meiner Überraschung, Worte zu verleihen. Nie hätte ich mir träumen
lassen, eine verwöhnte femme du monde, wie Sie, in dem schlichten Salon
unsrer guten Julie wiederzusehen! Alles, was man mir von Ihnen erzählt
hatte, -- Ihrer Stellung in Versailles, der Schar Ihrer Verehrer, mit
denen man Sie spielen sieht wie mit Billardkugeln, -- ließ mich, offen
gestanden, fürchten, daß das Leben der großen Welt Sie die Existenz
anderer Welten, die sich früher um Ihre Seele stritten, völlig vergessen
ließ. Als Sie eintraten, -- die schmale Tür schien viel zu eng für die
starrende Seide Ihrer Polonaise, viel zu niedrig für die nickenden
Federn auf Ihrem hochfrisierten Haupt --, und Fräulein von Lespinasse
Ihnen entgegenkam, diese überschlanke Leidensgestalt in dem nonnenhaften
Gewand, -- und Ihnen die bleiche, blaugeäderte Hand entgegenstreckte,
ein gütiges Lächeln um die blutleeren Lippen, richteten sich die Blicke
Aller fast erschrocken auf Sie, so fremd wirkte Ihre Erscheinung in
diesem Kreise. Sie fühlten es selbst, Sie saßen, der einzige weibliche
Gast, in all Ihrer Pracht neben der zusammengesunkenen Julie, eine
stumme Zuhörerin! Sie lauschten staunend, als Bernardin de St. Pierre,
der jüngste Dichter unter den Protégés dieses Salons, die schwärmerische
Ode zum ewigen Frieden vorlas und d'Alembert über die Verbrüderung der
Menschheit sprach. In Ihren Augen sah ich eine Flamme leuchten, -- deren
plötzliches Aufglühen mir an der kleinen Delphine Laval so vertraut war
--, als der Chevalier von Chastellux Voltaires Eloge de la raison
vorlas, jene herrlichen Sätze, durch die der Patriarch wieder einmal
alles vergessen läßt, was er Falsches getan hat. Säße auf Frankreichs
Thron ein Friedrich von Preußen, des großen Weisen Hoffnungen auf seine
Regierung würden erfüllt, seine Ratschläge befolgt werden. Aber es gibt
nur einen Friedrich. Ludwig XVI. tafelt, jagt und zeichnet dazwischen
Allegorien; Marie-Antoinette spielt die Harfe. O du glückseliges
Frankreich, wo es für die Könige nichts weiter zu tun gibt!
Sie vernahmen dann verwundert das ungeteilte Lob Rétif de la Bretonne's,
dessen Paysan perverti natürlich vom Hof, -- dessen Sittenstrenge ja
über allen Zweifel erhaben ist! -- als unmoralisch verurteilt wird. Ich
schicke Ihnen, wie ich versprach, das Buch, urteilen Sie selbst! Man
reißt sich bei den Händlern darum, aber weniger weil man hinter seiner
Schlüpfrigkeit das Medusenhaupt der Wahrheit sucht, als weil man auch
die Wahrheit für Schlüpfrigkeit hält. Lassen Sie sich von all dem Unrat,
den der Dichter aufrührt, nicht abschrecken. Die Schäferspiele der guten
Gesellschaft, die den Schmutz unter Blumen verstecken, sind
lasterhafter.
Rousseau schilderte die Tugend und Glückseligkeit einer kommenden Welt;
-- seine Predigt von der Rückkehr zur Natur wurde nur zum Vorwand neuer
Moden. Es müssen andere kommen, um dem von grausen Gebrechen entstellten
Gesicht der Gesellschaft einen mitleidslosen Spiegel vorzuhalten, damit
das Entsetzen sie an den Arzt erinnert --, sagte Fräulein von
Lespinasse.
Nicht wahr, hier spricht man anders, als in Versailles, das von dem
geistigen Leben der Gegenwart weiter entfernt ist, als der Mond von der
Erde, oder gar in Trianon, wo man zwischen Ställen mit Marmorkrippen und
Hütten mit Damastmöbeln vom »natürlichen« Leben schwärmt.
Erst als Sie gingen, waren Sie wieder die Marquise Montjoie, so sehr
hatte ich inzwischen die holde Gräfin Laval wiedergefunden. Graf
Guibert, dessen schönheitsdurstiger Blick keinen Augenblick von Ihnen
gewichen war, folgte Ihnen. Sie sahen nicht mehr, wie Julies bleiches
Gesicht sich dunkel rötete, wie ihre Augen fiebrigen Glanz bekamen. Wir
alle verabschiedeten uns rasch. Nur der treue d'Alembert wird den
Tränenstrom der Unglücklichen noch gesehen haben. Guibert ist Julies
letzte, große Leidenschaft. Und obwohl er ihr fast alles verdankt, --
sie bahnte ihm den Weg zum Ohre des verstorbenen Kriegsministers, sie
interessierte den Grafen St. Germain so sehr für ihn, daß er ihn zu
seinem Adjutanten ernannte, sie korrigierte seinen »Connetable von
Bourbon«, so daß er auf der Bühne aufführbar wurde, -- vernachlässigt er
die Arme und gönnt ihr nicht einmal den frommen Betrug seiner Liebe.
Sie waren so gütig, mich zu Ihren Empfangstagen einzuladen; werden Sie
auch so gütig sein, meine Ablehnung zu entschuldigen? Ich möchte
Delphine Laval wiederfinden; die Sehnsucht danach ist nie erloschen.
Unter den vielen Gästen der Marquise Montjoie, wo ein Abenteurer wie
Beaumarchais zu den geehrtesten gehören soll, fürchte ich, Sie nur noch
mehr zu verlieren.
Aber vielleicht gestatten Sie mir, Sie an einem der nächsten Tage zu
Madame Geoffrin zu geleiten. In der Atmosphäre dieses Salons müssen all
die verborgenen Knospen Ihres Wesens aufspringen, die weder die
Treibhaushitze noch die Schneeluft Ihrer Welt zum Blühen zu bringen
vermag. Meine alte Gönnerin wird Sie, wie ich Ihnen schon einmal
schrieb, gern empfangen, obwohl Sie nur selten Frauen bei sich sieht.
Alles, was sie in ihrem langen Leben an Bitternissen erfahren, ist
nämlich, wie sie sagt, von weiblichem Neid und weiblicher Eifersucht
ausgegangen.
Prinz Louis Rohan an Delphine.
_Straßburg, am 20. April 1776._
Eine Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, Frau
Marquise:
»Ich bin weder eine Puppe, die Sie dirigieren, noch Ihre Dienerin, der
Sie befehlen können.« Teuerste, warum so heftig? Habe ich je etwas
anderes gewollt, als daß Sie im Einverständnis mit mir handeln möchten?
Bin ich Ihnen nicht dankbar ergeben für die Klugheit, mit der Sie
vorgehen, und wenn Ihre Handlungsweise, wie Sie so scharf betonen, nur
von Ihrem Willen geleitet wird, muß ich Ihnen dann nicht für diesen
Willen doppelt dankbar sein?
»Einen Hofmeister brauche ich nicht,« schreiben Sie weiter. Wann hätte
ich mir angemaßt, es zu sein? Aber einen Freund werden Sie doch hier und
da brauchen, holde Delphine, wenn Sie den Priester auch glauben
entbehren zu können!
»Ihre Drohungen fürchte ich nicht --«. Drohungen?! Ein Rohan gegenüber
einer Frau?! Wenn ich nicht wüßte, daß Sie scherzen, würde ich glauben,
daß Sie -- ein schlechtes Gewissen haben! Sie müßten wissen, daß ich in
dieser Zeit sanfter Sitten trotz meiner religiösen Strenge aufgeklärt
genug bin, um einer reizenden Frau jedes Vergnügen zu gönnen,
wenigstens insoweit, als mein Neid es zuläßt.
Aber selbst für meine vermeintlichen Sünden will ich, weil Sie mich
ihrer zeihen, Buße tun: Graf Guibert sei Ihnen verziehen. Sie reiten mit
ihm, wie ich höre. Hoffentlich stört Sie die Erinnerung an den Marschall
Contades nicht in Ihrem Vergnügen!
Von Straßburg wird Ihnen der Marquis erzählt haben. Es ist zum Sterben
langweilig; reichten die Fluten der Erregung nicht von Paris hierher,
wir würden nicht wissen, daß wir leben. Ach, die Pariser Freuden, die
Frauen, die Nächte! Können Sie sich vorstellen, daß wir hier nicht nur
bei Tage schlafen?!
Johann von Altenau an Delphine.
_Paris, 10. Mai 1776._
Teuerste Marquise! Noch klingt jedes Wort in mir nach, das wir auf dem
Heimweg von Madame Geoffrin miteinander wechselten. Einen tiefen Blick
ließen Sie mich in Ihre Seele tun. Werden Sie mir je verzeihen, daß ich
Sie so sehr verkannte, daß ich die Maske, mit der Sie selbst die
bezaubernde Schönheit Ihres Innern deckten, nicht durchschaut habe? Ich
war tagelang verzweifelt, weil ich Delphine nicht wiederfand. Oder
konnte Delphine es sein, die die Liebe lästerte? »Daß eine Julie
Lespinasse ihr Herz ebenso wegwerfen kann, wie andere Frauen!« riefen
Sie aus. Delphine hätte gewußt, daß ein Herz nur hat, wer es wegwirft,
dachte ich!
Und nun hat die milde Hand einer alten Frau die Maske von Ihrem Antlitz
genommen. Fast klang es brutal, als sie Ihnen, kaum daß Sie neben ihr
saßen, die Frage stellte: »Womit beschäftigen Sie sich?« Und rasch griff
ich ein, um Ihnen aus der Verlegenheit zu helfen, und erzählte von den
armen Pariser Kindern, denen Sie helfen konnten. Madame Geoffrin
streichelte Ihnen freundlich die Hand. »Das ist hübsch, sehr hübsch,
Frau Marquise,« sagte sie lobend, um Ihnen gleich darauf mit der neuen
Frage: »Haben Sie selbst kein Kind?« das Blut abermals siedendheiß in
die Wangen zu treiben.
Sie waren tief erschüttert von dem, was Ihnen begegnete, und es ist doch
nichts gewesen als eine alte Frau im Kreise ernster Männer. Sie fühlten
plötzlich: Ihre Welt hat alles, was schimmert und funkelt -- Reichtum,
Schönheit, Esprit -- aber nur Kurzsichtigen täuscht dieser Glanz Feuer
vor, kein Frierender kann sich daran wärmen; die Flamme der
Begeisterung, die leuchtet und glüht, brennt auf unseren Altären.
Fräulein von Lespinasse ist eine Sterbende, Madame Geoffrin eine alte,
einfache Frau, Madame Dudeffant eine blinde Greisin, Frau von Epinay
eine Schwerkranke --, und doch strömen bei ihnen all die Männer
zusammen, die die Könige Himmels und der Erde entthronten, so daß, wer
jetzt vor ihnen kniet, nur zu Phantomen noch betet.
Woher kommt das? fragen Sie. Weil diese Frauen zuerst bei sich die
Tyrannei des Herkommens, der Gesellschaft, der Küche und -- der Ehe
zertrümmert haben. Weil sie in diesem Kampf ihre Menschlichkeit
zurückeroberten, und nun erst Freundinnen, Beraterinnen, Trösterinnen
sein konnten.
Herr von Condorcet hat Ihnen seine Ideen über die Befreiung der Frauen
von einem Jahrtausende alten Joch entwickelt. Innerhalb der ungeheuren
Umwälzung, die sich vorbereitet, wird dieser Kampf eine maßgebende Rolle
spielen. Sie dürfen damit nicht verwechseln, was man Ihnen von dem
Frauenklub, den Fräulein Raucourt gegründet hat, erzählte. Der Loge von
Lesbos gehören Weiber an, die, entweder von Liebe übersättigt, neue
Reizmittel suchen, oder an unbefriedigter Liebessehnsucht kranken. Sie
bemänteln ihre Wünsche nur mit den tönenden Phrasen von der
Gleichstellung der Geschlechter und glauben ihre Freiheit dadurch zu
dokumentieren, daß sie Männerkleider tragen und in den Kaffeehäusern mit
den Männern faullenzend umhersitzen, alle Probleme der Welt
beschwatzend.
Herrn von Condorcets Bestrebungen haben damit nichts zu tun; er wünscht
nicht die Freiheit von der Sitte, sondern die sittliche Freiheit. Ist
es nicht eine innere Notwendigkeit, daß Sie zu uns gehören?
Ich schicke Ihnen Rousseaus »Emil«, den Madame Geoffrin Ihnen so
dringend zu lesen empfahl. Ob seine Probleme Ihnen nicht noch allzu fern
liegen?
Johann von Altenau an Delphine.
_Paris, am 30. Mai 1776._
Die Nachricht vom Tode unserer teuren Julie, der für sie eine Erlösung
ist, für all ihre Freunde aber ein unersetzlicher Verlust, ging mir
zugleich mit Ihrem inhaltsreichen Briefe zu.
»Sie mißverstehen mich;« schreiben Sie. »Wenn mich die stille Größe all
dieser Menschen so sehr ergriff, so vielleicht gerade darum, weil ich
nur der Zuschauer dieses Schauspiels sein kann. Ich habe eingesehen, daß
ich viel zu klein bin, um mich neben sie stellen zu dürfen. Madame
Geoffrins Fragen fühle ich wie ein Brandmal. Ich möchte nicht eher zu
ihr gehen, als bis ich ihr antworten und ohne Schamröte ins Auge sehen
kann. Rousseaus wundervolles Buch ist eine Offenbarung für mich.«
Mir ist, als finge ich an, Sie zu verstehen. Sie erzählten mir von Ihrem
Sohn, und klagten sich an, ein Gefühl der Mutterliebe niemals empfunden
zu haben. Hier sprach die Natur deutlich genug: in einem Ueberschwang
der Empfindung sollten Sie nicht daran denken, sie bekämpfen zu wollen.
Ihrem eigenen Kinde nur dürfen Sie leben, dem Kinde, das ein Pfand
freier Liebeshingabe ist. O, daß Sie dieses Augenblickes noch warten
wollten!
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, am 3. Juni 1776._
Sie haben warme Worte der Teilnahme an mich gerichtet, teuerste Frau;
Sie fühlten die ganze Zerrissenheit meines Herzens angesichts dieses
Todes: Ich habe meiner wunderbaren Freundin nicht sein können, was sie
mir sein wollte; ihre blasse Leidensgestalt ergriff mein Herz, ihr
Verstand entzückte meinen Geist, aber für meine Sinne blieb sie nur
meine Schwester. Als ich Ihnen begegnete, schönste Zauberin, war alles
was in mir lebte, hingerissen, entflammt, und ich Unglückseliger besaß
nicht genug Stärke, um vor der armen Julie heucheln zu können. Das ist
meine Schuld, von der kein Beichtiger mich freizusprechen vermöchte,
auch wenn ich an die Macht der Sündenvergebung zu glauben imstande wäre.
Daß aber Sie sich mit Vorwürfen quälen, Sie, die Sie grausam genug sind,
meine Anbetung nur zu empfangen, wie ein Götze die Opfer -- kühl,
unnahbar --, das schmerzt mich tief. Muß sich die Sonne schämen, weil
sie leuchtet und arme Sterbliche ihre Strahlen suchen?!
An einen warmen Blick Ihrer Augen, an einen leisen Druck Ihrer Hand
hoffte ich oft mehr glauben zu dürfen, als an die Zurückhaltung Ihres
Wesens. O Delphine, war sie vielleicht nur der Ausfluß Ihrer Güte, Ihres
Mitleids für Julie?! Ich muß aussprechen, was meine größte Sünde ist: am
Sarge der Unglücklichen schlägt meine selig-unselige Hoffnung die
sehnsuchtsgroßen Augen auf. Werde ich Vergebung finden?
Herr von Beaumarchais an Delphine.
_Paris, den 12. Juni 1776._
Meine verehrte Frau Marquise, Ihnen zuerst, der ich so viel verdanke,
sei die Nachricht mitgeteilt: das Unternehmen ist gesichert. Herr von
Vergennes hat mir vorgestern die Summe angewiesen, die es mir ermöglicht
zusammen mit den Geldern, die in Ihrem Salon gesammelt wurden, die
ersten Schiffe anszurüsten! Ist es auch nur ein schüchterner Anfang, so
fühle ich mich doch der Sache sicher, denn die Regierung, die den ersten
Schritt getan hat, wird weiter gehen müssen, wenn sie sich nicht selbst
desavouieren will.
Der Herr Kriegsminister hat mich, wohl infolge der Empfehlung durch den
Grafen Guibert, -- deren Wärme nur eine Frau entzünden konnte! -- auf
das liebeswürdigste empfangen. Glauben Sie mir nun, daß Venus eine
Kriegsgöttin ist?
Ich habe jetzt die Arbeit von hundert Köpfen zu verrichten, was mein
Herz nicht hindert, immer für Sie frei zu sein. Wenn Rodrigue Hortalez
--, Sie erinnern sich, daß der Deckname unsrer Reederei schon feststand,
als wir noch keinen Sou im Vermögen hatten! --, in Bordeaux und
Marseille Waren kauft und Schiffe verfrachtet, wird Beaumarchais am Hofe
von Versailles, dessen Tore die schönsten Hände der Welt ihm geöffnet
haben, den Schöngeist spielen. Wenn Hortalez den jungen Helden
Frankreichs, -- Lafayette und der Prinz Montbéliard werden unter den
ersten sein --, die Wege über den Ozean bahnt, wird Beaumarchais der
Königin von Frankreich die Rolle der Rosine einstudieren, und während
gekrönte Häupter nach Figaros Pfeife tanzen, wird er selbst als
gefesselter Sklave seiner Herzenskönigin dienen.
Ich sehe Sie schelmisch lächeln, wie damals, als Sie mich schwarz auf
weiß lesen ließen, daß »Herr von Beaumarchais ein Verschwender und ein
Geldschneider ist, daß er -- fi donc! -- Mädchen aushält.«
Wer täte dergleichen sonst in diesem tugendhaften Lande?! Etwa der Graf
Artois, der Herzog von Bouillon, der Graf von Chartres, der Prinz Rohan
-- Ihr Freund!! --, der für seine Verdienste Erzbischof von Straßburg
geworden ist und demnächst Herrn von Malesherbes ersetzen dürfte, um die
französische Literatur seiner sittlichen Empfindung anzupassen?!
Verleumdung -- nichts als Verleumdung, nicht wahr, schöne Frau? Werft
den Beaumarchais in die Bastille!
Zur Strafe für Ihr Mißtrauen verrate ich Ihnen die bösen Dinge, die ich
von Ihnen weiß.
Sie waren bei Madame Geoffrin. »Mais, voilâ ce qui est bon!« Mit diesen
sechs Worten regiert sie, so sagt man, alle Philosophen. Ich würde dem
König von Frankreich diesen Zauberspruch verraten, aber ich fürchte, er
wirkt nicht. Im Salon der Rue St.-Honoré werden nämlich den Schreihälsen
heimlich die Mäuler gestopft, ehe der Spruch ihnen den Mund verbietet.
In Versailles fehlt es zu diesem Zweck an überflüssigem Kuchen. Sie
sehen, Baron Holbach hat recht: nur das Materielle existiert!
Sie waren auch in der Kirche, aber nicht um den lieben Gott zu suchen,
dem man es übrigens nicht verdenken könnte, wenn er vor den Herrn
Philosophen in die dunkelste Kapelle flüchten würde. Sie hörten unsere
modernsten Priester, die nur noch à la grecque von Moral und Tugend
reden, weil das Wort »Religion« sie gar zu lächerlich machen würde.
Und man munkelt sogar, Sie hätten im Café de la Regence Linguets Journal
gelesen, jenes Chamäleons, der nur Eins in der Welt fürchtet: man könne
ihn in irgendeine Sekte oder Partei einreihen. Darum wechselt er rasch
die Farben, sobald er merkt, daß ein anderer dieselben trägt. Vor zehn
Jahren erklärte er emphatisch: »Der Arbeiter hat keinen Anteil an dem
Überfluß, dessen einzige Quelle seine Arbeit ist und von der Aufhebung
der Sklaverei hat er nichts gewonnen, als die Freiheit, zu verhungern,«
und heute beschimpft er Philosophen und Minister, so daß sein Blatt zum
Leibblatt des Adels geworden ist; denken und regieren kann seiner
Ansicht nach in Frankreich nur Einer: Monsieur Linguet selbst.
Ich muß Atem holen. Das war ein zu langer Satz für mich. Nur der Haß
konnte mich dieser Anstrengung fähig machen. Herr Linguet war nämlich
mein bester Freund.
Mein Vorzimmer steht voll Wartender. Weiß Gott, fast vergesse ich über
der reizenden Marquise die Befreiung Amerikas!
Graf Guibert an Delphine.
_Paris, den 21. Juni 1776._
Sie empfangen mich nicht, teuerste Frau? Verletzte Sie mein Geständnis?
Nur um ein Wort, meinetwegen einen Gruß durch Ihre Zofe, bitte ich Sie!
Herr von Beaumarchais an Delphine.
_Paris, den 30. Juni 1776._
Verehrte Frau Marquise. Der Diener wies mich ab, weil Sie krank seien,
und doch sah ich Sie gestern erst in Ihrem Wagen. Was bedeutet das?
Unsere gemeinsame Arbeit ist noch nicht zu Ende. Wir bedürfen grade
jetzt Ihres ganzen Einflusses, schöne Frau.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, den 6. Juli 1776._
Turgot ist gestürzt, Malesherbes geht, hinter ihnen blüht wieder die
Lust, der Leichtsinn, das Leben. Ich zürnte Ihnen, holde Delphine, weil
die Amazonen-Rüstung, in der Sie Sich gefielen, auch Ihr Herz grausam
umhüllte. Nun sehe ich erst: die reizende Streiterin im Kampfe der
Männer war nur die Windsbraut, die den Winter vertreiben half.
Jetzt schüttet Flora wieder ihr ganzes Füllhorn über unsere Gärten und
in einem Regen von Rosen kehrt Delphine uns zurück. Sie warfen den
Panzer von sich; endlich sah ich wieder, daß der Atem den schönsten
Busen leise bewegt; Sie legten das Schwert aus der weißen Hand; endlich
war sie wieder frei für meine Küsse.
Warum zögerten Sie, als die Königin Sie bat, in dem neuen Singspiel
unseres Hofdichters mitzuwirken? Weil Herr von Laharpe nicht Herr von
Beaumarchais ist, oder der Graf Chevreuse nicht -- der Graf Guibert? Ich
würde trostlos sein, wenn Sie nicht verraten hätten, daß der Rivale von
Ihrem Herzen noch nicht vollständig Besitz ergriff.
»War es amüsant in den Bädern am Barrêge?« frugen Sie mich; »Sie waren,
wie ich höre, in lustiger Gesellschaft!« Dabei zuckte es um Ihren Mund,
und der Ton Ihrer Stimme war ein Dolch, der mich armen Sünder
durchbohren sollte. Sie versuchten sogar mir Ihre Hand zu entziehen, die
ich in überströmender Dankbarkeit für dies Zeichen Ihrer Eifersucht, an
meine Lippen preßte.
Ja, süße Delphine, es war sehr amüsant, und Mademoiselle Duthé eine
reizende Trösterin für Ihre Untreue!
Meinen Sie, Guy Chevreuse könne ehrerbietig wartend im Vorsimmer stehen,
bis seine Gebieterin die Gnade hat, ihn wieder zu empfangen? Jeder
vertreibt sich die Zeit nach seinem Geschmack: Die Marquise, indem sie
mit dem Grafen Guibert -- philosophiert, und mit Herrn von Beaumarchais
intriguiert, der Graf, indem er in den Bergen mit einer kleinen Freundin
-- die Natur bewundert.
Müssen wir einander nun mit Vorwürfen quälen? Die Liebe, schönste Frau,
hat weder Vergangenheit, noch Zukunft, nur Gegenwart. Sie ist wie der
farbenleuchtende Schmetterling, den wir gestern über den Oleanderblüten
gaukeln sahen: wer denkt daran, daß er eine häßliche Raupe war, wer
wüßte nicht, daß man ihn spießen muß, um ihn zu erhalten?...
Wollen mir morgen unsere Rollen zusammen lesen, verehrte Marquise? In
Ihrem blauen Boudoir, dessen Blumenteppich die Wiese vorstellen kann,
auf der wir tanzen, dessen Nische mit den schwellenden Kissen auf dem
Diwan und den goldenen Amoretten, die darüber die Vorhänge lächelnd
heben, die Laube sein soll, in der wir uns finden?
Marquis Montjoie an Delphine.
_Froberg, am 8. Juli 1776._
Meine Liebe! Ihr rascher Entschluß, nach Froberg zurückzukehren, ist ein
erfreuliches Zeichen Ihrer Einsicht. Ich ersehe daraus, daß wir uns die
peinlichen Auseinandersetzungen über Ihre Unterstützung der Kriegspartei
hätten ersparen können. Es war, wie ich von vornherein annahm, eine
Laune, die nur ein wenig zu weit ging. Sie haben den Sturz des
Ministeriums beschleunigen helfen, und erwarben sich dadurch nicht nur
meine Anerkennung, sondern auch ein Recht auf meine Nachsicht für Ihre
übrigen Eskapaden.
Zu ihrer Ankunft ist alles bereit. Ich werde auch Ihren Wunsch, unseren
Sohn zu Ihrem Empfang kommen zu lassen, gern erfüllen, obwohl ich diese
überraschende Anwandlung von Sentimentalität nicht verstehe.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 12. Juli 1776._
Seltsam: auf einmal ist mir, als wäre meine Liebe eine Blume mit tiefen,
starken Wurzeln. Hätte ich Sie bisher nicht geliebt, ich müßte Sie um
des Abschieds willen lieben, den Sie mir geben.
Meine Zunge und meine Feder sind um Worte nie verlegen gewesen, heute
versagen sie den Dienst. Ich kann nur ein Echo Ihrer Stimme sein, und
antworte Ihnen darum mit Ihren eigenen Worten:
»Noch sah ich überall: auch das süßeste Liebesglück hinterläßt
schließlich nichts als Wunden. Ich aber möchte mich seiner erinnern
können, wie man im Winter an einen sonnigen Sommertag denkt. Ich möchte
nicht, daß Eitelkeit, Mitleid, Respekt vor der Tugend der Treue die
Existenz eines Gefühls vorzutäuschen versuchen, das schon entschwand.
Wir wollen darum den Schmetterling, statt ihn zu spießen, in der blauen
Luft davonflattern lassen.«
Folgen Sie ihm nicht mit den Blicken, holde Delphine; mir gingen im
Nachschauen die Augen über, denn der helle Himmel blendet so sehr. Ich
möchte Ihnen auch diesen Schmerz ersparen.
DAS KIND
Johann von Altenau an Delphine.
_Paris, am 30. September 1777._
Endlich! Sie hatten mich, teuerste Marquise, durch Ihr monatelanges
Schweigen auf die Folter gespannt. Stellten Sie Ihre Freunde schon durch
Ihre fluchtartige Abreise vor ein Rätsel, wie viel mehr durch Ihr
völliges Verstummen. Die abenteuerlichsten Gerüchte trug man einander
zu: daß Sie mit einem Liebhaber entflohen seien; daß Sie sich in ein
Kloster zurückgezogen hätten. Schließlich verschwand Ihr Name aus der
Chronique scandaleuse; die sturmbewegten Wellen unserer raschlebigen
Zeit peitschten darüber hinweg; nur wer sich selbst noch nicht ganz
verliert, dem blieben auch Sie unverloren.
Haben Sie Dank, wärmsten Dank, daß Sie in Ihrem Kummer meiner gedachten.
Sie gaben mir damit den kostbarsten Beweis Ihrer Freundschaft. Nur daß
Sie über ein Jahr stumm gelitten haben, mache ich Ihnen zum Vorwurf,
nicht, weil ich Ihr Vertrauen teile, der Einzige zu sein, der zu helfen
vermag, sondern weil die Aussprache an sich schon Erleichterung
bedeutet. Es ist eine der wertvollsten Errungenschaften unsrer Epoche,
daß wir unsere eigenen Gedanken denken, unsere eigene Sprache sprechen
lernten.
Sie haben sich, wie Sie schreiben, ganz Ihrem Sohn gewidmet, nachdem Sie
ihn durch »einen wahren Feldzug von Kämpfen und Intriguen,« sich erst
erobern mußten; und mit einer Ehrlichkeit, die zu der Sentimentalität
der meisten Frauen, die sich heute ihrer Mutterschaft erinnern, in
erfreulichem Gegensatz steht, fügen Sie hinzu: »mich trieb nicht die
Liebe, sondern nur das Gefühl einer heiligen Pflicht, deren Erfüllung
meinem Leben Inhalt und Ziel geben sollte.«