Träume. Lassen Sie mich umgehend wissen, wie Sie den fürchterlichen --
leider durch Ihre eigene Schuld fürchterlichen Abend überstanden haben.
Wie konnten Sie nur den Zustand der Entrücktheit, in dem der Graf sich
befand, so jäh unterbrechen, so daß er wie ein Toter zu Boden stürzte?!
Ist der Gedanke, noch ein Kind bekommen zu können, Ihnen so schrecklich,
daß er jenen Aufschrei äußerster Verzweiflung auslösen mußte? Wollen Sie
die ehelichen Pflichten nicht mehr anerkennen, Pflichten, die leider
auch unter dem korrumpierenden Einfluß antichristlicher Moral auf den
Schutthaufen der Vergangenheit geworfen werden?
Mit dem hoheitsvollen Lächeln eines Überlegenen ging der Graf über den
aufregenden Moment hinweg. Als er aber dann unter dem zauberhaften Licht
der schwebenden Flamme aus Ihrem eigenen Ring Tropfen flüssigen Goldes,
aus Ihrem eigenen Halsband schimmernde Edelsteine fallen ließ, und der
Marquis und ich dem Wunder mit andächtigem Staunen zusahen, warum
sprangen Sie auf und griffen in die Glut, so daß ihre weiße Hand sich
mit roten Brandwunden bedeckte; warum warfen Sie einem Manne, der unser
aller Wohltäter werden kann, Ihr »Schwindler!« entgegen?!
Als ich heute früh den Grafen begrüßte, -- sein Aussehen bestätigte mir
diesmal mehr als seine Worte, daß er das Alter Mose erreicht hat --,
sprach er in Ausdrücken warmer Anteilnahme von Ihnen. Wir alle wollen
Ihr Bestes, schönste Frau, und ich hoffe, Sie werden mich und den Grafen
empfangen, wenn wir uns im Laufe dieses Tages bei Ihnen melden lassen.
Vergessen Sie nicht, daß Ihre Weigerung auch Ihrem Herrn Gemahl der
Hilfe eines Menschen berauben dürfte, von dem er alles erwartet.
Graf Cagliostro an Delphine.
Frau Marquise! Sie wollen mich nicht empfangen. Es scheint Ihnen
unbekannt zu sein, daß alles, was mich betrifft, nicht vom Willen eines
Sterblichen abhängt.
Der Marquis ist ohne mich ruiniert und Sie seine lebenslänglich
Gefangene.
Auf Schloß Froberg sehen wir uns wieder.
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, am 15. Dezember 1780._
Meine teure Frau Marquise! Ihre Mitteilung enthielt für mich nichts
Neues. Ganz Paris ist erfüllt vom Ruhm Cagliostros, den die Einen für
einen geschickten Taschenspieler, die Andern für einen Zauberer halten.
Daß der Kardinal Rohan ihm verfallen ist, daß der Marquis Montjoie in
Straßburg ein Laboratorium einrichtete, um die Kunst des Goldmachens von
dem mysteriösen Fremden zu erlernen, -- das ist das Tagesgespräch in den
Salons, und Cagliostro kann sicher sein, mit dem Ruhm, der ihm jetzt
vorangeht, Paris zu erobern. Eine Gesellschaft, die zu Madame Bontemps
strömt, um sich aus dem Kaffeesatz wahrsagen zu lassen, die an Stelle
geistreicher Konversation Sitzungen mit Somnambulen treten läßt, ist
reif für diesen Propheten. Würden unsere Philosophen sich wohl die Mühe
gegeben haben, den Glauben zu vernichten, wenn sie geahnt hätten, daß
sie dadurch nur dem Aberglauben die Wege bereiten?! Je mehr die Furcht
vor der Wirklichkeit wächst, desto mehr flüchten die Feigen in das Reich
phantastischer Träume.
Sie werden vom Mißerfolg meiner Tragödie »Der Tod des Cajus Gracchus«
gelesen haben. Der Ernst erschreckte das Publikum; es verträgt den Witz,
ja die Satire, es lacht über sich selbst und über unsere politischen
Zustände, wenn man sie ihnen auch in Form der drastischsten Karikaturen
vorführt, aber es wird nie verstehen wollen, daß die Komödie im Grunde
ein Trauerspiel ist.
Herr Necker scheint alle Mittel seiner Weisheit erschöpft zu haben, ohne
es vor der Öffentlichkeit zugeben zu wollen. Herrn Linguet, der in
seiner Zeitschrift nicht aufhört, die Maßnahmen des Generalkontrolleurs
lächerlich zu machen, ist zwar in der Bastille Gelegenheit geboten
worden, für seine literarischen Sünden Buße zu tun, aber jedermann weiß
--, er selbst am genauesten --, daß der Hof seine gepfefferten Aufsätze
mit Vergnügen liest. Ich bin kein Anhänger der steifen Würde Herrn
Neckers, noch weniger der geistreichelnden Charakterlosigkeit des Herrn
Linguet, der nur Leute zu blenden vermag, die des Tageslichts ganz und
gar entwöhnt sind, aber angesichts der Möglichkeit der Verabschiedung
Neckers kann ich mir nicht verhehlen, daß, wer auch sein Nachfolger sein
mag, er sicher nur noch unfähiger sein wird, Frankreich vor dem Ruin zu
retten.
Ist es nicht auch ein Zeichen bedenklichen Niedergangs, daß ich an die
reizendste aller Marquisen schreibe, als wäre sie ein alter Diplomat?
Wahrhaftig, der Franzose verlernt es, in seinem Klub- und
Kaffeehausleben mit schönen Frauen Konversation zu machen. An Stelle der
Kunst der Unterhaltung tritt der schlechte Stil der Journale oder der
rohe Jargon der Grisetten.
Der Dienst, schönste Frau, führt mich in nächster Zeit nach dem Elsaß.
Sie würden sich einer geistigen Lebensrettung rühmen können, wenn Sie
mir auch nur für wenige Tage Aufnahme gewähren. Allein die Hoffnung, Sie
zu sehen, Ihre kleine Hand ehrfürchtig an die Lippen ziehen zu dürfen,
entreißt mich schon der morosen Stimmung. Die Gegenwart vergessen, indem
man sie genießt, ist schließlich die beste Philosophie.
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, am 20. März 1781._
Teuerste Delphine. Wie ich Adam beneide! Er wurde zwar gleich mir nach
einer Zeit, die zeitlos war, darum so lang wie die Ewigkeit und so kurz
wie ein Augenaufschlag, aus dem Paradiese vertrieben --, aber er hatte
doch die verbotene Frucht genossen!
Habe ich Ihnen nicht wochenlang treu gedient? sogar das Grauen vor dem
unheimlichen Gast Ihres Hauses überwunden, um Ihnen im Kampf gegen diese
Riesenspinne beizustehen, die unsichtbar ihre Fäden um Sie zieht.
Habe ich in Ihren neuen Parkanlagen nicht den Obergärtner, beim Ausbau
Ihres Pavillons nicht den Architekten gespielt, wobei ich die süße
Hoffnung nährte, daß diese Grotten und Lauben, daß diese rosiggoldene
Venusmuschel mir einmal mehr zu bieten hätte als künstlerischen Genuß?
Unser Jahrhundert ist ein mit den köstlichsten Gütern reich beladenes
Schiff, das einem fremden Erdteil zusteuert, um, vom Orkan getrieben, an
seinen Felsen zu zerschellen. Aber mag all sein Reichtum dabei zugrunde
gehen, wenn nur gerettet wird, was zur höchsten Blüte sich entfaltete:
die Kunst der Liebe. Und Sie, geboren zu ihrer Hüterin, wollen ihr jetzt
schon treulos sein? Heißt das nicht, den Barbaren die Zukunft
überlassen? Sollten nicht gerade wir, die Kinder einer sterbenden
Epoche, noch jede Glücksmöglichkeit erschöpfen, damit sie im
rotglühenden Glanze des Abendrots untergeht, und nicht unter grauem
Himmel und kühlen Regentränen?
O, es ist bitter für den Grafen Guibert, als Ersatz für die Liebe über
Liebe philosophieren zu müssen! Ich würde ganz darauf verzichten, ich
würde vor allem Ihren Wunsch, Ihnen nicht von Gefühlen, sondern von
Literatur und Politik zu erzählen, unerfüllt lassen, wenn nicht Ihre
leuchtenden Augen, Ihr roter Mund, Ihre kleinen weichen Hände, Ihre
reizende mit holder Koketterie gekleidete Gestalt mich überzeugt hätten,
daß Sie mit den politisierenden Damen des Palais-Royal nichts, aber auch
gar nichts zu tun haben. Einer Delphine Montjoie werden diese Dinge
nicht zum Lebensinhalt; sie dienen ihr nur, um ihren Geist zu entfalten,
ihre Empfindung zu vertiefen, wie Blumen und Bänder, Seidengewebe und
Edelsteine ihr dienen, um ihren Reiz zu erhöhen.
In diesem Sinne ergebe ich mich sogar in das Schicksal eines bloßen
Chroniqueurs.
Von Neckers Rechenschaftsbericht, den schon alle Welt in Händen hat,
brauche ich Ihnen kaum noch etwas zu sagen. Er ist das, was ich von
einem Manne, der Klugheit, aber keine Größe besitzt, erwartete: eine
geschickte Verschleierung der Tatsachen, ein Ablenken des Unwillens über
eine allgemeine Mißwirtschaft auf die Häupter von wenigen Mitschuldigen.
Das Volk, oder vielmehr diejenigen Kreise, die sich heute als Volk zu
bezeichnen lieben, -- Advokaten, Zeitungsschreiber, Krämer und
deklassierte Aristokraten --, jubelt, die Parlamentsräte, die
Intendanten und Generalpächter, denen Necker einige Wahrheiten sagt,
sind empört. Es wird sich wahrscheinlich wieder einmal zeigen, daß in
der Politik nicht die Mehrheit der Menschen, sondern die Macht des
Geldes den Ausschlag gibt, um so mehr, als die Königin des Sparens müde
ist und Necker zu Fall bringen wird, wenn nicht der Graf Cagliostro sich
sehr beeilt, auch ihr die Kunst des Goldmachens zu lehren.
Sie sehen: meine Gedanken kehren trotz allen Sträubens immer wieder zu
dem »Meister« zurück. Niemand konnte ihm skeptischer, ja feindseliger
gegenübertreten als ich, vor allem, seit ich sah, wie er den Marquis und
den Kardinal zu bloßen Werkzeugen seines Willens gemacht hat, und wie
sehr Sie um seinetwegen litten. Trotzdem --, ich bin außerstande, ihn
kurzerhand als einen raffinierten Betrüger abzutun. Er hat mir Dinge aus
meiner Vergangenheit gesagt, die nur ich wissen konnte; er hat
Prophezeihungen ausgesprochen, die nicht in die Rubrik billiger Träume
zu verweisen sind; er hat Saiten in mir zum Klingen gebracht, die mir
früher wie bloße Rudimente kindlicher Geistesbeschaffenheit erschienen
und von denen ich glaubte, daß die Voltaire und die Holbach sie längst
zerrissen hätten.
Wissen Sie noch, wie ich am letzten Abend vor dem Pavillon über den
»Goldmacher« zu scherzen versuchte, um Ihre Angst zu zerstreuen? Keine
Wolke trübte den strahlenden Himmel; purpurn senkte sich der Sonnenball.
Da fiel auf einmal ein langer dunkler Schatten über den Rasen vor uns
bis zum Teich; die Schwäne schlugen mit den Flügeln, Sie zogen fröstelnd
das weiße Tuch um die Schultern -- Cagliostro war vorübergegangen.
Ich wollte, Sie wären in Paris, teuerste Frau!
Marquis Montjoie an Delphine.
_Paris, am 25. Mai 1781._
Meine liebe Delphine! Kaum hier angekommen, bin ich Zeuge eines
»umwälzenden Ereignisses« geworden, -- genau wie Cagliostro es
vorausgesagt hat. Ein neuer Beweis, der seinen Eindruck auf Sie nicht
verfehlen dürfte!
Necker erhielt seine Demission, nachdem alle Welt zum Dank für die
erstaunliche Leistung eines Plus von zehn Millionen im Staatsschatz
mindestens seine Standeserhöhung und seine Ernennung zum Minister
erwartet hatte. Sie wissen, daß er mich den Genfer Bankier nie vergessen
ließ, daß ich aber zugleich großes und, wie sich herausstellte,
berechtigtes Vertrauen in seine Geschäftsklugheit gehabt habe. Leider
war er den Herren Finanziers und Generalpächtern, die immer mehr das
große Wort führen, je mehr sie unsere Güter, unser Vermögen, unsere
Bildung sich aneignen und sogar den König dadurch zu täuschen versuchen,
viel zu klug. Sie sind es in der Tat, die Necker gestürzt haben. Wie
stark muß ihr Einfluß sein, daß dergleichen geschehen konnte.
Ich war Sonntag inmitten der Stadt, als die Nachricht sich verbreitete.
Alles war aufs äußerste konsterniert. Die Promenaden, die Cafés waren im
Augenblick überfüllt, aber es herrschte überall eine fast beängstigende
Stille. Man sah sich vielsagend an, man drückte einander teilnehmend die
Hand, als stünde man vor einer allgemeinen Katastrophe. In den nächsten
Tagen entwickelte sich eine förmliche Völkerwanderung nach Saint-Quen,
wohin Necker und seine Familie sich sofort zurückgezogen hatten. Man
bemerkte die Herzöge von Orléans, von Chartres, von Choiseul und
Richelieu, sogar den Erzbischof von Paris, und sah darin eine offene
Parteinahme wider den König, die von neugierigen Massen vielfach lebhaft
applaudiert wurde.
Am Abend kam es in der Comédie Française zu turbulenten Szenen. Man gab
La partie de chasse de Henri IV. Bei den Worten des Herzogs von
Bellegarde »sprechen Sie mit Respekt von einem so großen Minister!«
brach das Publikum in minutenlange Bravo-Rufe aus, und bei dem Ausruf
Heinrichs IV. »die Grausamen! Wie konnten sie mich um diesen Mann
betrügen!« weinte alles.
In der Oper kam es am selben Abend zu einem lärmenden Auftritt, als ein
Kavalier seiner Freude über den Rücktritt Neckers allzulauten Ausdruck
gab, und Herr von Bourboulon, dessen Broschüre den Generalkontrolleur
wegen seines Rechenschaftsberichts der Fälschung zieh, kann sich
öffentlich nicht sehen lassen, ohne insultiert zu werden. »Nun ist
Frankreich verloren,« hörte ich auf offener Straße einfache Leute
tränenden Auges zu einander sagen.
Ich kann nicht leugnen, daß ich Ähnliches empfinden würde, wenn ich
nicht in letzter Zeit zu neuen Hoffnungen mich berechtigt glaubte, von
denen ich nur bedauern kann, daß sie nicht auch die Ihren sind. Herr von
Saint-James war nicht wenig verblüfft, als ich einen Teil meines
Kapitals kündigte; er warnte mich vor Schwindlern, woraus ich entnahm,
daß mein Verkehr mit Cagliostro nicht unbekannt geblieben ist, aber,
meiner Abmachung mit dem Grafen getreu, habe ich mit keiner Silbe
erwähnt, was ich nun schon Dutzende von Malen mit eigenen Augen sah: daß
ein Louisd'or sich in der Glut des geheimnisvollen Feuers verdoppelte
und verdreifachte. Ich habe bei Gelegenheit des Besuches auch Ihren
Wunsch erfüllt und Ihr kleines Kapital aus dem Geschäft zurückgezogen.
Ich hoffe, Sie werden es in ein paar Boutons für Ihre rosigen Ohren oder
in eine Kette um Ihren weißen Hals verwandeln --, andernfalls würde mir
diese Laune der schönen Marquise nicht ganz verständlich sein. Fast
soviel als es ausmacht, habe ich bereits für Sie ausgegeben: Spitzen,
Seidenstoffe, Hüte und Häubchen für Ihre reizende Person, entzückende
kleine Möbel für den Pavillon -- Ihren goldenen Rahmen -- gehen heute
nach Froberg ab.
Werden Sie jemals wieder daran denken, sich für mich zu schmücken, meine
liebe Delphine? Sie haben keinen Liebhaber, -- obwohl ich nur der Gatte
bin, glaube ich, es behaupten zu können! -- würden Sie nicht,
versuchsweise, einmal mit mir vorlieb nehmen?! Ich heiratete Sie, weil
Sie mich entzückten, Ihre junge Schönheit meiner Eitelkeit schmeichelte.
Aber jetzt, Delphine, werbe ich um Sie, weil ich Sie liebe. Ich bin kein
schmachtender Anbeter; ich kann Sie nicht einmal mit der ergreifenden
Geschichte meiner Gattentreue rühren. Treue ist eine bourgeoise Tugend,
die nach Frondienst schmeckt. Aber ich werde vermögen, was kein anderer
vermag: Ihnen alle Herrlichkeit der Welt zu Füßen zu legen.
Marquis Montjoie an Delphine.
_Paris, am 3. Juni 1781._
Meine Liebe! Die Nachricht von Ihrer Abreise nach Spa, die Mitteilung
von dem längeren Besuch, den Sie nach dem Badeaufenthalt Ihrer Freundin
Clarisse machen wollen, -- eine Freundschaft, der Sie sich gerade jetzt
zu erinnern belieben! -- ist die deutlichste Antwort auf meinen letzten
Brief.
Ich kann warten! Der Meister sagte mir, als wir die letzte Sitzung
miteinander hatten: sie kommt wieder. Ich glaube ihm. Erholen Sie sich,
amüsieren Sie sich, lassen Sie Dutzende von Männern zu Ihren Füßen
schmachten. Mir soll es recht sein, denn -- Sie kommen wieder!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 18. Juli 1781._
Soeben erfahre ich von meiner Schwester, daß Sie, Holdseligste, endlich
einer Einladung nach Chateau Larose folgen wollen. Sie ist entzückt; ich
bin es noch mehr; und meine Neugierde kennt vollends keine Grenzen, denn
die Marquise Delphine ist ein Rätsel, das einem Mann, der das Geheimnis
»Weib« ganz zu ergründen geglaubt hatte, immer aufs neue zu lösen übrig
bleibt.
»Die Marquise Montjoie hat den Schleier genommen,« wußte die kleine
Lamballe noch vor einem Jahre mit dem himmlischsten ihrer
Augenaufschläge zu berichten. Ich erschrak. Aber meine Phantasie
arbeitete bereits an der entzückendsten aller Klosterentführungen.
»Die reizende Delphine ist des Grafen Cagliostro Adeptin,« erzählte
wenige Monate später der Baron Wurmser bewundernd, als ob Sie es noch
nötig gehabt hätten, das Zaubern zu lernen. Ich war empört. Und mein
Entschluß stand fest, den Hexenmeister zu entlarven, um ihm sein Opfer
entreißen zu können.
»Wissen Sie, wer der Marquise Montjoie einziger Liebhaber ist?« lachte
Herr von Vaudreuil, als er im vorigen Winter in Straßburg gewesen war,
»der Herr Marquis!« Ich war verzweifelt. Denn nun erst schienen Sie mir
verloren.
Und jetzt erfahre ich von Ihrem Hofstaat in Spa, zu dem der Marquis
nicht gehört, -- denn ich sehe ihn in Paris im Gefolge Cagliostros --,
von Ihrer bevorstehenden Ankunft in Larose -- allein!
Versailles ist tot, seitdem der Zustand der Königin uns zur Tugend
zwingt. Aber selbst wenn es im höchsten Glanze strahlt, selbst wenn alle
Marmorgöttinnen seiner Gärten lebendig geworden wären, nur um mich zu
umarmen, -- Larose erschiene mir, von Delphine bewohnt, als der Himmel
auf Erden -- vorausgesetzt, daß es nicht der der Heiligen und der
Erzengel, sondern der der Houris und der Grazien ist.
Ich werde kurz vor Ihnen in Larose eintreffen, um nicht nur des Vorzugs
zu genießen, die holde Delphine aus dem Wagen heben zu können, sondern
um auch der Erste zu sein, der Ihnen das neueste gesellschaftliche
Ereignis von Paris zu berichten vermag: die Eröffnung des Hotels
Dervieux in der rue Chantereine, eines Meisterwerks von Bellanger. Die
jüngste und schönste Dienerin Terpsichores wird dank der Gunst des
Prinzen von Soubise seine Herrin sein, und ich rühme mich, sie entdeckt
zu haben. Daß sie schön ist, wird die Marquise Montjoie mir glauben; wer
könnte, der Sie kennt, mit einem anderen Maßstab messen, als dem Ihren?
Für den Geist der Kleinen zeugt dies Bonmot: Ein junger Mann bewarb sich
um sie. Sie wies ihn ab. Er kam immer wieder; schließlich schrieb er
flehend: »Gewähren Sie mir nur als Almosen Ihre Gunst.« Sie erwiderte
auf rosigem billet-doux-Papier: »Ich bedaure lebhaft, mein Herr, ich
habe schon meine Armen.« Sie werden mir zugeben, schönste Frau, daß Guy
Chevreuse, dank der Erziehung durch Sie, auf der Höhe seines guten
Geschmacks geblieben ist.
Je mehr die Gelehrten sich über die Entdeckungen neuer Wunder der Chemie
und der Physik den Kopf zerbrechen und ihrer Unsterblichkeit die Genüsse
ihrer Sterblichkeit opfern, desto mehr fühle ich es als heilige Pflicht,
der gräßlich ernsthaft werdenden Menschheit Quellen der Freude zu
erschließen, auch wenn mein Dank dafür in nichts besteht, als im jus
primae noctis. Das ist lateinisch, schönste Frau; ich lernte die drei
Worte, in denen sich meine ganze Kenntniß der klassischen Sprache
erschöpft, von Herrn von Beaumarchais und bitte Sie, sie sich von ihm
--, der mit uns in Larose und mein gefährlichster Nebenbuhler sein wird!
-- erklären zu lassen.
Übrigens wird noch eine dritte Schülerin von L'Abbaye aux Bois unter den
Gästen sein: Die Prinzessin d'Hénin. Es wird also an Beweisen dafür
nicht fehlen, daß trotz Rousseau und seiner jüngsten Nachfolgerin in der
Predigt von der freien und naturgemäßen Kindererziehung der Madame
d'Epinay die des Klosters noch immer die beste ist, sie gab uns die
reizendsten, die vorurteilslosesten, die liebenswertesten Frauen. Mit
einer Grazie ohnegleichen hat sich die Prinzessin in das Verhältnis
ihres Gatten zu Mademoiselle Arnould gefunden. Als eine Tugendhafte aus
dem Salon Necker sie kürzlich bedauern wollte, sagte sie achselzuckend:
»Was wollen Sie?! Mir sind Männer, die nichts zu tun haben,
antipathisch. Der Prinz hat doch nun wenigstens eine Beschäftigung.«
»Hat er denn keinen andere?« frug die Tugendhafte malitiös. »Bei mir
jedenfalls nicht!« antwortete lächelnd die Prinzessin.
Ich greife schleunigst nach Siegellack und Petschaft, ich gerate ja fast
in die Gefahr, meinen Witz noch vor unsrer Begegnung zu erschöpfen, und
wollte ihn doch, als Strahlenbündel verpackt, nach Larose mitnehmen, um
in blendender Gloriole vor Ihnen, Holdseligste, dazustehen.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
_Paris, den 11. Oktober 1781._
Wer Larose mit Paris vertauscht, ist weit mehr ein Sträfling, als wer
die Freiheit der Hauptstadt mit den Ketten der Bastille vertauschte. Ich
sitze vor dem Schreibtisch, statt vor der schönsten Frau Frankreichs,
ich schaue durch trübe Scheiben auf Häusermauern, statt durch grüne
Blätter auf blauen Himmel, und -- Schrecken aller Schrecken! -- ich lese
Figaros Streiche einem Haufen hirnloser Komödianten vor, statt der fine
fleur der Pariser Gesellschaft. Noch klingt mir Ihr perlendes Lachen im
Ohr, -- als ein gellender Mißton drängt sich die Kritik hochmögender
Kollegen dazwischen, die zwar nichts besser machen, aber alles besser
wissen wollen.
Es gibt Leute unter ihnen -- à la Demoines, der der Dubarry Tugendkränze
flocht und Ludwig XVI. so lange versichert hat, daß er ein Genie ist,
bis er es selber glaubt --, die angesichts meiner Komödie um die
Sicherheit des Staats und um die guten Sitten der Pariser zittern. Ich
tröste mich; denn noch haben alle, die ihre Feder zum Schwerte
schliffen, den Vorwurf ertragen müssen, daß sie Zustände schaffen,
während sie lediglich den Mut hatten, deren Vorhandensein aufzudecken.
Wie die ängstlichen Bedenken literarischer Streber mir bestätigen, daß
mein Stück gut ist, so bestätigt mir der lebhafte Beifall, den seine
Vorlesung bei dem alten Kanzler Maurepas vor einer Gesellschaft
ehrwürdiger Kirchenfürsten fand, daß Figaro recht hat, mit der
Narrenpeitsche auf die Almavivas einzuschlagen. Oder finden Sie nicht,
daß sogar ein simpler Barbier dunkler Herkunft sich erlauben kann, die
Gesellschaft zu verachten, die den Aussatz, an dem sie leidet, bloß --
komisch findet?!
Sie haben recht, klügste aller Marquisen: Beaumarchais und Figaro sind
identisch, -- »Herr da und Knecht dort, wie es dem Glücke gefällt,« --
und ich meine alle Maurepas, für die Frankreich nur da ist, damit sie
Minister sein können, und alle Rohans, die mir die Herausgabe der Werke
Voltaires verbieten und damit Voltaire selbst glauben vernichtet zu
haben, wenn Figaro zu Almaviva sagt: »weil Sie ein großer Herr sind,
meinen Sie ein großes Genie zu sein. Adel, Vermögen, Rang, Würden, all
das macht stolz. Aber was haben Sie geleistet für so viel
Herrlichkeiten? Sie haben sich nur die Mühe genommen, geboren zu werden!
Im übrigen ein Alltagsmensch, während ich, im dunklen Haufen verloren,
nur um mich fortzubringen, mehr Witz und Wissen aufwenden mußte, als
man in den letzten hundert Jahren verbraucht hat, um den Staat zu
regieren.«
Sie haben aber unrecht, wenn Sie sagen: Figaro wird die Bühne nie
betreten. Er wird, Frau Marquise, er wird! Schon habe ich Madame Campan
eine Abschrift meiner Komödie in die Hände gespielt und sie hat sie dem
König und der Königin vorgelesen. »Das ist abscheulich! Das ist
unanständig!« hat Ludwig XVI. nicht aufgehört zu versichern. »Man wird
das Stück nicht aufführen,« hat er mit der ganzen Autorität des
absoluten Monarchen hinzugefügt. Ist das nicht ein Riesenerfolg, eine
sichere Gewähr für die Aufführung?! Der König will nicht, daß Figaros
Hochzeit gespielt wird; ich aber schwöre, sie wird gespielt werden und
wäre es auf dem Chor von Notre-Dame!
Das Antichambre will in den Salon, Frau Marquise, und Figaro reißt zu
dem Zweck die Flügeltüren auf.
Sie glauben mir nicht? Sie weisen mich wieder darauf hin, mit welcher
Begeisterung die Geburt des Dauphin begrüßt worden ist, wie »das Volk«
Vivat schrie, wie »das Volk« den Namenszug des Neugeborenen als Broschen
und Busennadeln trägt. Was ist »das Volk?!« Einmal ein Haufe
märchenseliger Kinder, die in jedem Prinzlein einen Erlöser verzauberter
Prinzessinnen sehen, das andere Mal eine Herde blutdürstiger Raubtiere,
die Tauben mit derselben Gier verschlingen, wie Wildkatzen.
Sie wünschen noch ein Pariser Ragout? Cagliostro macht glänzende
Geschäfte. Er ist, bei Gott, ein großer Erzieher, denn er beweist, daß
man nur die Frechheit haben muß, Glassplitter für Edelsteine auszugeben,
um alle Narren -- d.h. die Mehrheit -- glauben zu machen, daß sie es
wirklich sind.
Die Redoute chinoise ist im Beisein der besten Gesellschaft eröffnet
worden. Ein Variété, wo man Dirnenlieder singt und Vagabundengeschichten
erzählt, eine Bildungsanstalt also, die bestimmt ist, in den Theatern
für »das Volk« Platz zu machen. Die Übersättigten kehren bekanntlich
immer zum Schweinefett als zu einer Delikatesse zurück.
Die Muse Rétifs de la Bretonne ist wieder einmal kläglich
niedergekommen. Für ein Siebenmonatskind ist das Kleine recht lebhaft,
und dabei von einer Natürlichkeit --! Zeigten seine älteren Geschwister
nur den völlig feigenblattlosen Körper, so geht das jüngste so weit,
auch seine primitivsten Funktionen blos zu stellen. Sein Erfolg ist
selbstverständlich enorm. Ist das am Ende ein Beweis für unser
Greisentum? An Exhibitionen berauschen sich immer nur Zeugungsunfähige.