Die Familie Rohan hat übrigens alles getan, um die Ehre ihres Namens zu

retten: der Kardinal hat von seinem Schloß Savenne, wo er sich mit

Cagliostro völlig einzuschließen scheint, die Nachricht von dem

Bankerott mit der Zusicherung namhafter Summen beantwortet, -- man

akzeptiert sie nicht ohne leichtes Gruseln, da ihre Herkunft unter

Umständen aus der Garküche Beelzebubs stammt! Die kleine Prinzessin

Guéménée-Soubise hat ihre Juwelen geopfert; die Prinzessin Marsan nahm

den Schleier und opferte ihr ganzes Vermögen der Ehre der Rohan.

Aber rührender als alle diese im Grunde selbstverständlichen Opfer der

Nächststehenden ist folgende Geschichte:

Wir saßen beim Souper im Hotel Guimard; der Champagner hatte uns in die

goldenen Tage völliger Sorglosigkeit zurückversetzt; in griechischem

Gewande tanzte die entzückende Herrin des Hauses auf dem Parkett

zwischen den üppig gedeckten Tafeln. Zum ersten Mal führte sie uns vor,

womit sie demnächst das große Publikum zu begeistern gedachte: eine

antike Schale in der Hand, wiegte sie den schlanken Körper auf den

nackten Füßen, um allmählich ihre Bewegungen, bei denen jede Linie ihrer

Gestalt plastisch hervortrat, bis zum Taumel bacchantischer Lust zu

steigern. Mit wogendem Busen, die Schale, die ich ihr füllte, in einem

Zuge leerend, stand sie schließlich still, als vor dem Sultan der Oper,

dem Prinzen Soubise, die Flügeltüren sich öffneten. Der Jubel über den

Tanz verstummte bei seinem Anblick. Er brachte die Nachricht von dem

Bankrott, der seine Tochter am schwersten treffen mußte. Ohne ein Wort

zu sprechen, begab sich die Guimard an ihren Sekretär, schrieb ein paar

Zeilen, reichte sie stumm ihren Kolleginnen vom Ballett, die sämtlich

ihren Namen darunter setzten. Es war der formelle Verzicht auf die

Rente, die der Prinz ihnen allen ausgesetzt hatte, zugunsten der

verarmten Dienerschaft der Prinzessin Guéménée-Soubise! Sind sie nicht

zum Küssen, diese kleinen lasterhaften Mädchen?

Wann wird Versailles Sie wiedersehn, reizende Marquise? Um das

geschehene und das drohende Unheil zu vergessen, planen wir

ausgelassenere Feste denn je.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Straßburg, den 11. März 1783._

Tränen, Geliebte, habe ich dir erpreßt -- zum ersten Mal! Ich würde mich

töten lassen, wenn ich sie dadurch trocknen könnte, aber zu handeln

vermag ich nicht anders, selbst wenn ich weiß, daß Du darum weiter

weinst!

»Ich gebe mich Dir ohne Reue hin,« sagtest Du vorwurfsvoll. Verstehst Du

denn nicht, Delphine, daß eines Weibes Liebe alles heiligt, während über

der Liebe des Mannes seine Ehre steht? Ich weiß recht gut: Die Hofherrn

von Versailles sind stolz darauf, einen Ehemann so raffiniert als

möglich zu betrügen; ihr Ehrgefühl steht auf derselben Stufe wie das

Gefühl, das sie Liebe zu nennen sich nicht mehr schämen. Ich aber fühle

es mit wachsender Angst: die täglichen, häßlichen Heimlichkeiten, die

verschlossenen Zimmer, die Furcht vor jedem Schritt, die Scheu vor den

Augen der Lakaien, sind imstande, selbst meine große Liebe zu Dir in den

Schmutz der Auffassung jener Männer herabzuziehen.

Ich muß fort, nicht weil ich aufhörte, Dich zu lieben, sondern weil ich

Dich zu sehr liebe. Die Rolle des galanten Kavaliers liegt mir nicht.

Erst wenn ich fern bin, werde ich wieder des ganzen Glücks unserer Liebe

froh werden. Und erst dann, dessen bin ich gewiß, wirst Du mich

verstehen lernen.

Über die Zukunft nachzudenken, bin ich im Augenblick dieses

schrecklichen inneren Aufruhrs außerstande. Nur eins ist mir gewiß: daß

nichts, am wenigsten die äußere Entfernung, uns zu trennen vermag.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 6. April 1783._

Wie hätte ich mich in Dir täuschen können? Mit solcher untrüglichen

Sicherheit würde Liebe nicht wählen, wenn Du nicht alles erfülltest, was

ich von Dir träumte. Nur eine Liaison kann ein Ende nehmen --,

gleichgültig ob sie durch das Sakrament der Ehe geheiligt wurde oder

nicht --, wenn die Sinne sich nicht gegenseitig täglich aufpeitschen.

Meine Reise hierher war voller Abenteuer. Vielleicht wollte das

Schicksal mir helfen, meine Gedanken abzulenken. Die Wege sind

schlechter denn je, -- es gibt kaum noch einen Bauern, der für ihre

Ausbesserung Frondienste leisten will --, zuweilen sogar in offenbarer

Absicht mit großen Steinen besät. Zweimal brach infolgedessen ein Rad

meines Wagens; es erschienen im Augenblick zweifelhafte Gestalten in

zerlumpten Röcken, die mit den Händen in den Hosentaschen zusahen, wie

meine Diener sich mühten, den Schaden wieder gutzumachen. In meiner

Herberge verweigerte man mir Futter für die Pferde; schon gab ich Befehl

zum Aufbruch, als der Wirt nach einem kurzen Gespräch mit dem Kutscher

es mir aufdrängte, ohne eine Bezahlung annehmen zu wollen. Wie ich

erfuhr, hatte der Name meines Kriegskameraden Lafayette genügt, ihn

umzustimmen. Als ich weiterfuhr, hatte sich die ganze Bewohnerschaft des

Ortes um mich versammelt, und in der Stille der Nacht tönten mir noch

lange ihre Rufe nach: »Es lebe die Freiheit!« -- »Es lebe die Republik!«

Hier empfingen mich alarmierende Nachrichten. Die Schrift Mirabeaus

über die Haftbriefe und die Staatsgefängnisse war trotz ihres Verbots in

aller Händen. Sie ist eine glänzende Leistung voll Mut und Feuer, die

die persönlichen Verfehlungen des Verfassers ganz vergessen läßt. Es

gibt Zeiten, in denen Tatkraft und Kühnheit von so überwiegender

Bedeutung sind, daß sie alle anderen Tugenden aufwiegen.

In den Cafés bilden noch immer die Ereignisse des letzten Opernballes

den Gesprächsstoff, und auf der Straße den Gegenstand derber Chansons.

Die Königin, die vollkommen maskiert und bis zur Unkenntlichkeit

vermummt gewesen sein soll, wurde sofort -- wahrscheinlich durch den

Verrat eines Lakaien -- erkannt und mit Späßen verfolgt, über die sie

sich zunächst amüsierte, was natürlich ihre Dreistigkeit nur steigern

half. Erst als eine Maske in Kardinalstracht sich ihr näherte und trotz

aller Bemühungen nicht von ihr wich, brach sie schließlich in Tränen aus

und entfernte sich rasch. Niemand hörte, was die Maske sprach; nur

Guibert behauptet gesehen zu haben, daß sie ihr einen gefüllten

Geldbeutel anbot. Erst widrige Szenen wie diese müssen die Monarchen

davon in Kenntnis setzen, daß die auf ihren Empfang durch Hofansagen und

Polizeimaßnahmen nicht vorbereitete Menge eher zu Pöbeleien als zu

spontanen Huldigungen bereit ist.

Meine Feder stockt. Wie unwesentlich kommt mir vor, was ich schreibe,

neben dem einen großen Gefühl, das mich beherrscht und das sich nicht in

Worte fassen läßt. War es nicht doch Wahnsinn, daß ich von Dir ging? Ist

nicht alles -- alles einerlei, wenn ich nur Dich habe?! Delphine, Du

geliebte Frau, was hast Du aus mir gemacht?! Das ganze Gebäude meines

Lebens ist wie ein Kartenhaus vor dem Hauch Deines Mundes.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, am 3. Mai 1783._

Hast Du mich so lange auf einen Brief von Dir warten lassen,

Geliebteste, damit alle anderen Empfindungen von der Glut meiner

Sehnsucht verzehrt werden?! Und nun fragst Du mich, als wüßtest Du nicht

im selben Augenblick schon die Antwort: »Darf ich kommen?« Wenn es

zwischen uns etwas gäbe, das nur im entferntesten einem Befehl oder

einem Verbot ähnlich sähe, so würde ich sagen: »Du mußt!« Du mußt, denn

wenn ich auch lebe, atme, spreche, so bin ich es doch nicht selbst: mein

ganzes Ich ist ja bei Dir! Nichts als ein Automat geht durch die Straßen

von Paris, über das Parkett von Versailles. Komm, komm, so rasch deine

Pferde den Weg von Froberg hierher zurückzulegen vermögen!

Die Königin frug oft nach Dir. Der liebenswürdige Empfang, der mir zu

teil wurde, hatte mich zu der Hoffnung verleitet, sie vielleicht

beeinflussen zu können. Aber schon die vierzehn Tage, die ich wieder in

ihrer Umgebung bin, haben mir bewiesen, daß es nicht möglich ist. Sind

es die Folgen der Monarchenerziehung, die sie zwingen, ihr eigentliches

Wesen zu verstecken; oder -- ist sie nicht anders, als sie sich zeigt?

Ich habe versucht, ernstere Interessen wachzurufen, aber nichts vermag

sie zu fesseln, was nicht eine persönliche Beziehung zu ihr selber hat:

die Kunst nur, wenn sie ihre Schlösser schmückt, ihre Langeweile

vertreibt, die Finanzen Frankreichs nur, insofern sie ihr Budget

beeinflussen. Sie ist niemals glücklicher, als nach einer

Toilettenkonferenz mit Madame Bertin oder nach einem Besuch Monsieur

Boehmers.

Schlimm genug, wenn ein König nichts anderes zu sein vermag, als der

Träger der Krone, schlimmer noch, wenn eine Königin die Erde, auf der

sie steht, nur insoweit bewertet, als sie ihr Nährboden ist!

Du schreibst mir noch, wann Du kommst. Ich wage nicht eher daran zu

glauben, als bis ich Dich sehe, bis meine Arme Dich umschließen. Liebte

ich Dich so wenig, daß ich sie jemals öffnen konnte, um Dich von mir zu

lassen?

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 10. Juni 1783._

Teuerste Marquise. Ihre Rückkehr nach Paris ist für den Aberglauben

eines Glaubenslosen wie der Aufstieg weißer Tauben über dem Tempel

Apollos.

Seit drei Monaten proben die Schauspieler der Comédie française meine

Komödie, seit acht Wochen habe ich das Versprechen des Grafen von

Artois, daß sie auf der Bühne von Versailles das Licht der Welt

erblicken wird, -- denn wo sie auch immer zur ersten Aufführung gelangt,

und wäre es im kleinsten Theater vor einem Dutzend Zuschauer: es wird

die Welt sein, die sie damit erobert!

Aber erst Ihre Ankunft, die Aussicht, Sie vor dem Vorhang zu wissen, im

Augenblick wo er sich meinem Triumphe öffnet, bietet mir die Gewähr

dafür, daß er nicht schließlich doch geschlossen bleibt.

In drei Tagen ist die Aufführung. Nachher werden Sie mir gestatten,

Ihnen die Hand zu küssen.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Versailles, Freitag den 13. Juni._

Soeben -- fünf Stunden vor dem Beginn der Vorstellung -- überbringen die

uniformierten Boten des Marschalls Duras und des Polizeileutnants von

Paris den Schauspielern und mir den Befehl des Königs: Figaros Hochzeit

darf nicht gespielt werden.

Ludwig von Frankreich wirft mir seinen Fehdehandschuh vor die Füße. Ich,

Caron Beaumarchais, nehme ihn auf. Jetzt ringen wir nicht mehr um die

Daseinsberechtigung eines Stückes, sondern um die eines Standes!

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 3. Juli 1783._

Verehrte Frau Marquise! Der Abend bei Ihnen war deliziös! Um Ihretwillen

nehme ich das ganze achtzehnte Jahrhundert in den Kauf; ja, ich wäre

geneigt, wenn der Herrgott mich zu seinem verantwortlichen Minister

ernennen wollte, es in Permanenz zu erklären.

Die Bekanntschaft mit dem Grafen Vaudreuil, die Sie vermittelten, ist

unschätzbar. Ich fahre bereits morgen nach Gennevilliers, um die Bühne

zu besichtigen, eventuell in aller Eile, -- der Graf gab mir plein

pouvoir, -- umbauen zu lassen, und dann --!!

Seitdem der aerostatische Globus in die Lüfte stieg und die Brüder

Montgolfier sich anschicken, in eigener Person allem, was Flügel hat --

den Adlern und den Engeln, den Amoretten und der Phantasie -- Konkurrenz

zu machen, rückt das Unmöglichste in den Bereich der Möglichkeit, --

also auch die Geburt des Kindes meiner Laune.

Sie sollten nur hören, mit welch wahrhaft patriotischem Schmerz unsere

Kaffeehauspolitiker die wachsenden Ausgaben erörtern, die die

unabweisliche Schaffung einer Luftflotte notwendig verursachen werden,

wie sie mit der Ausgestaltung der glücklichen Idee beschäftigt sind, für

diejenigen, die vergebens auf einen irdischen Ministerposten warten, ein

neues Departement der Lüfte einzurichten, und wie ernste

Vaterlandsfreunde sich mit der brennenden Frage beschäftigen, was zu

geschehen hat, um England beizeiten zu verhindern, daß es das Reich des

Aeolos nicht usurpiert, wie es das des Poseidon bereits usurpierte. Was

mich in Gedanken an all die luftigen Zukunftsmöglichkeiten am meisten

lockt, ist die Aussicht, ganz sacht emporzusteigen und, mit einem guten

Fernrohr bewaffnet, in aller Ruhe dort oben abzuwarten, bis unser Planet

sich soweit gedreht hat, damit sich mein Ballon eines schönen Abends auf

China herablassen kann. Für französische Dichter, Philosophen und

Freiheitsschwärmer muß es ein ideales Land sein!

Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, den 20. Juli 1783._

Meine Liebe! Für Ihre freundliche Erkundigung nach meinem Befinden danke

ich Ihnen bestens. Ihr Interesse dafür hätte ich nicht erwartet. Von

einer Reise nach Paris will ich in diesem Jahre absehen. Seine

Vergnügungen sind mir zu anstrengend und zu kostspielig. Ich ziehe die

stille Arbeit in meinem Laboratorium vor. Da Sie vor dem Spätherbst

nicht zurückzukehren gedenken, wird es Sie nicht genieren, wenn der

Graf Cagliostro, der vor kurzem aus England wieder hier eintraf, sich

bei mir aufhält, sobald der Kardinal ihn freiläßt.

Ich wünsche Ihnen so viel Amüsement, als Ihre Gesundheit und Ihr

seelisches Gleichgewicht es irgend ertragen kann.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 1. August 1783._

Du klagst über meine finsteren Mienen; Du grämst Dich, Geliebteste, weil

Du meinst, ich verschwiege Dir aus Schonung irgend einen geheimen

Schmerz. Ach, Du weißt nur zu gut, was mich quält! Ich ertrage die

lächelnden Fratzen nicht und die vielsagenden Mienen und das heimliche

Flüstern um uns her! Ich habe oft die Empfindung, als stündest Du -- Du,

mein Heiligtum! -- aller Hüllen bar vor den lüsternen Augen der Menge.

Unwillkürlich faßt meine Hand nach dem Degen --

Wie war es gestern auf dem Champ de Mars angesichts der ungeheuren

Menschenmasse, die in atemloser Spannung den Aufstieg Mongolfiers mit

dem Marquis d'Arlandes als erstem seiner Passagiere erwartete? Die

Equipagen der Hofgesellschaft hielten nebeneinander; zu Fuß und zu

Pferde umdrängten die Kavaliere die Damen darin. Als ich kam, suchte

Dich mein Blick nicht lange, denn wo der Kreis am dichtesten war, da

warst Du -- »die schöne Montjoie« -- »die süße Delphine« -- »die Rose

der Vogesen«. Wie die anderen trat ich heran und grüßte Dich. Und alles

wich mit verständnisinnigem Ausdruck zur Seite, -- etwa wie zu Zeiten

Ludwigs XV. die Damen des Hofs, wenn die maitresse en titre

hineingerauscht kam. Ich verbeugte mich stumm und ging davon, ohne mich

von Deinen schönen, tränenfeuchten Augen rühren zu lassen. Ich beneidete

den Luftschiffer, der in der Lage war, auf Nimmerwiedersehn in den

Wolken zu verschwinden.

Laß mich Dich von nun an nur in Deinem stillen Zimmer sehen; morgens,

ehe die Nichtstuer ihren Tageslauf mit Besuchen beginnen, mittags, wenn

die von tausend Klatschgeschichten Erschöpften sich zurückziehen, und

nachts, Du geliebteste Frau, wenn ein gütiges Dunkel allen neugierigen

Blicken den Zugang verwehrt.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 26. August 1783._

Teuerste Marquise! Mein erster Weg nach meiner Rückkehr aus London war

nicht zum Grafen Vaudreuil, sondern zu Ihnen. Ermessen Sie daraus, was

ich für Sie empfinde! Und an Ihrer Türe erfahre ich, daß Sie krank sind

--, grade jetzt!

In drei Wochen müssen Sie gesund sein, und wenn ich Ihnen die

Wunderdoktoren der ganzen Welt verschreiben sollte! Haben Sie es schon

mit den neuesten Heilweisen: den Zuckerkügelchen Herrn Dillons, dem

Mäusefett Madame Renards, der elektrischen Behandlung Doktor Durands

versucht?! Sie sind ja nicht Madame La France, der es für alle Kuren

durch erste Autoritäten am Notwendigsten fehlt: am Gelde! Sie wird sich

darum die Behandlung eines Barbiers gefallen lassen müssen, die Arme!

Darf ich auf Nachricht hoffen, sobald Sie mich empfangen können?

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 12. September 1783._

Sie sind nirgends zu sehen, Ihre Fenster sind verhängt --, und doch

grübeln Sie nicht im einsamen Laboratorium über das Geheimnis des

Goldmachens! Ihre Türe bleibt mir verschlossen und doch sah ich einen

Gast, dem sie sich öffnete.

Fürchten Sie nichts: was sich laut oder leise gegen Gesetz und Herkommen

empört, steht unter Figaros Schutz.

Wissen Sie, daß ich aus diesem Grunde beginne, eine sehr hochgestellte

Dame unter meine Schützlinge zu zählen?! Sie denken vielleicht an die

Herzogin von Bourbon, die ihrem ungetreuen Gatten mit gleicher Münze

zahlte, an die kleine Prinzessin Chartres, die, während ihr Gemahl bei

Madame Genlis die -- Harfe spielen lernte, mit seinem schönen Adjutanten

-- Duette sang, oder an die hübsche Condé, die in süßer Mädchenunschuld

von irgend einem unsichtbaren Gott erobert wurde, und, -- wahrscheinlich

zur Belohnung ihrer Heiligkeit! -- doch noch einen Prinzen königlichen

Geblütes fand, der sie zum Altar, aber nie zum -- Bett geleitete? Gehen

Sie auf diesem Gedankengang nicht weiter, meine Schöne; er ist zwar fast

endlos, aber er führt doch nicht zu meiner Dame.

Ich wollte Ihnen erzählen, was mir begegnete, in Ihren ausdrucksvollen

Augen Neugier, Bewegung, Erschrecken lesen, kurz --, all die Empfindung,

die Ihr Mund mir aus Diskretion verschweigen würde. Soll ich nun

schweigen? Ich bin zu sehr Dichter, als daß ich es ertragen könnte, den

spannenden Akt des Schauspiels, den ich sah, -- der zweifellos weder der

erste noch der letzte gewesen ist! -- ganz für mich zu behalten. Hören

Sie also:

Ich gehe, wie Sie wissen, nur des Nachts spazieren. Wenn die Körper sich

ihrer Paruren entledigen, die rote Farbe von den gelben Wangen wischen,

die Lockenperücke von dem kahlen Kopfe nehmen, die schönen reinen

weißseidenen Strümpfe mit dem üppigen Wadenpolster von den schmutzigen,

dürren, haarigen Beinen ziehen, dann entkleiden sich auch die Geister.

Auch ihre Nacktheit ist nicht immer erfreulich, aber stets unglaublich

interessant. Ich sah Marschälle von Frankreich als blutige

Revolutionäre, Erzbischöfe als Teufelspriester, und auch Possendichter

als tragische Helden, Hetären als Madonnen, Königinnen als --. Schweigen

wir, um endlich zu meinem Abenteuer zu kommen!

Im Parke von Versailles war es. Niemand in Frankreich hat solch gesunden

Schlaf wie seine Wächter, und in jener Stunde vollends hemmte kein Ruf,

kein Säbelklirren meinen Schritt. Spätsommernacht. Der erste leise Duft

der Verwesung, -- viel sinnenverwirrender noch als die ersten

unschuldigen Frühlingsgerüche, -- lag schwer über dem Park.

Da hörte ich ein Rascheln, dann ein Knirschen im Kies, -- ich versteckte

mich rasch hinter dem nächsten Boskett, -- nicht um den Späher zu

spielen, sondern um das Liebespaar ungestört zu lassen. Aber die Männer

und Frauen, die in Mäntel gehüllt hin- und herhuschten, führte nicht

Liebessehnen zueinander. Zuweilen zuckte ein scharfer Strahl verborgener

Blendlaternen unter den Mänteln hervor. Schon wollte ich die Wache

alarmieren, »Diebe!« schreien, -- doch mein Blick fiel auf zarte

Füßchen, elegante Schnallenschuhe.

Und plötzlich zogen sich die Gestalten zurück. Drei andere tauchten auf:

ein schlanker Elegant, nur eine Halbmaske vor dem Gesicht, vielleicht:

-- der Graf Chevreuse! -- ein kleinerer folgte ihm; ich sah den

seidenen Mantel des Priesters, die Tonsur auf dem unbedeckten Kopf,

vielleicht: -- Rohan, der Kardinal! -- und dann ein Weib, das Haupt von

Schleiern umweht, unkenntlich, aber von einer Haltung! -- vielleicht --:

die Königin Marie Antoinette. Ich hielt den Atem an. Die drei sprachen

kein Wort. Irgend ein dunkles Etwas legte der Priester in zwei Hände, so

schneeweiß, daß sie zu leuchten schienen. Pariser Klatsch fiel mir ein:

daß Rohan sich mit dem famosen Halsband Böhmers die Gunst der Königin

erkaufen wolle --, aber ich hatte keine Zeit, nachzudenken. Wieder ein

Rascheln, ein Knirschen, -- ich rieb mir die Augen; vielleicht war alles

nur nächtlicher Spuk! Vielleicht hat es mich gerade darum so

erschüttert; ich glaubte bisher nicht an Geister.

Ist der Graf Chevreuse nicht Ihr Freund? Warnen Sie doch durch ihn die

Dame mit der verräterischen Gestalt. Nicht alle unberufenen Lauscher

sind Figaro!

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. September 1783._

Der Gedanke, verehrteste Marquise, daß ich mich bei meinem gestrigen

Besuch ungeschickt benahm, erregter zeigte, als es der Sache entsprach,

-- einer offenbaren Dienstbotenaffaire, wie ich Ihnen schon

versicherte, -- nötigt mich zu diesen Zeilen. Die Parkwächter sind

bereits aufs strengste instruiert, nächtlichen Spuck der Art nicht mehr

zuzulassen. Um alle Ihre Befürchtungen zu zerstreuen, möchte ich Ihnen

noch versichern, was ich gestern, -- empört über die Verdächtigung

unserer teuren Königin, -- zu sagen vergaß: ich befand mich in derselben

Nacht in Paris bei der Guimard; sie und alle ihre Gäste würden meine

Anwesenheit bezeugen. Und Ihre Majestät hatte sich, wie mir die

Prinzessin Lamballe erzählte, wegen starker Kopfschmerzen bereits um

neun Uhr zur Ruhe begeben.

Die Pariser sehen überall Gespenster, seit Cagliostro Geister erscheinen

läßt.

Daß Sie hartnäckig dabeibleiben, nicht nach Gennevilliers fahren zu

wollen, bedaure ich nicht nur um meinetwillen. Sie warnten mich; darf

ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre gute Absicht auch durch eine

Warnung beweisen?

Es ist oft sehr unklug, krank zu sein!

Wenn ich hoffe, Ihnen bei dem versprochenen Bericht über den großen Tag

sagen zu können, daß man Sie -- und den Prinzen! -- nicht zu sehr

vermißte, so müssen Sie fühlen, daß ich nicht aus Unhöflichkeit, sondern

aus Freundschaft diese Hoffnung hege.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 27. September 1783._

Daß Sie nicht dabei gewesen sind! Es war ein Tag ohnegleichen: Die

Straße nach Gennevilliers von früh an überflutet mit Karossen und

Reitern; die Säle des Schlößchens überfüllt von allem, was durch

Schönheit, Geburt, Geist und Reichtum Paris zur Zentralsonne des

Erdballs macht; dabei jene fieberische Spannung auf allen Zügen, die die

Augen leuchten und jeden glauben läßt, daß der beschleunigte Herzschlag

nichts als das Zeichen der Kraft und Jugend ist. Man vergaß in der

Erwartung die neuesten Skandale und Chansons, von denen man sonst zu

leben pflegt.

Der Saal war kaum imstande, die Masse der Gäste zu fassen. Noch hatte

sich der Vorhang nicht geteilt und schon lag es wie Gewitterschwüle über

allen Köpfen. Sie steigerte sich mit jeder Szene. Recht und Gesetz,

Moral und Religion, Philosophie und Politik --, all das zog in den

Gestalten des Guzmann und des Bartholo, des Basilio und der Marzeline,

des Almaviva und des Figaro auf der Bühne an uns vorüber, wurde

besprochen, verhöhnt, mit den Geißelhieben des Witzes blutig geschlagen.

Und wir saßen da, wie gebannt, zwischen Empörung und Beifall,

Zähneknirschen und Gelächter hin und hergerissen.

War es die Erregung, die heiß aus allen Poren drang, war es das Feuer

der zahllosen Kerzen, -- die Sonne der Sahara kann nicht glühender sein,

als die Luft, die wir atmeten. Schon hörte ich Schreckensrufe ohnmächtig

werdender Damen, als die Scheiben der hohen Fenster in gleichmäßigen

Intervallen klirrend zerbrachen: Beaumarchais selbst schlug sie mit der

Krücke seines Stockes ein, um die Frische von draußen hereinzulassen.

Erst als sie mir den Kopf umwehte, wurde mir klar, daß sein Stück wie

ein Sturmwind über uns weggefegt war.

Er wurde mit Beifall überschüttet. Kein Zweifel, daß er nun in kurzer

Zeit die öffentliche Aufführung seines Werkes durchsetzen wird. Ob es

uns dann noch ebenso amüsiert? Ich lache gern über mich selbst, aber es

wäre das Zeichen einer gefährlichen Gleichstellung, wenn der Pöbel sich

je erlauben sollte, über mich zu lachen.

Die meisten Gäste, die Graf Vaudreuil nicht zu logieren vermochte,

fuhren in der Nacht noch zurück. Die Pariser Ärzte werden zu tun haben;

es regnete in Strömen, und bei den aufgeweichten Wegen und der fast

undurchdringlichen Finsternis bewegten sich die Wagenreihen mit ihren

frierenden Insassen nur ganz langsam vorwärts.

Ich fuhr mit Herrn von Wurmser. Er ist in sehr gedrückter Stimmung.

Sollte er in seinem Vertrauen zu Cagliostro zu weit gegangen sein? »Ich

fürchte, die Zeit der Goldmacher ist vorüber und die der Barbiere

gekommen,« meinte er bitter.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Schloß Froberg, den 2. Oktober 1783._

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 17 / 23 段