meines Ruhmes als eins der kostbarsten, goldenen Lorbeerblätter
erschienen. Keinen Augenblick störte mich der Gedanke an den
rechtmäßigen Besitzer dieser entzückenden Frau; der Marquis Montjoie, an
dessen Existenz in Ihrem Hause kaum etwas erinnerte; der Marquis
Montjoie, der mit überlegen-ruhiger Kühle der reizenden Delphine
gegenüberstand; der Marquis Montjoie, der die Hinterzimmer der Madame
Gaillard dem Schlafgemach seiner Gemahlin vorzog, -- die er freilich
auch nur, als erfülle er eine peinliche Pflicht, mit ernst-gelangweiltem
Gesicht zu verlassen pflegte --, dieser Marquis Montjoie war das
geringste Hindernis auf dem Wege zu Ihnen. Aber selbst wenn ich gewußt
hätte, daß er mehr für Sie fühlte, als für irgend ein besonders
wertvolles Stück seines Haushalts, ich hätte die Hoffnung nicht fahren
lassen. Solange ein Mann im Kampf um ein Weib einen ebenbürtigen
Rivalen, -- und wäre es der eigene Gatte seiner Schönen --, vor sich
hat, so lange gab die Natur selbst ihm das Recht, um ihren Besitz mit
ihm zu ringen. Nicht Stärke -- nein, nur Schwäche entwaffnet vor dem
Angriff.
Darum mußte ich jetzt von Ihnen fliehen. Ich hätte nicht wunschlos neben
Ihnen leben und nicht als Mann von Ehre um Sie ringen können. Der alte
kranke Marquis ist kein Rivale mehr.
Und doch: Wenn Ihr Herz einmal freiwillig entschiede!! Schönste
Delphine, ich fange an, zu begreifen, daß Sie nicht nur ein goldenes
Blatt in der Siegeskrone, sondern der Rosenkranz selber sind, mit dem
das Leben seine Lieblinge krönt.
Darf ich nun zum Lohn für meine Entsagung, die ich mir nicht zum zweiten
Male aufzulegen imstande wäre, nachdem die Kraft, sie zu tragen, schon
jetzt nicht ausreicht, den Faden unseres letzten Gesprächs
weiterspinnen? Darf ich hoffen, daß Sie ihn aufgreifen und er allmählich
zu einem starken Bande zwischen uns wird?
Mit jener genialen weiblichen Güte, die uns sogar sachliches Interesse
vorzutäuschen vermag, haben Sie an dem Schicksal meiner
kriegswissenschaftlichen Arbeit Anteil genommen. Sie hat inzwischen die
öffentliche Aufmerksamkeit in höherem Maße erregt, als ich es erwarten
durfte. Seit dem großen Erfolg von Glucks Iphigenia schienen unsere
großen Geister, -- ich wäre fast geneigt, das »groß« in
Anführungsstrichen zu schreiben --, wieder im musikalischen Krieg ihre
Kräfte zu erschöpfen; eine Erscheinung, die nur in einem Lande möglich
sein kann, wo man den Bürger als ein unmündiges Kind behandelt und seine
tätige Teilnahme am politischen Leben mit der Bastille belohnt.
In der Verteidigung meiner Ideen war ich mit Herrn von Mesnil-Durand in
eine sehr lebhafte Diskussion geraten, und ich war gezwungen, nicht nur
gegen ihn, sondern auch gegen den Herzog von Broglie, meinen alten
Freund und Wohltäter, kritisch vorzugehen.
Beide verteidigten sich persönlich, wo ich sachlich angegriffen hatte;
ganz Paris wurde zu ihrem Echo, das mich der gröbsten Undankbarkeit
zieh. Der Herzog von Broglie verschloß mir sein Haus. Ein trauriges
Zeichen für die Gesinnungslosigkeit der Bürger Frankreichs, die im
Grunde von mir verlangten, die Tugend der Vaterlandsliebe der Tugend
persönlicher Dankbarkeit unterzuordnen. Ich teilte in diesem Fall das
Schicksal meines Freundes Condorcet, der wegen seiner Kritik der
Finanzpolitik des Herrn Necker auf das schärfste getadelt wurde. »Wie
kommen sie dazu, sich zum Richter des Ministers aufzuwerfen?« frug man
ihn entrüstet. »Soll ich mich auch noch verteidigen müssen, weil ich
mich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftige?« antwortete er. »Das
ist das Recht, ja die Pflicht jedes Bürgers, der keiner besonderen
Mission bedarf, um Rechte des Volks zu verteidigen oder Maßnahmen zu
bekämpfen, die ihm entgegenstehen.«
Der korrumpierten Gesellschaft von Versailles, die keine anderen Gesetze
kennt, als die der Hofetikette, die von der Vortrefflichkeit aller
Einrichtungen überzeugt ist, wenn die Hofschranzen ihre Pensionen, die
Bankiers ihre guten Köche haben, erscheinen Auffassungen, wie die
unseren, nur als eine Lächerlichkeit. Als ob es keine anderen Leiden
gäbe, als die, die uns persönlich verletzen! Als ob die Natur selbst,
die uns den Mut gab und ein fühlendes Herz, uns nicht zu Hütern des
öffentlichen Wohles berufen hätte!
Wir haben es erleben müssen, daß der Aufruhr der Ballettänzer der Oper
das öffentliche Interesse mehr in Anspruch nahm, als die Verluste des
französischen Handels, die Einnahme von Pondéchery, die unglückliche
Expedition der Sainte-Lucie. Hätte ich nicht kurz vorher den
frenetischen Jubel mit erlebt, mit dem die Pariser die heimkehrenden
Helden des amerikanischen Freiheitskrieges begrüßten, ich würde an all
meinen Hoffnungen irre geworden sein. Es war ein momentaner Ausbruch
tiefgewurzelten Hasses gegen den Feudalstaat; eines Hasses jedoch, der
nicht mehr ist, als ein Gefühl, denn als der Marquis Lafayette und der
Prinz Montbéliard, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen und des
Triumphes zu genießen, der ihnen überall bereitet wurde, der
französischen Marine für den Kampf gegen England ihre erprobten Waffen
zur Verfügung stellten, verstand sie niemand.
Kurz vor seiner Einschiffung hatte ich übrigens noch Gelegenheit, den
Prinzen zu sprechen. Ich freute mich, auch in ihm einen jener seltenen
Patrioten kennen zu lernen, die sich selbst nicht als Einzelnen, sondern
als Teil des Ganzen fühlen. Er war sehr niedergeschlagen über das, was
er vorgefunden hatte. »Amerika hat mir die Augen für Frankreich
geöffnet,« sagte er. »Dort ein Volk, das mit Hingabe aller Mittel und
Kräfte für die Freiheit kämpft, hier eines, dessen einzelne Glieder den
Boden ihres Vaterlandes betrachten wie erobertes Gebiet, das jeder nach
besten Kräften für eignen Vorteil zu plündern sich berechtigt glaubt.
Dort Männer, von denen jeder sich als Vaterlandsverteidiger fühlt, hier
Offiziere, deren Schlafzimmer den Boudoiren der Kurtisanen gleichen und
die einander durch nichts eifriger zu übertreffen begehren, als durch
die Kostspieligkeit ihrer Mätressen.«
Im Laufe unserer langen Unterhaltung war ich versucht, auch Ihrer,
teuerste Marquise, zu erwähnen und des merkwürdigen Zusammenhangs
zwischen dem Namen des Prinzen und Ihrem gefährlichen Sturz, aber meine
Diskretion siegte über meine Neugierde. Oder fürchtete ich am Ende im
geheimen, einem ebenbürtigen Rivalen gegenüberzustehen?
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, am 21. Juli 1780._
Kaum hätte ich noch auf einen Brief von Ihnen, teuerste Marquise, zu
hoffen gewagt, und ich weiß nicht einmal, ob ich mich freuen darf, daß
ich ihn endlich doch erhielt. Er ist kurz und kühl; ich würde darnach
glauben, daß nur die Höflichkeit ihn diktiert hat, wenn er nicht so viel
Fragen als Sätze enthielte, -- Fragen, die sichtlich nicht bloßer
Neugierde entstammen, sondern hinter denen eine Empfindung lauert, wie
geheime Angst.
Kein Zweifel, die Zeiten sind ernst, Frau Marquise. Aber meine Reise von
Spa nach Paris, die mich über die Kohlengruben von Anzin und Fresnes
geführt hat, ließ mich schaudernd erkennen, für wen sie wahrhaft ernst
sind: ich sah Kinder, sah werdende Mütter in den schwarzen Erdhöhlen,
und das im Zeitalter Rousseaus! Ich sah Aufseher mit der Peitsche hinter
ihnen, und das im Zeitalter der Befreiung Amerikas! Wer diesen Eindruck
mit sich nimmt, lächelt geringschätzig über die Klagen jener
»Notleidenden«, die heute in seidenen Westen mit Diamantboutons in den
Vorzimmern der Minister über die schlechten Zeiten jammern. Sind sie
nicht selbst daran Schuld, daß die Landarbeiter dem Frondienst auf ihren
Gütern sogar die Arbeit unter der Erde vorziehen?
Wenn man Ihnen die Finanzpolitik Herrn Neckers als Ursache der
allgemeinen Bedrängnis angab, so hat man Sie falsch berichtet. Er ist
unschuldig -- im Guten, wie im Bösen. Seine Einschränkungen des
königlichen Haushalts treffen natürlich den Hof empfindlich, -- so sind
eine Reihe Schloßoffiziere, deren ganze Aufgabe darin bestand, den
Küchendienst zu überwachen und dafür zu sorgen, daß die Braten
rechtzeitig aufgetragen wurden, zur Marine kommandiert, wo man
wahrscheinlich, dank ihrer Vorkenntnisse im Kommandieren toter Gänse und
Schweine, Wunder an Tapferkeit von ihnen erwartet; -- aber diese
kläglichen Maßnahmen sind nur ein verzweifelter Versuch, die öffentliche
Meinung zu beruhigen, sie nützen so wenig, wie es etwas nützen würde,
einen Urwald mittels eines Bratenmessers in fruchtbares Land verwandeln
zu wollen. Die Steuern, die Necker sonst noch teils aufhebt, teils
ausschreibt, sind ebensolche Sisyphus-Arbeit: sie stopfen ein Loch zu
und reißen daneben ein anderes auf. Ich wiederhole: er ist unschuldig,
und die ungeheure Schuld der Vergangenheit wird auch kein größerer als
er zu tilgen vermögen.
Sie sagen: »Ich fürchte mich nicht, aber der Marquis ist krank und die
Sorgen um finanzielle Katastrophen bedrücken ihn, darum möchte ich klar
sehen.« Ich wußte, daß Ihr Stolz keine Furcht aufkommen läßt, aber ich
weiß auch, daß das Riesenvermögen des Herrn Marquis selbst durch die
gewagten Spekulationen des Herrn von Saint-James nicht in dauernde
Gefahr geraten kann. Ängstlich ist im Augenblick alles, denn vom
Ausgang des Krieges hängt außerordentlich viel ab. Vorläufig können wir
von wesentlichen Erfolgen Frankreichs nicht sprechen, und der
Lorbeerkranz, den der Admiral d'Estaing in der Oper entgegennahm, war
dem Ort entsprechend nur Theater für das Volk. Wir haben uns, seit dem
Zeitalter des großen Königs, der Siege so entwöhnt, daß wir geneigt
sind, jeden kleinen Erfolg zu einer Heldentat aufzubauschen. Der König
ist besonders überschwenglich bei solcher Gelegenheit, aber Orden und
Titel, die er freudig ausstreut, vermögen den Epigonen nicht die Größe
ihrer Ahnen zu verleihen.
Sie fragen nach der Stimmung des Hofs. Ich habe mich so viel als möglich
zurückgezogen, kann also aus eigener Anschauung nur wenig berichten.
Wenn man nach der Menge der Feste und Empfänge urteilen könnte, müßte
sie sehr rosig sein, aber da Feste um so weniger ein Ausdruck des
Vergnügens sind, je mehr sie zur alltäglichen Gewohnheit werden, so sind
sie kein Gradmesser für die Laune der Fürsten.
Ich traf die Königin im Juni in Ermenonville, wohin ich der Einladung
der liebenswürdigen Madame de Girardin gefolgt war. Ein göttlicher
Landsitz! Rousseau selbst hätte sich für seine ewige Ruhe keinen
schöneren Ort aussuchen können. An seinem Grabe auf der Pappelinsel, wo
die hohen Bäume in lichtem Hoffnungsgrün prophetisch gen Himmel weisen,
wo Trauerrosen sich liebevoll wie weinende Frauengesichter um das
Denkmal schmiegen und die kleinen Wellen des Flusses nur leise
miteinander flüstern, als wollten sie die Stille nicht stören, predigt
alles die Seligkeit der Rückkehr zur Natur.
Die Königin war sehr verstimmt. Am Morgen hatte sie von der Absicht
einer neuen Einschränkung der Zahl ihrer Dienerschaft erfahren, nachdem
sie schon kurz vorher gezwungen worden war, ihre Wünsche für den
Theaterbau von Trianon erheblich einzuschränken. »Man mißt, wie es
scheint, den Hofhalt des Königs von Frankreich an dem bourgeoisen Budget
des Herrn Necker,« sagte sie. Ihre weichen Züge, die ich bisher nur von
einem Lächeln verklärt sah, bekamen dabei den harten Ausdruck, der ihrer
kaiserlichen Mutter besonders eigentümlich ist. »Würden Sie sich von
Ihrem Hausknecht das Menü Ihrer Tafel bestimmen lassen?« frug sie mich.
»Von meinem Hausknecht -- nein!« entgegnete ich; »wohl aber von meinem
Verwalter, der für die geregelte Wirtschaftsführung verantwortlich ist.«
Bei dem Rundgang durch den Park kamen wir am Grabe des Unsterblichen
vorüber. Die Königin streifte es durch ihre Lorgnette mit einem eisigen
Blick, und sagte dann mit hochmütig zurückgeworfenem Haupt, -- einer
Bewegung, der nur die Tochter Maria Theresias fähig ist --: »die
Trauerrosen in Trianon blühen üppiger.« Darauf raffte sie ihr Kleid,
als dürfte es den Boden nicht berühren, und schritt vorüber. Beim Souper
machte ich der Gräfin Polignac mein Kompliment über die geschmackvolle
Toilette der Damen: »Sie tragen weiche Schuhe ohne Hacken, große
Strohhüte auf natürlich fallenden Locken, weiße, schlichte
Musselingewänder -- nennt man dies reizende Ensemble nicht eine Kleidung
à la Rousseau?!« -- »Mademoiselle Bertin, die sie schuf, nennt sie Roben
à la reine,« rief die Königin über den Tisch hinweg mir zu, und geruhte
darnach, mich nicht mehr zu bemerken.
Ein paar Wochen später war ich beim Grafen von Provence auf Schloß
Brunoy. Wer nichts weiter kennt, als diesen Palast eines Krösus, muß
glauben, ganz Frankreich schwämme in Gold. Zu einem jener beliebten
Herrenfeste, das unsere reizendsten Priesterinnen Terpsychorens durch
pikante Tänze und noch pikantere Couplets so besonders anziehend zu
machen pflegen, wurde der König erwartet. In der Nacht, ehe er kam,
improvisierten die Kavaliere einen Raub der Sabinerinnen --, die
Erzählung von dieser Posse, die in einem Bacchanal endete, amüsierte den
König mehr als die wohlvorbereiteten Aufführungen. Er ist, wie Sie
wissen, nur unfreiwillig tugendhaft.
Es gab dann noch eine Jagd auf wahrhaft hoffähige Hirsche: sie schienen
den Tod durch eine königliche Kugel als eine besondere Auszeichnung
anzusehen.
Zum Schluß hatte der König eine Privatkonferenz mit dem Grafen. Er
schied außerordentlich befriedigt.
Ein paar Tage später waren die Straßen von Versailles voll betrunkner
Schweizer, -- ihre gestundeten Gehälter waren ihnen bar ausgezahlt
worden, -- die Marställe voll englischer Pferde, und in Trianon wurde
der unterbrochene Theaterbau fortgesetzt. »Geschäfte zu machen, ist so
gemein,« sagten Sie mir in Spa mit einer unvergleichlichen, wegwerfenden
Handbewegung. Aber Könige adeln alles, -- nicht wahr, Frau Marquise?
Ich lese eben Ihre Zeilen noch einmal, und plötzlich scheint mir, als ob
der leise Wunsch, nach Versailles zurückzukehren, zwischen ihnen stünde.
Ich wäre trostlos, wenn ich ihn unterdrückt, statt angefacht hätte. Aber
warum hüllen Sie auch Ihr Innerstes immer in tausend schimmernde
Schleier? Sollten Sie wissen, daß das Geheimnis, zu langweilen, darin
besteht, alles auszusprechen?
Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.
_Versailles, am 30. August 1780._
Verehrteste Frau Marquise, die liebenswürdige Aufnahme, die Sie mir in
Froberg bereiteten, der sympathische Eindruck, den ich, -- Sie
gestatten einem Priester die offene Bemerkung --, von der Erneuerung
freundlicher Beziehungen zwischen Ihnen und dem Herrn Marquis gewonnen
habe, treibt mich zu diesem Brief.
Sie entsinnen sich unseres langen Gesprächs im Anschluß an die höchst
merkwürdigen Mitteilungen des Baron Wurmser über den Grafen Cagliostro,
seine Heilungen und Prophezeiungen. In Erinnerung an die schmerzlichen
Erfahrungen, die Sie, teure Marquise, mit Herrn Dr. Mesmer gemacht
haben, erklärten Sie von vornherein alles für Schwindel, was Wurmser zu
berichten wußte. Auch ich war skeptisch, obwohl ich als gläubiger Christ
die Möglichkeit neuer Wunder niemals leugnen werde und überzeugt bin,
daß grade so unruhige, von Hoffnungen und Erwartungen schwangere Zeiten
besonders geeignet sind, verborgene göttliche Kräfte in einzelnen
begnadeten Menschen hervorzulocken.
Sie werden sich daher denken können, daß ich nicht zögerte, die
Bekanntschaft des mysteriösen Grafen zu suchen, der sich im Augenblick
in Paris aufhält. Er hat meine kühnsten Erwartungen weit übertroffen.
Ich kam zu später Stunde in bürgerlicher Kleidung und vollkommen
maskiert zu ihm. Ohne einen Augenblick zu zögern, begrüßte er mich mit
tiefer Verbeugung als den Kardinal Rohan und hatte, ehe ich noch ein
Wort zu sagen vermochte, meinen Charakter, meine Wünsche und Neigungen,
ja die geheimsten Ereignisse aus meiner Vergangenheit so detailliert
beschrieben, wie ich sie mir selbst kaum je einzugestehen gewagt hatte.
Diese Beweise seiner phänomenalen Fähigkeiten hätten schon genügt, meine
Zweifel zu zerstreuen; aber was ich dann noch erlebte, machte mich zu
seinem Adepten. Ich traf am nächsten Tage die Gräfin Bethune bei ihm,
und ich sprach mit ihr, als wäre sie niemals taub gewesen; ich sah mit
meinen eigenen Augen einen armen gelähmten Bettler, den er gehen hieß
wie einen leichtfüßigen Jüngling, und ein blindes kleines Mädchen, dem
er mit einem Hauch seines Mundes die Augen öffnete. Als ihn am Abend die
Menge der Kranken verlassen hatte, -- ihr heißer Dank war der einzige
Lohn, den er annahm! --, hielt er mich noch zurück.
Im Lichte einer einzigen bläulich flackernden Flamme, die ohne Lampe und
Docht mitten in seinem, von Phiolen und duftenden Essenzen gefüllten
Laboratorium zu schweben schien, hatten wir ein denkwürdiges Gespräch,
das die Gegenwart und die Zukunft Frankreichs umfaßte. Was er sagte, muß
Geheimnis bleiben zwischen uns, es hat mich tief erschüttert, und die
Rolle, die er mir in der Flut kommender Ereignisse zuwies, erfüllte mich
mit einem so heißen Dank gegen Gott, daß ich in Gebet versunken in die
Kniee sank.
Das Geräusch knisternder Funken weckte mich erst aus der frommen
Entrücktheit. Das ganze Gemach war erfüllt von Glut; ich wollte schon um
Hilfe rufend zum Fenster stürzen, als eine Stimme, dröhnend wie die
eines Erzengels, mich zurückhielt. Ich sah den Grafen vor mir stehen,
und doch war er es nicht, denn eben erst war er mir wie ein Mann von
kaum fünfzig Jahren erschienen, und jetzt war er ein Greis, dessen Alter
niemand hätte bestimmen können: Die braune Haut spannte sich straff über
die Knochen, tief in den Höhlen lagen die Augen, die mageren Hände
griffen in die glühende Luft, die uns umgab, und wo sie hinfaßten,
verdichtete sie sich zu rotem Golde, zu schimmernden Edelsteinen. Äffte
mich ein Spuk der Hölle?! Ich riß das Kreuz von meiner Brust und
streckte es beschwörend dem Grafen entgegen. Mit demütiger Gebärde
drückte er die Lippen darauf! --
Glauben Sie mir, Frau Marquise: im Augenblick der höchsten Not hat Gott
selbst Frankreich den Retter gesendet!
Ich habe in der Zeit meines Aufenthalts alles versucht, um meiner
Überzeugung Anhänger zu gewinnen; aber leider hat sich das Gift des
Unglaubens wie eine Seuche verbreitet, und selbst die ersten Diener des
Staates und der Kirche nicht verschont.
Wie mir Graf Chevreuse erzählte, scheint jedoch die Königin lebhaftes
Interesse für die Wunder Cagliostros zu haben. Als er ihr auf meine
Veranlassung von seinen Leistungen berichtete, rief sie mit leuchtenden
Augen: »Er macht Brillanten!« und klatschte wie ein glückliches Kind in
die Hände dabei. Leider ist es mir jedoch noch immer nicht gelungen,
eine persönliche Audienz durchzusetzen, von der so viel abhängen würde.
Der Einfluß der Gräfin Polignac ist stärker denn je; sie weiß ihn mit
wahrhaft infernalischer Klugheit für sich und ihre Familie auszunutzen,
was nichts anderes bedeutet, als daß sie die Rohans und ihre Anhänger
fern hält. Ich hatte gehofft, der Königin bei dem Einweihungsfest des
kleinen Theaters von Trianon den Grafen im geheimen vorstellen zu
können, aber die Späheraugen der Partei Polignac verhinderten geschickt
jede Annäherung.
Wie bedauerte ich an einem zauberhaften Abend wie diesem, Sie, schönste
Marquise, nicht unter uns zu wissen. Das kleine goldstrotzende Theater,
das von außen ganz den Charakter eines Tempels, von innen den eines
liebesschwülen Boudoirs besitzt, ist der passendste Rahmen für das
graziöse Spiel unserer reizenden Königin. Sie war eine Soubrette, der
man es glauben kann, daß der Liebhaber, den Herr von Vaudreuil mit dem
natürlichsten Feuer spielte, aus unbefriedigter Sehnsucht wahnsinnig
werden kann. Das Stück des Herrn Sedaine -- der König und der Bauer --
ist freilich etwas schlüpfrig und nicht allzu reich an Geist, aber das
entzückende Spiel all der erlauchten Komödianten ließ schließlich alles
verzeihlich erscheinen. Strahlend vor Stolz nahm die Königin die
Huldigungen des illustren Publikums entgegen. Die neuen chinesischen
Laternen verbreiteten ein magisches Licht im nachtdunklen Park, als das
Theater sich wieder öffnete; man strömte hinaus, man suchte und fand
sich.
»Und draußen auf dem Meer wird inzwischen mit Menschenleben um die
Zukunft Frankreichs gespielt,« hörte ich einen Offizier neben mir sagen,
einen der vielen, die mehr und mehr vergessen haben, daß es zur Treue
gegen den Monarchen gehört, sich auch seinen unrichtigen Maßnahmen
kritiklos zu beugen.
Ich sollte bald darauf noch ein Beispiel für den herrschenden Geist der
Aufsessigkeit kennen lernen: Der Herzog von Chartres gab zu Ehren seiner
geistreichen Freundin Frau von Genlis ein Nachtfest im Park von Monceau,
das mit einer Wasserfahrt auf bekränzten Gondeln schließen sollte. Kaum
hatte die ganze Gesellschaft Platz genommen, als sich herausstellte, daß
sämtliche Ruderer betrunken waren. Erschrocken drängte alles hinaus. In
diesem Augenblick sagte ein kleiner Kapitän laut zu unserem edlen
Gastgeber: »Wir Franzosen machen auf dem Wasser anscheinend stets
dieselben schlechten Erfahrungen.« »Und trotzdem sehen Sie, welch
schönen Sieg wir erringen,« entgegnete der Herzog lächelnd und wies auf
die Gruppen ängstlicher Damen, die sich zitternd in die Arme
hilfsbereiter Herren schmiegten. Laharpe, der Unvermeidliche, ließ sich
die Gelegenheit zu einer poetischen Improvisation natürlich nicht
entgehen, wobei er Frau von Genlis als Venus, den Herzog als Mars
feierte und es nur, -- aus übertriebener Bescheidenheit! -- unterließ,
sich selbst als Adonis vorzustellen.
In wenigen Wochen kehre ich nach Straßburg zurück. Sollte Graf
Cagliostro meinen dringenden Bitten, mitzukommen, noch Gehör schenken,
so hoffe ich nicht nur für mich, sondern vor allem für Sie, teuerste
Marquise, auf eine im höchsten Sinne bedeutungsvolle Zeit.
Marquis Montjoie an Delphine.
_Straßburg, den 15. September 1780._
Meine liebe Delphine. Rohan hat nicht zu viel gesagt. Ich bin aufs
äußerste überrascht von dem Erlebten und glaube darnach zu den größten
Erwartungen berechtigt zu sein. Ich brauche Ihnen wohl kaum noch zu
versichern, daß der Gedanke, meine körperlichen Kräfte zurückzugewinnen,
und mein Vermögen, wenn nicht zu vergrößern, so doch zu erhalten, mit
dem Wunsche, Ihnen nicht beschwerlich zu fallen, und Sie mit dem Glanz
zu umgeben, für den sie geschaffen sind, so innig verschwistert ist,
daß er fast identisch erscheint. Seit der großen Tragödie unseres
Hauses, unter der ich Sie zusammenbrechen sah, habe ich immer darnach
getrachtet, Sie wieder froh zu sehen. Nichts würde mir größere Freude
bereiten, als Ihre Wünsche erfüllen zu können, nichts bekümmerte mich
mehr, als daß die schwierigen, finanziellen Verhältnisse mich daran zu
verhindern vermöchten. Der Graf Cagliostro hat mich dieser Sorge
entrissen; es bleibt nur die eine noch drückendere, daß Sie wunschlos
neben mir her gehen. Ich muß die Vergangenheit zu Rate ziehen, um zu
wissen, was wenigstens damals Ihr Interesse heraufrief. Ich habe
Gartenkünstler und Architekten engagiert, um Park und Pavillon durch sie
vollenden zu lassen, und hoffe wenigstens auf ein zustimmendes
Kopfnicken.
Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Ich legte dem Grafen die eine
schwerwiegende Frage vor, ob ich noch auf einen Erben hoffen dürfte. Er
behauptet, sie beantworten zu können, wenn er Sie gesehen hat. Diesem
Wunsche Folge zu leisten, ist seit Jahren der erste Wunsch, den ich
Ihnen ausspreche. Sie haben mir selbst das Zeugnis ausgestellt, daß ich
sie behandle wie ein väterlicher Freund. Beweisen Sie mir jetzt die
Dankbarkeit, die Sie mir so oft versichert haben.
Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.
_Straßburg, den 26. September 1780._