zum Retter Frankreichs machen soll, ist sie in merkwürdigster Weise
erlahmt. Ein anderer könnte an ihm irre werden. Ich aber verstehe, daß
gegenüber dem Schicksal eines ganzen Landes, das Schicksal des Einzelnen
zurücktreten muß. Überdies weiß ich ja, daß mit der Erreichung des
großen Zieles auch meine Interessen gewahrt werden.
Noch eins: Rohan setzt alle Hebel in Bewegung, um Cagliostro durch sich
und sich durch Cagliostro bei der Königin einzuführen. Es bedarf um so
weniger dieses Umwegs, als ich an der Ehrlichkeit der Absichten Rohans
irre geworden bin. Er ersehnt, wie ich fürchte, die Rehabilitierung bei
Hof und den momentan vakanten Posten des Kanzlers mehr um seine
Finanzen, als um die Frankreichs aufzubessern.
Marquis Montjoie an Delphine.
_Paris, den 21. Mai 1782._
Sie lehnen es ab, meine Liebe?! »Gerade weil die Königin in gefährlicher
Weise zu diesen Dingen neigt, will ich es nicht sein, die sie ins
Unglück stürzt,« schreiben Sie. Verblendete! Sie verspielen vielleicht
Ihre eigene Zukunft! Aber wir sind nicht so schwach, als daß mit Ihrer
Weigerung unsere Hilfsquellen erschöpft wären!
Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.
_Paris, am 24. Mai 1782._
Verehrteste Frau Marquise. Noch stehe ich unter dem Eindruck des
Staunens, den unser kurzes Gespräch in der Oper hervorrief. Sie wollen
für einen alten Freund Ihres Hauses, wie ich es zu sein mir schmeicheln
darf, kein gutes Wort bei der Königin einlegen?! Sie wünschen auch nicht
den Schein zu erwecken, als gehörten Sie in die Reihe jener
Intriguantinnen, die Frankreich als ihre melkende Kuh betrachtet haben?!
»Nur auf geraden Wegen werden große Ziele erreicht«, -- ich würde über
diese Sentenz aus Ihrem blühenden Rosenmunde gelächelt haben, wenn nicht
ein Blick auf Ihren illustren Nachbarn, der als Führer amerikanischer
Rebellen gegen die geheiligte Majestät des Königs von England gekämpft
hat, mich über ihren Ursprung und über ihren Sinn belehrt hätte.
Er ist der Freund Ihrer Kindheit, wie ich höre? Wie rührend ist eine
solche Treue, die selbst die -- Freundschaften mit Karl von Pirch, Guy
Chevreuse, Guibert, Beaumarchais überdauert!
Die entzückende Königin von Golconda auf der Bühne vermochte keinen
Blick des Prinzen Montbéliard auf sich zu lenken; Vestries, der Abgott
aller Damen, tanzte für die Marquise Montjoie umsonst!
Besinnen Sie sich noch einmal, schönste Frau; ein Rohan ist ein
gefährlicher Feind, selbst wenn er in Ungnade ist.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
_Paris, am 27. Mai 1782._
Wo gäbe es eine Anrede für Sie, die imstande wäre auszudrücken, was ich
sagen möchte?! Der gestrige Abend war im wechselvollen Feldzug meines
Lebens der Einzug durch bewimpelte Siegespforten!
Die Szenerie war so unvergleichlich wie die Akteure des Stückes, das der
Rahmen meiner Komödie war: Der rote Salon im weichen Licht duftender
Kerzen; vor dem weißen Kamin, dessen knisternde Flammen meine Vorlesung
begleiteten wie eine darauf abgestimmte Melodie, die stolze Gestalt der
Großfürstin im leuchtend-gelben Atlaskleide; auf dem Taburett ihr zu
Füßen der kleine Gemahl mit dem häßlichen Slavengesicht, das man um
seines Geistes willen lieben muß; dicht dahinter, geschmückt wie ein
Pfau, aufgeblasen wie ein Truthahn, Monsieur Laharpe, von dessen immer
gelber sich färbenden Zügen ich den Grad meines Erfolges ablas; neben
ihm, klug wie immer den Schatten suchend, der Ausdruck und Meinung
Geheimnis bleiben läßt, der Baron Grimm, der Freund aller unruhigen
Geister und Korrespondent aller Potentaten. Auf der andern Seite aber
meine reizende Gönnerin, von den durchsichtigen Falten himmelblauen
Seidenmusselines weich umflossen, frische Rosen in den Haaren und ein
Gesichtchen darunter, vor dem alle Blumen der Welt beschämt erbleichen
müssen!
Wissen Sie, daß ich während des ganzen Abends mit Ihrer Schönheit
kämpfte, wie mit dem gefährlichsten aller Rivalen?! Lenkte sie doch die
Aufmerksamkeit von Figaro ab; der Prinz Yousoupoff richtete immer
wieder seine schwarzen runden Augen auf Ihre blendenden Schultern, es
bedurfte der drastischsten Witze um ihn loszureißen. Und der Graf
Kurakin schien die geschwungenen Linien ihrer Füßchen studieren zu
wollen, -- erst Cherubins Liebesseufzer lenkten ihn ab. Trotzdem
besiegte ich Sie nicht ganz, holde Zauberin, -- den Prinzen Montbéliard,
dessen gebräuntes Antlitz nur dann einige Bewegung verriet, wenn seine
Blicke in die Ihren tauchten, gab ich auf!
Heute früh bereits bekam ich den Auftrag, meine Komödie der Kaiserin von
Rußland einzusenden. Und das Frankreich der Encyklopädisten, das sich
rühmt, die höchste Kultur der Welt zu repräsentieren, verbietet ihre
Aufführung! Zu gleicher Zeit erhielt ich die Nachricht, daß Voltaires
Werke freigegeben wurden, -- sie scheinen darnach weniger gefährlich als
Figaros Streiche!
Noch ein paar Jahre Kampf, -- mit Ihnen als Bundesgenossin, schönste
Marquise, noch ein paar Jahre Finanzwirtschaft des Herrn von Calonne, --
und der Barbier besiegt den König!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 7. Juni 1782._
Teuerste Marquise -- verzeihen Sie die Störung im Morgengrauen. Wir sind
in schrecklicher Aufregung und fürchten einen Skandal von unabsehbarer
Tragweite, wenn wir Sie nicht unbedingt zu den unseren zählen dürfen.
Die Intimen des Herzogs von Choiseul, der Herzog von Brissac und der
Marquis de la Suze haben bereits während der Nacht das Gerücht
verbreitet, die Königin habe während des gestrigen Festes in Trianon dem
Kardinal Rohan in der Fischerhütte ein Stelldichein gegeben. Vor Tau und
Tage haben sie die Nachricht dem König überbracht. Es gab beim Lever
Ihrer Majestät einen Auftritt, wie ich ihn noch nicht erlebte. Die
Lakaien liefen vom Lärm erschrocken, aus allen Winkeln zusammen! Die
Königin leugnet alles. Sie beruft sich auf Sie, die Sie stets in Ihrer
Nähe gewesen seien, auf mich, auf den Grafen Vaudreuil, auf Madame
Campan, auf die Prinzessin Lamballe. Wir dürfen sie nicht im Stiche
lassen, -- wir dürfen nicht!
Man will den Schloßkastellan, der, wie es scheint, den Kardinal heimlich
einließ, auf die Straße werfen. Er droht mit der Veröffentlichung der
ganzen Affäre. Geschieht das, so haben wir bei der Stimmung in Paris
noch heute die Revolution in den Straßen.
Der Überbringer des Billetts ist zuverlässig. Übergeben Sie ihm Ihre
Antwort und teilen Sie mir mit, ob Sie mich in einer Stunde ungefähr
empfangen können.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Versailles, den 7. Juni 1782._
Geliebteste! So greift der Arm der Kabale bis in unser Geheimnis! Er
reißt uns grausam aus dem süßen Traum dieser Nacht! Um mich hätte die
Welt zusammenstürzen können, ich sah nur Sie, die Sie die Sehnsucht
meines ganzen Lebens gewesen waren, ich hörte nur Ihre Stimme, die mir
sagte, was ich nie zu hören gehofft hatte. Im Rausche höchster Seligkeit
untergehen --, wäre es nicht vielleicht das beneidenswerteste Schicksal
gewesen?!
Ich fühlte Sie plötzlich in meinen Armen erschauern; ich sah Ihre Augen,
aus denen noch eben die Glut der Liebe mir entgegengestrahlt hatte, sich
vor Entsetzen weiten, und ehe ich noch selbst um mich zu sehen
vermochte, flüsterten Sie mit blassen Lippen: »Der Kardinal!« Ein
Feuerrad, das auf dem Rasen hinter dem Laubengang, der uns verdeckte,
Flammengarben nach allen Richtungen schoß, beleuchtete grell die
schwarzvermummte Gestalt, die roten Strümpfe und Absätze darunter. Und
wenige Schritt davor die weiße, schlanke Erscheinung, -- und die stille
Fischerhütte!!
Es war ein Weib und meine Ritterpflicht ist es, dieses zu schützen. Aber
es war die Königin, und meine Bürgerpflicht gebietet mir, sie
preiszugeben. Die absolute Monarchie, an der dies arme Land langsam
verblutet, würde einen Stoß empfangen, von dem sie sich nie mehr
aufzurichten vermöchte!
Wenn ich trotzdem schweige, -- nur schweige, denn ich wäre außerstande,
das Gegenteil von dem zu bezeugen, was ich sah, -- so unterwerfe ich
mich damit dem einen, ungeheuren Gefühl, das wie ein Unwetter alle Dämme
niederreißt, die der Verstand mühsam baute, alle Leuchtürme umwirft, die
die Pflicht aufrichtete, um irrenden Schiffen Wege zu weisen: die Liebe,
Delphine, zu Ihnen!
Sie haben die Königin gerettet, -- durch eine Lüge! Und mich,
geliebteste Frau, bitten Sie um Verzeihung deshalb?! O, daß ich die
weichen Lippen um dieser Lüge willen, die sie aussprachen, küssen
dürfte! Für das Weib ist rührende Tugend, was für den Mann eine
schimpfliche Erniedrigung wäre.
Wäre ich der Beichtvater, zu dem Sie mich machen wollen, ich würde Sie
freilich zu einer Buße verpflichten. Jetzt komme ich nur mit einer Bitte
um unsrer Liebe willen -- unserer, meine Delphine!
Sie ist so rein, -- aber der giftige Atem dieser Gesellschaft droht, sie
zu beschmutzen. Sie ist so tief --, aber die spürende Lüsternheit rings
um uns wird kein Mittel scheuen, sie bis auf den Grund zu erforschen.
Sie ist so heilig --, aber das ekle Gezücht der Hofschranzen wird alles
daran setzen, sie ihren schmutzigen Zwecken dienstbar zu machen. Wir
müssen sie retten --, sie ist vielleicht im Augenblick das beste auf der
Welt.
Drüben, in der Nähe der Wälder, deren üppige Pracht noch keines Menschen
rohe Faust entweihte, wo die Natur den Bewohnern auf eignen Händen ihre
Schätze entgegenträgt, wird sie frei atmen und zu wundervoller Schöne
sich entfalten können.
Ich finde leicht ein Schiff, das uns hinüberträgt, und weiß hundert
Arme, die sich uns zum Willkomm entgegenstrecken. Lassen Sie Ihr Herz
entscheiden!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, den 9. Juni 1782._
Eben erst komme ich von Ihnen, noch den Hauch Ihres Mundes auf meinen
Lippen, von dem ich nicht begreife, daß ich ohne ihn, der mich erst zum
Leben erweckte, jemals habe atmen können! -- und schon muß ich in
Gedanken wieder bei Ihnen sein.
Selbst die Wunden, meine Delphine, die Sie schlagen, tun wohl. Ich
wiederhole mir jedes Ihrer Worte; mein inneres Auge sieht sie, als
stünden sie in Marmor gemeißelt vor mir: »Es kann nicht sein. Es wäre
der Tod des alten Mannes, dessen Namen ich trage,« sagten Sie. »Ich habe
ihm viel zuleide getan und er hat schließlich Alles ertragen. Er ist mir
in der schwersten Zeit Freund und Pfleger gewesen, ohne mich daran zu
erinnern, daß er auch Gatte ist. Und als er mich erinnerte, hat er
gegenüber meiner Abwehr seine Rechte nicht geltend gemacht, wie er
durfte. Jetzt ist er krank und vergrämt, -- ich würde mich ihm gern in
Freundschaft nähern, wenn ich nicht fürchtete, daß er es anders
auffassen könnte --; nur eins kann ich für ihn tun: den Skandal, den er
über alles fürchtet, von ihm fern halten.«
Und dann, als Sie fühlten, wie Ihr »Nein« mich traf, sangen Sie mir
unter Küssen und Tränen das Hohelied der Liebe, wie ein sterbliches Ohr
es noch nie vernommen haben kann.
»Ich habe nie aufgehört, mich der Ehe zu schämen,« begannen Sie, »das
verbriefte Recht auf Liebe ist der Liebe Tod. Liebe muß zwischen zwei
Menschen das größte Geheimnis sein, wie sie das tiefste aller Mysterien
ist. Auf den schwindelnden Höhen hoher Berge, die nur die Stärksten
erreichen, in der Stille grüner Wälder, zu denen nur Weltflüchtige die
Wege finden, sollen ihre Tempel stehen. Und auch dort dürften nur wenige
im verborgensten Heiligtum die letzte Weihe empfangen.«
Zürne mir nicht, angebetete Frau, daß ich Worte zu wiederholen wage,
die ohne den Klang Deiner Stimme nur stumme Vögel sind!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Versailles, den 1. Juli 1782._
Nur noch einen Gruß -- einen letzten vor Ihrer Abreise nach dem Gebirge!
Daß ich mich Jahre von Ihnen zu trennen vermochte, wo vierzehn Tage mir
wie eine Ewigkeit schienen!
Ich folge Ihnen nach Barrêge-les-Bains, der Verabredung gemäß, sobald
der Hof Versailles verlassen hat.
Als ich gestern von Ihnen ging, traf ich den Herrn Marquis. Im trüben
Licht der Öllampe an der Tür erschien er mir sehr blaß. Er grüßte mich
mit einem Lächeln, das mein Herz zittern machte. Ich bin darum die ganze
Nacht vor Ihren Fenstern auf- und abgegangen. Aber nichts rührte sich
und Ihr zärtliches Billett heute morgen beruhigte mich vollends.
Ich küsse Ihre weiße Stirn, damit kein Gedanke hinter ihr wach wird, der
einem anderen gehört, als mir, und Ihre weichen Arme, daß sie in Fesseln
liegen, bis ich sie löse, um sich um meinen Hals zu schlingen, und Ihre
roten Lippen, daß kein Liebeswort ihnen entschlüpfen möge, bis die
meinen den Zauber brechen!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, am 25. September 1782._
Geliebte Frau! Nun tobt der Lärm der Straßen wieder um mich und mitten
in der Menge fühle ich mich sehr allein. Aber während ich noch eben
glaubte, nach Wochen seligsten Glücks im Schmerz der Trennung vergehen
zu müssen, fühle ich plötzlich, wie reich, wie stark meine Delphine mich
gemacht hat, -- so reich, daß ich ihren Besitz empfinde, auch wenn sie
fern von mir ist, so stark, daß ich es ertragen kann, sie nicht mehr
neben mir zu wissen.
Einer meiner ersten Wege führte mich nach dem Palais-Royal. Waren es die
Monate der Ruhe, die mir das Leben dort so erregt erschienen ließen,
oder ist das Fieber, das alle erfaßt hat, tatsächlich in der
Zwischenzeit so gestiegen? Unsere klägliche Niederlage vor Gibraltar,
die Bedingungen, unter denen der Frieden mit England verhandelt wird,
bilden das Thema aller Unterhaltungen. Ich hörte Gaillard in einer eng
geschlossenen Gruppe von Zuhörern eine Rede halten, die der Haß gegen
die Regierung und die Liebe zum Vaterlande mit gleichem Feuer
durchglühten.
»Warum sind wir an den Felsen Gibraltars gescheitert?« rief er aus;
»weil unser Heer vom Ruhm der Vergangenheit zehrt, statt den Ruhm der
Zukunft in täglicher Arbeit vorzubereiten. Hunderttausende sind
fortgeworfen worden, um die famosen schwimmenden Batterien d'Arçons zu
bauen, die Englands glühende Kugeln in wenigen Stunden in Brand
geschossen haben, statt daß dieselben Hunderttausende verwendet worden
wären, um aus hungernden Arbeitslosen kräftige Soldaten zu machen.
Niemals werden Maschinen Männer ersetzen!... Warum werden wir beim
Friedensschluß tatsächlich die Unterlegenen sein? Weil ein Volk, das
keine Knechte mehr kennt, unser Gegner war. Weil statt verantwortlicher
Minister, statt eines Pitt und eines Fox, feile Höflinge die Regierung
in Händen haben... Und trotzdem preise ich diesen Krieg, für den wir uns
in seinem Beginn begeisterten, -- weil er uns im strahlenden Lichte des
Freiheitskampfes der Amerikaner erschien, -- und der uns ein so bitterer
Lehrmeister wurde. Mehr als durch alle Bücher der Philosophen ist uns
durch ihn eingeprägt worden, was uns fehlt. Und wir haben gelernt, was
wir lernen mußten, wenn anders unser eignes Vaterland nicht zugrunde
gehen soll: für Ideale zu bluten.«
Der häßliche kleine Mann wurde schön, während er sprach. Ich konnte
nicht anders, als ihm dankbar und hingerissen die Hand zu schütteln, wie
einem Kameraden, dann aber, als ich mich umsah unter denen, die ihm
Beifall klatschten und sich in der Kommentierung seiner Worte ins
Maßlose verloren, kam -- ich will's nicht leugnen -- etwas wie ein
Gefühl innerer Feindschaft über mich. Diese Männer mit den rohen
Begierden, beherrscht vom Rachedurst, mehr als vom Durst nach
politischer Freiheit, sollten je die Macht in ihren harten Fäusten
haben?! Wäre letzten Endes die Tyrannei der Masse nicht fürchterlicher,
als die des Einzelnen?
Als ich dann am Abend einer Einladung unseres neuen Schatzmeisters der
Marine, Herrn Boutin, nach seinem herrlichen Lustschloß gefolgt war, wo
eine Gesellschaft von einigen hundert Herren auf goldenen Schüsseln mit
allen Delikatessen der Welt bewirtet wurde, schämte ich mich eines
Gefühls, das zwar einem Aristokraten natürlich, für einen Bürger des
heutigen Frankreich aber nichts als ein Zeichen jämmerlicher Feigheit
ist. Selbst wenn die Masse uns erdrücken sollte, hat nur die
Gerechtigkeit gesiegt. Wir haben unser Leben verwirkt.
Verzeiht mir meine süße Delphine, daß es Momente gibt, in denen meine
Gedanken sich von ihr verirren? Du mußt verzeihen; denn sieh: auch die
allerentferntesten lege ich schließlich Dir, meine einzig Geliebte, zu
Füßen!
Werde ich bald von Dir hören und wissen, wie Du die Reise bis Straßburg
überstanden hast? Und wann, Geliebteste, -- ach wann! -- werde ich Dich
wieder umarmen können?!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, den 8. Oktober 1782._
Wie Du mich glücklich machst! Wie jedes Deiner Worte mich berührt! O,
daß ich jetzt die Flügel hätte, die Monsieur Blanchard der kommenden
Menschheit prophezeite!
Es bedurfte nicht mehr Deiner rührenden Bitte; meine eigene brennende
Sehnsucht zieht mich unaufhaltsam zu Dir. Ich werde über Montbéliard, wo
meine Anwesenheit dringend nötig ist, -- seit dem Tode meiner guten
Mutter bin ich nicht mehr dort gewesen --, im Laufe des nächsten Monats
nach Straßburg gehen. Die Geschäfte, die ich dort in Verbindung mit
meinen Besitzungen im Elsaß habe, rechtfertigen meine Anwesenheit.
Seit meinem letzten Brief bin ich mit den verschiedensten Menschen in
Berührung gekommen. An der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände
zweifelt niemand -- außer dem Hof von Versailles! Die Königin tanzt und
spielt Theater --, selbst die Wohltätigkeit, die sie ausübt, sieht einem
sentimentalen Rührstück ähnlich. -- Der König jagt, und empfängt, um
sein Verständnis für den Geist der Zeit zu markieren, hie und da einen
biederen Bourgeois, dem er jovial auf die Schulter klopft und -- wenn er
reich genug dazu ist -- adelt. Dann reden die Träumer wieder ein paar
Tage lang von der »Leutseligkeit des Monarchen.«
»Die Schwäche, die weder das Übel zu verhindern, noch das Gute zu
fördern weiß, befestigt die Tyrannei« --, für diese Sentenz ist Diderot
kürzlich nur mit knapper Not der Bastille entgangen!
Ich war auch in Saint-Quen bei Herrn Necker, und kehrte enttäuscht
zurück. Man muß in seinen Ansprüchen sehr bescheiden geworden sein, um
ihn für bedeutend zu halten. Er läßt sich vom Strom der öffentlichen
Ereignisse hin und her werfen und ist dabei natürlich außerstande, ihn
in die richtigen Bahnen einzudämmen. Eine überraschende Erscheinung ist
seine Tochter; sie gleicht ihren Eltern nur in einem Rest nüchternen
Genfertums; ihre prachtvollen Augen, ihre schöne Gestalt versöhnen mit
ihrer sonstigen Häßlichkeit. Ihre überlegene Klugheit zwingt zur
Bewunderung. Trotzdem ist sie mir in tiefster Seele antipathisch. Nicht
ohne Mitleid mit den Männern der Zukunft möchte ich sie für einen Typus
kommender Frauen halten. Wie glücklich preise ich mich, daß ich die
holdseligste Inkarnation des achtzehnten Jahrhunderts noch mein nennen
darf!
Ich traf den Grafen Guibert bei ihnen. Die Art seines Verkehrs mit der
Familie Necker ließ auf seine Intimität im Hause schließen, was mich
nach seiner bisherigen Stellung zur Neckerschen Politik nicht wenig in
Erstaunen setzte. Der Reiz Fräulein Neckers besiegte alle Bedenken der
Überzeugung! Männer wie er sind zugleich die Voraussetzung und die
Konsequenz solcher Frauen.
Weißt Du, Geliebteste, daß ich meiner Schweigsamkeit wegen bekannt bin?!
Vor Dir werde ich zum Schwätzer: jedes kleinste Ereignis, jedes
vorüberhuschende Gefühl, jeden auftauchenden Gedanken habe ich das
Bedürfnis, Dir mitzuteilen. Ich glaube, diese vollkommene geistige
Hingabe unterscheidet Liebe von Liebelei.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Etupes, den 26. Oktober 1782._
Mit den letzten, blassen Rosen aus Etupes sende ich diesen Gruß, Du
Einzige, zu Dir. Ich ging allein durch die verwachsenen Laubengänge,
und, tiefer Andacht voll, sank ich vor dem Tempel der Venus in die
Kniee. Wie eine Erleuchtung kam es über mich: seitdem ich Dich einstmals
dort fand, Delphine, habe ich Dich nie verloren!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Straßburg, den 3. Januar 1783._
Der Kurier brachte mir heute früh die erschütternde Nachricht, daß der
Neffe des Kardinals, der Prinz Rohan-Guéménée Bankrott gemacht hat. Ich
teile sie Dir, Geliebteste, unverzüglich mit, weil auch Deine Freundin
Clarisse ihr Vermögen dabei verloren haben dürfte. Zahllose arme Leute,
unter anderem seine eigene Dienerschaft, die dem Prinzen in
ehrfürchtigem Vertrauen ihr bißchen Erspartes überließen, hat sein
verbrecherischer Leichtsinn an den Bettelstab gebracht. Daß die Empörung
eine allgemeine ist und, statt des Zorns gegen die Vorrechte der Stände
den persönlichen Haß gegen den einzelnen Aristokraten züchtet, ist nur
allzu begreiflich.
Ich habe heute, zum Teil auch infolge dieses Ereignisses, sehr viel
Korrespondenz zu erledigen und muß mich daher des Glücks Deiner Nähe
berauben.
Sieh, meine Delphine, nun steht dieser Satz schwarz auf weiß auf dem
Papier, damit Du selber erfahren sollst, daß ich nahe daran war, Dich zu
belügen! Nein: es gibt keine Arbeit, die mir die Möglichkeit nehmen
könnte, Dich, -- und wäre es nur auf Minuten --, in meine Arme zu
schließen. Aber zuweilen ist mir, als könnte ich mich vor mir selbst
nicht mehr sehen lassen, geschweige denn vor Dir! Gestern, als der
Marquis zum ersten Male, seit ich in Straßburg bin, den Abend mit uns
verbrachte und das Gespräch nur schwerfällig von der Stelle kroch, von
Pausen unterbrochen, die endlos schienen, wobei Du jedesmal von
wachsender Glut überhaucht das Köpfchen senktest, während er, schmal,
müde, grau, die blassen Hände auf dem dunklen Samt der Armlehne matt
ausgestreckt, mit den tief in ihren Höhlen ruhenden Augen langsam von
Dir zu mir herüberblickte, -- da fühlte ich mit nagendem
Schuldbewußtsein das Entsetzliche unsrer Lage. Nicht daß wir uns lieben,
Geliebte, ist Schuld, sondern daß wir es vor ihm verbergen, wie ein
Verbrechen!
Ich kann nicht leben ohne Dich, und ich kann doch so nicht leben!
Laß mir den einen Tag, damit ich zu mir selber komme!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Chateau Larose, am 25. Januar 1783._
Teuerste Marquise. Meine arme Schwester ist von dem schweren Schlag, der
sie getroffen hat, so erschüttert, daß sie noch nicht imstande ist,
Ihren liebevoll teilnehmenden Brief zu beantworten; sie bittet mich, es
an Ihrer Stelle zu tun.
Ich kann nicht leugnen, Allerschönste, daß ich trotz des Unglücks, das
den Anlaß zu diesem Schreiben bietet, die Gelegenheit freudig ergreife,
wieder in Verbindung mit Ihnen zu treten. Zwinge ich doch auf diese
Weise Ihr Auge, wenigstens auf meiner Schrift zu ruhen!
Sie sind ungeduldig? Gemach, ich komme bereits zur Sache! Clarisse hat
fast ihr ganzes Vermögen verloren, was sie um so härter berührt, als
sie infolgedessen fürchten mußte, in Abhängigkeit von einem Gatten zu
geraten, der sie fortgesetzt betrügt. Aber kaum erfuhr unsere Königin
von dem Unglück, als sie ihr aus freien Stücken eine Rente anbieten
ließ, die den Zinsen ihres einstigen Besitztums entspricht. Wenn
irgendetwas uns an Ihre Majestät noch fester hätte fesseln können, so
ist es diese große Gnade, die vielleicht mehr noch um der Art, wie sie
gewährt wurde, zu schätzen ist als um ihrer selbst willen.
Die Königin leidet; es gibt Stunden, wo sie stumm vor sich hin brütet
und niemand von uns die Stille zu unterbrechen wagt, die gespenstisch
den Saal beherrscht. Aber sobald jemand aus dem Kreise ihrer nächsten
Umgebung Kummer hat, ist sie die erste, die hilft und tröstet, und dabei
ihre alte Fröhlichkeit wiedergewinnt. Sie fand sogar, was allgemein
auffiel, scharfe Worte, um die offene Schadenfreude der Partei Choiseul
angesichts des Bankrotts der Rohan zurückzuweisen.
Ein Ausspruch der Herzogin von Grammont macht die Runde in Paris: »Die
Rohans,« so sagte sie, »beanspruchen seit langem den Titel eines
souveränen Hauses. Man darf hoffen, daß ihre jetzt enthüllte
Geldwirtschaft der letzte Beweis für die Berechtigung ihrer Prätensionen
ist.«