Verehrte Frau Marquise! Der Prinz hat Paris verlassen. Nur auf kurze

Zeit, wie er sagte, und um die Stimmung in der Provinz kennen zu lernen.

Auch Lafayette und Mirabeau sind fort. Ich glaube, daß sie, seitdem das

Parlament durch königliche Haftbriefe nach Troyes verwiesen ist,

ähnlichem Schicksal aus dem Wege gehen wollen.

Wir leben in dauernder Erregung. Wir erzwangen uns den Eintritt ins

Parlament während der stürmischen Verhandlungen. Ich wahrte mir, so sehr

ich konnte, die Kühle meines Kopfes und sehe in der Verweigerung der

Grund- und Stempelsteuern weniger ein Zeichen des allgemeinen

demokratischen Geistes, der sich keinem Machtwort eines absoluten

Monarchen mehr fügen will, als einen Beweis für den Egoismus der Stände.

Wären sie Vaterlandsfreunde, wie sie zu sein behaupten, so würden sie im

Augenblick höchster Gefahr, wo die Regierung an ihren Opfermut

appelliert, nicht krampfhaft die Hand auf den Beutel halten.

Mir und meinen Gesinnungsgenossen kann diese Enthüllung der Motive ihres

Handelns nur recht sein. Mit um so größerer Wucht werden wir im

geeigneten Augenblick neben die von ihnen erhobene Forderung

bürgerlicher Freiheit die der sozialen Gleichheit stellen.

In den politischen Klubs tönt sie laut genug. Und die Polizei hat sie

längst gehört. Vor kurzem rief ein Leidenschaftlicher im Palais-Royal

über die Köpfe der Flaneure hinweg: »Mit den Gedärmen des letzten

Priesters erdrosseln wir den letzten König.« Man wollte ihn verhaften,

ließ ihn aber laufen, als sich zur Beschämung des Polizeibeamten

herausstellte, daß der Satz von Diderot stammt, dem am gleichen Tage in

der Akademie eine tönende Gedächtnisrede gehalten worden war.

Die gewaltsame Registrierung der Steuern, -- der König will seine

Selbstherrlichkeit in einem Augenblick beweisen, wo sie nichts als eine

Chimäre ist, -- ruft noch ständig erregte Szenen hervor. Der Graf von

Artois wurde gestern auf dem Wege zur Chambre des Comptes ausgepfiffen.

Kein Steuererheber -- davon bin ich überzeugt -- wird gegen die Haltung

des Parlaments den Mut haben, die Order des Königs auszuführen.

Verzeihen Sie, wenn die Leidenschaft mich weit über meinen Auftrag

hinausgehen ließ!

Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, am 26. September 1787._

Ich danke Ihnen, verehrte Frau Marquise, für Ihren Brief, und freue mich

innig, Ihnen ein wenig helfen zu können, indem ich Ihr Interesse an den

politischen Vorgängen wach erhalte.

Der Prinz ist zurück. Die Provinzialversammlungen, die jetzt überall

tagen, sind, nach seinem Bericht, vom gleichen Geist erfüllt. »Ich

habe«, sagte er, »einmal um den Tod Rousseaus, Voltaires, Diderots

geklagt. Jetzt weiß ich, daß wir Tote nicht zu betrauern haben, deren

Geist unsterblich ist!«

Der König glaubte die Parlamente übergehen zu können, er behandelte sie

wie ungezogene Kinder; er lernte inzwischen, daß er Männer vor sich hat,

und die Zurückziehung der bereits registrierten Steueredikte war ein

Eingeständnis seiner Verlegenheit und seiner Schwäche, über die keine

tönende Rede der Monarchisten mehr hinweghilft. Der Einzug Wilhelms von

Oranien im Haag mit Hilfe preußischer Truppen, über den das ehrliebende

Frankreich heute in helle Wut gerät, hat den Rest von Respekt vor dem

Kriegsherrn und seinen Ratgebern zerstört. In Kriegshäfen, Schiffe und

Armeereformen haben wir Millionen gesteckt, und besitzen nicht einmal so

viel politische Macht, um uns vor dem Hohngelächter der Nachbarn zu

schützen. Die preußischen und englischen Diplomaten, die hier

zusammentreffen, haben leichtes Spiel.

Daß der Herr Marquis der Provinzialversammlung in Straßburg beiwohnen

will, ist sehr erstaunlich. Darf ich vielleicht dem Prinzen mitteilen,

daß Sie um jene Zeit allein sein werden?

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 22. November 1787._

Schönste Marquise. Bisher zögerte ich, Ihnen zu antworten, denn was

blieb mir zu sagen übrig? Sollte ich klagen, weil Sie nicht kommen

mögen? Sollte ich Hoffnungen aussprechen, die nichts als leere Worte

gewesen wären? Oder sollte ich Ihnen zur Erheiterung im Tone der Pariser

Parlamentsräte das »üppige Hofleben« schildern, den »Taumel des

Vergnügens«, in dem wir leben; den »Goldregen«, der sich über uns

ausgießt, »während das Volk im Elend verkommt?!«

Hier statt dessen ein Bild der Wirklichkeit: Nur von wenigen ihrer

Getreuesten begleitet, durchstreifte die Königin die herbstöden Gärten

von Trianon. Den Tod der neugeborenen Prinzessin hat sie um so weniger

überwunden, als irgend ein altes Weib in ihrer Umgebung ihn als böses

Omen deutete. Sie trug, wie wir alle, Trauerkleider; der kleine Dauphin

klammerte sich, wie immer, an ihre Hand, sein schwarzes Röckchen ließ

seine Blässe doppelt durchsichtig erscheinen. Unser Ziel war der

Pachthof.

»Ich will mir einmal einen fröhlichen Tag bereiten«, hatte die Königin

mit wehmütigem Lächeln gesagt und die Börse gefüllt für ihre Schützlinge

in den kleinen Häusern.

Als wir uns näherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Königin

gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der

Arbeit, hieß es. Die Königin grub die Zähne in die Unterlippe. »Wir

werden warten«, sagte sie dann und ließ sich auf der Steinbank nieder.

Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf

und verschwanden wieder. Schließlich lief eine fröhliche Schar kleiner

Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Königin rief sie, nahm den

Kleinsten auf den Schoß, küßte ihn und drückte einem jeden ein Geldstück

in das Fäustchen; die Eltern sahen hinter den Büschen und Hecken

heimlich zu.

»Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen,« sagte

die Königin bitter. Wir gingen schweigsam zurück. Nur sie schritt stolz

und hochaufgerichtet vor uns, einen hochmütig-verächtlichen Zug um die

Lippen.

Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr,

sondern auch beim König, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner

Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versäumt, sie zum

Ministerrat zuzuziehen. Das Maß seiner Güte scheint endlich erschöpft.

»Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist«, meinte er

kürzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen

Empfänge in Versailles erklärte er laut: »Die Idee, dauernde

Generalstände zu schaffen, ist umstürzlerisch gegen die Monarchie. Wird

sie verwirklicht, so existiert zwischen dem König und dem Volk als

intermediäre Macht nur noch die Armee.« Jeder erstaunte; es war das

erste Mal, daß der König an die Gewalt erinnert hat.

Vor wenigen Tagen fand eine königliche Parlamentssitzung statt, in der

sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, daß ich der

Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den häßlichen

Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur weil Schauspiele der

Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tänzerinnen immer älter

werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten,

anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die Öde des Lebens

allein noch unterbrechen. Es war der Mühe wert.

Im Namen des Königs hielt der Großsiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein

Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem

Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten.

»Der König allein hat die souveräne Gewalt im Reich --«, ein paar Räte

zuckten merklich die Achseln. »Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott

ist er verantwortlich --«, auf allen Gesichtern stand ein spöttisches

Lächeln. »Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim König --«, ein

lebhaftes »Oho!« machte sich hörbar.

Dann wurde das Anleiheedikt -- es handelt sich um die hübsche Summe von

vierhundert Millionen! -- verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit

waren geöffnet.

Welche Wasserfälle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprèmenil zeichnete sich

besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopädisten betete er

herunter: »Menschenrechte« -- »Volkssouveränität«, -- »Gemeinwohl«, --

»Gesamtwille«, -- noch im Traum dröhnte mir das alles im Ohr. Von der

Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefähr wie ein dressierter Hund,

dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenläuft, der

aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: »Pfui -- das

kommt vom König!«

Trotz des Widerspruchs wurde die Registrierung des Edikts befohlen. Ein

unwilliges Gemurmel erhob sich; den Augenblick benutzte der Herzog von

Chartres, -- es wird mir schwer, ihn mit dem Titel seines vornehmen

verstorbenen Vaters Orleans zu bezeichnen, -- und erklärte das Vorgehen

des Königs für ungesetzlich.

Eine kurze Pause allgemeiner Verblüffung, die aber leider niemand

benutzte, um dem neuen Volkshelden die Krone anzubieten, obwohl Madame

de Genlis die Rolle der Pompadour schon ohne Souffleur zu spielen

imstande ist.

»Weil ich es will, ist es gesetzlich«, tönte des Königs Stimme scharf

und hell durch den Saal. Und der Hof zog sich mit seinem Gefolge zurück.

Heute ist der verbannte Herzog der Märtyrer der Volksfreiheit! Ich kenne

eine erkleckliche Zahl Glieder des dritten Standes, die bitterlich um

ihn weinen: die kleinen Mädchen aus den Singspielhallen, die

Venuspriesterinnen vom Palais-Royal.

Possen, wie diese, erinnern mich an Sankt Nikolas, mit dem man uns als

Kinder schreckte; wenn die »große Revolution«, mit der man die

Erwachsenen zu schrecken sucht, nichts anderes aufzuführen weiß, als daß

sie mit der Rute droht, mit faulen Äpfeln wirft und bunte Pfefferkuchen

verteilt --!

Ach, wenn die Tage von Chantilly noch einmal wieder kämen! Wir sind doch

noch so jung, schönste Delphine!

Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 12. Dezember 1787._

Meine Liebe. Die Verhandlungen der Provinzialversammlung werden sich

noch bis Ende des Monats hinziehen. Ich fühle mich kräftig genug, sie

auszuhalten, obwohl ich keinen leichten Stand habe. Die Mehrheit der

Mitglieder neigt zur Annahme der Grundsteuern. Daß Rohan durch den

Weihbischof seinen Protest mit dem meinen vereinigte, hat unserer Sache

natürlich mehr geschadet als genutzt. Baron Flachslanden frug mich

erstaunt, wieso gerade ich auf meinem Eigensinn beharre, da ich doch die

Besteuerung nicht mehr zu fürchten brauche! Ein Zeichen der Zeit: man

begreift nicht, daß ein Mensch uneigennützig nach Grundsätzen handeln

kann!

In allen anderen Fragen herrscht erfreuliche Einmütigkeit. Der Wunsch,

die Machtvollkommenheit der Regierung auf alle Weise einzuschränken, die

Übergriffe der durch unsere bisherige Nachgiebigkeit reich gewordenen

Intendanten unmöglich zu machen, beherrscht die Verhandlungen.

Daß die unaufhörlichen Regengüsse sich in der Feuchtigkeit des Schlosses

so unangenehm bemerkbar machen, bedaure ich sehr. Beschränken Sie sich

möglichst auf einen Raum, dessen Kamin dauernd geheizt bleibt, damit das

Kind nicht Schaden leidet.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 15. Dezember 1787._

Meine Sehnsucht siegt über meinen Stolz und meine Vernunft. Du bist

allein. Ich bitte Dich, übergib meinem Reitknecht Deine Antwort auf

meine Frage: Kann ich Dich sehen?

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 18. Dezember 1787._

»Ich ertrüge es nicht,« sagst Du, »die Augen gehen mir über, wenn ich

einmal aus der Burg ins helle Licht des Tages komme. Das Herz würde mir

brechen, wenn ich Dich sehe --«

Wüßte ich nicht so sicher, daß niemand bei Dir ist -- bei Gott,

Delphine, ich könnte nicht anders, als an einen Nebenbuhler glauben!

Die Gespenster der Vergangenheit steigen vor mir auf. Gut, daß es ein

Feld atemlos heißer Kämpfe gibt, in die ich mich stürzen kann.

Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 11. Mai 1788._

Verehrte Frau Marquise. Was ich versprach, vergesse ich nicht. Wenn ich

nicht schrieb, so darum, weil ich den Prinzen monatelang aus dem

Gesicht verloren hatte und fürchten mußte, zudringlich zu erscheinen,

wenn ich eine Nachricht von ihm nicht geben konnte.

Gestern erst sah ich ihn mitten im Tumult des Palais-Royal. Er

schüttelte mir die Hand. »Es wird ernst,« sagte er mit einem Blick auf

die gestikulierende, durcheinander schreiende Menschenmenge. »Der

Todeskampf der absoluten Monarchie beginnt,« antwortete ich, und er

nickte. Dann verlor er sich wieder im Gedränge.

Seit dem achten Mai, wo der König die Parlamente ihrer Macht

entkleidete, wächst die Erregung. Parlamentsräte, Aristokraten und

Priester fraternisieren auf der Straße mit Krämern, Arbeitern und

Journalisten. Und dem verblendeten Volke erscheinen sie plötzlich wie

lauter Freiheitshelden.

Die Sturmflut von Paris überschwemmt bereits die Provinz und wetteifert

mit den Unwettern, die der Himmel sendet. Die berufenen Wächter des

Thrones -- der Priester und der Edelmann -- erheben die zu seinem

Schutze bestimmten Waffen gegen ihn, und zerstören damit im Volke den

letzten Rest des Kindertraums von der unantastbaren Heiligkeit des

Königs.

In der altersgrauen Burg des Absolutismus sucht er sich zu verschanzen,

zu blind, um zu sehen, daß sie schon eine Ruine ist.

Graf Guibert an Delphine.

_Grenoble, den 20. Juni 1788._

Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsaß wurde im vergangenen Jahre

durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wäre sie durch den

Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt,

die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Bürger

in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben.

Wir hatten in Paris erfahren, daß die Registrierung der neuen Edikte in

der Dauphiné selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand

der Bevölkerung stieß. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um

Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich

angelangt, als erschreckte Landleute die Straßen füllten.

»Das ganze Gebirge ist in Aufruhr,« erzählten sie; »Männer, wie Wilde,

in Lederjacken und geschnürten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln,

Mistgabeln und Stöcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den

Bergen --« Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spät; schon

drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen

wirren Bärten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem

Palais überfielen, wurde schwer verwundet; der General Joucourt, der

zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste

Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenüberstand, warf den Degen

fort, breitete die Arme aus und rief: »Wir schießen nicht auf unsere

Väter und Brüder!«

Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen

Zusammenstößen Herr geworden sind. Aber wir fühlen uns wie in

Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er

vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt.

Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, daß ich dem Befehle,

nunmehr im Elsaß den Manövern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um

hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu müssen.

Ich bin nächsten Monat in Straßburg und werde mir von da aus gestatten,

Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 10. August 1788._

Allerschönste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles:

unter dem düsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt

eines reizenden Weibes; weich fließt das weiße Kleid um ihre schlanken

Glieder, aus dem schmalen süßen Gesichtchen glänzen übergroße

erschrockene Kinderaugen. »Delphine« steht darunter -- mitten in einem

flammenden Herzen!

Delphine --, welch ein Zauber umfängt mich wieder! Wie beneide ich den

Glücklichen, der Sie sehen durfte; wie preise ich das Unglück, das Sie

nur noch schöner werden ließ!

Seit der Dauphin von uns gegangen ist --, es war wirklich ein leises

Davongehen, kein Sterben, -- hat die Königin nicht mehr gelächelt. Ihr

Bild zauberte endlich wieder einen hellen Schein auf das Gesicht der

Unglücklichen.

»Ich küsse sie zärtlich in Gedanken, die liebe, kleine Marquise,« sagte

sie.

Und noch eine andere, eine ganz andere, hat das Bildchen angelächelt:

die Guimard.

»Zum letzten Tanz« hatte sie ihre alten Freunde geladen. Ihr Hotel

strahlte von hundert Kerzen, ihre Tafel bog sich unter dem Silbergerät;

ein Netzwerk köstlicher Rosen hing unter dem Plafond.

Sie tanzte noch einmal alle Tänze, die ihre Triumphe gewesen waren, nur

langsam, gleichsam zögernder, als einst, -- wie im Traum. Und

währenddessen regnete es Rosenblätter.

»Die Rosen welken,« meinte die Tänzerin wehmütig. »Es liegt in Ihrer

Hand, sie wieder blühen zu machen« -- »Wie können Sie von uns gehn!« --

»Was ist die Oper ohne Sie?!« rief alles durcheinander. Aber ihr

Entschluß, der Bühne zu entsagen, war unwiderruflich.

»Perrückenmacher und Lakaien sind die Richter der Talente geworden; ich

aber habe meine Erfolge nur dem Urteil der besten Kreise verdankt; soll

ich mich dazu hergeben, mich von der crapule kritisieren zu lassen,«

erklärte sie, und wir widersprachen nicht mehr.

Ein paar Tage später sandte sie mir eine Karikatur: unter

federngeschmückter Perrücke eine Frau mit geschminktem Totenkopf, unter

dem rosa Gazeröckchen ein Knochenbein in die Luft werfend --, »das

Skelett der Grazien« stand daneben, »der Dank der Pariser« auf der

anderen Seite in der Schrift der Guimard.

Es ist heimlicher in Ihrer alten Gespensterburg, süße Delphine, als

mitten in Paris.

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 23. August 1788._

Meine teuerste Marquise. Noch fühle ich Ihre Atmosphäre um mich und bin

doch schon über zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr

verflüchtigen, denn sie ist, -- das haben Sie mir ja rasch und deutlich

genug zu verstehen gegeben --, nicht jene von flüchtigen Liebesspielen

parfümierte Salonluft, die dem bloßen offnen Fenster weicht, sondern die

herbe Luft der Vogesen selbst.

Ich kenne Frauen -- sehr wenige nur! -- die in ihrer Ehe die Erfüllung

ihrer Glücksträume fanden. Um sie ist es ebenso ruhig; kein

leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es

nur, daß ich bei Ihnen wie bei jenen mich fühlte, obwohl das Leid, die

Entbehrung Ihre Züge zeichnen?!

Auf der ganzen Reise träumte ich noch, so daß ihre Bilder fast spurlos

an mir vorüber zogen. Der böse Sommer, die Überschwemmungen des

Frühjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist

es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstände

erwähnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie früher vom

lieben Gott, die Erlösung von allem Übel.

Seit Neckers Zurückberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange

als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er

ist entschlossen, die Generalstände so rasch als möglich zu berufen und

den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurückzugeben. Es wird das im

Augenblick wie eine Niederlage des Königs erscheinen, ist aber die

einzige Möglichkeit, ein starkes konstitutionelles Königtum

aufzurichten.

Gegenwärtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschüren. Linguet,

der nichts weniger verträgt, als vergessen zu werden, schlägt allen

Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemüter -- als »Symbol der Freiheit«! --

die Bastille abzutragen; ein anonymer »Brief eines Bürgers« ergeht sich

in überschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: »er allein

schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die führenden

Geister der Kunst und Wissenschaft«; eine andere Schrift spricht von den

»reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklärt über seine

Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Königtums

gebrochen hat«. Ein ähnlicher Ton findet sich überall; wenn der kleine

Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die übereifrige Volkstribunen vor

ihm machen, wird er sich bald für den einzig berufenen Beherrscher

Frankreichs halten müssen.

Als ich Necker gegenüber Ähnliches aussprach, war er empört; er

übertreibt den Respekt vor der öffentlichen Meinung, die, wie er selbst

versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist.

Man spricht übrigens von einer neuen Notabelnversammlung, die über die

Zahl der Deputierten, die Größe der Ständevertretung und dergl. mehr

beraten soll. Würde ich dann vielleicht das Glück genießen dürfen, Sie

wieder in Paris zu sehen?

Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 8. Oktober 1788._

Verehrte Frau Marquise. Zum ersten Mal hat der Prinz mich gestern nach

Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen hätte. Ich verneinte,

meinem Versprechen gemäß. Er war außerordentlich erregt -- etwas, was

man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung Aller noch

wesentlich übertrifft.

Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was

sie auch tun mag, um ihre Position zu stärken, schwächt sie nur.

Der König genehmigt die Generalstände. Das hätte entweder alles mit ihm

versöhnen, oder wenigstens die drei Stände zu gemeinsamer Friedensarbeit

vereinigen können. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches

Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Bürger

nach ihrer Ansicht über die Zahl der Deputierten für jeden Stand. Mit

dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die

Privilegierten, die eben noch die Vorkämpfer der Freiheit waren, sind

die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden

gegenüber!

Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie

hätte ich geglaubt, ihn der Initiative des Königs verdanken zu müssen.

Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der

Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie.

Die Knechtschaft, der Frohndienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut

der Männer, die Ehre der Töchter des Volkes --, das Alles steht darauf

und fordert Bezahlung.

In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann

namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Häupter unter dem

Richtschwert des Henkers. Sie lachten über den Verrückten und würfelten

seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Köpfe. Die

Wahnsinnigen, -- sie wollen nicht wissen, daß der Würfel schon gefallen

ist.

Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt

immer an blutigen Träumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll

dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wie könnte ich

je vergessen, daß er mir mit seinen kleinen Händchen streichelnd über

die Wange fuhr, als sehe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz

verwirrt, daß ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher

wünsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der

dunklen Burg!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 8. November 1788._

Ich sah ein Bild von Dir mit einem brennenden Herzen darunter und Deinem

Namen darin. Ich sprach den Grafen Guibert, der wochenlang bei Dir war

und in Verzückung gerät, wenn er Dich nur nennen hört. Ich sah in der

Notabelnversammlung den Marquis --, weder gelähmt, noch krank, nur ein

wenig schmaler, ein wenig greisenhafter.

Ich fordere von Dir die Wahrheit -- rückhaltslos. Und was ich bisher in

blinder Liebe nur leise zu bitten wagte, das verlange ich jetzt:

Trennung oder Vereinigung. Kein wehleidiges Klagen kann mich mehr

erschüttern.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 22. November 1788._

Meine Liebe. Sie fordern die Freiheit noch einmal, nachdem ich

zuversichtlich glaubte, der romantische Traum sei ausgeträumt, wie alle

Träume in unserer nüchternen Zeit. Ich erfahre nunmehr, daß Sie sich mir

»opferten« aus »Mitleid mit dem Kranken, mit dem Verarmten.«

Tränenselige Schwächlinge mögen diese Handlungsweise sehr rührend

finden. Ich nicht. Denn Sie taten, was Ihre Pflicht war -- nichts

anderes.

In einem Punkt gebe ich Ihnen recht: Ein alter, armer Mann ist keine

Gesellschaft für eine junge, schöne Frau. Ich ziehe die Konsequenz aus

dieser Erkenntnis und gebe Sie frei. Sie allein -- selbstverständlich.

Denn das Kind ist vor der Welt mein Sohn und bleibt der Erbe meines

Namens.

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 22 / 23 段