es Sie ebenso anziehen, wie es die Damen der Gesellschaft bisher
angezogen hat; ich dürfte dann hoffen, Ihnen auch dort zu begegnen. Herr
von Condorcet hat seine mathematischen Kurse, denen die schönen
Zuhörerinnen mit besonderem Eifer folgen, sehr gut eingeleitet, indem er
sagte: »Alle Prätensionen entspringen gleicherweise der Ignoranz der
Menschen und der noch größeren Ignoranz derer, vor denen sie geltend
gemacht werden. Wir glauben daher, daß das beste Mittel, um die Zahl
der Prätentiösen zu vermindern, das ist, die Zahl der von ihnen
Düpierten herabzusetzen. Kenntnisse, welcher Art sie auch sein mögen,
sind nur dann nützlich, wenn sie Gemeingut sind. Es gibt kein Wissen,
das nicht schädlich wäre, wenn nur eine kleine Anzahl Bevorrechteter es
besitzt.«
Er hätte nichts Treffenderes für die Schöpfung allgemein zugänglicher
Lyceen sagen können, zugleich nichts Schärferes, um die Geistlichkeit
gegen sie aufzureizen. Jung und alt -- Frauen vor allem -- strömen in
die Vorlesungen.
Würden Sie gestatten, daß ich Sie für eine der nächsten abholen darf?
Wüßte ich Ihr Interesse gefesselt, würde ich mir die Zeit nehmen, stets
in Ihrer Gesellschaft dort zu sein. Man trifft sich heute vor dem
Katheder, wie früher im Salon.
Durch die großen Reformen der Armee, mit denen ich angestrengt zu tun
habe, -- der tote Friedrich von Preußen wird für uns jetzt erst lebendig
und des armen Baron von Pirch Mitteilungen erwachen aus dem Staub der
Archive, -- bin ich natürlich sehr in Anspruch genommen. Aber mein Herz,
schönste Marquise, ist frei!
Lucien Gaillard an Delphine.
_Paris, den 4. Juli 1786._
Verehrte Frau Marquise. Das Lyceum ist eine Freistatt, läßt also auch
Bucklige zu. Nachdem neulich der angeblich von Ihnen bestellte
Blumentopf vom Diener des Herrn Marquis zurückgewiesen wurde, wobei der
darin versteckte Brief unbeschadet an mich zurückgelangte, wähle ich
diesen bequemeren Weg. Wenn Sie nicht anders befehlen, behalte ich ihn
bei.
Da Sie so gütig sind, nach meinen Ergehen zu fragen, -- was sonst
niemandem jemals einfiel, -- gestatte ich mir dem beiliegenden Schreiben
des Prinzen das meine hinzuzufügen.
Es geht mir gut. Die Frau, die mich in ihrer schwächsten Stunde zur Welt
brachte, ist gestorben. Mit dem schmutzigen Geld, das sie
zusammenscharrte, erhalte ich meine Kinder, -- lauter Garantien für die
künftige Glückseligkeit Frankreichs! Ein paar Burschen, die aus dem
Kloster entkamen, sind ihre Anführer. Ich selbst schreibe Artikel,
Libellen, Chansons; -- da es an Stoff nie fehlt, so fehlt es auch nicht
an Leuten, die dafür zahlen.
»Die Laufbahn offen dem Talent!«. -- Beaumarchais' Worte fangen an
Wahrheit zu werden. Ich würde dem, der sie aussprach, weiter verbunden
gewesen sein, -- er ließ sich seine Mémoires und Streitschriften gern
von mir entwerfen, -- wenn sie ihm nicht als ein letztes Ziel erschienen
wäre. Seitdem die Königin ihre Worte von ihm sich diktieren, ihre
Bewegungen von ihm dirigieren ließ, kämpfte seine Eitelkeit mit seinem
Witz einen siegreichen Kampf. Er baute sich ein Palais gegenüber der
Bastille, an der Straßenecke, wo täglich Scharen armer Arbeiter aus den
Vorstädten vorüberströmen! Sie fangen an zu verstehen, was Steine
sprechen: das Schloß des Worthelden und die Hochburg der Tyrannei!
Als er gegen den Grafen Mirabeau die Compagnie des Eaux de Paris
verteidigte, wurde ich zum erstenmal stutzig. Ich wußte, daß er von ihr
Aktien besaß, die auf das Dreifache ihres ursprünglichen Wertes
gestiegen waren; daß das notwendigste Volksbedürfnis zum Gegenstand
skrupellosester Spekulation gemacht wurde. Mirabeaus Antwort war ein
Gewittersturm für den dürren Baum seines Ruhms. Selbst der Erfolg seiner
Oper rettete ihn nicht mehr. Die Worte unserer großen Denker hörte man
wohl, aber ihr Geist fehlte. Ich kündigte ihm den Dienst; die
christliche Tugend, die Schwachen zu unterstützen, habe ich damals
zuerst als Verbrechen erkannt. Man soll nur mit den Siegern gehen.
Daß ich diese Sieger kommender Schlachten fand, mit ihnen Schritt halte,
die Erfüllung unserer Hoffnung in der eigenen Hand habe, weil ich handle
-- das läßt mich des Lebens froh werden. Meine letzte Brochüre »Nieder
mit der Bastille!«, die ich anonym erscheinen ließ, -- man liefert sich
nicht leichtsinnig ans Messer der anderen, wenn man das eigene wetzen
muß, -- wurde konfisziert. Aber Hunderte hatten sie schon gelesen;
Tausende wissen heute, daß die Bastille kein bloßes Bauwerk ist, von
veralteten Kanonen und halben Invaliden bewacht, sondern der Staat
selbst.
Verzeihen Sie mir, Frau Marquise! Meine Feder ist so sehr an Freiheit
gewöhnt, wie ich. Ich wollte Sie nicht erschrecken, die Sie auf einem
anderen Sterne leben. Wenn ich es könnte, würde ich nur für Sie diesen
Stern erhalten wollen. Aber er ist ja auch Ihnen kein Glücksstern.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, den 4. Juli 1786._
Teuerste Delphine! Trotzdem ich in der Dämmerung des Zimmers Deine Hand
in der meinen halten, Deine weiche Wange leise mit meinen Lippen
streifen konnte, bitte ich Dich, die Besuche bei Herrn von Puységur
aufzugeben. Du bist nicht stark genug, um den Reden der Somnambulen mit
der Ruhe gefestigten Geistes zu begegnen. Und ich selbst gestehe zu, der
Eindruck, den das arme Bauernmädchen der Vogesen hervorruft, wenn sie
aus dem Schlafe spricht, ist erschütternd. Ich habe sie heute nur im
Beisein von Herrn von Puységur geprüft; sie erzählte Szenen aus dem
amerikanischen Feldzug, die nur ich so deutlich hätte schildern können,
und als wir sie nach der Zukunft fragen, befiel sie wieder jene quälende
Angst. Sie stammelte: »Blut -- Blut«, sie schlug entsetzt die Hände
vors Gesicht, als ob sie mit geschlossenen Augen Gräßliches sähe; sie
ging auf Fußspitzen mit hochgehobenem Rock durch das Zimmer, »das Blut
steigt -- steigt« stöhnte sie.
Ich würde ihren Aussagen nicht mehr Bedeutung beilegen, als den
Wahnsinnsausbrüchen einer Kranken, nicht, weil ich nur glaube, was sich
beweisen läßt, -- wir haben nachgerade eingesehen, daß Holbachs System
de la nature mehr das Produkt menschlicher Überhebung, als menschlicher
Weisheit ist! --, wenn nicht überall Phänomene auftauchten, wie dieses.
Mein alter Reitknecht hat in einem Wirtshaus der Vorstadt St. Antoine
Ähnliches erlebt; eine kleine Tänzerin von Wauxhall hat neulich mitten
in der Probe, von Schlaf überfallen, gräßliche Visionen gehabt. Es gibt
viele Leute in allen Kreisen der Bevölkerung, die von der »großen
Furcht« wie von einer Krankheit befallen sind.
Vielleicht wären wir beide, meine einzige Geliebte, weniger leicht der
Ansteckung ausgesetzt, wenn unsere verfolgte Liebe nicht selbst voll
Furcht wäre. Wie soll es enden?!
Da der Marquis Sonntag nach Saint-Cloud fahren will, werden wir endlich
Gelegenheit haben, uns allein zu sehen. Sei um Mitternacht im Garten
Deines Hotels unter der großen Linde. Ich weiß einen Eingang, der mich
vor allen Blicken schützen dürfte. Wir müssen uns sprechen, obwohl ich
zum erstenmal empfinde, daß ich einen Mann betrüge, der mir vertraut.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Saint-Cloud, den 25. Juli 1786._
Allerschönste Frau Marquise. Erst jetzt erfahren wir von Ihrem
Aufenthalt in Paris. Haben Sie am Ende -- es soll das sehr in Mode sein!
-- Ihr Herzchen an irgend einen Mirabeau verloren, daß Sie so herzlos
sein konnten, unserer zu vergessen? Die Prinzessin Lamballe schreibt
Ihnen zu gleicher Zeit, um Sie nach Saint-Cloud einzuladen, und ich
putze den Rost von meinem Witz, damit er mit dem Geist der Pariser
konkurrieren kann. Sind Sie doch, wie ich zu meiner lebhaften Betrübnis
vernehme, auch eine Schülerin des Lyceums. Kennen Sie nicht den
reizenden Chanson darüber? Sie bekommen ihn, wenn Sie hier sind. Heute
-- als Lockmittel! -- nur den Schluß.
Craignons, qu'une jalouse fée
Bornant les sages du Lycée
Dans leurs projets,
Hors du giron de la science
Ne les change par sa puissance
En perroquets.
Glauben Sie wirklich, daß Männer und Frauen stundenlang in einem Raum
zusammen aushalten, ohne daß alle trockene Weisheit vom lebendigen
Gefühl besiegt wird? Oder sollte vor all den Theorien und Prinzipien,
die mir vorkommen wie Schulbuben mit dem Schmetterlingsnetz, die
ausziehen, reizende Falter zu fangen, um sie schließlich aufzuspießen,
die arme Liebe die Flucht ergreifen? Anzeichen genug gibt es dafür.
Allein die Kleidung, -- für die Frauen halb Sack halb Hemd, für die
Männer der dunkle Frack und das Gilet, -- scheint auszudrücken, daß sie
ihre Aufgabe, zu schmücken, die Reize der Trägerin hervorzuheben, nicht
mehr erfüllen will. Aber wo der Wunsch zu gefallen aufhört, da werden
die Sitten roh, der Ton der Konversation wird schwerfällig, die
Phantasie weicht der Nüchternheit, die Künste verarmen. Der Geist der
Gesellschaft bildet sich nur in Kreisen, wo Männer in der Nähe der
Frauen durch den Wunsch, liebenswürdig zu sein, alle Gaben ihres Geistes
leuchten, zur höchsten Vollkommenheit sich steigern lassen, wo Frauen
sich im stillen Ringen um den Würdigsten stets erinnern, daß sie der
Natur schönstes Kunstwerk sind.
Aber die Philosophie unserer Tage, die uns, den nicht
Unsterblichkeitsgläubigen, lehrte, daß kein Besitz so kostbar, kein
Verlust so unersetzlich ist, als der der Zeit, hat diese Reize der
Geselligkeit grausam zerstört. Man will genießen, statt sich die Mühe zu
machen, zu gefallen. Ohne die sichere Aussicht auf ihren raschen Besitz
schenkt man der Frau kaum noch Beachtung. Jedes weibliche Wesen wird
als Kurtisane gewertet, und wenn sie Erfolg haben will, muß sie mit der
Kurtisane konkurrieren.
Wir, schönste Frau, ein kleines Häuflein Verehrer der Vergangenheit,
sind vor Paris und seinen Reformen bis nach Saint-Cloud geflohen, um
jetzt schaudernd zu bemerken, daß die Reformen in Gestalt des Herrn von
Calonne uns folgen. Der Kauf von Saint-Cloud, den die Königin ihm
schließlich abtrotzte, hat ihn um den letzten Rest seiner Ruhe gebracht.
Selbst für die Polignac, die seinen allzeit offnen Geldbeutel dem
Herzoginnentitel vorgezogen hätte, ist er der Mann der zugeknöpften
Taschen.
Kommen Sie, teuerste Delphine, um uns durch den Reichtum Ihrer Schönheit
und Ihres Geistes den schauderhaften Anblick gähnend leerer
Schatzgewölbe vergessen zu machen. Bringen Sie der Königin frische Luft
aus den Vogesen. Sie leidet sehr, und der kleine Dauphin ist wie die
Verkörperung ihrer Sorgen. Ein frohes Ereignis genügt jedoch, um sie
aufzuheitern.
Als sich die reizende Komtesse Turpin mit dem Marquis Lemierre verlobte,
wurde die Gelegenheit gleich zu einem Fest benutzt; wir erschienen alle
im Hofkostüm der Regentschaft und träumten uns in jene schöne Zeiten
zurück. Ein Bonmot des geistvollen Vaters der Braut machte die Runde.
Lemierre, der seiner Schulden wegen, -- die übrigens die Königin
bezahlte, -- bei Turpin nicht im besten Ansehen stand, suchte sich auf
alle Weise bei ihm einzuschmeicheln. So sagte er einmal: »Man braucht
Sie nur zu sehen, um zu glauben, daß Sie Toinettens Vater sind.« Mit der
ernstesten Miene von der Welt entgegnete der Graf: »Sie vergessen, mein
Herr, daß wir so glücklich sind in einer Zeit zu leben, wo man nichts
mehr glaubt.«
Aus diesem langen Brief mögen Sie die Länge der Konversationen ermessen,
die Ihrer warten. Madame Campan will freilich gehört haben, daß das
Neueste in Paris die Verachtung der Konversation ist. Irgend ein Held
der Feder hat im Mercure de France auseinandergesetzt, sie sei »eine
verächtliche Kunst schmarotzenden Hofgeschmeißes« --, das ist der
liebenswürdige Ton, mit dem man uns auf Grund des Schimpflexikons, das
das Pariser Parlament einführte und eifrigst zu bereichern trachtet, zu
behandeln pflegt! --, und er fügt hinzu, man möge endlich aufhören, die
Jugend in ihr zu unterrichten, um so mehr, als sie die brotloseste aller
Künste sei.
Wahrhaftig: Idealisten vom Schlage Lafayettes können nicht soviel Unheil
anrichten als die revolutionären Philister, die den Zweck als ihren Gott
anbeten. Sie werden noch unsere Schlösser in Kasernen umwandeln und in
unseren Rosengärten Rüben pflanzen.
Sie wissen, das Feld meiner Schlachten war stets das Parkett. Erst
neuerdings habe ich mir den Degen schleifen lassen und trage Pistolen in
der Manteltasche. Denn ich bin gesonnen, mich dem Pöbel von Paris erst
zu ergeben, wenn ich nicht mehr ich, sondern nur ein Bündel blutiger
Lumpen bin.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, den 2. August 1786._
Du fragst mich, ob Du der Einladung nach Saint-Cloud folgen sollst? Daß
Du fragen kannst, Geliebteste, trägt die Antwort schon in sich. Wir
wollen einander nicht aus Schonung belügen; das wäre der Anfang
geistiger Trennung. Freudlosigkeit ruht schwer auf unserer Liebe, auf
unseren heimlichen Zusammenkünften lastet die Schuld. Reise ruhig, armer
Liebling, vielleicht daß die Luft fern von mir Dich leichter atmen läßt.
Ich fand heute früh an den Mauern von Paris ein Gedicht angeschlagen,
worin die Lämmer glücklich gepriesen werden, deren Hirte einen Zaun um
sie zieht, damit Füchse und Wölfe sie nicht schrecken können. Zum Schluß
heißt es:
Mais si ces mêmes loups avaient formé l'enceinte
Pour vous mieux dévorer sans péril et sans crainte
Du berger vigilant, de la garde des chiens,
Que seriez-vous, hélas?... De pauvres Parisiens.
Mir scheint, als ob auch wir zu diesen gehörten.
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, den 26. August 1786._
Teuerste Marquise. Erst jetzt erfuhr ich, daß Sie Paris mit Saint-Cloud
vertauschten. Ein böses Omen, würde ich sagen, wenn es sich um jemanden
anders handeln würde, als um Sie. Denn wer heute den Hof sucht, ohne zu
müssen, gehört zu seiner Partei.
Sie werden vermutlich von der Reise des Königs in die Normandie jetzt
ein anderes Bild bekommen, als ich es Ihnen malte: weißgekleidete
Mädchen, vor Rührung weinende Bauern, vivat-schreiende Massen, Männer
und Frauen, die glücklich waren, wenn sie den Rock des Monarchen küssen
konnten! So sieht jeder Fürst seine Untertanen, auch wenn sie alle schon
heimlich den Dolch im Mantel trügen, um ihn in seine Brust zu stoßen.
Die Krone und die Kirche haben, wenn sie all ihren Glanz entfalten, die
gleiche faszinierende Gewalt. Der mystische Zauber, der sie umgibt,
wirkt selbst auf die Ungläubigen.
Auch von den Regimentern, die der König inspizierte, sah er nur die
neuen schönen Uniformen. Daß Glieder desselben Volkes darin stecken, das
ihn in allen Wirtshäusern mit Spottliedern verfolgt und über alles
räsonniert, was von der Regierung ausgeht; daß die Unzufriedenheit mit
ihrer persönlichen Lage und mit der Frankreichs die Offiziere, wie die
Gemeinen ergriffen hat, und die Armee, die vor kurzem noch befürchten
ließ, sie könne vor dem Feind nicht schlagfertig sein, weil ihre Führer
sich zu viel amüsierten, jetzt in Gefahr steht, sich ihrem Kriegsherren
zu widersetzen, weil ihre Führer zu viel denken, -- das alles sieht kein
König.
In Brest will man, wie ich las, Ludwig XVI. ein Denkmal errichten, --
selbst unter dem großen König hat man dergleichen der Nachwelt
überlassen; sollte man es jetzt damit so eilig haben, weil man
befürchtet, sie könnte es vergessen?! Herr von Calonne wird es ihm als
ein Zeichen der Treue seiner Untertanen darstellen, was nur ein Zeichen
für die Servilität einiger titellüsterner Bürger ist.
Ich würde von Ihrer Klugheit und Ihrer Königstreue hoffen, daß Sie bei
Marie Antoinette den Einfluß der Polignacs untergraben, wenn ich nicht
überzeugt wäre, daß ihre Popularität seit dem Prozeß Rohan und dem Kauf
von Saint-Cloud, -- eine Million für ein neues Schloß, während das Volk
von Paris bei der allgemeinen Teuerung kein Fleisch essen kann! --,
endgültig verloren ist.
An der Kirche von St. Géneviève ist kürzlich ein neues Portal geweiht
worden, das die Königin gestiftet hat; es ist so prächtig, daß man den
lieben Gott, wollte man ihm den besten Platz seines Hauses anweisen, vor
die Türe setzen müßte. Das Volk stand umher und machte die bösesten
Witze: »Die Österreicherin schenkt uns ein Portal, wir werden sie zum
Danke dafür höflichst hinausgeleiten.«
Frau von Staël, die der Szene zufällig beiwohnte und sich beeilte, sie
in ihrem Notizbuch festzuhalten, bedauerte sehr, Ihre Gesellschaft,
teuerste Marquise, so rasch schon entbehren zu müssen. In ihrem Salon
herrscht eine neue Passion; jeder überbietet einander in der Erfindung
von Geschichten über das gleiche Thema: den Liebeswahnsinn. Sie selbst
hat mit ihrer Erzählung »Die Wahnsinnige des Waldes von Sénart« alle
übertroffen.
Da ich demnächst dem König über den Fortschritt der Heeresreform Vortrag
zu halten habe, hoffe ich Sie in Saint-Cloud noch zu sehen. Es gibt für
mich dort keinerlei andere persönliche Anziehungskraft. Selbst mein
Ehrgeiz weiß nicht, wie lange es unter diesem Regiment noch eine Ehre
ist, ihn zu befriedigen.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, den 27. August 1786._
Geliebteste. Die überraschende Nachricht von der Berufung der Notabeln,
die Du mir gibst, nötigt mich zur Abreise in die Provinz. Da von ihrem
Zusammentreten ungeheuer viel abhängt, muß ich alles daran setzen, die
Stimmung in meinen Kreisen zu beeinflussen. Ich habe natürlich von
Deiner Mitteilung keinen Gebrauch gemacht, glaube aber, daß sie trotzdem
eher, als es Calonne lieb ist, in die Öffentlichkeit dringen wird. Für
ihn ist die Notabelnversammlung der Strohhalm des Ertrinkenden, denn die
Steuerreformen, die er vorschlägt, und von denen Du in Deinem leicht
entflammten Enthusiasmus das Heil der Welt erwartest, sind nichts
anderes, als die süße Oblate, in der dem großen Kinde Frankreich die
bittere Medizin des Defizits gereicht werden soll. Ich begrüße trotzdem
diese Entwicklung der Dinge, sie wird Klarheit bringen und das ist, --
auch wenn sie schrecklich sein sollte, -- besser als der ewige
Dämmerzustand.
Daß der Marquis sich ihr mit aller Kraft widersetzte und selbst die
Ungnade des Königs nicht gefürchtet hat, ist vollkommen begreiflich. Für
ihn ist der Appell an irgendeine Körperschaft und wäre es auch nur die
seines Standes, eine Konzession an die öffentliche Meinung; für ihn sind
die Reformen, vor allem der Vorschlag der Aufhebung der
Grundsteuerfreiheit des Adels ein Waffenstrecken vor dem dritten Stand.
Ich glaube aber auch, daß er einer der ersten ist, der die
Veröffentlichung des Defizits zu fürchten hat, denn er ist zu sehr mit
den großen Banken liiert, als daß eine allgemeine finanzielle Deroute
ihn nicht treffen müßte.
Vielleicht, -- und diese Hoffnung stärkt meine Kraft für den kommenden
Kampf --, läßt er Dich frei, wenn er einen Erben nicht mehr braucht!
Unsere Korrespondenz wird erschwerter sein denn je. Meine offene
Gegnerschaft zu der politischen Stellung des Marquis wird über dem
schmalen Landstrich, der Montbéliard von Montjoie trennt, ihre Wirkung
haben, seinen Zorn gegen mich also noch steigern. Kannst Du mir
nachempfinden, Geliebteste, daß mich diese Gegnerschaft innerlich
befreit? Mag kommen, was da will, wir bleiben vereint, auch wenn wir
einander unerreichbar erscheinen. Verstummen zu können, ohne sich zu
verlieren, ist ein Prüfstein der Liebe.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Saint-Cloud, den 3. September 1786._
Daß auch Sie uns verlassen konnten, schönste Delphine! Denn diesmal ist
es ein Verlassen! Die Königin, die sich bei der letzten Audienz wahrhaft
königlich benahm, -- sie lächelte Ihnen zu, als Sie kamen, sie legte
Ihnen mit eigenen Händen die Kette mit ihrem Bildnis an, die Ihnen
beweisen sollte, daß die Haltung des Marquis nicht als die Ihre
empfunden wurde, sie flüsterte beim Abschied »Auf Wiedersehen!« --, und
warf sich aufschluchzend in die Arme der Lamballe, als die Türe hinter
Ihnen zufiel.
Sie waren zu den königlichen Kindern gegangen. Bald darnach kam der
Dauphin langsam, in Nachdenken verloren zu seiner erhabenen Mutter;
seine dunklen Augen blickten fragend aus dem schmalen Gesichtchen, er
hob die kleine blasse Hand zu ihr empor, -- »ich glaube,« sagte er
kopfschüttelnd, »die Frau Marquise Montjoie hat geweint.«
Sind so viele Tränen nötig gewesen, holde Freundin? War der Moment nicht
der geeignete, um -- zu bleiben, während der Marquis ging?! Als uns vor
einem Jahr die Nachricht von der Geburt Ihres Kindes erreichte, als dann
der Marquis voll väterlichem Stolz von seinem Sohn und Erben sprach, war
es mir gleich vollkommen klar, daß Sie nichts getan hatten, als Ihre
Pflicht. Aber nun sind Sie ihrer entbunden, -- kommen Sie zurück,
schönste Marquise, ehe der Abgrund zwischen uns unüberbrückbar wird.
Meine Devise bleibt: »Ma vie au roi, mon coeur aux dames;« seien Sie
barmherzig und werden Sie nicht die Ursache, daß der zweite Satz mit dem
ersten in Zweikampf gerät!
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, den 9. September 1786._
Verehrte Frau Marquise. Mit einer fluchtähnlichen Hast hat die Familie
Montjoie Paris verlassen. Und doch wäre es von solchem Interesse
gewesen, uns über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Zeit mit
Ihnen zu unterhalten.
Herr von Calonne ist von der Not zu einem Schritt genötigt worden, der
unter Umständen der Anfang konstitutioneller Entwicklung sein kann, --
freilich nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Im Kreise Neckers herrscht
nur die eine schwere Besorgnis, daß er, der nur von Augenblickssorgen
getrieben und von Augenblickserfolgen geblendet wird, töricht genug sein
könnte, die finanziellen Verhältnisse in einer Weise zu enthüllen, die
nur geeignet wäre, die Autorität der Regierung zu untergraben. Necker,
der mir, -- das möchte ich gerade Ihnen anvertrauen, der gegenüber ich
mich seinerzeit so rückhaltlos gegen den damaligen Minister aussprach,
-- unter vier Augen mitteilte, daß er mit vollem Bewußtsein dessen, was
er tat, im Compte rendu von 1781 die Wahrheit verschleierte, hegt nach
dieser Richtung die ernstesten Befürchtungen.
Wissen Sie etwa Näheres?
Es wäre vielleicht noch möglich, wenn man beizeiten die nötige Kenntnis
davon besäße, folgenschwere Entschlüsse rückgängig zu machen. Schreiben
Sie mir, bitte, auch von Ihren nächsten Plänen. Bleiben Sie bis zur
Notabelnversammlung in Froberg? Mein Dienst führt mich vielleicht nach
dem Elsaß und ich möchte nicht verfehlen, der schönsten Frau Frankreichs
die Hand zu küssen.
Lucien Gaillard an Delphine.
_Paris, den 11. Oktober 1786._
Verehrte Frau Marquise. Mit Freuden erfülle ich Ihren Wunsch, von dem
ich nur bedaure, daß er sich so leicht erfüllen läßt. Sie werden stets
im Besitz meiner Adresse sein, auch wenn sie noch so häufig wechselt.
Meine Feder von der kein Geringerer, als der Polizeileutnant Lenoir
behauptete, daß sie mit Gift statt mit Tinte schreibt, wird mich während
der Notabelnversammlung zwingen, im Dunkeln zu bleiben. Selbst von
meinen Gesinnungsgenossen verstehen nur wenige mein Entzücken über die
Aussicht auf das Ereignis des nächsten Jahres.
Die Notabeln, die das naive Volk immer noch durch den Glanz ihres
Auftretens und die gewandte Form ihres Benehmens zu blenden verstehen,
werden jetzt vor aller Welt gezwungen sein, auch den Blindesten Einblick
in ihr Innerstes zu gewähren. Man wird ihre Selbstsucht erkennen, die
auch ihre guten Handlungen regiert.
Ihre Wohltaten sind Opium für das Volk; ihre Königstreue ist das Mittel,
ihnen die reichsten Pfründen zu sichern, ihr Stolz die Maske für ihre
innere Leere!
Nur unter den Frauen gibt es Ausnahmen. Durch die schönste und bitterste
Erfahrung meines Lebens weiß ich es: eine gibt es, die alle Tugenden und
alle Vorzüge des Adels in sich vereinigt, ebenso wie ich eine andere
kannte, deren Seele die offene Gosse war, die die Schmutzfluten aller
Laster des dritten Standes in sich aufnahm. Die eine war meine Mutter.
Werden Sie verstehen, Frau Marquise, daß meines Daseins glühendste
Sehnsucht ist, mich so weit als möglich von ihr zu entfernen? Daß Sie
darum der Stern sind, zu dem ich den krummen Körper emporrecke?
Die Kinder der Zukunft dürfen keine Mütter mehr haben wie die meine. Das
ist das höchste Ziel der Revolution.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Montbéliard, den 20. Oktober 1786._