Während eines unserer letzten langen Gespräche sagten Sie: »Wie viel

glücklicher sind Homers Zeitgenossen gewesen als wir! Jeder Baum und

jede Quelle war von Dryaden und Nymphen bewohnt; für uns ist sogar der

Himmel leer geworden!« Ersetzt nicht aber unser Wissen den verlorenen

Glauben, ist es notwendig, die Leere wieder mit Phantomen zu füllen,

auf Hexenmeister und Zaubersprüche zu vertrauen, wie im dunkelsten

Mittelalter? Sie sind müde, teuerste Delphine, von schlaflosen Nächten,

erschöpft von selbstquälerischen Gedanken; sonst würden Sie nicht an all

der Erkenntnis irre werden, die Sie vor kurzem noch reich und stark

gemacht hat. Sie arbeiten an dem gräßlichen Werk der Selbstzerstörung,

und das alles um eines Geschöpfes willen, das schlimmer ist als ein

Tier. Noch einmal flehe ich Sie an: bringen Sie diesem Kinde, das kein

Lebensrecht besitzt und in einer Anstalt für Unheilbare am besten

untergebracht wäre, nicht sich selbst zum Opfer. Ich weiß, Sie antworten

wie so oft: »Was habe ich dann noch vom Leben?« Das Leben, Delphine! Als

Ihr Freund, der seinen kühnsten Traum, Ihr Führer in eine neue Welt sein

zu dürfen, begraben hat, spreche ich zu Ihnen.

Sie klagen um die entgötterte Welt. Und doch gibt es eine Macht, die

alle Götter Himmels und der Erde zu ersetzen vermag. Sie sieht tiefer in

die Herzen der Menschen, als sie selber sehen, sie gewährt sichereren

Schutz, als je ein Gott hat gewähren können, und verleiht stärkere Kraft

als der Glaube, der Berge versetzte. Weil ich mich ihr ergab, von dem

Augenblick an, da Delphine Laval in mein Leben trat, habe ich in Ihrem

Innern lesen können, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ich fand ein

verschüttetes Gefühl, eine schlafende Hoffnung; die Glut meiner Sinne

malte mir ein leuchtendes Bild eigenen Glückes, so daß ich nicht sehen

wollte, was ich sah. Jetzt, da ich weiß, daß ich die Frau, die ich mit

der ganzen Kraft meines Herzens liebe, nie mein eigen nennen kann, will

ich sie wenigstens vor ihrem größten Feinde, sich selber, retten.

Sie lieben. Ihr Stolz verbietet Ihnen nur, es sich einzugestehen. Sie

hoffen. Ihr krankes Gewissen hindert Sie nur, diese Hoffnung zu Ihrer

Lebenskraft werden zu lassen. Haben Sie den Mut zu sich selbst. Erhalten

Sie sich dem Manne, der in die Fremde ging, weil er sich von Ihnen

verlassen glaubte.

Jedes Wort, das ich schreibe, stößt mir den Stahl tiefer ins Herz.

Einerlei. Meine erste Aufgabe im Leben ist Ihr Glück.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 18. September 1778._

Wie soll ich Ihnen danken für die Wohltat Ihrer Zeilen, teuerste

Delphine, die am deutlichsten durch das sprechen, was sie verschweigen.

Sie nennen mich Ihren einzigen Freund, denn nur Freundschaft, sagen Sie,

vermag selbstlos zu sein. Sie wollen mir dadurch beweisen, daß ich mich

über meine eigenen Gefühle täusche --! Ich soll Ihnen weiter ein Freund

sein, soll Ihnen sagen, wie es mir geht.

Ich möchte darauf nicht mit banalen Phrasen antworten, sondern lieber

versuchen, unsere Gespräche von einst fortzusetzen, also möglichst

unpersönlich zu sein. Die Eindrücke, die ich bei der Rückkehr in meine

alten Kreise empfing, sind bedeutungsvoll genug, um Ihnen dargestellt

werden zu müssen.

Seit dem Tode unserer großen Vorkämpfer herrscht eine tiefe Depression

der Geister. Wir sehen uns einer neuen Generation gegenüber, finden eine

beunruhigte, fiebernde, auch oft sentimentale Menge, in der das Vulgäre

dominiert. Die wenigen Alten, die blieben, haben an Kraft und Einfluß

verloren, sind in Cliquen zerrissen. Sollte die Zeit der Enzyklopädisten

vorüber sein, ohne daß aus ihrem Samen die Frucht erwächst, für die wir

allein gearbeitet haben?

Die Verfolgungen früherer Tage haben sie groß und stark gemacht. Um sich

vor ihnen zu schützen, galt es alle Kräfte anzuspannen, galt es, sich

fest zusammenzuschließen und mit dem Feuer ernster Überzeugung die

geistige Welt zu erobern. So nur konnte im brandenden Meer des

öffentlichen Lebens der Leuchtturm der Enzyklopädie errichtet werden,

von dessen Spitze seine Erbauer das ganze Universum übersahen und allen

Schiffen Richtung gaben. Ist nicht schon das Eine bezeichnend genug, daß

die Männer, die dieses Werk geschaffen haben, heute für den Mercure de

France Tagesartikel schreiben?!

Dann kam die Zeit, wo Europa die Verfolgten zu ihren Helden machte, wo

der Ruhm eines Voltaire, eines Montesquieu, eines Rousseau über die

Scheiterhaufen, auf denen ihre Bücher immer noch verbrannten,

triumphierte, wo unterdrückte Menschlichkeit, vergewaltigte Unschuld bei

dem Patriarchen von Ferney Zuflucht fand, und in seinem Namen Vernunft

und Gerechtigkeit oft genug über alle Gewalthaber der Welt den Sieg

errang.

Die Verfolgungen ließen nach; einige Prinzipien der Philosophen

gelangten zu allgemeiner Anerkennung, ihre Ideen hatten sich, wie die

Samenfäden von Bäumen und Blumen, von ihnen losgelöst und erfüllten die

Luft. Aber indessen lockerte sich die Einheit der Menschen; Rousseaus

Trennung von den Enzyklopädisten machte die innere Zerrissenheit zu

einem öffentlichen Skandal. Seine Opposition gegen den Materialismus

Holbachs und seiner Anhänger zeigte deutlich, daß auch die mit solcher

Sicherheit verkündeten Überzeugungen und Erkenntnisse auf schwankendem

Boden stehen.

Die Vertreter der Kirche und der Regierung, ja der Hof von Versailles

selbst hörten auf, die Philosophen zu fürchten. Voltaires Triumphtag in

Paris war seine Niederlage.

Als ich mich gestern, in meine pessimistischen Gedanken verloren, im

Café de la Régence befand, traf ich Herrn Gaillard, mit dem ich mich

lange unterhielt. Er lachte über meine Niedergeschlagenheit -- kein

freudiges, sondern ein hartes Lachen. »Was tut's, daß Rousseau ein

Schwächling, Voltaire ein Verräter seiner eigenen Lehre war,« sagte er,

»die Ideen der Denker zeugen erst die Männer der Tat.« Ich glaubte, er

spiele auf Necker an, dessen Tätigkeit im Volk eine so laute Anerkennung

findet. Er lachte noch einmal. »Necker?!« rief er höhnend, »ein Mensch,

der in seinen Schriften und öffentlichen Reden dem Volke schmeichelt,

und im geheimen mit dem König die Waffen des Despotismus schleift!«

Am Abend führte er mich in seinen Klub, wo ich Zeuge leidenschaftlicher

Diskussionen war. Junge Leute aus dem Bürgerstande überboten sich in

wüstem Geschimpf auf alles Bestehende. Religion, Monarchie, Kunst,

Frauen, selbst der sonst so verherrlichte amerikanische Freiheitskrieg,

-- nichts blieb von ihrem bitteren Spott verschont. Mißmutig wandte ich

mich zum Gehen; Gaillard begleitete mich. »Sind das Ihre Männer der

Tat?« frug ich ihn. »Gewiß,« antwortete er; »um bauen zu können, muß man

erst einreißen.«

Vor dem Palais-Royal begegneten wir übrigens dem Marquis, der sich zu

spät in seinen weiten Mantel hüllte, um nicht erkannt zu werden. »Er ist

ein häufiger Gast in den Hinterzimmern meiner Mutter,« sagte Herr

Gaillard. Mir scheint, teuerste Delphine, daß eine solche Entdeckung

Sie vollends jeder Rücksicht entbindet. Ich werde natürlich nicht

versäumen, seiner Spur zu folgen, um Ihnen eine sichere Handhabe gegen

ihn liefern zu können.

In vier Wochen also entscheidet sich das Geschick des Kindes; ich nehme

an, Herr Mesmer wird klug genug sein, diese Entscheidung um abermals

vier Wochen hinauszuschieben!

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 25. September 1778._

Ihre Rückkehr, verehrteste Marquise, hat mich mit den schönsten

Hoffnungen erfüllt. Paris ist sehr öde geworden in den Jahren, die Sie

fortgewesen sind. Der Salon Necker konnte, das brauche ich Ihnen kaum

noch zu versichern, Menschen wie mir kein geistiges Obdach bieten. Sie

selbst fühlten sich, wie ich bemerkte, recht unbehaglich im Kreise des

Hauses, neben dem sentenzenreichen, tugendstolzen Minister, der

nüchternen klugen Frau, dem frühreifen Töchterchen, dessen

schriftstellerische Leistungen die Gäste zu bewundern genötigt wurden.

Die Luft des achtzehnten Jahrhunderts weht hier nicht, und wenn es die

des neunzehnten sein sollte, so möchte ich es nicht erleben.

Übrigens ist der Salon Necker typisch für alle jene vielen anderen, die

heute, dank ihres Reichtums, den Ton angeben, Künstler protegieren und

Kunstwerke sammeln. Wie ihre Frauen sich nur für die anderen anziehen,

in der Intimität der Familie aber den ganzen Tag im Negligé bleiben, so

schmücken sie ihre Zimmer mit berühmten Namen nicht zur Bereicherung

ihres eigenen Lebens, sondern für den Eindruck nach außen. Sie können

nicht anders, daher verzeihe man ihnen. Daß aber Künstler und

Schriftsteller von Ruf sich dazu hergeben, ist ein trauriges Zeichen

geistiger Dekadenz.

Das Theater bestätigt diesen Zustand, wie Sie gestern gesehen haben. Wir

besitzen keine Schauspiele und keine Schauspieler mehr. Kleine Talente

mit etwas Esprit aber ohne Geist. Raffinierte Dekorationen und reizende

entblößte Glieder sollen uns darüber trösten, daß die Stücke nichts als

Mittel zu diesen Zwecken sind.

Ich schlage Ihnen vor, schönste Frau, all diese mäßigen Vergnügungen

aufzugeben und unsere jählings unterbrochenen Ritte in die freie Natur

wieder aufzunehmen. Wenn wir auch gut tun, uns nicht allzu weit von

Paris zu entfernen, -- seit dem trockenen Sommer dieses Jahres, der

Mensch und Vieh mit der berechtigten Angst vor einer Hungersnot dem

Winter entgegengehen sieht, -- muß man sich von den erregten Landleuten

fern halten. Obwohl Grundbesitzer und Finanziers einander überbieten,

durch Verteilung von Geld und Nahrungsmitteln, Gründung von Hospitälern

und Asylen der Not abzuhelfen, läßt die Hast, mit der es geschieht, so

viel mehr auf Angst als auf Menschenliebe schließen, daß die Empörung

der Geister dadurch eher geschürt, als unterdrückt wird. Auch werden

jene frommen Seelen immer seltener, die sich mit Wohltaten abspeisen

lassen, während die Ideen der Menschenrechte schon ihre Köpfe erhellen.

In meiner Begleitung werden Sie trotzdem nichts zu fürchten haben, und

ich darf hoffen, in der frischen Luft Ihre Wangen sich wieder röten zu

sehen, -- ein um so holderer Anblick, als er uns Männern durch das

stereotype Rouge, mit dem die Frauen die natürliche Farbe ihrer Haut

versteckten, ein so vollkommen neuer ist.

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 30. Oktober 1778._

Meine verehrte Frau Marquise! Endlich darf ich aufatmen! Wenn Sie mich

auch noch nicht sehen wollen, so waren Sie doch gütig genug, mir durch

ein paar Zeilen Ihrer eigenen Hand zu beweisen, daß ich nicht mehr um

Sie zu zittern brauche.

Es waren entsetzliche Wochen seit unserem unglückseligen Ritt. Ich

glaubte Sie schon verloren, als ich im Rasen neben Ihnen kniete und das

rieselnde Blut aus Ihrer weißen Stirn vergebens zu stillen suchte;

obwohl Sie die schönen Augen wieder aufzuschlagen vermochten, verging

seitdem kein Tag, keine Nacht, ohne daß die Angst um Sie mir jede Ruhe

benahm. In meiner ersten Verzweiflung erschoß ich den Rappen, der Sie

trug; er starb unschuldig, aber ich hätte ihn nicht mehr sehen können.

Wie es möglich war, daß das ruhige Tier ohne jeden äußeren Anlaß über

Stock und Stein mit Ihnen davonflog, um sich schließlich beim Sprung

über die hohe Hecke zu überschlagen, ist mir noch heute ein Rätsel.

Sie waren seit langem nicht so heiter gewesen. Die mögliche Heilung

Ihres Sohnes, von der Sie erzählten, machte mich mit Ihnen froh. Und der

Herbsttag, der uns so sonnig umgab, schien nur ein Widerschein Ihrer

Freude. Ich konnte an diesem Tage nur über Dinge sprechen, bei denen

sich's lächeln läßt. Noch ganz erfüllt von der Neuigkeit, teilte ich

Ihnen mit, daß unser tapferer Lafayette mit seinen Freunden sich in

Amerika einzuschiffen im Begriffe wäre, um ihre Kräfte für den

französisch-englischen Krieg dem Vaterland zur Verfügung zu stellen. In

diesem Augenblicke sah ich Sie erblassen, sah Ihre Augen auf mich

gerichtet, als wäre ich ein Gespenst, und fort ging's in wilder Jagd,

als ob Sie stürzen wollten!

Mit bezaubernder Grazie haben Sie verstanden, während unserer Ritte das

Gespräch von dem Thema abzulenken, auf das ich es zu richten suchte.

Heute, holde Frau, wo die Freude über das Glück Ihrer Genesung mir jede

Zurückhaltung unmöglich macht, können Sie mich nicht hindern, Ihnen zu

sagen: wären Sie gestorben, auch ich lebte nicht mehr.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 3. November 1778._

Den grauen Novembernebel, der heute noch schwer auf meinem Herzen lag,

hat Ihr Atem weggeweht, teuerste Marquise. Ein Blick in Ihr Antlitz

zeigte mir, was ich Ihren Versicherungen nicht glauben wollte: nicht nur

die Wunde auf Ihrer Stirne heilt, sondern auch die Ihres Innern. Ich

vermag Sie mit meinen Zweifeln nicht mehr zu quälen, seit ich Sie

wiedersah --, so wiedersah: schlank und blaß, zwei Augen wie glühende

Kohlen unter der weißen Stirn mit der schmalen roten Narbe, um die

sehnsüchtig geöffneten Lippen ein süßes Lächeln, der Körper, der noch

matt in der Causeuse lag, in weiße Seide gehüllt, und die ganze Gestalt

vom Feuer des Kamins übergossen. »Er sagt, der Knabe wird gesund«,

flüsterten Sie und streckten mir beide Hände entgegen, »dann werde ich

frei sein, ganz frei -- für ein neues Leben!«

Sie sind wie ein gläubiges Kind. Wer hätte den grausamen Mut, ihm zu

sagen: Der Gott, zu dem du betest, existiert nicht! Ich will von nun an

mit Ihnen glauben. Am Tage der Entscheidung -- Sie sprachen vom 21.

Dezember? -- werde ich vor Ihrem Hause die Nachricht erwarten. Bis dahin

ergebe ich mich wieder in meine Verbannung.

Was ich über den Herrn Marquis erfuhr, wollen Sie jetzt nicht wissen.

»Es ist mir jetzt so gleichgültig,« meinten Sie. Aber wenn einmal Ihre

Freiheit von der Kenntnis dieser Dinge abhängt, dann vergessen Sie

nicht, daß ich zu Ihrer Verfügung stehe.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, den 20. Dezember 1778._

Sie ließen mich zu sich bitten, schönste Delphine, Sie lachten über all

die Geschichten, die ich vor Ihnen auskramte und an denen die Welt nicht

arm wird, obwohl die Menschen vor lauter Eifer, Gott und die Könige zu

entthronen, für den Unsinn keine Zeit mehr zu haben behaupten.

Hat der famose Dr. Mesmer Ihr gelähmtes Herzchen wieder zum Schlagen

gebracht oder war es die Erschütterung des Sturzes, die es aus der

Lethargie aufrüttelte? Jede einzelne Ihrer rosigen Fingerspitzen ließen

Sie mich küssen; »aber nicht als Liebhaber!« drohten Sie. Fast wäre ich

darüber schwermütig geworden, wenn ich nicht inzwischen für meinen

schrecklichen Kummer um Sie eine Trösterin mir hätte suchen müssen.

Besinnen Sie sich? Sie sahen die kleine Thévenin kurz vor Ihrem

unseligen Ritt in der Oper; sie war die jüngste der Nymphen im Ballett

La rose, hatte nichts als ein rosa Wölkchen um die Hüften, die schönsten

goldenen Haare auf dem Kopf und ebenholzschwarze an anderer Stelle.

Bitte: bedecken Sie den Mund nicht mit der Hand, ich weiß trotz Ihrer

entrüsteten Blicke, daß Sie lachen!

Ich bin der Marquise Delphine sprechender Papagei, dem alles zu sagen

erlaubt ist, vorausgesetzt, daß es die Herrin amüsiert! Und Sie sind ja

im Augenblick allein, ohne den schrecklich ernsthaften Hausphilosophen,

und ganz gewiß ohne den Herrn Marquis. Soll ich weitere Proben meiner

Künste zeigen?

Herr von Genlis überraschte neulich Mademoiselle Justine, seine

niedliche Mätresse, im zärtlichen Tête-à-Tête mit dem Marquis

Löwenstein. »Was wollen Sie, mein Herr«, sagte sie, als er ihr Vorwürfe

machen wollte; »ich gebe mir die größte Mühe, den Herrn Marquis für Ihre

Tochter zu interessieren --« Und schon am nächsten Tage war die kleine

Genlis glückliche Braut. Haben Sie ihr nicht auch eine innige

Gratulation zukommen lassen?!

Madame Chamans fand ihre siebzehnjährige Tochter vertieft in die Lektüre

der Lettres du chevalier de Saint-Ilme. Sie riß ihr entrüstet das Buch

aus der Hand. »Retif de la Bretonne«, sagte sie, »hat keine schlimmeren

Bücher geschrieben.« Die Tochter starb fast vor Lachen. Der Roman ist

nämlich von ihr!

Die Herzogin d'Anville wollte ihren Liebhaber, der an Leidenschaft

manches zu wünschen übrig ließ, mit ihren Beziehungen zu Herrn

d'Alembert eifersüchtig machen. »Er ist ein Gott!« schwärmte sie. »Ach,

Madame, wenn er ein Gott wäre,« antwortete der Liebhaber gelassen, »so

würde er damit angefangen haben, sich zu einem Manne zu machen.«

Und nun noch ein hübscher Spaß, der Paris während Ihres Krankseins

tagelang amüsierte: Ein paar polnischen Edelleuten mit besten

Empfehlungen erteilte der Graf Artois die Erlaubnis, seinen Pavillon de

Bagatelle besichtigen zu dürfen. Vor einer Marmorbüste brachen sie in

Tränen aus: »Wie gleicht sie unserer verstorbenen Schwester!«

Zuvorkommend, wie er ist, machte der Graf die Büste noch am selben

Nachmittag den Herren zum Geschenk. Sie wiederholten das gelungene

Manöver bei einer Reihe unserer Mäzene und waren, ehe man den Schwindel

entdeckte, mit ihrer reichhaltigen Kunstsammlung verschwunden.

Wenn Sie wieder lachen wollen, reizende Marquise, erinnern Sie sich

meiner, der Vorrat ist unerschöpflich und mein Bestreben, mich Ihnen

unentbehrlich zu machen, um so eifriger, als ich in der Ferne bereits

die Rüstungen unserer heimkehrenden Kriegshelden klirren höre und leider

weiß, wie oberflächlich alle Frauen sind: sie schwärmen für

blutbespritzte Röcke und übersehen dabei die im stillen blutenden

Herzen.

Übrigens bringen sie einen Harem bronzefarbener Indianerinnen mit, und

ich sehe es kommen, daß ihre Toilette, -- drei Federn auf dem Kopf und

zwanzig Ringe durch die Ohren --, die große Mode der nächsten Saison

sein wird. Sie würde Ihnen, Holdseligste, zum Entzücken stehen!

Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht: übermorgen treffen wir uns auf dem

Maskenball!

Johann von Altenau an Delphine.

_Den 21. Dezember._

Kniefällig bitte ich Sie: lassen Sie mich ein! Nach dieser Nachricht

dürfen Sie nicht allein bleiben.

»Alles ist vorbei. Ich fahre morgen mit dem Kinde nach Hause, um mich

mit ihm zu vergraben.« Dieser gräßliche Zettel kommt mir in die Hand.

Sie dürfen nicht fort. Sie müssen dem Schicksal trotzen, nicht sich ihm

ergeben. Ich weiche nicht von Ihrer Schwelle, und werde mich den Pferden

in die Zügel werfen; hören Sie denjenigen, den Sie selbst Ihren einzigen

Freund nannten.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 21. Dezember._

Sie halten sich allzulange mit der Toilette auf, Sie wollen zu schön

sein, reizende Frau; nur darum, nicht wahr, lassen Sie mich warten?

Bekomme ich keine Antwort durch meinen Jäger, so bin ich in einer Stunde

bei Ihnen und entführe meine Schöne mit Gewalt.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 22. Dezember 1778._

Es ist geschehen. Ich war es. Sie, die einzige, die es wissen, können

mich als den Mörder Ihres Kindes verfolgen lassen und noch unter dem

Galgen würde ich schwören, daß es die beste Tat meines Lebens war. Ich

habe, barmherziger als die Mutter, einem armen Idioten eine Kugel in die

Schläfe gejagt, und eine Frau, die sich selbst zum Tode verurteilen

wollte, dem Leben zurückgegeben.

Daß ich in der Nacht, als ich zum Zimmer des Kindes schlich, dem Grafen

Chevreuse begegnete, hat meine Freude gedämpft. Sie ließen ihn zwar

abweisen, aber er schien zu seinem Kommen ein Recht zu haben. Ich

bedauere Ihre voreilige Wahl, aber ich habe mich durch meine Tat aller

Ansprüche der Freundschaft, also auch der, zu warnen, begeben.

Leben Sie wohl, Delphine. Werden Sie glücklich!

CAGLIOSTRO

Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.

_Petersburg, am 2. Juli 1779._

Verehrte Cousine! Sie werden sich des blassen Jünglings kaum mehr

entsinnen, der vor Jahren in Etupes die reizendste Nymphe dem kühnsten

Schäfer vergeblich zu entreißen versuchte. Prinz Friedrich-Eugen blieb

Sieger, und auf seine Stirn neigte sie sich zum Weihekuß, während ich im

stillen Boskett meine Niederlage beweinte und tagelang den düsteren

Gedanken erwog, nächtlicherweile im schwarzen Schwanenteich zu

verschwinden.

Der plötzliche Tod meines älteren Bruders zwingt mich, meine Stellung am

Hofe des Großfürsten Paul aufzugeben, um mich der Verwaltung unserer

Güter zu widmen. Ich reise in diesen Tagen ab, und wenn der Schmerz,

meine gütige Herrin, die Großfürstin, verlassen zu müssen, durch die

Freude auf die Rückkehr in die Heimat gemildert wird, so trägt der

Gedanke an Sie, deren Schönheit und liebenswürdige Gastfreundschaft ich

oft genug rühmen hörte, viel dazu bei.

Aber ich wäre vielleicht nicht so unbescheiden, meine Ankunft in

Straßburg jetzt schon anzukündigen, wenn nicht die Großfürstin mich

beauftragt hätte, Ihnen in Erinnerung an die schöne Zeit gemeinsamer

Jugendtage in Montbéliard und Etupes die herzlichsten Grüße zu

übermitteln. »Sagen Sie der Marquise, daß Sie meinen scheidenden

Kammerherrn als meinen Freund empfangen möchte,« war sie gütig genug,

mir aufzutragen. Sie hofft, in nicht zu ferner Zeit während des lange

geplanten Besuchs in Frankreich die Beziehungen zu Ihnen wieder

anzuknüpfen. Mit aufrichtigem Bedauern hörte sie von dem

Schicksalsschlag, der Sie, teure Cousine, betroffen hat.

Mir war es besonders schmerzlich, erst nach dem entsetzlichen Ende Ihres

Kindes von seinem Leiden erfahren zu haben. Wäre ich doch imstande

gewesen, Ihnen den richtigen Arzt zu empfehlen. Vielleicht haben Sie

schon von der außerordentlichen Erscheinung gehört, die plötzlich hier

auftauchte, ohne daß jemand zu sagen vermocht hätte, woher sie kam,

welches ihr Ursprung war. Ich spreche vom Grafen Cagliostro. Er geht

umher und heilt Kranke, wie Christus; verteilt Geld unter die Armen, wie

Harun-al-Raschid, und zwingt Verstorbene, aus der Tiefe ihres dunklen

Grabes an das Licht seiner mystischen Lampe.

Sie werden ihm sicherlich noch begegnen, denn er ist überall.

In fünf bis sechs Wochen hoffe ich im Elsaß zu sein, um Ihnen meine

Aufwartung machen zu können. Empfehlen Sie mich, bitte, unbekannterweise

dem Herrn Marquis, den mein Bruder mir als das Vorbild des Edelmannes

der alten Schule geschildert hat.

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 25. August 1779._

Die Begegnung mit Ihnen, teuerste Marquise, hat mich wie ein

erschütternder Traum, der uns auch am Tage nicht los läßt, von Spa

hierher verfolgt.

Keiner der Eindrücke der Reise, -- und sie waren stark genug --,

vermochte das rührende Bild der zarten, von schwarzen Schleiern

verhüllten Gestalt zu verwischen, aus deren marmorweißem Antlitz der

Blick dunkelglühender Augen mich bis ins Innerste traf. Sie waren

gekommen, um in dem berühmten Bade Heilung zu suchen.

»Der Marquis hat es gewünscht,« sagten Sie mit einem

bitter-schmerzlichen Lächeln. Der Marquis?! wiederholte ich im Stillen

erstaunt; wußte ich doch, was alle wußten. Sollte die Tragödie Ihres

Kindes mit ihrem rätselhaft schauerlichen Schluß zwei Getrennte wieder

zusammengeführt haben? -- aber noch ehe ich zu Ende gedacht hatte, bekam

ich die Antwort: der Marquis trat herzu, -- ein alter Mann mit gebeugtem

Rücken und eingefallenen Zügen, -- ich hätte ihn fast nicht erkannt!

Einen Augenblick lang erinnerte ich mich erschrocken der dunklen

Gerüchte, die mir von den großen mißglückten Spekulationen des Herrn von

Saint-James, an denen der Marquis ebenso wie der Kardinal Rohan stark

beteiligt sein sollen, vor kurzem zu Ohren gekommen waren. Aber bald

sah ich, welch andere Sorgen ihn bedrückten. Sorgfältig wie ein Vater

hüllte er Sie in den Mantel und begrüßte mich mit einer Herzlichkeit,

die ich nicht begriff, -- hatten wir uns doch mehr als fern gestanden.

»Wie freue ich mich Ihrer Anwesenheit«, versicherte er mir immer wieder.

Als ich dann mit ihm allein war, kannte ich ihn vollends nicht mehr: Die

Angst um Sie ließ ihn jede Form vergessen; ich sah plötzlich einen

Menschen, wo ich bisher nur einen vollendeten Aristokraten gesehen

hatte. Er bat mich, Ihnen Gesellschaft zu leisten, Sie zu zerstreuen,

Sie den Interessen des Pariser Lebens wieder zuzuführen.

Hätte es eine schönere Aufgabe für mich geben können? Sie wissen, mit

welchem Feuereifer ich sie auf mich nahm, aber Sie ahnen nicht, wie sich

an jedem Blutstropfen, der langsam in Ihre Wangen stieg, wenn ich meine

Redekunst, meinen Witz, meine Phantasie anpeitschte wie der Reiter das

Rennpferd, die Glut meines Herzens neu entzündete, wie jeder Schatten

eines Lächelns, der Ihre Lippen teilte, alte, unerfüllte Wünsche

stürmisch in mir aufsteigen ließ.

Eine Order des Kriegsministers, so sagte ich Ihnen, verlange meine

Rückkehr nach Paris. Ich habe gelogen; ich wollte sogar die Lüge

aufrecht erhalten. Erst jetzt, wo ich fern von Ihnen bin, fühle ich,

daß ich die Wahrheit sagen muß.

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 12 / 23 段