Ich habe den Satz zehnmal gelesen, ehe ich mir vorzustellen vermochte,

daß von den Rosenlippen der Marquise Delphine so schwere Worte fallen

konnten, und erst als ich weiter las, sah ich Sie wieder lebendig vor

mir: »aber die Aufgabe erhebt mich nicht, sie drückt mich nieder,«

schreiben Sie. Ein Tempel der Mutterliebe sollte das Schlößchen sein,

das sich im Park von Froberg am Ufer des Sees weiß und leuchtend erhebt.

»A L'Enfant« ließen Sie in goldnen Lettern über die Türe meißeln, wo

kurz vorher »Mont de ma joie« gestanden hatte. Die schönsten Blumen

ließen Sie pflanzen, mit Tieren aller Art bevölkerten Sie den Park --

»die Natur selbst sollte meines Sohnes Erzieherin sein.« Und dann kam

das Kind; »es zerpflückte und zertrat die Blumen, es schlug nach dem

sanften Reh und dem kleinen Kätzchen, es warf mit Steinen nach den

Tauben,« und seine Häßlichkeit zwang Sie, alle Spiegel aus den Zimmern

entfernen zu lassen, um sie nicht verzehnfacht um sich zu sehen.

Was soll ich tun? fragen Sie mich verzweifelt; alle Mittel, das Kind zu

beeinflussen, sind erschöpft; seine Neigungen bleiben roh, wie die

Umgebung, aus der es seine ersten Eindrücke empfing. Vielleicht waren

Sie zu gut für diesen kleinen Wilden; vielleicht bedarf es nur eines

Mittels, seine unbändige Tatkraft in richtige Wege zu leiten; vielleicht

fehlt ihm der Ernst und die Strenge eines männlichen Erziehers.

Sie erwähnen Ihres Herrn Gemahls nicht, und ich darf wohl annehmen, daß

er sich selten in Froberg aufhält, da ich ihm in Paris häufig begegne

und man sogar von der Möglichkeit seines Eintritts in das Ministerium

schon gesprochen hat. Er scheint sich also wenig um seinen Sohn zu

kümmern.

Werden Sie mich recht verstehen, wenn ich Sie darum bitte, mir zu

gestatten, zu Ihnen zu kommen? Nur als ein Gast zunächst und als ein

Freund, dem nichts mehr am Herzen liegt, als Ihnen helfen zu können, der

aber mit einem bloßen Rat nicht zu helfen vermag, solange er sich nicht

durch eigenen Augenschein ein klares Bild von der Lage der Dinge hat

machen können.

Ihrer Antwort sehe ich klopfenden Herzens entgegen. Ein Ja würde den

düsteren Nebel, der seit Monaten mein Leben verschleiert, wie mit einem

ersten Sonnenstrahl durchbrechen.

Seit dem Tode der Lespinasse und der Geoffrin bin ich, wie viele mit

mir, heimatlos geworden. Niemand und nichts hat für das Verlorene einen

Ersatz schaffen können. Mit dem fehlenden geistigen Mittelpunkt, um den

sich die ersten Männer Frankreichs versammelten, lockert sich auch mehr

und mehr ihr geistiger Zusammenhang. Müssen wir es doch jetzt erleben,

daß der aufs neue wütend entfachte Kampf zwischen den Anhängern Glucks

und denen Piccinis auch die Reihen der Encyklopädisten in zwei

feindliche Lager teilt.

Mehr denn je gehen die Männer in ihre Klubs und Kaffeehäuser; die Frauen

dagegen haben in den überhandnehmenden Teevisiten ein Mittel des

Zusammenseins gefunden. In der Vergröberung der Sitten meine ich jetzt

schon den Fortfall des zugleich anregenden und mildernden weiblichen

Einflusses im Leben der Männer zu spüren; treffen sich die beiden

Geschlechter bei festlichen Gelegenheiten, so herrscht zwischen ihnen,

die geistig nicht mehr miteinander leben, nur die Atmosphäre schwüler

Sinnlichkeit.

Sie sehen, es wäre für mich eine Erlösung, die Mauern von Paris hinter

mir zu haben; Sie müssen aber auch wissen, teuerste Marquise, daß ich

das Glück, bei Ihnen zu sein, selbst seinen größten Genüssen vorziehen

würde.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 3. Oktober 1777._

Meine Liebe, die Nachricht, daß der Kaiser von Österreich noch diesen

Monat nach Straßburg kommt, veranlaßt mich, schleunigst dorthin

abzureisen, ohne Froberg zu berühren. Er befindet sich auf dem Wege nach

Paris und es ist von größter Wichtigkeit, den Monarchen vor der

Begegnung mit seiner erlauchten Schwester, der Königin von Frankreich,

zu sprechen und, wenn irgend möglich, zu beeinflussen. Er reist zwar,

ein moderner Harun al Raschid, als einfacher Edelmann, sollte aber

trotzdem vom elsässischen Adel kaiserlich empfangen werden. Ich muß

daher in diesem Falle darauf bestehen, daß meine Gemahlin in unserem

Hotel die Honneurs macht, wobei ich nicht unterlassen will, zu bemerken,

daß ich es endlich müde bin, nach Monaten der Nachsicht, die Marquise

Montjoie die Rolle einer Kinderfrau spielen zu sehen. Engagieren Sie so

viel Personal, als Sie es für nötig finden, aber schützen Sie unser Haus

vor den wahnwitzigen, alle gute Tradition umstürzenden Ideen der Pariser

Philosophen; sie führen unser Vaterland dem Verderben entgegen;

wenigstens die Familie will ich vor ihnen gerettet wissen.

Wie wenig besonders Herr Rousseau, auf den Sie sich zu berufen pflegen,

das Vertrauen verdient, das Sie in seine Erziehungsprinzipien setzen,

habe ich jetzt erst erfahren. Ganz abgesehen davon, daß er durch seine

Undankbarkeit jeden seiner Gönner vor den Kopf stieß, hat er es --,

nachdem er schon fast vergessen war --, für nötig befunden, seine

Memoiren zu schreiben, die, was Mangel an Diskretion, an Takt und

Schamgefühl betrifft, aller Beschreibung spotten sollen. Er liest sie

gegenwärtig in Pariser Salons vor und hat erreicht, was offenbar seine

einzige Absicht war: wieder von sich reden zu machen. Intimste

Erlebnisse, die Menschen von guter Lebensart ebenso sorgfältig dem

Anblick Fremder entziehen, wie ihre körperlichen Mängel und Gebrechen,

schildert er mit derselben Behaglichkeit, mit der sich die Schweine in

ihrem eigenen Schmutze wälzen, und bis in die Kreise des Hofes hinein

gibt es Leute, die vor diesen Bekenntnissen der »Wahrheit und

Natürlichkeit« bewundernd in die Kniee sinken; die Marquise Girardin ist

sogar soweit gegangen, dem Verfasser ihr Schloß Ermenonville als

Zufluchtsort anzubieten.

Auch sonst mehren sich die Zeichen der gesellschaftlichen Auflösung.

Hatte man bisher nur ganz im stillen gewagt, die Handlungsweise des

Marquis Lafayette und seiner Freunde, -- zu denen ja leider auch der

Prinz Montbéliard gehört --, zu entschuldigen, während die

einflußreichen Kreise der Gesellschaft in der Verurteilung der

französischen Offiziere und Aristokraten einig waren, die ihren Degen in

den Dienst von Insurgenten, und damit gegen das Königtum zu stellen

wagten, so beginnt man jetzt, sich in aller Öffentlichkeit für sie und

damit für die Sache, der sie dienen, zu begeistern. In einigen

Journalen wird bereits dem offenen Kriege gegen England das Wort geredet

und wir können uns im Augenblick glücklich schätzen, daß wenigstens Herr

Necker, in Rücksicht auf die Finanzen, hirnverbrannten Plänen wie diesen

abgeneigt ist. England bekämpfen, hieße die amerikanische Republik

unterstützen und die Berechtigung der republikanischen Ideen auch bei

uns anerkennen. Ich hatte kürzlich eine ernste Aussprache mit Herrn von

Vergennes, aber so sehr mir der Minister prinzipiell recht gab, so sehr

scheint er praktisch durch seine unvorsichtige geheime Unterstützung von

Herrn von Beaumarchais' amerikanischen Unternehmungen bereits engagiert

zu sein.

Wir haben also zunächst nur an Herrn Necker einen Rückhalt. Dieser

bourgeoise Genfer Bankier, dem man die Ordnung der Finanzen Frankreichs

anvertraute, aspiriert jedoch leider den Ministerposten und damit eine

Hofstellung, und der König, in unbegreiflicher Nachgiebigkeit gegenüber

der nivellierenden Zeitströmung, zieht ihn bereits ganz in sein

Vertrauen.

So sehr man sich diesen Herrn als ein notwendiges Übel gefallen lassen

muß, so gehört er doch ebensowenig in unsere Intimität, wie ein

Haushofmeister, dem man seinen Weinkeller anvertraut.

Hofften wir bisher, auf die Königin rechnen zu können, -- ich glaube

sogar, daß Ihr Einfluß, meine Liebe, nicht zu unterschätzen gewesen

ist, und der Fall Turgots, der klüger und darum weit gefährlicher war

als Necker, auf das vorübergehende politische Interesse der Königin

zurückgeführt werden kann, -- so ist jetzt, wo die Gräfin Polignac und

die Prinzessin Lamballe nichts als ihre teils sentimentalen, teils

luxuriösen Neigungen unterstützen, und die vergebliche Hoffnung auf

einen Thronerben den König ihr entfremdet, keine Rede mehr davon. Sie

spielt Komödie, sie tanzt, sie erteilt Schneiderinnen, Künstlern und

Poeten Audienzen, -- das ist die harmlosere Seite ihres Lebens --, sie

erlaubt nicht nur dem Prinzen Artois, sondern auch den Kavalieren des

Hofs, ihr zu huldigen, als wäre sie keine Königin.

Alle dem gegenüber werden Sie begreifen, daß der Besuch des Kaisers von

Österreich von größter Bedeutung ist.

Ich erwarte, daß Sie bereits Ende dieses Monats alle Anstalten zu

unserem Straßburger Aufenthalt getroffen haben werden.

Kardinal Prinz Rohan an Delphine.

_Straßburg, am 18. Oktober 1777._

Es bedurfte also eines gekrönten Hauptes, um unsere schöne Marquise aus

der selbstgewählten Verbannung zurückzurufen! Ich war entzückt, als ich

auf meiner gestrigen Ausfahrt über den Platz St. Pierre le Jeune, die

Pforten Ihres Hotels offen fand, und ich beeile mich, mit diesen Blumen

und Konfitüren an die mir hoffentlich nicht immer verschlossene Pforte

Ihres Herzens anzupochen. Sie haben für Ihre reizenden Sünden genug

gebüßt; ich spreche Sie los und ledig, Frau Marquise!

S. M. der Kaiser wird mir die Ehre erweisen, morgen nach der Parade das

Frühstück bei mir einzunehmen. Der Herr Marquis hat seine Teilnahme

zugesagt; darf ich auch auf die Ihre rechnen? Ein Fest ohne Sie wäre

keins, auch wenn alle Monarchen der Welt zusammen kämen.

Für den »Barbier von Sevilla«, -- durch dessen Aufführung wir dem

gekrönten Puritaner wohl beweisen wollen, wie wenig wir uns durch die

Satire des Stücks getroffen fühlen! --, stelle ich Ihnen meine kleine

Loge zur Verfügung. Herr von Beaumarchais, dessen Anwesenheit in

Straßburg mich schließen läßt, daß eine politische Intrigue in der Luft

liegt, wird Sie dort ungestört begrüßen können, nachdem Ihr Herr Gemahl,

wie er mir soeben mitteilte, ihn zu empfangen nicht geneigt ist. Sie

sehen, schönste Frau, wie ich mich bemühe, Ihre unausgesprochenen

Wünsche zu erfüllen. Darf ich dafür hoffen, endlich zu dem Kuß

zugelassen zu werden, den Sie mir seit Chantilly schuldig sind?!

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Straßburg, am 25. Oktober 1777._

Verehrteste Frau Marquise, Sie haben es mir nicht glauben wollen, daß

die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Ihnen mir Straßburg anziehender

machte als die auf eine mögliche Begegnung mit dem Sohne Maria

Theresias? Wir, denen die Politik noch eine Kunst ist, bedürfen der

Frauen mehr, als die gekrönten Handelsreisenden, die sie als ein

Geschäft betreiben.

Nun haben Sie mich zwar mit größter Liebenswürdigkeit begrüßt, -- vor

dem ganzen Theater, in Ihrer großen Loge, ohne diskrete Vorhänge --,

aber ich bin ein zu guter Kenner aller Nüancen des Frauenlächelns, um

nicht empfunden zu haben, daß es weniger meinen Handkuß, als das

Stirnrunzeln des Herrn Marquis, das sarkastische Lippenkräuseln des

Herrn Kardinals hervorzurufen bestimmt war. Ich weiß darum nicht, ob ich

die reizende Marquise Montjoie noch als meine Aliierte betrachten darf.

Frauen sind wie Kinder: sie spielen jedes ihrer Spiele mit vollkommener

Hingabe aber ohne die geringste Ausdauer. Wenn es keine Könige gäbe,

würde ihr Wankelmut durch nichts übertroffen werden.

In diesem Fall wäre ich fast geneigt, ihn zu entschuldigen. Nicht, weil

Sie augenblicklich Mutter spielen und damit mehr tun als Rousseau, der

wie alle Priester sich auf bloßes Predigen seiner Lehre beschränkt hat,

sondern weil ich selbst häufig genug das Bündnis mit mir brechen möchte.

Sie wissen: seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten

ist unseren Philosophen ein Stein von der Seele gefallen, denn sie sehen

ihre Ideen verwirklicht, ohne selbst dabei sein zu müssen. Man brüstet

sich vor Stolz, daß der Abbé Mably von der jungen Regierung beauftragt

wurde, seine Prinzipien der Gesetzgebung zu einem Verfassungsentwurf

auszuarbeiten und man schwärmt begeistert für die kommunistische

Demokratie in -- Amerika. Ich, der Erste, der Frankreich für Amerika

engagierte, müßte mitschwärmen, aber seitdem Herr Franklin die Freiheit

und die Gleichheit repräsentiert, bin ich geneigt, die Despotie zu

vertreten.

Das Feuer der Begeisterung scheint auch bei den französischen Kämpfern

jenseits des Meeres, nach denen Sie, verehrteste Frau Marquise, sich mit

solchem Interesse erkundigen, um so niedriger zu brennen, je mehr sie

einsehen, daß die Göttin der Freiheit für die biederen Farmer und

kleinen Krämer doch nur ein Marktweib ist, das ihre Waren möglichst

teuer an den Mann bringen soll. Die Nachrichten über die kriegerischen

Erfolge lauten momentan nicht erhebend.

Ich wollte durch eine Politik, die eines Alexander würdig war, die Welt

reformieren, aber ich sehe ein, unsere Reformen schädigen uns heute noch

mehr als unsere Laster. Darum vertausche ich zu meiner Erholung das

Schwert, das sich in dem Riesenviehstall Frankreichs als Ersatz für eine

Mistgabel als unzureichend erweist, wieder einmal mit der Feder, die

wenigstens spitz genug ist, um einzelne Stücke allgemeinen Unrats

aufzuspießen.

Die guten Straßburger hätten es freilich lieber gesehen, wenn der

andalusische Barbier aus Sevilla sich über spanische Sitten lustig

machen würde, als französische Zustände zu kritisieren; ich habe ihnen

zu ihrer Beruhigung versichert, daß ich mein Stück gewiß spanisch

geschrieben haben würde, wenn Voltaire seine Lettres anglaises englisch

und Montesquieu seine Lettres persanes persisch geschrieben hätten. Daß

Sie mir übrigens zum Beifall des Kaisers gratulierten, beweist, wie

lange -- eine Ewigkeit von anderthalb Jahren! -- und wie weit Sie von

Paris entfernt sind. Nichts kompromittiert heute mehr als der Applaus

der Fürsten, und ich würde gestern an meinem Talent irre geworden sein,

wenn ich nicht zwischen dem Herrscher Österreichs in der grünen Uniform

und Herrn Benjamin Franklin in dem erdbraunen Quäkerrock eine

Ähnlichkeit entdeckt hätte: Beide freuen sich über meine Komödie nur

darum so sehr, weil sich ihre eigene Tugendhaftigkeit so strahlend von

dem dunklen Hintergrunde abhebt.

Darum wird mir auch die Ehre einer Audienz zuteil. Joseph II. ist ein

»aufgeklärter« Monarch, der Dichter und Denker zu schätzen weiß. Ich

verstehe: wie bisher in der Garküche der Welt alle Gerichte nur deshalb

hergestellt wurden, um den Gaumen hoher Herrn zu kitzeln, so sind heute

Gedanken und Gedichte für sie nichts weiter als Reizmittel für ihren

erschlafften geistigen Magen.

Erzählen Sie dem Herrn Marquis von der Ehre dieses Empfangs, dann wird

er nicht daran zweifeln, daß ich nur ein öffentlicher Spaßmacher bin,

und die Stirn nicht mehr in Falten ziehen, wenn die Lippen eines

Aventurier die schöne Hand seiner Gattin berühren. Bedürfen Sie jedoch

eines Funkens, um das Pulverfaß eheherrlichen Zorns zum Explodieren zu

bringen -- wie ich fast vermute! -- so sehen Sie mich mit Freuden auch

zu dieser Rolle bereit. Sie dürften ja von vornherein der Gefahr sich

bewußt sein, daß in Ihrer Nähe jeder Funken zur Flamme wird.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Straßburg, den 30. Oktober 1777._

Teuerste Marquise -- Welch eine Nacht liegt hinter mir! Angesichts der

Nachrichten aus Paris sah ich alle Träume meiner Jugend vor mir

auferstehen: Helden in Silberrüstung schlugen mit feurigem Schwert die

bösen Geister meines skeptischen Alters in die Flucht!

Saratoga gefallen -- die Engländer vernichtet -- Amerika befreit! Das

ist der Anfang einer neuen Epoche der Weltgeschichte! Wäre ich in Paris,

ich würde sogar Benjamin Franklin in meine Arme schließen!

Wir müssen die Stunden, die wir durchlebten, festhalten, damit sie unser

Leben noch erleuchten, wenn jede Erinnerung sich uns verdunkelte!

Wissen Sie noch, wie ich Ihnen nach der Tafel in der üppigen Bibliothek

des Prinzen Rohan, wo es mehr schwellende Sophas und tiefe Polsterstühle

als Bücher gibt, die Provinzkomödie schilderte, die Straßburg aus der

Tiefe meines Tintenfasses grinsend hatte auftauchen lassen. Ich

zeichnete Ihnen gerade die Porträts ihrer Helden: des Kardinals Rohan

als des Hauptes aller Gläubigen, wie er in der roten seidenen Soutane,

von Spitzen überrieselt, die an Wert seine Diözese aufwiegen, an der

weißen Hand einen Brillanten, den die ganze Krone Frankreichs nicht

ersetzen könnte, morgens an dem mit Rubinen und Smaragden besetzten

Missale die Messe zelebriert und sein »Apage Satanas« gegen alle

Aufklärer schleudert; des Prinzen Rohan sodann als den maître de plaisir

der besten Gesellschaft, wie er im goldgestickten Surtout mit gemalter

Weste, an der jeder Knopf eine kostbare Perle ist, abends vor der

beladenen Tafel kleinen Tänzerinnen mitleidig Durst und Hunger stillt

und sein Evoë allen Puritanern entgegenjubelt.

Ich höre noch Ihr helles Lachen, -- das ich schon ganz verstummt glaubte

--, als ich Ihnen auseinandersetzte, daß die beiden Helden notwendig von

einem Schauspieler gespielt werden müßten! Und ich sehe noch das Zucken

um Ihre Mundwinkel, -- war es unterdrückte Freude oder niedergezwungene

Empörung?! --, als ich Ihnen verriet, daß meine Bekanntschaft mit diesem

Kardinal und Prinzen mir das Rätsel, warum die Theologen sich neuerdings

so sehr bemühen, die Göttlichkeit Christi weg zu disputieren, gelöst

hat: welch ein Triumph wäre es für die Kirchenfürsten, die Autorität

dessen, der die Armut predigte, so erschüttert zu sehen!

Im Augenblick dieser blasphemischen Äußerung hörten wir Türen schlagen,

Stühle rücken, lautes Stimmengewirr, -- wir traten neugierig in den

großen Saal --, es war ein unvergeßlicher Anblick für den

Physiognomiker: alle Gemütsbewegungen malten sich auf den Gesichtern,

Zorn und Freude, Enttäuschung und Befriedigung, Haß und Liebe.

»Saratoga ist gefallen!«

Die jungen Offiziere ließen die Sporen klirren, das Gefolge des Kaisers

von Österreich verbarg hinter blassen festgeschlossenen Lippen seine Wut

und affichierte durch sein Schweigen seine monarchische Gesinnung,

während französische Aristokraten, ihren Jubel schwer unterdrückend,

mich umringten, um mir verständnisvoll die Hand zu schütteln.

Den Grafen von Falkenstein, -- wie der Kaiser von Österreich sich zu

nennen beliebt, um seines Menschseins ein wenig froh zu werden --, sahen

wir in ernstem Gespräch mit dem Kardinal Rohan und dem Marquis Montjoie.

»Sie konspirieren gegen die Freiheit«, sagte ich. Da fühlte ich Ihre

Hand auf meinem Arm, sah in ein glühendes Antlitz, in tränenfeuchte

Augen und hörte eine süße Stimme flüstern: »Ich bin noch Ihre Aliierte!«

War diese Nacht Fortuna selbst, die ihres Füllhorns ganzen Reichtum über

mich auszuschütten im Begriffe stand?! Ich zog Ihre Hand an meinen Mund,

der sekundenlang auf der weißen duftenden Haut zu ruhen wagte --, ich

sah auf, -- noch zitternd wie vom plötzlichen Fieber, da traf mich Ihr

Blick --

O, Frau Marquise, ich hatte wahrhaftig vergessen, daß ich Figaro bin --

nichts als Figaro!

Wenigstens will ich mich jetzt dieser Rolle würdig erweisen.

Die Ereignisse fordern meine schleunige Anwesenheit in Paris. Dieser

Brief, zwischen Nacht und Morgen geschrieben, ist mein schriftlicher

Abschied.

Leider muß ich erwarten, daß diese Eile Ihren Beifall findet: Figaro

sollte ja Erkundigungen einziehen nach dem »Jugendfreunde«, dem Prinzen

Montbéliard. Er wird es tun, und sollte er zu diesem Zwecke den Ozean

durchkreuzen müssen! Nur daß er lächelte, als Sie mit dem ernstesten

Gesichtchen von dem »Freunde« sprachen, dürfen Sie seiner

Menschenkenntnis nicht verargen. Glauben Sie wirklich an eine

Freundschaft zwischen Mann und Weib?! Sie ist entweder ein Deckmantel

für die Asche ausgebrannter Flammen, oder für die Glut entstehender!

Trotz alledem: Figaro hält Wort!

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 5. November 1777._

Meine Liebe! Sie werden inzwischen eingesehen haben, wie sehr ich recht

hatte, als ich die Nachricht von unseres Sohnes Erkrankung nicht so

tragisch nahm wie Sie und Ihre Abreise von Straßburg zu verhindern

suchte. Der Anfall wäre auch ohne Ihre Anwesenheit vorübergegangen. Herr

Dr. Tronchin wird Sie gewiß inzwischen über den Zustand des Kindes

beruhigt haben.

Erwarten Sie übrigens nicht, daß ich über die eigentliche Ursache Ihrer

Abreise und Ihrer Weigerung mich zu begleiten, im Zweifel wäre. An Ihre

überschwengliche Mutterliebe werden Sie mich kaum glauben lassen,

nachdem Sie sich bis vor anderthalb Jahren um das Kind gar nicht

gekümmert haben, und ich seitdem oft genug beobachten mußte, wie Ihr

allzu sprechender Blick eher mit einem Ausdruck des Erschreckens als der

Zärtlichkeit auf dem Kleinen ruhte. Sie suchen vielmehr jeden Vorwand,

um sich von mir fern zu halten. Ihre Auseinandersetzungen über die

Gegensätze der Ansichten zwischen uns, die jede Annäherung verhinderten,

ist auch nur ein solcher.

Die Ehe ist kein Ministerium, sonst müßten ihre Teile ebenso häufig

wechseln, wie ein solches; sie ist aber auch kein Liebesverhältnis,

sonst würde sie vollends von kürzester Dauer sein. Sie ist vielmehr ein

Bündnis zum Zweck der Förderung gemeinsamer Familieninteressen. Von

diesem Standpunkt ausgehend, habe ich ein Recht, Ihre Teilnahme an

meinen Bestrebungen, die das Ansehen, den Reichtum, die Macht meiner

Familie zum Ziele haben, zu fördern. Daß dazu in erster Linie die

Sicherung unserer Erbfolge gehört, ist selbstverständlich. Unser Sohn

ist, -- ich bin, wie Sie sehen, ebensowenig blind wie Sie --, kein

erfreulicher Sproß unseres Hauses. Es ist nicht unmöglich, daß er nicht

alt wird. Ich, als der letzte meines Stammes, habe die Verpflichtung,

für die Erhaltung meines Geschlechts zu sorgen. Nur deshalb wählte ich

ein junges, blühendes Mädchen zu meiner Frau, ohne mich darum zu

kümmern, daß sie nichts weniger als eine gute Partie gewesen ist.

Ich denke, Sie verstehen mich jetzt, meine Liebe, und werden, sobald

ich zurückkehre, Ihr Benehmen darnach einrichten.

Mein Aufenthalt hier ist leider nicht so befriedigend, als ich gehofft

hatte. Zwar haben unsere Ratschläge den Kaiser von Österreich nicht

unbeeinflußt gelassen; seine große Einfachheit wirkt auf den Hof

sichtlich beschämend; auch das Volk begeisterte sich vorübergehend für

seinen schlichten Soldatenrock.

Eine Fischhändlerin, -- vermutlich die Geliebte irgend eines Philosophen

--, hatte sogar die Keckheit, ihm einen Blumenstrauß mit den Worten zu

überreichen: »Wie glücklich muß das Volk sein, das Ihre Tressen zu

bezahlen hat.«

Aber im allgemeinen finde ich meine Ansicht bestätigt, daß ein Monarch,

wenn er die Loyalität erhalten will, sich der Menge ebenso fern halten

soll, wie Gott den Gläubigen, den sie auch aufhören würden anzubeten,

wenn er ihresgleichen wäre. Der Kaiser von Österreich ging ohne Gefolge

spazieren, besuchte die Philosophen, ließ sich von Herr von Vaucanson

seine neue Spinnmaschine, von Buffon die geologischen Perioden erklären,

sah in den verschiedensten physikalischen Kabinetten den elektrischen

Experimenten zu, und schien diesen Dingen eine größere Bedeutung

beizulegen als den Fragen der Politik. Nach drei Tagen war er für Paris

kein Kaiser mehr.

Ob er gegenüber seinen erlauchten Verwandten seinen Einfluß im Sinne

des Friedens geltend gemacht hat, läßt sich heute noch nicht

feststellen. Der allgemeinen Stimmung sich zu widersetzen, dazu bedürfte

der König eines energischen Ratgebers. Alle Anstrengungen, die von mir

und meinen Freunden ausgehen, werden in ihren Folgen von vornherein in

Frage gestellt, wenn wir nicht einmal unser eigenes Haus von Leuten wie

Herrn von Beaumarchais frei halten können.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, 5. November 1777._

Meine teuerste Marquise! Schon fürchtete ich aus Ihrem Schweigen

schließen zu müssen, daß ich Sie in irgendeiner Weise verletzt haben

könnte. Und nun begegnet mir das große, unaussprechliche Glück, dessen

Fehlen wohl die Einsamkeit der Einsamen so fürchterlich macht: einem

Menschen notwendig zu sein!

Sobald ich hier die nötigsten Geschäfte erledigt habe, werde ich auf dem

raschesten Wege in Froberg eintreffen. Meine Freude würde mein Mitleid

überflügeln, wären Sie nicht sein Gegenstand. Arme Delphine! kaum

glaubten Sie sich dem Bann, der auf Ihnen lag, durch den Straßburger

Aufenthalt ein wenig entrissen zu haben, als er Sie durch die

schreckenerregenden Krämpfe des Kindes wieder in seine Gewalt bekam; und

nicht genug, daß die Angst Sie peinigt, Sie überlassen sich auch in

grausamer Selbstquälerei den Vorwürfen eines allzu zarten Gewissens.

Die Liebesbriefe der Marquise · 第 10 / 23 段