Meine Liebe. Ihre Absicht, das seit langem unbenützte Schloß Laval zu

ihrem Aufenthalt zu wählen, noch dazu jetzt, wo der Winter vor der Türe

steht, ist befremdend. Da es aber ausschließlich Ihr Besitztum ist und

Sie, wie mir scheint, nur zwischen diesem und irgendeinem andern Ort

wählen wollen, um weiter von mir getrennt zu leben, so will und kann ich

Ihre Entschlüsse nicht beeinflussen. Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, werde

ich einen Teil der Dienerschaft nach Laval senden, um wenigstens das

Notwendigste für Sie vorzubereiten.

Mir geht es gut.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 19. Oktober 1783._

Meine geliebte Delphine. Wie recht Du hattest: schon atme ich freier in

der trauten alten Umgebung; schon sehe ich, wie viel hier vernachlässigt

wurde, seitdem mein Bruder, der regierende Herzog, sich ganz auf seine

preußischen Besitzungen zurückgezogen hat, wie ich alle Kräfte anspannen

muß, um die Folgen jahrelanger Mißwirtschaft durch gewissenlose

Verwalter wieder gutzumachen. Daß ich notwendig bin, daß Arbeit meiner

wartet, macht mich schon froh.

Ich ritt heute nach Laval, -- den schönen Waldpfad, der mich täglich zu

meinem Engel führen soll. Klopfenden Herzens sah ich die altersgrauen

Türme vor mir aufsteigen, aus deren Fenstern das süße Köpfchen eines

kleinen Mädchens mir einst schelmisch entgegennickte.

Im Schloßhofe fand ich reges Leben: man lud von hochbepackten Wagen

Möbel und Kisten und Kasten ab. Sonderbar: mir schnürte der Anblick, der

doch ein Zeichen Deines Nahens ist, das Herz zusammen! Ich fühlte, daß

hier die Sorge dessen waltet, der Dich mir stumm überläßt --, ob aus

verächtlicher Gleichgültigkeit, oder aus großmütiger Entsagung, beides

ist gleich niederdrückend.

Aber ich will Dich nicht wieder quälen, Du armes Herz, die Du mir alles

zu Liebe tust, und so grenzenlos um mich leidest!

Marquis Montjoie an Delphine.

_Schloß Froberg, am 1. November 1783._

Meine Liebe! Es bedarf nicht des Dankes. Ich habe nur meine Pflicht

getan, indem ich das Schloß Ihrer Väter, aus dem ich einst ein

unwissendes Kind entführte, für seine Rückkehr empfangsbereit machen

ließ. Ich wünsche nur eins: von Zeit zu Zeit, -- nach vorheriger

Ansage, -- empfangen zu werden, um möglichem Getuschel böser Zungen die

Spitze abzubrechen. Da ich Anfang nächsten Jahres in Sachen meiner

Vermögensverwaltung nach Paris zu gehen beabsichtige, werde ich mir

erlauben, mich in den Weihnachtstagen nach Ihrem Befinden zu erkundigen.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 6. Januar 1784._

Heute nur einen zärtlichen Gruß, Geliebteste. Ich kann nicht kommen;

Scharen von Landleuten strömen in die Stadt und sammeln sich vor dem

Schloß. Die fürchterliche Kälte treibt sie her, aber obwohl ich fast

allen Vorrat an Holz und Nahrungsmitteln verteilen ließ und die

Erlaubnis gab, den Wald von Navire zu schlagen, nehmen vor allem die

fremden Leute eine drohende Haltung an. Ich habe die Ställe und die

Reitbahn öffnen lassen, um wenigstens den Frauen und Kindern Unterkunft

gewähren zu können.

Mein Bote ist beauftragt, Deine Antwort entgegenzunehmen und sich durch

eignen Augenschein zu überzeugen, ob Laval in Sicherheit ist. Im Notfall

lasse ich selbstverständlich alles im Stich und komme zu Dir.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 7. Januar 1784._

Geliebteste! Fürchte dich nicht. Wie kann mir etwas geschehen, da ein

Engel wie Du mich mit seiner Liebe schützt! Der Reitknecht erzählte mir

alles, selbst gerührt von dem, was er gesehen hatte: im Rittersaal von

Laval die Menschenmenge, blasse Gesichter, zerlumpte Kleider, magere,

von Frostbeulen bedeckte Glieder, von den glühenden Scheiten im Kamin

grell beleuchtet, Du selbst mitten unter ihnen, furchtlos auch

angesichts der rohesten Gesellen!

Ich schicke Dir heute ein paar handfeste Leute zum Schutz. Ein

Feuersignal auf dem Bergfried, und ich selbst bin in kürzester Frist bei

Dir.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 9. Januar._

Landstreicher erbrachen das Schloß. Ich warf sie mit meinen Leuten

hinaus. Ein Schuß traf mich in die Hüfte. Ich habe nur einen Gedanken:

Dich. Mein Reitknecht jagt dem Wagen voran, der mich zu Dir bringt.

Niemand außer ihm und dem Kutscher kennt das Ziel der Fahrt.

Baron von Wurmser an Delphine.

_Straßburg, den 10. Februar 1784._

Verehrteste Frau Cousine. Vergebens habe ich versucht, Sie hier und in

Froberg aufzusuchen und erfuhr erst dort, daß Sie sich in Laval

befinden. Nach langem, inneren Kampf halte ich es für meine Pflicht,

Ihnen folgende Mitteilung zu machen: der Graf Cagliostro ist ein

Betrüger. Die Kräfte, die er besitzt, -- und ich hörte und sah zu viel,

als daß ich an ihnen zu zweifeln vermöchte, -- hat er in teuflischer

Weise benutzt, um seine Opfer zu fangen. Auch ich gehöre zu ihnen. Das

kleine Vermögen, das ich besaß, ist in seinen Händen. Ich dachte daran,

ihn ohne weiteres arretieren zu lassen, aber ich habe keine Beweise, und

die Zeugen, die ich nennen könnte, würden teils aus Feigheit, teils aus

Angst, sich lächerlich zu machen, versagen; außerdem ist dem Grafen

alles Geld, das er erhielt, freiwillig gegeben worden. Mich selbst kann

ich nicht mehr retten, vielleicht aber andere.

Um klar zu sehen, habe ich mein Mißtrauen noch nicht laut werden lassen

und habe vor wenigen Tagen einer Sitzung im Palais des Kardinals

beigewohnt, an der sich außer dem Hausherrn und mir nur Ihr eben aus

Paris wieder zurückgekehrter Herr Gemahl beteiligte. Man erwartete so

etwas wie ein Wunder; Haufen Goldes lagen bereit, die ja von jeher die

Voraussetzung aller Experimente waren. Je länger die Versuche

resultatlos blieben, desto erregter wurde der Kardinal. »Ich bin

verloren -- ich und sie!« schrie er schließlich in fassungsloser

Verzweiflung. Und als der Graf als Antwort grell auflachte, stürzte er

sich auf ihn, packte ihn mit eisernem Griff an die Kehle und brüllte mit

der Stimme eines wilden Tieres: »die Million oder --.« Wir rissen ihn

los und während ich noch um den Tobenden beschäftigt war, verließ

Cagliostro mit dem Marquis das Zimmer.

Rohan reiste gestern nach Paris. Der Marquis hat sich mit dem Schwindler

eingeschlossen; er vertraut ihm um so mehr, als er seine Kräfte nun für

sich allein in Anspruch nehmen zu können hofft.

Nur Sie, teuerste Cousine, können den Verblendeten retten und damit Ihre

eigene Existenz. Was Sie auch immer von ihm trennen, was Sie in Laval

festhalten mag, kommen Sie rasch! Könnten Sie den Marquis sehen, wie er

gebeugt, mit zitternden Knieen durch die Straßen schleicht,

rotgeränderte, des Schlafs entwöhnte Augen über den spitz

hervortretenden Backenknochen, -- das Mitleid würde Sie zu ihm führen,

auch wenn er Ihnen ein Fremder wäre.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 15. Februar 1784._

Meine Liebe. Ihr Anerbieten ist gut gemeint, aber Ihre Besorgnis

unbegründet. Ich bin gesund. Meinetwegen brauchen Sie Laval nicht zu

verlassen. Die chemischen Experimente, mit denen ich mich beschäftige,

sind rein wissenschaftlicher Natur. Es kann Sie nur beruhigen, daß diese

Tätigkeit mir alles ersetzt, was ich bisher als Lebensinhalt betrachtet

habe: den Hof, die Politik, die Frauen.

Ich höre, daß Sie im Schloß so etwas, wie ein Hospital eingerichtet

haben. Frauen, Kinder und Greise finden bei Ihnen Schutz vor Hunger und

Kälte, auch Kranke werden gepflegt. Das ist sehr lobenswert und wird

einer frommen Frau wie Ihnen die Freuden von Versailles vergessen

machen.

Der Vetter Wurmser, nachdem Sie fragen, widmet sich neuerdings eifrig in

Verbindung mit Herrn Adorn der Konstruktion eines neuen aerostatischen

Globus. So findet jeder eine Ablenkung von Gedanken und Erinnerungen,

die nicht immer belustigend sind.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 30. April 1784._

Schönste Marquise. Sie lieben nur die Unterlegenen und finden größeren

Genuß darin, zu trösten, als zu bewundern? Denn seit Figaro

triumphiert, sind Sie ihm untreu geworden. Ich aber dachte mitten im

tobendem Theater an Sie; ich suchte Ihr reizendes Köpfchen in allen

Logen; mir fehlte die Herzenskönigin, der der Sieger im Turnier das Knie

beugt, um von ihr allein den Kranz zu empfangen.

Figaro hat gesiegt, Frau Marquise! Und er hat Gedanken aus dem Gefängnis

feiger Köpfe befreit, Stummen die Sprache gegeben und Blinden das

Gesicht. Bald gibt es in Paris kein Fischweib mehr und keinen

Lastträger, der ihn nicht jubelnd begrüßt hätte; Hunde und Katzen ruft

man an allen Straßenecken mit seinem Namen; mit Hüten und Mänteln à la

Figaro schmücken sich Dirnen und Hofdamen, so daß sein Name schließlich

auch denen gellend in die Ohren klingt, die ihn verdammen.

Es war eine Komödie in der Komödie: Von früh an belagerten die

Eintrittheischenden die Pforten des Theaters. Vornehme Frauen hielten,

um rasch ein Plätzchen zu erhaschen, stundenlang in den Toilettenzimmern

kleiner Schauspielerinnen aus. Herzoginnen kämpften mit Freudenmädchen

um einen Sitz. Ganz Versailles war im Theater. Der König muß sehr

verlassen gewesen sein!

»Worin besteht das Handwerk des Höflings?« frug Figaro; »im Empfangen,

im Nehmen, im Fordern« -- und die Herren und Damen in den Logen hörten

erblassend den brüllenden Beifall des Parketts.

Wahrhaftig noch toller als mein Stück ist sein Erfolg!

Der laute Lärm erstickte tagelang alles heimliche Flüstern, das immer

schärfer, immer feindlicher durch die Hintertüren der Schlösser kriecht.

Sie erinnern sich des Schauspielaktes, den ich sah. Nun: die vornehmen

Akteure und Aktricen machen nicht den Eindruck als ob der Schluß, wie

der des Figaro, in Chansons bestehen würde. Selbst der Graf Chevreuse,

-- er muß als Knabe meines Cherubin Zwillingsbruder gewesen sein, -- hat

seinen Leichtsinn so sehr verloren, daß die Guimard ihm den Laufpaß gab.

Warum ich Ihnen schreibe? aus Eitelkeit und aus Neugierde. In Frankreich

zieht sich eine schöne Frau wie Sie nur aus drei Gründen von der Welt

zurück: entweder sie hat die Blattern, oder einen Blaubart zum Mann,

oder ihren Lakai zum Geliebten. Da keiner dieser Gründe auf Sie

zutreffen kann --, die Blattern würden sich schämen, ein Gesicht, wie

das Ihre zu zerstören, der Marquis hat sich dem Teufel verschrieben, und

Sie haben zu viel Geschmack für eine Liebschaft mit einem Bedienten; so

fragt sich alles, was hindert Sie, uns zu beglücken?!

Ich suche nach einem neuen Stoff für ein Stück. Vielleicht liefern Sie

ihn mir, wenn es sich um keine Tragödie handelt.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, im Juli 1784._

Meine Liebe. Damit Sie nicht aus den Journalen davon erfahren, teile ich

Ihnen mit, daß Baron Wurmser gestern beim ersten Aufstieg im Ballon

Monsieur Adorns verunglückt ist. Er brach beim Absturz aus einer Höhe

von kaum dreißig Metern beide Beine. Die Ärzte geben Hoffnung, ihn am

Leben zu erhalten. Ich sprach ihn heute. Er hat mir Grüße an Sie

aufgetragen und mich ausdrücklich gebeten, Ihnen zu erzählen, daß er

sich nun erst tatsächlich »nicht auf der Höhe erhielt«.

Ich habe heute noch eine Bitte an Sie. Meine Gesundheit ist nicht die

beste; ein Aufenthalt in Spa würde mir gut tun und es wäre mir

erwünscht, wenn Sie mich begleiten wollten. Alle unliebsamen Gerüchte

würden durch diese gemeinsame Reise im Keime erstickt. Falls Sie

zustimmen, werde ich sobald als möglich meine weiteren Dispositionen

treffen.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 25. Juli 1784._

Das war ein böser Ritt: in der schwülen Nacht, die fern am Horizont nur

fahle Blitze hie und da erleuchteten, das Herz von Kummer schwer, die

Stirne heiß von Zorn. Zorn auf Dich, meine süße Delphine, die Du unser

Glück zerstörst aus lauter grausamer Güte!

Weil einem alten Manne plötzlich die Laune packte, sich mit seinem

schönen jungen Weib der Welt zu zeigen, warst Du sofort bereit, ihm zu

willfahren? Du behauptest ihm Dank schuldig zu sein. Wofür?! Weil er Dir

Freiheit läßt. Tut er es vielleicht aus Güte, oder nicht vielmehr aus

Selbstsucht? Er stört Dich nicht, weil er in seinem dunklen Beginnen

nicht gestört sein will. Und weil er unsere Beziehungen nicht sieht,

nicht sehen will, hältst Du ihn für einen entsagenden bewundernswerten

Freund. Ich halte ihn für einen jämmerlichen Feigling! Dir erscheint als

ein bescheidener Wunsch, worin ich die Geltendmachung verbriefter

Gattenrechte sehe. Er kümmert sich nicht um Dich, solange es ihm paßt,

er fordert Dich, sobald die greisenhafte Lust ihn reizt. Und Du beugst

Dich seinem Verlangen! Mich, den die Natur selbst Dir angetraut hat, dem

Du allein gehörst im Namen ewiger Liebe, mich ließest Du von Dir gehen!

Du sagst, der Marquis sei unglücklich. -- Auch zu einem großen Unglück

gehört ein großer Mensch; dieses Mannes Unglück ist klein, kalt,

verächtlich, und Du willst ihm unser großes, heißes überreiches Glück

opfern?!

Du sagst, er ertrüge es nicht, wenn Du den Mut der Wahrheit hättest. Was

wäre verloren, wenn er wirklich daran zugrunde ginge? Gibt es auch nur

einen einzigen Menschen, dem er unersetzlich wäre? Würde er eine Lücke

hinterlassen, die kein anderer auszufüllen vermöchte?

Ich liebe Dich um Deiner rührenden Güte willen, die niemanden wehe zu

tun vermag, um Deiner sorgenden Liebe willen, die alles Schwache und

Alte schützt und pflegt. Wo wäre ich heute ohne Deine weichen zarten

Hände?! Aber das Leben, Geliebte, ist männlich und hart, der morsche

Stamm kann nicht erhalten werden, wenn junge Bäume zum Licht verlangen,

und den alten Staat, der schon in seinen Grundvesten zittert, dürfen wir

nicht stützen, wenn er einem neuen Geschlecht zu eng geworden ist.

Wir werden Monate getrennt sein und wollen einander auch nicht mit

brieflichen Klagen und Vorwürfen quälen. Aber prüfen sollst Du,

Geliebte, Dein Herz, damit Du zu entscheiden vermagst, wenn wir uns

wiedersehen. Er oder ich --, das ist die Frage, die ich Dir stelle.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 30. September 1784._

Meine Liebe. Es freut mich zu hören, daß Sie die Reise gut überstanden

haben und ich benutze die Gelegenheit Ihnen für die Zeit zu danken, die

Sie mir widmeten. Ich hoffe, Sie werden nicht ganz ohne Befriedigung an

die vollkommen ruhigen Wochen zurückdenken, die auch Ihnen notwendig

waren.

Mein Aufenthalt hier wird höchstens zwei Monate dauern. Paris, wo der

Pöbel überall das große Wort führt, und Versailles, wo nichts als

Lakaiengesinnung herrscht, widern mich an.

Die Königin spielt ihre Schäferspiele jetzt nicht nur auf der Bühne,

sondern auch im Boudoir. Man erzählt sich in allen Pariser

Kaffeehäusern, daß Chevreuse und Vaudreuil ihre Partner sind.

Herr von Calonne, den ich sprach, ist in schlechtester Stimmung. Er

würde denjenigen zum höchsten Orden der Monarchie vorschlagen, der ihm

die Möglichkeit einer neuen Steuer nachweisen könnte. Die unaufhörlichen

Fürstenbesuche, -- eben erst hat der König von Schweden Paris verlassen

--, verschlingen Unsummen, was in dieser Zeit ungewöhnlicher Teuerung

sehr verbitternd wirkt. In den ärmeren Stadtteilen von Paris hat die

Polizei immer häufiger Revolten zu unterdrücken, an denen sich sogar

Frauen beteiligen sollen. Über die Hilfsaktionen der königlichen

Familie, des Adels und der Finanziers schwirren die Spottlieder durch

ganz Paris. Daß der König von Schweden zehntausend Franken den Armen

stiftete, und für dreimalhunderttausend allein in Sèvres Porzellan

kaufte, daß Ihre Majestät fünfhundert Louisd'or für Suppen hergab und

Mademoiselle Bertin zu gleicher Zeit tausend für eine neue Toilette --

schuldig blieb, -- das alles bietet freilich, da es in die breiteste

Öffentlichkeit getragen wird, Stoff genug. Man müßte die halbe

Bevölkerung von Paris einsperren, wenn man wie früher jeden Witz, jede

Beleidigung der Krone und der Kirche bestrafen wollte.

Ich bin zufrieden, in die ungetörte Ruhe meines Laboratoriums

zurückkehren zu können. Daß ich den größten Teil der Dienerschaft von

Froberg entließ, braucht Sie wirklich nicht zu beunruhigen. Es hieße

Tagediebe erziehen, wenn ich sie behalten hätte.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 3. Oktober 1784._

Wie habe ich auf einen Brief von Dir gewartet! Je mehr meine Sehnsucht

wuchs, in je glühenderen Farben meine Erinnerung mir das Bild

vergangenen Liebesglücks vor die Augen zauberte, um so gewisser wurde

mir, daß Delphine mein, ganz mein werden würde!

Und nun diese geheimnisvollen Zeilen: »Erwarte mich in Etupes. Jeder

Baum, jede Blume, jede kleine Welle im Teich werden für mich bitten.« Du

kommst zu mir und doch bedarfst Du noch irgend welcher Fürsprache?! Aber

ich will nicht grübeln, will Dich mit keinem Zweifel verletzen, will nur

der seligen Erwartung leben!

Jeden Tag lasse ich die Blumen in allen Vasen durch frische ersetzen,

stelle Körbe voll Obst auf den runden Tisch im Gartensaal, fülle, wenn

ich einsam vor meiner Mahlzeit sitze, immer zwei Gläser mit feuerrotem

Wein. Mit dem Fernrohr sehe ich stundenlang die Straße hinab, stehe, bis

der feuchte Herbstwind mich frösteln macht, auf der Terrasse und warte,

ob nicht drüben ein Kleid auftaucht, eine Stimme ruft.

Wann wirst Du kommen, Geliebte, um nie mehr weg zu gehen?! Es ist alles

bereit!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 23. November 1784._

Und nun bist Du wieder fort! Ein dunkler Trauerschleier, hängt der Nebel

über den Gärten, mit geschlossenen Läden trauert das weiße Schlößchen.

Ich kann nicht hier sein ohne Dich. Wie auf einem Kirchhof ist es: In

jedem Raum, auf jedem Sessel, vor jedem Tisch, -- draußen unter den

Buchen und Trauerweiden, und tief unten im Teich schlummert ein totes

Glück. Die letzten späten Blumen, die Du pflücktest, welken in den

Gläsern und füllen mit Modergeruch die Räume, die eben noch Deines

Duftes voll waren.

Du überschüttetest mich mit unsagbarer Seligkeit, Du machtest die Tage

zu einem süßen Traum der Nacht und die Nächte zu einem Fest der Götter.

Warst Du heimlich bei Aphrodite zu Gast und lerntest von ihr den

Zaubertrank der Liebe bereiten, der Gedanken bändigt, Zweifel

verscheucht, Willen in Ketten legt?

Jetzt erst beginne ich vom Rausch zu erwachen. Sagtest Du nicht: »habe

Geduld«? Sprachst Du nicht von ein paar Wochen, oder waren es am Ende

gar Monate?!

Du hast also meine Frage nicht beantwortet, die ich Dir stellte, als Du

mich damals gehen hießest? Ich saß heute vor dem Tempel der Venus im

Regen gelber Blätter; das Lächeln der Göttin erschien mir plötzlich so

spöttisch, so -- zweideutig.

Delphine, wäre es möglich, daß Du nur mit mir spielst?! Pirch,

Chevreuse, Altenau -- alle fallen mir ein, deren bloßer Name mich einst

zur Verzweiflung brachte, und die ich in Deinen Armen vergaß. Bin ich

nur Einer mehr in der Reihe?!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 6. Dezember 1784._

Geliebteste. Daß auch ich Dich quälen mußte, als Du so Böses erfuhrst!

Von dem plötzlichen Verschwinden Cagliostros hörte ich. Es kamen mir

sogar Gerüchte zu Ohren, daß Rohan sich infolgedessen zu töten

versuchte. Er soll alles verloren und andere in den finanziellen

Zusammenbruch mit hineingerissen haben.

Was Du, Geliebte, selbst erlebtest, erschütterte mich aufs tiefste.

Entsetzlich, wie der Marquis in sinnloser Wut mit dem Hammer sein

Laboratorium zerstörte, so daß das Volk, vom Lärm gelockt, vor seinen

Fenstern zusammenlief! Und wie muß Dein sanftes Herz geblutet haben, als

der Betrogene weinend vor Dir zusammenbrach!

Etwas wie Mitleid mit ihm regt sich sogar in meinem Herzen. Alle

Zweifel, alle Vorwürfe, alle Ungeduld will ich zurückdrängen, bis der

alte Mann zu sich selbst gekommen sein wird und Du klarer siehst. Für

ihn mag es schon jetzt eine Beruhigung sein, daß er nur die Hälfte

seines Besitztums verlor; für Dich, meine süße Delphine, ist all das

einerlei. Wenn Du zu mir kommst, nur vom schimmernden Seidenmantel

Deiner Haare umhüllt, bringst Du mir den unerschöpflichsten Reichtum der

Erde.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 15. Januar 1785._

Du kehrst nach Laval zurück, so plötzlich?! Deine Schrift zittert auf

dem Papier, als hätte Dein Herzschlag die Feder regiert? Ich folge dem

Boten auf dem Fuße.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 17. Januar 1785._

Meine Liebe. Ihre Mitteilung hat mich weniger überrascht, als Sie

geglaubt haben. Schon vor drei Jahren hat mich der Kardinal auf Ihre

Beziehungen zum Prinzen Montbéliard aufmerksam gemacht. Ich hielt sie

damals nur für eine Liaison mehr und war überzeugt --, nicht nur im

Vertrauen auf den Ausspruch Cagliostros, sondern auch in Erinnerung an

die schnelle Verabschiedung Ihrer früheren Liebhaber --, daß Sie um so

eher ein Ende machen würden, je rascher ich Sie zur beneidetsten Frau

Europas zu machen imstande wäre. Ich habe mich nach beiden Richtungen

getäuscht und wenn trotzdem mein Glaube in die hellseherischen

Fähigkeiten des Grafen eine Stärkung erfuhr, so deshalb, weil er Ihnen,

wie Sie Sich erinnern werden, noch ein Kind prophezeite, von dem ich

allerdings fälschlicherweise annahm, daß es auch das meine sein würde.

Über die Sache selbst wollen wir uns nicht mehr erregen, als es nötig

ist. Sie ist bestenfalls eine -- Ungeschicklichkeit, die sich unter

Umständen reparieren läßt. Ich kenne in Paris Ärzte, die sich

ausschließlich mit dergleichen Operationen befassen und infolge ihrer

sehr großen Praxis den besten Ausgang gewährleisten.

Was nachher zu geschehen hat, wird sich finden. Gewöhnlich wirkt ein

solches Ereignis wie Frostwetter auf den lustigen Quell der Liebelei.

In dem Fall steht mein Haus Ihnen als Zuflucht offen.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 22. Januar 1785._

Meine Liebe. Ich muß gestehen, daß Sie mich diesmal wirklich überrascht

haben: Sie wollen das Kind: »und wenn ich mich vor der ganzen Welt zu

seiner Herkunft bekennen müßte«; Sie behaupten sogar, es bereits glühend

zu lieben: »weil ich nie einen andern Mann geliebt habe und lieben werde

als seinen Vater«. So bleibt denn nur ein Ausweg.

Mir ist im Leben Alles unter den Händen entschlüpft: Liebe, Macht,

Reichtum. Nur Eins war ich stark genug, festzuhalten: den unbefleckten

Schild meiner Ehre. Ich war nahe daran, ihn mir von Ihnen entwenden zu

lassen. Das Gefühl, das ich für Sie besaß, und das Sie immerhin Liebe

nennen können, machte mich schwach, so daß ich es unterließ, Sie

gewaltsam an mich zu fesseln, und schuldbewußt, so daß es mir wie

Entsühnung schien, Ihre, wie ich annahm, flüchtigen Freuden nicht zu

stören, die ich nicht zu schaffen vermocht hatte.

Jetzt aber, glaube ich, gleicht sich unser gegenseitiges Schuldkonto

aus.

Behalten Sie das Kind, -- aber es wird vor der Welt mein Kind sein. Sie

kehren unverzüglich in mein Haus zurück und ich brauche Ihnen wohl nicht

erst zu versichern, daß Ihre Stellung genau dieselbe sein wird, wie

immer.

Mein Entschluß ist in diesem Punkt unabänderlich. Ich würde sogar vor

ernsteren Maßregeln nicht zurückschrecken, wenn Sie sich widersetzen

sollten.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Straßburg, den 30. Januar 1785._

Meine geliebte Delphine! Soeben komme ich von einer stundenlangen

Unterredung mit dem Marquis. Ich verschwieg Dir meine Absicht, ihn

aufzusuchen, um Dich nicht zu erschrecken. Jetzt schreibe ich Dir, du

Einzige, selbst in zitternder Angst, denn an Dir wird es liegen, ob wir

uns wiedersehen!

Ich habe dem Marquis nahe gelegt, mich unter den schwersten Bedingungen

zum Zweikampf herauszufordern. Er lehnte es mit einem verächtlichen

Lächeln ab.

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 18 / 23 段