Mutter wurden? Ist es nicht Schuld der Gesellschaft, die es zur Sitte
werden ließ, daß die Töchter vornehmer Familien so früh als möglich --
verkauft werden? Ist es Ihre Schuld, daß Sie nicht warten durften, bis
Ihr Herz und Ihre Sinne den Vater Ihres Kindes wählten? Oder ist es
nicht abermals die unsühnbare Schuld einer bis ins innerste Mark hinein
verdorbenen Gesellschaft, daß sie die Ehe zu einem Geschäft erniedrigte
und damit die Liebe zu einem Laster werden ließ? Ist es wirklich Ihre
Schuld, daß der zarte Knabe einer derben Bäuerin zur Pflege anvertraut
wurde? Kein Gärtner ist in seinem Fach so ungebildet, daß er eine blasse
Treibhausrose in einen Küchengarten der Vogesen verpflanzen würde, aber
die Gesellschaft rühmt sich, ihre Glieder dann am besten erzogen zu
haben, wenn sie sich am weitesten von den Gesetzen der Natur entfernen.
Ich möchte Ihre Seele heilen, Frau Marquise, damit Sie die Dolchklingen
des Gewissens nicht mehr selbstmörderisch gegen sich selber zückt,
sondern gegen die großen Verbrecher wider die Natur: Staat und
Gesellschaft. Die Zeit kann nicht mehr fern sein, wo sich alle seine
unschuldigen Opfer wider ihn erheben. Wie Sturmzeichen wirkte schon der
Fall von Saratoga auf die Pariser: arme Handwerker und kleine
Staatsbeamte, die bis vor kurzem zu denken sich nicht erlaubten, sah ich
mit erhitzten Köpfen und aufgeregten Gebärden im Garten des Palais-Royal
zusammenströmen, als die Botschaft vom Siege der Freiheitskämpfer sich
verbreitete; einer von ihnen, ein stubenblasser Schneider, sprang auf
einen Stuhl und rief mit einer Stimme, die seine schmale Brust zu
sprengen schien: »Nun, Europa, folge nach!« Eine Stunde später war sein
Aufruf zum Refrain eines Liedes geworden, das heute schon die Kinder in
den Höfen singen.
Sie schrieben von dem einsamen Winter in Froberg, als ob Sie sich darum
bei mir entschuldigen müßten. Unsere hoffnungsvollen Träume sollen ihn
bevölkern!
Herr von Beaumarchais an Delphine.
_Paris, den 16. April 1778._
Verehrte Frau Marquise. Seit meinem Abschied von Straßburg ist fast ein
halbes Jahr verflossen.
Mit den Farben der schönsten Frau geschmückt, vertraute ich mich, ein
zweiter Bayard, den Meereswogen an und lenkte mein Schiff durch wilde
Stürme und drohende Klippen dem fernen Ziele zu, das sie mir bestimmt
hatte. An unwirtlicher Küste warf mich ein rasender Orkan ans Land.
Mein Schwert hieb mir Bahn durch dunkle Urwälder, streckte gräßliche
Ungeheuer vor mir nieder, verteidigte mein Leben gegen Horden
feindlicher Rothäute und führte mich schließlich, sieggekrönt, in die
Stadt der weißen Marmorpaläste und goldenen Bildsäulen. Vor dem Tempel
der Freiheit, der wie die Sonne leuchtet, von Rosenbäumen, die hoch und
stark sind wie unsere Eichen, dicht umgeben, fand ich die Helden
Frankreichs auf purpurnem Pfühle von ihren Taten ruhen; die holdesten
Töchter des Landes wuschen den Staub von ihren Füßen und boten ihnen
lächelnd die Blüte ihrer Jugend dar.
Sie schütteln den Kopf, Frau Marquise, Sie glauben mir nicht? Sie
behaupten, Beaumarchais habe Frankreich nicht verlassen? Wissen Sie
vielleicht ebenso genau, wo Figaro inzwischen gewesen ist?! Mit Eiden,
so heilig, wie das Keuschheitsgelübde der Priester und der Treueschwur
der Gatten, bezeuge ich Ihnen, daß er vor dem Tempel der Freiheit seine
Andacht verrichtete und den Prinzen Montbéliard, den tapferen Kämpen,
begrüßte.
Sie glauben mir noch nicht, Frau Marquise?! Wehe, wenn sogar bei Ihnen
die verderbte Zeit den Glauben an die unverbrüchliche Heiligkeit des
Eides zerstörte!!
Kurz und gut: der Prinz ist gesund, hat sich geschlagen wie ein
Franzose, wird angebetet wie Apoll, und ist keusch wie Joseph.
Nicht wahr, nun blättern Sie geärgert die nächsten Seiten meines
Briefes um: »Habe ich ihm erlaubt, mir mehr zu schreiben?!« sagen Sie.
Und doch müssen Sie mir zuhören, denn durch mich kommt in diesem
Augenblick nicht nur Paris, sondern die Welt zu Ihnen, nachdem
Jean-Jacques Sie dem Einen entzog, der Anderen entfremdete.
Voltaire ist in Paris! Das Pariser Parlament verbrannte seine Bücher,
die französische Regierung trieb ihn aus seinem Vaterlande, aber seine
Ideen stiegen, die Welt erleuchtend, aus dem Scheiterhaufen bloßen
Papiers, und jedes Jahr seiner Verbannung bahnte ihm mit Feuer und
Schwert den Weg nach Frankreich.
Das Erscheinen eines Propheten und Apostels hätte in Paris keine größere
Begeisterung entfachen können, als das seine. Alle anderen Interessen
traten zurück: die Kriegsgerüchte, die Hofintriguen, selbst der große
Kampf zwischen den Piccinisten und den Gluckisten. Das Parlament
verstummte, die Sorbonne zitterte, die Enzyklopädisten, die sich sonst
als Riesen gebärdeten, erschienen wie Zwerge. Und der König, eben
gewillt, sich daran zu erinnern, daß der Ausweisungsbefehl gegen
Voltaire noch nicht aufgehoben ist, fühlte plötzlich, daß es größere
Mächte gibt, als die der Majestät von Frankreich.
Nach Voltaires Ankunft drängte sich ganz Paris zu seiner Huldigung und
mit jenem Esprit, jener Grazie und Höflichkeit, die nur er aus der
Vergangenheit in die rauhe Gegenwart hinübergerettet hat, antwortete er
jedem einzelnen.
Dann kam der Tag, der die Erfüllung seines Lebens war. Mittags empfing
ihn die Akademie; sämtliche ihrer Mitglieder, mit Ausnahme der Bischöfe,
die sich hatten entschuldigen lassen, gingen ihm bis zum Portal
entgegen, -- eine Ehre, die noch keinem, selbst dem König nicht, zuteil
geworden ist. Er stieg aus der Kalesche: klein und schmal mit der grauen
Perücke, wie er sie schon vor vierzig Jahren trug, über der blassen
Stirn, dem roten pelzverbrämten Samtrock um die fleischlosen Glieder,
und den breiten Spitzenmanschetten über den schmalen gelben Händen,
deren lange Finger an die Krallen seines Geistes gemahnten, die er, ein
blutdürstiges Raubtier, allem niedrigen Gezücht in die Flanken schlug,
-- da neigten sich jene Unsterblichen, die ohne ihn sehr sterblich
geblieben wären, vor einem einzigen blitzartig aufzuckenden Blick seiner
Augen.
Doch die Huldigungen der Akademie waren nur das Präludium dessen, was
ihn im Theater der Nation erwartete. Der Einzug eines Triumphators war
schon sein Weg vom alten Louvre bis zu den Tuilerien: Tausende säumten
die Straße, alle Rangunterschiede vergessend; die roten Hacken der
Kavaliere berührten sich mit den Holzschuhen der Handwerker, die
seidenen Polonaisen der Damen mit den blauen Schürzen der Mägde. Im
Theater empfing ihn frenetischer Jubel. Alles erhob sich, als er
eintrat; von der ungeheuren Bewegung zitterten die Kerzen, das Rauschen
der Kleider war wie fernes Wellenbrausen, und als eine reizende Schöne
das greise Haupt des großen Mannes mit Lorbeer krönte und alle Blumen,
die eben noch Haar und Busen der Frauen geschmückt hatten, ihm zuflogen,
da schien der Augenblick gekommen, wo Intoleranz und Fanatismus,
gefesselte Giganten, der Göttin Vernunft zu Füßen gezwungen wurden.
Dunkle Nacht empfing den Gefeierten, als das Theater sich hinter ihm
schloß; aber kaum erschien er auf der Freitreppe, so flammten schon
ringsumher Fackeln auf, unter denen sich eine unabsehbare schwarze
Menschenflut auf und ab bewegte. War sein Antlitz bisher fast unbewegt
geblieben, so sah ich ihn jetzt erbleichen, sah seine Augen sich weiten,
sah wie die Arme, die eben noch schwer auf den Schultern seiner
Begleiter gelegen hatten, sich aufwärts bewegten, wie die wächsernen
Hände sich streckten.
Der Priester der zukünftigen Religion segnete die Menge. Ihr feierliches
Schweigen bewies, daß sie ihn verstand.
Im Augenblick aber, da er, wieder ein müder Greis, auf die Freunde
gestützt, die Stufen hinabzuschreiten begann, rief einer von unten, den
niemand sah, der aber die Stimme aller zu sein schien, mit dem
getragenen Tonfall des psalmierenden Kirchenchors:
»Je suis fils de Brutus et je porte dans mon coeur
La liberté gravée et les rois en horreur.«
Im Takt seiner eigenen Verse, die, ein unendliches Echo, von der
Menschenmauer zu beiden Seiten der Straße widerklangen, fuhr Voltaire
durch die Straßen. Erst die Ehrfurcht vor dem Schlaf des Erschöpften
brachte sie vor seinem Hause zum Verstummen.
Daß uns unser gefährlicher Konkurrent, die Weltgeschichte, mit ihren
großen Tragödien und kostbaren Lustspielen immer wieder als jämmerliche
Stümper erscheinen läßt, sind wir nachgerade gewöhnt, daß sie uns aber
auch mit der Aufführung der ergreifendsten Pantomime zuvorkam, ist
beschämend. Herr Cochin, der Sekretär der Kunstakademie, der nicht
aufhört zu verkünden, die Zukunft der Bühne gehöre der Pantomime, darf
heute neben Voltaire den Triumphator spielen.
Nur in der Moral könnte die Weltgeschichte von uns Komödienschreibern
lernen: wir entlassen unser Publikum im Augenblick der höchsten Gefühle:
in seinem Schnupftuch trägt es seine Rührung, seine Erschütterung und
Begeisterung nach Hause, wenn das Stück zu Ende ist.
Aber die Weltgeschichte! -- hören Sie selbst:
Herr von Voltaire fühlte sich leidend --, sei es, daß er zu viel vom
Champagner der Huldigungen getrunken hatte oder zu wenig, denn die
Flasche aus den königlichen Kellern fehlte noch! -- Man schickte ihm den
Arzt, aber er verlangte nach -- dem Priester. Der Abbé Gauthier kam in
fliegender Eile; es galt einen fetten Bissen für die Kirche! In einem
Schlafgemach, das mehr dem Tempel der Wollust als dem Heiligtum der
Musen glich, -- Herr von Villette, Voltaires Freund und Gastgeber,
huldigt wie die Weisen Griechenlands dem Kultus jener Liebe, die unsere
christliche Moral zwar verdammt, unsere antike Bildung aber großzüchtet
--, nahm er die Beichte des Ketzers entgegen. Wäre der Kranke gleich
danach gestorben, sein letztes Wort würde nicht, wie wir großen Dichter
es auf der Bühne wirkungsvoll arrangiert haben würden, »écrasez
l'infâme« gewesen sein, sondern: »ich sterbe in der heiligen
katholischen Religion...«
Daß der König ihn trotz dieses reumütigen Bekenntnisses nicht empfing,
als er wieder genesen war, hat Herrn von Voltaire sehr gekränkt!
Aber unsere große Pantomime hatte noch mehr Mitwirkende, denken Sie. Das
Alter hinderte den Patriarchen, die Rolle des Helden bis zu Ende zu
spielen, das Schwert wurde ihm zu schwer. Die, die ihm zujubelten,
nahmen es auf.
Es scheint mir nachgerade, daß es törichter ist, den Glauben an die
Menschen zu bewahren, als den an Gott und alle Heiligen. Denn trotz
aller Beweise der Atheisten und der tausendneunundneunzig Paragraphen
des Baron Holbach gibt es schlagendere gegen den Menschen-, als gegen
den Gottesglauben.
Zwei Tage nach dem Triumph Voltaires führte mich die Neugierde zu einem
gewissen Herrn Mesmer, dem als Helfer in allen Leibesnöten ein
geheimnisvoller Ruf vorangeht. Um einen Tisch fand ich dicht gedrängt
eine Menge Menschen sitzen. Mit dem Ausdruck inbrünstiger Andacht
drückte ein jeder das Ende eines Stahlrohrs, das aus dem Tisch
hervorragte, an irgend einen, auch den unbeschreiblichsten Körperteil.
Dazu spielte ein schwarzgekleideter Mann Harmonika, und ein anderer ging
feierlichen Schrittes hin und her, die Fingerspitzen seiner Hände
sekundenlang auf die Köpfe der Sitzenden pressend. Es waren Leute mit
klingendem Namen darunter, -- die Herzogin von Granville, der Graf von
Artois, und sogar einer Ihrer »Freunde«, der Graf Chevreuse --, manche
von ihnen hatten vorgestern erst Voltaires Hand an die Lippen gezogen.
Und heute glauben sie an die magnetische Zauberei Herrn Mesmers, und
würden ihm am liebsten die unheilbarste aller Kranken anvertrauen:
Madame la France, -- schon um Herrn Necker endlich wieder los zu werden!
Finden Sie nun nicht auch, schönste Frau, daß die Wirklichkeit ein
miserables Stück ist?! Wo bleibt die Einheit der Handlung, die
Steigerung des Konflikts, die erhebende Lösung?!
Wenn ich nicht wüßte, daß Sie in der Wüste leben, -- gibt es außerhalb
von Paris etwas anderes? --, ich würde mich dieses Briefes wegen
entschuldigen, der mehr für die schwarzen Setzerfinger des Mercure de
France, als für die weißen Hände der reizenden Marquise bestimmt
scheint.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Paris, 19. Juli 1778._
Ein Brief aus dem Jenseits, meine liebe Marquise, hätte mich nicht mehr
überraschen können, als der Ihre! Sie waren verschollen, wohl auf irgend
eine selige Insel entführt, in Gesellschaft eines deutschen Philosophen,
-- kann man deutlicher zeigen, für uns eine Verstorbene sein zu wollen?
Sie fragen nach der neuesten Attraktion von Paris, Herrn Mesmer, bei dem
mich Ihr geheimer Berichterstatter beobachtet haben will. Natürlich hat
er richtig gesehen. Ich versäume grundsätzlich keine Sensation, weder
die Menschenrechte, noch den Magnetismus. Es ist so wundervoll, sich auf
die Freiheit berufen zu können, wenn man nichts anderes tun möchte, als
was einem gefällt, und auf die Gleichheit, wenn man ein kleines
Vorstadtmädchen verführen will! Da ich nun, wie Sie wissen, seit zwei
Jahren am Herzen leide, ging ich zu Doktor Mesmer. Er heilte mich nicht,
-- seinem Magnetismus wirkt offenbar ein stärkerer entgegen! -- aber
sonst heilt er alles, selbst chronischen Blödsinn. Wir sind
infolgedessen in Versailles erstaunlich geistreich geworden. Wollen Sie
ernstere Beweise für seine Zauberkünste? Fragen Sie die Gräfin Polignac,
die ihre Vapeurs, den Herrn von Champcenetz, der seine böse Zunge
verloren hat, die Prinzessin Guéménée, die einen üppigen Busen bekam,
und den Herzog von Orleans, dem die Haare wieder gewachsen sind. Am
besten tun Sie aber, wenn Sie selber kommen! Mesmer heilt Ihren Sohn von
seiner Krankheit, und Paris heilt Sie von der Philosophie.
Seit der Deklaration unseres offenen Bündnisses mit Amerika sind wir der
Reden satt geworden und dürsten nach Taten: Der Herzog von Chartres, der
im Gefecht von Quessant das erste Pulver gerochen hatte, wurde in der
Oper gefeiert wie ein zweiter Turenne. Kriegshelden mit Lorbeeren zu
schmücken ist etwas Neues für die Pariser und sich freuen zu können,
ist, nachdem sie seit Wochen keine Zeit mehr hatten, lustig zu sein, ein
so erfrischender Zustand, daß sie Siegeshymnen singen, wenn ein Franzose
einem Engländer auch nur einen Nasenstüber versetzt.
Voltaire und Rousseau zu betrauern war notwendig, in Rücksicht auf unser
Ansehen in Europa, aber im Grunde sind Berühmtheiten unbequem. Auch die
Kinder amüsieren sich besser, wenn die Alten nicht daneben sitzen.
Übrigens hat Jean-Jacques noch seinen letzten Atemzug benutzt, um seinen
Rivalen Voltaire, den der Ruhm und der Tod ihm vorgezogen haben, einen
Denkzettel auf den letzten Weg zu geben:
Plus bel esprit que beau génie,
Sans foi, sans honneur, sans vertu,
Il mourut comme il a vécu
Couvert de gloire et d'infamie.
Eine Freundin der Philosophen, der es wohl darum zu tun war, im Himmel
ihren Salon rasch zu eröffnen, ehe Voltaire und Rousseau sich von der
Geoffrin oder der Lespinasse einfangen ließen, die Marquise du Chatelet,
ist vor ihnen gestorben. Infolge einer Frühgeburt --, müßte man nicht
bei ihren Jahren eher von einer Spätgeburt sprechen?! Ihr Mann, der
Marquis, war sehr verzweifelt und versicherte jedem Kondolierenden, daß
er an ihrem Tode vollständig unschuldig sei. Als ob irgend jemand daran
zweifeln könnte!
Wenn Sie sich entschließen, rasch zu kommen, teuerste Delphine, so würde
die Königin sich freuen, Sie auf ihrem Sommerfest in Trianon, das
diesmal dem Andenken griechischer Götter geweiht ist, begrüßen zu
können. Seit Herr Laharpe Sophokles übersetzt, sind wir sehr klassisch
geworden, und ich würde für die Antike schwärmen, wenn die reizende
Marquise Delphine im Gewande olympischer Göttinnen an unseren Spielen
teilnehmen wollte.
Johann von Altenau an Delphine.
_Paris, am 30. Juli 1778._
Teuerste Frau Marquise. Sie fühlten, daß ich schweren Herzens von Ihnen
ging; kein Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich Ihnen damit nur eine
frohe Stunde zu bereiten vermöchte. Was Sie jetzt von mir verlangen, ist
aber nicht nur darum so schwer, weil ich meiner Überzeugung und meiner
Erkenntnis zuwider handlen muß, indem ich einen Charlatan, wie diesen
Herrn Mesmer, ernst nehme, sondern mehr noch deshalb, weil ich keine
Hilfe von ihm erwarte.
Ich bin gleich nach meiner Ankunft zu ihm gegangen, habe ihm, -- an dem
nur die hellen, fast völlig farblosen Augen, die einem Wassertropfen
gleichen, in dem sich ein Sonnenstrahl bricht, merkwürdig sind --, den
Zustand Ihres Kindes geschildert: seine Apathie, seine Wutanfälle, seine
grundlosen Tränenströme, seine Neigung zur Grausamkeit, sein Sprechen,
das mehr dem Stöhnen eines wilden Tieres gleicht.
Er unterbrach mich mit keiner Silbe und frug danach nur nach Ihnen, nach
der Amme und nach dem Vater des Kindes. »Ich will es versuchen«, sagte
er dann; nichts weiter. Dutzende Wartender lösten mich ab. Die
Erkundigungen, die ich über den Mann einzog, lauten sehr widersprechend:
Die einen lachen und erklären ihn für einen Schwindler, den andern gilt
er als Wundertäter. Da dieselben Enthusiasten mir aber zu gleicher Zeit
von den Wundern des Herrn Sage, der Gold zu machen versteht, und des
Herrn Dufour, der Wahnsinnige heilen soll, erzählten, so habe ich den
Berichten von den Erfolgen des Mesmerschen Magnetismus wenig Glauben zu
schenken vermocht. Aber den Versuch zu unterlassen, würde Sie
wahrscheinlich noch mehr quälen, als wenn er sich schließlich als ein
vergeblicher erweist, darum wage ich nicht, Sie zu beeinflussen.
Was ich empfinde, seit ich Froberg verließ, ist unsagbar. Die
vergangenen Monate sehen mich an, wie Freunde, die wir um so zärtlicher
lieben, je mehr ihr Antlitz von Leid durchfurcht ist. Jeder Tag war ein
Kampf mit dem kleinen wilden Tier, das seiner eigenen, wundervollen
Mutter das Herz zerreist, und über nichts kreischender lacht, als über
ihre Tränen.
Aber dann kamen die Abende mit Ihnen, Delphine! Im Dunkel der
Fensternische hörte ich Ihrem Harfenspiel zu; am Tisch unter dem rosigen
Lichte der Lampe lauschten Sie mir, wenn ich Rousseau, Voltaire, Diderot
und dazwischen die herrlichen Verse junger deutscher Dichter, eines
Bürger, eines Goethe las. Und oft schwiegen wir zusammen, wie nur sehr
Vertraute miteinander schweigen können. Die Stunden verflogen; mit müden
Augen starrten Sie mich an; ich war vermessen genug, zu wähnen, daß Sie
von mir sich nicht zu trennen vermöchten.
Bis ich eines Nachts hörte --, ich sprach niemals davon; Sie sollten
sich vor mir nicht schämen müssen. -- Aber von da an stand ich
allnächtlich vor Ihrer Türe, bereit, sie einzustoßen und den Mann von
Ihrer Seite zu reißen, der, weil er Sie zwang, seinen Namen zu tragen,
ein Recht über Sie zu haben glaubt. Wußte er von dem Wachtposten?
Fürchtete er die Wiederholung des auch für sein abgestumpftes Gefühl
nicht gerade ehrenvollen Ringkampfs mit einer Frau? Oder klang ihm noch
der Schrei in den Ohren, mit dem die Verzweifelte ihn von sich stieß:
»Ich will keine zweite Mißgeburt von dir!«
Zürnen Sie mir nicht, daß ich an das schreckliche Geheimnis rühre. Ich
konnte nicht anders. Sie sollen sicher sein, daß ein Mensch lebt, der
noch als Leiche den Weg zu Ihnen versperren würde, daß Sie einen Freund
besitzen, den die ungeheuerlichste Tat nicht zu schrecken vermöchte,
wenn sie der Preis Ihres Glückes wäre.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 8. August 1778._
Holdseligste! Ist es möglich, daß die entzückende Frau in dem rührenden
weißen Leinenkleide, mit der breiten Bergère auf den offenen Locken,
den Namen derer trägt, die ich einst anbetete?
Sie war eine stolze Marquise; herrisch klapperten ihre Stöckelschuhe
über das Parkett von Versailles; in ihren Augen lachte der Leichtsinn,
ihre Lippen waren leuchtend rot. Aber diese Delphine, der ich gestern
begegnete, schwebt auf weichen Sohlen über den Rasenteppich, ihre Augen
sind tief und von Geheimnissen voll, wie das Meer in der Mondnacht, ihre
Lippen sind blaß, wie ungeküßte Mädchenlippen.
Ich bin untreu aus Grundsatz; wer Treue glaubt fordern zu müssen, hat
Liebe schon verraten. Und Sie, schönste Delphine, liebte ich viel zu
heiß, als daß ich Ihnen hätte treu sein können. Gibt es einen stärkeren
Beweis für meine Untreue, als daß ich mich Ihnen heute zu Füßen werfe?
Mit der ganzen wundervollen Wandlungsfähigkeit des Weibes, die sich der
Natur anpaßt, wie die Blume dem Frühling, dem Sommer, der Nacht, dem
Morgen, dem Regen und dem Sonnenschein, -- immer dieselbe und doch immer
eine andere, -- sind Sie eine neue Delphine geworden. Diese, nur diese
liebe ich --, und werde sie hoffnungslos lieben müssen. Denn an meinem
Gesicht ging das Schicksal, der große formende Künstler, achtlos vorüber
und nur der Stümper, die Zeit, pinselte zum Ersatz ein paar winzige
Fältchen hinein.
Ich will Sie nicht täuschen, Delphine: wenn ich philosophiere wie
jetzt, bin ich darum noch kein Philosoph; nur eine Wissenschaft habe ich
studiert: die Liebe. Und so gewiß, wie einst, als ich so glücklich war,
Daphnis in ihre süßesten Mysterien einzuweihen, weiß ich heute, daß
Delphine nach ihr verschmachtet.
Herr von Altenau erzählte neulich mit einem Stolz, als wäre es sein
Werk, von den Büchern, die Sie gelesen, von den wohltätigen Anstalten,
die Sie in Froberg gegründet haben. Ich sah indessen zu Ihnen hinüber,
in Ihr schmales Gesicht, Ihre trauernden Augen und mich fröstelte.
Wissen Sie, warum unsere Königin unersättlich von einem Fest zum andern
hetzt und nicht genug kühle Edelsteine haben kann, um die heiße Haut zu
bedecken? Wissen Sie, warum die Marquise de Nesle und die Gräfin de Pons
sich für die chemischen Experimente des Herrn Rouelle begeistern, und
warum die kleine Coigny gelernt hat, Leichen zu sezieren?! Weil die
Liebe an ihnen vorüberging, weil sie sie -- aus Feigheit oder
Sittsamkeit?! -- vorübergehen ließen! Sie haben einen Gatten --,
bedeutet das Liebe haben? Sie hatten wohl auch einen Geliebten --, heißt
das die Liebe erschöpfen? Sie ist tief wie das Meer, reich wie das Herz
der Erde, mannigfaltig wie ihr Kleid. Ihr Gegenstand mag wechseln, wie
die Generationen auf Erden; sie selber bleibt. Aber brächte die Erde
keine Menschen hervor, existierte sie dann? Wer sähe, wer fühlte, wer
besänge ihre Pracht!
Frauen altern rascher als Männer, sagt man. Weil Männer länger lieben.
Ninon de l'Enclos war ewig jung, weil sie immer liebte.
Wird Daphnis gestatten, daß ich Delphine in meine Schule nehme?
Johann von Altenau an Delphine.
_Paris, den 25. August 1778._
Sie beriefen sich auf meinen letzten Brief, teure Marquise, und
verlangten von mir, daß ich Ihr Haus verlasse, Ihre Nähe meide, weil
Herr Mesmer die Wirkung seiner Kur durch meinen dem seinen
widerstehenden Magnetismus gefährdet glaubt! Obwohl ich genau weiß, daß
Herr Mesmer nicht meinen Magnetismus, sondern meinen klaren Blick und
meine Zweifel fürchtet, die ihm einen so wertvollen Patienten entziehen
könnten, habe ich gehorcht. Ich bin ohne Abschied bei Nacht und Nebel
wie ein Verbrecher von Ihnen gegangen. Ich hätte mich sonst vielleicht
nicht beherrschen können.