»Wenn es sich um eine bloße Liaison der Marquise handeln würde, könnte

vielleicht davon die Rede sein,« sagte er; »ob ich oder Sie am Platze

blieben, würde nur ein paar Tränen mehr oder weniger kosten; ein Ersatz

für jeden von uns wäre bald gefunden. Aber es handelt sich leider um

jene unbequeme Passion, die im Roman schöner ist als im Leben. Glauben

Sie, meine Ehre wäre gewahrt, wenn Sie fielen? Glauben Sie, die Marquise

würde je wieder in mein Haus zurückkehren? Und halten Sie es für

möglich, daß sie über meinem Sarge mit Ihnen, durch dessen Hand ich

gefallen sein würde, jemals glücklich zu werden vermöchte?! Nein, die

Geschicke der Menschen und der Völker lösen sich nicht mehr durch einen

Schwertstreich.«

Ich hatte ihm stumm, gesenkten Hauptes zugehört. Ich mußte ihm recht

geben. Als ich dann versuchte, ihn zu einer Trennung von Dir zu bewegen,

blieb er unerbittlich.

»Die Marquise kennt meine Antwort, sie hat die Wahl. Nur dann, wenn sie

die Folgen ihres Verhältnisses nicht sichtbar werden läßt, bin ich

bereit, -- da ich auf die Ansprüche des Gatten ein für allemal verzichte

--, sie zeitweise in Laval wohnen zu lassen. Kommt das Kind zur Welt, so

ist es mein Kind und gehört in mein Haus.«

Du mußt wählen zwischen mir und dem Ungeborenen, zwischen deinem

Geliebten und einer Hoffnung, die noch nicht einmal Leben ist.

Wirst du so unbarmherzig sein und gegen unsere Liebe entscheiden? Du

kannst mich nicht töten wollen, Delphine; Du kannst Dich nicht in Ketten

schmieden! Bei jeder Erinnerung, die uns gemeinsam ist, bei jedem

Glauben, bei jedem Gefühl, das wir teilen, beschwöre ich Dich: bleibe

Dir treu! Opferst Du mutig die erste Frucht unserer Liebe, so bleibt uns

die süße Gegenwart und die Hoffnung auf eine befreiende Zukunft, in der

Du glückliche Kinder gebären kannst. Tust Du es nicht, so ist nichts

mehr unser als der Schmerz um ewig Verlorenes.

Antworte mir nicht, Du könntest vorschnell sein, wenn Deine Augen nicht

in den meinen lesen, daß Du mein Todesurteil sprichst.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 5. Februar 1785._

»Ich kann das Kind nicht töten, weil es Dein Kind ist. Sein Leben ist

mir die Gewähr, daß nichts uns trennen kann« --, ich trage den Zettel

auf dem Herzen, den der alte Gärtner mir gab, als ich vor dem verödeten

Hof, vor Deiner verschlossenen Pforte stand -- ein Ausgestoßener.

Ich versuche, Dir zu zürnen und liebe Dich nur immer mehr, ich versuche,

das Kind zu hassen und ein Gefühl tiefer Zärtlichkeit erfaßt mich.

Die Zeit, in der es unter Deinem Herzen ruht, soll mir heilig sein. Auch

mein Schmerz soll Dich nicht stören.

Lebewohl!

Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, am 12. Juli 1785._

Meine Liebe. Da es mir wünschenswert erscheint, Ihnen die letzten Wochen

vor der Entbindung jede Erregung fernzuhalten, will ich Ihnen zunächst

nicht nach Froberg folgen, sondern erst in dringenden Geschäften nach

Paris gehen. Habe ich bisher vergebens versucht, unser Vermögen zu

vergrößern, so muß ich es jetzt erhalten, -- schon um des Erben willen,

den ich mir gewählt habe.

Ich werde zugleich mit Herrn Dr. Douzet Rücksprache nehmen und ihn

veranlassen, zur rechten Zeit in Froberg zu sein.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 25. Juli 1785._

Meine Liebe. Ich fürchte, die alarmierenden Nachrichten in den Journalen

könnten Sie erschrecken, darum beeile ich mich, ihnen zuvorzukommen. Man

spricht in Paris laut und leise von einem märchenhaften Schmuck, den der

Kardinal im Auftrag der Königin für sie erwarb, und den sie zu bezahlen

offenbar -- vergessen hat. Gestern war ich zum Souper in Trianon

geladen. Als ich das Schloß betrat, hörte ich lautes Lachen und

Schwatzen fast wie auf einer Bauernkirmeß. Erstaunt stand ich still, da

öffneten sich die Türen zum Theatersaal, ein Schwarm von Menschen

strömte daraus hervor, mitten unter ihnen die Königin, sehr erhitzt,

sehr ausgelassen, dicht hinter ihr mit der Miene eines Triumphators --

Herr von Beaumarchais. Ich verbeugte mich um einen Zoll weniger tiefer

als sonst.

»Wir proben den Barbier von Sevilla,« hörte ich laut wie ein Kommando

auf dem Paradeplatz Herrn von Beaumarchais Stimme. Aufs äußerste

überrascht von dieser unerhörten Formlosigkeit, erwartete ich einen

Eklat. Aber die Königin lachte nur noch lauter. Es war jedoch, wie mir

schien, ein falscher Ton in ihrer Stimme.

Beim Souper beobachtete ich sie: Röte und Blässe wechselten auf ihren

Zügen. Unter Außerachtlassung jeder Etikette verließ sie nach dem Schluß

des Essens die Tafel und verschwand, -- allein mit Herrn von Chevreuse

--, in den Laubengängen des Parks. Wir alle verstummten. Nur Herr von

Beaumarchais versuchte mit gewagten Späßen die Stimmung aufzuheitern.

Herr von Beaumarchais als Regisseur der Königin --, ich bin geneigt,

jetzt an die bösesten Gerüchte zu glauben.

Gestern abend entschloß ich mich, die berühmten Arkaden des Palais-Royal

zu besichtigen, die der Herzog von Chartres eigens gebaut zu haben

scheint, um allerlei wüstem Gesindel Obdach zu gewähren. Mit den frechen

Reden der Männer wetteifert nur die Schamlosigkeit der weiblichen

Besucher. In diese Gesellschaft mischten sich mit sichtlichem Vergnügen

Damen und Herren des Hofes, als sie aus der Oper kamen, und ich muß zu

ihrer Schande gestehen, daß im Ton und Benehmen zwischen ihnen und den

anderen kaum ein Unterschied mehr zu bemerken war.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Versailles, den 16. August 1785._

Ein schreckliches Ereignis, meine Liebe, verzögert meine Abreise: Der

Kardinal, Prinz Louis Rohan, wurde gestern vor der Schloßkapelle von

Versailles in vollem Ornate, angesichts aller versammelten Würdenträger

des Hofes verhaftet!

Kaum war das Ungeheuerliche geschehen, als die ganze Familie Rohan, die

Prinzen Soubise, Guéménée und Montpensier zugleich mit den Bischöfen und

Kardinälen das Schloß verließen. Der König und die Königin fanden sich

bei ihrem Erscheinen einem fast leeren Saal gegenüber. Marie Antoinette

schien einer Ohnmacht nahe.

Was geschehen ist, weiß niemand genau. Man sagt, daß Rohan sich für die

Königin habe opfern lassen. Und Cagliostro hatte ihm prophezeit: »An

Ihren Namen wird Frankreichs Befreiung sich knüpfen!«

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Die ganze Nacht stand ich wie ein Dieb unter Deinem Fenster, Geliebte.

Jeder Schrei, den ich hörte, zerriß mir das Herz. Dann wurde es still --

totenstill. Die Angst schnürte mir die Kehle zusammen. Bis plötzlich ein

leises Weinen wie Vogelzwitschern durch die Finsternis zu mir drang:

Unser Kind, Du meine süße Frau! Leg ihm die roten Blätter dieser Rose

aufs Herz; sein armer Vater grüßt es tausendmal!

DER LETZTE AKT

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 3. Mai 1786._

Endlich ein Lebenszeichen, Geliebte, das den Bann von uns nimmt, das mir

nicht nur auf ein Wiedersehen die Aussicht eröffnet --, im Gedanken

daran schwanke ich zwischen Qual und Seligkeit, denn mit zuviel

Selbsterniedrigung muß ich es erkaufen, -- das mir vor allem die Zunge

löst, um die große Frage unserer Zukunft mit Dir zu besprechen.

Monatelang habe ich geschwiegen; vielleicht hätte ich deinen Wunsch

danach nicht zu erfüllen vermocht, wenn nicht ein holdes Wunder mir

begegnet wäre.

Im Oktober vorigen Jahres war es. Die Sehnsucht zehrte an mir, ich

vergaß Alles: Deine Wünsche, meine Versprechungen, und ritt vor

Sonnenaufgang fort, entschlossen, Dich zu sehen, und wenn ich Mauern

sprengen müßte. Je näher ich dem Ziele kam, desto mehr spornte ich den

Rappen, so daß er, solcher Behandlung ungewohnt, wie gehetzt

vorwärtsstürmte. Unten im Dorfwirtshaus ließ ich ihn stehen und ging den

Berg hinauf zu Fuß; das verschlossene Parktor gab meinem Rütteln nach;

weiß leuchtete schon das Schlößchen durch das Laub. »Mont de joie«

flüsterte ich, seliger Erwartung voll, vor mich hin, -- da stockte mein

Fuß.

Ich hörte ein leises Singen; so zärtlich klang es und war doch kein

Liebeslied, so viel Jubel lag darin und war doch keine Siegeshymne. Die

Stimme kannte ich; ihrem Klange wollte ich nachstürzen, aber etwas

Fremdes, Neues in ihr zügelte meine Leidenschaft. Ich schlich durch das

Dickicht.

Und da sah ich Dich: auf der weißen Bank unter dem dunkelroten Dach der

Kastanien, das Knäblein im Arm, dessen winziges Mündchen durstig an

deinem hüllenlosen, rosigen Busen lag. Du sahst mich nicht; gebannt hing

Dein Blick an dem Kinde; Du fühltest nicht meine Nähe; all Dein

Empfinden gehörte ihm. Mein Begehren verstummte, und doch liebte ich

Dich noch nie so stark, so tief wie jetzt. Ich ging, wie ich kam, --

ungesehen, -- diesen Frieden zu stören, wäre mir wie ein Sakrilegium

vorgekommen.

Nun aber, Du süße Mutter meines Sohnes, darf ich Dich wiedersehen, darf

es wagen, Dich all den Aufregungen ausgesetzt zu wissen, die unserer

endlichen dauernden Vereinigung vorausgehen werden. Du schreibst kein

Wort darüber, ich vermisse sogar den helleren Ton der Freude über Deinen

Aufenthalt in Paris; Du klagst, daß der Marquis Dich immer um sich haben

will, daß er den Kleinen von Tag zu Tag mehr mit dem Stolz des echten

Vaters betrachtet. Ich wollte, er zeigte sich als ein noch größerer

Tyrann, damit Du die Freiheit um so rücksichtsloser erkämpfen möchtest!

Denn, nicht wahr, das eine steht für Dich unverbrüchlich fest: daß Du

mir gehörst, -- mir allein?

Wenn ich in Etupes durch die menschenleeren Räume ging, hörte ich oft

plötzlich das Rauschen eines Kleides neben mir, und aus dem Gang tönte

mir helles Kinderlachen entgegen. Waren es Gespenster der Vergangenheit,

oder nicht vielmehr süße Ahnungen der Zukunft?! Sind wir nur erst

vereint, Geliebteste, was könnte mich dann noch in den brodelnden

Höllenpfuhl der Hauptstadt locken?

Alles Erleben wird hier zum Fieber, jedes Geschehnis zum Ausgangspunkt

katastrophaler Ereignisse. Vor dem Parlament, das jetzt seit Wochen die

Halsbandaffäre verhandelt, strömt ein täglich wachsender Haufe erregter

Massen zusammen. Erscheint Rohan auf dem Wege von oder zur Bastille, so

begrüßen ihn lärmende Ovationen, und man würde nicht begreifen, wie

dieselben Leute, die jeden politischen Reaktionär niederbrüllen, den

Kardinal, den Feind jeden Fortschritts, fast zu ihrem Idol zu machen

vermögen, wenn man nicht zu genau wüßte, daß er ihnen in diesem

Augenblick nur als ein Opfer monarchischer Willkür erscheint. Ihre

scheinbare Liebe für ihn ist nichts als der deutliche Haß gegen den

Absolutismus.

Ich selbst folge mit steigender Anteilnahme den Verhandlungen, deren

traditionelle Geheimhaltung nachgerade lediglich auf dem Papiere steht,

wie so viele andere Traditionen. Rohan benimmt sich dabei wie ein

Edelmann: ruhig, würdevoll, ohne ein Wort zuviel zu sagen.

Die Lamotte dagegen, seine Helfershelferin, gebärdet sich wie eine

Wahnsinnige und zeigt dadurch, daß das Blut der Valois, dessen sie sich

rühmt, schon recht stark verdünnt in ihren Adern rollen muß. Kein

Zweifel, daß der Kardinal sich von dieser geschickten Abenteuerin zu

seinen letzten unvorsichtigen Schritten verführen ließ. Aber ihre

Gestalt, die jetzt im hellen Lichte der Untersuchung steht, wirft einen

dunklen Schatten auf die einer anderen, die im Saale selbst niemand

anzugreifen wagt, die aber jene unheimlich wachsende Macht, -- die

öffentliche Meinung, -- in tragischem Ernst wie in zügellosen Witzen als

die wahrhaft Schuldige bezeichnet: die Königin. Das Halsband, dessen

glänzende Steine der letzte Pesthauch des sterbenden Königs trübte, hat

eine verheerendere Seuche verbreitet als die war, an der Ludwig XV.

zugrunde ging.

Das Herrscherpaar ist fast ganz isoliert. Der Klerus und der Adel

vergessen ihm nie die infamierende Art, mit der es einen seiner ersten

Würdenträger verhaften ließ, das Volk erfaßt mit Freuden die

Gelegenheit, um die Königin in den Schmutz seiner Menschlichkeiten

hinabzuziehen. Seitdem überdies bekannt wurde, daß der Finanzminister,

Herr von Calonne, einen Teil der Staatsanleihen benutzte, um die

Schulden des Grafen von Artois und des Herzogs von Bourbon zu bezahlen,

wird jede Art abenteuerlicher Geldbeschaffung ohne weiteres geglaubt.

Sogar ein ehrlicher Kerl, wie Lucien Gaillard, den ich allabendlich im

Palais-Royal zu sehen pflege, war überzeugt von der Existenz des

Diamantsaals und des silbernen Fußbodens im Schloß von Trianon!

Um seine Popularität könnte ihn übrigens jeder Minister beneiden. Mit

jenem letzten Rest sklavischer Unterwürfigkeit des Bürgers vor dem

Aristokraten pflegt sonst die öffentliche Meinung um so mehr zu

verstummen, je höher der Rang desjenigen ist, dem sie sich

gegenübersieht, um von den Mauern des Königsschlosses nur wie ein fernes

Murren wiederzuhallen; Gaillard dagegen steht so ganz auf der Höhe

seiner Zeit, und fühlt so gar nicht mehr die hergebrachten

Standesunterschiede, daß ich, -- laß mich Dir lächelnd diese Schwäche

gestehen, -- die Selbstverständlichkeit seiner Gleichstellung bei aller

theoretischen Anerkennung, die ich für sie habe, oft peinlich empfinde!

Ich dachte daran, ihn einmal als unsern Haushofmeister nach Etupes zu

nehmen, aber ich kann mich doch nicht recht an den Gedanken gewöhnen,

meinem Angestellten kordial die Hand zu schütteln, seine Ansichten als

den meinen gleichberechtigt gelten zu lassen.

An der Schwierigkeit, die mir Abweichungen von den bloßen Formen der

Vergangenheit bereiten, ermesse ich, wie fast unmöglich es einem

absoluten Monarchen sein muß, mit ihrem Inhalt zu brechen.

Ich war kürzlich zur Tafel in Versailles. Der König sieht schlecht aus

und ist merkwürdig ernst geworden; die Königin ist von forcierter

Lustigkeit. Man sagt, daß die Zartheit des Dauphin ihr Sorgen bereite,

die selbst der Anblick ihres blühenden zweiten Söhnchens nicht zu

verscheuchen vermag. Sie hat die Farm im Park von Trianon, wo sie ihre

fröhlichsten Stunden verlebte, zwölf armen Paaren zum Wohnsitz

überlassen, und seit der unheilvollen Aufführung des Barbiers von

Sevilla, die zwei Tage nach der Verhaftung Rohans stattfand, und wo die

Königin es erleben mußte, vor einem halbleeren, beifallskargen Saal zu

spielen, das kleine Theater nicht mehr betreten.

Erscheint mir nur die Welt so dunkel, weil Du sie mir nicht erhellst,

sind es die reiferen Jahre, die sie uns nicht mehr im rosigen Licht der

eigenen Jugend malen, oder ist sie wirklich umhüllt von gewitterschwüler

Sommernacht? Mit dir, Geliebte, traue ich mir erst zu, der Wahrheit

näher zu kommen.

Noch einer Begegnung muß ich gedenken: ich traf Herrn von Altenau im

Klub. Er schien mich meiden zu wollen. Da er im Organ Neckers, dem

Journal de Leyde, einen einflußreichen Posten bekleidet, interessiert er

mich, und ich nötigte ihm, als er ging, meine Begleitung auf. Er blieb

einsilbig. Erst auf dem Pont neuf, unter dem die Seine sich im Schein

der neuen roten Laternen wie ein Strom von Blut langsam dahinwälzt,

wurde er lebhafter. Er frug nach Dir und erzählte überhastig, was Dir

einst an dieser Stelle begegnet ist, Als ich ihm sagte, daß Du Dich

wieder eines Sohnes freutest, stürzten ihm die Tränen aus den Augen.

Hast Du gewußt, daß er Dich so sehr liebte? Wer, der Dich kennt,

Vermöchte Dich nicht zu lieben!

Ich wage noch kaum zu hoffen, daß Du wirklich in vier Wochen schon hier

sein willst, -- Du und Dein Kind -- unser Kind, Delphine!

Warum nur die Vorsichtsmaßregeln mit diesem Brief? Sollte der Marquis

deine Korrespondenz überwachen?! Das sieht seiner vornehmen Natur wenig

ähnlich!

Ich schließe Dich an mein Herz, Du liebe, geliebte Frau; ich lebe der

Stunde, wo ich Dich nie mehr von mir lasse.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 20. Mai 1786._

Meine Liebe. Nachdem ich im Hotel des Rois ein geeignetes Quartier für

uns gefunden habe, bitte ich Sie, so bald als möglich von Froberg

abzureisen. Ich habe bereits unserem Haushofmeister die nötigen

Anweisungen erteilt, an denen nichts geändert werden soll. Die Benutzung

der Post ist der des eigenen Wagens in dieser unruhigen Epoche unbedingt

vorzuziehen. Als mir unterwegs ein Pferd stürzte und der Kutscher in

einem nahen Gehöft Hilfe suchte, verweigerte sie ihm der Bauer mit der

Bemerkung: »Die Zeiten sind vorüber, wo der Edelmann, wenn er keine

Gäule mehr hatte, uns vor seine Karosse spannte.« Die Postreisenden, die

ihren Stand nicht verraten, werden weniger leicht insultiert.

Sie werden übrigens während der Fahrt bemerken, wie recht ich hatte, als

ich Ihr übertriebenes Mitgefühl, das uns alle Bettler nach Froberg

lockte, zu bekämpfen versuchte. Überall begegnet man jetzt offenbaren

Zeichen steigender Wohlhabenheit: neuen oder gut ausgebesserten Häusern,

gepflegteren Feldern, behäbig gekleideten Leuten.

Trotzdem ist der einmal erweckte Geist der Unzufriedenheit unausrottbar.

Je mehr man dem Pöbel mit Reformen entgegenkommt, desto mehr verlangt

er. Und wie ich aus den Berichten meiner Pariser Freunde schon entnahm,

wirkt die Schwäche des Königs und die Angst des Finanzministers vor

gewaltsamem Umsturz zusammen, um uns auf diesem Wege vorwärts zu

treiben. Der Prozeß Rohan konnte die Lage nur verschlimmern. Nach dem

Affront dieser Verhaftung ziehen sich alle Gutgesinnten vom Hof zurück.

In diesem Fall fühle ich mich auf seiten des brüllenden Pöbels vor dem

Pariser Parlament, der peremptorisch die Freiheit des Kardinals fordert.

Es ist mir nicht leicht geworden, die Ruhe von Froberg mit Paris zu

vertauschen. Aber unser aller Schicksal hängt vielleicht von den

nächsten Wochen ab, und ich kann nicht untätig zusehen. Der Einfluß, der

mir beim König noch geblieben ist, muß ausgenutzt werden. Warum ich

Ihnen die Reise zumute, und damit leider auch dem Kleinen, von dem Sie,

obwohl er auf dem Lande viel besser aufgehoben wäre, zu trennen sich

weigern, möchte ich noch mit einigen Worten erklären, da ich, wie Sie

wissen, mündliche Auseinandersetzungen, die leicht in Szenen ausarten,

vermeide. Mir fehlt noch das Vertrauen zu Ihnen. Montbéliard und Etupes

sind zu nah, als daß ich nicht fürchten müßte, die Mutter meines Erben

könnte sich vergessen.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 22. Mai 1786._

Meine Liebe. Ich sehe mich genötigt, Ihnen vor Ihrer Abreise noch diese

Zeilen zukommen zu lassen, damit Sie orientiert sind, was ich von Ihnen

erwarte. Ich sah gestern den Prinzen Montbéliard. Sie werden ihm also in

der Gesellschaft auch begegnen, und es ist selbstverständlich, daß wir,

um jedes Gerede unmöglich zu machen, ihm nicht aus dem Wege gehen

können. Ich nehme Ihnen dabei das feierliche Versprechen ab, daß Sie die

Beziehungen zu ihm nicht erneuern werden. Ich will Sie nicht an die

Pflicht der Dankbarkeit erinnern, die Sie mir gegenüber, der Sie und Ihr

Kind vor öffentlicher Schande rettete, empfinden müßten. Ich will Ihnen

nur hiermit erklären, daß ich, von dem Augenblick an, wo ich den Erben

anerkannte, die Ehre des Namens, den ich ihm gab, zu schützen weiß.

Gestern wurde Rohan freigesprochen. Das Volk brachte ihm stürmische

Ovationen dar, die bis in die innersten Gemächer von Versailles

geklungen haben müssen. Die Königin schloß sich allein in ihr Zimmer.

Sie mag empfunden haben, daß dieser Freispruch zugleich ihre

Verurteilung war.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 10. Juni 1786._

Mein armer Liebling, was hat er aus Dir gemacht! Mußte ich meine tapfere

Delphine so ängstlich, so kleinmütig wiederfinden?! Selbst der

Scharfblick meiner Liebe hätte Dich nicht zu durchschauen vermocht, als

Du gestern in der Akademie vor mir standest, blaß und schüchtern wie

ein kleines Mädchen. Erst Deine flüchtigen, hastig hingeworfenen Zeilen

klärten mich auf. Du gabst dem Marquis das Versprechen, das er forderte;

»ich erkaufe mir mit dieser Sünde den letzten Rest von Freiheit«,

schreibst Du und in rührenden Worten bittest Du mich, -- mich, von dem

alles Leid Dir kam! -- Dir das Unrecht zu verzeihen; als ob Deine

Sünden, Geliebteste, jemals Sünden sein können! Nur Deine Schwäche, die

es zugab, daß der Marquis unser Kind für das seine erklären durfte, war

ein Unrecht gegen Dich selbst, gegen uns, und rächt sich fürchterlich.

Aber unsere Liebe wird stark genug sein, auch das zu überwinden.

Wir dürfen einander nicht schreiben, sagst Du, »wenn sich der Marquis

auch nie dazu verstehen würde, die Dienerschaft zu Spionen zu machen, so

sieht und fühlt er alles, seitdem kein Cagliostro mehr seine Blicke

ablenkt«. Sollten wir nicht doch noch klüger sein können als er?!

Gaillard, dessen Verehrung für Dich sogar stärker ist, als seine

republikanische Gesinnung, habe ich die Besorgung dieses Briefes ruhig

anvertraut. Ich bin seiner vollkommen sicher. Wir werden uns zunächst in

Gesellschaften sehen und je größer sie sind, desto leichter können wir

in ihrer Mitte allein sein. Wir müssen beraten, was zu tun ist und --

ich muß Dich wieder küssen dürfen, Du Süße, damit Deine Lippen sich

röten und das Blut in Deine Wangen zurückkehrt. Ich habe Dich ja so

lieb, so lieb und meine Sehnsucht ist so riesengroß, daß es mir scheint,

als könnte ich sogar all die häßlichen Heimlichkeiten verborgener Liebe

ertragen!

Werde ich Dich morgen bei Herrn von Puységur sehen, der, wie er mir

sagte, eine neue Somnambule entdeckt hat, die »erstaunlich« sein soll,

und übermorgen bei Frau von Staël, die in einem neuen Gesellschaftsspiel

ihren Geist leuchten lassen will?

Nie sahst Du so entzückend aus, Holdselige, als gestern: die süße kleine

Marquise mit den zarten Händen und Füßen und der feinen Taille, aus der

der Busen wie eine Rose aus dem Kelch schimmernd emporsteigt, neben der

neuen Gesandtin Schwedens mit den starken Knochen, dem breiten Gesicht,

den forschenden Augen, in einem Gewand, das halb eine Mönchskutte, halb

ein griechisches Peplon schien. Selbst Guibert, der die ehrgeizige

Tochter Neckers als die Aspasia Frankreichs feierte, und seine

Bewunderung für die ganze Familie sogar in seine Eintrittsrede unter die

Akademiker einflocht, um die Erinnerung an seine frühere Stellungnahme

ganz zu verwischen, war einen Augenblick lang wie benommen, als er Dich

sah.

»Sie sind ein Sammler von Zeitdokumenten, Herr Graf,« sagte ihm beim

Ausgang Herr von Champcenetz, »Mademoiselle de Lespinasse, Madame la

marquise de Montjoie, Madame de Staël --« Aber schon ging der Angeredete

stirnrunzelnd und wortlos an ihm vorüber, während ich nicht übel Lust

hatte, dem Spaßmacher gehörig heimzuzahlen. Aber mit welchem Recht darf

ich für Dich eintreten, Geliebteste?

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 23. Juni 1786._

Schönste Frau Marquise, Ihre Marmorkühle scheint keiner Huldigung

weichen zu wollen. Sie zürnen mir anscheinend mit Recht, weil ich mich

zurückzog, in Wahrheit: zurückgestoßen fühlte. Ein Soldat erinnert sich

nur ungern seiner Niederlagen und geht darum den Festungen aus dem Wege,

die ihm Trotz boten.

Aber wenn ich auch Ihr Herz nicht erobern konnte, möchte ich doch

wenigstens Ihre gute Meinung nicht verlieren.

Madame de Staëls Geist hat mich gerade in einem Augenblick fasziniert,

wo das verletzte Gefühl sich in sich selbst zurückzog. Es gibt eine

Ermüdung der Sinne, die der geeignetste Zustand ist, um den Kopf in

seine unbeschränkten Herrenrechte einzusetzen. Damals lernte ich Herrn

Necker mit den Augen seiner Tochter sehen und fand in ihm schließlich

einen Lehrer, ja einen Freund. Wenn Sie öfter mit ihm zusammen kämen, --

und ich hoffe, Frau von Staël wird Sie allmählich zu fesseln verstehen,

trotz Ihres Spottes über die »geistigen Seiltänzereien« der von ihr

beliebten Gesellschaftsspiele --, würden Sie ihr beipflichten, daß die

einzige Rettung für Frankreich die konstitutionelle Monarchie nach

englischem Muster ist. Aber während die Anglomanie der Galanterie der

Franzosen, ihrem gesellschaftlichen Geist, ihrem künstlerischem

Geschmack in gefährlicher Weise Eintrag tut, und kostbares französisches

Gold für englische Pferde, Wagen und Kleider eingetauscht wird, können

wir uns nicht entschließen, das Beste, was unser »Erbfeind« geschaffen

hat, seine Staatsform, von ihm zu übernehmen.

Sie sehen, teuerste Marquise, wie Ihre Nähe mir notwendig ist. Wären Sie

erst etwas länger hier, ich würde mit Ihnen nicht mehr zu politisieren

vermögen!

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 19 / 23 段