! jawohl!« holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf. Das

war aber alles nicht an dem Morgen, an dem wir wieder einmal von dem

Nußbaum zum Vetter Everstein jenseits des Flusses »durchgingen«, sondern

lange, beschwerliche Jahre später. -- Der Nußbaum oder die Nußbäume

waren damals längst ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die, welche

den Legationssekretär Werther in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern

zu St. brachten: -- »wie kühn und wie herrlich die Äste waren!...

Abgehauen! Ich möchte rasend werden, ich könnte den Hund ermorden, der

den ersten Hieb dran tat!... Siehst du, ich komme nicht zu mir!... O,

wenn ich Fürst wäre! Ich wollt' die Pfarrern, den Schulzen und die

Kammer -- -- --«

Eine neue Chaussee führt über die Stelle weg, wo _meine_ Nußbäume

standen, und wer weiß, wie bald auch über diesen Weg sich ein

Eisenbahndamm hinlegt und wie bald die Personen- und Güterzüge vom und

zum Rhein über die Stätte brausen und keuchen. Es ändern sich stets die

äußerlichen Umstände, unter denen die Natur und der Mensch ihren Adel

gewinnen oder verlieren!...

»Passierte es nur einmal, so wäre es freilich schlimm,« sagte der Vetter

Just. »Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin

nicht anders machen lassen will, so stelle ich mich auch hier auf den

Fuß der Philosophie, nachdem ich mich geärgert habe.« Das sagte er aber

von den Nußbäumen.

Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schloß Werden erhuben die

Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch

mehr. Der »Vetter« war auch eigentlich nur dem gegenwärtigen letzten

Sproß der Familie angehängt worden und zwar von der Gegend. Es war so

etwas von der »Vetter-Michelschaft« dabei, aber im besten und

vergnüglichsten Sinne.

»Gestern abend war Vetter Just da!« war ein Wort, das einen ungemein

behaglichen Klang weit umher in jedem Hause hatte.

»Wenn ich nur wüßte, wie es mit dem Kerl zuletzt einmal zu Ende gehen

wird!« war dann freilich ein Nachklang von etwas bedenklicherer

Tonfarbe; allein es waren immer nur die Urverständigsten im Lande, die

sich also achselzuckend äußerten, und was überall in der Welt auf deren

Bedenken und heimtückisch-wohlwollende Sorglichkeit für den lieben

Nächsten zu geben ist, das weiß man; -- ich wenigstens weiß es. Ist es

nicht leider meistens der Verstand der Verständigen, bei dem sich am

liebsten die Schadenfreude hinter dem freundschaftlichen, sorgenvollen

Nachdenken und teilnehmenden, bedauernden Kopfschütteln versteckt?

Welch ein Glück ist es da, daß wir soeben erst aus unserem Nußbaum in

den Sonnenschein auf der morgendlichen, glitzernden, grünenden,

blühenden Kindheitswiese hinuntergepurzelt, geglitten und gehüpft sind

und uns immer noch, unverständig und sorgenlos, mit dem allermöglichst

wenigsten Nachdenken über uns selbst und den Vetter Just Everstein auf

dem Wege zu diesem Vetter befinden!

Auf dem Wege? O ja, wenn nur nicht die Umwege gewesen wären! Wann sind

wir damals unseren Angehörigen je anders als auf Umwegen zu dem Vetter

durchgegangen? Gab es aber überhaupt noch eine andere Gegend, die »vier

dumme Krabben«, wie der Vater Sixtus sich auszudrücken beliebte, -- in

gleicher Weise zu Dummheiten und auf Seiten- und Schleichpfade zu

verlocken imstande war?

Für uns nicht; wenn mich gleich das Leben gelehrt hat, einem jeden das

Recht unverkümmert zu lassen, das ^theatrum mundi^ seiner Jugend in

gleicher Weise allen anderen Feldern und Wäldern, hier den Fichten und

dort den Palmen, wehmütig und freudig vorzuziehen.

Nach rechts und links, im Schatten und Licht, im Trocknen und Feuchten

lockte es, und natürlich da immer am verführerischsten, wo das Dickicht

am verworrensten war, wo Berg und Fels am steilsten sich erhoben und wo

der Bach am mutwilligsten durchs Tal schäumte. Wann hätte zur Zeit der

Kibitzeier die Komtesse jemals eine Gelegenheit, bis an die Kniee im

Sumpfe zu versinken, verabsäumt? Wann hätte Ewald Sixtus je ein heiles

Knie einem zerschundenen, eine ganze Hose einer halben vorgezogen?

Und dann die Jahreszeiten, die wir zählten durch die Schneeglöckchen,

die Maiblumen über die Erdbeeren weg bis in die Brombeeren und den

Dohnenstieg! Auch ich habe damals mit den anderen gelacht, wenn die

liebe Eva ein bitteres Tränchen über die armen erhängten Krammetsvögel

vergoß und den Sack nie tragen wollte, der die gefiederte Jagdbeute

enthielt.

»Wenn sie sie in der Schüssel auch nicht riechen könnte, so wollte ich

gar nichts sagen,« brummte Ewald. »Dich meine ich nicht, Irene; aber so

seid ihr Frauenzimmer! Nicht wahr, Fritze, wir genieren uns nicht:

Was ich gebraten sehen kann,

Seh' ich nie als 'ne Mordtat an!

Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. Immer galant

gegen die Damen! sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt

ihn Fritzchen dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es

ist wahrhaftig ein Spaß, was für eine Menge unschuldig Blut so'n paar

rote Vogelbeeren an den Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?«

»Famos!« ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glühend vor Jagdlust;

und der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr

die blonden Locken über das Gesicht und -- treibt mich zurück in den

Sommermorgen, den ich immer von neuem unter der Feder weg verliere, um

mich immer wieder zu ihm zurückzufinden.

»So? haben sich die beiden Puppen noch herangefunden?« fragt Ewald

grinsend, als seine Schwester und ich ihn und die Gräfin unter den

Bäumen des Waldes wieder einholen. »Das ist schön! Nun haben wir auch

die Tugend und die Vorsicht in der Bande, und nun kann's losgehen! Was

an mir in Fetzen heute davonfliegt, das flickst du zusammen, Evchen. Für

die schändlichen Redensarten, die heute abend über Irene losgelassen

werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch weiter; -- deine

Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hängt schon an

der Sturmglocke --«

»Und Papa kommt die Treppe herunter und schüttelt in dem Gartensaale den

Kopf. Und deine Mama ringt die Hände, Fritz, und Papa ist zu allerletzt

noch am wenigsten ärgerlich und in Sorgen. Ach, es soll aber heute auch

das allerletzte Mal sein, daß wir so böse sind! Ich gehe ganz gewiß

nicht wieder mit durch, ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.«

»Ich auch nicht,« ruft Eva Sixtus mit Tränen in den Augen.

»Ich auch nicht!« sage ich kleinlaut, und --

»Na, denn ich auch nicht; aber fürs erste stecke ich mir jetzt 'ne

Pfeife an. Hier sind wir auf Staatsforstgrund, und die Grafen von

Everstein können mir meinetwegen kommen. Übrigens könnt ihr ja alle noch

umkehren; im Notfall laufe ich ganz gern allein, und dem Vetter Just ist

es auch recht. Geh du dreist wieder nach Hause, Fritzchen, und nimm

alles ruhig mit, was sonst noch von Teesimpeln da ist. Au!... alle

Donner!«

Eine gute Handvoll Haare aus der Lockenfülle des »höhnischen

Hanswurstes« streut Irene Everstein in die Morgenlüfte, und fünf Minuten

später sind wir allesamt so weit von dem Schlosse Werden fern, daß uns

auch der lauteste Klage- oder Warnungsruf von dorther nicht mehr zu

erreichen vermöchte. Wir sind gerettet aus aller Kultur in die schönste

Wildnis, in die sich der gebildete, älter gewordene Mensch nur in seinen

allerhöchsten Feierstunden zurückdenken kann, -- in den Stunden oder

Augenblicken, die wie ein leichter schöner Rausch kommen und schwinden

und leider nicht jeden Tag auf der Tagesordnung stehen, was auch die

Leute, die es so ausnehmend gut verstehen, »zur Sache!« zu rufen, davon

halten mögen.

In ^an indian file^, wie Ewald, der damals mit größestem Eifer seine

amerikanischen Abenteurerromane englisch las, sagte, schlüpften wir

durch die Büsche; und wenn die beiden Mädchen alle Augenblicke aus der

Bahn brachen und ins Blumenpflücken gerieten, so fand sich für uns zwei

Jungens wieder mancherlei anderes, was uns auf dem Wege aufhielt. Gut

zehn Uhr wird es in _Bodenwerder_ geschlagen haben, wenn wir endlich

eine halbe Stunde weiter stromaufwärts das Flußufer, den Vater Klaus und

den Kahn desselbigen bei seiner Fischerhütte erreichen.

Es führt eine Schiffbrücke bei Bodenwerder über den Fluß. Das weiß ein

jeder, so gut als ein jeder den Freiherrn von Münchhausen aus

Bodenwerder kennt. Was wäre aber unsere Fahrt zu dem Vetter Just

Everstein ohne den Vater Klaus und seinen Kahn inmitten des Weges?

Unbedingt nur das halbe Vergnügen.

Wenn wer mit in die Lust des wolkenlosen Tages hineingehörte, so war's

der alte Fischer Klaus, obgleich Ewald jedesmal bemerkte:

»Wären die Mädchen nicht dabei, so sparte ich sicher meinen Groschen dem

Alten am Leibe ab. Wer schwimmen kann, braucht auf dem Lumpenwasser noch

lange keine Bretter unter sich.«

»O du Renommist!« ruft Irene, die, wenn sie sich ganz allein zwischen

den Buchen und Weiden hüben und drüben gewußt hätte, wahrscheinlich

gleichfalls keine Bretter und Balken zwischen sich und das

sonnenbeglänzte, weich hingleitende Element gelegt haben würde.

Schon zupft mich Eva Sixtus scheu und erschreckt am Rockärmel.

»Sei nur ruhig, Evchen! Sie renommieren beide furchtbar. Das Großmaul da

mit seinen Händen in den Hosentaschen und Irene -- innerlich! Komm nicht

ins Rutschen den Abhang herunter. Da liegt der Vater Klaus bei seinen

Reusen, und da steigt sein Rauch auf von seinem Herde. Irene kann ja gar

nicht schwimmen!«

Dieser Rauch von dem Feldsteinherde des Alten am Wasser ist

wahrscheinlicherweise die Rettung meiner Nase vor zwei Fäusten, die von

rechts und links her dicht unter sie gehalten werden.

»Hurra, der Vater Klaus!« schreit Ewald und rutscht bereits auf seines

Vaters erst vor einem halben Jahre an den Dorfschneider abgegebenen

Hochzeitshosen über das Steingeröll in die Tiefe, als ob er den Stoff

gleichfalls für »absolut unverwüstlich« erachte.

Die Komtesse wirft mir noch ein »Ach, so'n gutes Fritzchen!« zu und

folgt dem Kameraden bergunter gleichfalls in sitzender Stellung und nur

um ein Weniges mehr als er um den äußerlichen Anstand besorgt.

»Na, na, wat kummt mi da? Ach, Herrje, i seh'n Sie mal!« meint Vadder

Klaus, und wir sind alle bei ihm angelangt, -- alle mit heiler Haut, bis

auf den Meister Ewald, der sich etwas nachdenklich die Posteriora reibt

und mehrfach den vergeblichen Versuch macht, sich dieselben über die

Schulter genauer zu betrachten und seinen Schaden zu besehen.

Nach dem Walde das Wasser! Es ist sehr heiß an dem Ufer; aber keiner

merkt es. Der Fluß ist breit genug, um alles, was in der jungen Brust

noch gebunden lag, frei zu machen. Eilig drängen sich und lautlos die

Wirbel vorbei und nehmen uns geheimnisvoll verführerisch in der

Phantasie mit sich in das Hellste, Kühlste, Grenzenloseste -- immer

weiter und weiter durch alle geographischen Schulstubenerinnerungen bis

hin auf das große Meer. Juan Fernandez und Salas y Gomez liegen im

magischen Blau als einzige feste Punkte, an denen die Erfahrung mit

wonnigem Herzpochen haften kann; darüber hinaus in wiederum undenklicher

Ferne spült und sprüht's nur in die Buchten und Palmenwälder von

Traumland hinein! selbst für Ewald Sixtus, der schon ganz genau weiß,

daß die Weser einfach bei Bremerhaven in die Nordsee mündet, daß vor

Neuyork Long Island liegt und daß Staat und Stadt Neuyork zu den

Vereinigten Staaten von Nordamerika gehören. Auch für mich, der ich in

der neueren Geographie ziemlich und in der alten recht gut Bescheid

weiß, der ich den Weg des Königs Alexander zum Indus und nachher die

unvereinigten Staaten von ^Asia minor^ ganz genau auf der Karte zeigen

kann.

Während nun Vater Klaus seinen langgedienten Kahn zur Überfahrt bereit

macht, durchstöbern die zwei Mädchen »zum wer weiß wievielten Male« sein

einsiedlerisch halbwildes Hauswesen.

»Eines steht fest,« ruft Irene, den blonden Lockenkopf aus der Pforte

der Hütte vorstreckend; »das nächste Mal bitten wir zu Hause um die

Erlaubnis, und dann bleiben wir eine Nacht hier. Da liegen wir hier am

Feuerherde und braten uns unsere Fische selber, und der Mond _muß_

scheinen und wir singen dazu und rufen die Kähne und Flößer an --«

»Und kriegen dumme Redensarten zurück,« grinst Ewald.

»Und dumme Jungen werden draußen mit dem Kopf ins Nasse untergeduckt --«

»Und ich bin dabei!« schreit Ewald mit einem Sprunge und die Mütze

schwingend. »Das ist eine ganz rasend heitere Idee! Das nächste Mal

gehen wir ihnen sicherlich erst bei Sonnenuntergang durch!«

Und der Alte am Wasser, bedenklich seine Kappe von einem Ohr aufs andere

schiebend, meint:

»Ich wäre wohl schon dabei, und zu Schaden sollten die jungen

Herrschaften bei mir auch wohl nicht kommen; aber -- schriftlich muß ich

die Erlaubnis doch wohl vor mir haben; denn nachher kenne ich sonst die

Herren beim Amte gut genug, wenn ich wieder von wegen meiner

Berechtigung allhier vor sie muß. In alten Zeiten, allwo man noch gar

keine Papiere nötig hatte, soll das alles viel besser gewesen sein, und

da hätte auch ich nichts Schriftliches verlangt, sondern im Gegenteil.«

»Dies ist doch großartig!« meint Irene Everstein, eine der gewohntesten

Redensarten ihres Freundes Ewald sich aneignend.

Nun fahren wir über.

»Nicht schaukeln! bitte, bitte, nicht schaukeln, Irene!« fleht Eva, wie

sie vorhin »Nicht schütteln!« ängstlich gerufen hat.

Die Strömung ist ziemlich heftig und das »Schaukeln« in der Tat durchaus

nicht notwendig.

»Ja, lassen Sie es lieber, junge Herrschaft,« meint der Vater Klaus.

»Erst vor acht Tagen habe ich da ein bißchen weiter unten eine

herausgeholt. Die mußte ziemlich weit von oben her zugereist sein; hier

herum und soweit unsere Gerichtsherren hinreichen, hat sie niemand

gekannt. In Bodenwerder haben wir sie denn auch unbekannterweise

beerdigt, und ich bin auch der einzigste gewesen, der mit ihr gegangen

ist; und das ist nicht das erste Mal in meinem Leben gewesen. So'n alter

Fischersmann will doch nicht so ganz als ein Vieh an seinem Wasser

sitzen, sondern sie geben sich, mit Respekt zu sagen, gegenseitig alle

Ehren. Ja, so 'nen Wasserlauf soll man nur recht kennen durch die Jahre

und Tage und Nächte und alle Witterungen -- das ist wohl was

Nachdenkliches, junge Herrschaften!«

Wir sahen alle nach dem Weidenbusch hinüber, wo die unbekannte Fremde

anlandete nach ihrer langen Reise. Irene schaukelte nicht mehr; aber nun

sind wir mitten im Strom, und wo ist der Sonnenschein heller als mitten

auf den Wassern? Die Wellen flimmern, silberne Flossen schnellen rundum

auf, um blitzschnell wieder in die Tiefe zu verschwinden. Wir lassen

alle eine Hand in die laue Flut herniederhängen und sie um die erhitzten

Pulse spülen.

»Na, aber Fritze, dein zarter Teint!« grinst Ewald. »Nun guckt nur, ob

seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblättert wie eine

Zwiebel. Von euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja

ganz in eurem Elemente, und übrigens wird es euch auch Fritzchens Mama

heute abend schon sagen, und morgen früh noch einmal.«

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten · 第 5 / 13 题