Geliebteste. Endlich ein zärtlicher Gruß auf sicherem Wege. Wie danke

ich Dir, du Süße, für all die liebevollen, sehnsüchtigen Zettelchen, die

Du mir schicktest. Ich trage sie auf dem Herzen; sie könnten mich vor

feindlichen Hieben schützen, wie Deine Liebe mich für alles persönliche

Leid unempfindlich macht.

Was Du von unserem Sohne schreibst, beglückt mich aufs tiefste; daß er

kräftig ist, wird ihn fähig machen, den Stürmen der Zukunft zu trotzen.

Wie das Kind Dich über die Qual der Gegenwart hinweghebt, -- »wenn ich

es sehe, sehe ich dich,« sagst du, -- so hilft mir die Arbeit.

Unter dem kleinen Landadel spürt man den Hauch eines neuen Geistes.

Grade der Umstand, daß er verarmte, macht ihn fähig zur Aufnahme

moderner Ideen. Um so leichter wird er die Steuerprivilegien fallen

lassen, wenn er auf der anderen Seite sieht, daß die Finanziers, die »an

Papieren Reichen« zu neuen Steuern herangezogen werden. Mit den großen

Grundbesitzern allerdings steht es anders. Der Marquis Montjoie hat

unter ihnen die stärkste Anhängerschaft, und wenn der schlanke Greis mit

dem Adlerprofil und den ruhigen Bewegungen seiner langen, blaugeäderten

Hand vor die Versammlung tritt, um das ganze ehrwürdige Rüstzeug der

Tradition gegen unsere neuen, unerprobten, blanken Waffen ins Feld zu

führen, so hat er von vornherein gewonnenes Spiel. Jede

Interessengemeinschaft mit dem dritten Stand lehnt er ab, am

energischsten die mit den Parvenus, -- »weil sie unsere Herrensitze

usurpierten, glauben sie uns gleich zu stehen. Reich kann man werden,

aber vornehm muß man sein.« Selbst im Kampf gegen mich verläßt ihn nicht

seine äußere Ruhe; nur ich höre den schärferen Ton seiner Stimme, und

sehe das Aufblitzen unversöhnlichen Hasses in seinen Augen. Aber wir

sind ja erst beim Vorpostengefecht; der Feldzug beginnt in Paris.

Einen einzigen Mißton, geliebte Frau, hat Dein letzter Brief in den

reinen Akkord Deiner Liebesworte gebracht. Du willst während der

Notabelnversammlung des Kindes wegen, dem die Pariser Luft nicht gut

bekommt, in Froberg bleiben, Du freust dich sogar, mit ihm allein zu

sein, der täglichen, stündlichen Pein enthoben, die die Zärtlichkeiten

des Marquis für den Kleinen dir verursachen. Und ich?! Und die

Möglichkeit, daß wir den rechten Augenblick versäumen könnten, einander

ganz zu gehören?!

Überlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen

ist.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, 16. Februar 1787._

Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu

denken, daß Du allein in Froberg trüben Gedanken nachhängst, verwundet

mein Herz noch mehr. Mir ist, als hätte auf dem Papier Deiner Briefe

Deine Hand gelegen, heiß von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepreßt

war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein

einziger Gedanke genügen, Dich aufzurichten: daß unser Schicksal von

Deinem Willen allein abhängt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der

Güte, Rücksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel

nur um so mehr quälen zu können, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du

hast ihm seine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf

den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen ächtet, dessen

Urteil trifft uns nicht.

Trübe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stören;

stundenlang hörtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn

er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schloß zu

der alten, verlassenen Burg hinüberging, dann sahst Du ein Licht unruhig

hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen

Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm

stumm die Hand gereicht!

Wie könnte ich Dir darum zürnen, Du Einzige Du?! Vergiß nur nicht, daß

ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!

Die Mitglieder der Notabelnversammlung dürften schon vollzählig

eingetroffen sein. Die Pariser, für die das Schauspiel doch nur hinter

verschlossenen Türen vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den

Vorhängen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles

ist auf der Straße. Man scherzt und lacht, aber die Fröhlichkeit, die

wie ein leichter Luftzug die Oberfläche des Wassers zierlich kräuselt,

läßt nicht vergessen, daß ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre

schlammigen Tiefen aufwühlen kann.

Als Herr von Calonnes Erkrankung bekannt wurde, und man verbreitete, er

speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der

Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an

seiner eigenen Tür folgenden Anschlag: »Die Schauspieler des

Finanzministers werden zur Aufführung bringen: 'Überflüssige Vorsicht'

und 'Trügerische Hoffnungen'. Die Rolle des Souffleurs übernimmt er

selbst.« Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Königin die

Oper »Theodor« von Paësiello aufgeführt. Als der Titelheld, ein

verlassener König, seine Schmerzen klagte, rief eine Stimme im Parterre:

»Berufen Sie doch die Notabeln!« Schallendes Gelächter und endloses

Bravorufen unterbrach die Aufführung. Man versuchte, die Unruhstifter zu

verhaften, die Königin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre

Güte nur als Schwäche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe

folgten ihrem davoneilenden Wagen.

Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht,

die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde,

begegnet meist dem stärksten Unwillen. »Wir wollen keine Almosen, wir

wollen Rechte,« rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen

Emissär der Regierung zu. »Der Mensch ist frei geboren und überall liegt

er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn den

Machtmachern unterwürfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen

die Anerkennung der Souveränität des Volkes, nicht die Stillung unseres

Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.«

Die Notabeln sind äußerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein

andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der

Pariser preisgibt: viele Männer mit großem Namen in geflicktem Rock,

viele Priester mit arbeitsharten Händen.

Ehe Du diesen Brief erhältst, werden wir zusammengetreten sein. Eine

eben erschienene Broschüre steigert noch die Erregung. Sie trägt den

Titel: »Letzte Gedanken des Königs von Preußen«, und enthält unter

anderem folgende Sätze, die heute früh in großen Lettern an den

Straßenecken prangten:

»Nationen, die mit geborgtem Geld Kriege führen, werden niemals Frieden

haben; nach dem Krieg mit dem Nachbarn beginnt der Krieg mit den

Geldgebern; das Volk kommt nie zur Ruhe. Bleibt schließlich nur der

Ausweg des Bankrotts, und er ist unvermeidlich.«

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 3. März 1787._

Meine Liebe. Die außerordentlich anstrengende Tätigkeit im dritten

Bureau der Notabelnversammlung macht es mir erst heute möglich, Ihnen

für die gewünschten regelmäßigen Berichte zu danken. Es freut mich zu

hören, daß Sie und Godefroy sich wohlbefinden.

Obwohl die Geheimhaltung der Verhandlungen mir verbietet, Ihnen ihren

Verlauf im einzelnen zu schildern, so halte ich mich doch für

verpflichtet, Ihnen, im Vertrauen auf Ihre unverbrüchliche

Verschwiegenheit, -- jede Veröffentlichung der Tatsachen würde

unabsehbares Unglück heraufbeschwören --, den Ernst der Lage nicht

vorzuenthalten.

Stutzig gemacht durch die Andeutungen des Finanzministers über die Höhe

der Schulden, und empört über die uns zugemutete neue Grundsteuer, --

der Adel Frankreichs hat sich bisher die Steuer des Bluts und des Lebens

für den König selbst auferlegt und braucht sich darum nicht wie ein

jeder Krämer des dritten Standes behandeln zu lassen, dem man die Opfer

für das Vaterland erst abzwingen muß, -- haben wir einen

Rechenschaftsbericht verlangt, um ihn mit dem Compte rendu Neckers

vergleichen zu können. Er ist uns gestern in unzureichendster Weise

gegeben worden. Darnach scheint die Schuldenlast seit 81, wo ein

Überschuß von 10 Millionen konstatiert wurde, auf nicht weniger als 112

Millionen angewachsen zu sein. Das bedeutet, wenn die Aufstellung

richtig und wenn eine Deckung nicht zu beschaffen ist, den

Staatsbankrott, und wenn die Öffentlichkeit unterrichtet wird, eine

ungeheure finanzielle Deroute. Diese beiden Möglichkeiten bitte ich Sie,

ins Auge zu fassen und sich darauf vorzubereiten, daß auch ich den

größten Teil, wenn nicht den ganzen Rest meines Vermögen bei dem stark

engagierten Bankhaus Saint-James verlieren könnte.

Es ist selbstverständlich, daß wir Alles tun, um ein Unglück zu

verhindern. Es ist aber auch ebenso selbstverständlich, daß wir uns

nicht, wie die Regierung zu erwarten schien, zu ihrem willenlosen

Sprachrohr machen. Alle sieben Bureaux haben trotz des leidenschaftlichen

Widerstandes des Herrn von Lafayette und seiner Anhänger, die um den

Beifall der Straßenpolitiker zu geizen scheinen, die Grundsteuer

abgelehnt, ehe uns nicht die detailliertesten Nachweise über die

finanzielle Lage gegeben werden. Verschwendungen ungeheurer Art oder

schmähliche Veruntreuungen innerhalb der Regierung sollen wir gezwungen

sein, auf unsere Schultern zu nehmen? Der König, der sein Ohr schlechten

Ratgebern lieh, hat es verstanden, den Adel, auf den er sich sonst

allein stützen konnte, im Lager seiner Gegner zu sehen.

Sollte Außerordentliches geschehen, so werde ich Ihnen durch besonderen

Kurier Nachricht geben.

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 22. März 1787._

Verehrte Frau Marquise. Ihre Antwort auf meinen Brief war so

diplomatisch, daß ich wieder einmal von der Begabung der Frauen für die

Politik überzeugt worden bin.

Inzwischen haben die Ereignisse mir rechtgegeben. Calonne wird über

ihnen stürzen, jetzt besonders, wo sein kopfloser Appell an die

Öffentlichkeit sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen hat. Das Volk

steht auf Seite der Notabeln, nur weil sie die Frondeure der Regierung

sind. Die Zahlen, die allmählich, trotz des strengsten Schweigegebots

durchsickern, steigern die Aufregung und rauben uns allen Kredit und

alles Ansehen. Man hört von geheimen Rüstungen in England, von

preußischen Truppen, die sich an der holländischen Grenze

zusammenziehen. Der Tod Vergennes', eines tüchtigen Mannes, der

verstand, unsere auswärtige Politik durch die bedrohlichsten Stürme zu

steuern, die Unfähigkeit des Lakaien Montmorin, seines Nachfolgers --,

das alles sind Vorboten trüber Tage.

Aber nicht, um Sie mit ihnen zu schrecken, schreibe ich heute, sondern

um Sie um die Gnade zu bitten, Sie bei meiner Inspektionsreise im Elsaß

aufsuchen zu dürfen. Sollten Sie im Mai nicht in Froberg sein, so darf

ich noch eine Nachricht erwarten. Oder dürfte ich, trotz Ihrer

offenbaren Ungnade, darauf hoffen, auf alle Fälle eine Zeile von Ihnen

zu erhalten? Meine unerschütterte Verehrung für Sie sollte wenigstens

auf die Gewährung eines Handkusses rechnen können!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, am 9. April 1787._

Geliebteste Delphine. Ich beeile mich, Dir durch besonderen Kurier

mitzuteilen, was Dich und uns auf das Nächste berühren muß. Calonne

wurde heute seines Amtes enthoben. Über die schwindelnde Höhe des

Defizits herrscht in der Pariser Bevölkerung kein Zweifel mehr. Die

Bankhäuser Saint-James und Boutin sind seit gestern geschlossen. In der

heutigen Sitzung erschien der Marquis als ein Gespenst seiner selbst,

aber in grader, tadelloser Haltung. Er bat, wie ich erfuhr, um Urlaub.

Wie weit er an dem Ruin des Herrn von Saint-James beteiligt ist, weiß

niemand.

Ich hoffe mit Bestimmtheit, daß diese Zeilen Dich vor seiner Ankunft

erreichen, und Dein gütiges Herz nicht unvorbereitet seinem Unglück

gegenübersteht.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 9. April 1787._

Meine Liebe. Das Gefürchtete ist eingetroffen, ohne mich noch

überraschen zu können. Ich habe mein Vermögen verloren. Das Wenige, was

ich im Laufe der letzten Tage sicherzustellen vermochte, wird grade nur

ausreichen, uns vor Entbehrungen zu schützen. Ich bedaure die Sachlage

um Ihretwillen, die Sie an ein luxuriöses Leben gewohnt sind. Für meinen

Erben möchte ich sie dagegen beinahe als ein Glück bezeichnen. Der

Reichtum hat den Adel Frankreichs in Bahnen gelenkt, die ihn seiner

besten Kräfte berauben; die Armut wird ihn unweigerlich vor die Wahl

stellen, untergehen zu müssen oder sie zurückzugewinnen. Die Zukunft

bedarf eines Geschlechtes von Eisen.

Ich werde meiner Gemahlin keine anderen Kleinodien, und meinem Erben

nichts mehr zu hinterlassen haben als die Ehre meines Namens. Ich

erwarte, -- das einzige, was mir das Leben noch zu erwarten übrig ließ

--, daß sie sich dieses Schatzes würdig erweisen.

Ich folge diesem Brief auf dem Fuß, da ich zunächst in Straßburg alles

Geschäftliche zu erledigen habe. Froberg bleibt uns. Wir werden uns

jedoch auf die Burg beschränken müssen.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 4. Mai 1787._

Teuerste Delphine! Das Unglück, das Sie traf, hat mich mit betroffen,

wenn ich auch zu sehr zur alten Schule gehöre, als daß ich öffentlich

Tränen darüber vergießen könnte. Sie wissen doch: sogar die Notabeln

weinten, als Calonne, der arme Prügelknabe, gegangen war und der König

ihnen die Vorlage aller Rechnungen versprach; sie haben ihre

Tränendrüsen offenbar für Schmerzen und Freuden ordentlich eingeteilt.

Die Königin erstarrte förmlich, als sie von Ihrem Schicksal erfuhr; sie

kam gerade vom Krankenbett des Dauphin, wo sie ihren Vorrat an Tränen

gelassen haben mochte. Heute sagte sie mir, ich möge Ihnen mitteilen,

daß sie noch so glücklich ist, Ihnen beistehen zu können.

»Daß die kleine Marquise ihre Perlen verkaufen mußte, erregt mich

nicht,« sagte sie, »vielleicht hing auch an diesem wundervollen

Geschmeide ein böser Fluch! Aber daß sie verurteilt wurde, in der

dunklen Burg zu wohnen -- ein sonnengewöhnter Paradiesvogel im Käfig! --

das macht mich schaudern.« Sie bietet Ihnen an, in ihren Hofstaat

einzutreten, und würde Ihnen im geheimen aus ihrer Schatulle die Mittel

dafür bewilligen.

Könnten wir nicht doch noch inmitten des schwarzen Weltmeeres eine Insel

der Seligen mit den Flüchtigen vom anderen Ufer bevölkern?!

Eine Ahnung von ihrer Möglichkeit hatten wir kürzlich.

Die Guimard tanzte auf der kleinen Bühne des Schlosses, mit ihr die kaum

zwölfjährige Laure, die wunderbare, jüngste Schülerin von Vestries.

»Vergangenheit und Zukunft« war der Titel der Pantomime, die sie

aufführten: die Guimard als Marquise Pompadour in der üppigsten

Courrobe, übersäet mit funkelnden Juwelen, die kleine Laure in

flatterndem Hemdchen, als einzigen Schmuck ein rotes Tuch turbanartig um

das Köpfchen gewickelt. Sie hob und senkte sich, sie schwebte und

wirbelte um die feierlichen Menuettpas der Marquise, daß diese »Zukunft«

Jeden erobern mußte.

Die Königin befahl die Tänzerinnen zum Souper. Noch einmal hatte die

Göttin der Freude der hohen Frau ihr Szepter in die Hand gedrückt. Immer

wieder sprangen die Korke der Champagnerflaschen gegen die Decke und

trafen wie Pfeile Amors die bloßen Brüste gemalter Najaden; immer kecker

wurden die Chansons, vom perlenden Lachen der Königin unterbrochen.

Es war wie einst!

Gegen Mitternacht öffnete sich die Türe zu den Gemächern des Königs. Er

trat ein, fahl im Gesicht; der Gesang verstummte, die Tänzerinnen

standen still, angstvoll flüchtete sich die zitternde Zukunft in die

Arme der blassen Vergangenheit; der König flüsterte mit seiner Gemahlin;

das Licht in ihren Augen erlosch.

Es war der Tag, an dem Lomenie de Brienne Finanzminister geworden,

Calonne nach England entflohen, und das böse Wort vom Staatsbankrott in

der Notabelnversammlung zum ersten Mal gefallen war!

Von der Insel der Seligen waren wir allzu rasch an das Gestade der

Wirklichkeit zurückgekehrt. Aber wenn Sie bei uns sind, Holdseligste,

werden wir uns nicht mehr von ihr vertreiben lassen.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 27. Mai 1787._

Geliebteste, ich höre nichts von Dir und bin in größter Angst. Da ich

nicht weiß, was geschehen ist und was geschehen kann, habe ich der Post

oder einem gewöhnlichen Kurier diese Zeilen nicht anzuvertrauen gewagt.

Gaillard hat es übernommen, sie sicher in Deine Hände gelangen zu

lassen.

Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er

wird, er muß Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am

Hofe, noch auf eine Rolle in der Oeffentlichkeit mehr Rücksicht nehmen

zu müssen glaubt. Tut er es nicht, so entschließe Dich, liebste

Delphine, und komm unter dem Schutze Gaillards zu mir. Nicht nach

Etupes, nicht nach Montbéliard, wo man Dich suchen würde, sondern nach

dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.

Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.

Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflösung der

Notabelnversammlung, die stürmische Forderung nach der Einberufung der

Generalstände, -- das heißt nichts anderes als unsere Kriegserklärung an

den König, -- haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach

Dir, Du Süße, zu ersticken vermocht.

Zu Zeiten der Gefahr gehören Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles

zusammenstürzt, wo die Götter, vor denen wir einstmals knieten, deren

Unersättlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich

als tönerne Götzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer

eisengepanzerten Epoche alle Heiligtümer -- die Ehe, die Familie, die

Freundschaft, die Königstreue -- der juwelenbesetzten Gewänder

entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behängten, und armselige

Gerüste uns nur noch entgegenstarren, -- jetzt, meine Delphine, können

befreite Menschen über die Trümmer hinweg sich ruhig die Hände reichen.

Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglücks, sie sind auch

bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.

Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der Überredung, wo nichts

entscheiden soll, als das Gesetz in Dir?

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 19. Juni 1787._

Meine Delphine -- mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem

Innern erst austoben lassen; -- nun ist von ihm nur die Verwüstung

übrig geblieben!

Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du

eiserne Fesseln an Händen und Füßen trügst --, ich würde Dich erobert

haben! Aber da Du selbst -- Du selbst! -- Dich in Ketten schlägst, wer

vermöchte Dich zu befreien!

Weißt Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen,

die auch Deine süßesten Worte mir ins Herz bohrten?!

»... Mit eiserner Kraft hielt der Marquis sich noch in Straßburg

aufrecht. Als der Marstall sich leerte, als die bepackten Möbelwagen

sich unter Peitschenknallen und Räderknarren schwankend von Montjoie

fort bewegten und der alte Gärtner mit zitternden Händen die Läden des

leeren Schlosses über die schwarzen Fensterhöhlen legte, als die

Dienerschaft Abschied nahm --, einer nach dem anderen in endlos

scheinender Reihe, da stand er immer noch gerade aufgerichtet und hatte

ein Lächeln für jeden wie bei einem großen Empfang...«

Rühmst Du nicht mit jedem Wort den hartherzigen, alten Mann, der für

scheidende Untergebene ein Lächeln, für sein Weib nur die Folter hat?!

»Am Abend aber fand ihn der einzige, alte Diener, den wir behalten

haben, bewußtlos am Boden neben seinem Schreibtisch. Erst nach Tagen

der Sorge« -- (Sorge um einen Menschen, der Dich kaufte?!) -- »kam er zu

sich. Seitdem wird das Sprechen, das Gehen ihm schwer. Unermüdlich läßt

er sich im Rollstuhl durch die düsteren Räume fahren. Nur die Arme kann

er bewegen, wie immer.« --

Um Dich zu halten, Dich und unser Kind! --

»Und gerade jetzt, in dieser gräßlichen Not sollte ich von ihm gehen,

sollte in dem Mann, der alles verlor, den Glauben erwecken, daß ich wohl

seinen Reichtum genießen, nicht aber seine Armut teilen kann? Die Frage,

die zu stellen Du von mir verlangst, die Flucht, die mir übrig bleibt,

wenn ein hartes Nein seine Antwort ist, würden den Geschwächten töten.

Kannst Du verlangen, daß ich seine Mörderin werden soll?«

Aber daß er in uns Alles tötet, was Glück und Hoffnung ist, -- also mehr

als das bloße armselige Leben eines vom Tode schon Gezeichneten --, das

gibst Du zu?!

Ich kann nicht anders: ich balle die Fäuste gegen Dich, Delphine!

Gaillards Bericht hat das Bild vollendet, das Du mir maltest. Ich sah

den starken, fast rohen Mann nie so bewegt.

»Sie ist ganz blaß, ganz schmal,« sagte er; »sie irrt durch die hohen,

dunklen Räume, vor denen sie sich graute, seit sie sie zum erstenmale

betrat. Und unter den weißen Tüchern, in die sie sich hüllt, zittern

ihre Schultern mitten im Sommer. Sie trägt den Kleinen jedem

Sonnenstrahl nach, der hier oder dort durch die tiefen Fenster fällt.

Seitdem die Bauern, von der Haltung des Marquis in der Notabelnversammlung

unterrichtet, die Räumung des Lustschlosses im Park mit Vivatrufen

begleiteten, und ein kleiner, schmutziger Dreikäsehoch nach ihrem Sohn

mit einem Feldstein warf, als sie draußen mit ihm spielte, verläßt sie

den engen Burghof nicht mehr.«

Bist Du wahnsinnig, Delphine, daß Du Dein eigen Kind dem Greise opfern

willst?! Oder ist es etwas anderes als ein Opfer, wenn Du ihn in dieser

Atmosphäre des Grauens atmen läßt?!

»Schreib mir nicht mehr,« bittest Du, »Deine Sehnsucht facht meine Liebe

an, daß sie alles verbrennen könnte, was an Pflichtgefühl, an Lebensmut

in mir ist...« Aller Entfernung, allen Gefahren zum Trotz würden,

hättest Du Deinen Wunsch nur mit diesem Satz begründet, meine Kuriere

täglich zu Dir fliegen, denn alles, alles soll verbrennen, damit Deine

Liebe, ein Fanal des Sieges, hell auflodere. Aber Du fügst einen anderen

Satz hinzu: »jedes Deiner Worte ist Gift in der großen, offenen Wunde

meines Herzens, ich vergehe daran, und ich muß doch leben, um des

Einzigen willen, den das kurze Liebesglück mir ließ: um unser Kind...«

Ich verstumme, Delphine. Vielleicht, daß vollkommene Ruhe Dir hilft,

Dich wiederzufinden. Alle Zweifel an Deiner Liebe, Deiner Treue, die in

mir aufsteigen, will ich zu ersticken, alle Sehnsucht durch das Übermaß

der Arbeit, die vor uns liegt, zu unterdrücken suchen.

Lebewohl!

Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 25. Juni 1787._

Verehrte Frau Marquise! Meinem Versprechen getreu sende ich heute einen

ersten Bericht. Ich würde, auch ohne Ihre bestimmte Aufforderung, stets

rückhaltlos wahr sein.

Der Prinz war ganz gebrochen. Er weinte nach innen, wie alle Starken.

Tagelang schloß er sich ein. Erst die Nachricht, die der Marquis

Lafayette ihm überbrachte, daß die beiden Minister des Kriegs und der

Marine angesichts der drohenden Haltung der preußischen Truppen an der

Grenze Hollands und der leeren Kassen Frankreichs ihren Abschied

eingereicht haben, riß ihn aus der Versunkenkeit.

Er ist ein Mann der Tat, darum wird er nicht untergehen, Frau Marquise!

Das Gerücht, daß wir zu der Ehrlosigkeit gezwungen sein könnten, unsere

holländischen Verbündeten im Stich zu lassen, empört die Pariser. An der

Place de la Dauphiné verbrannte man die Bilder des Finanzministers, die

vorher gewaltsam aus den Buchhandlungen entfernt worden waren. Vor dem

Schloß von Versailles versuchte man eine laute Demonstration; es wäre zu

einem Zusammenstoß mit den Schweizer Garden gekommen, wenn nicht die

Nachricht sich verbreitet hätte, daß die neugeborene Prinzessin soeben

verschieden sei. Das Volk ging ruhig auseinander. Es ist jetzt noch ein

lenkbares Kind. --

Meine Adresse ist im Augenblick die Ihnen bekannte. Ich unterschreibe

nicht. Eine Verbindung mit mir könnte Ihnen einmal gefährlich werden.

Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 19. August 1787._

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 21 / 23 段